Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977
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Diskussion & Kritik
Camilla Warnke
DIALEKTIK UND SYSTEMDENKEN IN DER GESELLSCHAFTSTHEORIE
Erkenntnistheoretische und methodologische Überlegungen
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Das Ziel meines Beitrags zu der in dieser Zeitschrift geführten
Diskussion zur Bedeutung von Systemtheorie für die Konstitution
von Gesellschaftstheorie sehe ich zuvörderst darin, die e r-
k e n n t n i s t h e o r e t i s c h e n u n d m e t h o d o-
l o g i s c h e n A s p e k t e des Themas deutlich sichtbar zu
machen. Damit will ich keineswegs sagen, daß diese Dimension des
Themas in den Beiträgen von B. Heidtmann, H. Wagner und K.H.
Tjaden ausgeklammert worden wäre. Wesentliche, vom Standpunkt der
materialistischen Dialektik in bezug auf den Diskussionsge-
genstand zu formulierende Fragen wurden in den Beiträgen gestellt
und beantwortet. Aber der Zugriff auf diese Dimension erfolgte
mehr oder weniger en passant und punktuell, so daß ihre relativ
eigenständige und systematische Behandlung eine sinnvolle
Ergänzung und Vertiefung der Diskussion darstellen kann. Aber ich
halte diese Ergänzung nicht nur für sinnvoll, sondern für
schlechthin notwendig, weil die Frage nach der Beziehung von
historischem Materialismus und Systemtheorie der Gesellschaft
meines Erachtens allein im Rahmen des historischen Materialismus
nicht hinreichend beantwortet werden kann. Vom Standpunkt des hi-
storischen Materialismus kann nämlich nicht geklärt werden, wel-
cher Art die Begriffe und Methoden der Systemwissenschaften sind,
und was sie demzufolge für die Widerspiegelung der objektiven Re-
alität zu leisten vermögen.
Soll diese Frage prinzipiell beantwortet werden, dann ist es un-
erläßlich, sowohl die Denkweise des historischen Materialismus
als auch die Denkweise der Systemtheorie (in welcher Lesart auch
immer) erkenntnistheoretisch und methodologisch zu rekonstruie-
ren. Das aber bedeutet nach meiner Auffassung, das allgemeine
Problem der Beziehung von m a t e r i a l i s t i s c h e r
D i a l e k t i k und S y s t e m d e n k e n (in Sinne der
zeitgenössischen Systemwissenschaften) zu untersuchen und zu dis-
kutieren, was eben im Zentrum dieses Beitrags stehen soll.
Dabei will ich an das anknüpfen, was implizite und explizite in
der bisherigen Diskussion zu diesem Aspekt des Themas gesagt
wurde.
B. Heidtmann nimmt in seinem Beitrag 1) eine Zuordnung des sy-
stemtheoretischen Ansatzes zur Konstruktion einer allgemeinen Ge-
sellschaftstheorie (in der Version von Luhmann) zu a b-
s t r a k t e r A r b e i t und e r s c h e i n e n d e r
gesellschaftlicher Bewegung einerseits und des historischen Mate-
rialismus zu k o n k r e t e r A r b e i t und w i r k l i-
c h e r gesellschaftlicher Bewegung andererseits vor. In diesem
Kontext ist das weitergehende erkenntnistheoretische Problem auf-
zuwerfen - und Heidtmann stellt Überlegungen in dieser Richtung
an - ob, inwiefern und warum mittels der auf der materialisti-
schen Dialektik beruhenden Gesellschaftstheorie das W e s e n
gesellschaftlicher Bewegung erfaßt werden kann, und ob, inwiefern
und warum der systemtheoretische Zugriff auf gesellschaftliche
Bewegung demgegenüber bei der Widerspiegelung ihrer E r-
s c h e i n u n g verharrt. Die Frage so zu stellen aber heißt,
sich der Forderung nach dialektisch-materialistischer Rekonstruk-
tion des Systemdenkens bewußt zu sein.
Daß die Lösung solcher erkenntnistheoretischer Probleme auch für
K. H. Tjadens Versuch der Weiterentwicklung des historischen Ma-
terialismus bedeutsam ist, geht allein schon aus den von ihm zur
Debatte gestellten offenen Fragen hervor, z. B. aus der Frage:
"ob eine Einbettung systemtheoretischer Modelle und Methoden in
die historisch-materialistische Theorie der Gesellschaft ... zu
besserer gesellschaftlicher Erkenntnis verhelfen könnte", und aus
der Frage, "auf welchen Gegenstandsbereich historisch-materiali-
stischer Theorie sich eine Einarbeitung von Systemtheorie vor al-
lem beziehen solle". 2) Während diese Fragen des historischen Ma-
terialismus vom Standpunkt der erkenntnistheoretischen Dimension
des Themas nach meiner Meinung als sinnvolle und richtig ge-
stellte Fragen gelten können, greift eine andere von Tjaden in
diesem Kontext aufgeworfene Frage zu kurz. Die Frage danach,
"w e l c h e systemtheoretischen Modelle und Methoden denn in
die Gesellschaftslehre einzubetten wären", 3) unterstellt still-
schweigend, daß es zwischen den verschiedenen systemtheoretischen
Modellen und Methoden erkenntnistheoretische und methodologische
Unterschiede in dem Sinne gibt, daß die einen auf dialektisch-ma-
terialistischen Voraussetzungen beruhen, die anderen hingegen
nicht. Die Frage, ob es derartige Unterschiede überhaupt gibt,
oder ob die Systemwissenschaften nicht vielmehr erkenntnistheore-
tisch ein- und derselben Denkweise zuzuordnen sind, bleibt bei
Tjaden unreflektiert; sie ist jedoch zu stellen, wenn man die Ge-
währ haben will, im Rahmen des historischen Materialismus die
Frage nach dem Einsatz systemtheoretischen Instrumentariums sinn-
voll formulieren zu können.
H. Wagner schließlich konstatiert unter anderem zu Recht, daß
"Luhmann die Grundfrage Materialismus oder Idealismus ignoriert"
4), und er vermutet zwischen diesem Tatbestand und dem Äquiva-
lenzfunktionalismus Luhmanns gewisse Abhängigkeiten. Ob diese Be-
ziehungen indes derart sind, daß das eine aus dem anderen zwin-
gend folgt, d.h. ob die grundkategoriale Verwendung des Funkti-
onsbegriffs eine dialektisch-materialistische Gesellschaftstheo-
rie notwendig ausschließt oder nicht, bleibt unentscheidbar, so-
lange die erkenntnistheoretische Beschaffenheit solcher Begriffe
wie "System", "Struktur" und "Funktion" nicht bestimmt worden
ist.
Mit den hier folgenden erkenntnistheoretischen und methodologi-
schen Überlegungen zum Thema sollen bestimmte vorläufige Ergeb-
nisse der Arbeit einer Forschungsgruppe zum Gegenstand "Dialektik
und Systemdenken" vorgestellt und in die Diskussion dieser Zeit-
schrift eingebracht werden. 5) Dabei versteht es sich, daß nicht
in erster Linie das betont werden wird, in dem wir uns mit den in
dieser Zeitschrift getroffenen Einschätzungen einig wissen, son-
dern vielmehr das, von dem wir glauben, daß es für die Diskussion
neue Aspekte des Themas erschließen kann.
Seit den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts ist ein neuer
Zweig von Wissenschaften entstanden, dessen wissenschaftliche
Vorgehensweise und methodologische Attitüde als "Systemdenken"
(auch "Systemforschung", "Systemanalyse", "Systemtheorie" ge-
nannt) bezeichnet werden kann. Es wurde unmittelbar durch das Be-
dürfnis inauguriert, die innere Organisiertheit und Zielorien-
tiertheit des Verhaltens von technischen und biologischen Objek-
ten dem analytischen Zugriff zugänglich zu machen, und in der
Folge wurde es sehr rasch zur Lösung auch von Organisationspro-
blemen in der Gesellschaft in Gebrauch genommen. Mit der Erweite-
rung des Anwendungsgebietes bildeten sich eine Reihe von spezifi-
schen Systemdisziplinen heraus (wie Operationsforschung, Spiel-
theorie, Konflikttheorie, um nur einige zu nennen).
Das Systemdenken - das allen diesen Disziplinen gemeinsam ist -
kann kurz als der Versuch bezeichnet werden, der traditionellen
Maxime: "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile", einen
solchen präzisen analytischen Sinn zu geben, daß die
m a t h e m a t i s i e r t e Darstellung eben dieses Ganzen re-
alisierbar wird. Was L. v. Bertalanffy als Ziel einer Allgemeinen
Systemtheorie formuliert: "In ihrer ausgearbeiteten Form wird sie
eine logisch-mathematische Disziplin, eine rein formale Theorie
sein, die auf verschiedene empirische Wissenschaften anwendbar
ist" 6), kann (auch dort, wo ihre Ausdrucksweise noch vorwiegend
verbal ist) als Tendenz für alle Disziplinen gelten, die Systeme
unter irgendeinem Aspekt zum Thema haben, sei es der Aspekt ihrer
Strukturiertheit oder ihrer Funktionalität, ihrer Erhaltungs- und
Veränderungsbedingungen gegenüber der Umwelt oder ihrer inneren
Organisation.
Dieser Bezug der Systemwissenschaften zur Mathematik deutet be-
reits darauf hin, daß ihr Gegenstand a b s t r a k t e O b-
j e k t e sind. Es wird die allgemeine Eigenschaft empirisch-
realer Gegenstände, Systeme zu sein, aus ihrem Kontext mit den
anderen Eigenschaften dieser Objekte herausgelöst und für sich
betrachtet. Somit kann auch gesagt werden: Die Systemwissen-
schaften bilden die empirisch realen Objekte abstrakt, weil nur
hinsichtlich eines bestimmten Aspekts ab. Das zeigt sich schon in
der sprachlichen Struktur ihrer Aussagen. Ihre Subjekte bezeich-
nen nicht empirisch-reale Dinge, sondern sind immer Ausdrücke für
das "abstrakte Ding" System (resp. Struktur, Funktion usw.). Da-
her sind hier Aussagen, wie die folgenden, typisch: "Es gibt ge-
schlossene und offene Systeme", "Systeme bestehen aus Mengen von
Elementen und Relationen". D.h. die Aussagen der Systemwissen-
schaften zielen darauf ab, die Eigenschaft der Systemhaftigkeit
näher zu bestimmen.
Diese allgemeine Charakteristik der Systemwissenschaften, es mit
abstrakten Objekten zu tun zu haben, ist zunächst hinreichend, um
vom Standpunkt der materialistischen Dialektik den Anspruch zu-
rückzuweisen, daß ihre Begriffe und Methoden den Rang philosophi-
scher Kategorien und den der philosophischen Methode beanspruchen
könnten (oder daß das Systemdenken imstande sei, die klassischen
weltanschaulichen Fragen zu beantworten). Ein derartiger Versuch
kann zunächst ganz allgemein mit denselben Argumenten entkräftet
werden wie der, Philosophie als mathesis universalis konstruieren
zu wollen. Aber diese Charakteristik reicht noch nicht aus, um
den systemwissenschaftlichen Zugang zu den empirisch-realen Ob-
jekten in seiner Spezifik zu erfassen.
In einer der frühen Arbeiten zur Bestimmung dessen, was das sich
eben als eigenständige Forschungsweise abzeichnende Systemdenken
sei, trifft der Psychologe A. Angyal (1941) die in unserem Zusam-
menhang bemerkenswerte Feststellung: "Eine Relation verlangt
einen Aspekt, unter dem die Relation gebildet wird. Zwei Objekte
können z.B. mit Bezug auf ihre Farbe, ihre Größe oder ihr Gewicht
aufeinander bezogen werden. Daher ist es, ehe man eine Relation
feststellen kann, nötig, irgendeinen Gesichtspunkt der Bezugsob-
jekte auszusondern, der als Basis der Relation dienen kann. Die
Eigenschaft der Bezugsobjekte, auf welcher die Relation basiert,
ist dabei deren immanente Qualität - wie etwa im Fall der Größe,
der Farbe oder des Gewichts. Das Objekt steht auf Grund seiner
immanenten Qualitäten in Beziehungen zu einem anderen Objekt...
Die Mitglieder eines Systems dagegen werden nicht auf Grund ihrer
immanenten Qualitäten Systemkonstituenten, sondern auf Grund ih-
rer Verteilung oder Anordnung im System. Das Objekt ist am System
nicht beteiligt wegen seiner inhärenten Qualität, sondern wegen
seines S t e l l e n w e r t s i m S y s t e m". 7) Und wei-
ter heißt es: "Wenn die einzelnen Objekte a, b, c, d zu einem Ag-
gregat verbunden werden, so sind sie darin als Objekt a, als Ob-
jekt b, als Objekt c etc. beteiligt, d. h. als Linien, Abstände,
Farbflecken, oder was auch immer sie sein mögen. Wenn jedoch eine
Ganzheit durch Verwendung der Objekte a, b, c, d konstituiert
wird, so sind die Teile der resultierenden Ganzheit nicht das Ob-
jekt a, das Objekt b, das Objekt c etc., sondern alpha, beta,
gamma, delta, d.h. die S t e l l e n w e r t e d e r O b-
j e k t e a, b, c, d." 8)
Für unsere Bestimmung dessen, was Systemdenken ist, ist hier
zunächst Angyals Gedanke von der Existenz der "Stellenwerte" als
der eigentlichen Elemente eines Systems von wesentlicher Bedeu-
tung: In der Tat sind diejenigen Systeme, die vom Systemdenken
als die gegebenen Objekte seiner Analyse unterstellt werden,
nicht etwa die sinnlich-gegenständlich wahrnehmbaren eigen-
schaftsbestimmten Objekte, sondern die W e r t z u s a m m e n-
h ä n g e, die sich auf Grund der Stellung solcher eigenschafts-
bestimmter Objekte innerhalb realer Organisationen ergeben. Die,
wie man mit Angyal durchaus sagen kann, i n h ä r e n t e n
Q u a l i t ä t e n der isolierbaren Naturgegenstände gehen in
Systeme nicht als solche, sondern vielmehr nur als Bedingungen
ein, um die Existenz der durch die Systeme selbst bestimmten
Stellenwerte zu garantieren.
Behält man diesen Aspekt im Auge - auf den wir später noch einmal
zurückkommen werden - dann wird verständlich, welcherart der Er-
kenntnisgewinn ist, der durch das Systemdenken erzielt wird. Es
gestattet, daß qualitativ durchaus verschiedene Ganzheiten (z.B.
biologische und technische) durch mathematisch gleichartige Glei-
chungssysteme repräsentiert werden können. Die Idee der Syste-
manalyse ergibt sich mit anderen Worten auf Grund der Realisation
der Abstraktion von der Verschiedenheit eben jener qualitativen
Unterschiede. Zugleich ist einsichtig, daß die Unterscheidung von
verschiedenen Typen solcher Gleichungssysteme auch als Unter-
scheidung von Systemtypen betrachtet werden kann. Damit hat das
Systemdenken mit der Erarbeitung einer, wie L. v. Bertalanffy sie
nennt, "Allgemeinen Systemtheorie" eine legitime Aufgabe.
Ist einerseits für das Systemdenken also charakteristisch, daß es
qualitativ verschiedene Ganzheiten identisch setzt, so anderer-
seits ebenso, und zwangsläufig damit verbunden, daß es qualitativ
in sich identische Ganzheiten über eine Vielzahl verschiedener
Systemmodelle abbildet. Aus der Sicht der kybernetischen System-
theorie gilt nach Ashby, daß "jedes materielle Objekt nicht weni-
ger als unendlich viele Variablen und damit von möglichen Syste-
men enthält". 9) Das jeweils realisierte Systemmodell aber kommt
dadurch zustande, daß unter bestimmten Gesichtspunkten bestimmte
Beziehungen des empirisch-realen Objekts aus der Gesamtheit der
ihm eigentümlichen Beziehungen herausgelöst und für sich darge-
stellt werden. Mittels des Systemdenkens werden empirisch-reale
Ganzheiten somit über eine Menge von Abstraktionen analytisch
dargestellt. L. v. Bertalanffy nennt diesen Aspekt des Systemden-
kens "Perspektivismus" 10) und N. Luhmann spricht von einem dem
Systemdenken eigentümlichen "Bezugssystemrelativismus".
11)
Für unser Thema ist dabei von Interesse, wie sich der so beschaf-
fene Systembegriff zu dem von Marx gebrauchten und für die Abbil-
dung des Ganzheitscharakters der Gesellschaft eingesetzten Be-
griffs der Totalität verhält. Was Ashby für die Kybernetik sagt,
kann für Systemdenken schlechthin in Anspruch genommen werden:
"Kybernetik betrachtet die Totalität in all ihrer möglichen Viel-
falt". 12) Und indem "Totalität" in systemtheoretischer Sicht
analytisch als V i e l f a l t aufgefaßt wird, wird sie unter
dem Titel der K o m p l e x i t ä t, d.h. hinsichtlich ihres
quantitativen Aspekts gedacht. Das Verhältnis von Komplexität und
System aber ist dann notwendig folgendermaßen bestimmt: Wenn Sy-
steme nur jeweils "selektive Leistungen" 13), Aspekte in bezug
auf empirisch-reale Ganzheiten darstellen, dann sind sie als re-
duzierte Komplexität definierbar. Mit Luhmann unterstellt, daß
Totalität in systemtheoretischer Sicht als Komplexität bestimmt
ist, gilt folgendes: "Totalität wird nicht für Systeme behauptet,
sondern nur für das Woraus ihrer Selektivität, Systeme beziehen
sich aufs Totale gerade dadurch, daß sie es nicht s i n d, son-
dern reduzieren". 14)
Der auf Komplexität abgestellte (analytische) Begriff der Ganz-
heit ist nun keineswegs identisch mit "Totalität" im Marxschen
Sinne. In der Theorie von Marx impliziert der Begriff der Totali-
tät zwar durchaus den quantitativen Aspekt der Komplexität, je-
doch ist dieser hier dem q u a l i t a t i v e n untergeordnet.
Wenn ich richtig sehe, verwendet Marx den Totalitätsbegriff vor
allem in der Absicht, die ökonomisch bestimmten Strukturverhält-
nisse der kapitalistischen Gesellschaft gegenüber den entspre-
chenden Strukturverhältnissen der vorkapitalistischen Gesell-
schaften zu spezifizieren, das heißt, um sichtbar zu machen, daß
in der kapitalistischen Gesellschaft ein bestimmtes gesellschaft-
liches Verhältnis - das Kapital - alle gesellschaftlichen Ver-
hältnisse dominiert derart, daß sie qualitativ identisch werden.
Die bürgerliche Gesellschaft ist nach Marx Totalität (oder orga-
nisches System) deshalb, weil "im vollendeten bürgerlichen System
jedes ökonomische Verhältnis das andre in der bürgerlich-ökonomi-
schen Form voraussetzt und so jedes Gesetz zugleich Voraussetzung
ist". Und "seine Entwicklung zur Totalität besteht eben (darin),
alle Elemente der Gesellschaft sich unterzuordnen, oder die noch
fehlenden Organe aus ihr heraus zu schaffen. Es wird so histo-
risch zur Totalität". 15)
Es kann hier weder gründlich noch umfassend auf die Beziehung des
Systembegriffs zu dem der Totalität eingegangen werden, so wie
Marx ihn verstanden und gebraucht hat, da dessen Untersuchung
seitens der marxistischen Philosophie noch aussteht. Wenn L. Alt-
husser mit dem berechtigten Argument, daß Hegels Begriff der To-
talität durch die Vorstellung von der Versöhnung der Gegensätze
belastet sei, diesen aus dem Begriffsarsenal des historischen Ma-
terialismus ausschließen möchte, so macht er zwar deutlich, daß
die materialistische Rekonstruktion des hegelschen Totalitätsbe-
griffs erst noch zu leisten ist. Dennoch halte ich es für vorei-
lig, deswegen zu behaupten, "daß Hegel eine Gesellschaft als
T o t a l i t ä t denkt, während Marx sie als ein komplexes
strukturiertes G a n z e s mit Dominanz denkt,... daß man Hegel
die Kategorie der Totalität überlassen kann und für Marx die Ka-
tegorie des Ganzen beanspruchen sollte." 16)
Abgesehen davon, daß dieser Vorschlag bei Althusser bloße Prokla-
mation bleibt, vermag schon ein flüchtiger Blick auf Hegels Be-
handlung des traditionellen Ganzheitskonzepts darüber zu beleh-
ren, daß Hegel mittels der Kategorien "Totalität" und "Moment"
berechtigte Kritik an der mechanizistischen Ganzheitsauffassung
vom Standpunkt der Dialektik übt. Die von Hegel in diesem Kontext
vorgetragenen Überlegungen, die an Kants zweiter Antinomie der
reinen Vernunft ansetzen, sind darauf gerichtet, Ganzheiten hin-
sichtlich ihrer qualitativen Einheit begrifflich erfaßbar zu ma-
chen. Durch die Kantsche Antinomie war ja stringent folgendes
aufgewiesen worden: Solange das Denken rein analytisch Ganzes und
Teil, als Selbständige gegeneinander fixiert, und ihre Einheit
nur eine "gesetzte Beziehung, eine äußerliche Zusammensetzung"
bleibt 17), solange in bezug auf das Verhältnis von Ganzem und
Teil nur ausgesagt wird, daß sie in e i n e r Beziehung jeweils
Einfaches (Element) und in einer a n d e r e n Beziehung je-
weils Ganzes (System) sind, ist die von Kant formulierte Antino-
mie nicht aufzulösen. Das Denken schreitet in diesem Fall am
Leitfaden der abwechselnden (bezugssystemabhängigen) Setzung Gan-
zes oder Teil zu sein, ins schlechte Unendliche fort 18), d. h.,
die im dialektischen Sinne konkrete, die qualitative Einheit des
Ganzen wird auf diesem Wege nicht realisiert.
Es geschieht unter dieser Voraussetzung vielmehr gerade das, was
auch für die Sicht des zeitgenössischen Systemdenkens typisch
ist: Ganzheit wird analytisch über eine Menge von je bezugssyste-
mabhängigen und gleichberechtigten Perspektiven abgebildet, ange-
sichts derer die Frage nach der qualitativen Identität, nach dem
Wesen, nach der Substanz des Gegenstandes gar nicht gestellt wer-
den kann. Das Problem des Wesens stellt sich in dieser Sicht le-
diglich als eine Frage des Geltens: Wesentlich zu sein ist hier
jeweils relativ bestimmt, bezogen auf den das Systemmodell kon-
stituierenden (subjektiven) Gesichtspunkt.
Dem tritt Hegel mit der Auffassung entgegen, daß die "Wahrheit
des Verhältnisses" von Ganzem und Teil "in der Vermittlung" be-
stehe. 19) Der Teil ist nach Hegel als Moment aufzufassen, das
heißt als ein Etwas, das in einer seiner Bestimmungen die Quali-
tät des Ganzen an sich hat, und das Ganze ist genau dann als To-
talität bestimmt, wenn es in einer seiner Bestimmungen mit der
Qualität seiner Teile identisch ist.
Es steht nun meines Erachtens außer allem Zweifel, daß Hegel mit
den Kategorien der Totalität und des Moments versucht hat, einen
im Sinne der Dialektik konkreten Ganzheitsbegriff zu konstituie-
ren. Denn erst auf der Grundlage, daß dieser doppelt bestimmt
ist, kann die von P. Ruben zu recht für einen dialektischen Ganz-
heitsbegriff in Anspruch genommene Bedingung realisiert werden:
"Eine Ganzheit wird konkret betrachtet, wenn man sie als Verbin-
dung von Gleichartigkeit und Verschiedenartigkeit betrachtet."
20)
Es dürfte nach den hier vorgetragenen Überlegungen einleuchten,
daß Marx gute Gründe hatte, daß hegelsche Totalitätskonzept in
methodischen Gebrauch zu nehmen. Marx war es ja nicht in erster
Linie darum zu tun, im Sinne des analytischen Zugriffs und im
Vorzeichen der Feststellung, "es gibt", den bereits vor ihm von
den bürgerlichen Ökonomen aufgedeckten Zusammenhängen der kapita-
listischen Gesellschaft unbewertet weitere hinzuzufügen, sondern
es ging ihm darum, die Substanz, das Wesen oder das allgemeine
Bewegungsgesetz der kapitalistischen Produktionsweise zu erken-
nen. Dazu benötigte er ein Ganzheitskonzept, nach dem die Einheit
der Gesellschaft als konkrete, qualitativ bestimmte, widersprüch-
liche Einheit gedacht werden konnte.
Die Analyse eines bisher unbekannten, kürzlich erstmalig gedruck-
ten Textes von Karl Marx mag anschaulich dokumentieren, wie Marx
diese konkrete Einheit untersucht. 21)
Marx geht davon aus, "daß das Geldsystem eine hohe Entwicklung
und größere Scheidung und Trennung der Klassen voraussetzt, als
das Fehlen des Geldsystems, d. vorgeldlichen Gesellschaftsstu-
fen". 22) Aber auf der Ebene der Zirkulation, in der Beziehung,
in der sich die Individuen als consumers und dealers, als über
das Geld vermittelte, nach dem Gesetz der Äquivalenz Austau-
schende verhalten, wird dieser widersprüchliche Charakter des
Ganzen als solcher, die Scheidung der Gesellschaft in Klassen
nicht sichtbar. Hier erscheint die kapitalistische Gesellschaft
vielmehr als eine Ganzheit, die ausschließlich auf der Gleichar-
tigkeit der Individuen beruht, als ein System, das sich aus qua-
litativ gleichartigen Elementen konstituiert. "In der Form von
Geld, von Gold, Silber oder Noten sieht man es allerdings dem
Einkommen nicht mehr an, daß es dem Individuum nur als einer be-
stimmten Klasse zugehörig, als einem Klassenindividuum zukommt...
Die Vergoldung oder Versilberung verwischt den Klassencharakter
und übertüncht ihn." 23) Und diese qualitative Gleichheit der In-
dividuen ist kein bloßer Schein, sondern eine tatsächlich exi-
stierende, sofern nur das Bezugssystem die Sphäre der kapitali-
stischen Waren- und Geldzirkulation (in Abstraktion von der
Sphäre der Produktion) ist. Es fällt also im Akt des Austauschs
"der besondre Charakter des in Geld verwandelten Einkommens weg"
24), das heißt vom Standpunkt der Zirkulation verschwinden die
qualitativen Unterschiede des Ganzen als qualitative. Nichtsde-
stoweniger setzt sich auch auf der Grundlage des die Zirkulation
regierenden Gesetzes der Gleichheit die qualitative Ungleichheit
der Klassen durch; sie erscheint aber jetzt in der Form ungleich-
artiger Maßverhältnisse, in der Form der Ungleichheit in bezug
auf die "Quantität des zur Disposition stehenden Geldes". 25)
Das skizzierte Marxsche Vorgehen erbringt für unser Thema verall-
gemeinert folgendes. Es wird von Marx 1. vorausgesetzt, daß die
zu analysierende Ganzheit eine solche ist, die wesentlich auf der
Verschiedenartigkeit ihrer "Teile" beruht, und daß es eben diese
Verschiedenartigkeit ist, die ihre qualitative Bestimmtheit aus-
macht. Es wird jedoch von Marx außerdem vorausgesetzt, daß diese
Feststellung der qualitativen Verschiedenartigkeit nicht aus-
reicht, um die Ganzheit zu bestimmen.
Dazu ist 2. vielmehr erforderlich, die qualitativ Verschiedenar-
tigen als Einheit zu fassen. Dies geschieht mittels der Fixierung
derjenigen Eigenschaften, in bezug auf die sie Gleichartigkeit
aufweisen, hinsichtlich derer sie qualitativ identisch sind. Da-
mit ist gleichzeitig unterstellt, daß in den "Teilen" des Ganzen
selbst die Einheit von Gleichartigkeit und Ungleichartigkeit re-
alisiert ist, oder daß sie Momente im Sinne Hegels sind.
Auf der Grundlage der zunächst für sich festgehaltenen gegensätz-
lichen Bestimmungen der qualitativen Ungleichartigkeit und quali-
tativen Gleichartigkeit tut Marx dann den 3. Schritt. Er vermit-
telt die Bestimmung der Gleichartigkeit mit der der Ungleichar-
tigkeit zum Widerspruch derart, daß er letztere als die Dominante
der von ihm untersuchten Ganzheit ausweist: Die qualitative Ver-
schiedenartigkeit erscheint jetzt - vermittelt über die qualita-
tive Identität - als q u a n t i t a t i v e r Unterschied.
Wie verhält sich nun das zeitgenössische Systemdenken zu diesem
Dreierschritt der Marxschen dialektischen Ganzheitsanalyse? Es
setzt gemäß seinem Charakter als abstrakt-analytisches Denken
notwendig an jenem Punkt an, der hier als der 2. Schritt der
Marxschen Analyse ausgewiesen wurde: Es beruht auf der Realisa-
tion der Abstraktion von den qualitativen Unterschieden und re-
flektiert diese mittels des mathematischen Instrumentariums in
Form der quantitativen Vorstellung von Proportionalitäten. (So
wird beispielsweise von Luhmann mittels des Begriffs der Komple-
xität qualitativ Verschiedenartiges identisch gesetzt, vergleich-
bar gemacht und quantitativ unterscheidbar.)
Aus dieser erkenntnistheoretischen Lokalisierung des zeitgenössi-
schen Systemdenkens folgt meines Erachtens, daß der dialektisch
gefaßte und der systemtheoretisch gefaßte Ganzheitsbegriff weder
miteinander identisch noch miteinander unverträglich sind. Letz-
terer kann vom Standpunkt der Dialektik als der abstrakte, ein-
seitig auf die Bestimmung der qualitativen Gleichartigkeit redu-
zierte Begriff der Ganzheit bezeichnet werden, oder im Systemden-
ken findet die Dialektik von Teil und Ganzem ihren analytischen
Ausdruck. Indirekt bestätigt Luhmann, wenn er - wie schon zitiert
- schreibt: "Systeme beziehen sich aufs Totale gerade dadurch,
daß sie es nicht sind, sondern reduzieren". Unverträglichkeit
tritt erst dann ein, wenn - wie von Luhmann - darüber hinaus noch
proklamiert wird, daß die Existenzweise objektiv-realer Ganzhei-
ten immer nur System in diesem abstrakten Sinne sein könne:
"Systeme selbst sind immer schon selektive Leistungen, Aspekte
von Weltzuständen, deren Selektivität die Wissenschaft mit ihren
analytischen Kategorien nur nachzeichnet, nicht begründet. Der
Analytik von Wissenschaft kommt mithin entgegen,... daß selbst
faktische Systeme der physischen, organischen, psychischen oder
sozialen Realität keine konkreten Totalitäten sind." 26)
Der ontologischen Wendung des Systemdenkens, die Luhmann hier
vollzieht, kann vom Standpunkt der materialistischen Dialektik
nicht zugestimmt werden. Sie zu akzeptieren, würde zur Selbstauf-
lösung der Dialektik führen, da sie unter dieser Voraussetzung
eben auf das verzichten würde, was ihre methodische Bestimmtheit
ausmacht: auf den im hegelschen Sinne konkreten Begriff.
Das möchte ich umso nachdrücklicher betonen, als die Identifizie-
rung des abstrakt-analytischen Systembegriffs mit dem dialektisch
aufgefaßten Ganzheitsbegriff auch in Publikationen marxistischer
Autoren vorgenommen wurde und wird.
Eine Forderung wie die, die systemtheoretischen Grundbegriffe
(beispielsweise System und Struktur) in das Arsenal der Katego-
rien der materialistischen Dialektik aufzunehmen, halte ich für
ebenso unannehmbar wie die erst jüngst geäußerte Auffassung, daß
die mathematische Spieltheorie als eine "problemorientierte Spra-
che zum Sprechen und Denken über dialektische Widersprüche vorge-
stellt" werden könne. 27) Derartigen Auffassungen liegt m.E.
nicht nur ein bemerkenswert flacher Begriff von Dialektik zu-
grunde (ein Begriff von Dialektik, dem beispielsweise jede Dar-
stellung einer physikalischen Wechselwirkung schon als begriffe-
ner Widerspruch gilt!), sondern auch eine bemerkenswerte Bewußt-
losigkeit in erkenntnistheoretischer Hinsicht. Es wird hier die
Aufgabe der erkenntnistheoretischen Rekonstruktion des Systemden-
kens weder gesehen, geschweige denn gelöst.
Mit Blauberg und Judin ist gegen die unreflektierte Gleichsetzung
von Dialektik und Systemdenken geltend zu machen: "Selbstver-
ständlich müssen die Vertreter des dialektischen Materialismus
die System- und Strukturforschung ausgehend von den Grundprin-
zipien der marxistisch-leninistischen Philosophie interpretieren
und alle Versuche, diese Forschung als eine 'neue', 'moderne' Art
von Philosophie auszugeben, einer prinzipiellen Kritik
unterziehen." 28) Es ist mit anderen Worten nachzuweisen, daß
alle derartigen Versuche auf einer Verwechslung von Philosophie
und Wissenschaft, der Dialektik mit ihrem analytischen Ausdruck
beruhen, und daß, sofern die das Systemdenken leitenden Begriffe
und Methoden als philosophische Kategorien und Methoden ausge-
geben werden, ein Typ von Philosophie entsteht, der - gemäß sei-
ner Herkunft - notwendig undialektisch ist.
Wenn die hier vorgetragenen Überlegungen zur Beziehung von Dia-
lektik und Systemdenken richtig sind, dann ist aber auch der ro-
mantische Protest gegen alles, was "System" heißt, die ultralinke
Phrase abzulehnen, die glaubt, zwischen beiden absolute Unver-
träglichkeit konstatieren zu müssen. Mit der Behauptung, daß,
wenn die Dialektik ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär sei
und daher als Methode geeignet, die Gesellschaft in ihrer Ent-
wicklung und revolutionären Veränderung adäquat zu erfassen, wird
die Systemtheorie nicht als mathematisch-analytische Wissen-
schaft, sondern als Weltanschauung unterstellt. Das aber ist sie
ihrem Charakter nach ebensowenig wie die Mathematik, und ebenso
wie diese ist sie daher philosophisch zu begründen. Unter dieser
Voraussetzung aber gilt, daß das system-theoretische Instrumenta-
rium sowohl im Rahmen kritisch-revolutionärer als auch konserva-
tiver, den gegebenen Status quo verteidigender Gesellschaftstheo-
rie eingesetzt werden kann. Und sofern Systemdenken als allge-
meine Systemtheorie auftritt, gilt auch - so meine These - daß
sie einsetzbar ist; um allgemeine gesellschaftliche Zusammenhänge
zu fixieren, womit sie für die weitere Entwicklung des histori-
schen Materialismus fruchtbar gemacht werden könnte.
Mit dieser These wird zunächst nur behauptet, daß man auf der
Grundlage dialektischer Gesellschaftsauffassung mit systemtheore-
tischen Begriffen und Methoden sinnvoll arbeiten kann; es ist mit
ihr noch nichts darüber ausgesagt, welcherart die gesellschaftli-
chen Zusammenhänge sind, auf die sie Anwendung finden kann. Wir
wissen bisher nur dies: Ihrer abstrakten Allgemeinheit und ihres
Bezugssystemrelativismus wegen vermag die systemwissenschaftliche
Denkweise keine Kriterien vorzugeben, die von ihr fixierten Zu-
sammenhänge hinsichtlich ihrer Wesentlichkeit bewerten zu können.
Im folgenden soll der Versuch unternommen werden, den Gültig-
keitsbereich des Systemdenkens im Sinne der zeitgenössischen Sy-
stemwissenschaften im Rahmen historisch-materialistischer Gesell-
schaftstheorie zu ermitteln. Dazu werde ich den vom Thema schein-
bar zunächst wegführenden Weg einschlagen, zu zeigen, welcher Typ
von Philosophie und Weltanschauung zwangsläufig entsteht, wenn
man - wie Luhmann - Begriffe und Methoden des Systemdenkens phi-
losophisch-grundkategorial verwendet. Danach wird anhand der öko-
nomischen Theorie von Marx geprüft werden, ob diesen philosophi-
schen Aussagen ein irgendgearteter Bereich ökonomischer Wirklich-
keit korrespondiert. Und ich werde meinen Vorschlag zur Lokalisa-
tion des Gültigkeitsbereich von Systemdenken vorstellen. Auf die-
ser Grundlage soll schließlich die in dieser Zeitschrift von al-
len an der Diskussion Beteiligten erörterte Frage debattiert wer-
den, inwiefern gesamtgesellschaftliche Theorie auf der Grundlage
von Systemtheorie falsches Bewußtsein und inwiefern sie adäquate
Widerspiegelung verkehrter Verhältnisse ist.
Ich möchte nochmals betonen, daß ich unterscheide zwischen dem
Systemdenken in Gestalt der mathematisch-analytischen systemwis-
senschaftlichen Disziplinen, die per se weltanschaulich neutral
sind, und andererseits der Hypostasierung dieser systemtheoreti-
schen Begriffe und Methoden zu philosophischen. Diese Unterschei-
dung ist erforderlich, da der Anspruch, systemtheoretische Ge-
sellschaftstheorie schaffen zu wollen - um den die Diskussion
hier geführt wird - nicht systemwissenschaftlicher sondern
p h i l o s o p h i s c h e r Natur ist. Bei diesem Vorhaben
spielen die Begriffe des Systems, der Struktur, der Funktion in
bezug auf die zu konstituierende Gesellschaftstheorie die gleiche
Rolle wie die Kategorien der materialistischen Dialektik hin-
sichtlich des historischen Materialismus. Sie liefern das philo-
sophisch-weltanschauliche Fundament für die Gesellschaftstheorie.
Dieses Fundament bloßzulegen und seine Implikationen und Konse-
quenzen zu zeigen, wird uns dadurch erleichtert, daß uns H.
Rombach in sozusagen kategorialer und methodischer Reinheit einen
Typ von Philosophie vorführt, der auf den Begriffen "Funktion",
"Relation" und "Struktur" beruht, und den er "Strukturontologie"
29) oder "Ontologie des Funktionalismus" (30) nennt. Der Sinn
dieser Philosophie besteht nach Rombach darin, den zeitgenössi-
schen Wissenschaften, die nach seiner Meinung ihrer Tendenz nach
durchweg funktionalistisch orientiert sind, zu ihrer adäquaten
philosophischen Begründung zu verhelfen. Zum Grundbegriff dieser
Philosophie erklärt er daher den der Funktion. Funktion aber ist
definiert als "Unselbständigkeit", "Angelegtheit auf Anderes",
"Sein im Anderen". Und das Ziel einer Ontologie des Funktionalis-
mus müsse darin bestehen, die sogenannte traditionelle "Substan-
zenontologie" zu überwinden. Diese unterstelle die Dinge als
Substanzen, d.h. als Seiendes, das für sich zu bestehen vermag.
31) Zum Typ der Substanzontologie zählt Rombach daher jede
Philosophie, die von einer wie auch immer aufgefaßten Gegenständ-
lichkeit ihren Ausgang nimmt. Unter diese Charakteristik fällt
natürlich auch jeder Materialismus. Rombachs Aussage lautet so-
mit: Die empirisch vorgefundenen Dinge sind in Wahrheit nichts
als Funktionen, nichts als ihre jeweilige Äußerung im jeweiligen
Zusammenhang. Etwas ist nur das, was es zu bewirken imstande ist.
Damit aber wird die Wirklichkeit auf reine Wirkungsfähigkeit re-
duziert. Rombachs Vorgehen besteht mit anderen Worten darin, daß
er das V e r h a l t e n von dem sich verhaltenden Gegenstand
abtrennt, indem er eben diesen Gegenstand in eine Gesamtheit von
Verhaltensweisen auflöst, und so jegliche Substantialität als
Schein erklärt. Unter der Voraussetzung dieser philosophischen
Operation aber wird die Frage nach einem eigenständigen Wesen der
Dinge, das sich in der Vielfalt ihrer Beziehungen identisch er-
hält, gegenstandslos.
Unschwer erkennen wir hier jenen "Bezugssystemrelativismus" oder
"Perspektivismus" wieder, von dem bereits weiter oben die Rede
war, nur daß er uns im Kontext der weltanschaulich neutralen Sy-
stemwissenschaften als legitimer Zugriff auf die empirisch-realen
Objekte entgegentrat, während er nun in seiner philosophischen
Überhöhung als unzulässige Reduktion des Widerspruchs von Gegen-
stand und Verhalten auf nur eine seiner Seiten zu gelten hat. Was
den Systemwissenschaften recht ist: den Gegenstand nicht als Sub-
stanz vorauszusetzen, sondern seine Verhaltensformen zum Gegen-
stand der Analyse zu machen (also von einem abstrakten Objekt
auszugehen) ist der Philosophie noch lange nicht billig. Vom
Standpunkt der materialistischen Dialektik jedenfalls kann das
Problem nicht so gestellt werden, wie Ashby es für die Kybernetik
stellt: Die Frage sei nicht, "was ein Ding ist", sondern "was es
tut"; 32) ebensowenig jedoch wird die materialistische Dialektik
das, "was ein Ding ist"; in Unabhängigkeit von seinem Verhalten
bestimmen. 33)
"Substanzenontologie" und "Strukturontologie" müssen daher aus
dem Blickwinkel der materialistischen Dialektik als gleichermaßen
undialektische und einseitige, einander abstrakt negierende phi-
losophische Positionen aufgefaßt werden.
Rombachs philosophische Position ist bei genauerem Hinsehen die
der Phänomenologie. Und im Untertitel seiner "Strukturontologie"
weist er sie auch als solche aus. Wenn nämlich Funktion als
"Angelegtheit auf Anderes" definiert wird, die traditionelle phi-
losophische Bestimmung für die Erscheinung aber Sein-für-Anderes
ist, dann ist die Funktion als Erscheinung bestimmt. Und wenn nun
jegliche Gegenständlichkeit und Substantialität als bloßer Schein
zu gelten hat, hinter dem sich als das eigentlich Seiende die in
Relationen sich offenbarenden Funktionen verbergen, dann löst
sich jegliche Wirklichkeit notwendig in pure Erscheinung auf.
Diese enge Beziehung zwischen hypostasiertem Funktionsbegriff und
phänomenologischer Position findet sich übrigens - und zwar ganz
bewußt - auch bei Luhmann. Wenn dieser schreibt: "Der Funktiona-
lismus macht sich, von der Philosophie seit langem dazu angeregt,
auf den Weg, alle Substanzen in Funktionen aufzulösen" 34), dann
ist die in diesem Kontext gemeinte Philosophie zweifellos die
Transzendentale Phänomenologie, so wie sie von E. Husserl begrün-
det wurde. Immer dann nämlich, wenn Luhmann seinen systemtheore-
tischen Ansatz zur Gesellschaftstheorie begründen und philoso-
phisch legitimieren will, greift er auf Husserls Vorgaben zurück.
35)
Rombach konzipiert seine "Ontologie des Funktionalismus" nun aus-
drücklich als Gegenentwurf zu Hegels Philosophie. Und der Stein
des Anstoßes ist natürlich jene "gehaltvolle Restauration" des
Substanzbegriffs der Metaphysik des 17. Jahrhunderts, die Marx
als eine der positiven Leistungen Hegels hervorgehoben hat.
Rombachs Angriff richtet sich damit bei näherem Hinsehen gegen
Hegels Philosophie genau in den Aspekten, worin diese dialektisch
ist. Denn worin besteht diese "gehaltvolle Restauration"?
Die Metaphysik des 17. Jahrhunderts hatte unter dem Titel der
Substanz das Wesen der Dinge als Wesen an sich, als abstraktes
Wesen - d.h. als Wesen getrennt von seinem Sein-für-Anderes, sei-
nem Erscheinen - aufgefaßt, resp. Substanz ist hier der Ausdruck
dafür, daß Gegenständlichkeit als vorgängiges Sein unterstellt
und als unabhängig vom Verhalten gedacht wird.
Diese Position wird - wie H. Bergmann und P. Ruben im Hinblick
auf unser Thema gezeigt haben 36) - im Denken der Aufklärung kri-
tisiert. Hier wird eine Subjektivierung des Substanzbegriffs vor-
genommen: "Substanz" sei nicht Ausdruck für etwas objektiv Re-
ales, sondern bloßer Name; sinnvoll sei es nur, einerseits vom
"Subjekt", andererseits vom "Körper" zu sprechen (Hobbes). Die
Substanz gehört jedoch als Vorstellung dem Denken an. Denken aber
sei ein Verhalten, die bloße Äußerung eines Dings, nicht selbst
ein Ding. Auch in dieser Konzeption wird also die Trennung von
Gegenständlichkeit und Verhalten (von Wesen und Erscheinung) un-
terstellt, und letzteres wird gegenüber der Gegenständlichkeit
fixiert und verabsolutiert. Aber indem die Substanz der Subjekti-
vität zugeschlagen wird, kommt gleichzeitig etwas Neues in Sicht:
die Bestimmung des Denkens als aktiver Tätigkeit.
Auf der Grundlage dieser Vorgaben und in Kritik der Einseitigkeit
beider Standpunkte gewinnt Hegel die dialektische Grundfigur sei-
ner Philosophie. Die Wahrheit des An-sich-Seins und des Seins-
für-Anderes, der abstrakt aufgefaßten Gegenständlichkeit und des
abstrakt aufgefaßten Verhaltens, des abstrakt aufgefaßten Wesens
und der abstrakt aufgefaßten Erscheinung, ist ihr An-und-für-
sich-Sein: die über das Verhalten mit sich vermittelte Gegen-
ständlichkeit, das über sein Erscheinen mit sich vermittelte We-
sen.
Als An-und-für-sich-Sein also gewinnt Hegel den Substanzbegriff
zurück, und er unterstellt damit, daß dasjenige, was in Wahrheit
einzig für sich zu bestehen vermag, Gegenständlichkeit in un-
trennbarer und widersprüchlicher Einheit mit dem Verhalten sei.
Hegels spezifisch idealistisch Fassung dieser Formel besteht be-
kanntlich darin, daß er Gegenständlichkeit als Vergegenständli-
chung auffaßt und Objektivität letztlich als Objektivierung der
Idee. Dafür wird er von Marx kritisiert. Aber gleichzeitig ist in
dieser Formel erstmalig das allgemeine Gattungswesen des Menschen
(seine dialektisch aufgefaßte Substantialität) auf den Begriff
gebracht, indem es nämlich als dessen Selbstentwicklung im Wege
der tätigen Aneignung vorausgesetzter Objekte bestimmt wird.
Marx' Fortbildung des hegelschen Ansatzes aber besteht darin, dem
Verhalten der Gattung materialistisch die vom Menschen unabhän-
gige Natur vorauszusetzen, daß heißt Objektivierung im vollen
Ernst als Objektivität zu denken, womit das Verhalten der Gattung
wesentlich als materiell-gegenständliche Tätigkeit, als Produk-
tion zu denken ist. In der in dieser Weise materialistisch umge-
stülpten Formel aber verbirgt sich das für bürgerliches Denken so
schwer verständliche Geheimnis der materialistischen Dialektik.
Wenn irgend zutrifft, daß der Gegenstand der Philosophie letzt-
lich die Selbsterkenntnis und Selbstkritik der Gattung ist, und
wenn zutrifft, daß die Bedingung für die Existenz und Selbstent-
wicklung der Gattung sowohl ihre Einheit mit als auch ihr Gegen-
satz zur vorausgesetzten Natur ist, wenn also das Wesen der Gat-
tung selbst dieser reale Widerspruch ist, dann muß er auch als
Grundlage philosophischen Denkens vorausgesetzt werden.
Dieser kurze philosophiehistorische Exkurs mag deutlich machen,
daß die von K. H. Tjaden gegen Habermas und Luhmann vorgetragenen
Argumente tatsächlich den Kern der Differenz zwischen marxi-
stisch- und rein systemtheoretisch fundierter Gesellschaftstheo-
rie namhaft machen. 37) Während der historische Materialismus -
indem für ihn die Produktion die Wesensbestimmung der Gattung ist
- Gesellschaft als Produktionsweise und Gesellschaftsentwicklung
stets auf der Grundlage der Auseinandersetzung der Gesellschaft
mit der Natur denkt, wird in den systemtheoretischen Ansätzen zu
gesellschaftlicher Evolutionstheorie vom Naturverhältnis der Ge-
sellschaft abstrahiert. Evolution erscheint hier als rein
i n n e r gesellschaftlicher Vorgang, das heißt als eine Bewe-
gung, die zwischen zwei Polen verläuft: den sinnkonstituierenden
Handlungen der Subjekte und den Systemen, in denen sich diese ob-
jektivieren.
In seinem Modell sozialer Evolutionen will Habermas zwar - wie K.
H. Tjaden richtig bemerkt - "die außergesellschaftliche Welt, in
der die gesellschaftliche sich konstituiert, als vorgeschichtli-
che Vorbedingung des sog. soziokulturellen Evolutionsniveaus be-
greifen", aber nachdem dieses Niveau erst einmal erreicht ist,
handelt es sich nach Habermas um "ausschließlich soziale Evolu-
tion". 38) Und bei Luhmann nimmt diese Reduktion die Gestalt an,
daß für ihn "die außergesellschaftliche Welt" als außergeschicht-
liche Randbedingung der sinnkonstituierenden Systembildung gilt.
39)
Mit K.H. Tjaden sei hier betont: "Die historisch-materialistisch
Theorie geht demgegenüber davon aus, daß die vor- und außerge-
sellschaftliche Natur tatsächliche und andauernde Bedingung der
gesellschaftlichen Lebensweise der Menschen ist, welche somit we-
der als voraussetzungslos noch als unabhängige soziokulturelle
Evolution von der Evolution jener Bedingungen abgetrennt werden
kann. Gesellschaftliche Entwicklung ist Entwicklung derjenigen
Systeme sozialer Aktivität, die auf der naturrevolutionären Ent-
gegensetzung von menschlicher und außermenschlicher Natur beruhen
und den problematischen materiellen Austausch zwischen diesen
beiden Naturmomenten bewerkstelligen." 40)
Tjaden gibt hier zwei Bestimmungen für das Verhältnis Gesell-
schaft/Natur an: Er kennzeichnet es zum einen als Gegensatz und
unter dem Titel des materiellen Austausch zum anderen als Ein-
heit. Damit bestimmt er es aber als Widerspruch. Wenn Luhmann
hingegen die Beziehung vom System und Umwelt als Innen/Außen-Dif-
ferenz auffaßt, reduziert er den Widerspruch auf den abstrakten
Gegensatz. Darauf hat P. Marwedel hingewiesen. "Während Sy-
stem/Umwelt-Beziehung Kontext ist, ist ein Innen/Außen-Verhältnis
Entgegensetzung und mit ihr das System/Umwelt-Verhältnis als ob-
jektiv-reale, im Prozeß tatsächlich vorgehende Wechselwirkung
nicht mehr faßbar. Mit dem Übergang von den System/Umwelt-Bezie-
hungen ... zur abstrakten Innen/Außen-Differenz wird der reale
Zusammenhang aufgehoben. In dieser Relation sind die Beziehungen
tendentiell als Gegensatz gefaßt. Die realen Wechselwirkungen
sind in Innen und Außen aufgespalten, polarisiert. Der sich im
System/Umwelt-Verhältnis gegenseitig entwickelnde Zusammenhang
wird einerseits auf den geordneten Zusammenhang im Innern des Sy-
stems und andererseits auf das Äußere Nicht-Gegliederte verscho-
ben. Zwischen Innen und Außen gibt es keine sich gegenseitig ent-
wickelnde Vermittlung." 41)
Daß diese Fixierung auf innergesellschaftliche Bezüge die notwen-
dige Konsequenz des hypostasierten funktional-strukturellen An-
satzes ist, wollen wir nochmals mit Rombach zeigen. Rombach legt
folgenden Gegenentwurf zu Hegels Modell für die Selbstentwicklung
der Gattung vor. Die Entwicklung verläuft nicht vom An sich zum
Anundfürsich, und ihre Selbstvermittlung erfolgt nicht über das
Sein-für-Anderes. Vielmehr ist das Sein-für-Anderes (das als
Funktion resp. Erscheinung bestimmt ist) der ontologische Aus-
gangspunkt der Bewegung und das Ansich (das als Struktur bestimmt
ist) der Endpunkt der Bewegung. Das An-und-für-sich-Sein aber ist
nichts weiter als die den Anfang mit dem Ende vermittelnde Bewe-
gung. 42) Mit dieser Figur bestimmt Rombach die Existenzweise der
Gattung als eine Bewegung, in der die auf bloß bezugssystemrela-
tives Verhalten reduzierten (das heißt die im Sinne von Angyal
als bloße Stellenwerte im System definierten) Subjekte die ge-
sellschaftlichen Strukturen ebenso hervorbringen, wie sie selbst
von ihnen determiniert sind. Vorausgesetzt, daß unter dem Titel
des Ansich traditionell "Gegenständlichkeit", "Objektivität" ver-
standen wird - und Rombach setzt die traditionellen Bedeutungen
ja voraus - dann lautet seine Aussage: Jede Gegenständlichkeit,
Objektivität (qua Struktur) kommt nur zustande im Wege der Verge-
genständlichung und Objektivierung von Subjektivem; das aber
heißt, es gibt für Rombach kein Ansich, keinerlei Gegenständlich-
keit, die die Bedingung der Subjekt-Unabhängigkeit, die die Be-
dingung der Materialität erfüllt. Und da Rombach darüber hinaus
den Vorgang der wechselseitigen Bestimmung von Funktion und
Struktur, von Subjekt und Objekt hermetisch in sich abschließt,
indem er diese unter dem Titel des Anundfürsich für das ganze der
Bewegung ausgibt, bestimmt er den Selbstentwicklungsprozeß der
Gattung - wie Luhmann und Habermas auch - als ein auf letztlich
i n n e r gesellschaftliche Beziehungen reduziertes Geschehen.
Wir greifen nun nochmals die von K.H. Tjaden aufgeworfene Frage
auf: "Zu fragen wäre..., auf welchen Gegenstandsbereich histo-
risch-materialistischer Theorie sich eine Einarbeitung von Sy-
stemtheorie... beziehen solle." Und als Antwort auf diese Frage
stelle ich die These zur Diskussion: Sie ist im Kontext marxisti-
scher Gesellschaftstheorie auf Grund der ihr eigentümlichen Ab-
straktheit geeignet, die die Zirkulationssphäre der Gesellschaft
regierenden Gesetze zu erfassen.
Wenn die Einbettung systemtheoretischer Begriffe und Methoden in
den historischen Materialismus und somit ihre erkenntnistheoreti-
sche, dialektisch-materialistische Rekonstruktion hingegen nicht
erfolgt, und wenn Hand in Hand damit unterstellt wird, daß das
Systemdenken hinreichend sei, die gesellschaftliche Existenzweise
der Gattung überhaupt auf den Begriff zu bringen, dann wird die
so konstituierte Gesellschaftstheorie notwendig ideologisch. Die
ideologische Verkehrung aber besteht darin, daß in diesem Falle
die Sphäre der Zirkulation, die Austauschverhältnisse und die sie
regierenden Gesetze nicht als d i e E r s c h e i n u n g von
P r o d u k t i o n s verhältnissen gelten, sondern notwendig
für das gesellschaftliche Ganze einstehen. Jetzt handelt es sich
mit anderen Worten nicht mehr einfach darum, daß die Zirkulation
hinsichtlich ihrer Eigenschaft erfaßt werden soll, eine relativ
in sich abgeschlossene Sphäre zu repräsentieren, deren inneres
Struktur- und Bewegungsgesetz mittels des systemtheoretischen In-
strumentariums abzubilden ist, sondern darum, daß der adäquate
Begriff für die Einheit der Gesellschaft überhaupt ausschließlich
an der Zirkulationssphäre festgemacht wird, das heißt, daß die
Erkenntnis gesellschaftlicher Ganzheitlichkeit bereits auf dieser
Stufe abgeschlossen wird.
Die ideologische Verkehrung rein systemtheoretisch konstituierter
Gesellschaftstheorie besteht also kurz darin, daß die Zirkulation
vom Standpunkt der Zirkulation reflektiert wird, womit sich Sy-
stemtheorie der Gesellschaft als nichts weiter denn als moderne
Variante des Grundschemas bürgerlicher Gesellschaftstheorie über-
haupt repräsentiert.
Die behauptete Korrespondenz von Systemtheorie der Gesellschaft
mit den Verhältnissen der Zirkulation soll hier anhand von Marx'
Analysen der Zirkulationssphäre aufgewiesen werden. Denn wenn ge-
zeigt werden kann, daß die Verhältnisse der Zirkulation (und nur
die der Zirkulation) dem systemtheoretischen Begriff von Gesell-
schaft entsprechen, dann darf vermutet werden, daß der Gültig-
keitsbereich von Systemtheorie im Kontext von Gesellschaftstheo-
rie eben die Zirkulationssphäre der Gesellschaft ist. Dieser wol-
len wir uns nun zuwenden.
1. Marx stellt ausdrücklich fest, daß sich bereits in der Zirku-
lation die "Totalität des gesellschaftlichen Prozesses" dar-
stellt, daß sie eine "Form" sei, worin "das Ganze der gesell-
schaftlichen Bewegung selbst" erscheint. Er hält sie "als erste
Totalität unter den ökonomischen Kategorien (für) gut, um dies
zur Anschauung zu bringen". 43) In der Kategorie der Zirkulation
wird nämlich der Austausch nicht als die "bloße Summe aller Wech-
selbeziehungen der Warenbesitzer" 44), als unendliche linear-kau-
sale Abfolge von Kauf- und Verkaufsakten reflektiert. Nur auf den
"ersten Blick betrachtet, erscheint die Zirkulation als ein
s c h l e c h t u n e n d l i c h e r P r o z e ß ... Aber ge-
nauer betrachtet bietet sie noch andre Phänomene dar; die Phäno-
mene des Zusammenschließens oder der Rückkehr des Ausgangspunkts
in sich". 45) Die Kategorie der Zirkulation bezeichnet nach Marx
damit einen Typ von gesellschaftlicher Bewegung, nach dem diese,
formal gesehen, kreisförmig verläuft, damit hermetisch in sich
abgeschlossen ist, und die - obwohl sie die linear-kausale Bewe-
gung der einzelnen Tauschakte zu ihrer Grundlage hat - diesen ge-
genüber einen Bewegungstyp darstellt, der von eigenständigen Ge-
setzen regiert wird, der sich nicht auf kausal-lineare Bewegung
reduzieren läßt. Somit charakterisiert Marx die Zirkulation hin-
sichtlich ihrer Einheit als System, und zwar als ein in sich ab-
geschlossenes System.
2. Mit der Kategorie der Zirkulation wird die Einheit der Gesell-
schaft reflektiert, so wie sie sich als über den Austausch ver-
mittelte darstellt. Daher gehen in den realen Kontext der Zirku-
lation (und ihren Begriff) die den Austausch vollziehenden Indi-
viduen und die in ihm veräußerten und angeeigneten Gegenstände
nur insoweit ein, als sie die Tauschrelation realisieren: als
a b s t r a k t e Individuen also und als a b s t r a k t e
Gegenstände, als durch ihren Tauschwert definierte Waren. Diese
Bestimmung der Zirkulation impliziert zugleich folgendes. Wenn es
die Tauschrelation ist, die die Individuen und die Gegenstände
ihrer Bedürfnisbefriedigung miteinander vermittelt, erscheint die
Tauschbeziehung auch als das den Momenten gemeinsame übergeord-
nete Gesetz. Die sinnlich-gegenständlichen Individuen und Objekte
gehen in die Tauschrelation nicht als solche, sondern vielmehr
nur als Bedingungen ein, um die Existenz der durch die
Tauschrelation selbst bestimmten Stellenwerte zu garantieren, um
die vorausgesetzten, verselbständigten W e r t z u s a m m e n-
h ä n g e (den "objektiven Inhalt" des kapitalistischen Systems,
die "Verwertung des Werts") 46) zu realisieren.
Genau durch diese Reduktion der sinnlich-empirischen Gegenstände
auf abstrakte Inhaber von Stellenwerten in vorausgesetzten Rela-
tionsgefügen aber kennzeichnete Angyal - wie wir sehen - das mo-
derne Systemdenken. Und Rombachs Ontologie des Funktionalismus
stellt, indem in ihr die sinnlich-empirischen Dinge in relations-
abhängige, von Relationen bestimmte Funktionen verwandelt werden,
in geradezu kategorialer Reinheit die für die kapitalistische
Zirkulation gültigen Verhältnisse vor.
3. Wird nun die Reflektion des gesellschaftlichen Gesamtzusammen-
hangs ausschließlich an der Zirkulation festgemacht, dann ist es
unvermeidlich, daß der mit dem Begriff der Zirkulation gegebene
Systemabschluß auch als a priori voraussetzende ontologische Be-
stimmtheit von Gesellschaft überhaupt unterstellt, daß ihre Bewe-
gung als rein innergesellschaftlicher Vorgang definiert wird. Und
auf dieser Grundlage erschöpft sich die Aufgabe von Gesell-
schaftstheorie dann in der theoretischen Rekonstruktion der Ver-
mittlung der Tätigkeit der gesellschaftlichen Subjekte mit ge-
sellschaftlicher Objektivität, wobei letztere als aufgeklärt
gilt, wenn sie auf I n t e r s u b j e k t i v i t ä t zurück-
geführt wird.
Diese Erklärungsweise von Gesellschaft bleibt aber in jenem Zir-
kel befangen, den Marx, wie folgt, treffend charakterisiert hat:
"Sosehr nun das Ganze dieser Bewegung als gesellschaftlicher Pro-
zeß erscheint, und sosehr die einzelnen Momente dieser Bewegung
vom bewußten Willen und besonderen Zwecken der Individuen aus-
gehn, sosehr erscheint die Totalität des Prozesses als ein objek-
tiver Zusammenhang, der naturwüchsig entsteht; zwar aus dem Auf-
einanderwirken der bewußten Individuen hervorgeht, aber weder in
ihrem Bewußtsein liegt, noch als Ganzes unter sie subsumiert
wird. Ihr eignes Aufeinanderstoßen produziert ihnen eine über ih-
nen stehende, f r e m d e gesellschaftliche Macht; ihre
Wechselwirkung als von ihnen unabhängiger Prozeß und Gewalt". 47)
Der Schein von "Naturwüchsigkeit", von dem Marx hier spricht,
kann nun mit der Berufung auf Intersubjektivität in keiner Weise
aufgelöst werden. Denn was bedeutet im Kontext und vom Standpunkt
der Zirkulation "objektiv"? Es bedeutet hier genau das, was es im
traditionellen philosophischen Sprachgebrauch bezeichnet:
"unabhängig vom einzelnen Subjekt und seinem Bewußtsein". 48) Und
in diesem Sinne wird "objektiv" zu Recht auch von Marx anläßlich
der Analyse der Zirkulation verwendet. Wenn "objektiv" das be-
zeichnet, was n i c h t subjektiv ist, also einen Ausdruck dar-
stellt, der seinen Gegensatz (subjektiv) aus sich ausgeschlossen
hat, dann kann mit ihm adäquat die reale Verselbständigung des
Wertverhältnisses gegenüber den Subjekten erfaßt werden.
"Objektiv" ist aber relativ auf den Begriff des Subjektiven ge-
bildet; letzterer schließt daher ersteren nicht nur aus, sondern
setzt ihn gleichzeitig voraus, und zwar als seinen abstrakten Ge-
gensatz: "subjektiv" bedeutet traditionell "vom einzelnen Subjekt
und seinem Bewußtsein abhängig, durch das Subjekt bestimmt, von
ihm bedingt". 49) Und Marx verwendet diesen abstrakten (jede ob-
jektive Bestimmtheit des Individuums eliminierenden) Subjektbe-
griff, um die reale Reduktion der Individuen in der Zirkulation
auf die Eigenschaft, wertbestimmt zu sein, auszudrücken.
Da, wie sich zeigt, den Begriffen des gesellschaftlich Objektiven
und des gesellschaftlich Subjektiven gleichermaßen die Abstrak-
tion des Wertes zugrundeliegt, können sie in dieser abstrakten
Identität aufeinander bezogen und miteinander gleichgesetzt wer-
den. Das heißt, Objektivität ist in näherer Bestimmung durchaus
korrekt als Intersubjektivität aufzufassen, wobei Intersubjekti-
vität jedoch nichts weiter bezeichnen kann, als d a s w e r t-
b e s t i m m t e V e r h a l t e n d e r G e s a m t h e i t
d e r I n d i v i d u e n.
An dieser Stelle ist für Marx der Erklärungswert der Kategorien
des Objektiven und des Subjektiven aber notwendig erschöpft. Da
mit ihnen die Existenz des Wertes nicht rekonstruiert werden
kann, weil er sowohl im Begriff des Objektiven als auch des Sub-
jektiven implizite vorausgesetzt ist, und auch die gedankliche
Bewegung, die das Objektive mit dem Subjektiven vermittelt, im
Rahmen dieser Voraussetzung verbleibt, erscheint im Lichte der
Subjekt-Objekt-Beziehung die Verselbständigung der Wertverhält-
nisse gegenüber den Individuen, die für die kapitalistische
Gesellschaft charakteristisch ist, als unaufhebbares naturwüchs-
iges Faktum. 50)
Marx führt die Verhältnisse der Zirkulation, kurz gesagt, in die
der Produktion zurück, rekonstruiert von den Verhältnissen der
Produktion her die Verhältnisse der Zirkulation 51), die sich in
dieser Sicht als "das Phänomen eines hinter ihr vorgehenden Pro-
zesses" erweisen 52), als der Sphäre der E r s c h e i n u n g
zugehörig, für die unter der Voraussetzung der kapitalistischen
Produktionsweise mit Hegel gilt, "daß die an und für sich seiende
Welt die v e r k e h r t e der erscheinenden ist". 53)
Die die Austauschverhältnisse der Produktion bestimmende
U n g l e i c h h e i t (in bezug auf das Eigentum an Produkti-
onsmitteln) e r s c h e i n t nämlich unter den Austauschver-
hältnissen der Zirkulation nicht als solche, sondern im Vorzei-
chen der G l e i c h h e i t als - wie wir sahen - über das Ge-
setz des äquivalenten Austauschs vermitteltes quantitatives Ver-
hältnis. Der Übergang von den Verhältnissen der Zirkulation zu
denen der Produktion erfordert daher in methodischer Sicht den
Übergang vom abstrakten Systemdenken zur Dialektik, von einer
Ganzheitsvorstellung von Gesellschaft, in der ihre Identität in
Abstraktion von ihrer Ungleichheit gedacht wird, zu einer Ganz-
heitsvorstellung, in der diese Identität unter der Voraussetzung
der Ungleichheit reflektiert und erst von dieser Position her re-
konstruiert wird.
4. Indem Marx die Zirkulation in ihren "Grund", in die Produktion
zurückführt, vertieft er die Bestimmung der Objektivität der ge-
sellschaftlichen Verhältnisse zu der ihrer Materialität, das
heißt, er führt die objektiven verselbständigten Wertverhältnisse
der kapitalistischen Zirkulation in ihren Ursprung zurück, weist
ihre Existenz als historisch notwendig aus und entkleidet sie
gleichzeitig ihres Scheins von Naturwüchsigkeit. Nachdem wir die
für die Zirkulation gültige Subjekt-Objekt-Beziehung dargestellt
haben, läßt sich nun folgendes zeigen. Wird diese materialisti-
sche Rekonstruktion gesellschaftlicher Objektivität nicht gelei-
stet, bleibt die Gesellschaftstheorie dem Rahmen der Subjekt-Ob-
jekt-Beziehung verhaftet, dann sind idealistische Konsequenzen
unausweichlich.
In der Subjekt-Objekt-Beziehung, so wie sie sich vom Standpunkt
der Zirkulation darstellt, schließt im Sinne analytischen Denkens
die Bestimmung der Objektivität die der Subjektivität aus sich
aus und umgekehrt. Subjekte aber, die kein Moment des Objektiven
an sich haben, sind notwendig auf reines Verhalten reduziert (sie
sind Funktion im Sinne vom Rombach!), und Objekte, aus denen das
Moment ihrer Subjektivität eleminiert ist, repräsentieren eine
Vorstellung von Gegenständlichkeit, in der vom Moment ihres Ver-
haltens abstrahiert ist. 54) Auf der Grundlage dieser Vorgaben
und der Vorstellung, daß der gesellschaftliche Zusammenhang die
Vermittlung dieser Pole ist, kann die Objektivität der gesell-
schaftlichen Verhältnisse nur unter dem Titel der Verdinglichung,
der O b j e k t i v i e r u n g von gesellschaftlicher Subjek-
tivität gedacht werden. Damit ist jedoch das Objektive, das
zunächst als dasjenige definiert worden war, was unabhängig vom
einzelnen Subjekt und seinem Bewußtsein existiert, als letztlich
ideell und nicht materiell bestimmt. Denn wenn das Objektive Pro-
dukt der vom Subjekt geleisteten Objektivierung ist, das Subjek-
tive aber in seiner analytischen Trennung vom Objektiven (d.h.
vom Nicht-Bewußtsein) einseitig das Moment des Bewußtseins reprä-
sentiert, dann ist das Objektive - als von der Subjektivität her-
vorgebracht vorgestellt - selbst ideell.
Exakt dieser Denkfigur begegnen wir in systemtheoretischen Ge-
sellschaftsmodellen. So tritt die auf das Verhalten reduzierte
Subjektivität bei Luhmann unter dem Titel der Sinnbildung oder
Sinnkonstitution auf, die nach Husserls Modell in Trennung von
objektiver Gegenständlichkeit als rein intentionaler Akt aufge-
faßt wird. Das Korrelat von Sinnbildung auf der Objektseite ist
System, "s i n n h a f t identifiziertes System" 55), womit
"System" als Objektivierung der auf Sinnbildung reduzierten ge-
sellschaftlichen Subjektivität bestimmt wird.
Der hier versuchte Zugriff, um die Korrespondenz von Systemtheo-
rie der Gesellschaft und der der Zirkulation eigentümlichen Kate-
gorienwelt aufzuhellen, muß höchst unvollständig bleiben. Wenn
ich ihn dennoch unternommen habe, so in der Absicht, eine Ar-
beitshypothese vorzustellen, auf deren Grundlage - wie ich ver-
mute - Systemtheorie der Gesellschaft vom Standpunkt der Dialek-
tik erkenntnistheoretisch und methodologisch rekonstruiert werden
kann. Soweit ich sehe, läßt sich alle bisher von marxistischer
Seite vorgetragene Kritik an rein systemtheoretisch fundierter
Gesellschaftstheorie mühelos mit dieser Arbeitshypothese verein-
baren.
Um mich nur auf die in dieser Zeitschrift geführte Diskussion zu
beziehen: Wenn B. Heidtmann Luhmanns Sinnbegriff und die Grun-
didee des Äquivalenzfunktionalismus mit der Kategorie der ab-
strakten Arbeit zusammenbringt, so entspricht diese Aussage jener
Eigentümlichkeit der Zirkulation, die hier unter Punkt 2 darge-
stellt wurde. Wenn K.H. Tjaden den Akzent darauf legt, histo-
risch-materialistische Gesellschaftstheorie an den Begriff der
materialistisch aufgefaßten Produktion zu binden, so geht es ihm
genau darum, die hier unter Punkt 3 mit den Kategorien der Zirku-
lation notwendig verbundenen theoretischen Restriktionen zu kri-
tisieren. Und wenn schließlich H. Wagner auf den geheimen Idea-
lismus von Luhmanns Theorie aufmerksam macht, so läßt sich dieser
erkenntnistheoretisch und methodologisch auf die in Punkt 4 dar-
gestellte, die Zirkulation regierenden Subjekt-Objekt-Beziehungen
zurückführen.
Sollte dieser Artikel dazu beitragen können, aus methodologisch-
erkenntnistheoretischer Perspektive zu einer vertieften Sicht der
aktuellen Entwicklungsprobleme des historischen Materialismus an-
zuregen, dann hat er seinen Zweck erfüllt.
_____
1) B. Heidtmann, Niklas Luhmann und die Systemtheorie im Lichte
der Marxschen Hegel-Kritik. In: SOPO 32 (1975).
2) K.H. Tjaden, Soziologische Systemtheorie als Gegensatz zur Ge-
sellschaftstheorie? In: SOPO 40 (1977), S. 55.
3) Ebenda.
4) H. Wagner, Gesellschaftliche Analysen mit Luhmanns Systemtheo-
rie. In: SOPO 34/35 (1976), S. 41.
5) Marxistische Gesellschaftsdialektik oder "Systemtheorie der
Gesellschaft" i. Manuskript. Wird voraussichtlich Ende 1977 im
Akademie-Verlag (Berlin/DDR) in der Reihe: "Schriften zur Philo-
sophie und ihrer Geschichte" erscheinen.
6) L. v. Bertalanffy: General System Theory. New York 1968, S.
36.
7) A. Angyal, A Logic of Systems. Auszug aus Kap. 8 von: Founda-
tions for a Science of Personality, Havard U.P., 1941; abgedruckt
in: Systems Thinking; hrsg. von F.E. Emery i.d.R. Penguin Modern
Management Readings. Harmondsworth 1971, S. 20.
8) Ebenda, S. 26.
9) W.R. Ashby, An Introduction to Cybernetics, London 1975, S.
39.
10) Vgl. L. v. Bertalanffy, General System Theory, a.a.O., S.
247.
11) Vgl. N. Luhmann, Systemtheoretische Argumentationen. Eine
Entgegnung auf Jürgen Habermas. In: J. Habermas/N. Luhmann, Theo-
rie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie. Frankfurt/Main 1971,
S. 335.
12) W.R. Ashby, An Introduction to Cybernetics, a.a.O., S. 131.
13) Vgl. N. Luhmann, System theoretische Argumentationen, a.a.O.,
S. 384.
14) Ebenda, Fußnote 146.
15) K. Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie. Ber-
lin (DDR) 1953, S. 189.
16) L. Althusser, Ist es einfach, in der Philosophie Marxist zu
sein? In: SOPO 34/35 (1976).
17) Vgl. G.W.F. Hegel, Wissenschaft der Logik, Zweiter Teil,
hrsg. von G. Lassen Leipzig 1934, S. 143.
18) Vgl. ebenda, S. 144.
19) Vgl. ebenda, S. 142.
20) P. Ruben, Die materialistische Dialektik und ihre Grundge-
setze. In: Gesetz, Erkenntnis, Handeln. Berlin 1972, S. 149.
21) Es handelt sich um ein Manuskript, das 1851 entstand, den Ti-
tel "Reflection" trägt und in der Einheit 5/1977 erstmals veröf-
fentlicht wurde.
22) Ebenda, S. 525.
23) Ebenda.
24) Ebenda.
25) Ebenda.
26) N. Luhmann, System theoretische Argumentationen, a.a.O., S.
384.
27) Vgl. R. Thiel, Mathematik - Sprache - Dialektik. Berlin 1975,
S. 219. Vgl. zum Verhältnis von Dialektik und Spieltheorie, P.
Ruben, Strategisches Ziel und dialektischer Widerspruch. In:
Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Berlin (DDR), 1970, H. 11.
28) J.W. Blauberg/E.G. Judin, Philosophische Probleme der System-
und Strukturforschung. In: Sowjetwissenschaft. Gesellschaftswis-
senschaftliche Beiträge Heft 10, 1970, S. 1062.
29) Vgl. H. Rombach, Strukturontologie. Eine Phänomenologie der
Freiheit. Freiburg/München 1971.
30) Vgl. H. Rombach, Substanz, System, Struktur. Die Ontologie
des Funktionalismus und der philosophische Hintergrund der moder-
nen Wissenschaft. Bd. I, II. Freiburg/München, 1965-66.
31) Vgl. H. Rombach, Substanz, System, Struktur. Bd. L, a.a.O.,
S. 11-13.
32) W.R. Ashby, An Introduction to Cybernetics, a.a.O., S. 1.
33) Ich möchte in diesem Zusammenhang auf P. Marwedel, Funktiona-
lismus und Herrschaft - Die Entwicklung eines Theorie-Konzepts
von Malinowski zu Luhmann, Köln 1976, aufmerksam machen. Im Ab-
schnitt: Die System/Umwelt-Theorie von N. Luhmann als Produkt von
Abstraktionsprozessen und individueller Primärerfahrung, S. 266
ff., findet sich eine vom Standpunkt der materialistischen Dia-
lektik m.E. ausgezeichnete erkenntnistheoretische Analyse der
Theoriebildung und Methodik der Systemwissenschaften. Auch Marwe-
del vertritt die These, daß im Systemdenken das Verhalten von
seinem Gegenstand getrennt und diesem gegenüber einseitig fixiert
wird. S. 271 ff.
34) N. Luhmann, Soziologische Aufklärung. In: Soziologische Auf-
klärung. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, Köln-Opladen,
1970, S. 72.
35) Diese Abhängigkeit Luhmanns von Husserls Transzendentaler
Phänomenologie hat L. Eley, Transzendentale Phänomenologie und
Systemtheorie der Gesellschaft, Freiburg i. Br., 1972, nachgewie-
sen.
36) H. Bergmann/P. Ruben, Dialektik und Systemdenken in der fran-
zösischen Aufklärung i. Manuskript. Dieser Aufsatz wird in: Dia-
lektik und Systemdenken - historische Aspekte Ende 1977 im Akade-
mie-Verlag in der Reihe: Schriften zur Philosophie und ihrer Ge-
schichte erscheinen.
37) Vgl. K.H. Tjaden, Naturevolution, Gesellschaftsformation,
Weltgeschichte, Überlegungen zu einer gesellschaftswissenschaft-
lichen Entwicklungstheorie. In: Das Argument, 101, 1977.
38) Vgl. ebenda, S. 14.
39) Vgl. ebenda, S. 15.
40) Ebenda, S. 16.
41) P. Marwedel, Funktionalismus und Herrschaft, a.a.O., S. 268.
Ähnlich äußert sich auch H. Holzer: "Was Luhmann ... nicht lei-
stet, ja worauf er bewußt verzichtet, ist: die Sinnkonstitution
gesellschaftlicher Systeme und deren Umweltbezug zu mindest ab-
strakt als in sich verschränkte, theoretisch-praktische Aneig-
nungsprozesse zu fassen, die die lebensnotwendige Organisation
des Stoffwechsels 'Mensch-Natur' ausmachen. Das hat zur Folge ...
daß Luhmann zum einen zu einer formalen Bestimmung von Sinn und
Umwelt, zum anderen zu einer Hypostasierung der Sinnfragen
kommt." Kapitalismus als Abstraktum? Makrosoziologische System-
theorie in der amerikanischen und westdeutschen Soziologie, i.
Manuskript.
42) Vgl. H. Rombach, Strukturontologie, a.a.O., S. 176.
43) K. Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie,
a.a.O., S. 111.
44) Vgl. K. Marx, Das Kapital 1. Bd. In: K. Marx/F. Engels, Werke
Bd. 23, Berlin 1962, S. 179.
45) K. Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie,
a.a.O., S. 111 f.
46) Vgl. K. Marx, Das Kapital 1. Bd., a.a.O., S. 167.
47) K. Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie,
a.a.O., S. 111.
48) Philosophisches Wörterbuch, hrsg. von G. Klaus u. M. Buhr,
Leipzig 1974, S. 885.
49) Ebenda, S. 1189.
50) Soweit ich bisher die ökonomischen Texte von Marx geprüft
habe, verwendet Marx den Terminus "objektiv" dann, wenn er die
Zirkulationssphäre untersucht. Im Zusammenhang mit der Produktion
treten für die hier gemeinte Objektivität Termini wie "materiell-
gegenständlich" auf.
51) Wie Marx diesen Übergang in die Produktion im Zusammenhang
mit der Ableitung des Kapitals methodisch vollzieht, ist für die
Beziehung von abstrakt-analytischem und dialektischem Denken
höchst aufschlußreich und bedarf einer eigenen Analyse. Diese
habe ich in folgendem Artikel zu leisten versucht: C. Warnke, Zum
Verhältnis von Dialektik und Systemdenken in der Gesellschaftser-
kenntnis, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, H. 7, 1977.
52) Vgl. K. Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie,
a.a.O., S. 166.
53) G.W.F. Hegel, Wissenschaft der Logik, zweiter Teil, a.a.O.,
S. 134. Der konstatierbare Zusammenhang zwischen den Kategorien
der Zirkulation und der philosophischen Kategorie der Erscheinung
einerseits, den Kategorien der Produktion und der philosophischen
Kategorie des Wesens andererseits muß hier ausgeklammert werden.
Der Versuch der Darstellung dieses Zusammenhangs findet sich in:
Marxistische Gesellschaftsdialektik oder "Systemtheorie der Ge-
sellschaft"? , a.a.O., in den Beiträgen von B. Heidtmann und C.
Warnke.
54) Beim materialistisch verstandenen Begriff der Produktion er-
folgt in bezug auf keines seiner Momente die Trennung von Subjek-
tivität und Objektivität, Verhalten und Gegenständlichkeit. Hier
ist die Tätigkeit des Subjekts als gegenständliche Tätigkeit be-
stimmt, und die dieser Tätigkeit vorausgesetzte materielle Natur
v e r h ä l t sich, indem g e g e n sie als gegen einen auto-
nomen Partner im realen Widerstreit die Reproduktion der eigenen
Existenzbedingungen immer erst und erneut durchzusetzen ist. Ja,
was in diesem Verhältnis jeweils Subjekt und Objekt ist, ent-
scheidet sich erst in diesem Widerstreit.
55) Vgl. N. Luhmann, Moderne Systemtheorien als Form gesamtge-
sellschaftlicher Analyse, in: Habermas/N. Luhmann, Theorie der
Gesellschaft oder Sozialtechnologie, a.a.O., S. 11.
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