Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977
zurück
EDITORIAL
Die Schriften von Antonio Gramsci (1891-1937), Mitbegründer und
Führer der Kommunistischen Partei Italiens, sind seit langem in
Italien, Frankreich und Spanien Gegenstand von Debatten. Gramscis
Werk erweist sich in theoretischer und politischer Hinsicht des-
halb von allgemeiner Bedeutung, weil es sich dabei u.a. um eine
historisch-materialistische Analyse der Probleme von Strategie
und Taktik handelt. Gramsci bezieht sich auf die Politik der re-
volutionären Arbeiterbewegung der zwanziger und dreißiger Jahre
vor allem in Italien. Methoden und Ergebnisse seiner Untersuchun-
gen können - kritisch vermittelt - für das Erfassen der gegenwär-
tigen Situation in der BRD und Westberlin fruchtbar gemacht wer-
den (vgl. die Vorbemerkung zu den Gramsci-Aufsätzen).
In diesem Sinne weist A. Mazzone mit seinen einführenden
"Anmerkungen zum Dialektiker" Gramsci auf die beiden prinzipiel-
len theoretischen Voraussetzungen hin, die sowohl Gramscis Arbei-
ten - insbesondere über die Entstehungsgeschichte des italieni-
schen Einheitsstaates, des Risorgimento, und des italienischen
Faschismus - wesentlich mitbestimmt haben, als auch für eine po-
litische Gramsci-Interpretation grundlegend sind: historischer
Materialismus und Leninismus.
Ch. Buci-Glucksmann stellt den Begriff der "Hegemonie" als ele-
mentaren Bestandteil einer Revolutionstheorie Gramscis in den
Mittelpunkt ihrer Ausführungen. Bei Gramsci liegen für sie Ele-
mente einer "Theorie der Politik" vor, die die Analyse der Ent-
wicklung von gesellschaftlichen und politischen Kräfteverhältnis-
sen ermöglichen. In dieser Hinsicht beinhaltet die historisch-ma-
terialistische und politökonomische Analyse des jeweiligen Ver-
hältnisses von Ökonomie und Politik unter dem Primat der Politik
ein differenziertes Verständnis der Beziehungen zwischen Staat
und Ideologie. Hiermit erweise sich die Hegemonie-Konzeption
Gramscis als eine Strategie des Übergangs und zugleich als Me-
thode zum Verständnis der Mechanismen bürgerlicher Gegenstrate-
gien.
Der Gramsci-Schwerpunkt schließt mit einer Rezension M. Gartes
der bei VSA erschienenen Gramsci-Vorlesungen von L. Gruppi und
einer Würdigung der historisch-kritischen Ausgabe der Quaderni
del Carcere (Gefängnishefte), herausgegeben von V. Gerratana,
durch C. Chiellino.
Mit dem Beitrag von P. Ruben wird der auf Probleme der Wissen-
schaftstheorie und der Geschichte der Wissenschaften konzen-
trierte Schwerpunkt der SOPO durch ein für die Entwicklung des
dialektisch-materialistischen Wissenschaftsbegriffs bedeutsames
Thema erweitert. Ruben nimmt eine Fragestellung auf und stellt
ihre Lösung zur Diskussion, welche er in seinem Aufsatz
"Wissenschaft als allgemeine Arbeit" (SOPO 36) bereits dargelegt
hat. Ruben zeigt, wie das Verhältnis der Dialektik zu analyti-
schen und formallogischen Denkvorgängen und -voraussetzungen in
den Wissenschaften durch Hegels Entdeckung des Inhalts von logi-
schen Formen (des "Forminhalts") erstmals in der Geschichte des
Denkens Gegenstand wissenschaftstheoretischer Erörterungen wurde.
Die Charakterisierung dieser Entdeckung sowie ihrer ausschließ-
lich durch den Marxismus vollzogenen Rezeption und Verarbeitung,
welche Ruben in einer Untersuchung des Marxschen Begriffs der
Wertform darstellt, trägt zunächst zur Erweiterung des Horizonts
bei, in dem die historische Beziehung des dialektischen Materia-
lismus zum Idealismus der vormarxistischen Philosophie gesehen
werden muß. Darüber hinaus macht Ruben eine Reihe von Gesichts-
punkten geltend, unter denen die Negation der Dialektik im metho-
dologischen Zusammenhang der modernen bürgerlichen Wissen-
schaftsauffassung als Defizit ihrer theoretischen Voraussetzungen
erscheint.
Die Verbindung des wissenschaftstheoretischen Schwerpunkts zu der
in der SOPO seit Heft 32 geführten Auseinandersetzung mit Proble-
men der sozialwissenschaftlichen Systemtheorie (zuletzt durch
K.H. Tjaden in Heft 40) stellt C. Warnke in ihrem Aufsatz her.
Sie nimmt die in der bisherigen Diskussion aufgeworfenen Frage-
stellungen auf und führt sie auf den ihnen gemeinsamen histori-
schen und systematischen Kern zurück. Die dabei geleistete er-
kenntnistheoretisch-methodologische Rekonstruktion zeitgenössi-
scher systemwissenschaftlicher Ansätze setzt ihrerseits eine Re-
konstruktion systemwissenschaftlicher Bestandteile im Zusammen-
hang des historisch-dialektischen Materialismus voraus. Diese
werden zugänglich über eine detaillierte Untersuchung des Be-
griffs der Zirkulationssphäre bei Marx, aus der C. Warnke metho-
dologisch wichtige Ergebnisse für die weitere marxistische Unter-
suchung der Beziehung von Systemdenken und Dialektik gewinnt. Ab-
gesehen davon daß diese Ergebnisse in ihrer Bedeutung auch für
historisch-genetische Erklärungen von Gesellschaftssystemen (und
-formationen) zur Diskussion gestellt werden, informiert der Auf-
satz über Forschungsresultate einer Projektgruppe an der Akademie
der Wissenschaften der DDR, die von C. Warnke geleitet wird.
Unter der Fragestellung "Formierte Intelligenz"? wurden in SOPO
40 Tendenzen und Probleme der demokratischen Bewegung in der BRD
und in Berlin (West) unter dem Gesichtspunkt behandelt, daß demo-
kratische Alternativen zur Formierung der Wissenschaften und der
wissenschaftlichen Institutionen deutlich würden. Dabei war, wie
bereits in der Diskussion zum Thema "Neue Studentenbewegung"?
insbesondere das Hochschulrahmengesetz (HRG) als politisches
Steuerungsinstrument zur Zerstörung demokratischer Inhalte von
Lehre und Forschung, zur Befestigung unsozialer organisatorischer
Verhältnisse an den Universitäten, zur Vernachlässigung der Bil-
dungsbedürfnisse und Minderung von Ausbildungschancen der Mehr-
heit der Bevölkerung Gegenstand kritischer Beiträge. Die Kritik
des HRG ist unabdingbar für Information und Mobilisierung von
Hochschulangehörigen in ihrer Auseinandersetzung mit den im HRG
sich darstellenden politischen Tendenzen ebenso wie für die Ver-
teidigung der seit Ende der 60er Jahre erreichten demokratischen
Positionen im Ausbildungsbereich. Darüber hinaus ist selbstver-
ständlich auch die politische Analyse der Geschichte und des ge-
sellschaftlichen Inhalts bereits errungener Reformansätze Be-
standteil einer langfristig wirksamen Strategie gegenüber den
Formierungsinteressen des hochschulpolitischen Krisenmanagements.
Wesentlicher Gesichtspunkt für die Veröffentlichung der hoch-
schulpolitischen Thesen von D. Albers, Konrektor der Universität
Bremen, war es daher, die an dieser Ausbildungsinstitution über
einen langen Zeitraum gemachten praktischen Erfahrungen beim Auf-
bau und bei der Verteidigung eines demokratischen Hochschul-Mo-
dells zur Debatte zu stellen.
In Anknüpfung an die in SOPO 36 und 37/38 veröffentlichte Doku-
mentation zur Frage der "Diktatur des Proletariats" und die
hieran anschließenden Beiträge zum Thema "Eurokommunismus" in
SOPO 40 werden im vorliegenden Heft Probleme des Verhältnisses
von Demokratie und Sozialismus, von Form und Inhalt der soziali-
stischen Revolution und ihrer theoretischen Analyse in Beiträgen
von R. Katzenstein und H.H. Adler behandelt.
Unter Bezug auf die Dokumentation der französischen Diskussion in
SOPO 36 geht H.H. Adler der Frage nach, in welchem Maße und in
welcher Weise die Konzeption der sozialistischen Revolution auf
friedlichem Wege Formen der "Diktatur des Proletariats" erfordert
beziehungsweise Möglichkeiten ihrer Verwirklichung eröffnet, die
die Existenz einer parlamentarischen Opposition in ihrem Prozeß
selbst einschließen. Insbesondere versucht Adler, seine Überle-
gungen im Hinblick auf eine antimonopolistische Perspektive für
die Bundesrepublik zu konkretisieren.
In kritischer Auseinandersetzung mit den Thesen von C. Kievenheim
(SOPO 40) entwickelt R. Katzenstein in seinem Beitrag, daß erst
die Analyse der jeweils konkreten, historischen Kräfteverhält-
nisse zwischen den gesellschaftlichen Klassen es erlaubt, über
die Feststellung neuer ökonomischer und klassenstruktureller Be-
dingungen für die sozialistische Umgestaltung der gesellschaftli-
chen Verhältnisse hinaus auch Aussagen über die R e a l i s i e-
r u n g s m ö g l i c h k e i t e n dieser neuen Bedingungen zu
machen.
Mit dem Abdruck einer Antwort von C. Kievenheim auf den Beitrag
B. Heidtmanns zu theoretisch-politischen Problemen der "Euro-
kommunismus"-Debatte (SOPO 40) berücksichtigen wir einen nach-
drücklichen Wunsch des Verfassers. Allerdings soll hiermit kein
Auftakt zu einer längeren Reihe persönlich gerichteter Repliken
gegeben werden. Vielmehr gilt es im weiteren Verlauf der
Diskussion, die bisher gestellten Fragen im Einzelnen zu beant-
worten, den durch sie ausgedrückten Problemen der Entwicklung des
Sozialismus in Europa auch in empirisch-historischen Untersuchun-
gen nachzugehen, die aus der Entwicklung der jeweiligen Länder
resultieren.
In ihrem zweiteiligen Kongreßbericht vom diesjährigen XII. inter-
nationalen Hegel-Kongreß, der zu Ehren des 75jährigen Präsidenten
der Internationalen Hegel-Gesellschaft, Wilhelm Raymund Beyer,
vom 28. April bis zum 1. Mai in Salzburg stattfand, geben J. Kol-
kenbrock-Netz und M. Winkler eine kritische Darstellung des Kon-
greßverlaufs. Die darin deutliche Kontroverse zwischen Vertretern
bürgerlicher Praxis-Philosophie und der Praxis marxistischer Phi-
losophen war durch das Generalthema des Kongresses "Philosophie
der Praxis - Praxis der Philosophie" vorprogrammiert. Die beiden
Berichterstatter ließen sich aber weniger von den zeitweilig tur-
bulenten politischen Standortbestimmungen beeindrucken, sondern
legen bei ihrer Beurteilung der Kongreß-vorträge den sachlichen
Stellenwert geleisteter Philosophenarbeit als Kriterium zugrunde.
Über den ersten "Internationalen Kongreß Kritische Psychologie",
der vom 13.-15. Mai dieses Jahres in Marburg veranstaltet wurde
berichten W. Maiers und M. Markard. Es war im redaktionspoliti-
schen Interesse der SOPO, daß der Bericht über das sonst in der
Zeitschrift übliche Maß an Inhalt und somit auch Umfang hinaus
erweitert wurde. Denn erst so wurde ausführliche Information über
eine wissenschaftlich und politisch bedeutsame Strömung, die
"Kritische Psychologie" erreicht, deren Vertreter und Kritiker
auf dem Kongreß ihre Arbeitsergebnisse vorstellten. Die Bericht-
erstatter reflektieren den Charakter des Kongresses als Bilanz
und als Fortsetzung eines Prozesses breiter Auseinandersetzung,
der bereits in der Fachliteratur begonnen, nun in der unmittelba-
ren Begegnung der Beteiligten ausgeweitet und vertieft werden
konnte. Der Kongreß eröffnete für die weitere Entwicklung der
Kritischen Psychologie die Möglichkeit, ihre bisherigen Ergeb-
nisse auszudifferenzieren und unmittelbar auf berufspraktische
Fragestellungen der Psychologie beispielsweise beziehen zu kön-
nen. Aus diesem Grund weisen Maiers und Markard auch auf die Be-
deutung hin, die der Kongreß über den Kreis von psychologisch In-
teressierten oder als Psychologen Tätigen hinaus hat.
zurück