Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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       Diskussion & Kritik
       
       Bernhard Heidtmann
       

"EUROKOMMUNISMUS" ALS IDEOLOGIE?

Über theoretisch-politische Voraussetzungen ------------------------------------------- der Sozialismus-Frage *) ------------------------ "Der Kommunismus ist für uns nicht ein Z u s t a n d, der her- gestellt werden soll, ein I d e a l, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben (wird). Wir nennen Kommunismus die w i r k l i c h e Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt beste- henden Voraussetzung." (Marx/Engels, Deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 35) Wieweit sich die Sozialismusdiskussion derzeit noch im Vorfeld einer Klärung ihrer theoretischen Voraussetzungen bewegt, bewei- sen besonders diejenigen Beiträge, welche den s t r a t e g i- s c h e n E r ö r t e r u n g e n gegenüber t h e o r e t i- s c h e r A n a l y s e der gesellschaftlichen Bedingungen sozialistischer Politik den Vorrang geben. Ein Ungleichgewicht von ideologisch-politischer Meinungsbildung über den Gegenstand der Diskussion auf der einen Seite und der theoretisch- methodischen Reflexion der objektiven historischen Umstände, unter denen die Sozialismusfrage gestellt ist andererseits, ist u.a. aus den folgenden, zunächst allgemein zu skizzierenden Gründen auch in Chr. Kievenheims Thesen angelegt. In den Thesen werden mehr oder weniger direkt theoretisch und po- litisch bedeutsame Problemstellungen der marxistischen Arbeiter- bewegung aufgegriffen: die Rolle der M e h r h e i t e n i n d e r B ü n d n i s f r a g e, die Bedeutung der D i k t a- t u r d e s P r o l e t a r i a t s i n d e r O r g a n i- s a t i o n s f r a g e, die Unterscheidung v o n s o z i a- l i s t i s c h e r und b ü r g e r l i c h e r D e m o- k r a t i e usw. Diese Fragen wurden besonders auch nach dem XXII. Parteitag Themen der politischen Diskussion innerhalb der FKP - gegenüber kurzfristigen Lösungsangeboten bleiben sie aber substantieller und weiter zu entwickelnder Bestandteil des wissenschaftlichen Sozialismus Die folgenden kritischen Bemerkun- gen zielen jedoch nicht auf die Positionen, die innerhalb der FKP debattiert wurden (z. Teil von der SOPO in den Heften 36 und 37/8 dokumentiert). Es geht vielmehr u.a. darum, die A r t u n d W e i s e von V e r a l l g e m e i n e r u n g e n gewisser Bestandteile aus der französischen (und italienischen) Diskussion zu B e s t i m m u n g s g r ü n d e n sozialistischer Strate- gie in Westeuropa zu kennzeichnen, die u.a. auch in Kievenheims Thesen zu beobachten! ist. Denn mit diesen Verallgemeinerungen ist wohl auch unterstellt, daß die französische Linke, die durch- aus kontroversen Ergebnisse ihrer Diskussion (vgl. dazu E. Bali- bar gegenüber L. Sève u.a. zum Problem der Diktatur des Proleta- riats, in: SOPO 37/8) als einen verbindlichen Kanon von Orientie- rungspunkten für die gesamteuropäische sozialistische Politik verstünde - ein Gesichtspunkt, den etwa Berlinguer (Dokumente der Konferenz der kommunistischen und Arbeiterparteien Europas, Bin (DDR) 1976) deutlich in Abrede gestellt hat. Problematisch in dieser Unterstellung ist aber vor allem dies: die Thesen abstra- hieren von einem empirisch entscheidenden Moment, den unter- schiedlichen ökonomischen und politischen Verhältnissen in den Ausgangsbedingungen sozialistischer Politik im Bereich der west- europäischen Länder selbst; U n t e r s c h i e d e (beispiels- weise in der politischen Struktur der Linkskoalition sowie der ökonomischen Verhältnisse der westeuropäischen Länder) und G e m e i n s a m k e i t e n (hinsichtlich ihres objektiv öko- nomischen Verhältnisses zur EG und zu den USA) werden nicht beim Namen genannt, geschweige denn Gegenstand der Analyse. Dagegen ist bei K. der "E u r o k o m m u n i s m u s" oder ein "w e s t e u r o p ä i s c h e r M a r x i s m u s" Orientie- rungsbegriff einer Verallgemeinerung spezieller Auffassungen, die durch Abstraktion gerade von empirischen Verhältnissen gekenn- zeichnet ist. Wird an die Thesen die Frage gerichtet, wessen In- teresse und welche Auffassungen durch die Verwendung des Terminus "Eurokommunismus" ausgedrückt sein sollen, so kann festgestellt werden, daß "Eurokommunismus" und "westeuropäischer Marxismus" hier für eine Orientierung stehen, die sich deutlich zu einer Auffassung in Gegensatz befindet, welche von den wissenschaftli- chen Grundlagen des Marxismus ausgeht und in der Sozialismusfrage deren grundsätzlich internationalen Charakter in der allgemeinen Analyse der ökonomischen Gesellschaftsformationen anerkennt und darstellt. 1. Die theoretische Konstruktion -------------------------------- Wie die bürgerliche Systemtheorie (Luhmann) und die kritische Ge- sellschaftstheorie (Habermas) geht auch Kievenheim in seiner Er- örterung der Sozialismusfrage davon aus, daß die Marxsche Theorie der sozialistischen Revolution schon deshalb nur beschränkt Gül- tigkeit besitze, weil die "Transformationsbedingungen für einen Sozialismus in Westeuropa... indessen die Marxschen Vorausset- zungen nicht nur eingeholt, ... (sondern diese sich in gewissem Sinne bereits über sie hinausentwickelt" hätten (101). Die Frage ist nun: Aufgrund welcher theoretischer Voraussetzungen kommt man zu dieser Aussage, nach der die historischen Bedingungen der Marxschen Theorie zugleich die Grenzen ihrer Gültigkeit markie- ren? Sollte K. paradoxerweise eine R e v i s i o n d e s M a r x i s m u s m i t M a r x selber beabsichtigen, will er Veränderungen konstatieren auf Grundlage einer Theorie, die diese Veränderungen nicht mehr im Blick haben konnte? Die Unklarheit darüber, welche Theorie nun gelten soll, erzeugt theoretische In- konsistenz u.a. dort, wo es in den Thesen um die Einschätzung von historischen Voraussetzungen und Folgen der sozialistischen Ok- toberrevolution und der Entwicklung des realen Sozialismus geht. K. erklärt: Weil die Ausgangsbedingungen der Revolution und so auch des Aufbaus des Sozialismus "unterentwickelte" gewesen seien (105), stünde im Zentrum des Aufbaus die Aufgabe, "Entwick- lungsdefizite", die die alte Gesellschaft hinterlassen habe, "unter den neuen Verhältnissen aufzuholen" (101). Die theo- retische Voraussetzung aber, auf die man sich einlassen muß, soll diese Argumentation verständlich werden, besteht in einer vom Standpunkt des historischen Materialismus schwer nachvollziehba- ren V e r k e h r u n g in der theoretischen Aneignung und Ver- arbeitung eines tatsächlich großen Problems des realen Sozialis- mus. K. sagt nämlich, es sei für die Aufbauphase des Sozialismus kennzeichnend, daß die "materielle Basis der neuen Gesellschaft erst n a c h t r ä g l i c h geschaffen werden (mußte)", weil die "sozialistische(n) Eigentumsverhältnisse an den Hauptproduk- tionsmitteln... zunächst F o r m e n (waren), die erst real ausgefüllt werden mußten". Der Sozialismus habe die materiellen historischen Bedingungen seiner Existenz durch Einsatz politi- scher Macht im nachhinein zu schaffen (104). In dieser Verkehrung von Form und Inhalt des Sozialismus kann das wirkliche Problem nur angedeutet werden und zu problematischen Schlußfolgerungen führen. Es ist doch historische Tatsache, daß in den sozialisti- schen Ländern n i c h t s o f o r t sozialistische Eigentums- verhältnisse gesetzt worden sind. Beispielsweise handelte es sich in der sowjetischen Besatzungszone zunächst nur um Enteignung der Monopole, ferner in einer langen Phase der DDR-Entwicklung nur um Beschneidung der Akkumulation, schließlich wurden, den existie- renden Klassenverhältnissen entsprechend, auch unterschiedliche Eigentumsformen z. B. über die Bodenreform entwickelt. Diese exi- stierten und existieren noch u.a. in den LPG, in den Produktions- genossenschaften des Handwerks, in gemischten staatlichen und privaten Betrieben. Was aber gewinnt K., wenn er diese Entwick- lungen und Übergangsphasen des sozialistischen Eigentums aus dem Gesichtspunkt einer Verkehrung des historischen Verlaufs betrach- tet, demzufolge Eigentumsverhältnisse (und damit auch Klassenver- hältnisse) im Sozialismus e r s t als bloße Formen bestehen, deren materieller Inhalt d a n n nachträglich geschaffen würde? Die Schlußfolgerung, um derentwillen K. diese Verkehrung von Form und Inhalt (d.h. von Politik und Ökonomie) konstruiert zu haben scheint, liegt in der Behauptung einer fundamentalen Unterschied- lichkeit in den "strukturellen" Voraussetzungen des real existie- renden Sozialismus gegenüber den - unter kapitalistischen Ver- hältnissen entwickelteren - Sozialismusbedingungen in Westeuropa. (102) Die von K. postulierte "Neuorientierung des westeuropäi- schen Marxismus" hat neben der These über die Revisionsbedürftig- keit der Marxschen Theorie in entschiedener Distanzierung von der "politischen Praxis in den existierenden sozialistischen Ge- sellschaften und deren theoretischer Reflexion" ihre Ausgangs- punkte (101). K. beabsichtigt "Klärung der historischen Umstände und der ge- wollten Perspektiven" des Sozialismus. Dabei wären die "strukturell-historische Bestimmtheit" der nationalen Besonder- heiten und ihre Verallgemeinerungen hinsichtlich gemeinsamer Strategien der westeuropäischen Länder durch Erkenntnis der "historischen Entfaltung der strukturellen Gesetze" förderlich. (100) Versucht man durch Rekonstruktion des t h e o r e t i- s c h e n Standorts des Verfassers der Thesen über d i e p o l i t i s c h e Relevanz seiner im Zusammenhang der Sozia- lismusdiskussion aufgestellten Forderungen Klarheit zu gewinnen, so ergibt sich - dies sei der Beweisführung vorangestellt -, daß die Thesen weniger auf empirische Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen und historischen Voraussetzungen des Sozialismus angelegt sind, als daß ein n o r m a t i v e r, tendenziell dogmatischer S t a n d a r d in der Beurteilung von Voraus- setzungen und Bedingungen bestehender Gesellschaftsformationen leitend ist. 2. "Voraussetzungen" und "Bedingungen" des Sozialismus ------------------------------------------------------ Wenn Kievenheim in vordergründiger Übereinstimmung mit der K o n z e p t i o n d e r a n t i m o n o p o l i s t i- s c h e n D e m o k r a t i e (welche er allerdings im Gegen- satz zu der in der IKP und FKP geführten Diskussion nicht als eine Konzeption der V o r b e r e i t u n g s s t u f e des Sozialismus sondern d e r R e v o l u t i o n i e r u n g d e s Kapitalismus durch Reform versteht), von den ökonomischen Bedingungen ("Sozialismusbedingungen" im allgemeinen, "Transformationsbedingungen" für den Aufbau des Sozialismus in Westeuropa im besonderen) spricht, diese aber nicht im Zusammen- hang einer Analyse der tatsächlich w i d e r s p r ü c h- l i c h e n B e w e g u n g d e s K l a s s e n k a m p f e s untersucht, erscheinen jene Bedingungen (unter Absehung von ihren in den Klassenverhältnissen liegenden Voraussetzungen) als Bedingungen einer objektiven M ö g l i c h k e i t des Sozia- lismus insofern, als diese wie eine reale Gegebenheit im Bewußtsein der am Sozialismus" interessierten Klassen und Schichten" widergespiegelt erscheinen. Den Beweis für die R e a l i t ä t dieses so vorgestellten, als ideell antizi- pierbar gedachten Z u s t a n d s führt K. dadurch, daß er bestimmte politische Erscheinungen in den kapitalistischen Gesellschaften (realisierte Bündnisse, mögliche Mehrheiten usw.) zu Bedingungen einer "Transformation" des Kapitalismus erklärt und darüber hinaus "Entwicklungsdefizite", strukturelle Ungleich- heiten in der Entwicklung des realen Sozialismus, sowie Gemein- samkeiten in der Sozialstruktur des "entwickelten Kapitalismus" feststellt. Wenn nun aber klar ist, daß man den S t r u k- t u r b e g r i f f sinnvollerweise in Bezug a u f d e f i- n i t i v e S y s t e m e anwendet, folgt, daß so die Trennung der über ihre jeweilige Sozialstruktur zu unterscheidenden Syste- me des realen Sozialismus und der Bedingungen des westeuro- päischen Sozialismus bereits vollzogen wurde. Was als R e s u l- t a t einer Analyse der konkreten Natur des Sozialismus bzw. seiner Ausgangsbedingungen erst ausgewiesen werden müßte, ist mit der Feststellung ihrer prinzipiellen Differenz als m e t h o- d i s c h e r A u s g a n g s p u n k t fixiert. Dann ist es natürlich unmöglich - und unerheblich? - das Verhältnis von besonderen und allgemeinen Bedingungen des Sozialismus, das Verhältnis von nationalen Besonderheiten und Internationalität in der Sozialismusfrage im Interesse einer konkreten Analyse d i a l e k t i s c h zu fassen. Außerdem: Was ist der Sinn einer Ersetzung des Terminus soziali- stische R e v o l u t i o n durch sozialistische "Tranforma- tion"? Kann als "Transformation" d e r I n h a l t sozialisti- scher Revolution begriffen werden, die zunächst einmal Revolution in den gegenständlichen Eigentumsverhältnissen bedeutet? Diese ist unabdingbar für jede sozialistische Revolution. Sieht man näher, wie im Verlauf der Thesen der Begriff der Transformation in Anwendung kommt, dann fällt ins Auge, daß mit ihr die Abstraktion vom ökonomischen Inhalt der sozialistischen Revo- lution und weiter die Abstraktion von der Klassen- und Staats- theorie des Marxismus, den Klassenverhältnissen im Kapitalismus und im realen Sozialismus vollzogen wurde. Infolgedessen wird un- ter dem Titel der Transformation die s o z i a l i s t i s c h e R e v o l u t i o n a u s s c h l i e ß l i c h a l s p o l i- t i s c h e s P r o b l e m behandelt, woraus sich die Frage ergibt, ob K. unter den existierenden Verhältnissen des staatsmonopolistischen Kapitalismus mit E. Dühring und der klas- sischen Theorie der bürgerlichen Gesellschaft meint, die neue Ge- sellschaft, den westeuropäischen Sozialismus politisch k o n- s t i t u i e r e n zu können? Die Einwände betreffen aber auch das weitere methodische Problem, daß zwar die dialektisch-materialistische Methode für die Unter- suchung von Verhältnissen zwischen allgemeinen und besonderen Be- dingungen, subjektiven und objektiven Faktoren in der sozialisti- schen Bewegung gelegentlich zitiert wird, aber keinen methodisch bestimmenden Einfluß auf eine eher der System- und Strukturtheo- rie nahestehende Verfahrensweise hat. Getrennt von der Dialektik ist dann auch nicht - mit Marx ("Kritik des Hegelschen Staats- rechts") die "eigentümliche Logik des eigentümlichen Gegenstan- des" zu entwickeln; es ist vielmehr das Bedürfnis, bestimmte Ent- wicklungen und empirische Sachverhalte der allgemeinen politi- schen Vorstellung, der theoretischen Norm, eines westeuropäischen Sozialismus anzupassen und daraus politische Schlußfolgerungen zu ziehen, wodurch M o d e l l d e n k e n und Subsumtionslogik in die theoretische Diskussion eingebracht werden. So können von K. z. B. diejenigen W i d e r s p r ü c h e, wel- che für den realen Sozialismus charakteristisch sind (so das Ver- hältnis von Intensivierung und Extensivierung in der sozialisti- schen Ökonomie), und die Bestandteile des ökonomischen Inhalts des Sozialismus darstellen als solche und in ihrem wesentlichen Unterschied zu d e n Widersprüchen, die für den Monopolkapita- lismus bezeichnend sind, nicht auf den Begriff gebracht werden. Was die westeuropäischen Marxisten mit K. zu interessieren scheint, sind demgegenüber nur a l l g e m e i n e E r- s c h e i n u n g e n, die u.a. durch R e d u k t i o n des Kapitalismus auf e i n i g e s ä k u l a r e T e n d e n z e n (Höherqualifikation und Wachstum der Arbeiterklasse), die gewonnen werden, die für sich betrachtet ebenso selbstver- ständlich wie auch die Quantität des Entwicklungsgrades der Vergesellschaftung der Produktion im Kapitalismus ihre eigen- tümliche und nicht zu übersehende Bedeutung haben. Werden aber, wie das bei Kievenheim der Fall ist, q u a n t i t a t i v e E r s c h e i n u n g e n und s ä k u l a r e T e n d e nz e n als Sozialismusbedingungen q u a l i f i z i e r t, ist fälschlicherweise beansprucht, über die Feststellung dieser Er- scheinungen und Tendenzen, die methodische Entwicklung ihres W e s e n s, d.h. hier von Widersprüchen und G e s e t z- m ä ß i g k e i t e n, welche sich als Erscheinungen und Ten- denzen ä u ß e r n, geleistet zu haben. So kann von den "heuti- gen und absehbaren Bedingungen in Westeuropa" auch schon deshalb nicht umstandslos die Rede sein, weil sich hinsichtlich ihrer ökonomischen und politischen V o r a u s s e t z u n g e n bei- spielsweise Spanien, Frankreich und die BRD deutlicher von- einander unterscheiden als Rußland und Preußen im 19. Jahr- hundert. Wie bestimmt demgegenüber die marxistische Theorie die Dialektik von Voraussetzungen und Bedingungen, welche für die Theorie der sozialistischen Revolutionierung des Kapitalismus gilt? Engels z.B. konstatiert Vergesellschaftung der Produktion im Kapitalismus (Trusts/Monopole) immer nur in der Absicht zu zeigen, daß in ihr die V o r a u s s e t z u n g e n zu sehen wären, unter denen die historische Nähe und Notwendigkeit des Übergangs zum Sozialismus sichtbar wird. Diese Voraussetzungen bilden keineswegs auch schon die sozialökonomischen B e d i n- g u n g e n als solche; sie sind vielmehr Ausdruck der Notwen- digkeit des Übergangs, welche grundsätzlich nur vom Standpunkt der Arbeiterklasse erkannt werden kann. Als n o t w e n d i g e Bedingung haben wir gemäß der marxistischen Theorie bereits die vom Kapital entwickelte Maschinerie und große Industrie anzusehen, die Vergesellschaftung der Produktionsmittel als h i n r e i c h e n d e Bedingung. Die Realisierung des un- mittelbar gesellschaftlichen Charakters der kapitalistischen Pro- duktion ist dabei zugleich subjektiv ausgedrückt in der Selbstor- ganisation der Arbeiterklasse, durch Bildung ihrer Parteien und gewerkschaftlichen Organisationen. 3. Gesetzmäßigkeiten und Inhalt des Sozialismus ----------------------------------------------- Kievenheim gibt zu bedenken, daß in der Sozialismusdiskussion die Frage "der historischen Entfaltung der strukturellen Gesetze" nicht genügend konkretisiert worden sei; man gehe oft von "beliebigen Voraussetzungen" aus, weil diese nicht als "struk- turell historisch(e)" und so erst als gesetzlich bestimmt worden seien (100). Wie aber wird dieser Forderung in den Thesen entsprochen? Erinnern wir uns, daß die von K. herangezogenen so- zialstrukturellen Voraussetzungen und Bedingungen so zueinander in Kombination treten, daß daraus ein normativer Standard - ein Modell - zur Erklärung von "entwickelten", kapitalistischen und "defizitären", sozialistischen Voraussetzungen wurde. In dem Ver- such, die Verknüpfung jener Bedingungen und Voraussetzungen anzu- stellen, um so historische Entwicklungen zu erklären, argumen- tiert K. in kausalmechanischer Denkweise, auf die Lenins Kritik des Opportunismus und des Reformismus (Kautsky/Bernstein) zielte: E r s t sei die materielle Basis herzustellen, d a n n wäre Vergesellschaftung der Produktivkräfte die Folge; w ü r d e in Westeuropa die sozialistische Revolution stattfinden, d a n n würden die Massen die "für den Sozialismus relevanten Erfahrun- gen" machen (103). Umgekehrt: unter den unterentwickelten sozial- strukturellen Bedingungen des existierenden Sozialismus wären - wie wir bereits gesehen haben - die sozialistischen Eigentumsver- hältnisse erst bloße "Formen", die "nachträglich" real ausgefüllt werden müßten. Diese der Vorstellungswelt des Ö k o n o m i s- m u s entspringende kausalmechanische Auffassung von Gesetz- mäßigkeiten sagt: Immer dann, wenn bestimmte Eigenschaften oder Funktionen eines Systems (in den Thesen die durch Abstraktion ermittelten B e d i n g u n g e n des westeuropäischen Sozia- lismus) gegeben sind, wäre zwischen ihnen ein Zusammenhang herzustellen, welcher in den Farben eines westeuropäischen Sozialismus aufleuchtet. Wird nun diese Auffassung der Bestimmung sozialistischer Strategie zugrunde gelegt, ergibt sich, daß z.B. die Intervention imperialistischer Staaten (man denke an das Beispiel der chilenischen Konterrevolution) keinerlei Irrita- tionen eines als "friedlich" behaupteten (ebd.), jedoch als Auto- matismus konstruierten Übergangs, hervorrufen kann. Diese politi- sche Ungereimtheit liegt in der theoretischen Voraussetzung, daß nicht wie mit der Dialektik die Historizität eines Systems in ih- rem Entwicklungszusammenhang Gegenstand der Untersuchung wurde. Wie andererseits mit der dialektischen Gesetzesauffassung der Übergang historisch verstanden werden kann, mag folgendermaßen verdeutlicht werden: Die Gesetzmäßigkeit der Aufhebung des Kapi- talismus äußert sich für Marx darin, daß im Verlauf der kapitali- stischen Entwicklung der wirkliche Versuch der Bestandserhaltung des Kapitalismus sich so darstellt, daß genau diejenigen materi- ellen Bedingungen geändert werden, unter denen er als die ad- äquate gesellschaftliche Organisation der Produktivkräfte histo- risch auftritt. So sind Privateigentum und Privatarbeit einander bedingend Umstände. Die Verteidigung des Privateigentums muß nun gerade dadurch erreicht werden, daß unmittelbare Privatarbeit aufgehoben und in gesellschaftliche Produktion verwandelt wird. Entsprechend dieser Argumentation ist dann, wie in den soziali- stischen Ländern der Fall, der Inhalt des Sozialismus nichts an- deres als die Herstellung des gesellschaftlichen Eigentums für die bereits bestehende gesellschaftliche Produktion. Die Entwick- lung der P r o d u k t i v k r ä f t e der Arbeit heißt dann die Entwicklung der V e r g e s e l l s c h a f t u n g der Ar- beit. Die Entwicklung der Vergesellschaftung der Arbeit ist aber die Verwirklichung sozialistischer D e m o k r a t i e. Diese zeichnet sich somit dadurch aus, daß in ihr die gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit auch bereits auf einem niedrigeren Ni- veau der Arbeitsproduktivität entwickelt werden kann und materi- elle Grundrechte, z. B. dasjenige auf Arbeit, verwirklicht wur- den. Seinem Ansatz entsprechend muß K. zu grundsätzlich anderen Schlußfolgerungen bezüglich des I n h a l t s des Sozialismus kommen. Er spricht nicht nur gern und häufig von den unterentwic- kelten Bedingungen und konstatiert Entwicklungsdefizite, welche für die Rückständigkeit der Arbeiterbewegung charakteristisch ge- wesen seien (105), und es berechtigt erscheinen lassen, den west- europäischen Horizont in der Sozialismusfrage nicht zu über- schreiten. Die Folge ist abstrakte Betrachtungsweise realge- schichtlicher Entwicklung auch dort, wo K. von der "Deformation" des Sozialismus im "Stalinismus" spricht (ebd.). Weil man aber sinnvollerweise von "Deformation" nur dann redet, wenn eine i d e a l e F o r m a t i o n vorausgesetzt wird, in bezug auf die Deformation festgestellt werden kann, hilft die methodische Orientierung, die K. vorschlägt wenig, wenn es um die Diskussion der realen Tragweite von Voraussetzungen des "Stalinismus" in der Aufbauphase des Sozialismus und um seine historischen und ideolo- gischen Konsequenzen geht. Zu fragen ist hier doch, spricht man in dem bezeichneten Sinne v o n D e f o r m a t i o n, oder gilt es b e s o n d e r e E r s c h e i n u n g s w e i s e n im Vorgang des sozialistischen Aufbaus zum Gegenstand histori- scher Analyse zu machen? Hier ist sicher ein Bezugspunkt in be- reits vorliegenden Untersuchungen zur Geschichte der UdSSR und der KPDSU zu sehen, die auf Schwierigkeiten und Widersprüche beim Aufbau des Sozialismus eingehen und die sich daher auch mit Verstößen gegen die sozialistische Demokratie, die Prinzipien der sozialistischen Staatlichkeit, mit Fragen des Personenkults und den damit zusammenhängenden Problemen beschäftigen. 4. Formen der Diktatur ---------------------- Worum es in der Diskussion um die Diktatur des Proletariats der Sache nach geht, ist, daß man im Sinne der Marxschen Theorie Dik- tatur des Proletariats als die Ablösung der bürgerlichen Diktatur verstehen muß. Diese kann sich in Formen einer parlamentarischen Demokratie oder auch in Formen einer konstitutionellen Monarchie ausweisen. So wurde die parlamentarische Demokratie als eine Form der Diktatur als besonderes historisches Instrument gegen den Feudalismus entwickelt, als eine d i k t a t o r i s c h e F o r m d e r D u r c h s e t z u n g d e r b ü r g e r l i- c h e n G e s e l l s c h a f t bzw. des Kapitalismus. Sie realisierte sich aber auch als Diktatur beispielsweise des eng- lischen Bürgertums gegenüber der sozialreformerischen Chartisten- bewegung. Ebenso gibt es selbstverständlich verschiedene R e- a l i s a t i o n s f o r m e n d e r D i k t a t u r d e s P r o l e t a r i a t s. Sie ist einerseits Sicherung des Sozia- lismus gegen, militärische Intervention nach außen (d.h. der friedlichen Koexistenz) und sie; gewährleistet Entwicklung des Sozialismus bei Berücksichtigung seiner unterschiedlichen gesell- schaftlichen Formen nach innen. Darüber hinaus ist die Diktatur des Proletariats in Rücksicht auf die nationalen Besonderheiten, die unterschiedlichen Traditionen der sozialistischen Länder p o l i t i s c h differenziert zu betrachten. Die Diktatur des Proletariats stellt sich z.B. in der SU anders dar als in der DDR, die ebenso wie Polen und die CSSR ein Mehrparteiensystem der Diktatur des Proletariats entwickelt hat. Die Frage nach dem Konzept der Diktatur des Proletariats stellt sich aber nicht in erster Linie so, daß jeweils die spezifische, nationale, beson- dere historisch konkrete Form, die jeweils aktuelle p o l i t i- s c h e Realisierung ihres allgemeinen Inhalts betrachtet wird. Vielmehr ist die Diktatur des Proletariats in ihren nationalen Besonderheiten jeweils Erscheinungsform ihres wesentlichen ö k o n o m i s c h e n Inhalts. Es handelt; sich bei K. demnach um eine Abstraktion, die vom allgemeinen ökonomischen Inhalt in dieser Frage absieht, wenn er das M e h r h e i t s p r o- b l e m zu d e m Kriterium einer Theorie der adäquaten Macht- ausübung der Arbeiterklasse erklärt. In seiner Mehrheitsauffassung sieht K. systematisch von den öko- nomischen Voraussetzungen ab, unter denen z.B. in Frankreich und Italien ganz anders als in der BRD und in England ein weit höhe- rer prozentualer Bevölkerungsanteil an Kleinproduzenten und Bau- ern eine der Bedingungen darstellt, unter denen die Mehrheits- frage in diesen Ländern erst ihr spezifisches Gewicht gewinnt. Wie erklärt - nebenbei bemerkt - K. auf der anderen Seite das Entstehen der Mehrheiten, auf die sich der deutsche Faschismus stützen konnte? Wie unterscheidet er diesen Vorgang von dem, der den Sozialismus herbeiführen soll? Man kann natürlich mit K. den Versuch unternehmen, diese Frage "neu" zu stellen, muß dann aber nicht nur von ihrem ö k o n o m i s c h e n I n h a l t, son- dern auch von h i s t o r i s c h e n E r f a h r u n g e n abstrahieren. Z.B. von der Erfahrung, daß die Arbeiterklasse Ruß- lands eine objektive M i n d e r h e i t bildete (mindestens 80% der arbeitenden Bevölkerung waren Bauern), weshalb die marxi- stisch-leninistische Partei Rußlands vor und nach der Oktoberre- volution nur ca. 100 000 Mitglieder zählte. Sieht man das aber nicht nur quantitativ und daher formal, sondern unter dem histo- risch-qualitativen Gesichtspunkt der Herausbildung des Proletari- ats als "Klasse für sich", dann würde sich bei genauerer Untersu- chung ergeben, daß erst a u f d e r B a s i s d e s B ü n d- n i s s e s von Arbeitern und Bauern die marxistisch-leninisti- sche Partei e i n e f ü h r e n d e R o l l e im Prozeß der Revolutionierung Rußlands einnehmen konnte. Für K. ist es wohl sozialistisches Prinzip, das freilich nicht auf die tatsächliche Stürzung der Macht durch die Mehrheit bezo- gen wird, daß die sozialistische Umwälzung unmittelbar als ein Vorgang der I n t e g r a t i o n "verschiedener heterogene(r) Strömungen" breit gestreuter "Interessen" und "Auffassungen" ver- standen wird (106). Das ist formell natürlich unbestritten. Ver- schiedene Auffassungen und Interessen sind selbstredend Bestand- teil sozialistischer Politik, die allerdings im Zusammenhang der Bündnisfrage ihre politische Bedeutung gewinnen, wenn sie im K l a s s e n v e r h ä l t n i s ihren q u a l i t a t i v e n Bezugspunkt haben und nicht durch Integration nur f o r m e l l vereinheitlicht sind. Wenn K. darüber hinaus - ungeachtet der be- stehenden nationalen und internationalen imperialistischen Ge- waltverhältnisse - die sozialistische Revolutionierung kapitali- stischer Länder (er möge doch einmal die USA in diesem Fall mit in Betracht ziehen) als "schrittweise Veränderung der ökonomi- schen und politischen Kräftekonstellationen im Kampf um Reformal- ternativen gegenüber monopolistischer Ökonomie und Politik" vor- stellt (103), dabei aber die O r g a n i s a t i o n s f r a g e sozialistischer Klasseninteressen seitens der kommunistischen Parteien i n d e r B ü n d n i s p o l i t i k entweder außer acht läßt oder aus dem Gesichtspunkt des Verdachts auf "Vorherr- schaft" betrachtet, verschwindet die Konzeption der Revolutio- nierung in einer abstrakten Alternative: kollektive Willens- bildung durch - wie auch immer geartete - Integration einerseits, Usurpation der sozialistischen Bündnisse durch "Hegemonie" der kommunistischen Parteien andererseits. 5. Mehrheiten-Pluralismus oder Klassenverhältnis? ------------------------------------------------- Kievenheim will im Sozialismus diejenige Koalition, die ihn herbeigeführt hat, n a c h h e r erhalten wissen (102). Es sei Ausdruck der "Schwäche" der Arbeiterklasse vor und nach der Ok- toberrevolution in Rußland gewesen, daß sie ihre Herrschaft als Diktatur des Proletariats nach innen und außen errichtete. Will - nebenbei bemerkt - K. damit sagen, daß es sich um einen Ausdruck der Schwäche der Arbeiterklasse der S.U. gehandelt habe, daß es ihr gelang, den Faschismus erfolgreich zu bekämpfen? War es ein Ausdruck der Schwäche der Arbeiterbewegung, daß es ihr mit dem Instrument der sozialistischen Industrialisierung gelang, große Teile der Naturkräfte und -ressourcen Sibiriens in weniger als einer Generation anzueignen und 60 Universitäten einzurichten? Soll in der Bündnisfrage nicht die historische Tatsache anerkannt werden, daß nach 1917 zunächst ein M e h r p a r t e i e n- s y s t e m in Rußland existierte, welches n a c h dem Putsch der Sozialrevolutionäre durch ein E i n p a r t e i e n s y- s t e m ersetzt wurde, weil eben Teile des Bündnisses nach der Revolution objektiv auf die Seite der Reaktion übergegangen waren? Sieht man aber von dieser historischen Erörterung ab, und versucht das von K. aufgestellte Problem prinzipiell zu verstehen, so handelt es sich doch darum, daß die Vervollkommnung der sozialistischen Demokratie die Auflösung aller Klassen in Arbeiter des sozialistischen Gemeinwesens bedeutet. Diese Sicht ist nun für K. schon dadurch verloren und verzerrt, daß er einen merkwürdigen Begriff der Arbeiterklasse zur Debatte stellt. Er spricht von den "am Sozialismus potentiell interessierten lohn- arbeitenden Klassen und Schichten, (die) in den industriell entwickelten Ländern heute die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung" bilden (ebd.). Wird damit Engels' Definition der Ar- beiterklasse als eine Klasse derer, die nichts zu verkaufen haben als ihre Arbeitskraft (Deutsche Ideologie) ungültig? Selbstver- ständlich ist die Arbeiterklasse in sich geschichtet. Die unter anderem doch unterschiedliche Qualifikation bewirkte Schichtung hat unterschiedliche Ausprägung der revolutionären Potenz zur Folge. In diesem Sinne spricht auch die Theorie des staatsmonopo- listischen Kapitalismus im Zusammenhang der Bündnisfrage von den "antimonopolistischen Schichten". Die Entwicklung der Arbeiter- klasse ist hiermit als ein Prozeß verstanden, welcher auf stets neuer Stufenleiter deshalb stattfindet, weil die Widersprüche, die Formen des kapitalistischen Drucks auf die Arbeiterklasse sich gerade auch im Zusammenhang der Höherentwicklung der Produk- tivkräfte verändern. Wenn aber K. in gewisser terminologischer Übereinstimmung mit dieser Konzeption die theoretische Orientie- rung seines Klassenbegriffs am G r u n d w i d e r s p r u c h des Kapitalismus aufgibt und deshalb die O r g a n i s a t i- o n s f r a g e nicht als i n t e g r a l e n Bestandteil der Herausbildung des Proletariats zur Klasse anerkennt, sondern nur beiläufig erwähnt, zeichnen sich große Beeinträchtigungen auch d e r Möglichkeit ab, das Verhältnis von politischer Form und ökonomischem Inhalt in der Frage der Diktatur des Proletariats angemessen zur Diskussion zu stellen. Das kommt dann zum Ausdruck, wenn K. mit einem voluntaristischen Begriff der Arbeiterklasse, demnach sich objektive Bedingungen in subjektives Klassenbewußtsein nahezu automatisch umsetzen, ope- riert oder mit einem Verständnis, nach dem sich wohl ein Teil der westeuropäischen Intellektuellen als Teil der Arbeiterklasse be- greift. Dies geschieht, indem die Arbeiterklasse intellektuali- siert wird: "Nach der 'stofflichen' Seite ihrer Arbeit antizi- piert etwa die 'wissenschaftlich-technische Intelligenz' Elemente von Tätigkeiten, die auf einem höheren Entwicklungsstand alle Ar- beitstätigkeiten zunehmend durchdringen werden: Elemente der gei- stigen Arbeit" (ebd.) Abgesehen davon, daß die "weitaus überwie- gende Mehrheit der Bevölkerung an der wissenschaftlichen Produk- tion nahezu unbeteiligt (ist)" (H.J. Sandkühler, über die logi- sche Basis des Kommunismus, SOPO 39, S. 10), werden die kompli- zierten und widersprüchlichen Wirkungen der wissenschaftlich- technischen Entwicklung unter kapitalistischen Bedingungen im Zu- sammenhang des Klassenproblems bei K. nicht behandelt. Diese Wir- kungen bestehen u.a. aber darin, daß einerseits zwar partielle Qualifizierung und Autonomisierung z.B. der Industriearbeit für Teilgruppen stattfindet, daß aber auf der anderen Seite weitrei- chende Dequalifizierungsprozesse ablaufen, restriktive Arbeits- formen erhalten und sogar verstärkt werden. Kann man allen Ern- stes unter diesen Voraussetzungen davon sprechen, daß in wissen- schaftlich-technischer Arbeit ein "höherer Entwicklungsstand" a l l e r Arbeitstätigkeiten im Kapitalismus angelegt sei? Dar- über hinaus: Wie bezieht K. nun diejenigen Teile des Proletariats in seinen Klassenbegriff ein, deren Arbeitskraft durch Vernich- tung von Arbeitsplätzen im Zuge der wissenschaftlich-technischen Entwicklung im Kapitalismus brachgelagt wird? Will K. insgesamt unterstellen, daß die Realisierbarkeit gegebener Möglichkeiten des wissenschaftlich-technischen Fortschritts - so die Entwick- lung des wissenschaftlichen Charakters der gesellschaftlichen Ar- beit -, die unter sozialistischen Bedingungen r e a l e Per- spektive ist, unter kapitalistischen Bedingungen a n t i z i- p i e r t werden könnte? Unter diesen u.a. Voraussetzungen geht es K. mit "den westeuropä- ischen Marxisten um die Bewahrung und Weiterentwicklung von For- men repräsentativer Demokratie" (106), der Übergang zum Sozialis- mus "muß sich zu jedem Zeitpunkt auf eine Übereinstimmung von ob- jektiven Interessen und subjektiven Willen der Mehrheit stützen, eine Mehrheit, die in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um konkrete Ziele jeweils zu erringen ist und sich auch parlamenta- risch legitimiert." (103) So gestellt ist die Frage formell na- türlich nicht problematisch; sie wird es nur in dem Kontext, in dem K. sie stellt; und zwar dann, wenn man nach dem I n h a l t der Mehrheit fragt. Was ist mit dem Inhalt der Mehrheit gemeint? Es zeigt sich, daß K. vom inhaltlichen qualitativen Mehrheitsbe- griff (wie er beispielsweise in Rousseaus politischer Philosophie in seiner Widersprüchlichkeit reflektiert ist) absieht zugunsten einer quantitativen Definition der Mehrheit, deren Inhalt wohl ein antimonopolistischer Konsens bzw. ein unbestimmtes Sozialis- musinteresse genannt werden muß. Weil das Problem des Inhalts nicht reflektiert wird, bleibt eine a r i t h m e t i s c h e M e h r h e i t s a u f f a s s u n g übrig. So aber ist der Unterschied und der Ablösungsprozeß der bürgerlichen Demokratie durch die sozialistische nicht zu bestim- men. In diesem Ablösungsprozeß geht es vielmehr um die Ersetzung der bürgerlichen Demokratie durch die sozialistische. Im Sozia- lismus ist die Frage unter der ö k o n o m i s c h e n V o- r a u s s e t z u n g gestellt, daß das gesellschaftliche Eigen- tum, entwickelt auf verschiedenen Stufen als Volkseigentum, Kol- lektiveigentum usw., realisiert ist. Unter dieser Voraussetzung ist dann auch die sozialistische Demokratie etwas völlig anderes als die bürgerliche Demokratie unter der Voraussetzung des Kapitalismus. Die sozialistische Demokratie ist - mit Marx - we- sentlich ö k o n o m i s c h, während die bürgerliche Demokra- tie wesentlich p o l i t i s c h ist. Denjenigen Linken, die sich nun ausschließlich an der politischen Fragestellung erwär- men, muß dann allerdings - infolge der Abstraktion vom ökonomi- schen Inhalt - der Entwicklungsprozeß der sozialistischen Demo- kratie farblos erscheinen. Entsprechend diesem Inhalt sind dann aber auch die politischen Formen der Realisierung des ökonomi- schen Inhalts der sozialistischen Demokratie völlig andere. So wie K. das Problem stellt, beinhaltet es konsequenterweise eine doppelte Abstraktion: sowohl von der bürgerlichen Gesellschaft als auch von der sozialistischen Demokratie. Folge ist, daß für die theoretische Diskussion dieser Frage eine falsche Alternative aufgestellt wird: entweder sozialistische Demokratie o d e r Bewahrung und Weiterentwicklung der repräsentativen parlamentari- schen Demokratie. 6. Die formale Freiheit und Gleichheit -------------------------------------- Kievenheims These über die Verwirklichung des Sozialismus durch ein einfaches Erlangen der Mehrheit, welche bereits von Marx und Engels in der Analyse der Erfahrungen der Commune zurückgewiesen wurde, aber auch Problem in der deutschen, englischen (McDonald) und französischen (Jaurès) Sozialdemokratie war, wird verbunden mit der Forderung nach einer "Beseitigung des Widerspruchs poli- tischer Freiheit und Gleichheit... und der durch das Kapitalver- hältnis bedingten ökonomischen Ungleichheit und Abhängigkeit" (106). Die theoretischen Voraussetzungen dieser Forderung wären somit in einer fundamentalen Verwendung der bürgerlichen Frei- heits- und Gleichheitsvorstellung zu sehen? Im Zusammenhang der Frage des Linksbündnisses, der Organisationsdebatte, der Rolle der kommunistischen Parteien und seines Vergleichs des realen und des westeuropäischen Sozialismus fordert K. "Garantie der i n d i v i d u e l l e n Meinungs- und Organisationsfreiheit", in das Linksbündnis will er a l l e irgendwie am Sozialismus interessierten Klassen und Schichten einbezogen wissen; eine Ko- alition der Linkskräfte stellt sich dar als "Partizipation der Massen am p o l i t i s c h e n Willensbildungsprozeß" (ebd., Hervorheb. d. Verf.). Ich möchte nun behaupten, daß K. so wie er das Problem der Frei- heit und Gleichheit gestellt sieht, erstens nicht vom gesamtge- sellschaftlichen, sondern vom Standpunkt der b ü r g e r l i- c h e n Gesellschaft ausgeht, daß er zweitens in der Behandlung dieses Problems eine eigentümliche Mischung s o z i a l d e m o- k r a t i s c h e r und u t o p i s c h e r O r i e n- t i e r u n g vertritt. Es ist die Vorstellung der inhaltlichen gesellschaftlichen Möglichkeit von Freiheit und Gleichheit im Sozialismus, der ihrerseits die Annahme der Möglichkeit des freien und gerechten Tausches, der Emanzipation aller Mitglieder eines Gemeinwesens als einer E m a n z i p a t i o n d e r S u m m e a l l e r e i n z e l n e n zugrunde liegt. Die sozialdemokratische Orientierung, von der hier die Rede ist, geht aus von der Vorstellung, die Arbeiter individuell zu emanzi- pieren. Sie fordert, daß die Vorstellung der Gleichberechtigung des Arbeiters zum Kapitalisten (von "Kapital und Arbeit") durch "Umverteilung", "Volksaktien", "breite Streuung" des Privateigen- tums zu realisieren wäre. Zweifellos liegt die auch für Angehö- rige der wissenschaftlich-technischen Intelligenz suggestive ideologische Macht dieser Orientierung in der Erfahrung, daß es im Kapitalismus für den einzelnen möglich ist, sich in den Pri- vateigentümer zu verwandeln. (Hier ist das Privateigentum "an sich" gemeint, nicht etwa die Fähigkeit, Kapitalist zu werden). Stellen wir nun aber die Frage der Emanzipation der Arbeiter- klasse in dem Sinne, wie sie in der von Marx und Engels in der Deutschen Ideologie, der Judenfrage, der Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie usw. dargelegt wurde, dann er- gibt sich ganz offensichtlich folgende Alternative (wenn anders man nicht von der Emanzipation des Menschen zum "wahren" Men- schen, der bürgerlichen Gesellschaft zum "wahren Sozialismus" re- den will): Befreiung d e s I n d i v i d u u m s oder der K l a s s e n als G r u n d b e d i n g u n g e n d e r s o z i a l i s t i s c h e n E m a n z i p a t i o n d e r A r b e i t e r. Aus der Voraussetzung allerdings - welche bei K. angelegt zu sein scheint -, daß man meint, die Verwirklichung der Freiheit des Individuums sei der Inhalt der historischen Um- wälzung, folgt, daß ein gesellschaftlicher Zustand in Aussicht gestellt wird, in dem a l l e Privateigentümer sind, d.h. eine Gesellschaft des freien und gerechten Tausches. Dies aber war, wie man von Marx' Kritik weiß, auch die Vorstellung des uto- pischen Sozialismus Proudhons. Es handelt sich um eine theore- tisch falsche und politisch absurde Forderung deshalb, weil sie in ihrer Konsequenz bedeutet, daß i n d e r E m a n z i p a- t i o n a l l e r E i n z e l n e r d i e E m a n z i p a- t i o n d e r A r b e i t e r k l a s s e a u s g e- s c h l o s s e n wird. Das ergibt sich mit der marxistischen Theorie aus folgender Überlegung: Der Austausch als die soziale Basis von Freiheit und Gleichheit, der jedenfalls, die K. vor Augen zu haben scheint, setzt immer die U n g l e i c h h e i t von konkreter A r b e i t voraus. Deshalb ist die Ungleichheit die Voraussetzung der sozialen Ver- gleichshandlung durch den Austausch, der Anerkennung der Pri- vateigentümer als freie und gleiche. Indem die Gleichheit über die Ungleichheit mit sich selbst vermittelt ist, hat - mit Hegel gesprochen - die Gleichheit ihren Gegensatz, das Moment der Un- gleichheit, an sich. Und diese Bedingung besteht - entsprechend der marxistischen Theorie - für jede Form gesellschaftlicher Ver- hältnisse. Sie ist Grundbedingung des gesellschaftlichen Lebens- zusammenhangs. Daher ist der jeweilige gesellschaftliche Zusam- menhang erst hinreichend bestimmt, sei es als Sozialismus, sei es als bürgerliche Gesellschaft, wenn die bestehenden Austausch- und Kommunikationsverhältnisse, Rechtsverhältnisse etc. auf die ihnen Vorausgesetzen spezifischen Bedingungen, i.e. die spezifische Un- gleichheit, zurückgeführt sind. Betrachtet man das vom Standpunkt der Zirkulationssphäre, den Marx einnahm, um Freiheit und Gleichheit als Ideen der bürgerli- chen Gesellschaft zu analysieren, und vom Standpunkt der Produk- tionssphäre, den Marx einnahm, um den materiellen Inhalt dieser Ideen auf den Begriff zu bringen, dann stellt sich das Verhältnis von Gleichheit und Ungleichheit unter kapitalistischen Vorausset- zungen als ein das K l a s s e n v e r h ä l t n i s ausdrüc- kender W i d e r s p r u c h dar. Marx zeigt, daß der für das Kapitalverhältnis wesentliche Mehrwert gerade deshalb nicht in der Sphäre der Zirkulation seinen Grund oder Ursprung haben kann, weil diese Sphäre die des Äquivalententauschs ist, während doch die Mehrwertbildung den Widerspruch voraussetzt, daß Nicht-Äqui- valente ausgetauscht werden. Das Resultat ist bekannt: Marx fin- det die Quelle des Mehrwerts und damit die materielle Ursache oder Voraussetzung des Kapitalverhältnisses einschließlich der sozialen Gleichheits-/Ungleichheitsverhältnisse im Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft, die unter der V o r a u s s e t z u n g d e r T r e n n u n g d e r P r o d u z e n t e n v o n d e n P r o d u k t i o n s m i t t e l n, d. h. unter der V o r a u s s e t z u n g d e s K l a s s e n v e r h ä l t- n i s s e s, mehr an Wert produziert, als ihrem Tauschwert entspricht, und so die Voraussetzung des nicht äquivalenten Tau- sches erfüllt. Wird nun wie bei K. der strategischen Perspektive eines mehrheit- lich zu erringenden Sozialismus der formale Freiheits- und Gleichheitsbegriff zugrunde gelegt, steht dies im Gegensatz zur dialektisch-materialistischen Auffassung der formalen Freiheit und Gleichheit, deren Moment die Ungleichheit, unter kapitalisti- schen Voraussetzungen der Widerspruch ist. Das Ausgehen von der abstrakten Gleichheitsforderung unterstellt nach Marx den Begriff d e r Freiheit, welcher die Privateigentümer im Verhältnis zu anderen Privateigentümern von sich haben. T h e o r e t i s c h geht man dann nicht vom Widerspruch, sondern vom a u s g e- s c h l o s s e n e n W i d e r s p r u c h, in der P o l i- t i k nicht von den Bedingungen des Klassenkampfs, sondern vom a u s g e s c h l o s s e n e n K l a s s e n v e r h ä l t- n i s aus (vgl. zu diesem Ausschluß des Widerspruchs P. Ruben, Wissenschaft als allgemeine Arbeit, in SOPO 36). So wird auch in der Art, wie Kievenheim die Möglichkeit des demokratischen oder friedlichen Weges zum Sozialismus diskutiert, kontradiktorisch gegenübergestellt und damit für seine Perspektive ausgeschlossen, daß - man denke an Lenins Untersuchungen dieses Sachverhaltes - im Klassenkampf die Emanzipation der Klasse die Voraussetzung bildet zur realen und nicht nur formellen Emanzipation der Individuen eines Gemeinwesens. Wenn aber die Emanzipation der Arbeiterklasse die Voraussetzung für die Befreiung -aller" der im Mehrheitsbündnis vereinigten demokratischen und sozialistischen Kräfte bildet, dann ist die R e a l i s a t i o n d e r K l a s s e a l s S u b j e k t des politischen Handelns einschließlich der gewerkschaftlichen und sozialistischen Organi- sationsformen dieses Subjekts eine fundamentale B e d i n- g u n g auch f ü r d i e E m a n z i p a t i o n a l l e r e i n z e l n e n. Im Sinne des Kommunistischen Manifestes er- scheint unter den gegebenen Voraussetzungen die Realisierung der Klasse als Subjekt der Emanzipation oder der sozialistischen und kommunistischen Bewegung in der Existenz der kommunistischen Parteien e b e n s o wie in den Massenorganisationen der Arbei- terklasse. Die Tendenz, durch welche der 'Eurokommunismus" oder der "west- europäische Marxismus" zum Begriff einer abstrakt ideologischen Sozialismusperspektive wird, ist nun auch dadurch nicht korri- giert, daß K. in den Thesen die Auffassung durchscheinen läßt, sie seien Ausdruck eines Konsenses, dessen Träger eine neue Generation von Angehörigen der linken Intelligenz, die "west- europäischen Marxisten" wären. Denn auch westeuropäische Mar- xisten werden sich in weiterer Auseinandersetzung mit der durch K. vorgegebenen Perspektive bald vor die Frage gestellt sehen, ob die Diskussion über politische Selbstverständigung von Angehö- rigen der Intelligenz hinaus allgemeine Bedeutung gewinnt, wenn diese Diskussion (gerade auch in ihren theoretischen Voraus- setzungen) durch Indifferenz gegenüber den wirklichen Verhältnis- sen des Klassenkampfs sowie der Realität des historisch vorhan- denen Sozialismus gekennzeichnet bleibt. _____ *) Der folgende Beitrag bezieht sich auf Christoph Kievenheims Thesen, die in diesem Heft der SOPO veröffentlicht sind (Seitenangaben in Klammern). zurück