Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977
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Peter Ruben
ÜBER METHODOLOGIE UND WELTANSCHAUUNG DER KAPITALLOGIK
Seit Beginn der sechziger Jahre in Ansätzen, seit Beginn der
siebziger in voller Ausbildung und mit dem bemerkenswerten An-
spruch, die theoretischen Grundlagen des wissenschaftlichen So-
zialismus im allgemeinen und der Kritik der politischen Ökonomie
im besonderen zu "rekonstruieren", hat sich eine philosophische
Strömung entwickelt, die im folgenden nach ihren wesentlichen me-
thodologischen und weltanschaulichen Voraussetzungen untersucht
werden soll, die sogenannte Kapitallogik. Mit dieser Analyse wird
zu zeigen sein, in welchem Maße "sich die Sozialismusdiskussion
derzeit noch im Vorfeld einer Klärung ihrer theoretischen Voraus-
setzungen bewegt", welch "Ungleichgewicht von ideologisch-politi-
scher Meinungsbildung ... und der theoretisch-methodischen Refle-
xion" 1) der vermeinten "Rekonstruktion" des wissenschaftlichen
Sozialismus in der Tat zugrunde liegt.
Zuvor sei noch bemerkt: 1. müssen wir im folgenden die Kenntnis
der wesentlichen Literatur voraussetzen, um nicht das eigene An-
liegen durch Zitatitis zu ertränken; 2. versteht es sich, daß die
zu erörternden Probleme nur einen Ausschnitt aus der Gesamtheit
der kapitallogischen Fragestellungen bilden. Demgemäß liefert
dieser Aufsatz mehr das Programm als die detaillierte Realisie-
rung einer Kritik der Kapitallogik; 3. schließlich sind die fol-
genden Überlegungen als Fortsetzung meiner Darstellungen in der
SOPO zu betrachten, setzen diese daher theoretisch voraus. 2)
1. Was ist Kapitallogik?
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Mit dem Terminus "Kapitallogik" bezeichne ich alle und nur die
Interpretationen des Marxschen "Kapital" und seiner Vorarbeiten,
die - unter vorausgesetztem philosophischen Interesse - die
A n a l y s e u n d E n t w i c k l u n g d e r W e r t-
f o r m (bzw. Warenform) als ihr theoretisches Fundament anneh-
men. Die Kapitallogik ist also eine eigentümliche Deutung der
Sprache der Marxschen Lehre von der Wertform (im Unterschied zur
Wertsubstanz und Wertgröße). Im Rahmen solcher Interpretati-
onsleistungen ist der Terminus "Kapitallogik" 3) bzw. "Logik des
Kapitals" 4) selbst geprägt worden, so daß meine Benennung keine
Privaterfindung ist, sondern als von den entsprechenden Interpre-
ten vorgegeben und durchaus angemessen übernommen wird. Natürlich
akzeptiere ich mit dieser Übernahme nicht die Vorstellung, nach
welcher das Kapital eine Logik habe, vielmehr meine ich, daß der
Terminus "Kapitallogik" adäquat das Interpretationsprodukt be-
zeichnet, das hier zur Debatte steht.
Indem nun die Kapitallogik in Marx Analyse und Entwicklung der
Wertform den theoretischen Ausgangs- und Kernpunkt der Dialektik
im "Kapital" völlig zutreffend diagnostiziert hat, ist von ihr im
akademischen Dasein der Philosophie unter bürgerlichen Bedingun-
gen eine qualitativ neue Situation in der Marx-Rezeption erzeugt
worden. 100 Jahre nach dem Erscheinen des "Kapital" kommt man in
den Hörsälen der in der bürgerlichen Gesellschaft institutionali-
sierten Philosophie endlich auf die Idee, Marx' elementare theo-
retische Grundlagen wenigstens in ihrer sprachlichen Gestalt
w a h r z u n e h m e n - ein bemerkenswerter Vorgang! Wer ein
Sensorium für philosophische Entwicklungen hat, kann diesem Phä-
nomen sein Interesse nicht verweigern. Man hat darin eine spe-
zielle Reflexion der geschichtlichen Situation der Gegenwart, der
tiefgreifenden Krise des kapitalistischen Systems, der enormen
Fortschritte des internationalen Sozialismus, des Zusammenbruchs
des alten imperialistischen Kolonialsystems in den Befreiungs-
kämpfen der Völker der sogenannten "dritten Welt". Mit einem
Wort: die Existenz der Kapitallogik demonstriert empirisch, daß
das bourgeoise Gerede von der "Überholtheit" Marxschen Denkens
leeres Geschwätz ist. Marx kann nicht ignoriert werden, weil die
gesellschaftliche Wirklichkeit der Gegenwart nur in seinen Be-
griffen, mit seiner Theorie nicht ignoriert werden kann. Freilich
wird damit die Existenz von Ignoranten nicht ausgeschlossen - ein
Phänomen, das in der biologischen Evolution der Produktion leta-
ler Mutanten gleicht.
Mit der Feststellung, daß die Kapitallogik eine besondere philo-
sophische Interpretation der Marxschen Lehre von der Wertform
ist, wird zugleich erklärt, daß die Gesamtheit der seit Mitte der
sechziger Jahre stark zunehmenden Deutungen des Marxschen
"Kapital" keineswegs durch den kapitallogischen Zugriff erschöpft
ist. Insbesondere fachökonomische Untersuchungen gehören nicht
dazu (Ökonomie ist nicht Philosophie). Ebensowenig wird man etwa
Althussers und Balibars Darstellung 5) als Exemplar der Kapital-
logik vorstellen können, wenngleich sie für die Genesis derselben
sicher von erheblicher Bedeutung gewesen ist. Das ist einfach
deshalb der Fall, weil Althusser - gebildet im analytischen Den-
ken cartesianischer Provenienz - mit dem "schrecklichen, in sei-
ner Terminologie und Gliederung noch Hegelschen ersten Teil von
Buch I" des "Kapital" 6) nicht so recht warm werden konnte, d. h.
die Wertformanalyse und -entwicklung nicht als Modellbeispiel der
Anwendung materialistischer Dialektik erkannte. Auch K. Hartmanns
transzendentalphilosophische Exkursion kann nicht als ein Bei-
spiel der Kapitallogik betrachtet werden, wenngleich natürlich
als Exempel für die "Unhintergehbarkeit" des Marxschen Denkens.
7)
über Chr. Helbergers Darstellung 8), die ebenfalls nicht zur Ka-
pitallogik zu zählen ist, sei an dieser Stelle nur bemerkt: In
ihr wird versucht, die Kommunikationsfähigkeit der analytischen
Wissenschaftstheorie mit dem - vom Autor sehr freizügig gefaßten
- Marxismus abzutasten, wobei jene Wissenschaftstheorie als un-
diskutierte Voraussetzung über den "modernen" Standpunkt in der
allgemeinen Methodologie gilt. Wenngleich solche Unterstellung
(warum z.B. notiert Helberger nicht wenigstens die konstruktive
Wissenschaftstheorie, um sich über die "Modernität" der analyti-
schen ein besseres Bild zu verschaffen?) jenes Abtasten im Grunde
desavouiert, kann man doch zugestehen, daß die vorgeführten Pro-
bleme ernsthaft zur Debatte stehen, d. h. eine ebensowohl notwen-
dige wie aufwendige Lösung erfordern. Da sie aber jenseits der
Bestimmungen der Kapitallogik zu suchen ist, nämlich im Felde des
Zusammenhangs der materialistischen Dialektik mit der analyti-
schen Methode der wissenschaftlichen Fach- oder Teilarbeiter, so
werden wir im weiteren Helbergers Überlegungen nicht diskutieren.
über W. Beckers "Beitrag" 9) schließlich, der in keiner einzigen
Passage das "Kapital" wenigstens zu verstehen sucht (vom Begrei-
fen gar nicht zu reden), aber mit jeder die politische Linksori-
entierung vieler Kapitallogiker im Interesse der kritisch ratio-
nalistischen Paraphrasierung des Berufsverbots zu d e n u n-
z i e r e n bemüht ist, haben wir hier nicht zu verhandeln. Da
Becker die Wertform, die in der Kapitallogik vorausgesetzte Basis
der Interpretation ist, mit der nachtwandlerischen Sicherheit
eines Popper-Adepten nicht einmal w a h r z u n e h m e n im-
stande ist (bester Ausweis der wissenschaftlichen Potenz des
kritischen Rationalismus), so haben wir hier nichts mit ihm zu
schaffen. 10) Denn in dieser Untersuchung stehen wir mit der
Kapitallogik auf dem Standpunkt d e r A n e i g n u n g des
Marxschen Werks, nicht auf dem seiner Denunziation.
1.1 Zur Genesis der Kapitallogik
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Ehe wir nun auf die Beantwortung der Frage eingehen, worin die
Eigentümlichkeit der Wertform-Deutung durch die Kapitallogik be-
steht, wird es nützlich sein, ihren empirischen Geburtsakt wie
ihre Entwicklung knapp zu skizzieren. Es versteht sich, daß sol-
che Nachzeichnung lediglich einen grob informativen Charakter ha-
ben kann. Die kritische Detailanalyse überschreitet den Rahmen
eines Zeitschriftenaufsatzes. Daher muß hier auch von vornherein
gestattet sein, die Nachweise für die Gültigkeit des zu formulie-
renden Urteils mit äußerster Sparsamkeit anzugeben. 11)
Wenn ich richtig sehe, so beginnt die Kapitallogik als Selbstauf-
hebung der kulturkritischen Orientierung der Frankfurter Schule.
Sie deutet sich 1960 mit der bekannten Dissertation A. Schmidts
an 12), erfährt 1965 ihre erste klare Problemstellung mit dem
Vortrag von H.-G. Backhaus 13), erlangt im Zugriff H.-J. Krahls
seit 1967 ideologische Fundamentalbedeutung für die "Antiautori-
täten" im SDS 14) und gewinnt schließlich 1970 mit der wichtigen
Arbeit H. Reichelts 15) ihre theoretisch erste reifere Gestalt.
Zu diesem Zeitpunkt tritt auch A. Sohn-Rethel mit seinem lang
vorbereiteten Konzept in die öffentliche Debatte ein. 16) Weitere
Arbeiten zur Interpretation des "Kapital" flankieren diese
Bewegung 17), darunter übrigens auch Publikationen von Philoso-
phen aus dem sozialistischen Lager 18).
Nach Lage der Dinge in der vorliegenden Literatur wird man zuge-
stehen können, daß H.-G. Backhaus im Sinne unserer obigen Vor-
stellung der Kapitallogik diese definitiv konstituiert hat. Ganz
richtig erkennt er, daß zum vollen Verständnis der Marxschen Ar-
beitswertlehre die Theorie der Wert f o r m von fundierender
Bedeutung ist, daß es also nicht hinreicht, die durch die Be-
griffe der Wert s u b s t a n z und Wert g r ö ß e bestimmten
Bedeutungen zu beherrschen, wenn man jene Lehre voll erfassen
will: "Die von Böhm-Bawerk als 'dialektischer Hokuspokus' oder
von Schumpeter als 'philosophisch' diskreditierten Argumente fin-
den sich vor allem in der Lehre von der Wert f o r m. Soweit
diese überhaupt zur Darstellung kommt, wird sie entweder unver-
ständlich oder aber kommentarlos referiert. Die Verständnis-
losigkeit der Interpreten ist umso erstaunlicher, als Marx,
Engels und Lenin wiederholt auf die eminente Bedeutung der
Wertform-Analyse hingewiesen haben." 19) Diese korrekt beschrie-
bene Verständnislosigkeit unterstellt Backhaus nun aber nicht als
objektives Phänomen des bürgerlichen Bewußtseins, sondern als
subjektives Problem der fraglichen Marx-Interpretation. Er setzt
dabei den "allgemein menschlichen" Verstand voraus und fragt
sich, ob die Ursache der 100 Jahre währenden Begriffsstutzigkeit
nicht in Marx' verschiedenen Darstellungen selbst zu suchen sei.
Die Antwort lautet: "Mir scheint, daß die Darstellungsweise im
K a p i t a l keineswegs das erkenntnisleitende Motiv der Marx-
schen Wertform-Analyse durchsichtig macht, die Frage nämlich,
'w a r u m d i e s e r I n h a l t j e n e F o r m a n-
n i m m t'". 20)
Mit diesem selbst erzeugten Schein ist Backhaus, nachdem er die
für das bürgerliche Bewußtsein problematische Wahrnehmung der
Marxschen Wertformanalyse u n d -entwicklung (!) gemacht hat,
umgehend in den Schoß des bourgeoisen common sense zurückgekehrt:
Nicht das bürgerliche Bewußtsein, sondern das Marxsche selbst ist
Gegenstand der Kritik!
Wie begründet Backhaus seinen selbst erzeugten Schein von der Un-
durchsichtigkeit des erkenntnisleitenden Motivs der Wertformana-
lyse? Durch Mystifikation des Werts, die er wahrlich bei Marx
nicht herauslesen kann! Denn was ist - nach Backhaus - an der
Wertformanalyse zu verstehen? "Daß der 'allgemeine Gegenstand'
als solcher, das heißt der Wert als Wert sich gar nicht ausdrüc-
ken läßt, sondern nur in verkehrter Gestalt 'erscheint', nämlich
als 'Verhältnis' von zwei Gebrauchswerten,..." 21) Dies ist - mit
Verlaub - keine Deutung, sondern methodologisch unbeschwerte Miß-
deutung der Wertformanalyse. Warum? 1. ist die Wertform im kor-
rekten Sinn der modernen allgemeinen Methodologie ein A u s-
d r u c k 22) und damit als solche unverkehrter, adäquater Wert-
ausdruck; 2. ist mit der Voraussetzung der Existenz des Wert-
ausdrucks, die von Marx ja ausdrücklich angenommen wird, die Be-
hauptung von der Unausdrückbarkeit des Werts die Proklamation ei-
nes logischen Widerspruchs. Dieser bedeutet, daß die Marxsche
Theorie der Wertform nicht zusammen mit ihrer kapitallogischen
Deutung in der Version Backhaus' konsistent behauptet werden
kann; 3. ist die Voraussetzung des Werts als des "allgemeinen Ge-
genstands" philosophisch unreflektiert: Ein solcher "Gegenstand"
wie der Wert (und wie jede andere Größenart) existiert nicht pri-
mär, sondern als Abstraktum auf der Basis einer Äquivalenz, also
eines Verhältnisses. Dieses ist daher nicht eine "verkehrte Er-
scheinung" jenes Abstraktums, sondern vielmehr seine hinreichende
Bedingung; 4. schließlich konstituieren nicht die Gebrauchswerte
das Verhältnis, sondern die Waren, die Träger von Gebrauchseigen-
schaften sind (wie Träger des Werts).
Natürlich hat Backhaus von sich die Überzeugung, den Marxschen
Wertbegriff korrekt vorgestellt zu haben. Und er findet in diesem
Bewußtsein sogleich, daß Träger anderer Vorstellungen zu
"'dialektischen Interpretationen'" gelangen müssen, "die auf eine
Karikatur von Dialektik hinauslaufen" 23). Dennoch müssen wir mit
Nachdruck feststellen, daß Backhaus' Deutung nichts mit Marx,
aber viel mit Hegel zu tun hat. Der Wert ist nicht der
"allgemeine Gegenstand" (der säkularisierte Hegelsche Begriff an
sich), sondern das vergegenständlichte gesellschaftliche Arbeits-
vermögen, die in gesellschaftlich verwendbare Arbeitsprodukte um-
gesetzte Energie der menschlichen Gattung. "Als Kristalle dieser
ihnen gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Substanz sind sie
(die Arbeitsprodukte/d. V.) Werte - Warenwerte." 24) Das Waren-
verhältnis ist nicht die verkehrte Gestalt des Wertausdrucks,
sondern die "e i g n e E r s c h e i n u n g s f o r m" des
Werts. "D a s V e r h ä l t n i s z w e i e r W a r e n lie-
fert... d e n e i n f a c h s t e n W e r t a u s d r u c k
f ü r e i n e W a r e." 25) Backhaus liest also seine Wertvor-
stellung in die Sprache der Marxschen Wertformanalyse hinein. Die
Kapitallogik gibt daher nur vor, Marx zu "rekonstruieren"; in
Wahrheit formuliert sie mit Marxschen Termini ihre eigenen, sehr
anderen Begriffe!
In der Tat ist die hier bei Backhaus notierte Mißdeutung der
Wertform Allgemeingut der Kapitallogik. Bei Reichelt erscheint es
in der folgenden Behauptung: "In der Tat wird getauscht, aber
eine genauere Betrachtung des Austauschprozesses zeigt, daß kon-
krete Produkte, Gebrauchswerte - kategorial verstanden - gar
nicht getauscht werden k ö n n e n." 26) Während Backhaus den
Wert nicht zum Ausdruck kommen läßt, untersagt Reichelt den kon-
kreten Arbeitsprodukten den Tausch; beides läuft auf dasselbe
hinaus, weil der realisierte Tausch der konkreten Produkte ganz
genau den Wertausdruck unverfälscht und unverkehrt bildet! Wie
Backhaus das Warenverhältnis als "verkehrte Gestalt" des Werts
betrachtet, so sieht Reichelt eben diese konkreten Produkte "zur
'sinnlichen Hülle, zur verborgenen Gestalt' des anderen Gegen-
standes (des Werts / d.V.) herabsinken" 27). Ob die handfesten
Waren als Gespenster der Werterscheinung oder das Warenverhältnis
als verkehrte Gestalt derselben ausgesagt wird, macht wohl kaum
einen Unterschied! Es ist der alte Mystizismus der spekulativen
Konstruktion, der uns nun mit Marx' Worten gereicht wird. Er wird
von Backhaus auch unumwunden artikuliert: "Der Wert eines Pro-
dukts ist als ein Gedachtes vom Produkt selbst unterschieden. ...
Als ein Gedachtes ist der Wert dem Bewußtsein 'immanent'. In die-
ser Weise seines Seins wird er jedoch nicht gewußt: er setzt sich
dem Bewußtsein als ein Fremdes entgegen." 28)
Angesichts solcher Vorstellung des Werts als eines immateriellen
Akteurs seiner eigenen Opposition gegen das Bewußtsein, dem er
zugleich 'immanent' sein soll, wird man wohl sagen dürfen, daß
die durch Backhaus und Reichelt theoretisch dominierte erste
Runde der Kapitallogik einen deutlich hegelianisierenden Charak-
ter hat. Indes hat man zu beachten, daß dieser Hegelianismus
durchaus keine getreuliche Kopie der Philosophie Hegels ist, son-
dern - ganz im Geiste der Kritischen Theorie - sehr viel Schopen-
hauer und nicht weniger negative Theologie einschließt. 29)
Gegen die hegelianistische Version der Kapitallogik hat sich um
1972/73 eine sozusagen außerparlamentarische Opposition erhoben
(gesetzt, die Philosophie der Frankfurter Schule gelte als Parla-
ment zur Verhandlung über die "logische Struktur" des Marxschen
Kapitalbegriffs), die mit dem Gedankending, genannt "Wert" nichts
anzufangen weiß. Sie, deren Mitglieder die Betonung der Kollekti-
vität in Gestalt von "Projektgruppen" lieben und daher Beobach-
tern hinsichtlich ihrer individuellen theoretischen Leistungsfä-
higkeit nur schwer erkennbar sind, nimmt statt jenes D i n g s
vielmehr das V e r h ä l t n i s zum Ausgangspunkt ihrer Wert-
auffassung. So kreidet die PEM Reichelt an, "daß er den Wertbe-
griff, das 'Gedankending' Wert... nicht selbst a l s g e-
s e l l s c h a f t l i c h e s Verhältnis faßt" 30). Und wie
man zum Wert gelangt, sieht die PEM so: "Nur durch Abstraktion
von der erscheinenden Preisform konnte die einfache Wertform, das
'A n s i c h des Geldes', gewonnen werden. Dies Zurückgehen auf
das einfachste Verhältnis, welches auf der Oberfläche nicht
erscheint, machte es möglich, das Geldrätsel zu entschleiern."
31)
Wie man sieht, ist das, was in der hegelianistischen Version der
Kapitallogik eine - wenn auch verkehrte - Erscheinung des Werts
sein soll, nun das Gegenteil geworden, nämlich etwas, das nicht
erscheint - zwar wieder der Wert, doch nun als Verhältnis in Ge-
stalt der einfachen Wertform. Man sieht also auch, worin sich die
Opposition mit der hegelianistischen Version einig ist: der Wert
als solcher erscheint nicht! Oder: das Wesen, sei es nun Ding,
sei es Verhältnis, tritt unmittelbar nicht in Erscheinung, ist an
sich nicht sinnlich-gegenständlich.
Abgesehen von dieser fundierenden Position der Kapitallogik, auf
die wir noch zu sprechen kommen, muß man der Opposition gegen
ihre hegelianistische Existenzform bescheinigen, daß die Auffas-
sung des Werts als gesellschaftliches Verhältnis natürlich zu-
treffend ist. Aber diese Sicht schließt den Wert als Ding (als
mit sich selbst identisches Abstraktum) gar nicht aus! Und des
weiteren ist durchaus unklar, wie man "durch Abstraktion" von der
Preisform zur einfachen Wertform gelangen soll: Ist etwa die
Preisform "a Ware A = x Gold" gegeben, so führt die "verständige
Abstraktion" 32) zum identischen Preis, der in beiden Gegenstän-
den vorgestellt wird. Und alle Abstraktion ist niemals etwas an-
deres als ein solcher Übergang. 33) Sie sagt uns nicht, was der
Preis (oder der Wert oder die Länge oder die Dauer etc.) sei,
sondern setzt ihn als Art der unterstellten Gleichheit voraus, um
ihn sodann als Invariante zu konstatieren, die beim Übergang von
"a Ware A" zu "x Gold" unverändert erhalten bleibt. Wenn also die
PEM von der Preis- zur Wertform "durch Abstraktion" gelangen
will, so muß sie ihrem Publikum schon methodologisch auseinander-
setzen, was zu tun sei, soll abstrahiert werden.
Wie wenig die PEM über die Natur der Abstraktion mit sich im rei-
nen ist, zeigt auch ihre Feststellung: "Die Ware als Konkretum
aufzufassen, heißt nur, daß sie selbst noch ein Ganzes ist, Ein-
heit verschiedener Bestimmungen. Sie ist dennoch ein ganz einfa-
ches Verhältnis,... Die einzelne Ware erscheint daher dem gemei-
nen Verstand zugleich als Abstraktum. Dieses Abstraktum als sol-
ches rein zu fixieren, bedurfte es anderthalbhundertjähriger Ar-
beit,..." 34) Das besagt: Was ein Ganzes, Einheit verschiedener
Bestimmungen, ist, ist auch ein Konkretum. Was ein ganz einfaches
Verhältnis ist, ist auch ein Abstraktum. Und: die Ware ist bei-
des!
Es ist nicht zu bestreiten, daß diese generellen Vorstellungen
über die Natur des Konkreten und des Abstrakten gängig sind. Es
ist aber entschieden zu bestreiten, daß sie methodologisch kor-
rekte Bestimmungen bilden. Sicher ist ein Konkretum immer ein
Ganzes und eine Einheit verschiedener Bestimmungen; aber dies ist
n i c h t seine wesentliche Bestimmtheit (man prüfe z.B. die
ganze Zahl 10 auf ihre Ganzheit wie auf die Mannigfaltigkeit ih-
rer Bestimmungen!). Wesentlich ist das Konkretum vielmehr der
W i d e r s p r u c h im Sinne der Dialektik, d.h. Einheit kon-
kreter Gegensätze, d.h. Einheit von Gegenständlichkeit (Ding) und
Verhalten (Verhältnis). Sicher ist ein Abstraktum immer etwas
"ganz Einfaches"; aber dies ist n i c h t seine wesentliche Be-
stimmheit. Wesentlich ist das Abstraktum vielmehr der a u f g e-
h o b e n e Widerspruch, d.h. das Produkt der Reduktion des
Widerspruchs auf die Einheit seiner Gegensätze, worin das
Einzelne das Allgemeine repräsentiert und das Allgemeine das
Einzelne subsumiert.
Daß nun gar die Ware sowohl Konkretum wie Abstraktum sein soll,
heißt, falls die Termini "Konkretum" und "Abstraktum" nicht das-
selbe bedeuten, eine Kontradiktion zu formulieren, also den Be-
reich wissenschaftlichen Räsonnements zu verlassen. Die PEM steht
daher vor der Alternative, entweder das Konkrete mit dem Abstrak-
ten zu identifizieren (zu verwechseln) oder die Ware als leeres
Objekt, als das Nichts ihrer Argumentation anzunehmen. In beiden
Fällen liefert sie natürlich keine "Rekonstruktion" des wissen-
schaftlichen Sozialismus bzw. der Kritik der politischen Ökono-
mie.
Was sie wirklich liefert, ist in der Tat die Negativwertung der
hegelianistischen Kapitallogik und positiv die, wie man sagen
kann, systemtheoretische Variante derselben. Was Althusser auf
französisch gegen Sartre konstituiert, das etabliert die PEM auf
deutsch gegen die ökonomisierenden Nachkommen der klassischen
Frankfurter Schule! Der Wert als "Verhältnis" ist ihr nur das Ve-
hikel, Dialektik als Systemtheorie zu "rekonstruieren". Konse-
quent in diesem Sinne behauptet denn auch die PKA, die mit der
PEM - mengentheoretisch gesprochen - einen gemeinsamen Durch-
schnitt hat, es sei "das alte Mißverständnis, daß die Wertform-
analyse möglich geworden sei durch Nachvollzug der historischen
Entwicklung vom unmittelbaren Produktenaustausch bis hin zu dem
Zeitpunkt, an dem sich das Geld an eine bestimmte Warenart befe-
stigt hat..." 35) Dies "alte Mißverständnis" liegt ebensowohl der
Dialektik Hegels wie der materialistischen zugrunde. Denn Dialek-
tik ist ja nichts anderes als "Logik" der Geschichte (der Natur
sowohl die der Menschen und ihres Erkennens). Wenn man freilich,
wie J. Bischoff unmißverständlich annimmt, die Dialektik als
"Wissenschaft vom Gesamtzusammenhang" 36) deutet und sie oben-
drein - übrigens wieder in Übereinstimmung mit der hegelianisti-
schen Kapitallogik 37) - "in der Darstellung der Anatomie der
bürgerlichen Gesellschaft" begründet sein läßt (statt schlechthin
in der Naturgeschichte), so ist a priori der genetisch-histori-
sche Zugriff verschlossen, der: systemtheoretische allein übrig.
Über die weitere Entwicklung der Kapitallogik ist festzustellen,
daß ein wesentlich neuer methodologischer Gesichtspunkt, jeden-
falls nach Auffassung des Autors, bislang nicht aufgetreten ist.
W.F. Haug, der lieber von einer "kritischen Kapital-Theorie"
statt von "Kapitallogik" spricht 38), teilt mit dieser die Vor-
stellung, daß der Wert das "zunächst nicht Erscheinende", das "an
sich Unausdrückliche" 39) sei. Mit ihr teilt er die Unklarheit
über den Zusammenhang des Konkreten mit dem Abstrakten und daher
die Annahme vom äußeren Gegensatz zwischen der konkreten und der
abstrakten Arbeit 40). Will man wissen, was Haug im Wert sieht,
so stößt man auf Formulierungen wie: "Was heißt es denn zu sagen:
Arbeit ist wertbildend? Doch dies, daß beim Arbeiten Wert gebil-
det wird,..." 41) Solche Tautologien sind wenig ermunternd. Liest
man, "daß das, was in Form des Tauschwerts... erscheint, nichts
anderes 'ist' als ein gesellschaftliches Produktionsverhältnis"
42), so meint man, die systemtheoretische Kapitallogik vorge-
stellt zu erhalten. Liest man dagegen: "Wert ist vergangene und
vergegenständlichte Arbeit" bzw. "der gebildete Wert" ist "tote
Arbeit, vergangene, dem Produkt ankristallisierte Arbeit" 43), so
erfährt man die Dinglichkeit des Werts, also die Nähe der hege-
lianistischen Kapitallogik. Offensichtlich will Haug wohl beide
Extreme vermitteln. Indem er dies unter Einsatz bemerkenswerter
logischer "Kinderspiele", auf die wir noch zu sprechen kommen, zu
realisieren versucht, gelingt ihm nur eine pädagogisch vielleicht
geschickte, methodologisch aber kaum genießbare Repräsentation
eines gewissen Anfangsverständnisses des "Kapital". Angesichts
der praktischen Verbreitung solchen Wissens ist der kommerzielle
Erfolg wohl begreiflich.
Das Autorenkollektiv von "Krise und Kapitalismus bei Marx" 44)
betont die Notwendigkeit methodologischer Untersuchungen, wendet
sich mit Bezug auf sie vordergründig vom bisherigen Gang der De-
batte ab, um dennoch nachdrücklich in dem von ihr realisierten
Problemgeflecht zu verharren. Wie die hegelianistische Kapitallo-
gik greift das Kollektiv auf Hegel zurück. Aber entgegen dieser
realisiert sie ein durchaus naives Verhältnis zur philosophischen
Tradition: "Der rationelle Kern der Hegelschen Theorie ist nach
Ansicht der Verfasser die Entwicklung einer 'neuen Be-
griff(s)wissenschaftlichen Behandlung'". 45) Jeder Kenner der
Philosophiegeschichte wird wohl zugeben, daß Hegel 1. die Philo-
sophie wissenschaftlich (methodisch) bestimmt machen und 2. zwar
die anderen Wissenschaften durchaus der Philosophie subsumieren,
aber keineswegs das "endliche Erkennen" als vor- oder außerwis-
senschaftlich qualifizieren wollte. Neben der Naturphilosophie
akzeptierte er die Physik als e i g e n e Weise der denkenden
Erkenntnis der Natur! Wenn nun gar das Autorenkollektiv be-
hauptet: "... Erfahrung... ist ein Wissen des Besonderen (Einzel-
nen)" 46), und "daß Aussagen über das Wesen nicht u n m i t-
t e l b a r an der erfahrbaren Wirklichkeit überprüft werden
können" 47), so ist klar: 1. ist Hegel durchaus mißdeutet; 2. ist
die Grundposition der Kapitallogik eingenommen, wonach das Wesen
jenseits der Erscheinung hockt. Bestätigt wird die letztere
Feststellung, wenn man erneut die These von der "Entzweiung der
Arbeit in konkrete und abstrakte Arbeit" 48) liest und mitgeteilt
bekommt, daß die "Verdoppelung der Wertform ... in relative Wert-
form und Äquivalentform... nur die Weise fürs Denken, ..., nicht
ihre reale Beziehung" (49) sei. Abgesehen davon, daß sich die
Wertform natürlich nicht verdoppelt, sondern in der relativen
Wertform und der Äquivalentform ihre Glieder hat, ist mit solcher
Behauptung der objektiven Dialektik der Boden entzogen.
1.2 Über Wesen und Erscheinung der Kapitallogik
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Betrachtet man die angedeutete Kontroverse zwischen der hegelia-
nistischen und der systemtheoretischen Kapitallogik, so wird man
finden, daß es wesentlich um die Alternative geht, den Wert als
D i n g oder als V e r h ä l t n i s zu fassen. Ist der Wert
ein "Gedankending", ein ideelles Subjekt, das "s c h o n i n
g e w i s s e r W e i s e a l s r e g u l i e r e n d e s
S u b j e k t hinter dem Rücken der Beteiligten wirken kann"
50), oder aber ist der Wert ein gesellschaftliches Verhältnis,
eine "Formbestimmtheit des gesellschaftlichen Stoffwechsels" 51),
das sich bzw. die sich "stofflich materialisieren" muß?
Um diese Alternative als Ausdruck nicht aufgehobener Metaphysik
zu bestimmen und eben dadurch aufzulösen, müssen wir auf die mo-
derne Abstraktionslehre zu sprechen kommen: Wer ein wenig die
Grundlagen des klassischen mathematischen Denkens kennt (hier
speziell den Inhalt des sogenannten Hauptsatzes über Äquivalenz-
relationen), wird wahrnehmen können, daß der Gegensatz zwischen
der hegelianistischen und der systemtheoretischen Kapitallogik
eine Erscheinungsweise des subjektiv unverstandenen Abstraktions-
prinzips für die Wertgleichheit im Bereich der Waren ist: Hat man
eine Äquivalenz (also eine binäre Relation mit den Eigenschaften
der Selbst- und der Drittengleichheit) in einer vorgegebenen
Menge, so darf man auf die Identität der Teilklassen schließen,
zu denen die äquivalenten Elemente der Menge gehören. Hat man um-
gekehrt eine erschöpfende Klassifikation einer Menge in paarweise
disjunkte Teilklassen, so darf man auf die Äquivalenz der Ele-
mente ein und derselben Teilklasse (auch Äquivalenz- oder Ab-
straktionsklasse genannt) schließen. Äquivalenz der Elemente
(d.i. das Verhältnis!) und Identität der Äquivalenzklasse (d.i.
das Ding!) bedingen also einander wechselseitig: Hat man das
fragliche Verhältnis, so hat man auch das entsprechende Ding,
d.h. das zugehörige Abstraktum; hat man umgekehrt ein solches Ab-
straktum (eine - wie man sagt - Z e r l e g u n g einer Grund-
menge), so hat man auch die entsprechenden Verhältnisse unter den
Vertretern des Abstraktums! Und keineswegs ist das eine eine
"verkehrte Gestalt" des anderen.
Da nun der ökonomische Wert in der Tat nichts anderes ist als ein
Exemplar für solche Abstrakta 52), so ist offenbar der Streit
zwischen den hegelianistischen und den systemtheoretischen Kapi-
tallogikern der Streit darum, ob man von einer Abstraktionsklasse
auf die Äquivalenz ihrer Elemente übergehen kann (hegeliani-
stische Version), oder aber ob man von der Äquivalenz auf den
Gebrauch eines ihrer Glieder als Zeichen des Abstraktums über-
gehen kann (systemtheoretische Version)! Es ist also ein Streit
um eine Priorität, die in der klassischen Grundlagenforschung
genau dadurch als n i c h t bestehend festgestellt ist, daß
beide, das Verhältnis wie das Ding, einander bedingen, was durch
die Gültigkeit des entsprechenden Bikonditials ausgedrückt wird.
Demnach entsteht die hegelianistische Kapitallogik systematisch,
indem die Klassenidentität als an sich gegeben gesetzt wird, um
von ihr auf die Äquivalenz zu schließen, während die sy-
stemtheoretische Kapitallogik entsteht, indem die Warenäquivalenz
als sogenanntes "Ausgangsabstraktum" (schreckliches Wort!) an
sich vorgegeben wird, um sodann die entsprechende Klasse durch
einen Repräsentanten "stofflich materialisiert" vorzustellen. Die
Kapitallogik bewegt sich damit insgesamt im Reiche der Abstrak-
tion, gegen das sie subjektiv so vernehmlich rebelliert. Sie iso-
liert nur beide Seiten des Abstraktionsprinzips für die Wert-
gleichheit der Waren gegeneinander, um die jeweils andere Seite
als "verkehrte Erscheinung" der eigenen zu behaupten.
Ich halte diesen Umstand für den methodologischen Kernpunkt der
Kapitallogik und meine, daß er den beteiligten Akteuren deshalb
nicht begrifflich bewußt wird, weil sie durchweg (a) die moderne
formale Logik ignorieren, (b) die Naturwissenschaft philosophisch
mißverstehen bzw. kein positives Verhältnis zu ihr erarbeiten,
(c) bewußtlos den spätbürgerlichen Standpunkt in der Frage nach
der Objektivität der Gesellschaftlichkeit (der Gattung als sol-
cher) einnehmen.
Ehe diese Feststellungen begründet werden, sei noch erklärt: Ist
unsere Analyse der Kapitallogik richtig, so ist sie begrifflich
bestimmt als m e t a p h y s i s c h e Deutung der Wertform. Da
nämlich alle Metaphysik (im Sinne des Leninschen Begriffs) genau
dadurch entsteht, daß dialektische Gegensätze gegeneinander ver-
äußerlicht gedacht werden (auf der wirklichen Basis ihre Veräu-
ßerlichung durch das Privateigentum), also an sich als abstrakte
Gegensätze gelten, so ist die kapitallogische Entgegensetzung von
Wertwesen und Werterscheinung gerade ein Exempel eben der Meta-
physik. Unsere obige Behauptung, daß die Kapitallogik eine
"eigentümliche" Deutung der Wertform sei, ist daher mit der Fest-
stellung, daß diese Eigentümlichkeit gerade die Metaphysik ist,
auf eine Definition des Wesens der Kapitallogik gebracht. Sie ist
damit d a s s e l b e wie die metaphysische Interpretation der
Wertform!
Die Kapitallogik ist metaphysisch, weil sie abstrakte Bestimmun-
gen für konkrete nimmt: das Wertding soll wirken, sich z. B. dem
Bewußtsein entgegensetzen; das Wertverhältnis soll sich stofflich
materialisieren (wie weiland Gott-Vater in Gott-Sohn)! Die Kapi-
tallogik ist metaphysisch, weil sie konkrete Bestimmungen als ab-
strakte unterstellt: die Produkte sollen deshalb konkret sein,
weil sie individuell und voneinander verschieden sind! Sie ist
also metaphysisch, weil sie nicht die Abstraktion beherrscht,
sondern von ihr beherrscht wird - so sehr im übrigen der Protest
gegen die Herrschaft der Abstraktion die leidenschaftliche Trieb-
kraft der Kapitallogik sein mag.
Über die Erscheinung des Wesens der Kapitallogik haben wir be-
reits in der kurzen Skizze ihrer Genesis ausführlicher gesprochen
und können daher zusammenfassen: Die Kapitallogik erscheint in
der zerrissenen Gestalt polarer Gegensätze (die keineswegs dia-
lektische sind) einerseits der hegelianistischen, andererseits
der systemtheoretischen Version, in denen die abstrakte Identität
gegen die abstrakte Gleichheit (das Ding gegen sein bedingendes
Verhältnis) gekehrt wird und umgekehrt. Sie liefert das immerhin
verblüffende Phänomen einer metaphysischen Vorstellung der
sprachlichen Ausdrucksmittel der Dialektik der Wertform selbst
und beweist darin empirisch, daß man und wie man die Dialektik
durch Isolation und entfremdeten Gebrauch ihrer eigenen Darstel-
lungsmittel totschlagen kann. Solches Unternehmen als
"Rekonstruktion" des wissenschaftlichen Sozialismus oder der Kri-
tik der politischen Ökonomie auszugeben, ist - gelinde gesagt -
eine wahre Selbstverblendung.
2. Unhaltbare Positionen der Kapitallogik
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Wir wollen nun die oben behaupteten Schranken der kapitallogi-
schen Argumentation detaillierter diskutieren, also ihr Verhält-
nis zur Logik, zur Naturwissenschaft und zur Objektivität der Ge-
sellschaftlichkeit betrachten.
2.1 Kapitallogik und Logik
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Wer den Terminus "Kapitallogik" verwendet, bezeichnet instinktiv
eine A r t der Logik, bezieht sich also auf diese als unter-
stellte G a t t u n g, in der die bezeichnete Art ihre Beson-
derheit gegen andere Logikarten geltend machen soll. Dagegen ist
an sich nichts einzuwenden. Doch ist zu fordern, daß über die Na-
tur eben der unterstellten Gattung eine halbwegs akzeptable Vor-
stellung besteht. Untersucht man aber die impliziten wie explizi-
ten Auffassungen der Kapitallogiker von der Logik, so ist solche
Vorstellung wirklich nicht zu finden. Man kann sich des Eindrucks
nicht erwehren, als hätten sich die Marx-Interpreten verschworen,
den "umfangslogischen Status der Kritik der politischen Ökonomie"
(H.-J. Schanz) jenseits von Aristoteles und Frege unverdrossen
neu zu erfinden. Vielfach wird das Wort "Logik" im Sinne Hegels
verwendet, gemäß dem es durch "Dialektik" ersetzt werden müßte -
aber keineswegs mit dem romantischen Anspruch, eine "höhere Lo-
gik" als die formale zu bezeichnen (das Bedürfnis nach einem
"Höheren" ist überhaupt ein romantisches Empfinden). Selten wird
wirklich zum Zusammenhang der "Logik des Kapitals" mit der ge-
wöhnlichen Logik Stellung genommen. Wenn das geschieht, so sieht
es wie folgt aus.
In seiner Darstellung bemerkt W.F. Haug richtig den Zusammenhang
der Wertform mit ihrer sprachlichen Wiedergabe und kommt daher in
seiner VI. Vorlesung auf die Natur sprachlicher Ausdrücke zu re-
den: "Eine 'Aussage' oder ein 'Urteil' ist, wenn ich von einer
Sache... eine Eigenschaft... aussage." Der Leser bemerkt wohl die
intellektuelle List des Ausdrucks "eine Aussage ist, wenn ich...
aussage"! Es heißt dann weiter: "Etwa: 'A ist B'. 'A' kann tradi-
tionell 'Subjekt' genannt werden, 'B' dagegen 'Prädikat'... Das
'ist' behauptet den Zusammenhang des Prädikats mit dem Subjekt,
heißt daher traditionell 'copula'... Als Aussage ist das Ganze,
'Subjekt ist Prädikat' (S ist P), ein 'Satz'." 53) Was ist die
Aussage nun? Das, was man von einer Sache aussagt? Dann ist sie
die Bedeutung des Satzglieds "ist P", wobei die Sache durch das
Subjekt bezeichnet wird und keine Aussage darstellt! Ist die Aus-
sage aber der Satz, wozu unterscheiden wir dann zwischen "Satz"
und "Aussage"? Ist weiter "Prädikat" nur ein Fremdwort für
"Aussage" und folglich "P" gar nicht das Prädikat, sondern, wie
man in jeder deutschen Grammatik nachlesen kann, die Prädikater-
gänzung, das Prädikativum? Aber wir wollen es nicht so genau neh-
men und festhalten: Haug artikuliert hier in der Tat die Tradi-
tion - und zwar die Kants. 54) Es hätte seiner Darstellung sehr
genützt, wenn er über Kant hinaus die weitere Tradition von
Schelling und Hegel (die sehr anderes vom "Urteil" zu vermitteln
wissen) sowie schließlich von Frege verfolgt hätte, der das Satz-
glied "ist P" (das eigentliche Prädikat!) als Funktionszeichen
gedeutet hat.
Dies tat Haug leider nicht, sondern "reduzierte" sein Verständnis
nun gar des Syllogismus "wirklich auf ein Kinderspiel. Unmittel-
bar sind A und B ungleich, A <> B 55). Wenn aber A gleich C,
..., und B gleich C, ..., dann gilt der Schluß: A gleich B. Wenn
A gleich C, B gleich C, dann A gleich B." 56) Wer das liest, muß
zugeben: Haug hat nicht den Syllogismus als Kinderspiel nachge-
wiesen, sondern ein Kinderspiel mit dem Syllogismus betrieben!
Die Philosophen können sich beruhigen: Aristoteles war kein
Kindskopf und Produzent solchen Köpfen angemessener Spiele. Viel-
mehr machen seine Produkte, oh philosophia perennis, noch den
Köpfen der Gegenwart erhebliche Beschwerden.
1. nämlich treten Ausdrücke der Form "A = B" in der aristoteli-
schen Syllogistik überhaupt nicht auf. Diese beschreibt nicht Ei-
genschaften der Äquivalenzrelationen, sondern der Relation des,
wie Aristoteles sagt, Z u k o m m e n s. Ihre Ausdrücke haben
die Formen "allen A kommt das B zu" und "einigen A kommt das B
zu" - einschließlich der zugehörigen Negationen. 2. ist die Er-
setzung der Satzform "S ist P" durch das Exempel "A gleich B"
völlig irreführend: "ist" kann nicht durch "gleich" ohne Bedeu-
tungsänderung ausgetauscht werden. 3. schließlich "ist" der Höhe-
punkt des "Kinderspiels" die frohgemute Konstituierung eines lo-
gischen Widerspruchs: Unmittelbar soll "A <> B" gelten und umge-
hend "A = B". Mithin soll also "A <> B und A = B" gelten (nach
der Regel der Konjunktionseinführung), d.h. ein logischer Wider-
spruch! Da letzterer logisch genau nicht gelten kann, also die
logische Falschheit vertritt, so schließt Haugs Spiel die Absur-
dität ein, daß der logische Wert des Falschen mit dem logischen
Wert des Wahren identisch sein soll. Es versteht sich, daß solche
"Logik" der Kapitallogik ungenießbar ist.
Brinkmann notiert zutreffend, daß "der Zusammenhang von Wertform
und logischer Form bisher... so gut wie überhaupt noch nicht dis-
kutiert worden ist" 57). Indem er diesen Mangel zu beseitigen
trachtet, bietet er eine "Analogisierung" von "alle A sind B, ein
C ist A, also ist ein C auch B" mit "a = b, c = b, also a = c"
an. 58) Die Drittengleichheit der Äquivalenz = (x, y) nennt er
dann "die Wertform, wie sie sich dem bornierten Bewußtsein dar-
stellt". So müssen sich Mathematiker, Physiker und alle, die die
Mathematisierung empirischer Erkenntnisse betreiben, als Träger
"bornierten Bewußtseins" verstehen - eine Zumutung, die im umge-
kehrten Verhältnis zur Bedeutung jener "Analogisierung" steht,
die Brinkmann entdeckt hat.
Sie hat offenbar den Grund, daß Brinkmann meint, es könnten "zwei
Größen zueinander logisch in ein Bedingungsverhältnis gebracht
werden" 59). Da nun aber Größen keine logischen, sondern empiri-
sche Objekte sind (logische Objekte sind Urteile), so kann zwi-
schen ihnen auch kein logisches Verhältnis bestehen noch erzeugt
werden. Sie können nur geordnete Paare bilden, die als Elemente
von Mengen auftreten, die man "Relationen" oder "Funktionen"
(d.s. eindeutige Relationen) nennt. Funktionsausdrücke (etwa: y =
f(x)) können natürlich logische Gegenstände sein.
Diese Feststellung ist wichtig auch in bezug auf die Wertformana-
lyse: Der sprachliche Ausdruck der einfachen Wertform, "a = b",
ist ein einfacher Satz und also solcher ein elementares logisches
Objekt. Die Satzanalyse liefert mit den Satzgliedern daher
k e i n e weiteren etwa noch elementareren logischen Objekte!
Sie führt vielmehr aus dem Bereich der formalen Logik hinaus auf
das genuin dialektische Problem des F o r m i n h a l t s. Zwar
ist es Tatsache, daß in der modernen formalen Logik von der soge-
nannten "Prädikatenlogik" gesprochen wird unter der Annahme, ihr
läge eine "logische" Analyse der elementaren Sätze zugrunde.
Tatsächlich aber ist, jedenfalls nach Auffassung des Autors, die
Logik mit der Untersuchung der Gesetze des Gebrauchs der sog.
Aussagenjunktoren und Quantoren erschöpft. Was in der
"Prädikatenlogik" höherer Stufen wirklich gemacht wird, ist Ma-
thematik! Schon die sogenannte "Logik der Gleichheit" ist eine
mathematische Theorie, die den für die Mathematik fundamentalen
Gleichheitsbegriff bestimmt.
Der schwer zu durchschauende Schein, nach dem die Satzanalyse
"logischen" Charakter gewinnt, kommt durch den in der Mathematik
entwickelten Variablengebrauch zustande, wenn er auf die Analyse
von Sätzen übertragen wird. Man geht fröhlichen Mutes z.B. von
"Luise liebt" zu "liebt (x)" über in der Meinung, im Sprachpro-
dukt "liebt (x)" noch immer einen sinnvollen Ausdruck zu besit-
zen. Und zur Rechtfertigung dieser Meinung wird allein auf den
mathematischen Sprachgebrauch verwiesen, von dem doch aber klar
ist, daß er sich auf sehr spezielle Objekte bezieht, nämlich auf
Abstrakta sowie die Verknüpfungen ihrer Vertreter und nichts
sonst (auf Werte!). Die Konzeption der Prädikatenlogik, wenn sie
auf die Umgangssprache angewandt wird (und damit den logischen
Schein der Satzglieder erzeugt), zwingt dieser das Aussehen einer
Sprache der mathesis universalis auf, die in der Philosophiege-
schichte bereits erprobt und zu leicht befunden wurde. Daher
steht das Problem zur Debatte, wie diese Konzeption vom Stand-
punkt der materialistischen Dialektik zu beurteilen sei. Wenn die
Kapitallogik das Problem lösen würde, schüfe sie auch Klarheit
über ihr eigenes Verhältnis zur Logik.
2.2 Kapitallogik und Naturwissenschaft
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In der Regel kontinuieren die Kapitallogiker die noble Ignoranz
der Frankfurter Schule gegenüber der Naturwissenschaft. Und wenn
sie über diese sprechen, so erscheint durchweg dieselbe mangel-
hafte Vorstellungsweise wie im Falle ihres Verhältnisses zur Lo-
gik. Brinkmann z.B. konstatiert, daß "in den Naturwissenschaften
ein Gegenstand letztlich reduziert wird auf seine Raum- und Zeit-
koordinaten" 60). Es ist schwer erkennbar, wo solche "Reduktion"
ausgeführt werden soll. Sicher ist jedenfalls: Wer mit Raum- und
Zeitkoordinaten operiert, betreibt Kinematik, d.h. abstrakte Be-
wegungslehre. G e g e n s t ä n d e kommen darin nur insoweit
vor, als sie zur sinnlichen Markierung von Lagen (die keine Ge-
genstände sind!) verwendet werden. Was wirklich vorkommt, sind
Bewegungsarten, z.B. die gleichförmige Bewegung (mit konstanter
Geschwindigkeit), die beschleunigte Bewegung (mit konstanter Ge-
schwindigkeitsänderung), der Ruck (mit Änderung der Geschwindig-
keitsänderung). Das erste Auftreten der N a t u r g e g e n-
s t ä n d e in der Physik erfolgt vermittels ihrer Darstellung
als Träger von Masse. Sie aber wird unabhängig von den Raum- und
Zeitkoordinaten fixiert, stellt eine aus Raum und Zeit nicht
ableitbare Größenart dar. Demnach ist Brinkmanns Behauptung über
die Naturwissenschaft schlicht falsch. Man kann sich daher gut
denken, was davon zu halten ist, wenn er Marx die Andeutung
unterstellt, "daß eine Reduktion der Methode der Politischen
Ökonomie auf die Methoden der mathematischen Naturwissenschaften
... bedenklich ist" 61). Dies Marx, der stets die Natur-
wissenschaften für die Basis aller Wissenschaft genommen und die
Krisenzyklen mathematisch fixieren gewollt hat!
Warum kommen der Kapitallogik Bedenken, naturwissenschaftliches
Denken in der Entwicklung der Gesellschaftswissenschaften ernst
zu nehmen? 1. natürlich aus reiner Unkenntnis. 2. sicher aus
ideologischen Gründen; denn die Naturwissenschaft ist unter den
Bedingungen des kapitalistischen Privateigentums unmittelbar auf
die Freisetzung von Arbeitskraft, also auf die Entwertung des
einzigen Vermögens der Arbeiter gerichtet. 3. schließlich, wie
ich glaube, auf Grund einer Interpretation Marxscher Textstellen
wie der folgenden: Im "graden Gegenteil zur sinnlich groben Ge-
genständlichkeit der Warenkörper" geht "kein Atom Naturstoff in
ihre Wertgegenständlichkeit" ein 62). Und weiter: "Wie d e r
E i s e n k ö r p e r, als Gewichtsmaß dem Zuckerhut gegenüber
n u r S c h w e r e, so vertritt... der R o c k k ö r p e r
der Leinwand gegenüber nur Wert. Hier hört jedoch die Analogie
auf. Das Eisen vertritt im Gewichtsausdruck des Zuckerhuts eine
beiden Körpern gemeinsame Natureigenschaft, ihre Schwere -, wäh-
rend der Rock im Wertausdruck der Leinwand eine übernatürliche
Eigenschaft beider Dinge vertritt: ihren Wert, etwas rein Gesell-
schaftliches." 63)
Diese Passage vorausgesetzt, liefert z. B. Backhaus die Liquida-
tion der Naturdialektik durch folgende Deutung: "Nicht das Wasser
als Wasser ist die Erscheinungsform von Schwere (Marx' Eisenkör-
per ist hier durch einen Liter Wasser ersetzt/d.V.). Das Ding als
'Vergegenständlichung' von Schwere steht zum wirklichen Wasser
nicht in einem dialektischen Verhältnis ... Das Ding 'entzweit',
'verdoppelt' sich nicht etwa in 'Träger' von Schwere und Wasser -
es ist nicht zugleich es selbst und sein Anderes. Eben in dieser
Weise aber ist die Beziehung von Ware und Geld beschaffen." 64)
Dazu ist nur festzustellen: Auch der Rock oder die Leinwand oder
was immer ist nicht a l s R o c k etc. die Erscheinungsform
von Wert, sondern i m V e r h ä l t n i s zu einer anderen
Ware, die darin selbst die relative Wertform annimmt. Und genau
so ist der Liter Wasser z. B. i m V e r h ä l t n i s zu 4
Stück Markenbutter die Erscheinungsform von Schwere (schwerer
Masse). Backhaus macht es sich leicht, indem er vom Verhältnis
der Dinge auf das singuläre Ding übergeht, um sich den Schein zu
erzeugen, daß die natürlichen Gegenstände ohne "Entzweiung"
seien. Aber er versuche einmal, unter dieser Voraussetzung auch
nur eine einzige naturwissenschaftliche Feststellung zu gewinnen!
Natürlich schafft die Natur keine Maßeinheiten der schweren
Masse. Aber auch die Waren bringen nicht das Geld hervor. In bei-
den Fällen ist d e r g e s e l l s c h a f t l i c h e Mensch
der Produzent der entsprechenden Standards. Und er produziert
sich darin den Vorwurf zur Ausbildung seiner analytischen Ratio-
nalität, die Dinge, die der abstrakten Identitätsanforderung
wirklich genügen.
Wenn nun die Kapitallogik Marx' Feststellung, daß "kein Atom Na-
turstoff" in die Wertgegenständlichkeit der Waren eingeht, so
deutet, als sei damit eine Art ontologischer Geschiedenheit zwi-
schen Natur und Gesellschaft postuliert, so ist zunächst darauf
aufmerksam zu machen, daß etwa in - wie man auch sagen kann - die
Schweregegenständlichkeit ebenfalls "kein Atom Naturstoff" ein-
geht. Alle naturwissenschaftlichen Größenbestimmungen betreffen
"gemeinsame Natureigenschaften", in die als solche keine Stoffe,
d.h. Gegenstände, eingehen, wenngleich sie durch Gegenstände vor-
gestellt werden. Die Natur besteht nicht nur aus Stoffen (den Ob-
jekten der Chemie), sondern schließt auch Verhaltens- bzw. Bewe-
gungsfähigkeiten oder Reaktionsweisen ein, die als solche zu Ob-
jekten (Dingen) der Naturerkenntnis gemacht werden. Für die ma-
thematisierende Naturforschung insbesondere ist die stoffliche
Existenz durchaus gleichgültig. Für sie kommt es darauf an,
unstoffliche Fähigkeiten, durch Stoffe repräsentiert, in ihrem
Zusammenhang untereinander zu bestimmen. Die Mechanik z.B. stu-
diert den Zusammenhang von Längen, Dauern und (trägen) Massen,
d.h. von lauter unstofflichen Natureigenschaften. Man kann daher
Marx' Feststellung, "kein Atom Naturstoff" gehe in die Wertgegen-
ständlichkeit ein, nur dann als Argument für die Irrelevanz der
Naturwissenschaft bezüglich der Gesellschaftserkenntnis verwen-
den, wenn man stillschweigend unterstellt, daß die Natur außer
den Menschen nichts anderes als eine Versammlung von Naturstoffen
sei. Dies aber ist die klassische metaphysische Vorstellung von
der Natur!
Des weiteren ist einsichtig, daß das menschliche Arbeitsvermögen
als materielle Potenz (nicht als ideelle) durchaus natürlichen
Charakters ist: "Alle Arbeit ist einerseits Verausgabung men-
schlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn und in dieser Ei-
genschaft... bildet sie den Warenwert." 65) Indem sie solch na-
türliches Phänomen ist, versteht sich auch die Ersetzung der Ar-
beitskraft durch außermenschliche Naturkraft vermittels Maschi-
nen. In dieser für den gesellschaftlichen Fortschritt fundamenta-
len Ersetzung demonstrieren wir alltäglich die Natürlichkeit der
Menschen wie die Menschlichkeit der Natur. Wir zeigen darin
mithin, daß die Vorstellung vom abstrakten Gegensatz zwischen der
Natur und der Gesellschaft eingebildeter nonsense ist. Er besteht
nur für diejenigen, die in der Enteignung der Produzenten und An-
eignung der Nichtproduzenten, diesen wirklichen Akt der Trennung
der Menschen (und zwar der Produzenten, nicht der Nichtproduzen-
ten und Privateigentümer) von der Natur, das Wesen des gesell-
schaftlichen Seins überhaupt erblicken, die also die Ausbeuterge-
sellschaft für die Gesellschaft schlechthin halten. Wo diese
Sicht nicht geteilt wird, vermag man auch die menschliche Ar-
beitsfähigkeit und die Energie der außermenschlichen Naturgegen-
stände für bemerkenswert vergleichbare Eigenschaften zu erfassen
- zumal dann, wenn die menschliche Arbeitskraft unter bestimmten
Bedingungen auf ihre rein physische Existenzweise reduziert wird,
wenn also La Mettries Mensch als Maschine definitiv realisiert
wird. Solche Realisierung ist stets als Moment der menschlichen
Arbeit wahrnehmbar und an sich überhaupt kein Unglück: Wer mit
Genuß sein Auto steuert, ist der etwa im "entfremdeten" Dasein,
weil sein Tun technisch durch Fernsteuerung ersetzbar ist? Ein
Unglück wird dies erst, wenn das Moment der Arbeit zur aus-
schließlichen Lebensbestimmung des Arbeitenden wird. Aber eben
dieser Zustand ist die Reflexion des durchgesetzten Privateigen-
tums, der realisierten Enteignung des Gemeinwesens. Entfremdete
Arbeit und enteignetes Gemeinwesen sind äquivalente Bestimmungen.
Aus diesen Überlegungen schließen wir: Wenn Marx gegen die Natu-
reigenschaft der schweren Masse die "übernatürliche Eigenschaft"
des ökonomischen Werts konstatiert, so ist keineswegs etwas über-
natürliches im Sinne eines mystisch Wunderbaren gemeint, sondern
der einfache Umstand, daß das gesellschaftliche Arbeitsvermögen
menschliche Fähigkeit im Unterschied zu außermenschlichen Fähig-
keiten ist. Die r e i n e Gesellschaftlichkeit des Werts ist
damit die Abstraktion der konkreten Gesellschaftlichkeit, die nur
und nur in Einheit mit den Naturgegenständen der Arbeit
(Arbeitsgegenständen) und ihren Werkzeugen (Arbeitsmitteln) be-
steht. In der reinen Gesellschaftlichkeit wird der U n t e r-
s c h i e d zwischen den Menschen und ihren objektiven Arbeits-
bedingungen und -produkten fixiert. Aber eben solche Fixierung
setzt die konkrete Gesellschaftlichkeit voraus, in welcher die
E i n h e i t der Menschen mit ihren objektiven Arbeitsbedin-
gungen und -produkten ebensosehr eingeschlossen ist wie der
Unterschied!
Methodologisch können wir feststellen, daß Marx im Rahmen der
Wertformanalyse folgende Analogie konstatiert: Sind k1 und k2 ir-
gendwelche Körper (Naturgegenstände) und besteht zwischen ihnen
die Beziehung der Massengleichheit k1 = m k2, so stellt k2 die
(schwere) Masse von k1 dar. Sind w1 und w2 irgendwelche Waren
(Arbeitsprodukte im Privateigentum) und besteht zwischen ihnen
die Beziehung der Wertgleichheit w1 = v w2, so stellt w2 den Wert
von w1 dar. Der Körper k2 hat mit Bezug auf die Reflexion der
(schweren) Masse von k1 d i e s e l b e kategoriale Stellung
wie die Ware W2 mit Bezug auf die Reflexion des Werts von w1! Na-
türlich ist der ökonomische Wert von w1 eine andere Eigenschaft
als die schwere Masse von k1. Nichtsdestoweniger besteht in bei-
den Fällen das Verhältnis der "Verdoppelung", d.h. der konkreten
Einheit von Art- und Gattungsbestimmtheit in ihrer veräußerlich-
ten Erscheinungsweise. Diese konkrete Einheit heißt "dialekti-
scher Widerspruch" und wird in der Wertform durch eine Beziehung
polarer Gegensätze veräußerlicht widergespiegelt.
Damit ergibt sich m.E. die Konsequenz: Die Einführung physikali-
scher Grundgrößenarten einschließlich ihrer Größeneinheiten
(Maßstäbe oder Standards) ist vom Standpunkt der materialisti-
schen Dialektik genau nach dem Modell der E n t w i c k l u n g
der Wertform zu verstehen, wie es Marx im "Kapital" für den öko-
nomischen Wert demonstriert hat. Die Wertformentwicklung (wie die
Wertformanalyse) ist mithin der methodologische Kernpunkt auch
für das Verständnis der Naturdialektik, wie sie durch mathemati-
sierte Naturerkenntnis auf spezielle (nicht unmittelbar durch-
sichtige) Weise wiedergegeben wird. Sie ist nicht, wie die Kapi-
tallogik annimmt, eine esoterische Weise eines mystischen Dinges
oder Verhältnisses, sich eine "verkehrte" empirische Erscheinung
zu geben, sie ist nicht das Pfingsten des "an sich unausdrückli-
chen" Werts, sondern die allgemeine Art der L ö s u n g des
dialektischen Widerspruchs, d.h. die D e t e r m i n a t i o n
seiner Erscheinung. Umgekehrt ist damit einsichtig, daß die Ein-
führung der abgeleiteten Größenarten in der Physik mancherlei
Aufschluß geben kann über die Erfordernisse der Entwicklung einer
analytischen bzw. mathematischen Ökonomie, die ihrerseits ein un-
verzichtbares Instrument zur Leitung der Volkswirtschaft im In-
teresse des sozialistischen Gemeinwesens und Gemeineigentümers
ist.
Es ist natürlich gut zu verstehen, daß auf der Erfahrungsbasis
der kapitalistischen Gesellschaft die Möglichkeit der
Identifikation von Wertbildung und -determination mit dem
Kapitalverhältnis fortwährend besteht. Aber der reale Sozialismus
hat in seiner nunmehr sechzigjährigen Existenz empirisch deutlich
gemacht, daß die abstrakte Negation der Wertbestimmungen (bis hin
zur proklamierten Abschaffung des Geldes) nicht der wirkliche
Inhalt der Liquidation der Ausbeutung sein kann. Die in der DDR
seit dem VIII. Parteitag der SED forciert entwickelte Einheit von
Wirtschafts- und Sozialpolitik beweist nachdrücklich, daß
sozialistische Gesellschaftsentwicklung und Aufwandsbestimmung
des Arbeitsvermögens einander bedingen. Ob wir dabei solche
Aufwandsbestimmung auch "Wertdetermination" nennen oder nicht,
ist durchaus gleichgültig.
Mit dieser der Kapitallogik genau entgegengesetzten Position ist
natürlich die Gretchenfrage verbunden: Wie halten wir es nun mit
dem Wert? Wenden wir uns zum Schluß unserer Überlegungen dieser
Frage zu.
2.3 Die Kapitallogik und die Gesellschaftlichkeit
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Wer das kapitallogische Schrifttum kennt, wird zugeben, daß in
ihm die Gesellschaftlichkeit (die Gattungsnatur der Menschen) im
Kapitalverhältnis als Erzeugnis aus der vorausgesetzten wechsel-
seitigen Unabhängigkeit von Privatarbeitern und -eigentümern
"abgeleitet" wird. Es gilt stillschweigend als ausgemacht, daß
das Privatwesen o h n e das Gemeinwesen, das Einzelne o h n e
das Allgemeine, die individuellen Produzenten o h n e ihren ge-
sellschaftlichen Zusammenhang real gegeben sein können. Das Ge-
meinwesen, das Allgemeine, die Gesellschaftlichkeit soll - nach
dem kapitallogischen Konzept - erst durch den Austausch hervorge-
bracht werden.
A. Sohn-Rethel drückt dies Konzept, wohl wissend, damit eine
"einschneidende Verwandlung" der Marxschen Theorie zu konstituie-
ren, wie folgt aus: "Die 'Wertform der Ware' erweist sich als die
Form der von der Arbeit und dem Arbeitsprozeß getrennten gesell-
schaftlichen Synthesis,..." 66) H.-J. Krahl findet in gleicher
Weise: "Abstrakte Arbeit, der höchst reale Organisationsmodus des
kapitalistischen Produktionsprozesses, ist die Arbeit isoliert
und unabhängig voneinander privat arbeitenden Individuen. Als
solche bildet sie den konkreten Reproduktionsprozeß der Gesamtge-
sellschaft." 67) Abgesehen von der Absurdität, daß die abstrakte
Arbeit den konkreten Reproduktionsprozeß der Gesamtgesellschaft
bilden soll (also das Abstrakte das Konkrete ist!), darf man es
als ziemlich gleichgültig betrachten, ob nun der abstrakten Ar-
beit, dem vergegenständlichten gesellschaftlichen Arbeits v e r-
m ö g e n, die Eigenschaft angedichtet wird, "Organisationsmo-
dus" der kapitalistischen Produktion zu sein, oder aber ob die
Wertdetermination unter Bedingungen des Privateigentums als
"gesellschaftliche Synthesis" angesehen wird. In jedem Fall gilt
als unterstelltes Bild, daß eine Vielheit untereinander isolier-
ter Robinsons über den Austausch ihrer Privatprodukte ihre
Gesellschaftlichkeit erzeugt, sie also in der Produktion gar
nicht besitzt.
Dies Bild wird kapitallogisch komplettiert durch die Annahme,
nach der Waren in ihrer s i n g u l ä r e n Existenz "konkret"
seien und ihr Allgemeines durch Abstraktion über den Tauschakt
hervorgebracht werde. Den "konkreten" Produktionsrobinsons ent-
sprechen so aufs beste die "konkreten" Gebrauchswerte!
Man könnte diese Position der Kapitallogik durch viele weitere
Textstellen belegen. Dies müssen wir uns hier aber versagen und
halten daher nur fest: Kapitallogisch erscheint die Gesellschaft-
lichkeit (deren abstrakte ökonomische Bestimmung der Wert ist) im
Privateigentum als genetische Folge der Z i r k u l a t i o n,
gilt sie als Zirkulationsprodukt und nicht als a l l e r Pro-
duktion vorausgesetzte Bedingung (so daß ein nicht gesellschaft-
liches Wesen kein produzierendes Wesen ist!). Die Gesellschaft-
lichkeit wird daher auch durch "Konstitution", durch Wertbildung
und -determination (was häufig mit Sinnbildung identifiziert
wird), hervorgebracht gedacht; sie erscheint damit als Wertbesitz
der Individuen, als deren Kapital! Die Kapitallogik glaubt dem
Privateigentum, originär zu sein. Sie kommt nicht auf die Idee,
das Privateigentum als reale Negation des Gemeineigentums
v o r a u s z u s e t z e n, also das Gemeineigentum als den ur-
sprünglichen Grund menschlicher Geschichte theoretisch zu unter-
stellen.
Aus dieser kapitallogischen Fundamentalannahme folgt natürlich
mit der entsprechenden Attacke gegen die Abstraktion unweigerlich
die Denunziation aller Erscheinungsformen von Gesellschaftlich-
keit überhaupt (seien sie nun kapitalistisches Management oder
sozialistische Staatlichkeit oder kommunistische Parteien). Denn
wenn das Allgemeine nicht an sich besteht, sondern nur kraft der
unanständigen Abstraktion ins Leben tritt, so wird man - in der
Einbildung - mit der Liquidation der Abstraktion auch das Allge-
meine los. Es folgt weiter, daß menschliche Freiheit und Aus-
tausch einander ausschließen, daß die Determination des individu-
ellen Arbeitsaufwands als Bestandteil des realisierten gesell-
schaftlichen Arbeitsvermögens der adäquate Ausdruck von
"Herrschaft" und "Entfremdung" sein muß (gleichgültig, wer die
Determination vornimmt, der kapitalistische Privateigentümer oder
der sozialistische Gemeineigentümer), daß schließlich die Kalku-
lation, die Verrechnung von Werten, statt Erscheinung der Potenz
des Verstandes zu sein, vielmehr die Barbarei der Zivilisation,
die "Unmenschlichkeit der Abstraktion", die "bürgerliche Wissen-
schaft" darstellt.
Ich halte diese Sicht für den Kardinalfehler der Kapitallogik.
Sie ist der Kernpunkt ihrer Weltanschauung, die unter neuen Be-
dingungen die mit neuen Mitteln fortgesetzte romantische Kapita-
lismuskritik ist. Solche Kritik bezieht ihre Leidenschaft aus der
Verhimmelung des Citoyen und der Verteufelung des Bourgeois. Und
sie ist ganz und gar unfähig zu begreifen, daß eben der Citoyen
nichts als die politische Abstraktion genau des Bourgeois ist.
Sie ist dazu unfähig, weil sie methodologisch mit der Abstraktion
nicht ins reine kommt und weltanschaulich die Gattung gegenüber
ihren Individuen für ein bloßes "Gedankending", für ein "an sich
unausdrückbares" Wesen hält. Indem sie aber den "edlen" Citoyen
gegen den "gemeinen" Bourgeois verteidigt, betreibt sie genau das
praktische Geschäft - der Abstraktion, also derjenigen Tat, die
sie subjektiv zu "beargwöhnen" und zu bekämpfen meint. Denn indem
man ein Abstraktum gegen seine genetische Basis zur Geltung
bringt, erkennt man eben diese Basis als die unbezweifelte Vor-
aussetzung seines Tuns an! Der Kampf des "edlen" Citoyen gegen
den "gemeinen" Bourgeois ist niemals etwas anderes als der Kampf
um die Erhaltung der politischen Macht a l l e r "gemeinen" Ka-
pitalisten, d. h. der K l a s s e der Bourgeoisie. Er ist ein
i n t e r n e s Konstitutionsproblem dieser Klasse. Sofern die
entsprechenden Kämpen von sich die Illusion haben, der "wahren
Menschlichkeit" zu dienen oder gar dem Sozialismus, können sie
gar nichts anderes als den gut bekannten "wahren Sozialismus" ar-
tikulieren.
Gegen die romantische Kapitalismuskritik ist mit allem Nachdruck
festzuhalten, daß die Vorstellung von einer unorganisierten Viel-
heit von Privatarbeitern, die sich erst über den Austausch verge-
sellschaften, ein reiner Widersinn ist und in keiner historischen
Situation existiert hat noch existieren kann. Denn was erforderte
die w i r k l i c h e Existenz der reinen Privatarbeit? Die
durchgeführte Einheit von Privatarbeit und Privateigentum in je-
dem einzelnen menschlichen Individuum - vom jüngsten Baby bis zum
ältesten Greis! Solche Einheit wäre erreicht, wenn kein Mensch
mehr mit dem anderen irgendeine Wechselwirkung einginge. Keiner
dürfte mehr für den anderen - ohne Austausch - arbeiten, die Vä-
ter und Mütter nicht für ihre Kinder, die Arbeitenden nicht für
die Rentner. Und natürlich dürften sich Menschen nicht zusammen-
finden, um neue Menschen zu machen. So hätten wir die wahre Welt
der Robinsons (ohne ihre Freitags), welche in der Kapitallogik
der "gesellschaftlichen Synthesis" durch den Austausch voraus-
geht. Doch eben diese Welt brauchte gar keinen Austausch! Wozu
sollte der sich selbst genügende Privatarbeiter und -eigentümer
austauschen?
Dies Ideal, Adornos Welt des "freien und gerechten Tauschs" 68),
wird sinnfällig bereits durch das einfache Phänomen der sexuellen
Reproduktion in den biologischen Arten desavouiert. Indem die
nachfolgende Generation durch ihre Eltern ernährt werden muß, be-
steht in jeder solchen Art die G a t t u n g s notwendigkeit,
über den individuellen Bedarf des einzelnen Futter aneignenden
Lebewesens hinaus Futter für die Nachkommen zur Verfügung zu
stellen - Vorform der Mehrarbeit! Entweder die Elterngeneration
erhält die Nachkommenschaft, oder aber die Gattung (biologische
Art) hört auf zu existieren. In der menschlichen Produktion ins-
besondere ist daher jede Arbeit, in welcher historisch bestimmten
Gestalt auch immer, in Arbeit zur individuellen Erhaltung (not-
wendige Arbeit) und in Arbeit zur Gattungserhaltung (Mehrarbeit)
unterschieden. Ausbeutung und Existenz von Mehrarbeit fallen
n i c h t zusammen. Vielmehr besteht Ausbeutung dann und nur
dann, wenn die zur Gattungserhaltung geleistete Arbeit nicht
durch die Gattung (das Gemeinwesen), sondern durch eine besondere
Klasse von Menschen angeeignet wird. Und dies ist nur möglich,
wenn das Gemeinwesen seine Realität nicht im Gemeineigentum
besitzt, wenn es also Gegenstand des Ausschlusses durch die
Erzeugung und Verteidigung des Privateigentums wird. Dies
wiederum besagt, daß die unmittelbaren Produzenten durchaus
e n t e i g n e t sind und damit in den Prozeß der politischen
Konstitution der Privateigentümer überhaupt nicht eintreten,
vielmehr den zugrunde liegenden Boden der Ausbeutergesellschaft
bilden. P r i v a t eigentum für a l l e Menschen ist mithin
unter der Voraussetzung der Ursprünglichkeit des Gemeineigentums
eine reine Contradictio in adjecto. Und es ist solche Absurdität,
welche der "gesellschaftlichen Synthesis" vorangehen soll.
Wenn nun aber die Gesellschaftlichkeit niemals aus der Vorausset-
zung gegeneinander isoliert vorgestellter Individuen über den
Tausch "ableitbar" ist (ebensowenig wie das Allgemeine aus dem
Einzelnen "abgeleitet" werden kann), welche Rolle spielt der Aus-
tausch dann? Er ist n i c h t der Erzeugungsakt der Gesell-
schaftlichkeit, sondern der Akt i h r e r D e t e r m i n a-
t i o n für die beteiligten Individuen unter den äußeren und
inneren Bedingungen der Reproduktion der Gesellschaft. Der
Austausch ist mithin die r e i n e o d e r a b s t r a k t e
Erscheinung der Gesellschaftlichkeit. Er ist die Abstraktion der
Produktion, die Produktion in ihrer abstrakten Fassung. Handelt
es sich um die Produktion von Privateigentümern, so ist der
Austausch von der Art des P r i v a t austauschs. Keineswegs ist
jeder Austausch Privataustausch.
über letzteren bemerkt Marx: "Der Warenaustausch beginnt, wo die
Gemeinwesen enden, an den Punkten ihres Kontakts mit fremden Ge-
meinwesen oder Gliedern fremder Gemeinwesen. Sobald Dinge aber
einmal im auswärtigen, werden sie auch rückschlagend im inneren
Gemeinleben zu Waren." 69) Das den Warenaustausch (d.i. nicht
d e r Austausch, sondern eine seiner historisch auftratenden Ar-
ten!) konstituierende Privatwesen ist mithin durch die Existenz
vieler, einander fremden Gemeinwesen gesetzt. Sie sind einander
fremd, weil sie nicht wechselseitig Eigentümer ihrer jeweiligen
objektiven Arbeitsbedingungen sind. Das Gemeineigentum, das ein
anderes Gemeineigentum außer sich hat, ist entweder das
g e s e t z t e Privateigentum oder das a u f g e l ö s t e;
im ersten Fall handelt es sich geschichtlich um die Erzeugung des
Privateigentums, im letzteren um seine Vernichtung. Indem damit
der Erzeugung des Privateigentums die Negation des Gemeineigen-
tums immanent ist, also die E x i s t e n z desselben durch den
b e s t ä n d i g e n K a m p f gegen letzteres gegeben ist, so
ist das Gemeineigentum als Gegenstand der Negation durch das Pri-
vateigentum positiv vorausgesetzt, das Gemeinwesen also i m
K a m p f des Privatwesens gegen dasselbe a n e r k a n n t
als unausrottbare Bedingung seiner eigenen Existenz. Dieser Kampf
ist der Klassenkampf.
Die Kapitallogik verkennt in der E x i s t e n z des Privatei-
gentums den K a m p f g e g e n d a s G e m e i n e i g e n-
t u m und setzt daher - positivistisch! - das Privateigentum als
das originär Gegebene. Sie macht sich nicht klar, daß solches
originär Gegebene ein metaphysischer Unfug ist, eine Contradictio
in adjecto im Rahmen der Voraussetzung, daß Lebewesen im
allgemeinen in biologischen Arten bestehen.
Die Kapitallogik verkennt weiter den entscheidenden Umstand, daß
der Übergang in den Privataustausch nicht nur die Auflösung der
vorausgesetzten lokalen Gemeinwesen bedeutet, sondern ebensosehr
die ideale Setzung des universellen Gemeinwesens, als dessen
Glieder die miteinander Tauschenden auftreten. Der im Privataus-
tausch gesetzte Weltmarkt ist die Vorstellung des universellen
Gemeinwesens, seine ideale Antizipation unter der Voraussetzung
seiner realen Nichtexistenz, d.h. unter der Voraussetzung, daß
dasselbe noch in der historischen Bildung begriffen ist! Es er-
langt seine Realität über die Durchsetzung des sozialistischen
und schließlich kommunistischen Gemeineigentums an den objektiven
Bedingungen der Arbeit. Dabei versteht es sich im Rahmen der mar-
xistisch-leninistischen Theorie, daß diese Durchsetzung vom Stand
der Entwicklung der Produktivkräfte (im internationalen, nicht
lokalen Zusammenhang) abhängig ist. Er entscheidet über die reale
Möglichkeit der Subsumtion des Tauschs unter die Produktion. In
solcher Subsumtion wird nicht der Tausch liquidiert, sondern der
Privataustausch, weil das Privateigentum.
Mit Bezug auf diese Überlegungen versteht es sich, daß der Wert
kein Gegenstand des reinen Protestes sein kann. Indem nämlich das
berühmte Wertgesetz nichts anderes als das Abstraktionsprinzip
für die ökonomische Äquivalenz von Arbeitsprodukten unterschied-
licher Art ist, kann der Wert nur mit der Aufgabe des Vergleichs
von Arbeitsaufwand und -ergebnis verschwinden, also mit dem Ver-
zicht auf die Feststellung ökonomischer Äquivalenzen. Eine Ge-
meinschaft aber, die solchen Verzicht realisiert, riskiert ihre
eigene Existenz; sobald sie mehr verbraucht als erzeugt, sind
ihre Tage gezählt. Im Interesse also der Erhaltung der Gemein-
schaft ist die Wertdetermination (Aufwandsbestimmung) unumgäng-
lich, eine notwendige Bedingung menschlicher Existenz. Das Pro-
blem besteht daher für den wissenschaftlichen Sozialismus nicht
in der allgemeinen Notwendigkeit der Wertdetermination, sondern
im historischen bestimmten Umstand ihrer Realisation durch den
Privataustausch. In ihm erscheint der Wert unvermeidlich als In-
dividualeigentum, obwohl er doch an sich das vergegenständlichte
Gattungsvermögen ist. Diese An-sich-Existenz in eine Existenz an
und für sich zu verwandeln, erfordert, der Gattung reales Beste-
hen zu geben d. h. das Gemeineigentum herzustellen. In diesem Au-
genblick ist die Wertdetermination nicht mehr das Werk kontradik-
torisch verhandelnder Privateigentümer, sondern das des seiner
selbst bewußten Gemeinwesens, der Gemeinschaft von Individuen, in
der jedes Individuum als "polites" agiert, weil es das liqui-
dierte Privateigentum nicht mehr zum "idiotes" machen kann.
Wenn man die Genesis solcher Lage in der Gegenwart empirisch stu-
dieren will, so beobachte man das Verhältnis der Werktätigen im
realen Sozialismus zur Notwendigkeit der Aufwandsbestimmung und
Aufwandsreduktion im Produktionsprozeß. Hier findet man die wahre
Auflösung des Wertproblems, nicht aber in den Träumen von der Er-
setzung der Abstraktion durch die private Sinnlichkeit.
_____
1) So B. Heidtmann in: "Eurokommunismus als Ideologie?", in: SOPO
40 (1977), S. 108. Die Forderung nach der wissenschaftlichen Dis-
ziplinierung der Sozialismusdebatte ist von wesentlicher Bedeu-
tung für ihre eigene Existenz. Natürlich kann man über allerlei
"Sonderentwicklungen", "Deformationen" und "Transformationsbedin-
gungen" räsonnieren (vernünfteln) und sich eine aparte Vorstel-
lung vom "wahren Sozialismus" zusammenzimmern. Sollen solche
Überlegungen aber den Rang von Versuchen zur Weiterbildung des
wissenschaftlichen Sozialismus erlangen, so müssen sie im Rahmen
seines theoretischen Fundaments erfolgen, also im Einsatz seines
begrifflichen Instrumentariums formuliert werden. Ebenso wie man
physikalische Probleme nur i n der Physik s i n n v o l l
stellen und lösen kann, lassen sich Sozialismusprobleme nur
innerhalb des wissenschaftlichen Sozialismus wirklich praxisrele-
vant behandeln. Dies aber erfordert die Beachtung der theore-
tisch-methodischen Konstitutionsbasis eben des wissenschaftlichen
Sozialismus, also die Erfüllung der von Heidtmann mit Recht
proklamierten Fundamentalbedingung jeder ernsthaften Sozialismus-
diskussion.
2) Vgl.: P. Ruben: "Wissenschaft als allgemeine Arbeit", in: SOPO
36 (1976), S. 1-40. Ders.: "Die wissenschaftstheoretische Bedeu-
tung der Hegelschen Logik", in: SOPO 41 (1977).
3) Den Terminus "Kapitallogik" verwendet z.B. H.-J. Schanz aus-
drücklich in: Til rekonstruktionen af kritikken af den politiske
økonomis omfangslogiske Status. Aarhus (Dänemark) 1973, S. 153
ff. (eine deutsche Übersetzung dieser Schrift liegt mir nicht
vor).
4) Den Terminus "Logik des Kapitals" verwendet die Hannoversche
Projektgruppe zur Kritik der politischen Ökonomie in: Zur Logik
des Kapitals, 2. neu bearb. Aufl., Berlin (West) 1973.
5) L. Althusser/E. Balibar: Das Kapital lesen, Bd. I und II, dt.
Übers, v. K.-D. Thieme, Hamburg 1972 (frz.: 1968).
6) L. Althusser: Lenin und die Philosophie, dt. Übers, v. K.-D.
Thieme, Hamburg 1974. S. 72.
7) K. Hartmann: Marxens "Kapital" in transzendentalphilosophi-
scher Sicht, Bonn 1968.
8) Chr. Helberger: Marxismus als Methode, Frankfurt/M. 1974.
9) W. Becker: Kritik der Marxschen Wertlehre, Hamburg 1972.
10) Beckers marktschreierisch verkündigte Wahrnehmung des angeb-
lichen "methodischen Irrationalismus" bei Marx basiert angesichts
der Wertform a = b für die qualitativ und quantitativ bestimmten
Waren a und b schlicht auf der Ignoranz des Forminhalts eben die-
ses Ausdrucks, d.h. auf seiner Interpretation als der sprachli-
chen Darstellung einer abstrakten Gleichheit (Äquivalenz). Mit
anderen Worten: Becker hat seinen Grammatik-Unterricht vergessen!
Der Ausdruck a = b, weil er ein S a t z ist, hat in "a" sein
Subjekt und in "= b" sein Prädikat bzw. seinen Prädikatverband,
der seinerseits wieder mit "=" ein spezielles Prädikat i.e.S. (in
Worten: "ist gleichwertig") und mit "b" ein Dativobjekt enthält.
Vom "Forminhalt" des Wertausdrucks, d.h. von der "Wertform" zu
reden, bedeutet, die kategoriale Gliederung dieses Satzes als se-
mantisch relevant anzunehmen: Das Subjekt "a" bezeichnet dann die
relative Wertform, das Objekt "b" die Äquivalentform! Dies hätte
Becker wenigstens notieren müssen, wollte er ernst genommen wer-
den. Statt dessen liest er den Wertausdruck als Exempel einer
Äquivalenz = (a, b), worin vom Unterschied zwischen dem Subjekt
"a" und dem Objekt "b" abstrahiert ist (beide Zeichen daher auch
Individuenkonstanten sind!), und findet dann natürlich, daß die
Sätze "a = b" und "a ist b wert" eine Inkonsistenz statuieren,
wenn sie, wie Marx in der Tat unterstellt, d a s s e l b e be-
sagen sollen. Wie man sieht, ist solche Inkonsistenz die Priva-
terfindung Beckers, der empirische Gleichwertigkeitsbehauptungen
bewußtlos unter die Ausdrücke abstrakter Gleichheiten subsumiert,
also Gleichheiten nicht anders als abstrakt wahrzunehmen vermag.
Um so erstaunlicher ist es, wenn Beckers Argumentation von nicht
wenigen Kapitallogikern als seriöse Problemstellung goutiert
wird. Indes fällt solches Erstaunen in sich zusammen, wenn man
die logische Bildung der Kapitallogik näher kennenlernt. Soviel
jedenfalls bleibt festzuhalten: Beckers Räsonnement ist Scharla-
tanerie, gezielt auf Ideologiekonsumenten, denen das methodologi-
sche Handwerkszeug nicht zur Verfügung steht, die angebotene Ware
auf ihre Gebrauchseigenschaften zu testen. Der kritische Rationa-
lismus ist n i c h t seriös - weder logisch noch methodologisch
(von seiner Weltanschauung ganz zu schweigen)! Im naturwissen-
schaftlichen Methodenverständnis ist er daher auch mit Recht to-
tal unbekannt. Und die Naturwissenschaft ist, wie Marx stets ein-
geschärft hat, die Basis aller Wissenschaft überhaupt.
11) Eine umfassende Kritik der Kapitallogik wird vom Autor anvi-
siert und gewiß realisiert, wenn die entsprechende Arbeitszeit
zur Verfügung stehen wird. Dann kann auch der Beweisanspruch de-
tailliert erfüllt werden.
12) A. Schmidt: Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx. Neu-
ausg., Frankfurt/M. 1971. Die Erstausgabe dieser Schrift erschien
1962 auf der Basis einer Dissertation, die 1957-1960 unter der
Betreuung von Horkheimer und Adorno angefertigt worden war.
13) H.-G. Backhaus: "Zur Dialektik der Wertform", in: Beiträge
zur marxistischen Erkenntnistheorie, hg. v. A. Schmidt, Frank-
furt/M. 1969, S. 128-152. Dieser Darstellung liegt der Vortrag
zugrunde, den Backhaus 1965 im Institut für Politikwissenschaft,
Frankfurt, gehalten hat.
Weitere Darstellungen hat Backhaus vorgelegt mit: "Materialien
zur Rekonstruktion der Marxschen Werttheorie 1", in: Gesell-
schaft. Beiträge zur Marxschen Theorie 1, hg. v. H.-G. Backhaus
u.a., Frankfurt/M. 1974, S. 52-77. "Materialien zur Rekonstruk-
tion ... 2", in: Gesellschaft. Beiträge ... 3, Frankfurt/M. 1975,
S. 122-159. Der angekündigte 3. Teil dieser "Materialien" liegt
mir nicht vor, ist auch bis zum Heft 8 der "Gesellschaft" nicht
publiziert worden.
14) H.-J. Krahl: "Bemerkungen zum Verhältnis von Kapital und He-
gelscher Wesenslogik", in: Aktualität und Folgen der Philosophie
Hegels, hg. v. O. Negt, Frankfurt/M. 1970, S. 141-154. Ders.:
"Zur Wesenslogik der Marxschen Warenanalyse", in: H.-J. Krahl:
Konstitution und Klassenkampf, Frankfurt/M. 1971, S. 31-81.
15) H. Reichelt: Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs bei
Karl Marx, Frankfurt/M. 1970.
16) A. Sohn-Rethel: Geistige und körperliche Arbeit, 2. Aufl.,
Frankfurt/M. 1972 (1. Aufl.: 1970). Ders.: "Das Geld, die bare
Münze des Apriori", in: P. Mattick/A. Sohn-Rethel/H.G. Haasis:
Beiträge zur Kritik des Geldes, Frankfurt/M. 1976, S. 35-117. Die
früheren Arbeiten von Sohn-Rethel sind publiziert in: Warenform
und Denkform. Aufsätze. Frankfurt/M. 1971.
Man könnte Sohn-Rethel als Begründer der Kapitallogik ansehen,
wenn er nicht die Wertform (Warenform), die er in der Frankfurter
Schule zuerst zur Sprache gebracht hat, als inadäquaten Wertaus-
druck der "Denkform" als adäquaten Wertausdruck gegenübergestellt
hätte (vgl.: Geistige und körperliche Arbeit, 2. Aufl., S. 234),
um letztere aus ersterer "abzuleiten". So schlug er sich mit me-
thodologischen Problemen herum, für deren Lösung seine verfügba-
ren Mittel offensichtlich nicht ausreichten. H. Wohlrapp hat denn
auch leichtes Spiel gehabt, Sohn-Rethels "Ableitung" konstrukti-
vistisch zu sezieren und zu leicht zu befinden. Vgl.: H.Wohlrapp:
"Materialistische Erkenntniskritik?", in: Methodologische Pro-
bleme einer normativ-kritischen Gesellschaftstheorie, hg. v. J.
Mittelstraß, Frankfurt/M. 1975, S. 160-243. Zur marxistischen
Kritik an Sohn-Rethel vgl.: P. Brand/N. Kotzias/H.J. Sandkühler/
H. Schindler/F. Schumacher/W, van Haren/M. Wilmes: Der autonome
Intellekt, Berlin (DDR) 1976.
17) Z.B.: Folgen einer Theorie. Essays über "Das Kapital" von
Karl Marx, Frankfurt/M. 1967. R. Rosdolsky: Zur Entstehungsge-
schichte des Marxschen "Kapital", Bd. I-III, Frankfurt/M. 1968.
18) J. Zeleny: Die Wissenschaftslogik bei Marx und "Das Kapital",
dt. Übers, v. P. Bollhagen, Berlin (DDR) 1968, (das tschechische
Original erschien 1962). E.W. Iljenkow: "Die Dialektik des Ab-
strakten und Konkreten im "Kapital", in: Beiträge zur marxisti-
schen Erkenntnistheorie, hg. v. A. Schmidt (dieser Beitrag ist
das 3. Kap. des 1960 publizierten gleichnamigen Buchs von
Iljenkow).
19) H.-G. Backhaus: Zur Dialektik der Wertform, a.a.O., S. 128.
20) Ebenda, S. 131.
21) Ebenda.
22) Unter einem "Ausdruck" versteht man einen Satz oder eine
Satzform (dabei ist von sprachlichen Ausdrücken die Rede!). Ein
Satz ist ein Ausdruck, der nur Konstanten oder nur gebundene Va-
riablen enthält (oder beides). Eine Satzform ist ein Ausdruck mit
mindestens einer freien Variablen.
Wie es scheint, verwechselt Backhaus Ausdrücke mit Termen, d.h.
Ausdrucksgliedern: Wenn der "allgemeine Gegenstand" keinen unver-
kehrten Ausdruck besitzen soll, so ist damit wohl angedeutet, daß
man für ihn keinen N a m e n hat, also nicht etwa keinen Aus-
druck, sondern keinen Term!
23) Backhaus: Zur Dialektik der Wertform, a.a.O., S. 131.
24) K. Marx: Das Kapital. Erster Band. Berlin (DDR) 1953, S. 42.
25) K. Marx: "Die Wertform" (Anhang zur Erstaufl. des "Kapital"),
in: Marx/Engels: Kleine ökonomische Schriften, Berlin (DDR) 1955,
S. 262.
26) H. Reichelt, a.a.O., S. 148. Man mache diese kapitallogische
Einsicht einmal selbständigen Handwerkern klar, die - sagen wir -
Brötchen gegen Schuhe tauschen. Wenn der Bäcker mit den Schuhen
und der Schuster mit den Brötchen vergnügt davonzieht, soll jeder
denken: Was er in der Hand hält, kann gar nicht getauscht werden,
also nicht in der Hand sein! Welchen Begriff von der Philosophie
sollen beide wohl gewinnen?
27) H. Reichelt, a.a.O., S. 149.
28) H.-G. Backhaus, a.a.O., S. 135-136.
29) Man hat hier z.B. zu beachten, daß Hegel das G a t-
t u n g s bewußtsein, Backhaus aber im Sinne des Konzepts der
Frankfurter Schule durchaus das I n d i v i d u a l bewußtsein
im Blickfeld hat. Während für Hegel das Individuum nichts als ein
Mittel der Evolution der Gattung ist, beargwöhnt die Kritische
Theorie alle Erscheinungsformen der Gattung im Namen des
bürgerlichen Individuums. Dies müssen insbesondere diejenigen in
Rechnung stellen, die den Hegelianismus der Frankfurter Schule
für bare Münze nehmen, in ihm also eine getreue Kopie der echten
Hegelschen Philosophie zu sehen meinen.
30) Projektgruppe Entwicklung des Marxschen Systems (PEM): Das
Kapitel vom Geld, Berlin (West) 1973, S. 200-201.
31) Ebenda, S. 36. Auf S. 119 erklärt die PEM erneut: "Nur durch
die Abstraktion vom erscheinenden Verhältnis, der Preisform, kann
zu den einfachen Verhältnissen vorgedrungen werden, die als sol-
che nicht erscheinen." Mit solcher Vorstellung von "nicht er-
scheinenden Verhältnissen" ersetzt die PEM die Annahme von nicht
erscheinenden Gedankendingen, ohne die grundsätzliche Konzeption
eines nicht erscheinenden Wesens aufzugeben, die also für die Ka-
pitallogik schlechthin charakteristisch ist. Dagegen muß gesagt
werden: Was wirklich ist, erscheint auch; ein nicht erscheinendes
Wesen ist ein Unwesen!
32) "Verständige Abstraktion" nennt Marx das Produkt eines Vorge-
hens wie dies Vorgehen selbst, das "wirklich das Gemeinsame her-
vorhebt, fixiert und uns daher die Wiederholung erspart", womit
das Abstrakt-Allgemeine "das durch Vergleichung herausgesonderte
Gemeinsame" ist (MEW, Bd. 13, S. 617). Das Abstrakt-Allgemeine
ist also n i c h t das originäre Allgemeine, sondern es unter
Bedingung seiner Heraussonderung, also das g e s o n d e r t e
Allgemeine! Indem Marx' Beschreibung mit der Abstraktionsauffas-
sung der modernen allgemeinen Methodologie ausgezeichnet überein-
stimmt, so können wir seinen Terminus "verständige Abstraktion"
bestens verwenden. Zu beachten ist in der Marxschen Verwendung
des Terminus "Abstraktion", daß sie im kontextuellen Zusammenhang
oft auch - in der Tradition Feuerbachs - durch die Verwendung des
Terminus "Denkbestimmung" (Hegel) ersetzt werden kann. Denkbe-
stimmungen, insbesondere dialektische Kategorien, sind aber unter
keinen Umständen Produkte der verständigen Abstraktion, daher
keine Abstraktionen in diesem Sinne. Die Verwechslung von
"Abstraktion" (im Sinne der verständigen Abstraktion) und
"Denkbestimmung" ist unheilvoll für die methodisch saubere Klä-
rung der Besonderheit der Dialektik.
33) Vgl. dazu: P. Ruben: "Wissenschaft als allgemeine Arbeit",
a.a.O., S. 33.
34) PEM: Der 4. Band des "Kapital"? Kommentar zu den "Theorien
über den Mehrwert", Berlin (West) 1975, S. 658.
35) Projekt Klassenanalyse (PKA): "Vorlesungen zur Einführung ins
'Kapital'. Über 'die arbeitende Klasse und ihre Freunde'" (Rez.
zu W.F. Haug: Vorlesungen zur Einführung ins "Kapital", Köln
1974), in: Beiträge zum wissenschaftlichen Sozialismus, 6/1976,
S. 14.
36) J. Bischoff: Gesellschaftliche Arbeit als Systembegriff. Über
wissenschaftliche Dialektik, Berlin (West) 1973, S. 27-134. Bi-
schoff beruft sich - wie viele andere - in diesem Zusammenhang
auf das bekannte Engels-Zitat, übersieht aber, daß der Terminus
"Gesamtzusammenhang" bei Engels keineswegs eine analytisch be-
stimmte Gesamtheit von vielen Eigenschaften meint, sondern die
dialektisch bestimmte Einheit des Konkreten, also den W i d e r-
s p r u c h! Wir haben es hier mit einem typischen Fehler der
Interpretation zu tun: Wenn Engels die Dialektik deskriptiv als
Wissen des "Gesamtzusammenhangs" angibt, wenn Marx das Konkrete
als "Mannigfaltigkeit" ausdrückt, so finden sich stets Interpre-
ten, die diese Wörter als Zeichen für verständige (analytische)
Kategorien fassen, also genau ihren vernünftigen (dialektischen)
Sinn verfehlen. Der "Gesamtzusammenhang" wird dann als Relations-
menge, die "Mannigfaltigkeit" als Menge im Cantorschen Sinne
verstanden - zumeist natürlich nicht in dieser Präzision. Es
versteht sich, daß auf diese Weise die Dialektik in irgendeine
Art von Systemtheorie verwandelt wird.
37) Reichelt (a.a.O., S. 81) unterstellt Marx, "daß er unter der
dialektischen Methode nicht eine Verfahrensweise von überzeitli-
cher Geltung verstand, sondern weit mehr eine Methode, die so gut
oder so schlecht ist, wie die Gesellschaft, der sie entspricht.
Geltung hat sie nur dort, wo sich ein Allgemeines auf Kosten des
Individuellen durchsetzt. Als idealistische Dialektik ist sie die
philosophische Verdopplung der realen Verkehrung; als materiali-
stische Dialektik Methode auf Widerruf, die mit den Bedingungen
ihrer Existenz verschwinden wird." Dies ist natürlich eine esote-
rische Weise, die objektive Naturdialektik zu leugnen: "Nur die
politische Ökonomie ist überhaupt Gegenstand der dialektischen
Darstellung, ..." (ebenda).
38) W.F. Haug: Vorlesungen zur Einführung ins "Kapital", 2.
Aufl., Köln 1976, S. 29 (1. Aufl.: S. 20).
39) Ebenda, S. 131 (1. Aufl.: S. 129).
40) Haug sieht die "gleiche, abstrakt-menschliche Arbeit" als Ge-
genbestimmung zur "konkret-nützlichen Arbeit" (a.a.O., S. 106; 1.
Aufl.: S. 102). Richtig ist jedoch, daß die abstrakt-menschliche
Arbeit zunächst Eigenschaft jeder konkret-nützlichen Arbeit ist:
Die Schneiderarbeit ist - Arbeit; die Tischlerarbeit ist "Arbeit
etc.; die Art enthält ihre Gattung! Erst mit dem praktischen Aus-
schluß der Gattung über die Vernichtung des Gemeineigentums durch
Erzeugung des Privateigentums wird das Verhältnis des Konkreten
zum Abstrakten so verkehrt, daß nunmehr die besondere Arbeitsart
erst als Arbeit gilt, wenn sie als Repräsentantin von abstrakter
Arbeit erwiesen ist (über den Privataustausch). Sie ist dann auch
nicht mehr konkret, sondern das unter sein Abstraktum subsumierte
Einzelne!
Haug bemerkt übrigens sehr gut, daß das Problem des Zusammenhangs
der konkreten mit der abstrakten Arbeit die Gretchenfrage an die
Kapitallogik ist. Er schließt daher seiner Darstellung einen
"Exkurs über ... die Schwierigkeit, einen Widerspruch auszuhal-
ten" (a.a.O., S. 115-120) an. Doch dieser Exkurs e r k e n n t
nicht den Widerspruch (wie seine Verkehrung durch die Dominanz
des Privateigentums), sondern postuliert allein seine
A n erkennung. Denn genau die Forderung, "konkret nützliche und
abstrakt menschliche Arbeit nicht undialektisch auseinan-
der(zu)dividieren" (S. 120), ist nicht erfüllt, wenn man beide
Bestimmungen als "Gegenbegriffe" für einen äußeren Gegensatz ein-
führt.
41) A.a.O., S. 102 (1. Aufl.: S. 98).
42) Ebenda, S. 28 (1. Aufl.: S. 20).
43) Ebenda, S. 102 (1. Aufl.: S. 99).
44) V.-M. Bader/J. Berger/H. Ganssmann/Th. Hagelstange/B. Hoff-
mann/M. Krätke/B. Krais/L. Kürschner/R. Strehl: Krise und Kapita-
lismus bei Marx, Bd. I u. II, Frankfurt/M. 1975.
45) Ebenda, S. 32.
46) Ebenda, S. 39.
47) Ebenda, S. 50.
48) Ebenda, S. 136.
49) Ebenda, S. 132. Man kann dem Autorenkollektiv bescheinigen,
daß es im weiteren Verlauf seiner krisentheoretischen Erörterun-
gen die eingangs der Darstellung entwickelten methodologischen
Grundsätze nicht so sehr ernst nimmt, was sich erfreulich aus-
wirkt.
50) R.W. Müller: Geld und Geist. Zur Entstehungsgeschichte von
Identitätsbewußtsein und Rationalität seit der Antike. Frank-
furt/M.-New York 1977, S. 109.
51) PEM: Das Kapital vom Geld, a.a.O., S. 201.
52) Es sei an dieser Stelle bemerkt, daß die Erkenntnis der Natur
des Marxschen Wertbegriffs, durch Abstraktion definiert zu sein,
zum ersten Male von S.A. Janowskaja 1936 in der Arbeit "Über die
sogenannten 'Definitionen durch Abstraktion'" (russ.) formuliert
worden ist. Eine deutsche Übersetzung dieser bemerkenswerten Dar-
stellung liegt leider nicht vor. Man kann aber nachlesen bei:
G.I. Ruzavin: Die Natur der mathematischen Erkenntnis, dt. Übers,
v. G. Rieske, Berlin (DDR) 1977, S. 31-33. Hier berichtet Ruzavin
über die Feststellungen der Janowskaja. Überdies ist seine Arbeit
zu empfehlen, wenn Philosophen ohne besondere mathematische Vor-
bildung die philosophischen Grundlagen der Mathematik kennenler-
nen wollen. Und sie sollten dies zumindest tun, wenn sie sich auf
die Werttheorie einlassen.
53) W.F. Haug: Vorlesungen ..., S. 93.
54) Vgl.: P. Ruben: "Prädikationstheorie und Widerspruchspro-
blem", in: Wiss.Z.d.HU zu Berlin. Ges.-Sprachw. R. XXV (1976) 1,
53-63.
55) Ich nehme an, daß an dieser Stelle ein Druckfehler in der 2.
Aufl. vorhanden ist, der in der 1. nicht vorhanden war. Es heißt
nämlich: "Unmittelbar sind A und B ungleich, A = B." Sollte dies
kein Druckfehler sein, so wäre es schon der logische Wider-
spruchsausdruck.
56) Ebenda.
57) H. Brinkmann: Die Ware. Zu Fragen der Logik und Methode im
'Kapital', Gießen 1975, S. 101.
58) Ebenda, S. 105.
59) Ebenda, S. 179.
60) Ebenda, S. 34.
61) Ebenda.
62) K. Marx: Das Kapital, Erster Band, S. 52.
63) Ebenda, S. 62.
64) H.-G. Backhaus: Zur Dialektik der Wertform, a.a.O., S. 142-
143.
65) K. Marx: Das Kapital, Erster Band, S. 51.
66) A. Sohn-Rethel: Warenform und Denkform, S. 96.
67) H.-J. Krahl: Konstitution und Klassenkampf, S. 33.
68) Th. W. Adorno: Negative Dialektik, Frankfurt/M. 1975, S. 150.
69) K. Marx: Das Kapital, Erster Band, S. 93.
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