Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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       Diskussion & Kritik
       
       Martin Blankenburg
       

KONTUREN EINER "IDEEN-POLITIK"

Eine Skizze (angeregt durch den Aufsatz von Helmut Arnaszus in SOPO 34/35: Die Rolle der Philosophie aus wissenschaftspoliti- scher Perspektive der Unternehmerverbände) "Ideen-Politik" heißt das Stichwort, mit dem Helmut Lübbe, ehe- mals Staatssekretär im Kultusministerium des Landes Nordrhein- Westfalen und nunmehr einer der Chefideologen des Bundes "Freiheit der Wissenschaft", der bürgerlichen Ideologie aus der Verlegenheit geholfen hat, den marxistisch-leninistischen Begriff des "ideologischen Klassenkampfes" weder anerkennen noch eine rechte Alternative zu ihm finden zu können. Desto froher griff man Lübbes glückliche Prägung auf, deren Tauglichkeit zur Parole und zum Schlachtruf sich insbesondere unter der Obhut des Philo- sophen Günter Rohrmoser erweisen sollte, der seinen Nekrolog auf die "Kritische Theorie" inzwischen zu einer allgemeinen Verkün- dung des "Endes der Emanzipation" im Zeichen der Tendenzwende aufgeblasen hatte. 1) Wenn im Folgenden auch nur grobe Umrisse einer solchen Ideen-Politik gezeichnet werden können, sollen je- doch zu Mißverständnissen Anlaß gebende Unscharfen, von denen der Aufsatz von Arnaszus leider nicht ganz frei ist, vermieden werden - nicht zuletzt deshalb, weil das Spektrum bürgerlicher Ideen-Po- litik Oszillationseffekte geradezu programmiert. I. Obwohl Sinn und Zweck dieser Skizze sich keineswegs auf eine bloße Korrektur von Fehlurteilen und Desinformationen in Arnas- zus' Aufsatz beschränkt, müssen allgemeine Folgerungen über S t r u k t u r u n d D y n a m i k b ü r g e r l i c h e r I d e o l o g i e f o r m jedoch zunächst hinter der Darstellung einiger wesentlicher Fakten zurücktreten. Schließlich ist es ge- rade die Vernachlässigung der Sorgfaltspflicht gegenüber den Tat- sachen, die in der komplementären Gestalt einiger stillschweigen- der spekulativer Prämissen in jenem Aufsatz kritisiert werden soll. Marx hat, nach eigener Aussage, "von jeher die Methode der Kon- densation geliebt." (Brief an Lassalle, 22.2.1858) Man kann nun aber zweifellos das fruchtbare Prinzip der Verdichtung zu einem pauschalen Reduktionismus überdehnen und das nominalistische Ra- siermesser Ockhams als ein Hackebeil zur Herstellung eines unter- schiedslosen Breis mißbrauchen, anstatt es als ein Instrument zur Vermeidung überflüssiger oder tautologischer Erklärungsgründe zu benutzen. Als weder überflüssig noch tautologisch will es mir erscheinen, etwa zwischen "Kritischem Rationalismus" und "Praktischer Philo- sophie" zu differenzieren, was Arnaszus jedoch für nicht erfor- derlich hält, wenn er "Popper und seine Nachfolger von der 'Praktischen Philosophie'" (SOPO 34/35, S. 139) attackiert. - Bleiben wir jedoch zunächst bei Arnaszus' Bestimmung der Band- breite unternehmerisch lizensierten Philosophierens! Hier begnügt er sich etwas allzu bescheiden mit der durch einige Anreicherun- gen ergänzten Position Hermann Lübbes, die mittels eines bloß punktuellen Vergleichs mit einigen exponierten Äußerungen von BDA-Präsident Schleyer nicht nur fälschlich dem kritischen Ratio- nalismus zugeordnet, sondern auch für repräsentativ im Sinne sei- nes Aufsatztitels erklärt wird. Diese fragwürdige Verkürzung des Spektrums unternehmerisch gebilligter Philosophie auf einen zudem noch falsch georteten Rationalismus dürfte nicht zuletzt Resultat der völligen Vernachlässigung der h i s t o r i s c h e n D i m e n s i o n der "Philosophie" von Unternehmerverbänden sein. Die Anführungszeichen repräsentieren meine für Fachphiloso- phen vielleicht schockierende Auffassung, daß nur die Synthese der in der Verbändeliteratur, die weitgehend außerhalb des Blick- feldes und der Reichweite der Öffentlichkeit erscheint, zerstreut vorliegenden trivialen "Hausphilosophie" der Unternehmerschaft zureichende Kriterien für die Beurteilung unternehmerischer oder unternehmerisch geförderter Stellungnahmen zur akademischen Phi- losophie erbringen kann. 2) Berücksichtigt man nun die in der Wirtschaftswunder-Ära aus verschiedenen Gründen zustandegekommene ideologische Überwertigkeit klein-kapitalistischer Ansprüche, ge- langt man immerhin zu der ein pauschales Monopol-Verständnis vielleicht irritierenden Einsicht, daß die Suche nach einer ge- genüber sozialistischen Forderungen ideologisch geschlossenen Be- gründung der "unternehmerischen Position" im kalten Nachkrieg be- sonders durch die unter dem Panier des Ordo-Liberalismus der Freiburger Schule Euckens angetretenen und in der "Arbeitsgemeinschaft selbständiger Unternehmer e.V." (ASU; seit 1949) organisierten Klein-Kapitalisten propagiert würde. 3) Dem- gegenüber hielt sich die durch den Faschismus ziemlich diskredi- tierte Monopolfraktion hinter dem von den Neo-Liberalen aufge- spannten ideologischen Schirm zunächst etwas gedeckt und zog es vor, eine mehr pragmatische Wirtschaftspolitik zu betreiben. Ei- nerseits versuchte man recht erfolgreich das Zustandekommen eines Kartellgesetzes zu verzögern und schließlich die bereits sehr milde Fassung von 1958 noch weiter zu entschärfen (unter besonde- rer Schützenhilfe des so liberalen Erhard) 4), andererseits ent- warf man Rückeroberungsstrategien für das durch die Entflech- tungsbestimmungen der Alliierten verlorene Terrain. Diese Doppel- strategie trug schließlich ihre Früchte: So war mit dem Erwerb der Rheinstahlmehrheit durch Thyssen 1973 der alte Stahlverein wieder glücklich beisammen; eine von den Liberalen böse als "Elefantenhochzeit" 5) titulierte Konzentration, die Maßstäbe setzte: z.B. für die Übernahme der Max-Hütte des Flick-Konzerns durch die Klöckner-Werke, einen der spektakulärsten Fälle des vergangenen Jahres. Ohne Übertreibung ließe sich sagen, daß die Monopolfraktion über zwei Jahrzehnte im Stillen und nicht unge- schickt ihre ö k o n o m i s c h e Arrondierungspolitik betrie- ben hatte, bevor sie sich heute an die Arbeit begab, diese auch i d e o l o g i s c h zu legitimieren. Im gesunden Vertrauen auf die normative Kraft des Faktischen schaffte die Monopolfraktion erst einmal vollendete Tatsachen und konnte erfahrungsgemäß mit dem relativen Stillschweigen der Ordo-Liberalen rechnen, die sich gezwungen sahen, wenn es denn schon einmal so war, auch das m o n o p o l i s t i s c h e Eigentum in ihren Katalog angebli- cher Grundwerte aufzunehmen - zumal es den Liberalen angesichts der gar nicht liberalen Tatsachen ja doch mehr auf das reine Strahlen des ideologischen Scheins der "freien und sozialen Marktwirtschaft" ankam. 6) Die genannte ö k o n o m i s c h e Elefantenhochzeit hat aber nicht nur wirtschaftliche Folgewirkun- gen gezeitigt, sondern auch einer v e r b a n d s p o l i t i- s c h e n Elefantenhochzeit den Weg bereitet: in Gestalt der Personalunion der Präsidentschaft von BDA und BDI durch Hanns Martin Schleyer, der die anti-gewerkschaftliche Stoßrichtung dieser Gleichschaltung bereits im Sommer 1975 zur ersten bundesweiten Aussperrung im Druckerstreik zu nutzen wußte. Erst seit diesem doppelten "Schichtwechsel", der Ablösung liberaler durch monopolistische Repräsentanten (Berg durch Sohl, statt z. B. durch Rodenstock) sowie der monopolistischen Machtkonzentra- tion verschiedener Organisationen in e i n e r Kommandozentrale (Schleyer), wird auch eine eigentliche "Monopol-Philosophie", wie sie das "Soziale Modell" Schleyers (Stuttgart 1973) darstellt, auf den Markt geworfen. Entsprechend ihrer viel umfassenderen Zielstellung ist sie wesentlich pragmatischer und flexibler, um nicht zu sagen: eklektischer, gehalten als der demgegenüber recht dogmatisch erscheinende "orthodoxe" Neo-Liberalismus. 7) Für die monopolistische Interessenlage bietet sich die Anleihe bei einer wissenschaftstheoretischen Position d e s P l u r a l i s m u s geradezu an, weil zumal ein so programmatischer wie formaler Pluralismus erlaubt, das "jeweils Erforderliche" relativ zwanglos in den Mittelpunkt der Argumentation zu rücken - gewiß eher, als die metaphysische Festlegung auf ein ideologisches Aggregat abendländischer Werte, auf die der Ordo-Liberalismus schon wegen klerikaler Rücksichtsnahme nicht verzichten wollte. Dennoch kann auch gegenwärtig von einem endgültigen Verschwinden der ontologisch-normativen Sozialphilosophie keine Rede sein. Eher das Gegenteil bezeugt z.B. Kaltenbrunners einige Kreise ziehende Bastelei an der R e k o n s t r u k t i o n d e s K o n s e r- v a t i s m u s und die eifrige Sammelbewegung um die b e a b s i c h t i g t e R e h a b i l i t i e r u n g d e r p r a k t i s c h e n P h i l o s o p h i e, 8) Zugespitzt ließe sich sogar sagen: Der Kapitalismus der BRD bedarf der neoliberalen Ideen samt ihrer klerikalen Überhöhung immer noch als einer notwendigen ideologischen Fiktion. Die bürgerliche Ideologie ist zu ausgezehrt, als daß sie auch nur auf ein Argument zugunsten der bestehenden Eigentumsverhältnisse ver- zichten könnte. II. Nicht ohne Berechtigung auf der phänomenalen Ebene redet Arnaszus vom "Scheitern der existenzialistischen und essentialistischen Philosophie der Jahre des kalten Krieges" sowie vom Einflußgewinn der "scheinbar an die (?) Wissenschaft orientierte(n) Richtung des Positivismus" (SOPO 34/35, S. 137). Es scheint aber die mög- licherweise unfreiwillige Ironie einigermaßen mißglückt, einer- seits die z.B. in der Philosophie von Jaspers zu einer "Chiffre der Transzendenz" mystifizierte Vokabel des "Scheiterns" zu bemü- hen, andererseits den von Popper dem Marxismus ausgehändigten schwarzen Peter des "Essentialismus" nun nicht zurück-, sondern einfach an den nächstbesten Trottel weiterzureichen. Zweifellos ist die abendländische Wesensphilosophie kritiserbar genug - ein Geschäft, das man nicht nur den Positivisten überlassen sollte! -, andererseits würde die Einebnung der Differenz von Wesen und Erscheinung die theoretische Struktur der marxistischen Theorie nicht unerheblich revidieren. Man mag also mit Fug von "Essentialismus" reden, sollte aber nicht vergessen, einer Lehre des ideologischen Klassenkampfes zu gedenken, die Louis Althus- ser prägnant formuliert hat: "Der ganze Klassenkampf läßt sich bisweilen zusammenfassen im Kampf um ein Wort, gegen ein anderes Wort." (Für Marx, Frankfurt 1968, S. 213) Als historische Schaltstelle für den Umschwung vom "Essentialismus zum Positivismus gibt Arnaszus das Ende des kal- ten Krieges an. Das ist zwar keine genaue Datierung, aber heute scheint ja niemand mehr so genau zu wissen, wann und wo überhaupt der kalte Krieg beendet wurde! (Deshalb sei an dieser Stelle nachdrücklich auf David Horowitz: From Yalta to Vietnam, Har- mondsworth 1971, hingewiesen!) Also gut und schön. Irritieren muß jedoch, wenn anderswo die Konstatierung einer gravierenden ideo- logischen Orientierungskrise durch Herrmann Lübbe 1973 zum Anlaß genommen wird, "in dieser Situation der ideologischen Defensive und Krise der Weltanschauung" (SOPO 34/35, S. 137) nach einer wissenschaftlichen Philosophie Ausschau halten zu lassen. So ver- schwimmt dann das "Scheitern" der Existenzphilosophie und des "Essentialismus" Ende der fünfziger Jahre seltsam mit der gegen- wärtig noch beklagten "Orientierungskrise". Darüber hinaus mutet sonderbar an, das Arnaszus seine Abfolge philosophischer Leit- Richtungen rein i d e o l o g i e i m m a n e n t konstruiert, d. h. selber hauptsächlich auf der Ebene einer ideologischen "Legitimationskrise" operiert und die Erklärung des neuen Inter- esses an normativen Planungszielen aus Veränderungen in der öko- nomischen Struktur des Kapitalismus ziemlich kommentarlos den an- sonsten von ihm verworfenen bürgerlichen Philosophen wie Hans Lenk überläßt. Er bescheidet sich hingegen mit einer erkenntnis- theoretischen Rhapsodie über die referierten Positionen, welche deren ökonomische und politische Determinanten großzügig aus- spart. Deshalb soll hier bei der Darstellung einiger wesentlicher Strukturen und Gehalte der bei Arnaszus in der genannten Zeit- lücke verschwundenen ideologischen Veränderungen nicht gegeizt werden. Vor dem Hintergrund der anschaulichen Erfolge sozialistischer Planwirtschaft bei der Lösung durch die wissenschaftlich-techni- sche Revolution gegebener Probleme - den Sputnik konnte jedermann mit bloßem Auge sehen! - verlor die primitivere Fassung der Z e n t r a l v e r w a l t u n g s t h e s e erheblich an Kre- dit, es bestünde eine prinzipielle "ordnungspolitische" Überle- genheit der "freien Marktwirtschaft" über die "Planwirtschaft". Diese besonders von Ludwig von Mises nach der Oktoberrevolution vertretene These (Die Gemeinwirtschaft, Jena 1922) mußte nunmehr dahingehend "reformuliert" werden, daß es "drüben" trotz aller etwaiger Teilsiege an der Konsumfront eben doch keine "wahre" Freiheit gebe, vielmehr unverändert totalitär zugehe. Verständli- cherweise ist es den neo-liberalen Wirtschaftswunder-Ideologen als nicht unbedenklich erschienen, von der Konzeption eines "Wohlstands für alle" (Buchtitel von Erhard) abzurücken und sich auf angeblich höhere, aber auch viel luftigere Werte "jenseits von Angebot und Nachfrage" zu besinnen. 9) Als nicht popularisie- rungsfähig kam diese Spiritualisierung der Freiheitsideologie je- doch bald mit der im Gefolge der verschränkten Entwicklung von internationaler Kapitalkonzentration, Automatisierung und Ratio- nalisierung erforderlich gewordenen A u f w e r t u n g d e s P l a n u n g s b e g r i f f s ins Gedränge, der vom vorherr- schenden Ordo-Liberalismus ja noch unter Kuratel eines pauschalen Totalitarismusverdachts gestellt war. Als die Zeichen des Ver- schleißes der durch die Freiheitsideologie des kalten Krieges und das permanente Schüren einer militanten Kreuzzugs-Hysterie allzu beanspruchten Bestände des christlichen Abendlandes sich unab- weislich mehrten, stieß man sie, zuerst von Seiten der Unterneh- mer-Verbände, auch recht pietätlos ab und ersetzte sie flugs durch aktuellere Versatzstücke, wenngleich die Technokratietheo- rie zunächst auch noch im platonischen Gewände des "neuen Poli- tikwissenschaftlers" Voegelin umherschleichen mußte. Jedoch schon 1965 konnte Rüdiger Altmann, Chefideologe des Deutschen Indu- strie- und Handelstages, Bonn, den Dolch zeigen und sich ziemlich schnoddrig und arrogant in der dem faschistischen Rechtstheoreti- ker Carl Schmitt nachgeahmten Pose über jene Liberalen mokieren, "die an Ordnungsvorstellungen leiden" sowie die Überflüssigkeit "manche(r) ehrwürdig gewordene(r) Gefühle" konstatieren. 10) Diese von einem Industrie-Angestellten vorgemachte Pose e i- n e s h e r o i s c h e n T e c h n o k r a t i s m u s erwies sich jedoch in den Mühlen der ersten großen Nachkriegskrise 1966/67 als so wenig resistent, daß ihr schnelles Verschwinden von der Oberfläche der politischen Tagesauseinandersetzungen nicht angemessen hat zu Bewußtsein kommen lassen, daß seit einiger Zeit die SPD - wieder im Zeichen der Krise! - Anstalten macht, sich zum T e s t a m e n t s v o l l s t r e c k e r des Programms der "formierten Gesellschaft" zu erniedrigen. Altmanns "späte Nachricht vom Staat" scheint besonders von den "Machern" vernommen worden zu sein - inzwischen noch ergänzt durch eine wiederbelebte "Staatsphilosophie", welche einst als überhöhte Kompensation für die langen Geburtswehen der verspäteten deut- schen Nation, mit der es schon wieder vorbei ist, ausgesponnen wurde. Teilweise dieselben Argumentationsfiguren, die seinerzeit aus diesem rechten Winkel gegen "Weimar" und die "Systemzeit" er- sonnen wurden, sollen heute "Bonn" und die FdGO vor dem Abgleiten in eine "andere Republik" bewahren helfen. So manche, die heute bieder auf den "Rechtsstaat" schwören, wollten früher nicht immer mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen müssen ... Unter der liberalen rechtsstaatlichen Firnis wird aber immer noch mit dem autoritären Staat kokettiert: Da aber die Regimes von Salazar und Franco kein Vorbild mehr darstellen können, wird er heute we- niger christlich-abendländisch als systemtheoretisch-verfahrens- rational aufgezogen. III. Unterhalb dieser zum Teil recht jähen politischen Wenden der Nachkriegsgeschichte hat die fortschreitende ökonomische Struk- turveränderung, die erst die Wahrnehmung der "deutschen Bildungs- katastrophe" (Picht) vor dem Hintergrund der Entwicklung von Wis- senschaft zur Produktivkraft des technischen Fortschritts ermög- lichte, zu einer derartigen Bedarfslage nach größerer . "Wissenschaftsnähe und Wirklichkeitsorientiertheit" (SOPO 34/35, S. 137) gerade auch in den ideologischen Institutionen geführt, daß Arnaszus' Konstruktion einer linearen Abfolge "Essentialis- mus"/Existenzialismus - Positivismus nicht ganz ungerechtfertigt erscheinen mag. Dennoch war es nicht einfach die objektive Überholtheit der Ideen, die ihnen den Garaus machte: Ihre "Gestrigkeit" war schon älteren Datums. Theoretisch waren nämlich alle zentralen Ideen des politischen Klerikalismus: Autorität, Subsidiarität, Solidarität und was der universalistischen "Prinzipien" mehr sein mögen, längst verbraucht, so sehr der Neo- Liberalismus ihnen auch neues Leben einzuhauchen versuchte. Ihr defensiver und regressiver Charakter war ihnen schon seit ihrer Geburtsstunde eingeschrieben: Sie lebten schließlich nur von der M o n o p o l s t e l l u n g in dem künstlich gegen das Ein- dringen sozialistischer Anschauungen für sie offengehaltenen ideologischen Vakuum nach der Befreiung vom Faschismus - Monopol- Liberalismus! Aber jeder "offene Horizont" (Titel der Jaspers- Festschrift, München 1953) schließt sich einmal zum Kreis. So ge- langten trotz der Warnungen Röpkes einerseits, durch eine G e g e n i d e o l o g i e Anleihen beim totalitären Kommunis- mus zu machen, und trotz Poppers Plädoyer andererseits für einen programmatischen Pluralismus der Ideen, den sich leisten zu kön- nen die luxuriöse Überlegenheit des Westens ausmache, meinungs- führende Kreise zu der Überzeugung, daß man sich die Geschwulst eines dissonanten Pluralismus der Verbände und Ideologien nicht mehr leisten könne. Als ironisch und prophetisch zugleich mag man den Sachverhalt ansehen, daß den gleichen Sammelband "Erziehung zur Freiheit", der Poppers Pluralismus-Plädoyer enthält, ein Auf- satz beschließt, der trotz seines Titels "Diskusionsbereitschaft" Diskussion im Namen einer höheren Vernunft gerade elitär ab- schneidet. Er stammt nämlich von Eric Voegelin, der mit zu den geistigen Vätern der "formierten Gesellschaft" gehört und sich als Ideologe der Notstandsgesetzgebung schließlich dazu verstei- gen sollte, die "eiserne Unterdrückung des Ideologieunfugs" zur "Bedingungen der nackten Existenz" zu erklären. 11) All diese historischen Ungleichzeitigkeiten und Überlagerungen - Voegelin vertritt z. B. eine dirigistische Entideologisierung von oben - scheinen nicht so recht in das zumindest n e g a t i v e v o l u t i o n i s t i s c h e S c h e m a von Arnaszus hin- einzupassen. Unfreiwillig propagiert er das Selbstmißverständnis des Positivismus, sich für "fortgeschrittener" - es fragt sich, wovon! - als das Ensemble "Essentialismus"/Existenzialismus zu halten. Es mag natürlich sein, daß es unter sogen. Positivisten heute mehr Gegner z.B. der Berufsverbote gibt als unter konserva- tiveren "Essentialisten" - wobei allerdings immer noch fraglich ist, inwieweit solche begrüßenswerte politische Unerschrockenheit persönlicher Natur oder doch wissenschaftlich unterbaut ist. Daß die Verhältnisse auf diesem Gebiet keineswegs so eindeutig sind, beweist die mehr als konservative Haltung, die etwa ein Ernst To- pitsch a l s Positivist einnehmen kann, wenn er "Aufklärung als konservative Aufgabe" deklariert. 12) Andererseits fiele es schwer, Existenzialisten wie Sartre, trotz der durch gewisse Al- terserscheinungen enttäuschten Hoffnungen, die W.F. Haug noch in seine Lernfähigkeit setzen wollte (J.-P. Sartre und die Konstruk- tion des Absurden, Frankfurt 1966, S. 177 f.), ihre politischen Verdienste zu bestreiten, was selbst radikalen Anti-Subjektivi- sten und Anti-Humanisten wie Foucault nicht einfiele. Ja, noch der gestandene Antikommunist und vormalige NATO-Philosoph Jaspers konnte in den sechziger Jahren kritische Einwände gegen die ihm bedrohlich erscheinende, weil ihre eigene Legitimationsideologie aufzehrende Entwicklung der BRD erheben. Schließlich muß, um das problematische Progressionsschema "Essentialismus" - Positivismus endgültig zu erschüttern, darauf hingewiesen werden, daß gerade von positivistischer Seite, nämlich von Pascual Jordan, in den fünfziger Jahren der Versuch unternommen wurde, den Positivismus nicht nur vom historisch nachhaltigen M a t e r i a l i s m u s- v e r d a c h t reinzuwaschen, sondern auch seine grundsätzliche Vereinbarkeit mit dem dogmatischen Gehalt der klerikalen Weltanschauung zu beweisen, ja sogar den Positivismus als deren rationale wissenschaftstheoretische Grundlegung anzupreisen. 13) Mag man Jordan noch als unverbesserlich abtun - hat aber nicht der nobilitierte Sir Karl himself die Übereinstimmung seiner Wissenschaftstheorie mit der nobelpreisgekrönten Sozialphiloso- phie seines Freundes F.A. von Hayek betont und sich darüber hinaus im Zwiespalt der Vernunft zwischen Rationalismus und Traditionalismus entschieden letzterem zugesellt? Und hat Hayek nicht selbst in seiner "Verfassung der Freiheit" (Tübingen 1971; engl. 1960) gegen die rationalistischen = "totalitären" Züge des liberalen Individualismus entschieden und als "old whig" seine Übereinstimmung mit den Konservativen in dieser Frage bekräftigt? 14) Eben diese Spannung, daß die Sozialdemokratie sich auf eine Wis- senschaftstheorie stützen will, deren korrespondierende Sozial- philosophie spätestens seit der Gründung der Mont-Pelerin-Society durch Hayek vom christdemokratischen Ordo-Liberalismus in Be- schlag genommen ist, wird von Arnaszus überhaupt nicht wahrgenom- men. Solche Differenzierungen werden allerdings auch durch die stillschweigende Annahme einer n e g a t i v e n H o m o g e- n e i t ä t aller Marxismusgegner unterlaufen, die einfach über die Löffel eines v u l g a r i s i e r t e n R e a k t i o n s- b e g r i f f e s halbiert werden. Da diesem zwischen Schmidt und Strauß so ziemlich alles gleichermaßen "bürgerlich- reaktionär" erscheint, muß die Inflationsrate eines solchen Reaktionsbegriffs analytisch gesehen als zu hoch bezeichnet werden. Mit seiner Verwendung würde nämlich einem theoretisch fragwürdigen und praktisch gefährlichen politischen Monismus im Spektrum bürgerlicher Ideologie das Wort geredet, der sich eines Tages leicht als self-fulfilling prophecy erweisen könnte, mit der bitteren Genugtuung, es ja schon immer gesagt zu haben! IV. Mag man solche politischen Fragen noch dem Ermessen anheimstellen wollen - auf wissenschaftlichem Gebiet führt jedenfalls das von Arnaszus angewandte Prinzip negativer Homogeneität zu recht gro- tesken Fehleinschätzungen, die aber vielleicht bestätigen könn- ten, daß n i c h t p o l i t i s c h r i c h t i g sein kann, was w i s s e n s c h a f t l i c h f a l s c h ist. Er ur- teilt nämlich ganz assertorisch, der kritische Rationalismus sei die philosophische Grundlage, auf welche sich "die Teilnehmer an der hier besprochene(n) Tagung stützen, wenn sie vor der Indu- strie die Unentbehrlichkeit der Philosophie beschwören." (SOPO 34/35, S. 137) Sieht man auch davon ab, daß Arnaszus die konsti- tuierende Sitzung des Landeskuratoriums NRW des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft Anfang 1972 falsch datiert und sich andererseits den Hinweis auf den Vorsitz des damaligen Geschäfts- führers der Düsseldorfer Henkel GmbH, Kurt Biedenkopf, entgehen läßt, so muß doch auffallen, daß im Gegensatz zu Arnaszus' Eti- kettierung eigentlich n i c h t e i n e i n z i g e r der Beiträger zu der Publikation "Die Rolle der Philosophie aus wis- senschaftspolitischer Perspektive" als genuiner Vertreter des kritischen Rationalismus gelten kann. Weder Lübbe selbst 15) noch Riedel, Hörster oder Rohrmoser; nicht einmal Hans Lenk, der doch nach eigenem Bekunden eher einen "rationalen Kritizismus" ver- tritt und sich als kritischer Proponent begründeter Vorschläge zur Reform des moralischen Bewußtseins versteht. Damit ist freilich ein Gebiet angesprochen, auf dem sich die Ge- nannten w i r k l i c h zusammenfinden: die "praktische Philo- sophie". Diese wiederum ist allerdings nicht erst, wie Arnaszus fälschlich meint, "neuerlich aufgekommen" (SOPO 34/35, S. 142), sondern vielmehr eine altehrwürdige Spielart der Philosophie, die sich aus der aristotelischen Dreiteilung derselben in theoreti- sche, praktische und poetische herleitet - immerhin eine Struk- tur, der noch Kants drei Kritiken verpflichtet sind. Die heutigen Hauptvertreter der praktischen Philosophie stehen jedoch weniger auf kantischem, sondern mehr auf dem Boden der platonisch-aristo- telischen Tradition, die vor allem in der scholastischen Natur- rechtslehre kodifiziert wurde. Je nach Gusto wird diese Tradition aber aus Akkomodation an die Moden des Zeitgeistes mit recht ge- gensätzlichen modernen Ingredienzien angereichert, so daß sich heute, grob gegliedert, vier unterschiedliche Richtungen ausma- chen lassen: 1. die katholischen Aristoteliker mit thomistischer "Gemeinwohl"- Einfärbung (H. Kuhn, R. Spaemann, R. Maurer u.a.); 2. die rechts-sozialdemokratischen Dezisionisten (Hennis, Lübbe u.a.); 3. der "rationale Kritizismus" (H. Lenk, vielleicht auch W. Becker); 4. die Erlanger Schule des Konstruktivismus (Kamiah, Lorenzen, Lorenz, Mittelstraß u.a.). Wichtiger als der obligatorische Hinweis auf die Existenz von Zwischenstellungen und Übergängen muß aber eine Kennzeichnung des M o t i v s dieser Sammlungs- und Rehabilitationsbewegung er- scheinen. Seit der zunehmenden Desillusionierung über den Erfolg der K o n v e r g e n z s t r a t e g i e des "Wandels durch Annähe- rung" und des ihr entsprechenden Konzeptes der Entideologisierung hat sich die ideologische Konfrontation mit den sozialistischen Ländern zugleich intensiviert und differenziert. Die wirtschaft- liche Strukturkrise der siebziger Jahre hat das ihre dazu getan, die Evidenz einer anschaulichen Überlegenheit des "freien We- stens" aufzuzehren und die alten Beschwichtigungsformeln unglaub- würdig zu machen. So genügt es gerade bei einer Verschärfung des ideologischen Kampfes nach Helsinki nicht, einfach altgediente Waffen aus der Rumpelkammer des kalten Krieges wieder hervorzuho- len: wie z.B. die Standardausgabe der T o t a l i t a r i s- m u s t h e o r i e, obwohl entsprechende Aufwertungsversuche in letzter Zeit unübersehbar sind. 16) Deshalb verlangt die neue, komplizierter gewordene Situation nach einer "Tiefenhermeneutik" (Habermas) der erforderlichen Legitimations- und Begründungs- versuche der "eigenen" Wert- und Zielvorstellungen. Anders als etwa in den fünfziger Jahren steht die mit dem zur "Markt- wirtschaft" verharmlosten Kapitalismus identifizierte FdGO unter viel größerem i n n e r e n Legitimationszwang, als daß man mit einer verklärten "Freiheit" auch noch anderswo hausieren gehen könnte. Diese Sachlage einer grassierenden "Orientierungskrise" (Lübbe) ruft nun verstärkt jene auf den Plan, die immer schon Bedenken und die Befürchtung einer inneren ideologischen Erosion gegen das Konzept der Entideologisierung gehegt hatten. 17) Sie wittern Morgenluft für das Abendland. Es geht also nicht, wie Arnaszus glaubt, um die philosophische Rechtfertigung des V e r z i c h t s auf moralische Begründung für politisches Handeln, sondern, im Gegenteil, um Hennis zu bemühen, um die Erinnerung an die "normative Kraft des Normativen" als ontologisch vorgegebene Hierarchie der Werte. Arnaszus aber spricht unbefangen von "Popper und seine(n) Nachfolger(n) von der 'Praktischen Philosophie' " (SOPO 34/35, S. 139)! Hätte er frei- lich von der um die n o r m a t i v e n F u n d a m e n t e d e r W i s s e n s c h a f t bemühte Erlanger Schula, also statt von Popper oder Lübbe, von Kambartel, Lorenz, Mittelstraß oder Lorenzen gesprochen, die auch für Marxisten gewiß nicht un- interessante und über den "pluralistisch motivierten universellen Kritizismus" 18) hinausführende Überlegungen anstellt, so hätte er mit Recht ein durchaus dialektisch zu nennendes "immanentes Übersichhinausgehen" (Hegel) von Wissenschaftstheorie in "Ethik", was immer das auch ist, feststellen können. Ansonsten gibt es je- doch im Umkreis der praktischen Philosophie wenig Neues: Fast durchweg handelt es sich um wiederaufgewärmte Restbestände aus der Konkursmasse der katholischen Soziallehre, um Rückgriffe we- niger auf das neuzeitliche rationale, als auf das mittelalterli- che universalistische Naturrecht wie sie bekanntermaßen während und nach jeder politischen und ökonomischen Krise als Zügel für eine sich angeblich selbst verzehrende Freiheit angeboten werden, wobei jedoch gerade die geschichtsphilosophische Einsicht der klassischen deutschen Philosophie veruntreut wird, daß Fort- schritt durch Negativität hindurch muß, statt sich in die Arme einer positiven Idylle zu flüchten. V. Schließlich will auch die letzte der unmittelbaren Gewißheiten von Arnaszus nicht so recht einleuchten, "letztlich muß die reak- tionäre Philosophiekritik aber deshalb scheitern, weil die zuneh- mende ideologische Polarisierung in der BRD und Westberlin auf der Basis der sich verschärfenden Klassenauseinandersetzungen stattfindet, auch wenn ..." (SOPO 34/35, S. 154) Man muß wohl kein Defätist sein, diese Beruhigung zu billig zu finden. G e r a d e w e n n man nämlich eine bestimmte Entwicklung wünscht, sollte man, auch in praktischer Absicht, mehr Gewicht auf eine argumentativere Begründung legen, anstatt sich auf das Herunterleiern pauschaler Wahrheiten zurückzuziehen. Ohne aus der sogen. Tendenzwende ein Lissaboner Erdbeben (das geologische von 1755, das der optimistischen Geschichtsphilosophie des 18. Jh. einen Schock versetzt hat, nicht das noch andauernde politische!) machen zu wollen, muß doch angesichts der nicht nur linear oder geometrisch progressiv verlaufenden wirklichen Entwicklungen festgestellt werden, daß die theoretische Ergiebigkeit von Kate- gorien bloßer Beschleunigung und eines m a ß l o s e n Zuwach- ses ("zunehmend", "sich verschärfend" usw.) bei aller subjektiven Ermutigung doch sehr zu wünschen läßt. Eine wirkliche Lehre über die Struktur und Entwicklung ideologi- scher Gehalte der bürgerlichen Gesellschaft könnte vielmehr, so meine ich, aus dem Beispiel der Rehabilitierung der praktischen Philosophie, der inzwischen eine wahrhaftige "Restauration der Staatswissenschaft" im Geiste des seligen Haller zu folgen scheint, gezogen werden: 1. Die bürgerliche Ideologie ist ein Aggregat gegensätzlicher, ja widersprüchlicher, auf jeden Fall inhomogener Elemente. Sie ist deshalb notwendig p o l a r u n d k o m p l e m e n t ä r or- ganisiert. 2. Die daraus resultierende Denkform ist entweder der K o m p r o m i ß als Resultante dieses prozessierenden Wider- spruchs oder seine diachronische Gestalt: der Z y k l u s d e r e w i g e n W i e d e r k e h r". 19) Deshalb darf nichts den Zirkel bürgerlicher Ideologie durchbre- chen, ohne einem gnadenlosen Scherbengericht zu verfallen; so gibt es keinen Fortschritt mehr, nur noch "Wandel", keine wirkli- che Entwicklung mehr, nur noch periodische "ricorsi" (Vico), d.h. die "ewige Wiederkehr" von wenigen ideologischen Grundtypen in jeweils zeitgemäßer Aufmachung. Es ist in letzter Instanz der Grundwiderspruch der bürgerlichen Gesellschaft von gesellschaft- licher Form der Arbeit, aber privater Form der Aneignung, der ihr keine d i a l e k t i s c h e Lösung seiner einander abwech- selnder dualistischen ideologischen Reflexionsformen erlaubt. Durch die zu Mythen erhobenen Ideen der Komplementarität und Zy- klizität, die an die Stelle von Entwicklung und Fortschritt tre- ten, versucht die bürgerliche Gesellschaft ideologisch ihre Wei- terentwicklung stillzustellen und das "Gespenst" ihrer eigenen Zukunft zu verbannen. Als ihre Tragik muß jedoch angesehen wer- den, durch alle dabei eingesetzten Gegenmittel dessen Lebenskraft in umgekehrtem Verhältnis zu ihren Krisen zu nähren. 20) Muß auch sozialistische Politik in ihrer T a k t i k gegenüber der Z y k l i k b ü r g e r l i c h e r I d e o l o g i e- f o r m in gewisser Weise "anti-zyklisch" gegensteuern, weil die Wahrheit und Lüge der bürgerlichen Ideen sich auf ihre Pole verteilt, so bedeutet das jedoch für ihre S t r a t e g i e gerade nicht, sich bloß pragmatisch auf einen Gegensatz zur jeweils herrschenden ideologischen Mode zu bringen und ihr etwas "entgegenzusetzen". (Diese Gegensätzigkeit kann man getrost der bürgerlichen Ideologie überlassen, die sie schon an sich hat!) Festzuhalten ist vielmehr daran, sozialistische Politik nicht wesentlich als Gegner reaktionärer Politik zu bestimmen, die sich letztlich selbst als der eigentliche Widersacher sowohl des radikal-demokratischen Überschwanges eines immer noch bürgerlichen Anspruchs auf die Einlösung der Ideale von 1789 als auch einer wirklich demokratischen Lösung der Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft praktisch definiert. Mehr als "dagegen" zu sein, muß das wesentliche Charakteristikum sozialistischer Po- litik die unbeirrte Vertretung des kämpferischen Anspruchs einer umfassenderen Positivität gegenüber ihrer beschränkten oder "privaten" Form bleiben - nicht aus der idealistischen Setzung einer "ewigen Aufgabe", die stets in den Katzenjammer der Selbst- aufgabe mündet, nicht aus der utopischen Vision eines "anderen Zustandes", sondern aus der z u s a m m e n f a s s e n d e n V e r a l l g e m e i n e r u n g e i n e r w e r d e n d e n T o t a l i t ä t heraus, die nichts anderes ist als der Sozia- lismus. _____ 1) Günter Rohrmoser: Das Elend der kritischen Theorie, Freiburg 1970; ders.: Emanzipation und Freiheit, München 1970; ders.; Nietzsche und das Ende der Emanzipation, Freiburg 1971; ders.: Die Krise der gesellschaftlichen Institutionen, München 1972. Be- reits seit dem letztgenannten Titel hat R. das Wort "Ideen-Poli- tik" adoptiert und entwirft seither sendungsbewußt und im Fließ- bandverfahren sogen., im rechten Seewald-Verlag erscheinende "Ideenpolitische Perspektiven", wie auch der Titel Nr. 1 der Flugschriften-Reihe "Essentials" ebendort lautet. Neben Auslas- sungen über allerlei Themen diagnostiziert er als ein neuer Jas- pers (Die geistige Situation der Zeit, 1931) aber auch: Die meta- physische Situation der Zeit. Ein Traktat zur Reform des religiö- sen Bewußtseins, Stuttgart 1976. Nachdem R. sich schon früher als Therapeut für politischen Radikalismus angedient hatte (vgl. In- terview, in: analysen, 1. Jg., H. 3, 1971, S. 24), ist er jedoch einer breiteren Öffentlichkeit erst durch den Skandal seiner Stuttgarter Berufung und seine Wahlhilfe für die CDU im Spätsom- mer 1976 bekannter geworden. Immerhin haben ihn diese Vorgänge zu einer für die großbürgerliche FAZ zitierfähigen Autorität erho- ben: vgl. den Leitartikel vom 8.1.77 von Ernst Günter Vetter: "Der Ernstfall für die Marktwirtschaft", welcher mit R.s Satz an- hebt: "Man muß davon ausgehen, daß der Ernstfall in diesem Lande noch bevorsteht." 2) Als wichtig für eine derartige Untersuchung dürften sich immer noch die ersten beiden Bände der "Studien zur Geschichte des deutschen Imperialismus" von Jürgen Kuczynski erweisen, deren zweiter Band sich speziell mit dem Propagandawesen der Monopole befaßt. 3) Der Aufruf der ASU vorn 30. Sept. 1949 sieht z.B. die "Erarbeitung einer Ideologie des Unternehmertums" vor (als Anlage abgedruckt in: Josef Winschuh: Der selbständige Unternehmer, Selbstverlag der ASU, 1950, S. 46). Mehr oder weniger rhetorisch gestellt, gehört diese Forderung zum ständigen Repertoire der nächsten zehn Jahre. Der unlängst verstorbene, rührige Wirt- schaftsjournalist Herbert Gross fordert in "Moderne Meinungs- pflege" (Düsseldorf 1951, S. 31) zur Verteidigung der Unterneh- mer-Funktion "den Kreuzzug einer neuen religiösen oder quasi-re- ligiösen, vielleicht auch pseudo-religiösen Idee." Und der Goeb- bels nützlich gewesene "Markentechniker" Hans Domitzlaff wird nicht müde zu betonen: "Man braucht eine Ideologie, um den Strom des sozialistischen Gefälles vor dem Abgrund aufzuhalten und das Märchen von dem bösen reichen Mann zu entkräften." (Es geht um Deutschland. Massenpsychologische Stichworte für eine sozialpoli- tische Reform, Hamburg 1951, S. 90 f.) Ebenfalls zur Vermeidung des ominösen Abgrundes fordert endlich der Bankier J. Ph. Frhr. v. Bethmann auf einer Jahrestagung der "Jungen Unternehmer" der ASU unter dem Motto "Mehr Mut zur Freiheit" die "Besinnung auf eine natürliche Ordnung und auf die wahren Werte als Elemente ei- ner eigenen Weltanschauung." (Schriftreihe Junge Unternehmer der ASU, H. 3, Jan. 1957, S. 8) Gerade was eine solche "Weltan- schauung" betrifft, dürfte die Entstehung der "Aktionsgemein- schaft Soziale Marktwirtschaft" 1953 aus dem Umkreis des von der "Schwundgeldtheorie" eines Silvio Gesell nachhaltig beeinflußten "Freiwirtschaftsbundes" nicht unwichtig sein, was sich auch in der Identität des "hauseigenen" Vita-Verlages, erst Heidelberg- Ziegelhausen, dann Bad Nauheim, ausdrückt. Den unwilligen Verzicht auf "eine eigene Weltanschauung" reflektiert erst das Tagungsprotokoll Nr. 7 der Aktionsgemeinschaft Soziale Markt- wirtschaft vom Mai 1957 "Hat der Westen eine Idee? " (bei Martin Hoch, Ludwigsburg). Inzwischen hatte nämlich der CIA auf der Tagung des seinerzeit zu Beginn des Korea-Krieges in Westberlin gegründeten "Kongresses für die Freiheit der Kultur", dem die Zeitschriften "Der Monat", "Preuves", "Forum" und "Encounter" an- gegliedert waren, 1955 in Mailand die Parole vom "Ende der Ideo- logie" lanciert. 4) Erhard hatte einen sehr flexiblen Liberalismus entwickelt, der es ihm im März 1933 als Herausgeber der "Wirtschaftspolitischen Blätter der deutschen Fertigindustrie" ermöglichte, einen Leitar- tikel "Nationalwirtschaft" mit der Gewißheit einzuleiten: "Das Zeitalter des Liberalismus, des freizügigen Individualismus, ist vorüber." (zit. nach Dieter Mühle: Ludwig Erhard. Eine Biogra- phie, Berlin/DDR 1965, Fotokopie in Bildbeilage). Ähnliche Auf- fassungen entwickelte Erhards Freund Franz Böhm in der von ihm, Walter Eucken und Hans Großmann-Doerth herausgegebenen Schriften- reihe "Ordnung der Wirtschaft", Stuttgart und Berlin 1937 ff.. 5) Der Vorsitzende des Wirtschaftsrates der CDU, von Bismarck, warnte seinerzeit, mit der Fusion werde den Systemveränderern ein willkommener Beleg für ihre Monopoltheorie geliefert und der Staatsinterventionismus geradezu herausgefordert. Die FAZ mo- nierte, "man hätte das eleganter und geräuschloser machen können" (15.3.73) und sah eine "besondere politische Dimension" der "Vorgänge im Stahlbereich" darin, "daß der führende Kopf dieser Transaktion gleichzeitig Präsident des Bundesverbandes der deut- schen Industrie ist." (5.3.73) Die FAZ befürchtete also m.a.W. eine Durchlöcherung der noch durch Sohls Vorgänger 1949 bis 1971 auf dem Präsidentenstuhl des BDI, den "mittelständischen Polte- rer" Fritz Berg angemessen verkörperten neoliberalen Ideale. In diesem Lehrstück über Dialektik antwortete nun Sohl hochfahrend seinen Kritikern, diese hätten vergessen, "daß hier zwei Unter- nehmen versuchen, mit rein unternehmerischen Mitteln und mit der Beweglichkeit, die nur die auf das private Eigentum an Produkti- onsmitteln gestützte Rechtsordnung verleiht, ihre Wettbewerbsfä- higkeit in einem immer härter werdenden Weltmarkt sicherzustel- len." (FAZ, 5.3.73) Ein Monopolist ist eben praktisch gezwungen, die Dialektik des Umschlags "freier" in monopolistische Konkur- renz wenn schon nicht zu b e g r e i f e n, so doch a n z u e r k e n n e n. 6) Schon früh hat Hans Peter, der während der Herrschaft des Fa- schismus neben H. v. Stackelberg, verglichen mit Othmar Spann und Fr. Gottl-Ottlilienfeld, einzig ernstzunehmende bürgerliche Öko- nom in Deutschland, Euckens Konzeption der "Verkehrswirtschaft" als eine idealtypische Wirtschaftstheorie des "als ob" kritisiert (vgl. bes.: Die sittliche Forderung in der Wirtschaft, Stuttgart 1949, S. 14) Peter sieht Euckens Ziel darin, "Preisbildungskon- trollen zu schaffen, die die Preise überall so manipulieren, als ob sie unter der Herrschaft vollständiger Konkurrenz zustande- gekommen wären." 25 Jahre später wird genau dieses Argument von Neo-Liberalen gegen die weite Auslegung der Mißbrauchsaufsicht durch das Bundeskartellamt gewendet. Vgl. den Artikel "Eine Wettbewerbspolitik des 'Als-Ob' führt zu behördlicher Willkür. Mißbrauch mit der Mißbrauchsaufsicht. Darf das Kartellamt Kosten kontrollieren?" von Prof. Jochen Röpke, FAZ vom 26.2.74. Jetzt soll also die "freie Marktwirtschaft" angeblich gerade durch diejenigen Instanzen bedroht werden, durch die sie nach der ursprünglichen Konzeption einzig garantiert werden sollte! 7) Der Neo-Liberalismus stellt allerdings schon gegenüber dem klassischen Liberalismus bis zu J. St. Mill eine abgewertete Schwundstufe seiner ehemals demokratischen, anti-klerikalen und anti-etatistischen Gehalte dar. Eine Entwicklung, die freilich selber schon auf die liberal-konservative Reaktion auf die Her- ausforderung durch die französische Revolution durch Burke zu- rückzubeziehen ist. Aber auch für den sich "modern" gerierenden Neo-Liberalismus, der seine rationalistischen Vorurteile gegen- über den Herkunftsmächten der Tradition abgelegt zu haben stolz ist, gilt unverändert das, was Marx im Blick auf die bürgerliche Rehabilitation der unproduktiven Arbeit und Konsumtion durch Malthus geäußert hat: "Die bürgerliche Gesellschaft produziert alles das in ihrer eignen Form wieder, was sie in feudaler oder absolutistischer Form bekämpft hat." (MEW 26.1, S. 145) Deshalb muß in einem nicht unwesentlichen Punkt der ansonsten hervorra- genden Darstellung von Reinhard Opitz: Der deutsche Soziallibera- lismus 1917-1933, Köln 1973, Zustimmung versagt werden. Opitz kritisiert nämlich Rathenaus Ersetzung der demokratischen Trias "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" durch den neuen Dreiklang "Freiheit, Verantwortung und Gemeinschaft" folgendermaßen: "Dies war die programmatische Abkehr vom demokratischen Gleichheitsge- danken und damit vom liberalen Motiv." (S. 117, Fn. 329) "Damit" ist es jedoch nichts: Das liberale Motiv ist nämlich gerade die B e s c h r ä n k u n g des demokratischen Gleichheitsgedankens in einer "mixed constitution" (Burke). Vgl. zum Problemenkomplex auch Engels an Bernstein, 24. März 1884, sowie allgemein den Ab- schnitt "Systemkonvergenz als Sachzwang" in meiner Arbeit: Tota- litarismus und Konvergenz. Zum Paradigmenwechsel in der politi- schen Ideologiebildung, unv. Ms. FB 11 FU Berlin 1975. 8) Kaltenbrunner, Ex-Lektor im Rombach-Verlag, Freiburg, in dem auch die gesperrt genannten Titel erschienen sind, gibt seit 1974 im Herder-Verlag die Reihe "Initiativen" heraus und kann als der derzeit agilste Promoter einer konservativen Tendenzwende gelten, die er, ein neuer Adam Müller, mit konvertiten- oder renegaten- haftem Eifer in zahllosen Publikationen verficht. - Manfred Rie- dels philologisch durchaus verdienstvollen Bemühungen verdankt die wesentlich am katholischen Naturrecht orientierte praktische Philosophie einen Großteil des ihr neuerdings entgegengebrachten öffentlichen Interesses. Vgl. die von Riedel herausgegebenen zwei Bände "Rehabilitierung der praktischen Philosophie", Freiburg 1972/74. - Die kritische Politikwissenschaft ist sich offensicht- lich über die eigentliche Bedeutung solcher Rezenzen nicht so recht im Klaren." K. Th. Schuon z. B. hält zwar einerseits eine Reaktivierung der normativ-idealistischen Gesellschaftsphiloso- phie nicht für ausgeschlossen, zumal bei einer Gefährdung der be- stehenden Herrschaftsordnung, betont aber ihre aktuelle Einfluß- losigkeit. (Bürgerliche Gesellschaftstheorie der Gegenwart, Köln 1975, S. 20, 111, 19) Kurt Lenk schweigt sich sogar "metapolitisch" über eine mögliche Aktualisierung der von ihm durchaus treffend in einem einschlägigen Kapital behandelten on- tologisch-normativen Theorien aus. (Politische Wissenschaft. Ein Grundriß, Stuttgart 1975). 9) Als einer der ersten blies Wilhelm Röpke zur inneren Sammlung. "Der Kult des Lebensstandards ist schließlich deshalb ungemein gefährlich, weil er uns verhüllt, worauf es im Ringen zwischen der freien Welt und dem Kommunismus ankommt." (Jenseits von Ange- bot und Nachfrage, Erlenbach-Zürich und Stuttgart 1958, S. 152) Nicht erst die heutigen Wachstumskritiker des Club of Rome schwärmen von der Kultivierung innerer Werte. Erfuhr Röpkes Idea- lismus der Bescheidung zwar schon damals Kritik aus den eigenen Reihen, sollte er aber auch noch posthume Genugtuung erfahren: Auf der Tagung des "Bergedorfer Gesprächskreises zu Fragen der freien industriellen Gesellschaft" mit dem Thema "Die westliche Gesellschaft und die kommunistische Drohung" äußerte der nunmeh- rige Adenauer-Preisträger von Kurt Ziesels "Deutschland-Stiftung" Winfried Martini ungeniert folgende Ansicht: "Was ich fürchte, ist die Doktrin, die Ideologie, die geistige Vergewaltigung, die dahintersteckt, (hinter dem kommunist. System; M.B.) Darum stelle ich immer wieder auf diese ab, niemals aber auf den Lebensstan- dard." (Bergedorfer Protokolle, Bd. 5, Hamburg, Berlin 1964, S. 112). 10) Als Notstandsideologe ist Voegelin nicht nur berüchtigt wegen seiner scharfmacherischen Ansichten in: "Demokratie und Indu- striegesellschaft" (in: Die unternehmerische Verantwortung in un- serer Gesellschaftsordnung = Veröffentlichungen der Walter-Ray- mond-Stiftung Bd. 4 Köln, Opladen 1964), sondern war vorher auch schon mit einer "neuen Wissenschaft der Politik" (München 1959) hervorgetreten. - Altmann veröffentlichte seine Ideen in der zunächst anonym erschienenen Schrift "Die formierte Gesellschaft" (1965), die gerade unter Liberalen verständliches Aufsehen erregt hat. 11) Karl Popper: "Woran glaubt der Westen? " in: Albert Hunold (Hrsg): Erziehung zur Freiheit, Erlenbach-Zürich und Stuttgart 1959. - Eric Voegelin: "Aber Diskussion ist nur möglich unter Menschen, die fähig sind, ihre Vernunft zu gebrauchen" (ebd., S. 372), wobei "Vernunft" für Voegelin sich auf die Anerkennung ei- ner göttlichen Seinsordnung reduziert. Als "vernunftlose" Men- schen müssen dann gewiß solche angesehen werden, "auf die die An- wendung der für Menschen gemachten Gesetze nicht möglich ist." (F.J. Strauß) Verglichen mit dem letzten, aus der in Fn. 10 ange- gebenen Publikation von 1964 stammenden Zitat Voegelins wirkt Er- hards bekannte "Pinscher"-Formulierung in Anbetracht der deut- schen Tierliebe geradezu human. 12) Zu Topitsch liegt neuerdings die wichtige Studie von Joachim Kahl vor: Positivismus als Konservatismus, Köln 1976. Leider ver- schenkt auch sie die vom Thema gebotene Möglichkeit, den unter- schwelligen, aber starken Einfluß von Burkes Liberal-Konservatis- mus auf Popper ins Licht zu rücken. Was nämlich Hume für den Fal- sifikationismus, ist Burke für die "Stückwerk-Technologie"! 13) Das aufschlußreiche Buch des ehemaligen faschistischen Quan- tenbiologen und späteren CDU-MdB Jordan: Der gescheiterte Auf- stand, Frankfurt 1956, reflektiert in einem Kapitel über "Das Ende der Ideologie" bereits sehr genau diese vom CIA gesetzte Wendemarke/des ideologischen Klassenkampfes. Vereinigungsversuche von Positivismus und Obskurantismus sind natürlich nicht neu: Le- nin hat ihre Wurzeln bereits in "Materialismus und Empiriokriti- zismus" aufgedeckt und kritisiert. Sie lassen sich wissenschafts- theoretisch bis in die Inkonsistenzen der Newtonianischen Syn- these auf dem Boden des Klassenkompromisses von 1689 zurückver- folgen; d.h. sie sind nicht einfach als Dekadenzerscheinungen ab- zutun, gegenüber denen der bessere Bürger hervorzukehren wäre, sondern sie sind - so sehr sich auch imperialistische von libera- ler und noch von merkantilistischer Ideologie unterscheiden mag - konstitutionelle Merkmale der konsolidierten bürgerlichen Gesell- schaft nach ihrer Sturm- und Drang-Periode. 14) Poppers Entscheidung: a.a.O., S. 252. - "Old whig" meint bei Hayek nicht das obstinate Festhalten an einer objektivistischen Einstellung zum Geschichtsverlauf, die eine so fulminante Polemik durch Herbert Butterfield's berühmte Attacke "The Whig Interpre- tations of History" (1931) erfahren hat (etwa ein Analogon zu Benjamins "Geschichtsphilosophische Thesen"!), sondern beruft sich auf Burke's Verteidigungsschrift "An Appeal from the New to the Old Whigs" (1791), die gegen die demokratischen Anwandlungen des mit der konstitutionellen Phase der französischen Revolution sympathisierenden Parteiführers Fox die vermeintlich echten kon- servativen Auffassungen der "old whigs" ins Feld führt. Die ge- rechtfertigte Empörung, die sich wegen der Nobelpreisverleihung an Milton Friedman, den Wirtschaftsberater des chilenischen Fa- schismus, geregt hat, wäre auch auf den explizit wegen seiner So- zialphilosophie geehrten Hayek auszudehnen, der neuerdings in An- betracht einer vermeintlichen Tendenz zur "totalitären Demokra- tie" keinen Hehl mehr daraus macht, "daß ich eine beschränkte nichtdemokratische Regierung einer unbeschränkt demokratischen und daher im Grunde gesetzlosen den Vorzug geben würde." (Wohin steuert die Demokratie? FAZ vom 8.1.77) Es ist also nicht nur so, daß Friedman, der sich in seinem Anti-Keynesianismus mit Hayek einig ist, Vorworte zu Büchern von Hayek schreibt (vgl. die Ein- leitung zur Neu-Herausgabe von Hayeks "Der Weg zur Knechtschaft" im Verlag Moderne Industrie, München 1971), sondern umgekehrt Hayek auch nachträglich die vom Nobelkomitee ausgeklammerte poli- tische Praxis des Neo-Monetaristen Friedman "sozialphilosophisch" sanktioniert. Schlau, wie er ist, hat F.J. Strauß in Hayek den richtigen Gewährsmann entdeckt, dessen Motto aus dem Knecht- schaftbuch (zuerst 1944) "Den Sozialisten in allen Parteien ge- widmet", er in der Bundestagsdebatte am 11.5.76 aufgreift, dabei aber, bei faux pas noch nie kleinlich, gleichzeitig die "planlose" Wirtschaftspolitik der SPD attackiert! 15) Schon bei geringen philosophischen Kenntnissen fällt die nachhaltige Prägung Lübbes, der zu Unrecht zum Technokraten er- nannt wird ("Technokratie" ist offenbar heute kein Begriff mehr, nur noch ein Schimpfwort!), obwohl er doch gerade die Unauskömm- lichkeit der Politik betont, durch die Phänomenologie und ihre lebensweltkonstruktiven Weiterentwicklungen auf, die bis in die Buchtitel reicht: Lübbes "Bewußtsein in Geschichten" (Freiburg 1972) spielt unverkennbar auf die Publikation des Husserl-Schü- lers Wilhelm Schapp an: Philosophie der Geschichten, Leer/Ostfriesland 1959. 16) Vgl. etwa Karl Dietrich Bracher: Zeitgeschichtliche Kontro- versen. Um Faschismus, Totalitarismus, Demokratie, München 1976. Bezeichnend auch Neuausgaben von "Klassikern" wie Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft; Arthur Koestler: Der Yogi und der Kommissar und Czeslaw Milosz: Verführtes Denken (mit der alten Einleitung von Jaspers!), die beiden letzteren in einem renommierten Frankfurter Verlag! 17) Über bloße Buchtitel hinaus reflektiert sich diese neuere In- teressenrichtung besonders in Tagungsthemen: Die "Legitimations- probleme" waren das Thema des Duisburger Politologenkongresses, wo Habermas und Hennis miteinander stritten (vgl. Bericht FAZ, 15.10.75); die Deutsche Vereinigung für Parlamentsfragen ver- anstaltete zusammen mit der Akademie für politische Bildung Tutzing eine Seminartagung zum Thema "Parlamentarisches System und Legitimität" (FAZ, 1.11.76); im "Haager Club", einem Dachverband internationaler Stiftungen, stießen die Ausführungen des Münchener Universitätsrektors Niko- laus Lobkowicz über Reformulierungen der Werte und des Selbst- verständnisses des westlichen Denkens auf erhebliches Interesse (FAZ, 2.7.76); die Gesamthochschule Paderborn veranstaltete eine Tagung mit dem Thema "Schwierigkeiten transzendental-philosophi- scher Normenbegründung" mit Apel, Habermas, Krings, Lübbe u.a. (FAZ, 23.6.76) - das neue Interesse läßt sich schließlich auch an Akzenten der Forschungspolitik der Fritz-Thyssen-Stiftung able- sen, die sich neuerdings für "Lebensprobleme der Gegenwart, etwa die politischen Krisen der westlichen Demokratien, das heutige religiöse Bewußtsein, die Rolle der Vulgärphilosophie, aus der sich das allgemeine Lebensverständnis speist" (FAZ, 5.8.75) in- teressiert. 18) Kambartel/Mittelstraß (Hrsg): Zum normativen Fundament der Wissenschaft, Frankfurt 1973, S. VIII. Es wird auch das Motiv nicht verschwiegen: "In einer Situation, in der zudem die gesell- schaftlichen Kosten eines immer mehr ausufernden und nicht mehr kontrollierbaren Wissenschaftsbetriebes zunehmend drückender wer- den, läßt sich der Aufgabe, Ziele und Verfahren in den Wissen- schaften einer strengen Begründung zu unterwerfen, erst recht nicht länger aus dem Wege gehen." (ebd., S. VII f.) Es gibt hier offensichtlich Überlagerungen mit den Bemühungen des Starnberger Kreises um Habermas; vgl. ders., Zur Rekonstruktion des histori- schen Materialismus, Frankfurt 1976, passim. 19) Was die P o l a r i t ä t betrifft, sind alle bürgerlichen Versuche, sie in einer in sich "gegensätzigen" Position, einem "höheren Dritten", aufzuheben, gründlich gescheitert. Der Weg des Chamäleons der politischen Romantik, Adam Müller, ist dafür bei- spielhaft. (Vgl. immer noch die scharfsichtige Arbeit von Carl Schmitt: Politische Romantik, München und Leipzig 1925) - Die K o m p l e m e n t a r i t ä t in der bürgerlichen Ideologie hat auch Andras Gedö betont. "Offensichtlich ist die Totalität der Richtungen und Nuancen innerhalb der heutigen bürgerlichen Philosophie kaum auf die Alternative (und Komplementarität) von Lebensphilosophie und Positivismus zurückzuführen ... aber...: Das bürgerliche philosophische Bewußtsein läßt l e t z t l i c h zwischen Lebensphilosophie und Positivismus die Wahl treffen, es verdrängt die Gegentendenzen in der Peripherie oder assimiliert sie." (Die philosophische Aktualität des Leninismus, in: Zur Kri- tik der bürgerlichen Ideologie, Heft 12. Frankfurt 1972, S. 20) - Den K o m p r o m i ß - Charakter hat Burke begriffen: "There is a perpetual treaty and compromise going on, sometimes openly, sometimes with less observation..." (An Appeal from the New to the Old Whigs, 1791) - Louis Althusser hat sich mit der Z y k l i k beschäftigt und gelangt zu dem Schluß: "Die Ge- schichte der Philosophie ist also nur das Nichts dieser ständig wiederholten Umkehrungen." (Lenin und die Philosophie, Reinbek bei Hamburg 1974, S. 34). 20) Vgl. hierzu den Schlußabschnitt meiner in Fn. 7 genannten Ar- beit "Totalitarismus und Konvergenz": Vom Paradigmenwechsel zum Grundwiderspruch, in dem dieser weiter ausgreifend hergeleitet wird. zurück