Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977
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Diskussion & Kritik
Jens Brockmeier
KOPERNIKUS UND DAS SCHATTENBILD EINER EPOCHENSCHWELLE
Zur Kritik der immanentistischen Philosophie- und
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Wissenschaftsgeschichtsschreibung Hans Blumenbergs
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"Der historische Ideolog ... hat also auf jedem wissenschaftli-
chen Gebiet einen Stoff, der sich selbständig aus dem Denken frü-
herer Generationen gebildet und im Gehirn dieser einander folgen-
den Generationen eine selbständige, eigene Entwicklungsreihe
durchgemacht hat. Allerdings mögen äußere Tatsachen, die dem ei-
genen oder anderen Gebieten angehören, mitbestimmend auf diese
Entwicklung eingewirkt haben, aber diese Tatsachen sind nach der
stillschweigenden Voraussetzung ja selbst wieder bloße Früchte
eines Denkprozesses, und so bleiben wir immer noch im Bereich des
bloßen Denkens, das selbst die härtesten Tatsachen anscheinend
glücklich verdaut hat." -
"Er arbeitet mit bloßem Gedankenmaterial, das er unbesehen als
durchs Denken erzeugt hinnimmt und sonst nicht weiter auf seinen
entfernteren Ursprung untersucht, und zwar ist ihm dies selbst-
verständlich, da ihm alles Handeln, weil durchs Denken v e r-
m i t t e l t, auch in letzter Instanz im Denken b e g r ü n-
d e t erscheint." (Engels an Franz Mehring; 14.6.1893; MEW Bd.
39, S. 97)
Seitdem im Jahre 1540 Georg Joachim Rhetikus, der einzige Schüler
und zeitweilige Mitarbeiter des Kopernikus, mit seiner "Narratio
Prima" der staunenden intellektuellen Öffentlichkeit Europas von
den Überlegungen des Frauenburger Domherrn zum ersten Male Mit-
teilung machte, ist der Meinungsstreit über das k o p e r n i-
k a n i s c h e E r e i g n i s nicht mehr abgerissen. Vom
Pathos des frühbürgerlichen spekulativen Materialismus eines
Giordano Bruno bis zur weltanschaulich genau gegenläufigen
Reaktion im Kopernikanismus z.B. eines Friedrich Nietzsche
formuliert sich im theoretischen Bezug auf den Denker des frühen
16. Jahrhunderts das Spektrum der neuzeitlichen Geistesgeschich-
te. Wenngleich seit fast 150 Jahren die letzten Zweifel am
wissenschaftlichen Wahrheitsgehalt der mit Kopernikus eingeleite-
ten heliozentrischen Systemkosmologie ausgeräumt sind, bleibt der
historische Bedeutungsgehalt und die weltanschauliche Tragweite
jener historischen Neukonzeptionierung der Weltsicht umstritten.
Die Kantische Redeweise von der "Kopernikanischen Wende" verhan-
delt dabei schon nicht mehr den eigentlichen historischen Sach-
verhalt, sondern meint in einem verallgemeinerten Sinn eine
"Veränderung der Methode der Denkungsart". In einer ähnlichen Be-
deutung, als Beispiel und Grundfigur eines "Paradigmenwandels"
ist Kopernikus erst in letzter Zeit wieder ausführlich diskutiert
und als Beleg für Modelle der theoretischen Rekonstruktion histo-
rischer Theorieentwicklung reklamiert worden. 1)
Daneben scheint eine Interpretation durchgängig, die über den
metatheoretischen und rein wissenschaftshistorischen Bereich hin-
aus in der kopernikanischen Wende den theoretischen Gehalt der
neuzeitlichen Geistesgeschichte überhaupt konstituiert oder zu-
mindest maßgeblich bestimmt sieht. Hier gilt Kopernikus nicht nur
etwas in wissenschaftstheoretischer Perspektive, sondern hier
gilt er, als ein zentrales Geschehnis der abendländischen Gei-
stesgeschichte, alles für die Theorie der Neuzeit schlechthin. So
geht es hier mit Kopernikus nicht allein um einen Gegenstand der
Philosophiegeschichtsschreibung, sondern um das Verhältnis eines
wie immer begriffenen theoretischen Gehalts des bürgerlichen
Zeitalters. Wer hier eine Aussage über den Ursprung und ein ver-
meintliches Selbstverständnis dieser Epoche macht, muß über Ko-
pernikus sprechen.
Die Strömung der gegenwärtigen bürgerlichen Philosophie- und Wis-
senschaftsgeschichtsschreibung, die nicht nur ihr methodisches
und wissenschaftstheoretisches Selbstverständnis, sondern auch
ihre philosophische Theorie des geschichtlichen Zusammenhangs der
Neuzeit mit Kopernikus zu fundieren sucht, wird durch Hans Blu-
menberg z.Z. wohl am erfolgreichsten vertreten. 2) In seinen Ar-
beiten hat sich zunehmend das k o p e r n i k a n i s c h e
E r e i g n i s als zentraler Bezugs- und Begründungspunkt einer
theoretischen Rekonstruktion der Neuzeit herausgebildet und so
ist schlüssigerweise sein vorerst letztes Buch "Die Genesis der
kopernikanischen Welt" benannt. Es erschien 1975 sozusagen als
Pendant zu den Veröffentlichungen der Kopernikus-Komitees der DDR
und der VR Polens, anläßlich der 500-Jahrfeier des Geburtstages
des Renaissance-Gelehrten 1973, und reflektiert summarisch den
wohl neuesten Stand der Blumenbergschen Überlegungen über das
Selbstverständnis der Neuzeit. 3)
Die etablierte bürgerliche Philosophie sieht sich mit Blumenberg
nicht nur "an die letzte große Leistung der Erforschung dieses
Themenbereichs innerhalb der deutschen philosophiehistorischen
Forschung - an die Arbeiten von Ernst Cassirer erinnert", sondern
sieht diese durch die "Kühnheit und die Vielseitigkeit der
Aspekte, die Blumenberg behandelt, weit übertroffen" (Hans-Georg
Gadamer). An westdeutschen und westberliner Universitäten werden
Seminare über Blumenbergs Theorien abgehalten, sein Verlag über-
schlägt sich mit Neu- und Teilauflagen seiner Bücher. Aber in der
gegenwärtigen philosophie- und wissenschaftsgeschichtlichen
Landschaft mutet Blumenberg nicht allein wegen des Interesses an
seinen Arbeiten und ob ihres voluminösen Umfangs ungewöhnlich an.
Auch wegen des heute im Lager der bürgerlichen Philosophiege-
schichtsschreibung gemeinhin selten gewordenen Bemühens, in grö-
ßeren historischen und geistesgeschichtlichen Zusammenhängen zu
denken, stellt Blumenbergs Anspruch etwas durchaus Ungewöhnliches
dar. 4)
Es geht ihm nämlich um nicht weniger, als um die theoretische Re-
konstruktion des "Selbstbewußtseins des neuzeitlichen Menschen"
/420/, die er im Nachvollzug der "Hauptlinien der neuzeitlichen
Bewußtseinsgeschichte" 337/ zu erklären glaubt. Indem Blumenberg
in diesem Bemühen zumindest im Anspruch deutlich über die sonst
verbreiteten Erörterungen primär wissenschaftstheoretisch und me-
thodologisch orientierter Fragestellungen hinausreicht, knüpft
er, darin ist Gadamer zuzustimmen, an die seriösesten Traditionen
der deutschen bürgerlichen g e g e n s t a n d s b e z o g e-
n e n Philosophiegeschichtsschreibungen an, die im Gegensatz zu
neopositivistischen Wissenschaftsschemata des B e s c h r e i-
b e n s der Funktionsweise abstrakter Operatoren, ein inhaltlich
nachvollziehendes V e r s t e h e n geistesgeschichtlicher
Sachverhalte als ihr wesentliches Anliegen weiß. 5)
Blumenberg sieht die Entstehung des neuzeitlichen Bewußtseins als
einen Prozeß der historischen Autonomisierung des Menschen. Die-
sen Vorgang versteht er aber nicht im Sinne des g e s e l l-
s c h a f t l i c h e n Herausschälens des Individuums. Für ihn
ist damit wesentlich der Verlauf einer theoretischen Emanzipation
des Menschen aus einem t h e o r e t i s c h e n N a t u r z u-
s a m m e n h a n g gemeint, d.h. präziser benannt, die Befrei-
ung des Menschen von einer Bestimmung seines Selbstbewußtseins
durch die, von ihm nicht mehr nachvollziehbar vorgegebene
k o s m o l o g i s c h e Naturordnung. Während dem Menschen,
beginnend mit den antiken und vorantiken Ursprüngen der
Kosmologie, zugleich mit seiner in den jeweiligen kosmischen Na-
turbildern gegebenen physischen Lokalisation im Universum auch
eine bestimmte metaphysische Selbstvergewisserung sicher schien,
wird mit Kopernikus jeder theoretisch-philosophischen Standortbe-
stimmung des Menschen, die sich kosmologisch fundieren will, die
theoretische Grundlage genommen. Für Blumenberg bedeutet die Ko-
pernikanische Wende nicht allein nur, daß dem Menschen die
"Illusion seiner Stellung im Mittelpunkt des Weltalls und der da-
mit gegebenen anthropozentrischen Naturordnung" /611/ genommen
ist, vielmehr fehlt dem Nachkopernikaner überhaupt die Möglich-
keit, seine theoretische Selbsterkenntnis aus einer kosmologi-
schen Konzeption abzuleiten. Denn, so lautet die Blumenbergsche
Formel: "auf der Negation der Möglichkeit, an der Natur als
Schöpfung abzulesen, ob überhaupt eine und welche Rolle ihm in
der Realität 'zugedacht' sei, sollte das Selbstbewußtsein des
neuzeitlichen Menschen beruhen" /420/. Damit kann sich die Über-
legung systematisch fixieren, daß der Mensch erst im Rückbezug
auf die eigene, weltliche Vernunft zu einem Bewußtsein seiner
selbst kommt. Dieser Stückbezug markiert die theoretische Dimen-
sion der kopernikanischen Reform, denn er bedeutet die Möglich-
keit der Durchsetzung solcher neuzeitlichen Vernunftsysteme, wie
sie z.B. mit dem deutschen Idealismus gegeben sind.
Die Neuzeit, so sucht Blumenberg in einem - Renaissance, Barock,
Aufklärung, Klassik, Romantik sowie 19. und 20. Jahrhundert um-
fassenden - geistesgeschichtlichen Panorama zu belegen, ist die
widersprüchliche Verwirklichung dieses "kopernikanischen Kompara-
tivs" / Vierter, Fünfter und Sechster Teil /. Die Durchsicht die-
ses neuzeitlichen Ideen-Bilderbogens leistet Blumen-berg, nimmt
man alle seine Arbeiten zusammen, mit einer historischen Konti-
nuität, die tendenziell die Minutiosität einer Philosophiege-
schichte aufweist. Er beginnt mit einer "Typologie der frühen
Wirkungen", in der Rhetikus, Osiander, Bruno, Galilei, nebst ei-
ner Reihe anderer Zeitgenossen des 16. Jahrhunderts in ihren Re-
flexionen und Reaktionen auf Kopernikus untersucht werden
/Dritter Teil/, über das Pathos dieser frühen Kopernikaner fuhrt
das Auffangen der "kopernikanischen Enttäuschung" über den Ver-
lust der vermeintlichen Vorzugsstellung von Mensch und Erde im
Weltall mit dem deutschen Idealismus schließlich zu einer Apo-
theose der menschlichen Vernunft und zu einer anthropozentrischen
Metaphysik /92/. Ausführlich wird der Kantische Kopernikanismus
recherchiert/insbesondere 666-715/ und erörtert, wie die "Wende"
des 16. Jahrhunderts die "Präfiguration der transzendentalen Wen-
dung" /696/ bedeutet. Der kopernikanischen Optik dieser neuzeit-
lichen Problemlese entgehen nur wenige Namen der geläufigen Gei-
stesgeschichte, die oft allerdings, wie Blumenberg selbst ein-
räumt, mit nur "anekdotischer Qualität" /730/ Revue passieren.
Das eigentliche Kernstück seiner Arbeit und eine präzise Explika-
tion seines wissenschaftstheoretischen Selbstverständnisses bil-
det der Zweite Teil seines Buches, "Eröffnung der Möglichkeit ei-
nes Kopernikus", der im wesentlichen schon in Blumenbergs zehn
Jahre älterer Veröffentlichung "Die kopernikanische Wende" ent-
halten ist. Gegenüber den anderen Teilen des Buches, die vornehm-
lich der W i r k u n g s g e s c h i c h t e Kopernikus gewid-
met sind, handelt es sich hier um die V o r g e s c h i c h t e
und in dieser zentral um den "Versuch einer immanenten Entste-
hungsgeschichte" /272/ der kopernikanischen Theorie. Hier wird
deutlich, was Blumenberg darunter versteht, wenn er sein Ziel,
die geschichtliche Fixierung der Zäsur einer "Epochenwende" da-
durch zu erreichen hoffte, daß er die Faktoren der Ünausweich-
lichkeit eines solchen Umbruchs aus der immanenten "Konsequenz
und Verdichtung der geschichtlichen Bewegung" 6), die zu der
Wende geführt hat, identifiziert. Verläuft doch die Entwicklung
der Wissenschaftsgeschichte in der Gegenwart ohnehin fast aus-
schließlich gemäß ihrer "inneren Gesetzmäßigkeiten" /159/, da
sich das geschichtliche Werden der modernen Naturwissenschaft für
Blumenberg als ein zunehmender Interiorisierungsprozeß ihrer Ent-
wicklungsdeterminanten darstellt. Diese Geschichte beginnt zwar
mit Kopernikus, für das Verständnis dieses Anfangs selbst müssen
aber ä u ß e r e F a k t o r e n berücksichtigt werden. 6a)
Was versteht nun Blumenberg unter diesen "externen Faktoren" der
Entstehung der modernen Wissenschaftsgeschichte? An dieser
Stelle, so steht zu vermuten, glaubt er wohl das ganze Problem
der bürgerlichen "Methodendiskussion" gelöst zu haben, denn es
sind für ihn die i n n e r e n S c h w ä c h e n des traditio-
nellen theoretischen Systems, die, so seine These, als äußere
Faktoren wirkten und die Bedingungen für die Möglichkeit der ko-
pernikanischen Revolution vorgaben. 7)
Er interpretiert die "historische Unausweichlichkeit" der koper-
nikanischen Wende als Folge der "Funktionsunfähigkeit, Wider-
sprüchlichkeit und Unhandlichkeit der traditionellen Systems"
/157/ und tut dies auf dem Hintergrund einer allgemeingültigen
Entwicklungstheorie: - ... die geschichtliche Erfahrung scheint
eher dahin zu tendieren, den Selbstzerfall der Systeme an ihrer
inneren Widersprüchlichkeit und an ihrer mangelnden Elastizität
gegenüber der unbewältigten Wirklichkeit als Vorbedingung" /159/
ihrer historischen Negation entstehen zu lassen. Wenn so auf der
einen Seite der objektive Systemmangel der alten Welterklärung
konstatiert ist, gilt es den historischen Spielraum zu bestimmen,
"innerhalb dessen bestimmte theoretische Handlungen möglich und
andere ausgeschlossen sind" /158/.
Der Anspruch dieses Verfahrens geht davon aus, daß es in der hi-
storischen Untersuchung nicht allein damit getan ist, bestimmte
Ideen und Gedankengebilde in ihrer Entstehung nachzuvollziehen,
sondern daß "noch um eine Schicht tiefer anzusetzen (ist), bei
der Entstehung des Spielraums, in dem jene neuen Entwürfe über-
haupt erst möglich wurden..." /198/. Blumenberg deklariert als
das "aufregende geschichtliche Problem" der Epochenwende Mittel-
alter/Neuzeit "gerade nicht die Erklärung des F a k t u m s der
Leistung oder gar die Versicherung von ihrer N o t w e n-
d i g k e i t, sondern die Begründung ihrer bloßen M ö g-
l i c h k e i t" /199/.
Diese Erkundung der Möglichkeit einer historischen Gegebenheit,
bedeutet für das theoretische Verfahren, daß die innere Inkonsi-
stenz, die das mittelalterliche Weltbild als immanente Spreng-
kraft selbst freisetzt, systematisch zu recherchieren ist. Dies
ist Blumenbergs Hauptanliegen. Folglich sieht er in der Begrün-
dung, daß Kopernikus "schon in eine Freiheit eintrat, die sich
das ausgehende Mittelalter doch noch selbst in der Konsequenz
seiner inneren Auseinandersetzungen "errungen" /199/ hat, Koper-
nikus selbst jedoch als mittelalterliches Ereignis ausgeschlossen
war /170/, seine Hauptbeweislast. Aus der Untersuchung des ausge-
henden Mittelalters scheint sich als Bestätigung zu ergehen, daß
es letztlich einer Empfindsamkeit "in der Immanenz seiner Logik,
Hie jede Schwierigkeit zugleich als Widerspruch auftreten lassen
mußte" geschuldet war, wenn sein historischer Zerfall mit dem
Ausreifen seiner inneren Widersprüche unvermeidlich wurde. Der
t h e o r e t i s c h e E r k e n n t n i s p r o z e ß, der
weltanschauliche Zusammenhänge zum Umsturz bringt, drückt demnach
den historischen Grundverlauf des Blumenbergschen Epochenwechsels
in sich selbst aus. 8)
An dieser, wie mir scheint, zentralen Stelle des Blumenbergschen
Entwicklungsschemas - der Erklärung des Zustandekommens eines
Theorems durch die Identifikation des theoretischen Vakuums, das
durch die innere Inkonsistenz des ihm historisch vorgelagerten
theoretischen Systems entsteht - werden beispielhaft sowohl die
Stärke und Tragweite eines solchen Ansatzes immanentistischer
Philosophiegeschichtsschreibung, als auch die objektive Grenze
und i m m a n e n t e n Mängel der Erklärungsleistung deutlich.
In der Herausarbeitung der Systemschwächen des feudalen Weltbil-
des hebt sich Blumenberg in seiner - wissenschafts- und technik-
geschichtliche Faktoren miteinbeziehenden - Analyse der aristote-
lischen Naturphilosophie, die für die mittelalterliche Kosmologie
grundlegende Bedeutung hatte, klar ab von verbreiteten philoso-
phiegeschichtlichen Ansätzen, die sich stattdessen auf eine Erör-
terung der begrifflichen Dogmatik der scholastischen Kategori-
ensysteme beschränken. 9) Die Probleme, denen Blumenberg aber da-
mit nicht entgeht und die trotz dieser wissenschaftlichen Berei-
cherung der traditionellen Ideengeschichte im Rahmen des theore-
tischen Immanentismus unausweichlich bleiben, seien kurz erwähnt.
In der aristotelischen Naturtheorie, so wie sie von Thomas von
Aquin im 13. Jahrhundert für das feudal-christliche Weltbild sy-
stematisiert wurde, galt der Kosmos als ein e n e r g e-
t i s c h e s Z u s c h u ß s y s t e m. Die Struktur der phy-
sikalischen Vermittlung war zentripetal, von außen nach innen.
Blumenberg zeigt, wie sich der theoretische Spielraum Kopernikus
- denn seine Konzeption unterstellt sowohl eine gewisse inner-
kosmische Homogeneität, wie eine zentrifugal gerichtete Ableitung
der Phänomene - mit der allmählichen theoretische Durchlöcherung
"des kosmischen Instanzenwegs göttlichen Willens" /194/ eröffnet.
Wesentlich für die physikalische Inkonsistenz des aristotelischen
Systems ist dabei der Kausalitätsbegriff /165 ff/, sowie die
Ablösung der scholastischen Theorie der K o n t a k t k a u s a-
l i t ä t durch die der ü b e r t r a g e n e n K a u s a l i-
t ä t. Denn damit war die Möglichkeit der Durchsetzung einer,
zumindest partiellen Autonomie der Weltkräfte in einem Zustand
der Immanenz, der nicht der ständigen c r e a t i o c o n t i-
n u a jenseitiger Energiezufuhr bedarf, gegeben. An dieser Stel-
le sieht Blumenberg den naturphilosophischen Bruch Mittelalter/
Neuzeit. Hier wurde ein Kopernikus mit seinem astronomischen
"Paradigma für die Gewinnung der Immanenz" /166/ denkbar.
Soweit mag nun Blumenberg einen wichtigen naturphilosophischen
Bruch der Epochenwende wohl beschrieben haben, aber die Frage
nach der historischen Rekonstruktion dieser Theoreme ist damit
noch nicht einmal deutlich gestellt. Denn auf die Frage nach dem
historischen Grund dieser naturtheoretischen Wandlungen, die
einen Kopernikus ermöglicht haben sollen, weiß Blumenberg letzt-
lich nichts anderes anzuführen, als ein historisches Unbefrie-
digtsein an den beschriebenen inneren Inkonsistenzen. Wer unzu-
frieden war, und warum, und warum gerade im 14. und 15. Jahrhun-
dert?, das sind Fragen, die in allen Arbeiten Blumenbergs nicht
einmal tangiert werden. Was waren die objektiven Triebkräfte, die
die Kritik gerade am naturtheoretischen Teil des feudalen Welt-
bildes seit dem 13. Jahrhundert ständig verschärften? Oder war
der Ockhamismus der Pariser Nominalisten des 14. Jahrhunderts,
die Überlegungen eines Oresme und Buridan und der verschiedenen
naturphilosophischen "Häretikerbewegungen" des Spätmittelalters
wirklich nur der Ausdruck des subjektiven Unbefriedigtseins mit
der "Unvernunft" der Scholastik?
Blumenbergs Philosophiegeschichtsschreibung ist das Verzeichnis
der theoretischen Bedingungen, Voraussetzungen, Reflexionen, Kon-
sequenzen und Folgen bestimmter historischer Ereignisse, die
selbst nie ins Blickfeld kommen. Denn die Frage, warum bestimmte
theoretische Widersprüche eines Welterklärungssystems über einen
Verlauf von Jahrhunderten trotz massiver Verfolgung und Unter-
drückung der intellektuellen Opposition im Mittelalter ständig
mehr Gegenstand ihrer Kritik werden und ihr naturphilosophischer
Zusammenhang zunehmend energischer in Frage gestellt wird, läßt
sich mit dem rhetorischen Rückverweis auf offensichtliche,
i n n e r e l o g i s c h e I n k o n s i s t e n z e n dauer-
haft kaum umgehen. Zumal, wenn, wie bei der vorliegenden Frage-
stellung - so soll an dieser Stelle thesenhaft formuliert werden
- , eine sorgfältige Untersuchung des historischen Produktiv-
kraftniveaus könnte erwägen lassen, daß k a u m p r a k t i-
s c h e u n d p r o d u k t i o n s t e c h n i s c h e E r-
f o r d e r n i s s e zur Reform der naturphilosophischen
Grundlagen in Betracht zu ziehen sind. Folglich müßte dem Bezug
auf die soziale Dimension, auf o b j e k t i v - g e-
s c h i c h t l i c h e T r i e b k r ä f t e s o z i a l e r
I n t e r e s s e n bei der Entstehung bestimmter Theorien,
denen schließlich das Weltbild einer neuen Epoche zu verdanken
ist, doch besondere Bedeutung beigemessen werden.
So ist denn auch ein - durchaus im Sinne Blumenbergs begriffenes
- V e r s t ä n d n i s der Kritik des späten 15. und frühen
16. Jahrhunderts an der aristotelisch-ptolemäischen Kosmologie
ohne Berücksichtigung der theoretischen Formierung der f r ü h-
b ü r g e r l i c h e n O p p o s i t i o n s b e w e g u n g
kaum zu erreichen; hat doch z.B. der offensichtliche Widerspruch
zwischen den naturphilosophischen Axiomen des Aristoteles und
ihrer astronomisch-mathematischen Umsetzung mit Ptolemäus über
ein Jahrtausend lang niemanden, nicht einmal die Praktiker und
Seefahrer des 16. Jahrhunderts, gestört.
Das Ausklammern des sozial-historischen Kontextes und des ideolo-
gischen Zusammenhangs des Kopernikanismus mit der theoretischen
Kritik der antifeudalen Emanzipationsbewegung b e-
s c h r ä n k t Blumenberg darauf, die eigentliche theoretische
Genesis der kopernikanischen Reform im Nachvollzug der sub-
jektiven Argumentationsfolge des Frauenburger Domherrn zu versu-
chen. So erkennt er zwar, daß das eigentliche revolutionäre Theo-
rem der kopernikanischen Konzeption - die Tagesrotation der Erde
(m o b i l i t a s t e r r a e) - erst als logische Konsequenz
des ursächlichen Bemühens Kopernikus, zu einer einheitlichen und
rationalen Neuordnung des Planetensystems zu gelangen /280 ff../,
entstanden ist und die sonst so betonte Alternative Geozentris-
mus-Heliozentrismus sich erst im nachhinein als beherrschendes
Charakteristikum der beiden Weltsysteme erweist. Hingegen fehlt
in diesem Untersuchungsbereich die zumindest doch auch ideenge-
schichtlich evidente Verbindung dieses kopernikanischen Bedürf-
nisses nach einer rationalen und einheitlichen Erklärung des kos-
mischen Zusammenhangs mit den naturphilosophischen Theorien der
oberitalienischen Pantheisten. 10) Gerade aber die Berücksichti-
gung dieses Zusammenhangs hätte nolens volens über den theoriege-
schichtlichen Immanentismus [unausgeführt, denn wer über den neo-
platonistischen Pantheismus des späten 15. und frühen 16. Jahr-
hunderts spricht, kann kaum umhin, über das oberitalienische Bür-
gertum der Spätrenaissance und seine theoretischen Auseinander-
setzungen mit dem feudalen Weltbild zu reden. 11)
Mit der Verabsolutierung der subjektiv-intentionalen Komponente
in der Erklärung der Kopernikanischen Wende erscheint für Blumen-
berg die ideologische und praktisch-politische Reaktion der römi-
schen Gegenreformation als eine Reaktion auf den vermeintlichen
Wahrheitsanspruch des Kopernikus; die "Differenz der Weltsysteme"
wird so zu einer "Differenz über den Wahrheitsanspruch des Men-
schen" /307/. Dabei wird übersehen, daß nicht die Theorie Koper-
nikus, auch nicht sein subjektiver Wahrheitsanspruch, sondern die
Konsequenzen, die die K o p e r n i k a n e r daraus zogen,
eine Gefahr für die feudale Weltanschauung darstellte: Entweder
in Form des spekulativen Materialismus des erklärten Streiters
gegen das mittelalterliche Feudalsystem, Giordano Bruno, oder, in
der historisch wirksameren Form, als das Bemühen Galileis und
seiner Nachfolger, den kopernikanischen Anspruch naturwissen-
schaftlich zu verifizieren.
Bruno wurde 1600 verbrannt, die Physik Galileis 1616 verboten.
Verboten wurde 1616 aber nicht die kopernikanische Theorie, ob
mit oder ohne Wahrheitsanspruch, sondern der Kopernikanismus
a l s p h y s i k a l i s c h e s S y s t e m, dessen Ausar-
beitung u.a. Teil des naturwissenschaftlichen Programms Galilei-
Newton war. Nimmt auch Blumenberg den subjektiven Anspruch des
Kopernikus als wesentlichen Beleg für den objektiven Charakter
seiner Theorie - was käme für ihn auch sonst in Betracht? - so
waren die zeitgenössischen Naturtheoretiker des 16. Jahrhunderts
jedoch anderer Meinung. Für sie war das Werk des Kopernikus erst
das Programm einer "Astronomie ohne Hypothesen" 12), - der erste
Entwurf einer Naturtheorie, die die m a t e r i e l l e
W i r k l i c h k e i t a l s e i n e n i m m a n e n t e n
Z u s a m m e n h a n g auffaßte und damit das theoretische
Kampfprogramm des frühbürgerlichen Materialismus vorzeichnete.
Der Versuch die historische Entwicklung theoretischer Prozesse
a l l e i n aus ihrer theoretischen Innendynamik zu erklären,
legt es nahe, mit dem sozial-historischen Bezugsrahmen auch eine
Sicht der T h e o r e t i k e r als gesellschaftlicher Wesen
auszuschließen. Folgerichtig ist für Blumenberg der Erläuterungs-
gegenstand der Genese der Neuzeit das Verhältnis Mensch-Natur,
bzw. die "Stellung des Menschen im Kosmos" /665/. Mit dieser Re-
duktion der Wissenschaftsentwicklung auf einen individuellen in-
tellektuellen Prozeß, werden nun jedoch alle Schwierigkeiten ei-
ner historischen Rekonstruktion von Wissenschaftsentstehung nicht
nur nicht gelöst, sondern durch eine Vereinseitigung und Be-
schneidung des Gegenstandes schlichtweg nicht zur Kenntnis genom-
men. Mit der Autonomisierung der B e w u ß t s e i n s g e-
s c h i c h t e wird mithin auch die wissenschafts- und
technikgeschichtliche Erweiterung für die, wie anfangs erwähnt,
Blumenberg sich stark macht, zu nichts anderem, als einem
ideengeschichtlichen Interna. So wird denn wohl auch der Anspruch
einer wissenschaftsgeschichtlichen Fundierung seiner Theorie von
Blumenberg primär ob seines Wohlklangs in der aktuellen
Diskussion reklamiert; sein ideengeschichtliches Schattenbild der
Epochenschwelle wird ihm jedoch kaum gerecht. 13)
Da jedoch die Neuzeit als reale, und nicht nur theoretische, Ge-
gebenheit schlecht wegzudenken ist, sie also auch als historische
Tat vorausgesetzt werden muß, ergibt sich ihm schließlich eine
Optik, in der die T h e o r e t i k e r a l s T ä t e r auf-
treten, sei es auch nur wieder in der Rezeption anderer Theoreti-
ker /310 ff./. Alle Handlungsattribute werden zu Attributen der
Theorie: "wenn eine Wirkung mit solcher Penetranz ins Bewußtsein
eingreift" - gemeint ist die Wirkung Kopernikus - "kann es nicht
bloß der Gedanke, darf es nicht mehr Erleuchtung oder Inspira-
tion, muß es die t h e o r e t i s c h e H a n d l u n g a l s
G e w a l t t a t gewesen sein, was sie herzurufen vermocht
hatte." /309, Hervorhbg. J.B./ 14).
Diese Bemerkungen sind sicherlich fehlverstanden, wenn sie als
eine prinzipielle Verwerfung des ideengeschichtlichen Immanentis-
mus H. Blumenbergs aufgefaßt werden sollten, über die theoreti-
schen Erklärungsleistungen, auf die ein im klassischen Sinne
idealistisches Verständnis historischer Prozesse in der Rekon-
struktion philosophiegeschichtlicher Zusammenhänge verweisen
kann, ist an anderer, klassisch-materialistischer Stelle Kompe-
tentes gesagt worden. Es sollte aber hier hervorgehoben werden,
daß auch und gerade im Fall Blumenbergs eine fruchtbare und wei-
terführende Lektüre seiner Bücher nur mit dem Bewußtsein der
grundsätzlichen Begrenztheit der Sichtungsmöglichkeit komplexer
historischer Prozesse, die die immanentistische Philosophiege-
schichtsschreibung kennzeichnet, angeraten ist.
Statt des, sicherlich auch ideengeschichtlich überzogenen An-
spruchs, eine T h e o r i e d e r G e n e s i s d e r N e u-
z e i t vorzugeben, wären die Arbeiten Blumenbergs sinnvoller
verstanden, als n ü t z l i c h e B e i t r ä g e u n d i n-
t e r e s s a n t e E i n z e l a s p e k t e z u e i n e r
T h e o r i e d e r G e n e s i s d e r N e u z e i t.
_____
1) Vgl. dazu E. Stölting: "Das soziale Bild der Wissenschaft und
die gesamtgesellschaftliche Reproduktion", in: SOPO 39, 1977/1,
sowie spz. zu Thomas S. Kuhn den Beitrag von W. Lefèvre in diesem
Heft.
2) Vgl. K. Dienst: "Kopernikanische Wende", Artikel im Histori-
schen Wörterbuch der Philosophie, Bd. 4, Basel/Stuttgart 1976, S.
1094-1099.
3) Diesem Thema widmet sich Blumenberg seit nun schon mehr als 20
Jahren. 1958 erschien der Aufsatz "Epochenschwelle und Rezep-
tion", 1964 "Kopernikus im Selbstverständnis der Neuzeit", 1965
"Die Kopernikanische Wende". 1966 erschien sein wohl bekanntestes
Werk "Die Legitimität der Neuzeit", das ebenfalls dem kopernika-
nischen Thema gewidmet ist.
Die Neuzeit wird ausgebreitet als Inbegriff der durch die Katego-
rie der 'Säkularisierung' gefaßten theoretischen Vorgänge, so wie
sie in der Rezeption der sie reflektierenden Denker aufzuspüren
sind. Blumenberg entwickelt in diesem Buch die Kopernikanische
Wende als Resultat einer zweiten 'Gnosis' am Ende des Mittelal-
ters, die den neuzeitlichen Bewußtseinsprozeß einleitet. Die Dy-
namik dieses Prozesses wird ausfindig gemacht in der
"Bedürftigkeit eines an den großen Fragen und großen Hoffnungen
überdehnten und dann enttäuschten Bewußtseins" (nach: Säkulari-
sierung, 1974, S. 103). Die vier überarbeiteten Teile der
"Legitimität" erschienen in drei einzelnen Büchern in Neuauflage
von 1974-76 unter den Titeln "Säkularisierung und Selbstbehaup-
tung", "Der Prozeß der theoretischen Neugierde" und "Aspekte der
Epochenschwelle: Cusaner und Nolaner". 1977 brachte der Verlag
sie dann erneut in einer Kassette zur "Legitimität" vereint} her-
aus. Im Folgenden wird, wenn nicht anders bezeichnet, nach der
"Genesis der Kopernikanischen Welt", Frankfurt/M. 1975, 803 S.,
zitiert (Seitenangabe in Querbalken).
4) So klagt R. Schostack anhand der Veröffentlichung des Jahres-
berichts der deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über den in-
ternationalen Stand der westdeutschen Geisteswissenschaften: "In
dieser (Universitäts-)Atmosphäre gedeihen kaum große Würfe, son-
dern nur eine hochspezialisierte "Detailforschung". Zitiert aus:
"Wie gut sind die Geisteswissenschaften? ", Frankfurter Allge-
meine Zeitung, Nr. 45,23.2.1977, S. 19.
5) Das Verhältnis der modernen Wissenschaftstheorie zur gegen-
standsbezogenen und damit historischen Forschung faßt A. Regenbo-
gen in einem Literaturbericht zu diesem Thema in SOPO Nr. 36/1976
zusammen: "... sobald Geschichte als zentrales Objekt geisteswis-
senschaftlicher Forschung aufgegeben wird, bleibt nur noch ihre
abstrakte Widerspiegelung in der historiographischen Literatur
einer wissenschaftstheoretischen Reflexion übrig." (S. 142).
Auf einen anderen, neueren Ansatz der Ausklammerung der Dimension
historischer Entwicklung, s o g a r i n d e r e i g e n t-
l i c h e n P h i l o s o p h i e g e s c h i c h t s-
s c h r e i b u n g selbst,; sei hier nur kurz verwiesen. Die z.
Z. im Ullstein-Verlag erscheinende deutsche Ausgabe der auf acht
Bände angelegten "Geschichte der Philosophie", herausgegeben von
Francois Chatelet, sieht in diesem Verzicht ausdrücklich einen
Teil ihrer Programmatik: "Zum anderen hat man darauf verzichtet,
eine wie auch immer geartete Lektion zu erteilen und unter ande-
rem vernehmen zu lassen, daß sich hinter der Fülle der Lehren in
irgendeiner Weise eine signifikante Evolution abzeichne, ein
Fortschritt, eine Wiederholung oder eine Regression" (Die
Philosophie der Neuzeit, Bd. III, Frankfurt/M., Berlin, Wien
1974, S. 9/10).
6) H. Blumenberg: Aspekte der Epochenschwelle, Frankfurt/M., S.
15.
6a) Eine ähnliche Auffassung über den historischen Prozeß der
"Entwicklung einer internen Wissenschaftsdynamik" wird in einer
jüngst veröffentlichten Arbeit vertreten: Gernot Böhme/Wolfgang
van der Daele/Wolfgang Krohn, Experimentelle Philosophie - Ur-
sprünge autonomer Wissenschaftsentwicklung -, Frankfurt/M. 1977.
7) Vgl. zu der angesprochenen Diskussion P. Weingart (Hrsg.):
Wissenschaftssoziologie 1, Determinanten wissenschaftlicher Ent-
wicklung, Frankfurt/M. 1974.
8) Aspekte der Epochenschwelle, a.a.O., S. 24; eine Verallgemei-
nerung dieses entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhangs auch S.
16.
Trotz der ähnlich gearteten Erklärung des kopernikanischen Um-
bruchs, die Kuhn entwickelt hat (vgl. Die Struktur wissenschaft-
licher Revolutionen, Frankfurt/M., S. 99), grenzt sich Blumenberg
von diesem ab. Für ihn vermag die Theorie der "wissenschaftlichen
Revolutionen" zwar zutreffend den Zusammenbruch jeweils herr-
schender Systeme zu beschreiben, aber für die darauf folgenden
"Akte neuer Begründungen", in denen neue Systeme theoretischer
Welterklärung konstituiert werden, kann ihm das Kuhnsche Konzept
"schlechthin keine Erklärung anbieten". Hier hingegen sieht er
das wesentliche Problem und - mit der Lösung dieses Problems -
seine eigentliche Leistung über Kuhn hinaus, (vgl. Epochen-
schwelle, ebenda) Statt der Vorstellung eines "P a r a d i g-
m e n w e c h s e l s" zieht Blumenberg die einer "U m b e-
s e t z u n g" - so lautet sein Gegenbegriff - in einem bestimm-
ten "intakt bleibenden und funktional vorausgesetzten Stellen-
rahmen" /596/ vor. Die "Genesis der kopernikanischen Welt" steht
für die exemplarische Vorführung einer solchen "Umbesetzung".
9) So sei hier beispielhaft für n e u e r e Arbeiten nur auf W.
Kluxen: "Thomas von Aquin: Das Seiende und seine Prinzipien"
(z.B. S. 184) verwiesen; in: Grundprobleme der großen Philosophen
- Philosophie des Altertums und des Mittelalters, Göttingen 1972,
UTB.
10) Neben den bekannteren Arbeiten, die diesen Zusammenhang un-
terstreichen (Koyré, F.A. Yates, E. Garin, Borkenau), sei hier
noch auf H. Mielke: "Die gesellschaftlichen Bedingungen für das
Wirken von Nicolaus Copernicus und die philosophisch-weltanschau-
lichen Voraussetzungen und Wesenszüge seiner Lehre", in: Nicolaus
Copernicus 1473-1973, hrsg. i.A. des Copernicus-Komitees von J.
Herrmann, Berlin 1973, insb. S. 127, verwiesen und die material-
reiche Arbeit von Ewa Chojecka: "Die Kunsttheorie der Renaissance
und das wissenschaftliche Werk des Kopernikus", in: Zeitschrift
für Kunstgeschichte, München-Berlin 35/1972, S. 257 ff., erwähnt.
11) Dem neunjährigen Italienaufenthalt Kopernikus und seinem Stu-
dium in den Zentren der antiaristotelischen Bewegung widmet schon
L. Prowe in seiner Biographie 'Nicolaus Coppernicus', 2 Theile in
3 Bdn., Berlin 1883/84, mehr als 100 Seiten (I,1, S. 211-329).
12) Vgl. z.B. die Briefe von Pierre de la Ramée vom 25.8.1563 und
von Matthias Lauterwalt vom 17.2.1545 an Rhetikus, ed. bei K.H.
Burmeister, Georg Joachim Rhetikus, Bd. III, Briefwechsel, Wies-
baden 1968.
13) Blumenberg nennt an anderem Ort sein Kind selbst beim Namen.
Sein Konzept der Bewußtseinsgeschichte, mit dem endlich Thomas
Kuhn überholt erscheint, "wird am ehesten ... dort gelingen kön-
nen, wo das freilich obsolete Ideal einer 'Geistesgeschichte' zu
realisieren ist. Das ist zweifellos dann der Fall, wenn das Thema
der Theorie von Geschichte nichts anderes als die Geschichte von
Theorie ist - also das, was gegenwärtig ohne Verächtlichkeit
'Wissenschaftsgeschichte' genannt werden kann." (Epochenschwelle,
a.a.O., S. 15).
14) Wenn bei Blumenberg die Entstehung eines neuzeitlichen Be-
wußtseins also unter Ausschluß jeglicher sozial-historischer Fak-
toren im wesentlichen als Auswirkung der Kopernikanischen Wende
auf das N a t u r- u n d S e l b s t v e r s t ä n d n i s
des Menschen begründet wird, sei hier wenigstens am Rande eine
andersgerichtete Auffassung der philosophiehistorischen Diskus-
sion dieses Themas erwähnt.
In dieser wird zwar deutlich herausgearbeitet, daß die ideologi-
schen Auseinandersetzungen des 16. Jh. ohne den Bezugsrahmen der
Auseinandersetzung zweier historischer Gesellschaftsformen nicht
zu rekonstruieren sind; jedoch gelten hier oft theoretische Be-
züge und gedankliche Zusammenhänge, deren immanente Nachzeichnung
selbst noch zu leisten wäre, schon als sozial und politisch re-
alisierte. "Nach Auffassung von G. Vogler ("Copernicus in den
geistigen Auseinandersetzungen seiner Zeit", in: Zeitschrift für
Geschichtswissenschaft, XXI, 1973/6, S. 637), der hier stellver-
tretend für andere Autoren genannt sein mag (so G. Klaus, H.
Mielke, z.T. auch Hermann Ley und andere Autoren des Sammelbandes
'Nicolaus Copernicus 1473-1973', a.a.O.; G. Klaus auch in der
Einleitung zur 'Nicolaus Copernicus: Über die Kreisbewegungen der
Himmelskörper', Berlin 1959), "hatte der Gelehrte Copernicus die
Axt an die Wurzel des christlichen Weltbildes gelegt" (S. 642)
und mit seiner Lehre den Kampf einer "revolutionären Bewegung"
fortgesetzt, "die schließlich die Umgestaltung der Gesellschaft
als Ziel auf ihre Fahne schrieb" (S. 647). Hier scheint der Theo-
retiker in einem ganz anderen als dem Blumenbergschen Sinne zum
Täter zu werden. Auch wenn der historische Stellenwert Kopernikus
im Zusammenhang der frühbürgerlichen Emanzipationsbewegung hier
nicht erörtert werden kann, soll jedoch Vogler zumal dort, wo er
behauptet, daß das Werk des Kopernikus selbst schon "... die Kon-
sequenzen für die Formung von Weltbild und Weltanschauung am Be-
ginn des Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus ...
d o k u m e n t i e r t" (S. 638, Hervorhebung J.B.), direkt wi-
dersprochen werden.
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