Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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       Kongreßberichte
       

KRITISCHE PSYCHOLOGIE ALS MARXISTISCHE SUBJEKTWISSENSCHAFT FAZIT EINER ENTWICKLUNG ANLÄSSLICH DES ERSTEN "INTERNATIONALEN KONGRESSES KRITISCHE PSYCHOLOGIE"

Das Audimax der Philipps-Universität faßte sie nicht - die 3 000 Teilnehmer am ersten "Internationalen Kongreß Kritische Psycholo- gie", der veranstaltet vom Bund demokratischer Wissenschaftler und vom AStA der Universität, vom 13. bis zum 15. Mai dieses Jah- res in Marburg stattfand. Schon die Anteilnahme und Disziplin, mit der die Teilnehmer, nicht nur Psychologen - Studenten, Leh- rende und "Berufspraktiker" -, sondern auch Sozialarbeiter, Päd- agogen, Philosophen, Soziologen und in anderen Fachdisziplinen Arbeitende das Mammutprogramm von Referaten verfolgten und in Ar- beitsgruppen diskutierten, macht diesen Kongreß zu einem bemer- kenswerten Ereignis. Einem Ereignis, das offensichtlich einem weit über Fachkreise verbreitetem Bedürfnis entsprach, sich ange- sichts der wachsenden gesellschaftlichen Bedeutung der Psycholo- gie mit der einzelwissenschaftlichen Entwicklung vertraut zu ma- chen und auseinanderzusetzen, die unter dem Namen "Kritische Psy- chologie" zusammengefaßt wird. Wenn der Kongreß nicht von Psycho- logie-Fachverbänden oder -Institutionen getragen wurde, so ist dies alles andere als zufällig: Die Veranstalterschaft des einzi- gen in der demokratischen Bewegung arbeitenden allgemeinen Wis- senschaftlerverbandes der BRD und Westberlins und eines der ASten, die, auf der Grundlage der Politik der gewerkschaftlichen Orientierung, das studentische Ausbildungsinteresse mit den Er- fordernissen demokratischer Wissenschaftsentwicklung und Beruf- spraxis zu vermitteln suchen, trug auch dem Umstand Rechnung, daß es mit der Kritischen Psychologie die beispielhafte Entwicklung eines Sektors nicht-bürgerlicher, über die Kritik bürgerlicher Wissenschaft hinausgehender "positiver" Wissenschaft in der bür- gerlichen Gesellschaft vorliegt. Hierin vor allem liegt begrün- det, daß der Kongreß ein wissenschaftliches und wissenschaftspo- litisches Ereignis darstellte, dessen Bedeutung sich nicht auf die Psychologie beschränkt. Der wissenschaftliche Anspruch der Kritischen Psychologie --------------------------------------------------------- und die Funktion des Kongresses ------------------------------- Die folgende Darstellung zielt nicht in erster Linie auf die Aus- wertung der auf dem Kongreß zusammengetragenen Ergebnisse kri- tisch-psychologischer Forschung - diese Aufgabe kann ohnehin erst nach Veröffentlichung des Kongreßberichts 1) angegangen werden. Vielmehr will sie U r s p r u n g, E n t w i c k l u n g u n d d i e G r u n d z ü g e d e r K r i t i s c h e n P s y- c h o l o g i e s e l b s t e r l ä u t e r n und eben jene w i s s e n s c h a f t s p o l i t i s c h e D i m e n s i o n aufweisen, die darin begründet ist, daß Kritische Psychologie, in eigenständiger Wissenschaftsentwicklung kritisch gegenüber der "herrschenden" Wissenschaft, eine Bedrohung des bürgerlichen Wissenschaftsmonopols darstellt - zumal, wenn sie massenhaft rezipiert wird und - davon zeugt die zahlreiche Teilnahme von Nicht-Psychologen am Kongreß (auch auf Referentenebene!) - auf andere Wissenschaftsbereiche ausstrahlt. B e s t a n d s a u f- n a h m e der geleisteten wissenschaftlichen Arbeit in Form von Referaten mit überblickscharakter, Erörterungen von Erfahrungen in der wissenschaftlichen und berufspraktischen Arbeit und die Diskussion zukünftiger Forschungsaufgaben machen Funktion und Charakter eines wissenschaftlichen Kongresses überhaupt aus - damit auch des hier zur Diskussion stehenden. Darüber hinaus jedoch erwuchsen dem Marburger Kongreß Probleme, die sich aus dem genannten Charakter der Kritischen Psychologie ergeben: Grund- sätzlich war dem Kongreß die Aufgabe gestellt, den B e w e i s für die Möglichkeit der Entwicklung einer "positiven Wissen- schaft" im Kapitalismus anzutreten. Was heißt das im einzelnen? 2) Positive Wissenschaft als ein System wahrer Erkenntnisse des je- weiligen Gegenstandsbereichs ist immer p r a k t i s c h; und d. h., sie e r m ö g l i c h t, die "Not" theoretischer Fundie- rung der Praxis - gegenstandsadäquate Praxis setzt gegenstandsad- äquate Erkenntnis voraus - "zu wenden". Dies impliziert sowohl, daß die Forschungsfragen aus den Notwendigkeiten der gesell- schaftlichen, i.e. der Berufs-Praxis abgeleitet sind (Praxis als Quelle von Erkenntnis) als auch, daß die theoretischen Lösungsan- sätze in die Praxis eingehen, sowie an ihr überprüft werden (Praxis als Erkenntniskriterium und -korrektiv). Dieses Verständ- nis von Praxis, und damit auch Berufs-Praxis, erfordert einen Ty- pus von Berufspraktiker, der über einen hohen Kenntnisstand bzw. der (theoretischen) Wissenschaftsentwicklung verfügt, d. h. Gele- genheit haben muß, deren Weiterentwicklung zu verfolgen und prak- tisch aufzunehmen, der die Erfahrungen mit der so fundierten praktischen Arbeit auf eine Weise zu verallgemeinern versteht, daß aus dieser Verallgemeinerung theoretische Fragen formulierbar sind - der somit an der Projektierung wissenschaftlicher Arbeit beteiligt ist. Indem Kritische Psychologie den Anspruch erhebt, "positives", ohne pragmatistische Verkürzung "praktikables" Wissen zu erarbei- ten, wendet sie sich gerade a n j e n e n P r a k t i k e r, dem die - in der Gegenstandverfehlung traditioneller Psychologie begründete - m a n g e l n d e t h e o r e t i s c h e F u n- d i e r u n g s e i n e r d e m o k r a t i s c h k o n z i- p i e r t e n B e r u f s p r a x i s z u m P r o b l e m g e w o r d e n i s t und der an einer theoretischen Orientie- rung arbeitet, mit dem Ziel, die Notlage eklektischer Ingebrauch- nahme von theoretisch-praktischen Instrumentarien der bürgerli- chen Psychologie zu überwinden. Die U n h a l t b a r k e i t s o l c h e n E k l e k t i- z i s m u s folgt aus seiner d o p p e l t e n U n w i s- s e n s c h a f t l i c h k e i t: zum einen beinhaltet er das notwendig falsche Produkt jenes Versuchs, durch nachträgliche "Verklammerung" von ihrem empirischen Bezug nach mehr oder weni- ger reduktiven, ihrer erkenntnislogischen Basis nach inkompa- tiblen Theorie-Ansätzen Rechnung tragen zu wollen - nachdem zuvor in partialisierender Sichtweise der Zusammenhang des Gegenstandes verlorengegangen ist. Derartige Erkenntnisanstrengung ist vergeb- lich, sie verbleibt in t h e o r e t i s c h e r B e l i e- b i g k e i t. Daraus ist aber nicht zu schließen, daß das so gewonnene Surrogat gegenüber dem p r a k t i s c h e n U m- s e t z u n g s z u s a m m e n h a n g von Theorie b e l i e- b i g wäre: Die Annahme beliebiger Verwendbarkeit von Ergebnis- sen der bürgerlichen Wissenschaft - hier sozusagen in "links- instrumentalistischer" Variante zugunsten d e m o k r a t i- s c h e r Zielsetzungen - sitzt der, von bürgerlicher Seite interessiert vorgetragene These der Neutralität von Wissenschaft bezüglich ihres gnostischen Gehalts auf. In Überwindung der Auf- fassung von vorgeblich neutralen wissenschaftlichen Instrumenta- rium, das sich aufgrund der ihm inhärenten bürgerlichen Par- teilichkeit gegenüber demokratisch konzipierter Berufspraxis als widerspenstig erweisen muß, geht es darum, M i t t e l und Z i e l demokratischer Berufspraxis in Übereinstimmung zu brin- gen. Während einer mehrjährigen Phase ertragreicher konzeptioneller Entwicklung 3) wurde es aufgrund des akkumulierten Fundus nicht nur möglich, dieses Problem anzugehen, vielmehr erwies es sich als notwendig, über die bisherige, wechselseitige Rezeption hin- aus, durch einen öffentlichen Kongreß einen l a n g f r i s t i- g e n p r a k t i s c h e n E r f a h r u n g s a u s- t a u s c h z u i n i t i i e r e n - mit dem Ziel, die vor- findliche starr dichotome Aufgabenzuweisung zwischen "Theoreti- kern" und "Praktikern" in Richtung eines einheitlichen wissen- schaftlichen Prozesses aufzuheben ("die arbeitsteiligen Struk- turen flüssig zu machen"), in dem nicht länger eine unvermit- telbare gegensätzliche Kompetenzverteilung herrscht. Eine Ziel- setzung, die (ähnlich der eines demokratisch organisierten Pro- jektstudiums) zu der im HRG und durch Kurzstudiengänge angelegten Trennung zwischen Rezeptemachern und Rezepteanwendern (Elite und Heloten) im krassen Widerspruch steht. Weiter hatte der Kongreß die Funktion, Kritische Psychologie g e g e n ü b e r a n d e r e n w i s s e n s c h a f t l i- c h e n D i s z i p l i n e n in zweifacher Hinsicht zur Dis- kussion zu stellen: als e x e m p l a r i s c h e Entwicklung eines materialistischen einzelwissenschaftlichen Ansatzes über die Kritik vorfindlicher bürgerlicher Wissenschaft hinaus und damit als, in seiner theoretisch-methodologischen Gegenstandsauf- fassung gegründete, von seiner Seite aus exemplarische Überwin- dung der in der traditionellen Wissenschaftsklassifikation verfe- stigten aggregativen Verbindung - d.h. letztlich Beziehungs- losigkeit - von Wissenschaftsdisziplinen bei der Erforschung der Wirklichkeit; speziell: als Beispiel der Synthese von Natur- wissenschaften und Gesellschaftswissenschaften in historisch angelegter Subjektwissenschaft Psychologie. Schließlich hatte diese öffentlich geführte wissenschaftliche Diskussion den Charakter einer w i s s e n s c h a f t s p o- l i t i s c h e n M a n i f e s t a t i o n. In der Darlegung ihres zum bürgerlichen Wissenschaftsmonopol alternativen Wissen- schaftsansatzes hatte die Kritische Psychologie ihre s o z i a- l e B a s i s zu verbreitern, deren sie im besonderen Maße be- darf, befindet sie sich doch als marxistisch fundierte Gegen- standskonzeption per definitionem in Entstehung und Entwicklung in einem doppelten Spannungsverhältnis. Als Erkenntnissystem steht sie in natürlichem Widerspruch zu ge- gebenen bürgerlichen Ansätzen, den sie im sachlichen Diskurs durch die Entwicklung eigener Gegenstandsauffassungen zu lösen bemüht ist, in der die rationalen Elemente der kritisierten Kon- zeption in dialektischem Sinne aufzuheben sind. Derartige Ausein- andersetzung ist notwendige Bedingung jedes wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts - indem aber die marxistische Wissenschaft die Parteilichkeit der bürgerlichen Wissenschaft als deren grund- legendes Einverständnis mit der bürgerlichen Gesellschaft auf- deckt, dagegen ihre eigene Parteilichkeit gegen die bürgerliche Herrschaft bewußt artikuliert und begrifflich faßt, gerät sie in p o l i t i s c h antagonistischen Widerspruch zur herrschenden bürgerlichen Klasse und hat sich somit deren außerwissenschaftli- cher Repressionen zu erwehren. Verdeutlicht sich der erstgenannte wissenschaftliche Meinungsstreit etwa an den wissenschaftstheore- tischen Auseinandersetzungen in der Phase der Herausbildung der Kritischen Psychologie, Auseinandersetzungen, die nunmehr auf neuer Ebene in Marburg wieder aufgenommen wurden, so war anderer- seits der Entwicklungsweg der Kritischen Psychologie von Beginn an gekennzeichnet durch vielfältige Behinderungen und Unterdrüc- kungsversuche seitens der staatlichen und universitären Admini- stration. (Dies zeigt sich am Beispiel des Psychologischen Insti- tuts der FU Westberlin durchgängig etwa in der Kampagne gegen das Institut und sein "Schülerladenprojekt" 4), in der Spaltung des Instituts 5), der Nicht-Legalisierung des demokratisch entwickel- ten Studienplans, der massiven Berufsverbotspolitik gegen wissen- schaftliche Mitarbeiter und Stellenbewerber und schließlich in der drohenden Zerschlagung des Fachbereichs 11 der FU, dem das Psychologische Institut angehört. Obstruktionen ähnlicher Art ließen sich auch für andere exponierte Psychologischen Institute in der BRD anführen.) Festzuhalten bleibt: daß kritische Wissenschaft, in Erweiterung ihrer Reflexion über Gegenstand und Wissenschaft auf die gesell- schaftlichen Entwicklungsbedingungen beider, nicht nur den allge- meinen positiven und negativen Entwicklungen der wissenschaftspo- litischen Situation unterliegt, sondern sich gegen politische "Sonderbehandlung" zur Wehr zu setzen hat. Kritische Psychologie entstand und existiert als wissenschaftlicher Ansatz im politi- schen Kampf. Die öffentlich vorgenommene Bilanz ihrer Arbeit in Form eines Kongresses mit internationaler Beteiligung ist somit seitens Kritischer Wissenschaft überhaupt eine wissenschaftliche u n d wissenschaftpolitische Herausforderung. Die Entwicklung der Kritischen Psychologie von bloßer ----------------------------------------------------- "Psychologie-Kritik" zur "positiven Wissenschaft" ------------------------------------------------- Wenn wir die genannten Zusammenhänge an der wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Entwicklung des Psychologischen In- stituts (PI) im Fachbereich "Philosophie- und Sozialwissenschaf- ten" der FU zeigen, so kommt dies nicht von ungefähr: die Kriti- sche Psychologie fand dort ihre erste, noch unentwickelte Artiku- lation. Noch beschränkt auf "'k r i t i s c h - t h e o r e t i- s c h e' P s y c h o l o g i e - K r i t i k" durchbrach sie gleichwohl den herrschenden Konsens "liberaler" Psychologie-, und dahinterliegend, Wissenschaftsauffassung und verlieh so kriti- schen Bemühungen außerhalb der Grenzen des Instituts vorwärtswei- sende Impulse. Insofern also in erster Linie von hier Kritische Psychologie in die vorfindliche psychologische Forschung und Pra- xis eingebracht und im weiteren zu einem zunehmend in sich ge- schlossenen subjektwissenschaftlichen Forschungsprogramm (mit noch näher zu kennzeichnenden Spezifika) fortentwickelt wurde, wollen wir die auf dieser Grundlage erarbeiteten Ansätze als "Kritische Psychologie im engeren Sinne" klassifizieren - in Ab- hebung von dem als "Kritische Psychologie im weiteren Sinne" zu fassenden Gesamt marxistisch fundierter psychologischer Wissen- schaft in der bürgerlichen Gesellschaft, in das jene als e i n substantieller Bestandteil eingeht. Die gemeinsame Substanz verdeutlicht sich am verbindlichen Anspruch Kritischer Psycho- logie, i m Rahmen des Wissenschaftlichen Sozialismus sich als dialektische Einzelwissenschaft zu entfalten, d.h. in besonderer materialer Analyse den Marxismus einzelwissenschaftlich umzuset- zen. Das wirkliche Gewicht eines solchen Unternehmens wird erst er- kennbar, wenn man sich vor Augen führt, daß in den bürgerlich be- herrschten Ländern Psychologie (als verselbständigte Einzelwis- senschaft) und Wissenschaftlicher Sozialismus in ihrem jeweils mehr als hundertjährigen Bestehen sowohl als Erkenntnissysteme als auch hinsichtlich ihrer sozialen Trägerschaft beziehungslos neben- oder gegeneinanderstanden. Mit der Herausbildung soziali- stischer Intelligenz im Zusammenhang mit der erstarkten demokra- tischen (Studenten-) Bewegung in der 60er Jahren ist es in weni- ger als einer Dekade - wissenschaftsgeschichtlich ein außeror- dentlich kurzer Zeitraum - gelungen, eine empirisch wohlfundierte Individualwissenschaft auszuarbeiten, die nicht in einem bloß ä u ß e r l i c h e n Komplementierungsverhältnis zur allgemei- nen marxistischen Theorie steht und einseitig von dieser, qua "Gesellschaftstheorie" fundiert wird (was in der Konsequenz die einzelwissenschaftliche Theoriebildung der bürgerlichen Ideologie und dem ihr eigenen Eklektizismus ausliefert), sondern d i e i n s p e z i e l l e m M a t e r i a l d i e M e t h o d e u n d d a s k a t e g o r i a l e I n s t r u m e n t a- r i u m d e s d i a l e k t i s c h e n u n d h i s t o r i- s c h e n M a t e r i a l i s m u s z u r A n w e n d u n g b r i n g t. Wie unabgeschlossen dieser Umsetzungsprozeß (natur- gemäß) auch ist - unstrittig sind mit ihm wissenschaftsstra- tegische Maßstäbe für andere "kritisch" intendierte einzeldiszi- plinäre Forschungs- und Praxisvorhaben gesetzt. Worin besteht der Ansatz der Kritischen Psychologie in seiner t h e o r e t i- s c h e n S u b s t a n z? Wir wollen versuchen, am Beispiel der b e s o n d e r e n Kon- zeption, wie sie von relevanten Teilen des PI der FU vertreten wird, einige a l l g e m e i n e Züge marxistisch fundierter Psychologie zu verdeutlichen. Zum ersten sind wir als Westberli- ner mit diesem Ansatz enger vertraut als mit ähnlichen For- schungsentwicklungen an anderen Universitäten; zum zweiten halten wir aber auch diese historisch vor anderen entwickelte Konzeption unter dem erwähnten Aspekt der einzelwissenschaftlichen Umsetzung des Marxismus für die zugleich am weitesten fortgeschrittene in- nerhalb Kritischer Psychologie. Man muß, um die Frage nach der "Substanz" der Kritischen Psycho- logie beantworten zu können, sich die vor etwa einem Jahrzehnt gegebene wissenschaftspolitische Ausgangslage in Erinnerung ru- fen: In der Wissenschaftskritik der damaligen demokratischen Be- wegung an der Hochschule dominierte im Ergebnis undialektischer Gesellschaftsanalyse jene Auffassung, wonach Wissenschaft in der bürgerlichen Gesellschaft funktional ausschließlich dem Verwer- tungsbedürfnis des Kapitals und der ideologischen Absicherung seiner Herrschaft subsumiert erschien. Die in der Tat eklatante ökonomische Interessengebundenheit der Wissenschaft und die den Ansturm der Kritik abwehrende apologetische Haltung vieler Ordi- narien mußten diese Auffassung befestigen. Die in der alltägli- chen Erfahrung der allgemeinen Krise des Kapitals gegründete, mangels zureichender politischer Reflexion ihrer Ursache und Be- wegungsgesetzmäßigkeiten weitgehend voluntaristische Parteinahme großer Teile der akademischen Intelligenz gegen "das System" mün- dete wissenschaftspolitisch folgerichtig in die Konsequenz a b s t r a k t e r N e g a t i o n v o n W i s s e n- s c h a f t schlechthin - paraphrasiert als "Zerschlagt die bür- gerliche Wissenschaft!". Andererseits wurde mit zunehmender Durchdringung der gesell- schaftlichen Wirklichkeit auf der Grundlage der marxistischen Theorie die Fragwürdigkeit dieser "geistigen Maschinenstürmern" erkannt. Die Seminare der "Kritischen Universität" von 1967/68 verdeutlichen diesen Fortschritt wissenschaftspolitischer Ein- sicht. Bezogen auf die Psychologie, kommt dem im Mai 1969 in Han- nover abgehaltenen "Kongreß kritischer und oppositioneller Psy- chologen" eine Schlüsselfunktion zu: der perspektivlosen wissen- schaftspolitischen Zielsetzung, Wissenschaft - als im Kapitalis- mus per se bürgerlich-parteilich - zu liquidieren, wurde, unbe- stimmt noch, das Strategem der E n t w i c k l u n g k r i t i- s c h e r A l t e r n a t i v e n zur herrschenden Psychologie gegenübergestellt, wobei sich bereits abzeichnete, daß es als nicht ausreichend erkannt wurde, bloß i d e o l o g i e k r i- t i s c h den Wissenschaftlichkeitsanspruch vorfindlicher Psy- chologie durch den Aufweis ihrer Befangenheit in bürgerlicher Ideologie und ihrer Verflechtung mit darunterliegenden Herr- schaftsinteressen zu destruieren, und daß es als gleichermaßen kurzschlüssig angesehen wurde, durch abgehobene Zieldiskussionen die Wissenschaft für fortschrittliche Zwecke i n s t r u m e n- t a l i s i e r e n zu wollen. Es deutete sich eine höhere Form der Parteinahme des Wissenschaftlers qua Wissenschaftler an, der das Bemühen um die Durchsetzung wissenschaftlicher Wahrheit gegen das offene oder in vorgebliche ideologische Neutralität verhüllte bürgerliche Klasseninteresse i n der Wissenschaft Psychologie eigen ist. Züge p a r t e i l i c h e r W i s s e n s c h a f t deuteten sich an, doch war die Diskussion noch weit davon entfernt, dieser zum Durchbruch zu verhelfen. Erst als am PI der FU der seit etwa 1968 in Entwicklung befindliche Ansatz Kritischer Psychologie in der frühen Gestalt der geschilderten Untersuchung des gesellschaftlichen Ursprungs und der gesell- schaftlichen Funktion der bestehenden Psychologie, ihrer Methoden und Ergebnisse in immer unversöhnlicheren Widerspruch zu den ganz pragmatischen Anforderungen psychologischer Berufsausbildung geriet, gewann die Einsicht an Boden, daß das Dilemma seinen tieferen Grund in gewissen Beschränktheiten kritsch-psycho- logischer Psychologiekritik selbst haben könnte, daß auch diese selbst - wiewohl sie mit Herausarbeitung ihrer marxistischen Grundlagen zunehmend an analytischer Schärfe gewonnen hatte, solange in entscheidender Hinsicht reduktiv bleiben mußte, wie das Ausmaß und die Art des von der bestehenden Psychologie erreichten E r k e n n t n i s g e w i n n s nicht begründet beurteilbar wären. Diese in revidierte kritisch-psychologische Analyse aufzunehmende Kritik des Erkenntnisanspruchs konnte nur dann gelingen, wenn die Psychologie als Wissenschaft weiterent- wickelt, wenn der vorgegebene G e g e n s t a n d - die empiri- sche Subjektivität des Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft - von einem überlegenen wissenschaftlichen Standort selbst ange- messener, unreduziert erkannt wäre. Weder in der von Holzkamp über Jahre geführten wissenschaftstheo- retischen Kontroverse mit Vertretern des positivistischen "Kritischen Rationalismus" (vgl. Anm. 3), die zunehmend den Cha- rakter bloßer Standpunktversicherung angenommen hatte, noch in den von anderen Mitarbeitern des Instituts vorgelegten Arbeiten 6), die in Überwindung des relativistisch-agnostizistischen An- satzes der Wissenschaftskritik das Problem psychologischer Er- kenntnis bereits angemessener erfaßten, wurde effektiv mehr geleistet als der Aufweis der konkret gesellschaftlich-historisch bedingten, in die Grundvoraussetzungen der bürgerlichen Psycholo- gie hineingenommenen Erkenntnisgrenzen von Psychologie. Es mußte darum gehen, die wissenschaftliche Fruchtbarkeit der allgemeinen Erkenntnispositionen "Kritischer" als "historischer" Psychologie für die konstruktive Überwindung der Aporien bürgerlich-psycholo- gischer Forschung durch Erzielen überprüfbarer E r k e n n t- n i s f o r t s c h r i t t e i n g e g e n s t a n d s b e- z o g e n e n A n a l y s e n unter Beweis zu stellen. Zu dieser Zeit erhielten die Forschungsansätze und Ergebnisse der marxistisch fundierten Psychologie sozialistischer Länder, wie der Sowjetunion und der DDR, einen veränderten Stellenwert. Waren sie vorher unter der Prämisse der dialektischen Methode des Ge- schichtsmaterialismus weitgehend zum Gegenstand w i s s e n- s c h a f t s h i s t o r i s c h e r Analysen gemacht worden, so wurde erst jetzt der tiefere Inhalt der Aneignung der E i n- z e l wissenschaften durch die dort herrschende Arbeiterklasse begriffen. Dabei konnte von vorneherein nicht angenommen werden, etwa die E r g e b n i s s e der sowjetischen Psychologie" 7) umstandslos auf den Gegenstand der "Kritischen Psychologie" projizieren zu können, wohl aber mußte geprüft werden, inwieweit jene dieser als t h e o r e t i s c h - m e t h o d o l o g i- s c h e s F o r s c h u n g s r e g u l a t i v nützlich werden könnten. Hierbei erwies sich das Hauptwerk von A.N. Leontjew "Probleme der Entwicklung des Psychischen" (Berlin 1964; Frank- furt/M 1973) als konstitutiv (im wörtlichen Sinne): der Autor, Repräsentant der von Wygotski begründeten "Kulturhistorischen Schule", hatte deren Anliegen, in Überwindung der zeitweiligen Tendenz der Sowjetpsychologie zum physiologischen Reduktionismus, der Eigengesetzlichkeit des psychologischen Gegenstandes volle Beachtung zu schenken, dadurch in prinzipiell bedeutsamer Weise realisiert, daß er die l o g i s c h - h i s t o r i s c h e M e t h o d e der Kritik der Politischen Ökonomie von Marx - Exemplifizierung des Weges für das Denken, sich die Wirklichkeit anzueignen - für die Psychologie als selbständige Disziplin mit spezifischem Gegenstand fruchtbar zu machen verstand. 8) Was von Holzkamp 1972 öffentlich in programmatischer Absicht be- kundet wurde: "Eine weitere Diskussion ist erst nach dem Vorlie- gen tatsächlich durchgeführter Analysen, in denen die Wendung von der Kritik der bürgerlichen zur kritischen Psychologie vollzogen sein soll, als sinnvoll zu betrachten (einige solcher Analysen sind bald abgeschlossen)" 9), wurde erstmalig von ihm selbst ein Jahr darauf mit der Behandlung des Wahrnehmungsproblems exempla- risch eingelöst. 10) Was heißt "h i s t o r i s c h e r A n s a t z" i n d e r s u b j e k t w i s s e n s c h a f t l i c h e n F o r s c h u n g? Allgemein beinhaltet im Sinne der dialek- tisch-materialistischen Entwicklungskonzeption "historische Ana- lyse" nicht einfach die "allseitige" Betrachtung des Gegenstandes als "Prozeß", sondern die Untersuchung seiner im materiellen Ent- wicklungszusammenhang g e w o r d e n e n wesentlichen Bezie- hungen. Nimmt man den Gegenstand nicht als je "fertig" Gegebenes (was durch die Betonung seiner "Geschehens-charakteristik" noch keineswegs garantiert ist), sondern betrachtet man ihn in histo- rischer Perspektive, so eröffnen sich an ihm verschiedene Mo- mente, die auf unterschiedliche Entstehungsbedingungen unter- schiedlichen historischen Ursprungsalters zurückgehen. Ihre ge- genwärtige Eigenart und Beziehung zueinander können nur angemes- sen erfaßt werden, wenn man die Entwicklungsstufen ihres jeweili- gen Gewordenseins in ihren materialen Besonderheiten rekonstru- iert. Die besondere Eigenart d e r historischen Entwicklungsprozesse, deren Resultat bestimmte Momente des Psychischen sind, erfordert eine methodische Konkretisierung des historisch-materialistischen Forschungsverfahrens, derart, daß in historischer Ursprungs- und Differenzierungsanalyse d i e E n t w i c k l u n g s n o t- w e n d i g k e i t dieser (qualitativ wider unterschiedenen) besonderen Form der Widerspiegelung der Wirklichkeit a u s dem Prozeß der Erhaltung des Lebens (auf je gegebener Stufe), d.h. ihre v i t a l e F u n k t i o n a l i t ä t begründet wird. Der Gegenstand der Psychologie ist die e m p i r i s c h e S u b j e k t i v i t ä t - "Inbegriff der wirklichen Lebenstä- tigkeit und darum des Welt- und Selbstinneseins" 11) - des kon- kreten, individuellen Menschen. Objektiver Bestandteil des mate- riellen gesellschaftlichen Lebensprozesses, ist die empirische Subjektivität wissenschaftlich nur angemessen erkennbar, wenn man sie in ihrer Totalität als Prozeßzusammenhang analytisch heraus- hebbarer Momente wie "Wahrnehmung", "Bedürfnisse" etc. als "resultativen Ausdruck" ihrer historischen Gewordenheit expli- ziert. (Nb.: mit dieser Bestimmung ist gegen die unangemessene Hypostasierung der psychischen oder Bewußtseinsfunktionen zum ei- gentlichen Agens der Entwicklung wie gegen ihre Degradierung zu beziehungs- und bedeutungslosen Epiphänomenen oder zu bloß passi- ven Reflexen äußerer Determination gleichermaßen Stellung genom- men. Nicht: "es denkt", sondern: "der Mensch denkt", und: er tut es wahrhaftig!) Es ist also nicht zureichend (wenngleich bestimmte Ansätze bür- gerlicher Psychologie bereits weit übersteigend), menschliche Subjektivitätsmomente prozessual aus den je in Erscheinung tre- tenden personalen und/oder situationalen Wirkungsbedingungen ab- zuleiten. Historische Betrachtung greift über den gewissermaßen mikroskopischen Zusammenhang der A k t u a l g e n e s e hin- aus; sie rekonstruiert die Subjektivitätsmomente als Resultat ei- nes stattgehabten historischen Prozesses von vergleichsweise ge- ringer zeitlicher Erstreckung: der "B i o g r a p h i e". In- dessen sind die Funktionseigentümlichkeiten menschlicher Subjek- tivitätsmomente - die in Permanenz aktualgenetisch sich manife- stieren - nicht durch den Rekurs auf eine in sich selbst begrün- dete, gewissermaßen monadische, Individualgeschichte zu begrei- fen: der Mensch ist nicht schlichtes Resultat seines individual- geschichtlichen Gewordenseins, er ist zugleich vorläufiges "Endstadium" eines geschichtlichen Entwicklungsprozesses gänzlich anderer zeitlicher Größenordnung: seiner nach Jahrmillionen zu bemessenden s t a m m e s g e s c h i c h t l i c h e n E n t- w i c k l u n g. Mit ihren psychophysischen Entwicklungsresul- tanten unterschiedlichen Ursprungsalters und Spezifitätsniveaus schlägt sie sich als naturgeschichtliche Voraussetzung in der - in diesem Zusammenhang als "O n t o g e n e s e" begrifflich bestimmten - individuellen Entwicklung nieder. Resultat des naturgeschichtlichen Entwicklungsprozesses ist die Gattung "Mensch" qua bestimmtes Naturwesen. Innerhalb des den Gesetzmä- ßigkeiten biologischer Evolution unterliegenden naturgeschichtli- chen Entwicklungsganges wird ein Entwicklungsstatus des O r g a- n i s m u s - W e l t - Z u s a m m e n h a n g s hervorgetrie- ben, der die biologisch gewordene Möglichkeit zur menschlichen Vergesellschaftung beinhaltet. In diesem als "Tier-Mensch-Über- gangsfeld" bezeichneten Umschlags"punkt" (tatsächlich ein vor etwa 10-5 Mio. Jahren anzusetzendes Kontinuum) wird die phylo- genetische Entwicklung sukzessive, gebunden an die spezifischen Prozesse der Hominisation, durch die gesellschaftlich-historische Entwicklung überlagert. Träger ihrer neuen Qualität ist die vergegenständlichende kooperative Arbeit. In ihren Resultaten findet die menschliche Subjektivität auf dem je entwickelten Ni- veau gesellschaftlicher Lebensentfaltung ihren objektiven Aus- druck. Andererseits ist der gesellschaftliche Prozeß aus der Per- spektive der subjektiven Bestimmung des Lebens in der individuel- len Entwicklung ein Prozeß höherer Größenordnung: das konkrete Individuum ist in eine seinen Lebenslauf überdauernde und über- greifende Welt gegenständlicher und symbolischer Bedeutungen ge- setzt, in der auch die Struktur seiner zwischenmenschlichen Be- ziehungen sich nicht in bloß "sozialen Beziehungen" erschöpft, sondern als historisch-konkretes Produktionsverhältnis gemäß den Erfordernissen kollektiver Existenzsicherung angelegt ist. Die menschliche Lebenswelt ist jeweils resultativer Ausdruck ihrer gesellschaftlich-historischen Gewordenheit in einer kontinuierli- chen Progression von diskreten Entwicklungsstufen - Gesell- schaftsformationen -, deren jeweilige "Knotenpunkte" durch zur Lösung drängende Widersprüche der gesellschaftlichen Produktions- weise markiert sind. In den Struktureigentümlichkeiten der je- weils entwickelteren Gesellschaftsformation sind frühere Entwick- lungsstufen der Produktion und der dabei eingegangenen zwischen- menschlichen Verkehrsformen konkret aufgehoben. Das zentrale Problem, an dem die Subjektwissenschaft Psychologie anzusetzen hat (und an dem, gleich in welcher Variante, die bür- gerliche Psychologie grundsätzlich gescheitert ist) ist das der V e r m i t t l u n g von individualgeschichtlicher Entwicklung und der gesellschaftlich-historischen Entwicklung, in der die Na- turgeschichte aufgehoben ist. (Insofern ist die Vermittlung von naturgeschichtlicher und gesellschaftlich-historischer Geworden- heit als Problem immer schon mitgestellt.) Der Grundansatz bür- gerlicher Psychologie wird solange nicht überschritten, wie das Verhältnis von "Individuum", "'natürlicher' Mensch" und "Gesell- schaft" mißdeutet wird als die Dichotomie zweier Entitäten, des Naturwesens Mensch einerseits, der Gesellschaft ("Kultur" o.ä.) andererseits. Empirisches Ausgangsfaktum psychologischer For- schung, zu dem sie auf dem Wege begreifenden Erkennens zurück- kehren muß, ist der konkret-historisch gefaßte Mensch, der in seiner wirklichen Lebenstätigkeit seine "natürliche ("artspezi- fische") Gesellschaftlichkeit" "entfaltet". Muß, allgemein, im gesamtgesellschaftlichen Maßstab die gegenständliche ge- sellschaftliche Arbeit als das fundamentale Movens der histori- schen Entwicklung angesehen werden, so ist im Hinblick auf den einzelnen Menschen die i n d i v i d u e l l e g e g e n- s t ä n d l i c h e T ä t i g k e i t das Bewegungsmoment sei- ner Teilhabe am gesellschaftlichen Prozeß, insofern er sich über die Tätigkeit die ihm aufgegebenen, in den sachlichen und perso- nalen Gegenstandsbedeutungen materialisierten, gesellschaftlich- historischen Erfahrungen a n e i g n e t. O n t o g e n e s e, als stammesgeschichtliche Ausfaltung biolo- gischer Möglichkeiten zur "Vergesellschaftung", und A n e i g- n u n g, als tätigkeitsvermittelte Verwirklichung dieser Poten- tialität, d.h. als Mittel der individuellen Teilhabe am "außer- mittigen" (Sève) gesellschaftlichen Wesen des Menschen, sind also z w e i M o m e n t e d e s e i n h e i t l i c h e n P r o- z e s s e s individualgeschichtlicher menschlicher Entwicklung. In den menschlichen Subjektivitätsmomenten sind also nicht nur mittels des ontogenetischen Prozesses die Stufen der stammesge- schichtlichen Entwicklung des Menschen konkret aufgehoben, vielmehr sind diese Momente hinsichtlich gewisser, im einzelnen herauszuarbeitender Funktionseigenarten in eben dem Maße auch resultativer Ausdruck gesellschaftlich-historischer Gewordenheit, wie Struktureigentümlichkeiten der bestehenden Gesellschafts- formation (einschließlich der in ihr aufgehobenen "Vorstufen") im individualgeschichtlichen Entwicklungsprozeß als tradierte gesellschaftlich-historische Erfahrung angeeignet worden sind. Aufgabe der g e g e n s t a n d s b e z o g e n e n histori- schen Rekonstruktion ist es nun, herauszuarbeiten, welchen - über die Individualentwicklung mittelbar wirksamen - naturgeschicht- lichen bzw. gesellschaftlich-historischen Ursprungsbedingungen die verschiedenen Struktur- und Funktionseigentümlichkeiten menschlicher Subjektivitätsmomente entstammen. Ihre Besonderheit als konkret-historisch ausgeprägtes, formations-, klassen- und standortabhängiges, Ensemble menschlicher Subjektivität ("Persön- lichkeit") ist erst nach Gewinnung solcherart differenzierter Dimensionen unterschiedlicher Spezifität angemessen erfaßbar und individualwissenschaftlicher empirischer Untersuchung zugänglich. (Auf die methodischen Probleme der d r e i g e s t u f t e n A b l e i t u n g s l o g i k: Bestimmung der biologisch-natur- geschichtlichen Gewordenheit, der allgemeinsten gesellschaftli- chen Charakteristika und Differenzierung der durch die bürgerli- che Gesellschaft bestimmten konkreten Züge des jeweiligen Gegen- standes Kritischer Psychologie kann hier nicht eingegangen wer- den. 12) Entscheidendes Kriterium ist die - freilich gegenstands- spezifizierte - durchgängige Einhaltung der funktional-histori- schen Betrachtung, d.h. die Explikation der f u n k t i o- n a l e n R e l e v a n z der an der Mensch-Welt-Beziehung auf unterschiedlichem Spezifitätsniveau analytisch differenzierbaren Subjektivitätsmomente. Auch auf der von Schurig 13) erläuterten Integrationsleistung der - in der Umsetzung der historischen Methode im kritisch-psycholo- gischen Ansatz begründeten - Relativierung der für die Psycholo- gie verhängnisvollen Trennung von Natur- und Gesellschaftswissen- schaften kann hier nur aufmerksam gemacht werden.) Problem der Kritischen Psychologie: ----------------------------------- das Theorie-Praxis-Verhältnis. Wissenschaftliche Wahrheit --------------------------------------------------------- und gesellschaftliche Wirklichkeit ---------------------------------- Der "Pionierarbeit" von Holzkamp, in der erstmalig die neugewon- nene theoretisch-methodologische Konzeption entfaltet wurde, schlossen sich in rascher Folge Forschungsarbeiten zu weiteren psychologischen Gegenstandsbereichen, d.h. anderen Momenten em- pirischer Lebenstätigkeit und darin beschlossener Subjektivität des Menschen in der bürgerlichen Klassengesellschaft an. Mit die- ser Ausweitung erfuhr der kritisch-psychologische Ansatz nicht nur eine Abklärung in methodischer Hinsicht 14), vielmehr wurde auch, speziell in den zuletzt veröffentlichten Arbeiten 15), eine Brücke in den, nach herkömmlicher Klassifikation abgegrenzten, Bereich der sog. "Angewandten Psychologie" geschlagen. Mit der bisher in den Vordergrund gerückten eher "grundlagen- theoretischen" Entwicklung ist die Forschungstätigkeit am PI nur "zur Hälfte" erfaßt: Gleichen bzw. schon älteren Ursprungs, exi- stieren Instituts p r o j e k t e, in denen als psychologisch relevant erkannte Sektoren der gesellschaftlichen Wirklichkeit bearbeitet werden. Vor dem geschilderten theoretischen Hinter- grund kritsch-psychologischer Diskussion haben sich diese Pro- jekte mittlerweile zu "praxisintegrierenden Lehr- und Forschungs- einheiten" entwickelt. Ihre in der Gesamtkonzeption des Instituts begründete Zielstellung liegt darin, im Projektstudium das im Grundstudium erworbene "Grundlagenwissen" in eine Form zu überfuhren, die für eine produktive Theorie-Praxis-Vermittlung geeignet ist. Wenn hier auf die wissenschaftliche Arbeit in den Projekten s e p a r a t von jener im eher "theoretischen" Be- reich verwiesen wird, so findet darin die reelle U n- g l e i c h z e i t i g k e i t beider "Stränge" von Forschungs- entwicklung ihren Ausdruck. Diese Diskrepanz ist notwendig dem Umstand geschuldet, daß - nicht zuletzt aufgrund der Präexistenz der Projekte mit ihren verbindlichen institusübergreifenden Außenbeziehungen noch v o r der eigentlichen, planvollen, Entwicklung der Kritischen Psycho- logie - die institutionellen Rahmenbedingungen ihrer Forschungs- und praktischen Tätigkeit sich von denen der übrigen Instituts- mitarbeiter erheblich unterscheiden. Sind grundsätzlich in diesen außeruniversitären Berufspraxisfeldern notwendige Voraussetzungen und "Bereicherungen" kritisch-psychologischer Theorieentwicklung beschlossen, insofern in ihnen die praktische Konfrontation mit den innerhalb der Realzusammenhänge bürgerlicher Lebensverhält- nisse gewordenen Forschungs"gegenständen" erfolgt, so weisen an- dererseits diese historisch gewordenen, durch die transitorische antagonistische Klassenstruktur der bürgerlichen Gesellschaft formbestimmter Funktionsbereiche psychologischer Berufspraxis spezifische Restriktionen auf, denen der Psychologe bei seiner Beratungs- und pädagogisch-therapeutischen Tätigkeit unterliegt. Diese e i n s c h r ä n k e n d e n i n s t i t u t i o n e l- l e n R a h m e n b e d i n g u n g e n außeruniversitärer Be- rufspraxis und Erkenntnisgewinnung sind nicht nur nach ihrer m a t e r i e l l e n Seite hin zu nehmen, sie spiegeln sich auch in i d e e l l e r Gestalt den dort Tätigen zurück. Deren Problem liegt folglich nicht bloß darin, die in eingehenden I n s t i t u t i o n s a n a l y s e n gewonnenen Einsichten in die Möglichkeiten und Grenzen der Funktionsbestimmung psychologi- scher Tätigkeit in der bürgerlichen Gesellschaft in die kritisch- psychologische Konzeption einzubringen; um das eigene Arbeitsfeld "realistisch" bestimmen und die gesellschaftlichen Möglichkeiten Kritischer Psychologie innerhalb relevanter Bereiche der bürger- lichen Gesellschaft abschätzen zu können, bedarf es ebensosehr der Durchdringung der "v o r- u n d a u ß e r w i s s e n- s c h a f t l i c h e n g n o s t i s c h e n R e p r ä s e n- t a n z" des jeweiligen G e g e n s t a n d e s im betreffen- den Arbeitsbereich und ihrer Aufbrechung in einer wissenschaft- lich fortgeschrittenen psychologischen Bearbeitung. Naturgemäß stellt diese Einbindung in die materielle wie "ideologische" Basis der vorfindlichen institutionellen Praxis eine Komplizie- rung dar, so daß die Fortschritte sich an e i n e r a n d e- r e n G r ö ß e n o r d n u n g bemessen als jene im grund- lagenwissenschaftlichen Forschungsbereich erzielbaren, wo ein "höherer Freiheitsgrad" (deutlich etwa an der Möglichkeit, neu gewonnene Erkenntnisses unmittelbar, bis hin zur Aufgabe ent- wickelter theoretischer Ansätze, umzusetzen) besteht. Ein kleiner Schritt praktischer Bewegung mag außerordentlich weit reichen. Kurz: Die kritisch-psychologische Wissenschaftspraxis des Insti- tuts verläuft gewissermaßen "zweigleisig" in relativ unabhängigen Entwicklungszügen, deren Zusammenhang am ehesten als K o n- v e r g e n z" zu umschreiben ist. Keinesfalls stellen d i e P r o j e k t e "d i e Kritische Psychologie (i.e.S.) in ihrer P r a x i s" dar: die kritisch-psychologische Theorie finden ihren Ursprung, ihr Korrektiv und ihr Wahrheitskriterium nicht allein in der Praxis der PI-Projekte. Zum einen repräsentieren die Projekte in ihren thematischen Schwerpunkten und den Ausprägungsformen ihrer historisch gewordenen institutionellen Praxis nur - wenngleich relevante - A u s s c h n i t t e der gesellschaftlichen Wirklichkeit, auf die in Gänze materialisti- sche Psychologie in der bürgerlichen Gesellschaft sich kritisch zu beziehen hat; Kritische Psychologie gewinnt u n p r a k t i- s c h e r Relevanz auch dann und in dem Maße, wie es ihr gelingt, im Rahmen der Projektpraxis nicht repräsentierte, in der sog. "angewandten" bürgerlichen Psychologie behandelte Wirklich- keitsmomente wissenschaftlich aufzugreifen und adäquat wider- zuspiegeln. Zum anderen ist das Erkenntniskriterium "Praxis" miß- deutet, wenn Schwierigkeiten oder auch die Unmöglichkeit, kri- tisch-psychologische Ansätze unter vorfindlichen institutionellen Rahmenbedingungen umzusetzen, umstandslos der Theorie angelastet werden. Die fehlende "empirische Bestätigung" kann solange nicht als Falschheitsbeleg gelten, wie nicht reflektiert wird, ob sie nicht durch k r i t i s c h - w i s s e n s c h a f t l i c h e A n s t r e n g u n g e n p r i n z i p i e l l u n ü b e r- s t e i g b a r e n S c h r a n k e n bürgerlicher Klassenge- sellschaft geschuldet ist, es wäre gegebenenfalls die Theorie zwar um eine zusätzliche Bestimmung zu spezifizieren, nicht aber in ihrem substantiellen Gehalt wirderlegt. Wie auch der Wissenschaftliche Sozialismus qua Grundlegung der historischen Mission der Arbeiterklasse, lange nach seiner grundsätzlichen Ausarbeitung seine umfassende "praktische Bewährung" erst in der sozialistischen Oktoberrevolution fand, ohne vorher lediglich "unbestätigte Hypothese" gewesen zu sein, wie weiterhin Schwie- rigkeiten beim Aufbau des Sozialismus nicht seinen wissenschaft- lichen Grundlagen, sondern bestimmten historischen, wissenschaft- lich analysierbaren, Bedingungen geschuldet sind, somit nicht die Theorie, sondern die Einschränkung ihrer Realisierung zu überwin- den ist, so läßt sich auch über den W a h r h e i t s g e- h a l t u n d d i e R e l e v a n z Kritischer Psychologie als der subjektwissenschaftlichen Konkretisierung im Rahmen des Wissenschaftlichen Sozialismus nicht am v o r d e r g r ü n- d i g bestimmten "Praxis"-Kriterium - im Sinne der praktischen Umsetzbarkeit hier und heute - (abschließend) urteilen. Marxistisch fundierte Psychologie in der bürgerlichen Klassenge- sellschaft erhält (im doppelten Wortsinne) ihre kritische Kompe- tenz und ihre Potenz, zur Veränderung der materiellen Verhält- nisse eben der Gesellschaft, in die sie gestellt ist, beizutra- gen, in dem Maße, wie sie vorfindliche psychologische Gegen- stände, Wissenschaft und Berufspraxis in historischer Analyse an- gemessen expliziert. Der Wissenschaftsprozeß Kritischer Psycholo- gie - als in die reale Dialektik der Klassenauseinandersetzungen einbezogen - bleibt solange an der vollen Entfaltung seiner s o z i a l e n Wirkung gehindert, wie nicht die Mehrheit der Werktätigen über die Produktionsmittel verfügt und ihre Mehr- heitsinteressen gegenüber den Herrschaftsansprüchen der (monopolistischen) Bourgeoisie durch die politische Macht absi- chert. Insofern diese Bedingungen heute (noch) nicht gegeben sind, ist jegliche Kritische Wissenschaft (in der bürgerlichen Klassengesellschaft) unentrinnbar einer spezifischen U n s i- c h e r h e i t ausgesetzt - was nichts daran ändert, daß sie heute möglich und notwendig ist, um durch die Akkumulation praktischer Erkenntnis (die sich nicht "abnutzt", sondern prinzipiell verwendbar bleibt) langfristig die Lage der Werktäti- gen zu verbessern. Wissenschaft, die in der Analyse der gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse nicht in deren bestimmter theore- tischer Negation über sie "hinausdenkt", damit ihre zeitlich ver- zögerte, l e t z t e n d l i c h e "empirische Bewährung"' bewußt einkalkulierend, muß den kritischen Verhältnissen ver- haftet bleiben. Dies ist die entscheidende w i s s e n- s c h a f t s s t r a t e g i s c h e Einsicht. Die Projekte, um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen, haben für den Wissenschaftsprozeß die Funktion, ihre spezifischen Berufs- feldererfahrungen verallgemeinernd, als "Korrektiv" die Reali- tätsbezogenheit Kritischer Psychologie zu erhöhen. Erhöhung des "Realismus" Kritischer Psychologie heißt hier nicht nur Verbesse- rung ihrer Umsetzbarkeit durch Reflexion der praktischen Erfah- rungen im Umsetzungs v e r s u c h, sondern weiter, insofern als die restriktiven Bedingungen fortschrittlicher psychologi- scher Praxis S p e z i a l f a l l restriktiver Existenzbedin- gungen des konkreten Individuums sind, Bereicherung der Theorie um Bestimmungsmomente konkreter Subjektivität. Die in der bür- gerlichen Klassenherrschaft unausweichlich liegenden außerwissen- schaftlichen Schranken zu verabsolutieren hieße dagegen, die objektive Produktivkraftfunktion der Wissenschaft Psychologie zu verkennen, also mögliche Handlungsspielräume Kritischer Psycholo- gie zu vergeben und den Nachweis ihrer Wissenschaftlichkeit auf Ungewisse Zukunft zu verschieben. Ausprägungsformen Kritischer Psychologie ---------------------------------------- In ihren i n s t i t u t i o n e l l e n V o r a u s s e t- z u n g e n verdankt sich die geschilderte "Verdichtung" theore- tisch-empirischer Forschungstätigkeit zu einem System psycholo- gischer Erkenntnis der k o n s e q u e n t e n A u s n u t- z u n g politisch erkämpfter und umkämpfter, inzwischen durch Rückwärtsnovellierungen und andere Staatseingriffe weitgehend eingeschränkter Handlungsspielräume in einer bestimmten Phase der Hochschulgesetzgebung Westberlins. Die Tatsache der sog. "w i s- s e n s c h a f t l i c h e n S c h u l e n - B i l d u n g" - im Falle politisch unerwünschter weil nicht systemkonformer Alternativen von der herrschenden Klasse gemeinhin als "Kader- schmiede" denunziert - ist insofern notwendige Voraussetzung (u n d notwendiges Resultat) wissenschaftlicher Arbeit, speziell wissenschaftlicher Innovation, als wissenschaftliche Erkenntnis und Forschung in immer stärkerem Maße kollektive Diskussion auf der Basis einheitlicher Grundauffassungen voraussetzen. Insofern, als diese Voraussetzung am PI der Freien Universität historisch entstanden war, kann hier in eben diesem Sinne von der "Kriti- schen Psychologie" - Produkt und Leitlinie der wissenschaftlichen Arbeit relevanter Teile des PI - als einer "S c h u l e" gesprochen werden. Wenn wir uns in diesem Zusammenhang gleichwohl gegen den - außer- halb des Instituts gebräuchlichen - Ausdruck "Holzkamp-Schule" wenden, dann nicht, um die initiierende und orientierende Funk- tion Klaus Holzkamps schmälern zu wollen, sondern um jegliche P e r s o n a l i s i e r u n g d e r k o l l e k t i v e n w i s s e n s c h a f t l i c h e n A r b e i t am Institut auszuschließen und, wichtiger noch, weil wir meinen, daß durch die Bezeichnung "Holzkamp - S c h u l e" der grundlegend alter- native Charakter der Kritischen Psychologie verlorengeht und so- mit d a s M i ß v e r s t ä n d n i s angelegt ist, Kritische Psychologie als eine unter beliebig anderen, sc. bürgerlichen, Theorien in eine über dem Klassengegensatz bzw. dem Gegensatz von bürgerlicher Wissenschaft und Wissenschaftlichem Sozialismus ste- hende "allgemeine" ("allgemeinmenschliche", abstrakte) Psycholo- gie einzugemeinden. Aus der Tatsache, daß der hier als "Schule" (im o.g. Sinne) klas- sifizierte Ansatz des PI der FU b e s o n d e r e r Ausdruck eines a l l g e m e i n e r e n, in seiner grundsätzlichen Un- terschiedenheit von bürgerlicher Wissenschaft umfassenden wissen- schaftlichen Ansatzes marxistisch fundierter Psychologie ist (s.o.), erklärt sich auch, daß, mit gewisser zeitlicher Verzöge- rung, in der BRD eine originäre, wenn auch nicht von der hiesigen unbeeinflußte, g l e i c h s i n n i g e Entwicklung sich voll- ziehen konnte. Ohne ihre Ansätzen in aller Differenziertheit ge- recht werden zu können, scheint uns doch ihre gemeinsame, sie von der hiesigen Entwicklung abhebende Spezifik in erkenntnislogi- scher Hinsicht in ihrem B e z u g s- u n d A u s g a n g s- p u n k t z u liegen: zum einen scheint ihre Rezeption der so- wjetischen Psychologie als der Orientierungsgrundlage eigenen wissenschaftlichen Arbeitens in stärkerem Maße der Akzentuierung der DDR-Diskussion auf das wissenschaftliche Werk S.L. Rubin- steins und umliegender Arbeiten zu folgen, zum anderen scheint uns der Stellenwert der Arbeit des französischen Philosophen Lu- cien Sève, "Marxismus und Theorie der Persönlichkeit" 16), als Leitlinie bei der Systematisierung des Forschungsansatzes inso- fern ein anderer zu sein, als zum Zeitpunkt des Erscheinens die- ses wichtigen Werkes die, salopp formuliert, BRD-Konzeption ge- genüber der in gewisser Hinsicht schon "präformierten" Konzeption am PI der FU auf Grund ihrer zeitlich verzögerten Ausarbeitung gegenüber den von Seve als relevant vorgetragenen subjektwissen- schaftlichen Fragestellungen und Dimensionen in spezifischer Weise noch "offen" waren. Kennzeichnend für das Sève'sche Werk ist, daß es in seiner Dar- stellungsweise von der "philosophischen" Ebene des Verhältnisses von Marxismus und Persönlichkeitstheorie ausgehend, auf dieser Ebene letztlich auch verbleibt, also auf eine gegenstandsspezifi- sche Methodenentwicklung verzichtet, wo Ansätze zu einer marxi- stischen Theorie der Persönlichkeit vorgestellt werden. Indem so der Weg verbaut ist, in einer (wie oben entwickelt) spezifisch- psychologischen Methodik den Gegenstand in seiner Genesis und Entwicklung adäquat zu erfassen, müssen auch Sèves tiefgründige und für die Psychologie fruchtbare Erörterungen des Verhältnisses von menschlichem Individuum und Welt für ihn selbst bei der ver- suchten Bestimmung der psychologischen Spezifik folgenlos blei- ben. Indem er schon bei seiner philosophischen Grundlegung einer marxistischen Psychologie zwar das "menschliche Wesen" im Sinne der sechsten Feuerbach-These brilliant herausarbeitet, seine in ihm aufgehobenen phylogenetischen Voraussetzungen - die "mensch- liche Natur" - jedoch ausspart, ist er in der Bestimmung konkre- ter Individualität und Subjektivität auf unhaltbare Analo- gisierungen von ökonomischen und psychologischen Fragestellungen angewiesen, die in ein außerordentlich spekulatives Persönlich- keitsmodell münden. - Dennoch ist sein Werk für die Ausarbeitung einer marxistischen Persönlichkeitstheorie von nicht zu über- schätzender Bedeutung, insofern als er in Durcharbeitung des Ge- samtwerkes von Marx die Spaltung dieses wissenschaftlichen Werkes in einen früheren, für die Ausarbeitung einer marxistisch fun- dierten Persönlichkeitspsychologie relevanten Teil ("Ökonomisch- philosophische Manuskripte", "Feuerbach-Thesen" und "Deutsche Ideologie" etwa) und einen späteren, zur Bestimmung der Indivi- dualität irrelevanten ("Kritik der politischen Ökonomie") als verfehlt zurückweist und den Nachweis antritt, daß eine marxi- stisch fundierte Psychologie nicht nur möglich, sondern im Marx- schen Werk geradezu angelegt und gefordert ist; ferner insofern, als er wertvolle theoretische Bestimmungen zum Verhältnis Indivi- duum - Gesellschaft geliefert hat, etwa in Gestalt der psycholo- gisch außerordentlich bedeutsamen Kategorie der "Individualitäts- formen". Auch bezüglich Rubinsteins wäre kritisch festzustellen, daß in seinem wissenschaftlichen Werk zwar in hervorragender Weise die Stellung des Psychischen im materiellen Weltzusammen- hang philosophisch bestimmt ist, mit dieser Abhandlung des Determinismusproblems unzweifelhaft grundlegende gnoseologische Prämissen einer historisch verfahrenden Subjektwissenschaft Psychologie geklärt sind - die Durchführung der historischen Ana- lyse in spezifischer Gegenstandsbezogenheit jedoch kaum oder wenigstens nicht mit aller Konsequenz erfolgt, was der Dar- stellung gewisse "strukturalistische" Züge verleiht und bei ein- zelnen Bestimmungen geradezu den Charakter unabgeleiteter Setzun- gen annimmt. Diese Einschätzungen sind innerhalb der Kritischen Psychologie gewiß k o n t r o v e r s; die Angemessenheit der hier natür- lich nicht belegbaren Bewertung berührt freilich die These des unterschiedlichen Bezugs- und Ausgangspunktes gar nicht - in der T a t s a c h e d e r A u f f a s s u n g s d i v e r g e n- z e n findet diese gerade ihre Bestätigung. Ungeachtet unterschiedlicher Auffassungen im Einzelnen, besteht innerhalb der Kritischen Psychologie - im weiteren Sinne - nicht nur ein allgemein programmatischer Konsens, sondern auch zuneh- mend Übereinstimmung in wichtigen theoretischen und methodischen Fragen. Indem Kritische Psychologie von ihrem materialistischen Grundansatz aus mehr und mehr "all die Fragen in theoretischer Durchdringung und empirischer Forschung (aufgriff), die auch der bestehenden Psychologie aus ihrem Gegenstand erwuchsen" 17), kann sie heute die Zwischenbilanz ziehen, in Erfüllung ihres gemeinsa- men Programms, nicht außerhalb der vorfindlichen Psychologie, sondern als genuin psychologischer Grundansatz der Erforschung der empirischen menschlichen Subjektivität einen Beitrag zur "Überwindung der wissenschaftlichen Beliebigkeit psychologischer Theorien" (Holzkamp) und Praxis zu leisten, auf dem richtigen Weg zu sein. Dieses Paradigma marxistisch fundierter Psychologie in Gestalt eines Spektrums von unterschiedlich akzentuierten wissenschaftli- chen Ansätzen ist es, das sich auf dem Kongreß "Kritische Psycho- logie" öffentlich darstellte, untereinander in Erfahrungsaus- tausch trat und sich als Ganzes gegenüber nichtmarxistischen An- sätzen zur Diskussion stellte. Wenn dabei, speziell bei den Hauptreferaten der ersten beiden Tage, die Vertreter der Westber- liner "Schule" (im spezifizierten Sinne) dominierten, so spiegelt dies den aus den o.g. Bedingungen resultierenden "Vorlauf" der wissenschaftlichen Entwicklung der "Kritischen Psychologie i.e.S." wider. Der 1. "Internationale Kongreß Kritische Psychologie": ------------------------------------------------------ Inhalt, Ablauf, Kritik. ----------------------- Nach der Eröffnung des Kongresses durch den Präsidenten der Mar- burger Universität, Rudolf Zingel, leiteten für den BdWi dessen Bundesvorstandsmitglied, der Politologe Reinhard Kühnl (Marburg), und für den AStA Marburg dessen Vorsitzender Rudi Deuble mit ei- ner Analyse der wissenschaftspolitischen Situation in der BRD und in Westberlin im allgemeinen und der Lage an den Hochschulen im besonderen das wissenschaftliche Forum ein. In der Gleichursprünglichkeit der Klassengesellschaft und der Frühformen der Wissenschaft deren Doppelcharakter - Mittel zur Erkenntnis und praktischen Beherrschung der Welt u n d der Herrschaft und Unterdrückung zu sein - aufweisend, erläuterte Kühnl, wie sich dieser widersprüchliche Charakter der Wissen- schaft mit der historischen Herausbildung des Kapitals, insbeson- dere des monopolistischen, verschärfte: Die Notwendigkeit, Wis- senschaft fördern u n d unterdrücken zu müssen, "ist das unaus- weichliche Dilemma des Kapitals". Zum anderen nähert sich die Lage der Wissenschaftler tendenziell der der übrigen Lohnabhängi- gen an, ungeachtet noch vielfältiger Privilegien. Objektiv sind die Voraussetzungen dafür gegeben, "daß die Wissenschaftler sich in Richtung auf Demokratie entwickeln, ... sich also politisch der Arbeiterbewegung annähern" - auch in der BRD und Westberlin, trotz der "deutschen Sonderentwicklung", die den Verrat der bür- gerlichen Revolution und seine Folgen sah und "die Tradition der Inquisition und Hexenverfolgung ... niemals radikal" unterbrach. "Man muß sich diese Tradition drastisch vor Augen führen, um er- messen zu können, was sich in den letzten 10 Jahren in diesem Land verändert hat": erstmalig die Herausbildung einer soziali- stischen Intelligenz, die Verankerung systemkritischer, auch mar- xistischer, Positionen an den Hochschulen und die Herausbildung einer Annäherung und Kooperation zwischen demokratischen Wissen- schaftlern und Arbeiterbewegung. Zum Abschluß des ersten Tages und im Sinne einer grundlegenden Positionsbestimmung setzte sich Klaus Holzkamp mit der Frage aus- einander, ob es "im Rahmen der marxistischen Theorie eine Kriti- sche Psychologie geben" kann. Dabei wendete er als Darstellungs- weise an, "die Möglichkeit und Notwendigkeit Kritischer Psycholo- gie innerhalb des Wissenschaftlichen Sozialismus und ihre sich daraus ergebende besondere Eigenart gegen kontroverse Auffassun- gen zur Geltung zu bringen und dadurch zu begründen". Als "die beiden Pole des Spannungsfeldes kontroverser und gegnerischer Po- sitionen" benannte er einerseits die "traditionelle Psychologie, von der aus die Möglichkeit bzw. Vertretbarkeit einer marxisti- schen Psychologie unter den hier herausgebildeten 'einzelwissenschaftlichen' Kriterien problematisch wird und ande- rerseits bestimmte marxistische oder marxistisch gemeinte Posi- tionen, von denen aus die Möglichkeit und Berechtigung einer mar- xistischen Psychologie unter Benennung von Kriterien der marxi- stischen Theorie selbst bezweifelt bzw. geleugnet ist". Die Argumentationsweise aus d e r P o s i t i o n d e r t r a d i t i o n e l l e n P s y c h o l o g i e u n d a n a- l y t i s c h e n W i s s e n s c h a f t s t h e o r i e: Psy- chologie "als solche" sei in ihrer Methodik und in den auf deren Basis erhebbaren Befunden "neutral", "marxistisch" könne allein die außerwissenschaftliche, im ungünstigsten Falle "die wis- senschaftlichen Standards" dogmatisch beugende Zielsetzung des Psychologen sein, wird von Holzkamp auf die Gegenstandsverfehlung dieses Psychologieansatzes zurückgeführt. In seiner exklusiven Thematisierung von "Verhalten und Erleben" des abstrakt-isolier- ten, der ahistorisch mißdeuteten "Umwelt" äußerlich entgegenge- stellten "Individuums" reproduziert er blind - die wirklichen "verkehrten" Verhältnisse auf der Oberfläche der bürgerlichen Ge- sellschaft spiegelnd - den Schein der Ungesellschaftlichkeit des Menschen und der naturhaften Sachlichkeit seiner Lebensverhält- nisse. Von der "Kritik an der ideologischen Befangenheit der traditio- nellen Psychologie in den Formen des Denkens in bürgerlichen Pri- vatverhältnissen" wandte sich Holzkamp j e n e n m a r x i- s t i s c h a r g u m e n t i e r e n d e n K r i t i k e n d e r K r i t i s c h e n P s y c h o l o g i e bzw. marxisti- scher Persönlichkeitstheorie zu, die - paradigmatisch in den von Mitgliedern des Westberliner "Projekts Klassenanalyse" ins Feld geführten "Begründungen" -eine Überwindung der genannten ideo- logischen Befangenheit mit einer wissenschaftlichen Konzeption, welche - im Rahmen des Wissenschaftlichen Sozialismus - die Lebenstätigkeit und Subjektivität von konkreten Menschen unter historisch bestimmten, formations- und klassenspezifischen Le- bensbedingungen in der bürgerlichen Klassengesellschaft als ihren spezifischen einzelwissenschaftlichen Gegenstand in inhaltlich und methodisch selbständiger Untersuchungsarbeit zu erfassen sucht, als "Scheinlösung" zurückweisen. Insofern in ihrer Auf- fassung der Unterschied zwischen menschlichem Wesen und indivi- duellem Menschen eskamotiert ist, bleibt in der Tat für subjektwissenschaftliche Fragestellungen mangels Gegenstand kein Raum - die Individualität des Menschen ist, folgt man dieser Konzeption, allein mit Hilfe der Konkretisierung und Spezi- fizierung der Analyse innerhalb der Kritik der politischen Ökonomie zu erfassen. Scheinbar gegensätzlich, wird von Lorenzer, Hörn, Dahmer, Leit- häuser u.a. die Entwicklung einer "K r i t i s c h e n T h e- o r i e d e s S u b j e k t s" propagiert. Da die Kritik der politischen Ökonomie - Synonym der marxistischen Theorie oder des Wissenschaftlichen Sozialismus schlechthin - lediglich "objektive gesellschaftliche Strukturen" untersuche, die menschliche Subjektivität aber ausspare, bedürfe sie der Ergänzung durch ein subjektive Strukturanalyse, die die Auseinandersetzung des Menschen mit seiner "inneren Natur" zum Gegenstand habe. Hierfür liefere die Psychoanalyse die Ausgangsbasis, die allerdings von gewissen "Selbstmißverständnissen" befreit werden müsse, soll sie die Funktion einer kontrapunktisch zum historischen Materialismus gesetzten "tiefenhermeneutischen Erfahrungswissenschaft" erfül- len. Lorenzers Zentralbegriff der "bestimmten Interaktionsform" steht beispielhaft für ein zu entwickelndes System subjektwissen- schaftlicher Kategorien, in dem psychoanalytische und politisch- ökonomische Begriffe (nachträglich) "verklammert" sind. Der Gegensatz zur ökonomistischen Reduktion des individuellen Verhal- tens auf gesellschaftliche Verhältnisse in der Konzeption des "Projekts Klassenanalyse" wird aufgehoben in der t i e f e r e n G e m e i n s a m k e i t, den Wissenschaftlichen Sozialismus für subjektwissenschaftliche Fragestellungen für unzuständig zu erklären. Gegen beide, hier exemplarisch verdeutlichten "objekti- vistischen" und "subjektivistischen" Konsequenzen der im Grunde selben Fehldeutung des Marxismus, hob Holzkamp hervor, daß "genereller Gegenstand der marxistischen Theorie das Verhältnis zwischen objektiver Bestimmtheit und subjektiver Bestimmung des historischen Prozesses (sei) und ihr praktisches Ziel (demnach) die Entwicklung des subjektiven Faktors in der Geschichte.' Dies heißt, kritisch psychologischer Forschung als b e s o n d e r e Subjektwissenschaft ist die Aufgabe gestellt, das genannte Determinationsverhältnis in der Lebenstätigkeit konkreter Indi- viduen zu untersuchen. Der z w e i t e T a g diente der umfassenden I n f o r m i e- r u n g über den aktuell erreichten Stand kritisch-psychologi- scher Forschung und Praxis. In einem ersten Block von Referaten wurden die theoretischen Voraussetzungen und die Grundbegriff- lichkeit der Kritischen Psychologie erörtert. Einleitend deckte der Philosoph Wolfgang Fritz Haug (Westberlin) das Dilemma der bürgerlichen Gesellschaftswissenschaften auf: die Reduzierung des Individuellen auf das "Private" und der gesell- schaftlichen Verhältnisse auf "U m w e l t" machen die wissen- schaftliche Durchdringung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft unmöglich. Wies Haug einen adäquaten Begriff dieses Verhältnisses als notwendige Voraussetzung wissenschaftlicher Psychologie als Subjektwissenschaft und im Nachvollzug der Marx- schen Kritik der Politischen Ökonomie die logisch-historische Me- thode als Voraussetzung zur Gewinnung dieses Begriffs nach, be- gründete er damit die gesellschaftstheoretischen Grundlagen der Kritischen Psychologie, so bedarf die umfassende Bestimmung des Erkenntnisapriori der Psychologie einer zweiten Fundierung: der Lösung des Problems der "N a t u r". So sehr Psychologie nur "inhaltsvoll" werden kann, wie sie Lebenstätigkeit und Subjekti- vität des Menschen , als - von vorneherein gesellschaftlich be- stimmt" untersucht (damit die Unverständigkeit bürgerlicher Psy- chologie, Bestimmungen des gesellschaftlichen Wesens des Menschen nachträglich in "introjektiver Denkweise" in das abstrakt-iso- lierte Individuum "hineinzuverlegen", überwindend), so ist ande- rerseits das genannte "von vorneherein" auch umzukehren: das ge- sellschaftliche Wesen des Menschen, aus dem die psychologischen Bestimmungen menschlicher Individualität zu gewinnen sind, ist nur zu begreifen, wenn man es als historisch gewordenes - und das heißt hier: in seiner n a t u r geschichtlichen Gewordenheit erklärt. Psychologie bedarf eines wissenschaftlichen Begriffs von der "Natürlichkeit" der menschlichen "Gesellschaftlichkeit": ihr spezifischer Gegenstand ist, wie der Biologe Volker Schurig (Westberlin) ausführte, mit dem historischen Verhältnis von Natur und Gesellschaft als aus dem Prozeß der "Selbstunterscheidung" der Materie resultierend gesetzt. Nach diesen wesentlichen theoretischen Grundlegungen kritisch- psychologischen Verfahrens, mit denen zugleich die Kritische Psy- chologie in ihrer relativen Stellung zu Gesellschaftstheorie ei- nerseits und Naturwissenschaften andererseits präziser verortet war, befaßte sich Klaus Holzkamp in einem kurzen Beitrag mit der Explikation der hauptsächlichen subjektwissenschaftlichen Katego- rien. Von der Soziologin Frigga Haug (Westberlin) wurden die all- gemeinen Darlegungen der kritisch-psychologischen Denkmethode und des kategorialen Instrumentariums an einem, freilich wesentlichen Gegenstandsbereich, den s o z i a l e n B e z i e h u n g e n, exemplifiziert: In Auseinandersetzung mit der R o l l e n t h e- o r i e als einem der elaboriertesten Ansätze bürgerlicher Sozialwissenschaft wies sie nach, daß diese notwendig das Wesen sozialer Beziehungen verfehlen muß, wenn sie die in der kritisch- psychologischen Kategorie der "Kooperation" widergespiegelten Momente der Lebenstätigkeit unter konkret-historischen gesell- schaftlichen Verhältnissen ausklammert. Insbesondere vermochte sie es, die Einlösung des Anspruchs der Kritischen Psychologie, in der Ableitung ihrer Begriffe sowohl kritisch gegenüber der bürgerlichen Wissenschaft wie auch gegenüber den Verhältnissen zu sein, auf die sie sich bezieht, exemplarisch zu veranschaulichen. Der Abklärung s p e z i e l l m e t h o d i s c h e r A s- p e k t e d e r U m s e t z u n g d e r l o g i s c h - h i s t o r i s c h e n M e t h o d e im kritisch-psychologi- schen Ansatz der funktional-historischen Ursprungs- und Differen- zierungsanalyse diente der zweite, den theoretischen Teil abschließende Referatekomplex "Die historische Methode der Kritischen Psychologie". In drei Beiträgen wurden von Michael Jäger, Eckart Leiser und Werner Maschewsky/Peter Keiler (alle Westberlin) zum einen die konstitutiven Bestimmungen der kritisch-psychologischen Methodik in Kontrastierung zu den wis- senschaftslogischen Bestimmungen der analytischen Wissenschafts- theorie als des herrschenden methodischen Paradigmas begründet und präzisiert, dabei noch ungelöste methodische Fragestellungen herausgearbeitet und erste Lösungsansätze erörtert sowie die be- sondere Stellung der gegenüber der traditionellen Empirie verän- derten, empirisch-experimentellen Gegenstandsuntersuchung in der historischen Analyse entwickelt. Der zweite Teil des für die Darstellung kritisch-psychologischer Forschung und Praxis vorgesehenen Kongreßabschnitts wurde von ei- nem Referat Wolfgang Jantzens (Bremen) mit dem Titel "Das Ver- hältnis von Arbeit und Therapie als Grundproblem kritisch-psycho- logischer Praxis" eröffnet. Ihm ging es darum, theoretische Vor- aussetzungen eines k r i t i s c h - p s y c h o l o g i- s c h e n B e g r i f f s v o n T h e r a p i e abzuklären, d.h. "allgemeine Abstraktionen zu gewinnen, die die Totalität des therapeutischen Prozesses als Rekonstruktion beschädigter Iden- tität begrifflich zu durchdringen vermögen". Ausgehend von den Grundpositionen des wissenschaftlichen Humanismus, wie sie Sève auf dem Hintergrund der 6. These über Feuerbach von Marx exempli- fiziert hatte, entwickelte Jantzen seine Konzeption von Therapie als "zugleich auf die Veränderung der gesellschaftlichen Umstände wie die Aufhebung der Beschädigung der Identität tätiger Sub- jekte" zielend, die "in eben jener Gesellschaft erfolgte", in vier Schritten: "1. Persönlichkeitsentwicklung als Entwicklung des tätigen Subjekts unter Bedingungen optimaler Partizipation am gesellschaftlichen Erbe; 2. Persönlichkeitsentwicklung unter den Bedingungen der Isolation; 3. Notwendiges Hervorbringen massen- hafter Persönlichkeitsdeformationen im Kapitalismus; 4. Arbeit und Kooperation: der theoretische und praktische Ausgangspunkt materialistischer Therapie." Die Selbstdarstellung v o n P r o j e k t e n des PI der FU war auf die Vermittlung von Erfahrungen einer mehrjährigen prak- tischen Erprobung ihrer Konzeptionen des pädagogisch therapeuti- schen Vorgehens bedacht. In dem Beitrag des Kollektivs der Pro- jekte im S c h u l- u n d V o r s c h u l b e r e i c h wurde aufgezeigt, wie sich ihre theoretisch-praktische Konzeption in der Entwicklung der Projekte als praxisintegrierender Studien- und Forschungsschwerpunkte des PI in ihrem Ausbau zu D i e n s t l e i s t u n g s o r g a n i s a t i o n e n her- ausbildete und präzisierte. Was uns in der Darstellung nur unge- nügend berücksichtigt schien, war, das o.a. komplizierte Verhält- nis der Theorie-Validierung und praktischen Funktionsbestimmung der Kritischen Psychologie im außeruniversitären Arbeitszusam- menhang der Projekte in hinlänglicher Klarheit zu verdeutlichen. Es sind allerdings die mißlichen organisatorischen Umstände am 2. Kongreßtag in Rechnung zu stellen: Hatte die Darstellung dieser Projekte wegen zeitlicher Fehlplanung der vorherigen Referate un- ter einem ungünstigen Stern gestanden, mußte dann die Darstellung der pädagogisch-therapeutischen Arbeit im H e i m b e r e i c h vor dem Plenum gänzlich ausfallen. Dies traf ebenso für einen Beitrag über das "Verhältnis von demo- kratischer Studienreform, Mitbestimmung und Wissenschaftsentwick- lung" von Barbara Grüter, Wolfgang Maiers und Morus Markard (alle Westberlin) zu, in dem dieses wissenschaftspolitische Verhältnis als ein inneres, in der P a r t e i l i c h k e i t v o n W i s s e n s c h a f t sachlich gründendes ausgewiesen wurde. Es wurde gezeigt, daß demokratische Verantwortung (Parteinahme) des Wissenschaftlers und seine Verantwortung für den Erkenntnis- fortschritt in der Entwicklung seiner Wissenschaft in beider In- teresse notwendig in eins gehen müssen - eine Vermittlung, die allein parteilicher Wissenschaft gelingen könne. Der d r i t t e und abschließende Tag war geprägt durch D i s- k u s s i o n - zunächst in einer Vielzahl von A r b e i t s- g r u p p e n, deren Themen sich auf drei übergeordnete Ge- sichtspunkte bezogen: "T h e o r e t i s c h e u n d m e- t h o d i s c h e E i n z e l f r a g e n", "P ä d a g o g i- s c h e u n d t h e r a p e u t i s c h e P r a x i s" und "G r u n d l a g e n u n d B e d e u t u n g f ü r a n d e- r e W i s s e n s c h a f t s d i s z i p l i n e n: Arbeit und Arbeiter im Kapitalismus". Die Mannigfaltigkeit der hier - je- weils auf der Grundlage einleitender Kurzreferate - behandelten Themen schließt einen systematischen Überblick an dieser Stelle aus, so daß wir nur einige Diskussionsgegenstände herausgreifen, aus denen sich immerhin die Bandbreite der Diskussionen verdeut- lichen mag. So wurden zu der im ersten Themenkomplex gehörenden Arbeitsgruppe "K r i t i s c h - p s y c h o l o g i s c h e G r u n d l a- g e n d e r H a n d l u n g s t h e o r i e" (Referenten u.a. Winfried Hacker, Dresden/DDR, Michael Stadler, Münster) folgende Problembereiche erörtert: Ausgehend von der Erhellung des er- kenntnistheoretischen und wissenschaftshistorischen Hintergrundes verschiedener handlungstheoretischer Konzeptionen versuchten die Referenten, das Verhältnis dieser und der Kritischen Psychologie untereinander als eines zweier Aspekte e i n e r Konzeption materialistischer Psychologie zu bestimmen und als solche gegen die herrschende Psychologie abzusetzen, um sodann den heuristi- schen Wert handlungstheoretischer Ansätze für die psychologische Methodologie und ihre Praktikabilität in Gebieten der "Angewand- ten Psychologie" nachzuweisen. In einer ebenfalls dem ersten Themenkomplex subsumierten Arbeits- gruppe "S p r a c h e u n d s p r a c h l i c h e B e d e u- t u n g i n d e r P e r s p e k t i v e d e r K r i t i- s c h e n P s y c h o l o g i e" stellten die Linguisten Man- fred Geier, Antje Hasse, Gisbert Keseling und Ulrich Schmitz (alle Marburg) Probleme ihrer sprachwissenschaftlichen Arbeit zur Diskussion. Es wurde hervorgehoben, daß die Methode des historischen Herangehens der Kritischen Psychologie auch für eine Sprachwissenschaft, "die die Sprache nicht nur als strukturiertes System objektivieren, sondern als historisch-gesellschaftliches Medium der Erkenntnis und Kommunikation begreifen will, bedeutsam ist. über diese methodische Affinität beider Einzeldisziplinen hinaus sei die Kritische Psychologie auch insofern sprachwis- senschaftlich von Belang, als von ihr "selbst eine Reihe sprachbezogener Überlegungen angestellt worden (seien), die un- mittelbar für eine Analyse der Sprache, speziell ihrer Inhalts- seite", sich als fruchtbar erwiesen hätten. Angesichts der Theorielastigkeit der ersten beiden Tage und der zukurzgekommenen Darstellung der (Projekt-)Praxis (des PI der FU) fand die dem zweiten Themenkomplex zugeordnete Arbeitsgruppe "K r i t i s c h - p s y c h o l o g i s c h f u n d i e r t e T h e r a p i e m i t K i n d e r n u n d J u g e n d l i- c h e n: B e w u ß t s e i n s e n t w i c k l u n g u n d V e r ä n d e r u n g d e r f a m i l i a l e n B e z i e- h u n g e n i m t h e r a p e u t i s c h e n P r o z e ß" überaus große Resonanz (1000 Teilnehmer, 5stündige Diskussion). Bemerkenswert ist, daß beide Referenten, Manfred Kappeler (West- berlin) und Öle Dreier (Kopenhagen) zwei Ansätze kritisch- psychologischer Therapiekonzeption vorstellten, zu denen sie als je einzelne gänzlich oder weitgehend ohne Bezug zu Publikationen oder Diskussionen der Kritischen Psychologie in Entwicklung ihrer therapeutisch-praktischen Arbeit gekommen waren. Die politisch- gesellschaftliche Dimension kritisch-psychologischer Therapie- praxis, die im Falle Kappelers zu gegen ihn folgenschweren Re- pressionen geführt hatte 18), bedingte, daß sich auch die Dis- kussion in der Arbeitsgruppe politisch erheblich zuspitzte. 19) Die zum dritten Themenkomplex gehörenden Arbeitsgruppen seien hier vollständig aufgezählt, um die - schon erfolgte - Rezeption Kritischer Psychologie in anderen Einzeldisziplinen, soweit sie in Marburg in den Arbeitsgruppen zum Ausdruck kamen, zu dokumen- tieren: - "Das Verhältnis zwischen allgemeiner Persönlichkeitstheorie im Wissenschaftlichen Sozialismus und psychologischer Persönlich- keitstheorie"; Referenten: Peter Sagawe, Inge Dormagen-Kreuzen- beck, Wolfgang-Fritz Haug (alle Westberlin). - Psychologische und anthropologische Auffassungen vom Menschen im Zusammenhang mit der historischen Durchsetzung bürgerlicher Sozialisationsformen"; Referenten: Joachim Moebus, Siegfried Jae- ger (beide Westberlin). - "Politische Psychologie als Aufgabe der Kritischen Psycholo- gie"; Referenten: Reinhard Kühnl, Heiko Asseln, Karl-Heinz Braun, Frank Deppe (alle Marburg). - "Probleme eines materialistischen Rechtsbegriffs und die Bedeu- tung der Kritischen Psychologie für die Rechtstheorie"; Referen- ten: Heinz Wagner (Westberlin), Peter Römer (Marburg). - "Die Fruchtbarkeit kritisch-psychologischer Ansätze für die Theorie der Massenkommunikation"; Referenten: Horst Holzer (München), Burghard Hoffmann (Westberlin). - "Kritische Psychologie und Arbeit (Projekt Automation und Qua- lifikation' des PI der FU)"; Referenten: Frigga Haug, Christoph Ohm, Thomas Waldhubel (alle Westberlin). Unter dem Leitgedanken "K r i t i s c h e P s y c h o l o g i e i n d e r K o n t r o v e r s e" bildeten den Abschluß des Kongresses P o d i u m s d i s k u s s i o n e n zwischen Ver- tretern der Kritischen Psychologie, Wissenschaftlern, die in der Kritik der bürgerlichen Psychologie zu anderen Positionen gelangt sind, u n d Vertretern, die, von fundamental anderen gesell- schafts- und wissenschaftstheoretischen Positionen aus argumen- tierend, der Kritischen Psychologie als ganzer kritisch gegen- überstehen, dennoch aber die offene Kontroverse mit ihr nicht scheuen. Auch hier kann selbstverständlich kein Überblick über die Diskussionen gegeben werden (schon allein, weil die Diskussi- onsprotokolle zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Berichts noch nicht vollständig bei den Herausgebern des Kongreßberichts einge- gangen waren), dennoch vermitteln schon Themen und Teilnehmer der Podiumsdiskussionen deren Bandbreite, die von den Veranstaltern intendiert war: Kritische Psychologie ist "nicht nur an einer Diskussion mit Vertretern anderer Wissenschaftsauffassungen in- teressiert, sondern auf sie angewiesen." (Aufruf zum Kongreß) - "'Humanismus': Bürgerlicher Begriff oder wissenschaftliche Grundkonzeption des Marxismus?"; Teilnehmer: Hans Heinz Holz, Dietmar Kamper (beide Marburg). - "Sind psychoanalytische Kategorien der Subjektivität und In- teraktion mit dem historischen Materialismus vereinbar?"; Teil- nehmer: Walter Gerhard (Westberlin), Alfred Lorenzer (Frankfurt), Erich Wulff (Hannover). - "Reichweite und Relevanz der Wissenschaftstheorie für die Ein- zelwissenschaften: Analytische Philosophie versus Marxismus"; Teilnehmer: Theo Herrmann (Marburg), Herbert Keuth (Mannheim), Helmut F. Spinner (Erlangen), Michael Jäger (Westberlin), Fried- rich Tomberg (Westberlin). - "Perspektiven demokratischer Berufspraxis für Psychologen in der bürgerlichen Gesellschaft"; Teilnehmer: Rainer Maikowski, Pe- ter Mattes, Gerhard Rott (alle Westberlin), Frigga Haug (Westberlin), Ekkehard Hömberg (Münster), Horst Holzer (München). Fazit ----- Abschließend bleibt festzustellen: der erste "Internationale Kon- greß Kritische Psychologie" war ein Ereignis hohen theoretischen Ranges und erheblicher wissenschaftspolitischer Bedeutung. Seine Wirkungen auf das Fortschreiten der Psychologie als "positiver" Wissenschaft, speziell auf die Bewältigung der Problematik des Theorie-Praxis-Verhältnisses, seine Ausstrahlung auf die wissen- schaftliche Arbeit an jenen psychologischen Institutionen, an denen die Auseinandersetzung mit der Kritischen Psychologie bis- lang nicht geführt wurde, wie auch auf die Entwicklung in anderen Fach-Disziplinen werden erst auf dem zweiten Kongreß, 1979, abzu- schätzen sein. Dabei wird es entscheidend darauf ankommen, jetzt schon in die intensive inhaltliche Auswertung zu treten - wobei die Teilnehmer des wissenschaftlichen Forums nicht versäumen sollten, jene interessierten Kollegen, die zu Hause geblieben wa- ren, in die Diskussion einzubeziehen. Eine wertvolle Hilfe wird der im Herbst erscheinende schriftliche Kongreßbericht liefern: im Format eines "Handbuches der - Kritischen - Psychologie", do- kumentiert er schwarz auf weiß, von welch inhaltlichem Format Kritische Psychologie heute ist. Indem jetzt versucht wird, die Impulse des Kongresses in der wissenschaftlichen Forschung und Praxis schöpferisch umzusetzen, schafft man zugleich die beste Ausgangsbasis für die Vorbereitung des nächsten Forums Kritischer Psychologie. (Werden dabei jene vom Bedürfnis aktiveren Erkennt- nisgewinns getragenen Einwände gegen die didaktische Anlage und speziell das Verhältnis von Vortrag und Diskussion auf diesem er- sten Kongreß - Mängel, die gewiß seinem "Pioniercharakter" zuzu- schreiben sind - berücksichtigt, so dürfte auch organisatorisch eine Form gefunden werden, die der Zielstellung kontinuierlicher Diskussion der Kritischen Psychologie mit Vertretern inner- und außeruniversitärer Praxis entspricht. NB: Die langfristige Pla- nung sollte - so hoffen wir mit vielen Kongreßteilnehmern - dann auch A.N. Leontjew, Moskau, und L. Sève, Paris, deren wissen- schaftlichen Überlegungen Kritische Psychologie wichtige Gedanken und Anregungen verdankt, die Teilnahme ermöglichen.) Auf ihrem ersten "Internationalen Kongreß" hat die Kritische Psy- chologie ihre Bedeutung für die positive Entwicklung der Wissen- schaft Psychologie und allgemein für die fortschrittliche Wissen- schaft nachhaltig unter Beweis gestellt. Es liegt an uns, daß dieser erste Kongreß den Beginn einer vorwärtsweisenden wissen- schaftlichen Tradition markiert. Kritische Psychologie ist nur noch durch eine wissenschaftlich überlegene Position aufzuheben - nicht durch politische Macht zu erledigen. Erstere zu gewinnen, hat die Bourgeoisie auch langfristig wohl keine Aussicht, letz- tere zu verlieren hingegen alle. Wolfgang Maiers / Morus Markard _____ 1) Holzkamp, K. und K.H. Braun (Hrg.): Kritische Psychologie. Protokoll des Internationalen Kongresses vom 13.-15. Mai 1977, 2 Bde., voraussichtlich Okt. 1977. 2) Die Überwindung der mechanischen Gleichung "Wissenschaft im Kapitalismus = kapitalistische Wissenschaft" wird hier vorausge- setzt und kann nicht erörtert werden. Siehe im einzelnen auch Grüter, B., W. Maiers und M. Markard; in: Kritische Psychologie - Kongreßbericht; op. cit. Vgl. auch Sandkühler, J.: Produktivität der Wissenschaft im Kapitalismus. SOPO 39 (1977), S. 5-43. 3) Vgl. die diesbezügliche Übersicht von Holzkamp, K.; in: Z. So- zialpsychol., 7 (1977), S. 1 f. 4) Vgl. Haug, W.F.; in: Autorenkollektiv am Psychologischen In- stitut der Freien Universität: Schülerladen Rote Freiheit. Analy- sen, Dokumente, Protokolle; Frankfurt/M. 1971, S. 389 ff. Ders. in: Das Argument, 66,1971, S. 439460 Holzkamp, K.: Kritische Psy- chologie. Vorbereitende Arbeiten, Frankfurt/M. 1972, S. 207 ff. 5) Ders., a.a.O. 6) Vgl. "Ringvorlesung Wintersemester 1971/72", hg. vom Ressort Dokumentation des PI im FB 11 der FU. 7) Vgl. den Sammelband gleichen Titels, hg. von H. Hiebsch, Ber- lin (DDR) 1967 8) Vgl. Holzkamp, K. und V. Schurig, in: Leontjew, A.N.: Probleme der Entwicklung des Psychischen; S. XI-LII. Vgl. Keiler, P.: Die entwicklungspsychologische Konzeption Leontjews als Gegenstand marxistischer und bürgerlicher Interpretation; in: SOPO 34/35 (1976), S. 51-94. 9) Holzkamp, K.: a.a.O., 1972, S. 288. 10) Ders.: Sinnliche Erkenntnis - Historischer Ursprung und ge- sellschaftliche Funktion der Wahrnehmung, Frankfurt/M. 1973. 11) Ders.: a.a.O., S. 46. 12) Vgl. Holzkamp, K.: a.a.O., 1973, Kap. 3 und 8.3; ferner Holz- kamp-Osterkamp, U.: a.a.O., Kap. 1.4. 13) Schurig, V.: Naturgeschichte des Psychischen, Bd. 1 und 2, Frankfurt/M. 1975; und ders.: Die Entstehung des Bewußtseins; Frankfurt/M. 1976. 14) Holzkamp Osterkamp: 1975, op. cit. 15) Dies.: Motivationsforschung 2; Frankfurt/M. 1976; ferner Haug, F.: Erziehung und gesellschaftliche Produktion: Kritik des Rollenspiels; Frankfurt/M. 1977. 16) Sève, L.: Marxismus und Theorie der Persönlichkeit; Ber- lin/DDR 1972. 17) Holzkamp, K., op. cit., S. 15. 18) Vgl. Kappeler, M., K. Holzkamp und K. Holzkamp-Osterkamp: Psychologische Therapie und politisches Handeln; vorauss. Herbst 1977. 19) Vgl. "Kongreßbericht", op. cit., Protokoll der Arbeitsgrup- pen-Diskussion. zurück