Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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       Diskussion & Kritik
       
       Wolfgang Lefèvre
       

ZUR KUHN-DEBATTE

Die nachstehenden Ausführungen sind die leicht überarbeitete Fas- sung eines Vertrages, den ich im Sommer 1976 an der Universität Bielefeld hielt. Ich konnte dort davon ausgehen, i n n e r- h a l b einer in Gang befindlichen Kuhn-Debatte zu Wort zu kommen; entsprechend war dort nicht über die Relevanz des Kuhn- Themas zu sprechen, sondern über Aspekte, die in der bisherigen Debatte nach meiner Meinung zu kurz gekommen waren. Die Veröffentlichung dieses Vertrages in einer Zeitschrift, zu deren thematischen Schwerpunkten die angelsächsische Wissenschaftstheo- rie aus guten Gründen nicht gehört, macht einige allgemeine Vor- bemerkungen über die Bedeutung des Kuhn-Themas notwendig, Vorbe- merkungen, die freilich schon wegen der notwendigen Kürze keine "Einführung" in die Kuhn-Debatte sein können 1). Im Editorial der SOPO Nr. 36 heißt es: "In ihren theoretischen Voraussetzungen - auch dort, wo deren Erörterung nur von fachspe- zifischem Interesse zu sein scheint -, spiegelt sich die zuneh- mende gesellschaftliche Bedeutung der Wissenschaften. Grundfragen der Wissenschaften methodisch zu erörtern, heißt über auch, Aus- sagen von sozialer und politischer Relevanz zu vertreten, die über theoretische Begründungsinteressen hinausweisen." Dies trifft auf das Kuhn-Thema in doppelter Weise zu. Zum einen signa- lisiert die Kuhn-Debatte eine tiefe Krise der "kritisch rationa- listischen" Wissenschaftsauffassung, die die Grundlagen der in den kapitalistischen Ländern vorherrschenden Wissenschaftstheorie seit Jahrzehnten maßgeblich bestimmt; es handelt sich so um eine Krise des vorherrschenden wissenschaftlichen Selbstverständnis- ses, und zwar nicht zuletzt um eine Krise der Auffassung der Wis- senschaft als einer autonomen, in sich selbst begründeten Sphäre. Zum anderen spiegelt die Resonanz des Kuhnschen Ansatzes "die zu- nehmende gesellschaftliche Bedeutung der Wissenschaften" direkt wider; die "Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" - so der Titel des berühmten, die Debatte auslösenden Buchs von Thomas S. Kuhn - gewinnt besonderes Interesse in einer Zeit, da die Planung wissenschaftlicher Entwicklungen lebensnotwendig geworden ist. Der Zusammenhang des Kuhnschen Ansatzes mit den Problemen der Wissenschaftsplanung, worin seine gesellschaftliche Bedeutung un- mittelbar zu Tage tritt, läßt sich dennoch von den Arbeiten Kuhns her nicht direkt erschließen, jedoch ist in diesem Hinblick ge- rade Kuhns genuin wissenschaftshistorischer Ansatz von Interesse, weil er auf eine "Logik" der Naturwüchsigkeit wissenschaftlicher Entwicklungsprozesse hinausläuft und so der vom Kapitalismus be- stimmten Situation nur zu genau entspricht, in der Wissenschaft auf der Grundlage nicht-geplanter Produktion geplant werden soll. Die Auseinandersetzung mit den Grundannahmen und Prämissen, die Kuhn in ihrer Konsequenz zu jener "Logik" der Naturwüchsigkeit führen, ist so nicht die Spezialangelegenheit von Wissenschafts- historikern; sie gehört vielmehr zur Verständigung über den wi- dersprüchlichen gesellschaftlichen Charakter der Wissenschaften in unserer Gesellschaft. Dieser Aspekt spielt in der Kuhn-Debatte, die bisher im wesentli- chen von bürgerlichen Wissenschaftstheoretikern geführt wird, kaum eine Rolle; in ihr geht es vielmehr vor allem um die ange- deutete Krise der "kritisch rationalistischen" Wissenschaftsauf- fassung. Wenn Kuhn vom "Kritischen Rationalismus" und seinem Um- kreis vorgeworfen wird, seine Sicht der "Struktur wissenschaftli- cher Revolutionen" führe zu einem Relativismus wissenschaftlicher Erkenntnis, dann drückt sich darin aus, daß Kuhn's Ansatz als Be- drohung eben der Auffassung empfunden wird, nach der die wissen- schaftliche Rationalität autonom und in sich selbst begründet ist. Grob vereinfacht ausgedrückt, wird Kuhn im Kern vorgeworfen, daß er die G e l t u n g wissenschaftlicher Theorien nicht von rein rationalen Kriterien, sondern von soziologisch beschreibbaren Prozessen unter den Wissenschaftlern abhängig mache. Nach Kuhn konstituieren sich "scientific communities" über die Anerkennung bzw. Verwerfung eines "Paradigma" genannten, focusartigen Kerns einer Theorie 2), wobei diese Anerkennung bzw. Verwerfung nicht oder wenigstens nicht allein als Resultat eines zwingenden ratio- nalen Diskurses zu begreifen ist; es spielen dabei Faktoren eine Rolle, die von der Warte rein rationaler Konsequenz her gesehen als "irrational" und "außerwissenschaftlich" zu bezeichnen sind. Die vom "Kritischen Rationalismus" geprägte Wissenschaftstheorie hatte ihrerseits den Einfluß solcher "außerwissenschaftlichen", der sog. "externen Faktoren" auf den wissenschaftlichen Erkennt- nisprozeß nicht geleugnet, also den Einfluß von biographischen, organisatorischen, gesellschaftlichen Umständen wie die Bedeutung der technischen Mittel, wirtschaftlicher Interessen, weltanschau- licher Strömungen etc.. Aber sie hatte den Einfluß dieser "externen Faktoren" auf den sog. "context of discovery" be- schränkt, ihre Bedeutung nur als Umstände der Aufstellung einer Theorie anerkannt. Von dieser auch "außerwissenschaftlich" be- stimmten Entstehung einer Theorie unterschied sie streng deren Geltung; es galt als unumstößlich, daß die Geltung einer' Theorie durch ihre Genese nicht zu relativieren sei, daß sich diese Gel- tung allein nach rein rationalen Kriterien bemißt. Indem nun Kuhn aus eigener praktischer Erfahrung wie aufgrund wissenschaftsge- schichtlicher Analysen darlegte, daß im tatsächlichen Wissen- schaftsbetrieb die Geltung von Theorien sich keineswegs allein an rein rationalen Kriterien bemißt, sondern von - wieder grob ver- einfacht - gruppendynamischen Prozessen innerhalb der "scientific communities" bestimmt ist, schien dem Relativismus in der Tat Tür und Tor geöffnet. Was Kuhn bestechend macht und was seinen Einfluß zu einem guten Teil erklärt, das ist seine - im Vergleich zur "kritisch rationa- listisch" geprägten Wissenschaftstheorie - realistischere Sicht des Wissenschaftsprozesses. Insbesondere scheint durch Kuhn die gesellschaftliche Dimension der Wissenschaft, die als Gegenstand der Wissenschafts-Soziologie departementalisiert und so ignorier- bar gemacht war, in die Wissenschaftstheorie wieder eingebracht. Die Kritik an (der ahistorischen, wissenschaftliche Rationalität in fast objektiv-idealistischer Weise verselbständigenden Wissen- schaftstheorie hat so in Kuhn einen starken Gewährsmann; ja, die- ser Kritik scheint mit Kuhn erstmals der wirkliche Durchbruch ge- lungen zu sein. Gerade dies aber macht die Auseinandersetzung mit Kuhn notwendig: Warum gelang gerade ihm das? Liegt es daran, daß seine Argumente überzeugend sind, oder daran, daß sie im Kontext bürgerlicher Theorie akzeptabel sind? Kann man sich seiner Kritik der vorherrschenden bürgerlichen Wissenschaftstheorie anschlie- ßen? Von welchem Boden aus erfolgt sie? de. Die folgenden Ausfüh- rungen können natürlich nicht für eine umfassende Auseinanderset- zung mit Kuhn und der Kuhn-Debatte gelten. Es sind Bemerkungen zu einigen Aspekten der genannten Probleme, Bemerkungen, die viel- leicht dazu beitragen können, ein nicht mehr von der bürgerlichen Wissenschaftstheorie vorwiegend bestimmtes Kapitel der Kuhn-De- batte zu eröffnen. *** Kuhns Buch "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" scheint selbst 10 etwas wie eine 'wissenschaftliche Revolution' ausgelöst zu haben. Dafür spricht die inzwischen fast 15jährige Kontroverse über seinen Ansatz nicht minder als die Tatsache, daß Termini wie 'normale Wissenschaft', 'vorparadigmatische Wissenschaft', 'Para- digmenwechsel', wissenschaftliche Gemeinschaft' etc. inflationär im Kurs sind, ohne daß sich ihre jeweiligen Benutzer in jedem Kali tatsächlich auf das Kuhnsche Konzept beziehen müßten. Es liegt von diesem äußerlichen Befund her nahe, als einen Aspekt der Kuhn-Debatte die Frage aufzugreifen, was die Bedingungen wa- ren und sind, die dem Kuhnschen Ansatz diese Aufmerksamkeit si- cherten und Thomas Kuhn selbst den - je nach dem - guten oder schlechten Ruf verschafften, ein Revolutionär zu sein. Dabei kann es vielleicht nicht schaden, wenn ich gewissermaßen 'von außen', herangehe weniger als Wissenschafts-Soziologe und weniger als Wissenschafts-Theoretiker, sondern vor allem als Wis- senschafts-Historiker an die Kuhn-Debatte herantrete und mich überdies gegenüber der philosophischen Tradition als nicht so vergeßlich erweise wie die angelsächsische Philosophie, der Kuhn entstammt und die sich von ihm angegriffen fühlt. Die Bemerkung, daß 'von außen' herangehe, wer Kuhns Ansatz und die hier ihn entbrannte Kontroverse vom Standpunkt der Wissen- schafts-Historie betrachtet, mag befremdlich klingen, wo doch Kuhn als einer der bedeutendsten Wissenschaftshistoriker der Ge- genwart gilt. Zumindest für die Kuhn - D e b a t t e wird man jedoch vielleicht konzidieren, daß es in ihr nicht primär um wis- senschaftshistorische, sondern um wissenschaftstheoretische Fra- gen geht. in seinem Vortrag "Wissenschaftsgeschichte als Wissen- schaftstheorie" reklamierte Carl-Friedrich von Weizsäcker 3) Kuhn schlankweg als Wissenschaftstheoretiker, dessen Verdienst darin bestehe, daß er der solange - entgegen ihrem eigenen Wissen- schaftsbegriff - apriorisch vorgehenden Wissenschaftstheorie den Wandel zur empirischen Wissenschaft eröffnet habe, - ein Ver- dienst, das die von Kuhn gemachten "Verzichte" hinsichtlich der Wahrheitsfrage mehr als aufwiege 4). Mehr noch zeigen aber die zumal von Lakatos 5) und Scheffler 6) gegen Kuhn vorgebrachten Vorwürfe des 'Relativismus' und 'Irrationalismus', daß sich in erster Linie die Wissenschaftstheorie von Kuhn betroffen fühlt. In der Tat vergeht sich Kuhn am Sanctissimum der kritisch-ratio- nalistischen Wissenschaftstheorie, an der 'dritten Welt' Poppers, dem objektiven Geist - er wäre besser der autarke oder selbstge- nügsame zu nennen -, bei dem die Fäden der wissenschaftlichen Entwicklung zusammenlaufen sollen. Diesen objektiven Geist glaubte man gegenüber den sog. 'externen Faktoren' der Wissen- schaftsentwicklung gesichert, wenn man diesen Faktoren Wirksam- keit allein im - wie es . heißt - 'context of discovery' zuge- stand. Von dem Versuch, die Wirksamkeit dieser Faktoren auf den 'context of justification' einer Theorie auszudehnen, mußten sich auch die Wissenschaftstheoretiker im Kern ihrer Anschauungen an- gegriffen fühlen, die von Sachen wie Poppers 'dritter Welt' vor- sichtig die Finger gelassen hatten; dieser Versuch trifft sie in der Generalprämisse, daß Wissenschaft in ihrer Entwicklung einer autonomen Logik folge. Wenn Kuhns Buch eine 'wissenschaftliche Revolution' auslöste, dann offenbar zunächst und primär in der Wissenschaftstheorie kritisch-rationalistischer Provenienz. (Daß übrigens auch von anderen als wissenschaftshistorischen Gesichts- punkten her an einer Revision dieser Wissenschaftstheorie gear- beitet wurde und wird, belegt z.B. eine Gestalt wie Paul Feyer- abend.) Auf die Wirkung Kuhns hinsichtlich der Wissenschaftstheorie komme ich noch zurück; zunächst aber etwas Komplementäres zum Bisheri- gen: Ein Blick auf die Wissenschaftshistorie selbst - und ich rede hier wie überall in diesen Ausführungen von der in der west- lichen Welt betriebenen Wissenschaft - vermag vielleicht von der anderen Seite her zu überzeugen, daß die Kuhnsche 'Revolution' ein in der Wissenschaftstheorie, nicht in der Wissenschaftshisto- rie stattfindender Vorgang ist. Die Methode der Wissenschaftshistorie - und für diese, nicht aber für wissenschaftshistorische Einzelfragen müßte Kuhns Ansatz Be- deutung haben - wurde in ihren Momenten während der ersten drei- ßig Jahre unseres Jahrhunderts exponiert, kontrovers, wie es sich gehört, und zwar so, daß kaum eine Methodendebatte statt- fand; von verschiedenen methodischen Ansätzen her und meist auch ohne wechselseitige Kenntnisnahme wurden vielmehr wissenschafts- historische Forschungen betrieben und Studien verfaßt. Von einer Exposition der Methode kann gleichwohl gesprochen werden, weil all den verschiedenen Richtungen das bis dahin vorherrschende Verfahren fragwürdig geworden war, die Wissenschaftshistorie als Nachvollzug der Akkumulation 'richtiger' Erkenntnisse und allen- falls noch als Erzählung vom mutigen Kampf der Pioniere gegen Aber glauben, klerikales Dunkelmännertum etc. zu betreiben. Es verfiel die dieser Art Wissenschaftshistorie zugrundeliegende Prämisse dem Mißtrauen, daß Wissenschaftshistorie die Chronik der Phänomenologie der Rationalität aufzuzeichnen habe; damit aber war, gewissermaßen durch das so entstehende Vakuum, der Wissen- schaftshistorie ihre Methode zum Problem gemacht. (Dabei bedarf es hier wohl kein Wort darüber, daß die Art, in der im 19. Jahr- hundert vorwiegend Wissenschaftshistorie betrieben wurde, sich bis zum heutigen Tag großer Beliebtheit erfreut; das zeigen nicht nur die populärwissenschaftlichen Bücher, sondern auch viele Ar- beiten unter der Firma 'Geschichte der exakten Wissenschaften'.) Die vor diesem Hintergrund entwickelten wissenschaftshistorischen Methoden, die meist - wie gesagt - nicht als solche vorgetragen, sondern in konkreten Arbeiten zur Anwendung kamen, bilden ein breites Spektrum, innerhalb dessen vielen allenfalls der Status eines Moments einer Methode zuerkannt werden kann. Da es Wissen- schaftshistorie vermeintlich primär mit schriftlichen Dokumenten zu tun hat, wurden vor allem die im 19. Jahrhundert weit entwic- kelten p h i l o l o g i s c h e n Verfahren adaptiert, Verfah- ren, die bis heute als unumstrittener methodischer Kern der Wis- senschaftshistorie gelten und wohl für den größten Teil der pro- fessionellen Wissenschaftshistoriker das praktisch einzige metho- dische Rüstzeug darstellen. Daran hat Kuhns Buch - soweit ich sehe - im wesentlichen nichts geändert, wobei ich freilich hinzufügen muß, daß es nicht ganz fair ist, von diesem Buch in so kurzer Zeit eine solche Wirkung überhaupt zu erwarten. Der wohl wichtigste Grund für die Dominanz dieser für eine Geschichtswissenschaft ja zweifellos nicht unproblematischen philologischen Methode liegt m.E. darin, daß bei einem großen Teil der Wissenschaftshistoriker an die Stelle der Deskription des Siegeszuges der Rationalität die Deskription der Verzweigungen und Interdependenzen von letztinstanzlich gleich irrationalen Geistesströmungen trat, eine Richtung, zu deren Identifizierung hier die Namen Duhem, Koyre und Michalski genannt sein mögen. Daneben traten s o z i o l o g i s c h e A n s ä t z e hervor - ich nenne stellvertretend Max Weber, Mannheim und Zilsel -, die zu jener geistesgeschichtlichen Richtung keineswegs im Gegensatz stehen mußten. Der Unterschied - das zeigt schon Webers Prote- stantismus-Studie - bestand oft nur darin, daß eine Korrespondenz zwischen letztinstanzlich irrationalen geistigen Orientierungen und ebenso letztinstanzlich irrationalen praktischen Verhaltenso- rientierungen bestimmter sozialer Gruppen untersucht wurde. (Insofern ist übrigens die Wandlung des Merton, der "Wissen- schaft, Technik und Gesellschaft im England des 17. Jahrhunderts" schrieb, zu dem funktionalistischen Wissenschaftssoziologen Merton nicht gar so bemerkenswert, wie man oft glaubt.) Der soziologische Ansatz der Wissenschaftstheorie, der seit den drei- ßiger Jahren im Grunde nicht fortgeführt wurde, kann m.E. durch Kuhns Buch eine Wiederbelebung erfahren. Dies stellte jedoch eben eine Wiederbelebung, nicht aber eine 'Revolution' dar, eine Wie- derbelebung übrigens, hinsichtlich derer abzuwarten bleibt, ob ihre enge Korrespondenz mit den Problemen der Wissenschaftstheo- rie eine Erweiterung oder eine Verengung gegenüber den soziologi- schen Ansätzen der 20er Jahre zum Resultat haben wird. Wichtiger als dies scheint mir jedoch die an die soziologischen Ansätze der 20er Jahre wie an ihre heutigen Wiederbelebungen zu richtende Frage, ob sie geeignet sind, der Wissenschaftshistorie gerade als h i s t o r i s c h e r Wissenschaft eine methodi- sche Orientierung zu geben. Wer Max Webers Versuch kennt, die So- zialwissenschaft von ihren methodischen Aporien durch rigorose Trennung von den, wie es am Anfang dieses Jahrhunderts hieß, Kul- turwissenschaften' und den ihnen anhaftenden Problemen histori- scher Wissenschaft zu befreien, und wer weiß, daß diese Webersche Grenzziehung für die Soziologie im wesentlichen orientierend blieb 7), für den wäre es zumindest keine kleine Überraschung, wenn die Wissenschaftshistorie als historische Wissenschaft von der Soziologie methodische Abstützung erhielte. Hinsichtlich der Probleme einer historischen Wissenschaft gewinnt nun ein dritter Ansatz Interesse, der in jener Methoden-Exposi- tion während der ersten drei Jahrzehnte unseres Jahrhunderts auf- trat, nämlich der Ansatz, den ich etwas vage als den 's o z i a l g e s c h i c h t l i c h e n' bezeichnen möchte und für den B. Hessen, H. Mineur und J.D. Bernal stehen mögen. Für wen n i c h t a limine ausgemacht ist, daß Historie allen- falls Deskription, keinesfalls aber erklärende Wissenschaft sein kann, dem muß es m.E. vielversprechend erscheinen, daß jene 'sozialgeschichtlichen' Ansätze versuchen, die Wissenschaftsge- schichte als integralen Teil der allgemeinen Geschichte zu unter- suchen und im Zusammenhang der Entwicklungsgesetze der allgemei- nen Geschichte die der Wissenschaften zu orten. Der reinen Gei- stesgeschichte wie allen Versuchen, einzelne Erscheinungen der menschlichen Tätigkeit von den anderen isoliert und als autonome Entitäten in ihrer historischen Entwicklung zu verfolgen 8), ist der Hang zur Deskription bzw. zur äußerlichen Korrelation ja nicht zuletzt deswegen eigen, weil die isolierende Abstraktion, mit der sie sich ihren Gegenstand gewinnt, zugleich das Ganze zerschneidet, innerhalb dessen die einzelnen Erscheinungen in Wirklichkeit ihre Entwicklung haben. Die 'sozialgeschichtlichen' Ansätze, über deren Gelungenheit oder Mängel im einzelnen bei ei- ner anderen Gelegenheit zu reden wäre, haben so gut wie keine Fortsetzung erfahren, sieht man von der Kontinuität im Schaffen einzelner Gelehrter wie Bemal ab. (Ob Sohn-Rethel, dessen Denken bekanntlich ebenfalls in der geistigen Situation der 20er Jahre die entscheidende Ausrichtung erhielt, dieser Feststellung wider- spricht, müßte gesondert diskutiert werden.) Damit fand aber auch der Versuch keine Fortsetzung, die Wissenschaftshistorie zu einer erklärenden Geschichtswissenschaft zu entwickeln, worin allein - wie ich meine - auf diesem Gebiet eine 'wissenschaftliche Revolu- tion' zu sehen wäre. Die Umstände, die zwischen 1920 und 1935 zu den 'sozial- geschichtlichen' Ansätzen in der Wissenschaftshistorie führten, werden uns später noch beschäftigen. Zunächst ist wohl ein Rückbezug am Platze. Unser kurzer Ausflug in die Geschichte der Wissenschaftshistorie hatte ja den Zweck, von dieser Seite her zu prüfen, ob es stimmt, daß die Kuhnsche 'Revolution' in erster Linie die Wissenschaftstheorie, nicht die Wissenschaftshistorie betrifft. Zum Abschluß dessen möchte ich sagen, daß m.E. Kuhns Ansatz auch keine 'Revolution' im Hinblick auf jene, die Wissenschaftshistorie zu einer erklärenden Geschichtswissenschaft machenden Ansätze darstellt. Dabei spielt für mich nicht einmal in erster Linie der schon oft bemerkte Mangel eine Rolle, daß Kuhn Bildung und Auflösung eines Paradigmas nicht ebenso plausi- bel zu machen vermag wie das Funktionieren eines einmal bestehen- den Paradigmas. Für wichtiger halte ich - oder besser: für den Kern dessen -, daß Kuhn an der der Wissenschaftstheorie eigenen metaphysischen Gegenüberstellung sog. 'externer' und 'interner' Faktoren der Wissenschaftsentwicklung festhielt. Diese Einschätzung verlangt sicherlich schon deswegen einige wei- tere Ausführungen, weil doch Versuche vorliegen, gerade diese Faktorenunterscheidunj für die Wissenschaftshistorie dadurch fruchtbar zu machen, daß man das Verhältnis dieser Faktoren für die 'vorparadigmatischen' und 'paradigmatischen' Epochen der ein- zelnen wissenschaftlichen Disziplinen jeweils spezifisch zu be- stimmen versucht (Böhme, Daele, Krohn) 9). Es wäre sicherlich nicht schwer, diese Versuche im einzelnen zu kritisieren, so etwa die Annahme, daß im 'vorparadigmatischen' Stadium einer wissenschaftlichen Disziplin die 'externen' Fakto- ren dominanter wirksam sind als im 'paradigmatischen', in dem - sieht man von der von Böhme u.a. für die Gegenwart konstatierten sogenannten 'Finalisierungs'-Tendenz ab - die 'internen' Faktoren überwiegen. Danach wäre also zu glauben, daß z.B. die aristoteli- schen Studien über Geologie, Klima, Pflanzen und Tierwelt, die doch nach Kuhns Definition zweifellos 'vorparadigmatisch' waren, im größeren Maße 'extern' bestimmt waren als etwa die Geometrie Euklids? Das Gegenteil ließe sich m.E. mit guten Gründen behaup- ten. Aber um solche Kritik geht es hier nicht; ich führe dieses Beispiel an, weil es vielleicht gut erkennen läßt, daß die Domi- nanz 'externer' oder 'interner' Faktoren der Wissenschaftsent- wicklung nicht in erster Linie von den Entwicklungsstadien der einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen abhängt, sondern von der Stellung, die die Wissenschaft in der jeweiligen Gesellschafts- formation erhält. Darüber hinaus kommt es aber m.E. darauf an zu sehen, daß die Autonomie der Wissenschaft selbst, auf die mit dem Terminus 'interne' Faktoren als auf etwas Zeitloses verwiesen wird, keineswegs etwas ist, das der Wissenschaft von Ewigkeit her als Wissenschaft zukäme, sondern der Schein einer historisch be- dingten Verselbständigung der Wissenschaft, welche Autonomie also - falls die Bedingungen jener Verselbständigung historisch verän- dert werden können - zur Disposition steht ohne Gefahr zu laufen, damit die Wissenschaft selbst zu zerstören. Um möglichen Mißverständnissen vorzubeugen: Damit ist nicht in Abrede gestellt, daß die wissenschaftliche Entwicklung auch imma- nenten Gesetzmäßigkeiten unterliegt, etwa bestimmten Abfolgen. So ist es beispielsweise für eine empirische Wissenschaft wohl un- vorstellbar, daß sie gleich mit experimenteller Empirie beginnen und das Stadium der Materialsammlung und -sichtung sowie der - im Nachhinein immer problematisch erscheinenden - Versuche äußerli- cher Klassifikation des Materials überspringen könnte. Das, worum es mir mit der Kritik der Gegenüberstellung der 'externen' und 'internen' Faktoren geht, läßt sich unter zwei eng miteinander verbundenen Aspekten aufzeigen. Der eine betrifft die Undurchführbarkeit dieser Unterscheidung. Als was sind z.B. die wissenschaftlichen Instrumente anzusehen, als 'externe' oder als 'interne' Faktoren der Wissenschaftsent- wicklung? Man wird nicht ernstlich bestreiten wollen, daß der Gang einer wissenschaftlichen Disziplin von den von ihr benutzten Instrumenten determiniert wird. Man kann weitergehen und sagen, daß es unmöglich ist, die Inhalte einer wissenschaftlichen Diszi- plin unabhängig von den von ihr benutzten Instrumenten überhaupt zu verstehen; nicht umsonst gehören die Experimentierkurse zur Ausbildung von Naturwissenschaftlern. Die instrumentelle "Grundlage einer Disziplin ist insofern unbezweifelbar unter ihre 'internen' Faktoren zu rechnen. Und dennoch ist es offenkundig, daß die Entwicklung dieser Instrumente weniger von internen wis- senschaftlichen Bedürfnissen als vom allgemeinen Entwicklungs- stand der Produktivkräfte einer bestimmten Zeit abhängt. Die gleiche Überlegung ließe sich mit dem gleichen Resultat auch hin- sichtlich der Gegenstände der Wissenschaften anstellen. Man kommt deswegen, wie mir scheint, nicht umhin anzuerkennen, daß es ein künstlicher und konkret nicht durchführbarer Versuch ist, eine 'Internität' des reinen wissenschaftlichen Geistes aus dem Gang der Wissenschaften heraussondern zu wollen. Man könnte darüber hinaus fragen, welchen Motiven es entspringt, die Wissen- schaften, die sich mit der gegenständlichen Welt befassen, von der diese Welt gegenständlich bearbeitenden Praxis trennen zu wollen, und ebenso, wieso die Dignität der Wissenschaft gefährdet sein soll, wenn man sie in ihren wirklichen Kontext, in den Zu- sammenhang der notwendigen Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur einstellt. Ihre Rationalität, ihre Wahrheitsorientierung büßt doch dadurch nichts ein. Im Gegenteil: Der Auseinanderset- zungsprozeß zwischen Mensch und Natur gehört ja nicht allein selbst zur gegenständlichen Welt wie Erdgestalt und Fauna; dar- über hinaus wird uns doch diese Welt als Gegenständliche allein über diesen Prozeß zugänglich. In diesem Prozeß entspringt und bewährt sich deswegen unsere Erkenntnis der Welt. Hier ist übrigens, gewissermaßen in Klammern, auf einen Umstand aufmerksam zu machen, der für den logischen Positivismus wie für den kritischen Rationalismus bezeichnend ist. Wenn beide auf eine autonome 'Logik der Forschung' insistieren, so knüpfen sie damit an eine Hoffnung an, die in der Mathematik nach Hubert eine Zeit- lang eine Rolle spielte und für die B. Russell als Repräsentant genannt sein mag; und zwar knüpfen sie dabei an die Hoffnung an, die von Hubert inaugurierte formalisierende Axiomatisierung über die Mathematik hinaus für die Fundierung dessen nutzen zu können, was aufgrund solcher Fundierung künftig im strengen Sinn als Wis- senschaft gelten kann. Während jedoch den mit diesen Problemen beschäftigten Mathematikern selbst - ich verweise auf die Bour- bakigruppe 10) - seit längerem klar ist, daß selbst ihr für For- malisierungen so unvergleichlich geeignetes Gebiet nicht aus ei- nem solchen axiomatischen Formalismus zu 'deduzieren' ist, be- stimmt die philosophischen Nachfahren Russells noch immer die Idee, für die Wissenschaften einen grundlegenden - um im Bilde zu bleiben - Algorithmus aufzufinden. Nicht zur Kenntnis genommen ist dabei, was in der Mathematik inzwischen eingesehen wurde: die konkreten Wissenschaften - und das gilt selbst für die einzelnen jeweils entwickelten mathematischen Gebiete - können nicht aus einer Logik 'deduziert' werden, sondern - umgekehrt - aus den of- fenbar anderen Gesetzen in ihrer Entwicklung folgenden Wissen- schaften sind 'Logiken' ableitbar bzw. entwerfbar, die die Wis- senschaften ordnen und ihrer, dem jeweiligen Entwicklungsstand angemessenen Systematisierung dienen. Aber dies nur als eine Randbemerkung. Zurück zu unserem Gedankengang: Es geht m.E. nicht darum, die 'externen' Faktoren etwas mehr als bisher zu ihrem Recht kommen zu lassen; das bedeutete nur eine graduelle Modifikation der un- verändert starren Gegenüberstellung von 'extern' und 'intern'. Es kommt vielmehr darauf an, die verschiedenen Faktoren der wissen- schaftlichen Entwicklung als Momente einer widersprüchlichen Ein- heit zu untersuchen. Kuhns Ansatz scheint mir dagegen auf eben den Vorschlag hinauszulaufen, den 'externen' Faktoren, die zudem im wesentlichen auf solche der Gruppensoziologie beschränkt sind, ein größeres Gewicht einzuräumen. Bei Kuhn findet sich allerdings ein Gedanke, der vielleicht geeignet ist, jene autonome Logik des wissenschaftlichen Geistes im hier angedeuteten Sinne zu überwin- den. Ich meine die Bedeutung des 'Paradigmas' als 'Musterbei- spiel', nämlich als "beispielhafte Arbeitsanleitung" 11), also die Bedeutung des 'Paradigmas', die für Kuhn offenbar die wichtigste ist und die zugleich - wie er sich im Postskript von 1969 beklagt 12) - den "am wenigsten verstandenen Aspekt" seines Buches darstellt. Kuhn will damit, wenn ich ihn meinerseits richtig verstehe, einen Bestandteil wissenschaftlicher Arbeit kennzeichnen, der diskursiven und nach logischen Regeln ope- rierenden Theorie voraus-, ja zugrundeliegt. Sein Versuch, diesen Bestandteil wahrnehmungstheoretisch zu begründen, ist tatsächlich schwer zu verstehen, - vielleicht, weil die Wahrnehmungstheorie dazu wenig geeignet ist. Weitaus interessanter als diese Begrün- dung scheint es mir zu sein, wie Kuhn auf diesen Bestandteil stieß, nämlich bei der Beobachtung, wie der wissenschaftliche Nachwuchs einer Disziplin sich die sogenannte 'disziplinäre Ma- trix' erwirbt. Dabei bemerkte Kuhn, daß die Aneignung von V e r f a h r e n s t e c h n i k e n die für die Aneignung der Theorie konstitutive Leistung ist, - daß also die Verfahrenstech- nik nicht bloß als Anwendung der jeweiligen Theorie und insofern als ihr Derivat zu begreifen ist, sondern umgekehrt ebenso die Theorie als Explikat des Verfahrens und insofern als dessen Abge- leitetes. Damit bringt Kuhn - falls ich ihn hier nicht meiner- seits mißverstehe bzw. überinterpretiere - ins Spiel, was wissen- schaftliche Arbeit mit aller anderen Arbeit trotz des spezifi- schen Unterschieds eint: nämlich daß sie nicht ex nihilo und nicht aufgrund absoluter Souveränität schafft, sondern ausgehend von objektiven Sachverhalten, die auch als Bewußtseinsinhalte es einem abverlangen, von ihnen als unproduzierten auszugehen, um sie gedanklich produzieren zu können; d.h. der Umgang mit diesen Sachverhalten ist von diesen selbst determiniert, weshalb als Ausgangspunkt und Fundament der gedanklichen Reproduktion des je- weiligen Sachverhalts die Aneignung jenes Umgangs als Verfahren erfordert wird. Dieser Gedanke erscheint mir perspektivenreich, und es ist deswegen zu bedauern, daß ihn Kuhn nicht weiter ausge- baut hat, vor allem, daß er das wissenschaftliche Verfahren nach schlechter alter Tradition noch immer nicht systematisch in sei- ner Bestimmung durch die materiellen Mittel des Verfahrens behan- delt. Der zweite - und für die Wissenschaftshistorie unmittelbarer be- deutende - Aspekt, um den es mir mit meiner Kritik an der Gegen- überstellung 'interner' und 'externer' Faktoren geht, betrifft die darin gedankenlos reproduzierte naturwüchsige Arbeitsteilung sowohl unter den Wissenschaften (vor allem zwischen Grundlagen- und angewandten Wissenschaften) wie zwischen den Wissenschaften und den anderen Arbeiten und Betätigungen. Ich sagte bereits, daß die Autonomie der Wissenschaft m.E. zu einem guten Teil der Schein einer realen Verselbständigung der Wissenschaft ist, und zwar einer Verselbständigung, die aus der naturwüchsigen Teilung der Arbeit resultiert, die den auf Privatproduktion beruhenden Gesellschaftsformationen eigen ist. Die Interdependenzen, die un- ter diesen Bedingungen zwischen den Wissenschaften wie zwischen ihnen und den als 'externe' Faktoren bezeichneten Erscheinungen bestehen, also zwischen Wissenschaft und Technik, Wissenschaft und Ökonomie, Wissenschaft und gesellschaftlicher Gliederung, Wissenschaft und Politik, Wissenschaft und weltanschaulichen Strömungen etc., - diese Interdependenzen sind unter diesen Be- dingungen selbst von der Naturwüchsigkeit der gesellschaftlichen Arbeitsteilung wesentlich bestimmt. Sie sind deswegen weder von der Wissenschaftssoziologie noch von der Wissenschaftshistorie als unveränderliche und ewige Verhältnisse zu erforschen, als quasi Naturverhältnisse. Gerade das aber legt die starre und un- historische Gegenüberstellung von 'externen' und 'internen' Fak- toren der Wissenschaftsentwicklung nahe, weshalb ich auch diese Gegenüberstellung als metaphysisch bezeichnete. Es ist leicht zu sehen, daß diese metaphysische Gegenüberstellung für die Wissenschaftshistorie geradezu tödliche Folgen hätte. Geht die Wissenschaftshistorie nicht daran, die dieser Gegenüber- stellung zugrundeliegende reale Verselbständigung der Wissen- schaft aus ihren historischen Bedingungen zu erklären und damit zugleich die Bedingungen aufzuzeigen, unter denen diese Verselb- ständigung aufzuheben wäre, so erklärt sie nicht die Wissen- schaftsgeschichte, sondern vollzieht einfach begriffslos einen bestimmten historischen Entwicklungsstand der Wissenschaften nach und legt ihn als vermeintlich zeitlose Verfassung von Wissen- schaft ihren Untersuchungen zugrunde. Damit hätte sie sich selbst die Möglichkeit verbaut, eine erklärende Geschichtswissenschaft zu werden. Nun mögen diese Überlegungen als Skrupel und Bedenken erscheinen, die in einer fachinternen Debatte unter Wissenschaftshistorikern ihren rechten Ort haben. Daß hierbei allgemeinere Interessen im Spiel sind als die eines Fachs, erweist sich jedoch vielleicht, wenn ich nun endlich auf die Eingangsfrage nach der Resonanz des Kuhnschen Ansatzes eingehe. Was immer im Falle Kuhns der 'context of discovery' war, seine Resonanz, der 'context of justification', ist sicherlich nicht schon damit erklärt, daß der Wissenschaftstheorie aufgrund be- stimmter Überlegungen die solange vorherrschende statische Be- trachtungsweise problematisch wurde, weshalb sie sich dem realen Prozeß des "growth of knowledge" zuwandte. Dann wäre die Kuhn-De- batte eine interne Kontroverse der Wissenschaftstheoretiker geblieben, dann wäre kein Grund ersichtlich, wieso sich inzwi- schen fast jeder, der mit Wissenschaft als Philosoph, als Sozio- loge, als Administrator oder als Planer befaßt ist, mehr oder minder explizit auf Kuhn beruft bzw. von ihm abgrenzt. Übersehen wir über allen in die Tiefe strebenden Analysen nicht das Nächstliegende: Die Karriere des Kuhnschen Ansatzes fiel ge- rade in die Zeit, als die vom sog. Sputnik-Schock ausgelösten wissenschaftsreformatorischen Anstrengungen der USA auf den alten Kontinent überzugreifen begannen. Ein Blick auf die Erscheinungs- daten von Arbeiten Kuhns, Alwin Weinbergs oder Radnitzkys in deutscher Übersetzung kann belehren, daß sich darin sogar die spezifische Verspätung, mit der in der BRD die Debatte um die Wissenschaftsplanung geführt wurde, niederschlägt. Das Interesse an der Dynamik von Wissenschaft, am 'growth of knowledge' läßt dabei handfestere Gründe erkennen als es innere Aporien der Pop- per-Schule wären. Was immer also die Motive Kuhns und die Motive derer sind, die sich an der kritisch rationalistischen Wissen- schaftstheorie orientiert mit Kuhn auseinandersetzen, Kuhns dar- über hinausgehende Resonanz verdankt sich sicherlich zum gut Teil der Tatsache, daß mit den Problemen der Planung wissenschaftli- cher Entwicklungen die der Geschichte angehörenden wissenschaft- lichen Revolutionen' das Interesse deren fanden, die heute wis- senschaftliche Revolutionen' zu organisieren haben, - ein viel- leicht legitimeres Interesse als das des herkömmlichen Bildungs- philisters übrigens, wenn man an die Finanzmassen denkt, die auf dem heutigen Entwicklungsniveau 'Research and Development' erfor- dern. Nun könnte es wohl als offenkundige Absurdität bezeichnet werden, wenn dieser seitens der Wissenschaftsplanung in die Wissen- schaftsgeschichte gerichtete Blick durch eine wissenschaftssozio- logische und wissenschaftshistorische Brille erfolgte, die das in der Geschichte beobachtbare naturwüchsige Zusammenspiel der Fak- toren der Wissenschaftsentwicklung als die 'Logik der Sache' dar- stellt. Denn um die Überwindung eben dieser Naturwüchsigkeit geht es doch . bei Planung, wie man meinen sollte; es sei denn - und dafür spricht in der Tat einiges - es geht dabei in Wirklichkeit um den Sisyphos-Versuch, auf der unangetasteten Grundlage natur- wüchsiger Arbeitsteilung zu planen; für diesen alle Planung zum Stückwerk verurteilenden Versuch wäre freilich eine 'Logik der Naturwüchsigkeit' das passende Selbstverständnis. Von diesem Gesichtspunkt her könnten vielleicht auch die Beden- ken, die Kuhn 'Relativismus' und Irrationalismus' vorhalten, Schärfe und vor allem konkretere Bedeutung gewinnen. Bislang ma- chen sie ja eher den Eindruck kläglicher Monita einer beleidigten Philosophie, wie wenigstens der Reaktion darauf entnommen werden könnte: Kuhns 'Relativismus' und 'Irrationalismus' wurde, diese Erfahrung habe wenigstens ich mit Kuhn-Begeisterten wiederholt gemacht, geradezu als befreiende Aufforderung zu einer fast fri- vol und sakrileglüstern zu nennenden Handanlegung an den Wahr- heits- und Rationalitätsanspruch des kritischen Rationalismus aufgegriffen. Für jemand wie mich, der nicht selbst einmal im Banne Poppers stand, ist schwer das Joch zu verstehen, das da mit Hilfe Kuhns abgeschüttelt wird, und schwerer noch dessen Gewicht, das - nach dem Ausmaß der Frivolität zu urteilen - doch beträchtlich gewesen sein muß. Der Wahrheits- und Rationalitätsanspruch der kritisch- rationalistischen Wissenschaftstheorie war doch ohnehin - ich verwies bereits auf Russell als einen der wichtigsten Vorfahren - auf die metaphysische, d.h. vom Inhalt abgetrennte und verselb- ständigte Form der Erkenntnis eingeschränkt. Diese Einschränkung entstand am Anfang unseres Jahrhunderts im engsten Zusammenhang mit der Krise der damals 'Kulturwissenschaften' genannten Nicht- Naturwissenschaften. Zu dieser Einschränkung gehörte und gehört der sich selbst - und oft auf sehr saloppe Art - erteilte Dis- pens, die der Krise der 'Kulturwissenschaften' zugrundeliegende historische Zerstörung der über den freien Markt sich regulieren- den Gesellschaft zu ignorieren, also den Prozeß nicht zur Kennt- nis zu nehmen, der mit den - gewaltlosen Interessenaustrag schlecht und recht garantierenden - Formen der liberalistischen Gesellschaft auch die Grundlage der Wissenschaft gefährdete, die die historisch-gesellschaftlichen Widersprüche in wissenschaftli- chen Systemen zu integrieren hofften, indem sie sich auf eine ra- tionale Form dieser Inhalte konzentrierten. Angesichts dieser Si- tuation wäre es wohl angebracht gewesen, die diesen Versuchen im- plizite Prämisse zu überdenken, daß Inhalte eo ipso etwas Aratio- nales sind. Wenn jedoch Leute wie Dilthey, Simmel und Rickert, und bis zu einem gewissen Grade ist wohl auch Husserl hierherzu- rücken, an dem Versuch, die Form bestimmter Inhalte rational zu bestimmen, festhielten, so kann man sich trotz des genannten Be- denkens für diese Männer doch eher erwärmen als für die Vorläufer des kritischen Rationalismus, die sich von derlei Problemen durch Rückzug auf eine logische Form der Erkenntnis befreiten, die den mathematischen Formalisierungsversuchen entlehnt war und die - gekoppelt mit einem recht eklektischen Rückgriff auf Hume - be- denkenlos zum Prüfstein dessen herhalten mußte, was von diesen Philosophen künftig überhaupt als Wissenschaft zur Kenntnis zu nehmen sei. Die Resultate dieser Reduktion konnten nicht problem- los sein (ein etwas ungehöriges Bonmot versichert, daß Popper das Falsifikations-Modell entworfen habe, um seine periodischen Revi- sionen als Fortschritt der Wissenschaft ausgeben zu können). Daß diese reduktionistische Theorie einem steuerlos herumtreibenden Schiff zu gleichen droht, an latentem Orientierungsmangel leidet, dokumentiert schlagend der schon oft kritisierte 13) Vorschlag von Lakatos, für die Wissenschaftsauffassung, die die - wie es heißt - 'rational konstruierte Wissenschaftsgeschichte' voraus- setzt, sog. 'Basiswerturteile' führender Forscher als Maßstab heranzuziehen. Man könnte es freilich ganz angemessen finden, wenn einer Philosophie, die sich auf ihr Nicht-zur-Kenntnis-Neh- men der philosophischen Tradition, der wirklichen Anstrengungen um das Problem der Theoriebildung, womöglich noch etwas einbil- det, diese Tradition in den 'Basiswerturteilen' führender For- scher unvermeidlich entgegentritt, und zwar als Fremdes und dazu zusammenhanglos und unverdaut, weil diese Forscher beim heutigen Spezialisierungsgrad - und also ohne daß ihnen hier ein Vorwurf gemacht wird - allgemeine theoretische Probleme nur über Assimi- lation philosophischer Modeströmungen privat und als Laien bear- beiten können. Angesichts dessen ist nun zweifellos eine Schadenfreude darüber, daß Kuhn die Annahme einer ratio-immanenten Entwicklungslogik der Wissenschaften und damit den von der Wissenschaftstheorie auf- rechterhaltenen Anspruch auf objektive Rationalität angeblich ins Mark getroffen habe, ganz und gar nicht angebracht. Im Gegenteil: Es gibt m.E. gute Gründe, die Frage zu stellen, ob Kuhns Ansatz nicht lediglich die in der latenten Orientierungslosigkeit des kritischen Rationalismus wie der Wissenschaftstheorie angelegte relativistische Tendenz verstärkt und zum offenbaren Vorschein gebracht habe. Stegmüllers Versuch, Kuhns Ansatz logifizierend in die Wissenschaftstheorie einzubauen, könnte beispielsweise als ein Anzeichen dafür genommen werden. 14) Ist so Kuhn seitens der kritisch rationalistischen Wissenschafts- theorie vielleicht nur mit halbem Recht 'Relativismus' vorzuwer- fen, so wohl mit vollem Recht seitens einer Wissenschaftssoziolo- gie und Wissenschaftshistorie, die nicht gewillt ist, die natur- wüchsige Arbeitsteilung, von der die Wissenschaft bisher bestimmt ist, zum unbefragbaren Ausgangspunkt ihrer Untersuchung zu ma- chen; und dies umso weniger, als es sich dabei zu einer Zeit, in der die Planung von Wissenschaft auf der Tagesordnung steht, kei- neswegs um eine 'bloß theoretische' Frage handelt. Unter dem Eindruck des Faschismus mochte es während der 30er und 40er Jahre in Ländern wie den USA und England richtig und vor al- lem auch noch als realistisch erscheinen, die Produktivität der Wissenschaft darin gewährleistet zu sehen, daß sie vor aller 'äußeren' Bestimmung bewahrt, oder genauer: durch geeignete in- stitutionelle Vorkehrungen ihre Entwicklung in freier theoreti- scher Konkurrenz gesichert wird. (Freilich war auch das eine das tatsächliche wissenschaftliche Leben - vor allem die Konzernfor- schung und die wissenschaftlichen Programme der Kriegsadministra- tionen - kaum zur Kenntnis nehmende Vorstellung.) Was der Wissen- schaft blüht, wenn sie sich heute der Planung entziehen wollte, ist bei Weinberg nachzulesen; dieser rechnet der Grundlagenfor- schung vor, daß sie entweder als 'overhead charges' innerhalb der Finanzierung für Projekte angewandter Forschung die notwendigen Mittel erhalten könne oder aber versuchen müßte, von der Gesell- schaft als eine Sparte der Kultur, also wie Oper, Konzert und Mu- seen, unterhalten zu werden. 15) Es geht mithin nicht um die Frage, o b die Wissenschaft der Planung, sondern allein um die, w e l c h e r Planung sie zu unterwerfen ist, um die Frage, un- ter welchen Bedingungen Planung die Wissenschaft nicht verkümmern läßt. Es ist zweifellos dieser Frage nicht angemessen, sie im Rahmen dieser Ausführungen gewissermaßen als einen Randaspekt zu erör- tern. Aber auf einen zu dieser Frage gehörenden Gesichtspunkt, der von der Wissenschaftshistorie her nahe liegt und der so auch die Bedeutung des Kuhnschen Ansatzes betrifft, möchte ich zum Schluß hinweisen. Die 'sozialgeschichtlich' orientierten wissenschaftshistorischen Ansätze der 20er und frühen 3Öer Jahre, von denen eingangs die Rede war, waren wesentlich auch Ausdruck der Erschütterung über den Beitrag, den die Wissenschaften zum Inferno des Ersten Welt- kriegs leisteten. Ihr Mißtrauen gegenüber der anekdotenhaften Er- zählung vom wissenschaftlichen Fortschritt, als die - natürlich von Ausnahmen abgesehen - die Wissenschaftshistorie vor Dunem charakterisiert werden kann, war nicht in erster Linie ein metho- dologisches; es betraf das durchaus mit der angesprochenen Ver- selbständigung der Wissenschaft zusammenhängende Verständnis der Rationalität als S e l b s t z w e c k, das als Selbstverständ- nis der Willfährigkeit erkennbar wurde, wissenschaftliche Ratio- nalität als M i t t e l auch den inhumansten Zwecken verfügbar zu machen. Damit gaben jene 'sozialgeschichtlich' orientierten Wissenschaftshistoriker nur einer weit verbreiteten Erschütterung des Vertrauens in den solange als Signum der Auserwähltheit Euro- pas geachteten wissenschaftlichen Geist Ausdruck. Es sei hier auf Max Webers Studien über die 'abendländische Rationalität', Freuds 'Das Unbehagen in der Kultur', Husserls 'Krisis'-Vorlesungen, das Unternehmen der 'Kritischen Theorie' wie auf die Descartes-Kritik Heideggers verwiesen, um die Breite wie auch die Vielfältigkeit dieser Erschütterung in Erinnerung zu rufen. Daß diese Erschütte- rung nicht allein Philosophen und Kultur-Theoretiker erfaßte, sondern auch in der Wissenschaftshistorie einen Niederschlag fand, kann nicht verwundern; die Frage nach den Gründen dieser gegenüber humanen Zwecken indifferenten wissenschaftlichen Ratio- nalität war ja notwendigerweise immer auch historisch zu stellen, mußte sich für die Umstände der Genese der neuzeitlichen Wissen- schaft, d.h. für ihr Verhältnis zur Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft interessieren. Konzidiert man, daß die Probleme, auf die jene Erschütterung reflektierte, keineswegs überwunden sind, daß sie sich im Gegenteil im Zusammenhang mit der heute aktuellen Wissenschaftsplanung potenziert stellen, so wird man der Wissen- schaftshistorie wohl vorhalten dürfen, daß sie den von ihr zu er- wartenden Beitrag zur Klärung dieser Probleme bislang schuldig blieb. Die in den 20er und frühen 30er Jahren dazu gemachten An- sätze harren ihrer Wiederaufnahme und Weiterentwicklung. Kuhns Konzept - das scheint mir persönlich das Bedauerlichste - führt von dieser notwendigen Wiederaufnahme und Weiterentwicklung aber eher noch weiter weg. _____ 1) Für eine erste Orientierung über Kuhn und die Kuhn-Debatte empfehle ich neben den Arbeiten Th. S. Kuhn's (vor allem: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt/M. 1967, und: Postskript - 1969 zur Analyse der Struktur wissenschaftlicher Re- volutionen, in: P. Weingart (Hrsg.): Wissenschaftssoziologie 1, Frankfurt/M. 1972, S. 287-319) den von Werner Diederich herausge- gegebenen Sammelband: Theorien der Wissenschaftsgeschichte, Frankfurt/M. 1974, wobei insbesondere auf die dort (S. 43-51) ge- gebene Bibliografie verwiesen sei. 2) Der Kuhnsche "Paradigma"-Begriff ist außerordentlich komplex und oft gerade in seinen interessantesten Aspekten verkannt; vgl. dazu vor allem: Th. S. Kuhn: Postskript - 1969, a.a.O., und meine Bemerkungen in der folgenden Abhandlung. 3) C.-F. von Weizsäcker: Wissenschaftsgeschichte als Wissen- schaftstheorie - Festvortrag anläßlich der Mitgliederversammlung des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft in Berlin 1974, in: Wirtschaft und Wissenschaft, Sonderheft, Essen 1974. 4) Ebenda, S. 7 f. 5) Vgl. z.B.: I. Lakatos: Die Geschichte der Wissenschaft und ihre rationalen Rekonstruktionen, z.B. in: W. Diederich (Hrsg.): Theorien der Wissenschaftsgeschichte, a.a.O. 6) Vgl. z.B.: I. Scheffler: Wissenschaft - Wandel und Objektivi- tät, (= Kap. 4 von: der Science and Subjectivity); deutsch z.B. in: W. Diederich (Hrsg.): op. cit. 7) Vgl. z.B.: T. Parsons: Wertgebundenheit und Objektivität in den Sozialwissenschaften, in: Max Weber und die Soziologie heute, Tübingen 1965. 8) Für diese Richtung sei von den älteren Autoren auf G. Clark verwiesen, von den neueren auf M. Foucault. 9) Vgl. G. Böhme, W.v.d. Daele, W. Krohn: Die Finalisierung der Wissenschaft, in: Zeitschrift für Soziologie 2/1973, Stuttgart. 10) Vgl. N. Bourbaki (= Pseudonym einer internationalen Mathema- tiker-Gruppe): Elemente der Mathematik, Göttingen/Zürich 1971 und ders.: Les grands courants de la pensee mathematique, in: Cahiers de Sud, Marseille 1948. 11) Postskript - 1969, a.a.O., S. 298. 12) Ebenda. 13) Vgl. z.B.: E. McMullin: The History and Philosophy of Science - A Taxonomy, in: Minnesota Studies in the Philosophy of Science V/1970, Minneapolis. 14) W. Stegmüller: Theoriendynamik und logisches Verständnis, in: W. Diederich (Hrsg.): op.cit., S. 167-207. 15) A.M. Weinberg: Probleme der Großforschung, Frankfurt/M. 1970, bes. S. 168 pass.; vgl. auch die Einführung zu diesem Band von G. Radnitzky und G. Andersson, ebenda, S. 45 ff. zurück