Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


       zurück

       Hans Jörg Sandkühler
       

ÜBER DIE 'LOGISCHE BASIS DES KOMMUNISMUS' ODER - WIE PRODUKTIV IST DIE WISSENSCHAFT IM KAPITALISMUS

Manfred Buhr zum 50. Geburtstag 1. Für einen konkret-allgemeinen Begriff der Wissenschaft --------------------------------------------------------- Die Frage nach der Wissenschaftlichkeit der Wissenschaft im staatsmonopolistischen Kapitalismus scheint mit dem Hinweis auf die 'Bürgerlichkeit der Wissenschaft' in der bürgerlichen Gesell- schaft abschließend beantwortet zu sein. Der Slogan "bekämpft die bürgerliche Wissenschaft" kommt mit dieser Antwort aus, sobald sie mit einigen theoretischen Konstrukten angereichert wird: etwa mit den mechanistischen Gleichungen "Bewußtsein im Kapitalismus = kapitalistisches Bewußtsein", "Ideologie im Kapitalismus = falsches Bewußtsein" oder - mit höherer theoretischer Weihe - "Warenform = Denkform" 1). Die Erkenntnisformen wissenschaftli- cher Tätigkeit im Kapitalismus entsprechen folglich per defini- tionem der 'Warenform'. Wer sich dennoch das Fragen nicht abge- wöhnt, sich etwa die Frage stellt, wovon der Kapitalismus ange- sichts der Akkumulation falschen Bewußtseins seine Reproduktions- fähigkeit bezieht, wird auf das schale Wort "umso schlimmer für die Tatsachen" eingeschworen. A. Sohn-Rethel, für einige Zeit Cheftheoretiker zum Problem der Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit, ist so frei, "am empirischen Sosein der Ver- hältnisse in ihrem heutigen Zustand nicht interessiert" zu sein 2). Die heilige Familie im Haus der Sektion linker Maximalismus' der bürgerlichen Ideologie " Vater 'Mechanismus', Mutter 'Vul- gärökonomie', Kinder in den Altersgruppen der 'kritischen Theo- rie' - gibt denn auch die Antworten auf die falschen Fragen. Die Wissenschaftstheorie wird hier nichts lernen. Für sie gilt die Marxsche 'Anweisung: de te fabula narratur, d.h. ihr muß es um einen konkret-allgemeinen Begriff der Wissenschaft gehen, der die Struktur, die Funktion und die Veränderungstendenzen w i s- s e n s c h a f t l i c h e r T ä t i g k e i t i m K a p i- t a l i s m u s v o n h e u t e angemessen abbildet. Offen- sichtlich ist, daß eine solche Wissenschaftstheorie nur in Ansätzen vorliegt 3). Unbestreitbar ist, daß die materialisti- sche, marxistisch-leninistische Wissenschaftstheorie in den so- zialistischen Ländern einen erheblichen Vorsprung hat 4), w e i l die Theorie dort qualitativ andere, neue Ausgangsbedin- gungen und Wirkungsmöglichkeiten der Wissenschaft vorfindet. Deutlich ist aber auch, daß es trotz aller Lerneffekte nicht aus- reicht, Ergebnisse der Wissenschaftsforschung im Sozialismus auf den Wissenschaftsprozeß im Kapitalismus zu übertragen. Es gibt keine noch so gelungene A n a l o g i e, mit deren Hilfe die sozialökonomische und politisch-organisatorische Spezifik wissen- schaftlicher Tätigkeit im Kapitalismus 'abgeleitet' werden könnte. 'D i e P r o d u k t i o n g r e i f t ü b e r' - diese Erkenntnis der Marxschen politischen Ökonomie des Kapita- lismus trifft ebenso auf das Wissenschaftsprodukt zu wie auf die wissenschaftliche Tätigkeit der Individuen die andere Einsicht: "Die Produktion produziert daher nicht nur einen Gegenstand für das Subjekt, sondern auch ein Subjekt für den Gegenstand" 5). Subjekt der Wissenschaft im Kapitalismus ist - sowohl nach der Seite der kognitiven Prozesse wie nach der Seite der sozialökono- mischen Funktion betrachtet - die bürgerliche Gesellschaft i n i h r e m K l a s s e n a n t a g o n i s m u s. Dieses 'Sub- jekt' der Theorie leugnet nicht die Rolle der gesellschaftlich Wissenschaft produzierenden Individuen, sondern ist die legitime, verständige Abstraktion aus der sozialhistorisch ausgebildeten B e s t i m m t h e i t der Produktion. Die gesellschaftswis- senschaftliche Konkretisierung dieses 'Subjekts' wird dann nicht bei der maoistischen Schwundstufendialektik 'mal Bourgeoisie/mal Proletariat (einer überwiegt immer)' ankommen, sondern die Arbeiterklasse und die Lohn- und (teilweise) Gehaltsabhängigen insgesamt als bestimmendes Element des ensembles der ge- sellschaftlichen Verhältnisse 'in seiner Wirklichkeit' (6. These ad Feuerbach) zum Gegenstand der Analyse machen. Der für den Ka- pitalismus zu erarbeitenden Wissenschaftstheorie darf nicht dro- hen, was Marx in den 'Grundrissen' als schlechte Allgemeinheit der bürgerlichen Nationalökonomie kritisierte: "Es gibt allen Produktionsstufen gemeinsame Bestimmungen, die vom Denken als allgemeine fixiert werden; aber die sogenannten a l l g e m e i- n e n B e d i n g u n g e n aller Produktion sind nichts als diese abstrakten Momente, mit denen keine wirkliche geschicht- liche Produktionsstufe begriffen ist" 6). Um es deutlich zu sagen: die rezepthafte Anwendung der Kategorien der sozialisti- schen Wissenschaftstheorie in der Analyse des kapitalistischen Wissenschaftsprozesses wäre nicht mehr und nicht weniger als eine pseudomarxistische Variante der Konvergenztheorie. So wie es "die' Industriegesellschaft, 'die' WTR-Gesellschaft usw. nur in der Fiktion derer gibt, die die Krisen gern 'weltweit' hätten, gibt es auch nicht 'die' Wissenschaft in 'der' Industrie- gesellschaft. Wissenschaft gehört in den Geltungsbereich d e r s p e z i f i s c h e n G e s e t z e d e r P r o d u k- t i o n s w e i s e. Es geht mir bei diesem Veto gegen meist mit bester Absicht, aber unbewußt vollzogene theoretische 'Ableitungs'-Formeln, nicht um einen billigen antidogmatischen Effekt. Positiv gewendet ist es nur ein Plädoyer für historisch-materialistische Orthodoxie: das Ernstnehmen der K a t e g o r i e d e r ö k o n o m i- s c h e n G e s e l l s c h a f t s f o r m a t i o n. Zweitens ist eine Einschränkung deshalb notwendig, weil es eine absolute Isolation der beiden Gesellschaftsformationen Kapitalismus und Sozialismus gegeneinander in der Phase der friedlichen Koexi- stenz, des Warenverkehrs und des Austauschs von wissenschaftlich- technischem Know-how nicht gibt. Wissenschaft im Kapitalismus reagiert - wie zunehmend auch Wissenschaft im Sozialismus (und die nicht immer mit der gebotenen Vorsicht, wie Positivismus- Tendenzen in naturwissenschaftlichen Teilbereichen, in der Psychologie und andernorts zeigen) - über den internen sozialöko- nomischen Antagonismus hinaus auch auf den Systemkonflikt und verwertet zugunsten langfristiger Profitsicherung Ergebnisse etwa der Arbeits- und Organisationswissenschaft, Rationalisierungs- und Automatisierungspraktiken aus dem Sozialismus. Notwendig ist drittens eine weit wichtigere Einschränkung: die Beachtung der Spezifik der Gesetze der Produktionsweise bedeutet, daß nicht philosophische V e r a l l g e m e i n e r u n g e n von Ge- setzeserkenntnissen über den Wissenschaftsprozeß im Sozialismus zur Grundlage von abstrakten Deduktionen für die Analyse der B e s o n d e r h e i t des Wissenschaftsprozesses im Kapitalis- mus genommen werden; die Beachtung der Spezifik bedeutet n i c h t, auf Erfahrungen des Übergangs zum Sozialismus zu verzichten; sie bedeutet n i c h t, auf das wissenschafts- theoretische Minimum an Komplexität der Wissenschaftsforschung zu verzichten, das sich aus der theoretischen Gültigkeit der drei Grundelemente des wissenschaftlichen Sozialismus (materialisti- sche Dialektik, politische Ökonomie, politische Theorie von Klasse, Staat und Revolution) ergibt; sie bedeutet n i c h t, den theoretischen Vorlauf der sozialistischen Wissenschafts- theorie ungenutzt zu lassen, und n i c h t, die theoretische und politische Leitfunktion bzw. den wissenschaftlichwelt- anschaulichen Orientierungscharakter des in der Systematik des wissenschaftlichen Sozialismus 'gesellschaftlich akkumulierten Wissens' zu dementieren. Das Ergebnis eines solchen Mißver- ständnisses wäre, mit den besten realistischen Absichten kurz- schlüssigen Empirismus zu betreiben. Der von der marxistischen Erkenntnistheorie beschriebene Weg der Erkenntnis zur objektiv- wahren Aussage, "von der lebendigen Anschauung zum abstrakten Denken u n d v o n d i e s e m z u r P r a x i s", ist auch der wissenschaftstheoretische Weg "der Erkenntnis der objektiven Realität" 7). Das heißt: Wissenschaftstheorie, die die Abstrak- tionen der materialistischen Dialektik und der politischen Ökono- mie des Kapitalismus ungenutzt läßt, verliert ihre kritische Kom- petenz und damit ihre Fähigkeit, zur Veränderung der materiellen Verhältnisse beizutragen. 2. Zur Lage der Wissenschaft im Kapitalismus -------------------------------------------- Materialistisch verfährt die Wissenschaftstheorie, indem sie mit- hilfe wesentlicher Vorkenntnisse (Kategorien, Gesetze, methodi- sche Prinzipien- und Regelanweisungen) eine Bestandsaufnahme vor- nimmt, nicht von den bürgerliche-ideologischen Reflexen Wissens- und wissenschaftssoziologischer Art ausgeht, sondern Wissenschaft als Faktor der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion zur Kenntnis nimmt. In diesem Zusammenhang spielt heute die Frage eine wichtige Rolle, o b W i s s e n s c h a f t u n d T e c h n i k i m K a p i t a l i s m u s z u r H e r s t e l l u n g d e r m a t e r i e l l - t e c h n i s c h e n B a s i s d e s S o z i a l i s m u s b z w. d e s Ü b e r g a n g s z u m S o z i a l i s m u s b e i t r a g e n. Wie produktiv ist Wis- senschaft? In wessen Interesse wird Wissenschaft produziert? Ver- schärft die Entwicklung wissenschaftlicher Produktivkräfte den Widerspruch zu den kapitalistischen Produktionsverhältnissen? Oder entwickelt der Kapitalismus die Produktivkraft Wissenschaft prinzipiell nur soweit, wie sie der Reproduktion des bestehenden Kapitalverhältnisses, d.h. der langfristigen Systemstabilität dient? Konkret: stellen etwa im ideologischen Bereich die gras- sierenden technologischen Endzeitutopien, die 'anti-science'-Be- wegung, Technophobie und Nullwachstumspropaganda derartige Brem- sen dar, den systemfunktionalen wissenschaftlich-technischen Fortschritt unter Kontrolle zu behalten und mögliche systemdys- funktionale Wirkungen rechtzeitig auszuschalten? Im politisch-in- stitutionellen Bereich übernehmen Berufsverbote, längst auf die private Wirtschaft übertragen, jedenfalls diese Funktion; keines- falls geht es nur darum, 'Verderber der Jugend' und 'Feinde des Staates' wegen ihrer ideologischen Überzeugungsarbeit kaltzustel- len. Mit der Frage nach der produktiven Funktion der Wissenschaft im Kapitalismus verbunden sind weitere Probleme: 1. das Problem, inwieweit der staatsmonopolistische Kapitalismus den Übergang von extensiven Formen der Erweiterung der volkswirtschaftlichen Re- produktion zur intensiv erweiterten Reproduktion bewerkstelligt; 2. das Problem der Erkennbarkeit und Prognostizierbarkeit der Wissenschaftsentwicklung, der Bestimmung von dem Wesen der Ent- wicklung adäquater Parameter etc.; 3. das Problem des Charakters der wissenschaftlich-technischen Revolution unter kapitalisti- schen Bedingungen: entfaltet sie sich überhaupt und, wenn ja, mit den Auswirkungen in Richtung einer s o z i a l e n Revolution? Werden diese Probleme erkannt und gelöst, ergeben sich 4. zwangs- läufig Schlußfolgerungen theoretischer Art: ergibt sich aus dem Produktivkraftcharakter der Wissenschaft (die, zumindest unter dem Gesichtspunkt ihrer kognitiven Funktion, ideelle Produktion ist) eine veränderte historisch-materialistische Bestimmung des Verhältnisses von Basis und Überbau? Ergibt sich aus der Produk- tivkraftfunktion der Wissenschaft ein neuer Schwerpunktbereich, ein wesentlich neues Objektfeld der politischen Ökonomie? Ergibt sich aus der materiellen Wirkung dieser besonderen Erkenntnistä- tigkeit für die Erkenntnistheorie der Zwang, die Unterscheidung von Idealismus und Materialismus zu modifizieren? Weist die Wis- senschaftsentwicklung mit der Tendenz zur Einschränkung körperli- cher Arbeit und der Tendenz zu schöpferisch-geistiger Arbeit auf eine naturgeschichtliche Revolution hin, auf eine 'Logifizierung' des menschlichen Wesens (und das heißt: der Struktur des ensem- bles der materiellen gesellschaftlichen Verhältnisse)? Sind dies spekulative Fragen oder Gegenstände philosophischer Verallgemei- nerung wissenschaftstheoretischer Erkenntnisse? Eines zumindest scheint mir klar: Marx' und Engels' Formulierung von der 'l o g i s c h e n B a s i s d e s K o m m u n i s- m u s' ist ungemein aktuell. Zunächst aber zurück zur Frage "Wie produktiv ist die Wissenschaft im Kapitalismus?" Bei der Antwort auf diese Frage scheint eine optimistische Überschätzung der Funktion der Wissenschaft nahezuliegen, sobald die unbezweifel- baren Fortschritte im Bereich der wissenschaftlichen und technischen Intelligenz zum aktiven Bündnispartner der Arbeiter- klasse im antimonopolistischen Kampf verabsolutiert und zumindest zum Teil insulare Reformpositionen in den Hochschulen der BRD und West-Berlins als repräsentativ überschätzt werden. Sieht man 'realistisch' auf die Lage der Wissenschaft z.B. in der BRD, dann drängt sich die pessimistische Alternative auf. Beide sind kurzsichtig. Eine vorsichtigere, wohl aber noch zu pauschale Antwort versuchen G. Kröber und H. Laitko zu formulieren. Ich zi- tiere ausführlich, weil der Text in seiner Ambivalenz das Problem kennzeichnet: "Die Begriffe des wissenschaftlich-technischen Fortschritts und der wissenschaftlich-technischen Revolution sind auch auf die Realität des gegenwärtigen Kapitalismus anwendbar, sofern man berücksichtigt, daß sie dort einen qualitativ anderen, durch die Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise bedingten sozialen Inhalt haben als im Sozialismus und daß zudem die wis- senschaftlich-technische Revolution unter kapitalistischen Ver- hältnissen wohl begonnen, aber mutmaßlich nicht vollendet werden kann, weil die mit ihrer Vollendung verbundene qualitative Umge- staltung der gesellschaftlichen Produktivkräfte das historische Maß überschreitet, innerhalb dessen das Kapitalverhältnis noch existenzfähig ist. (Wir bedienen uns dieser vorsichtigen Aus- drucksweise, da angesichts der nunmehr permanenten Tendenz der Wissenschaft, in der Sphäre der Produktivkräfte mehr oder minder weitreichende qualitative Wandlungen auszulösen, noch keine end- gültige Klarheit darüber besteht, welcher konkrete Zustand der gesellschaftlichen Produktivkräfte als der Abschluß der gegenwär- tigen wissenschaftlich-technischen Revolution anzusehen ist.) Als eine sozialökonomisch-produktive Potenz hingegen kann man die Wissenschaft im gegenwärtigen Entwicklungsstadium des Kapitalis- mus überhaupt nicht betrachten" 8). So differenziert diese Antwort auf die Frage nach der produktiven Funktion der Wissenschaft im Kapitalismus argumentiert, scheint sie mir doch nicht unbedenklich zu sein. Die Autoren räumen ein, daß die Wissenschaft auch hier sozial günstige Wirkungen hervor- zubringen vermag, darunter auch für den materiellen Lebensstan- dard der Arbeiterklasse. Solange aber das Kriterium der Produkti- vität der Arbeit, auch der wissenschaftlichen, noch isoliert-öko- nomischer, nicht aber sozial-ökonomischer Natur sei, könne sich die Wissenschaft nicht zur s o z i a l ö k o n o m i s c h pro- duktiven Potenz entfalten. Diese unter dem Aspekt der dominieren- den Profit-Kriterien kapitalistischer Wirtschaft sicher richtige Einschätzung scheint mir freilich verabsolutiert zu sein ("auch nicht in abgeschwächter Form"). Meine Bedenken richten sich auf drei Punkte: e r s t e n s wird der Begriff der kapitalisti- schen Produktionsweise hier - trotz der Verwendung der Kategorie 'Kapitalverhältnis - so eingesetzt, daß der gesetzmäßige Charak- ter des 'Übergreifens' der materiellen Produktion auf alle Le- bensbeziehungen sich in einer Stabilität des Systems ausdrückt, nicht aber in dessen D i a l e k t i k; das kapitalistische Ge- setz der Produktion und Reproduktion der Arbeiterklasse spielt hier keine wesentliche Rolle; z w e i t e n s erscheint die so- zialökonomisch produktive Funktion der Wissenschaft nicht als Be- dingungen des Übergangs zum Sozialismus, sondern als dessen Re- sultat; dementsprechend fällt die Wissenschaft aus dem Klassen- kampf heraus, dessen Errungenschaften sie bestenfalls zu sichern in der Lage scheint, dessen Instrument und Ergebnis sie aber hier nicht ist; und d r i t t e n s: die Vollendung der wissen- schaftlich-technischen Revolution i s t der Sozialismus; inso- fern ist diese Vollendung im Kapitalismus als dessen bestimmte Negation nicht nur möglich, sondern auch notwendig; die Wissen- schaft ist eine F u n k t i o n d e s G e s a m t s y- s t e m s der Antagonismen des Kapitalverhältnisses, des Klassenkampfs und der politisch-rechtlichen Strukturen der Gesellschaft und bildet dieses System - hier ihre ideologische Funktion - notwendig adäquat ab; adäquat ist nicht gleich- bedeutend mit 'wahr' bzw. 'richtig' (logisch), sondern meint: Wissenschaft ist Widerspiegelung der Widersprüche des Kapitalis- mus i n d e r F o r m e i n e s w i d e r s p r ü c h l i- c h e n W i s s e n s c h a f t s s y s t e m s. Diese Wider- sprüchlichkeit schlägt sich nieder in den Gesellschaftswis- senschaften in der bürgerlichen Gesellschaft, in deren Ambivalenz von notwendiger Realitätshaltigkeit und irrationalistischer Ideo- logieproduktion; sie schlägt sich nieder in ideologischen Kampf- begriffen wie 'Wissenschaftspluralismus', deren institutionelle Seite der Kampf um Marxismus und Marxisten an Universitäten ist (wo es sie schließlich gibt); sie schlägt sich nieder in wissen- schaftlichen Institutionen der Arbeiterklasse (CERM/Paris, Istituto Gramsci/Rom, IMSF/Frankfurt usw.) inmitten bürgerlicher Herrschaft; sie zeigt sich in der Mitwirkung sozialistischer Wissenschaftler in Bürgerinitiativen (Whyl/Atomkraftwerke) und im Mitbestimmungskampf von Wissenschaftlern und Technikern in Betrieben und staatlichen Großforschungseinrichtungen. Es ist zweifellos richtig, diese Seite des Widerspruchsverhältnisses nicht überzubewerten. Worauf es ankommt, ist, den dialektischen Begriff der Wissenschaft der realen Dialektik des Wissenschafts- prozesses und der Dialektik der Klassenauseinandersetzung abzu- gewinnen und keinen homogenen, statischen Zustand von 'Kapita- lismus' zu unterstellen. In diesem Zusammenhang scheint mir die von H. May und R. Nemitz formulierte Position zum Problem der Dialektik von Fortschritt und Regression im Kapitalismus richtig zu sein. Im Referat der Diskussion um J. Kuczynskis negative Antwort auf die Frage "Kann die wissenschaftlich-technische Revolution unter den Bedingungen des staatsmonopolistischen Kapitalismus durchgeführt werden?" heißt es: "Zu den wichtigsten Einsichten des wissenschaftlichen Sozialismus gehört die Analyse der Produktivkraftentwicklung: Das Kapital ist gezwungen, die Entwicklung von Arbeitskräften, Wissenschaft und Technik so weit voranzutreiben, daß schließlich die sozialistische Form der Produktion zur rationellsten wird. Dies macht die vorwärts- treibende Seite des Kapitals aus, es arbeitet durch wissen- schaftlichen und technischen Fortschritt dem Sozialismus in die Hände" 9). Die hier notwendige Schlußfolgerung für die Analyse der Wissenschaft im Kapitalismus muß zunächst lauten: wesentliche Problemstellung der Wissenschaftsforschung muß die E n t- w i c k l u n g e i n e s n i c h t - k a p i t a l i s t i- s c h e n W i s s e n s c h a f t s s e k t o r s i m K a p i- t a l i s m u s s e i n; mit Phasenverschiebungen entfalten sich nicht-kapitalistische Formen der Wissenschaftsproduktion und -organisation im Rahmen der Arbeiterklasse in vielen technolo- gisch hochentwickelten Ländern des kapitalistischen Systems. Erst in dieser strategisch wichtigen Sichtweise können einseitige Fixierungen auf den Aspekt der Kapitalreproduktion vermieden werden; erst so wird aus der Existenz widersprüchlicher Klassen- bewegung die Folgerung gezogen, welche die mechanistische, in der Kritik bürgerlicher Ideologie immer wieder auftretende Gleichung 'Wissenschaft im Kapitalismus = kapitalistische Wissenschaft' verhindert. 2.1. Fakten ----------- Die Realität scheint dieser Einschätzung zu widersprechen. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung wirkt sich in ihren sozialen Folgen gerade in der BRD so aus, daß geistige Arbeit ein Klassen- privileg der Produktionsmittelbesitzer geblieben ist. Tritt keine qualitative gesellschaftliche Veränderung ein, verkleinert sich in der BRD der Rekrutierungsbereich für wissenschaftlich-techni- sche Tätigkeiten zunehmend. Die weitaus überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ist an der wissenschaftlichen Produktion nahezu unbe- teiligt. Dies nicht, weil in den höchstentwickelten Industrielän- dern der Anteil der Beschäftigten mit Hochschulbildung - bei ei- ner Zuwachsrate von jährlich 8-10% - nur ca. 8% beträgt, sondern weil die etwa 70% der in der BRD zur Klasse der Werktätigen zäh- lenden Erwerbstätigen an dieser Qualifikationsform kaum beteiligt sind. Die Kinder der ca. 55% ungelernten und gelernten Arbeiter stoßen gegen die schwer überwindbare Barriere der Chancenun- gleichheit - vom Kindergarten bis zu den Universitäten. Benach- teiligt in der vorschulischen und Grund- und Hauptschulbildung, gelangen an die Realschulen ca. 35%, an die Gymnasien ca. 17%, an die Universitäten ca. 11%; unter den Doktoranden finden sich 8% dieses 55 prozentigen Bevölkerungsanteils wieder 10). J. Kuczyns- kis Berechnung, daß im Jahre 2000 etwa 20% der Werktätigen im wissenschaftlich-technischen Sektor arbeiten werden, wirft ein Schlaglicht auf dieses Dilemma. Die gegenwärtige ökonomische Krise macht deutlich, daß der Kapitalismus sein Arbeitsprodukti- vitätsniveau halten und erhöhen kann, weil er auf anachronisti- sche Mittel der E x t e n s i v i e r u n g zurückgreift. Der kurzfristige Umschwung vom Wachstumsschwund um minus 3% im Jahr 1975 auf ein Bruttosozialproduktwachstum von 5-6 % 1976 wird er- zielt durch Überstunden, Sonderschichten, verstärkte Arbeits- hetze, Angst vor Krankmeldung etc. Die Zahl der arbeitslosen Na- turwissenschaftler und Techniker ist zwischen 1971 und 1975 von 2.500 auf 15.200 gewachsen 11). Die politische Bildungs- und Wissenschaftsideologie der Bundesre- gierung zeichnet ein anderes Bild. Als Resümee des 'Bundesberichts Forschung IV' (März 1972) schreibt die Regierung: "Er dokumentiert eine Neuorientierung der Forschungspolitik: For- schungspolitische Planung wird künftig mit Vorrang an gesell- schaftlichen Aufgaben ausgerichtet werden... Das bedeutet: bevor- zugte Förderung von Vorhaben, die dazu beitragen, die menschli- chen Lebensbedingungen zu verbessern, gesellschaftliche Engpässe, Störungen und Gefahren zu beseitigen. Nicht das technisch Mach- bare, sondern das gesellschaftlich Verantwortbare gibt den Aus- schlag" 12). Ein Thema mit vielen Variationen, ganz in Dur ge- stimmt: "Staatliche Forschungs- und Technologiepolitik orientiert sich in der BRD an den konkreten Problemen und Bedürfnissen der Bevölkerung und des Gemeinwesens. Ziel ist es, Forschung schwer- punktmäßig dort einzusetzen, wo sie für das Leben der Menschen unmittelbar von Bedeutung ist" 13). Die Regierung wird sich eine andere Gesellschaft für diese Zielsetzung suchen müssen. Wirk- lichkeit ist: den größten Nutzen zieht die kleinste Bevölkerungs- gruppe, die 25.000, die zur m o n o p o l i s t i s c h e n B o u r g e o i s i e gerechnet werden können. Die Mehrheit steht mit diesem Nutzen durch die Lohnsteuer in Verbindung. Wer nach der Wissenschaft im Kapitalismus fragt, muß sich von den Illusionen freier einsamer Wissenschaftlerindividuen und der Uni- versitäten als Ort von Wissenschaft und Forschung lösen. In der BRD waren 1971 in Forschung und Entwicklung ca. 280.000 Personen beschäftigt, darunter über 70 % im privaten Unternehmenssektor. 1973 wurden von der Wirtschaft mit etwa 12,8 Mrd. DM aber nur 42% der gesamten Wissenschaftsaufgaben aufgewendet. Zwischen 1969 und 1974 hat sich das Volumen der Förderung von Wissenschaft, For- schung und Entwicklung bei einer Zunahme des Bruttosozialprodukts ungefähr verdoppelt. Hier ist nun die Umschichtung festzustellen, die ein S y m p t o m f ü r d e n s t a a t s m o n o p o- l i s t i s c h e n C h a r a k t e r d e s K a p i t a- l i s m u s i n d e r B R D darstellt: die Aufwendungen im Wirtschaftsbereich erhöhten sich von 6,6 Mrd. DM auf 12,4 Mrd. DM, die der öffentlichen Haushalte aber überproportional von 9,3 Mrd. DM auf 21,8 Mrd. DM. Nach verbrauchenden Stellen aufge- schlüsselt finanzieren sich Forschung und Entwicklung der gewerblichen Wirtschaft zunehmend aus Mitteln der öffentlichen Hand: 1969 flössen der Wirtschaft bei einer Eigenleistung von 6,2 Mrd. DM l Mrd. DM an Staatsbeitrag zu, während sich 1973 die Proportionen wesentlich verschoben hatten: der staatliche Subventionsanteil erhöhte sich von unter 15% auf über 20% (10,4 Mrd. DM : 2,3 Mrd. DM). Die Staatsfunktion in Forschung und Entwicklung schlägt sich in einem Prioritätenkatalog nieder, in dem Projekte der Industrieförderung an der Spitze stehen, "die dazu beitragen, das Leistungsangebot der Wirtschaft an anspruchs- vollen Technologien weiterzuentwickeln". Unter 'ferner liefen' erst Projekte, "die darauf gerichtet sind, die Erfüllung öffent- licher Aufgaben und die Infrastruktur zu verbessern, vor allem in den Bereichen Gesundheit, Arbeitswelt, Ernährung, Versorgung, Kommunikation und Verkehr". Der Staat bietet die Bedingung der Realisierung monopolistischer Extraprofite, denn gefördert wird, "wenn das wissenschaftlich-technische und wirtschaftliche Risiko hoch eingeschätzt werden muß, der finanzielle Einsatz groß ist" 14). Der Staat konzentriert seine Förderung zu 84% auf nur fünf, von marktbeherrschenden Monopolen regierte Branchen: Chemie, Elektrotechnik, Straßenfahrzeugbau, Luftfahrzeugbau und Maschi- nenbau. Konzentration und Zentralisation der Kapitalien werden so entgegen den Beteuerungen, die mittelständische Wirtschaft för- dern zu wollen, durch die Wissenschaftspolitik der BRD beschleu- nigt. Die Industrien, die nur 34% der Arbeiter beschäftigen, ver- ausgaben heute über 80% der Mittel für Forschung und Entwicklung und vergrößern ihren technologischen Abstand durch staatlich fi- nanzierte eigene wissenschaftliche Forschung und Überführung der Ergebnisse in Rationalisierung und Automatisierung. Industrieför- derung schlägt in der BRD mit 41% zu Buche, von denen offiziell lediglich 16,5% als Rüstungsausgaben ausgewiesen werden. Der Be- reich 'Soziale Fragen und Gesundheitswesen' verschwindet mit 2,2 % unter der drückenden Last der Monopolinteressen. Kein Wunder, daß die öffentliche Meinung vom Extrem eines überzogenen Wissen- schaftsoptimismus ins Extrem der Wissenschaftsverteufelung umzu- kippen droht. "Der Zusammenhang der jedesmaligen Verteilung mit den jedesmaligen materiellen Existenzbedingungen einer Gesell- schaft liegt sosehr in der Natur der Sache, daß er sich im Volks- instinkt regelmäßig widerspiegelt", schrieb Friedrich Engels 15). Daß die Ursachen dieser inhumanen Wirkung der Wissenschaften nicht in diesen selbst begründet sind, sondern im chaotischen Mangel an gesellschafts- und wissenschaftspolitischer Gesamtpla- nung, versuchen die Ideologen der 'weltweiten' Wachstumskrise mit einigem Erfolg zu vertuschen. Die staatliche Wissenschaftspolitik wird zunehmend abhängig vom partikularen Profit-Interesse, weil sich Extraprofite aus Innovationen nur solange ziehen lassen, wie die Konkurrenz technologisch nicht gleichgezogen hat. Aus Konkur- renzgründen wird mit dem Patentschutz durch Patentanmeldung ohne Überführung in die Produktion ein Mißbrauch betrieben, der der bewußten Vergeudung von Produktivkraft gleichkommt; aus Konkur- renzgründen investiert die Industrie im Kapitalismus in immer kurzfristigere und immer unsicherere technologische Ziele. Das Tempo des Fortschritts bindet in höherem Maße Kapitalien für In- vestitionen, die organische Zusammensetzung des Kapitals steigt, die Profitrate sinkt, nicht nur tendenziell. Staatliche Ressour- cen stellen die einzig noch mögliche Profitsicherung dar 16). Hier zeigt sich die W i d e r s p r ü c h l i c h k e i t d e r p r o d u k t i v e n P o t e n z d e r W i s s e n- s c h a f t i m K a p i t a l i s m u s: der technologische Fortschritt bietet für eine sozialistische Veränderung Bedingun- gen, wie sie in keinem der heute sozialistischen Länder im Anfangsstadium vorhanden waren. Der technologische Fortschritt erzwingt aber in der Phase vor dem Übergang zum Sozialismus, vor der möglichen Phase einer nicht-monopolistischen Demokratie, die durch staatliche Herrschaft gesicherte Verschärfung der Ausbeu- tung und relativen Verelendung der Massen. Diese Verschärfung wird zur Grenze des Kapitalismus. Sowenig den einzelnen Unterneh- mer der tendenzielle Fall der Profitrate interessieren mag, so- lange sein partikularer Profit gesichert ist, zwingt doch die Mo- nopolisierung dazu, den Staat als Funktion der Ökonomie zu erhal- ten und seinen Bankerott zu verhindern. Zur Vertiefung dieses we- sentlich neuen Elements der Dialektik des Kapitalverhältnisses trägt die Wissenschaft erheblich bei. Auf der anderen Seite führt die Integration der Wissenschaft in die staatsmonopolistische Form der volkswirtschaftlichen Repro- duktion zu erheblichen Rückschlägen. Die noch so reformistischen, von der demokratischen Bewegung aber oft politisch erfolgreich genutzten Versuche einer Demokratisierung des Wissenschaftsbe- triebs (durch Mitbestimmung, Drittmittelkontrolle etc.) passen nicht mehr in die veränderte Landschaft. HRG und Landeshochschul- gesetze liquidieren diese Reformen in der BRD. In Frankreich ge- schieht Vergleichbares durch die als 'Reform' verkaufte und auch durch Massenproteste noch nicht verhinderte 'Öffnung der Wissen- schaft' gegenüber den 'relevanten gesellschaftlichen Kräften': die Studiengänge und Curricula werden durch Vertreter der Wirt- schaft und Wirtschaftsverbände auf ihre Effektivität hin über- prüft und in deren Interesse den (aktien)gesellschaftlichen Be- dürfnissen angepaßt. In der BRD werden die Universitäten zuneh- mend unter denselben Druck geraten. Die staatliche Finanzierung - und damit Kontrollmöglichkeit gewählter Organe - wird immer mit- telbarer: die Industrie bezieht Forschungsmittel vom Staat und finanziert universitäre Drittmittel-Forschung; bereits heute bil- den Drittmittel - etwa in mit Pharma-Forschung befaßten Institu- ten, in rüstungsforschungsorientierten Instituten Technischer Hochschulen - oft den überwiegenden Teil der Forschungsetats. In wissenschafts- und forschungspolitischen Zielprojektionen des Staats kommt diese Widersprüchlichkeit zum Ausdruck gerade in der Ausblendung des sozial-ökonomischen Antagonismus und im epidemi- schen Ausufern von Neo-Harmonismen wie 'die Gesellschaft', 'das Gemeinwesen', 'unsere Wirtschaft', in denen eine Interesseniden- tität der gesellschaftlichen Kräfte propagiert wird. So liest man: "Forschung und neue Technologien gestalten die Zukunft unse- rer Gesellschaft entscheidend mit; sie helfen, gesellschaftliche Probleme zu lösen (BF 10). Man liest weiter, wie das Interesse 'unserer Wirtschaft' allem vorangestellt wird, gehe es doch darum, "die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirt- schaft zu erhalten und auszubauen" (BF 10). Die Verbesserung der 'Lebensqualität' hängt schlicht vom Wohlergehen der Wirtschaft ab (BF 13; 24). Zwei Beispiele können verdeutlichen, daß Kriterien der gesell- schaftlichen Gesamtplanung, der Hebung des materiellen Lebens- standards und des Bedürfnisniveaus der werktätigen Mehrheit der Bevölkerung in der staatsmonopolistischen Wissenschaftspolitik keine Rolle spielen - ohne daß dies zugleich auch schon den wis- senschaftlich-technischen Fortschritt ernsthaft blockieren würde! Beispiel Nr. 1 ist die universitäre Wissenschaftsförderung des Bundes: Ohne ein Konzept gesellschaftlicher Prioritäten gießt die Bundesregierung das Füllhorn der Wissenschaftsfinanzierung aus: über die sogenannten Geisteswissenschaften entsprechend dem ideo- logisch herrschenden Kultur-Idealismus; über die Natur-, Technik- und Ingenieurwissenschaften entsprechend dem herrschenden Pragma- tismus; über die Gesellschaftswissenschaften entsprechend der herrschenden Ideologie von deren Ineffizienz (und der Angst vor deren möglicher Effizienz). Mit 1,8 Mrd. DM wurden zwischen 1969 und 1972 die 'Geisteswissenschaften' bedacht. Die Naturwissen- schaften erhielten 8,4 Mrd. DM, die Ingenieurwissenschaften 2,8 Mrd. DM, die Argrarwissenschaften 1,3 Mrd. DM. Der Bundesbericht Forschung V weist für die 'Wirtschafts- und Sozialwissenschaften' ganze 697,41 Mill. DM aus. Das Beispiel Nr. 2 stammt aus dem Forschungsförderungsbereich 'Soziales' und betrifft das Projekt 'Humanisierung der Arbeits- welt'. Leitsatz 80 des BF führt dazu aus: "Ein besonderes Problem ... liegt in dem Verhältnis von Humanisierung und Produktions- steigerung. Hier gibt es keine allgemeinen Lösungen. Der mögliche Zielkonflikt muß vielmehr in jedem Einzelfall gelöst werden. Die extreme Arbeitsteilung am Fließband hat hohe Produktivitätsstei- gerungen erbracht, ihre Monotonie hat dann über extreme Fluktua- tionsraten, hohen Krankheitsstand und Qualitätsrückgang zur Ge- fahr eines Produktionsrückgangs geführt" (BF 34). Keine allgemei- nen Lösungen, d.h. keine Arbeitsplatzgarantie durch ein Verfas- sungsrecht auf Arbeit, keine Sozialgesetzgebung gegen Ausbeutung usw. Die Fiktion eines einheitlichen gesellschaftlichen Interes- ses an 'Humanisierung', sprich: Effektivierung, denn wo ist vom Verkrüppeln schöpferischer Fähigkeiten, vom Zusammenhang von Ge- sundheit und Glück die Rede?, geht bis zur Unterstellung philan- thropischer Zwecke auf der Kapitalseite: "Eine menschengerechte Gestaltung der Arbeitsbedingungen zu erreichen, liegt im Inter- esse der arbeitenden Bevölkerung und der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft" (BF 33). Der Weg zum Ziel der "Erweiterung der Mög- lichkeiten des einzelnen, seine Fähigkeit zu entfalten" deckt die Widersprüchlichkeit der Wissenschafts- als Sozialpolitik auf. "Die fachliche Mitwirkung der wissenschaftlichen und technischen Mitarbeiter verbreitert die Entscheidungsbasis". So weit so gut, ginge es um die demokratische Kontrolle beim Einsatz der von den Werktätigen erarbeiteten Mittel. Es geht um etwas ganz anderes, denn diese 'Mitwirkung' "führt zu einer stärkeren Identifikation mit den getroffenen Entscheidungen und erhöht die Effizienz" (BF 19). Der Kommentar des DGB zum Forschungsbericht V beweist, daß von der Harmonie der Interessen an 'Humanisierung' keine Rede sein kann: "Zunächst werden durch Modernisierung der Wirtschaft inhu- mane Arbeitsbedingungen geschaffen, danach werden diese inhumanen Arbeitsbedingungen durch ein Forschungsprogramm zur Humanisierung der Arbeitswelt untersucht" 17). Die CDU-Bundestagsfraktion hatte, kaum war in Mannheim beim CDU-Parteitag die konservative, das 19. Jh. bewegende gegenrevolutionäre alte in Form einer 'Neuen Sozialen Frage' entstaubt, demagogisch bei der Bundesre- gierung angefragt: "Welches Förderungskonzept für das Forschungs- programm 'Humanisierung des Arbeitslebens' hat dazu geführt, daß ein großer Teil der Mittel an eine von Großunternehmen geprägte Arbeitsgemeinschaft fließen?". Die Antwort macht klar, daß die Bundesregierung die Erfolgskontrolle über ein Forschungsprojekt von bisher 50 Mill. DM und weitere bis 1979 geplante 250 Mill. DM an eben jene Großindustrie vergeben hatte, die als Verursacher inhumaner Arbeitsbedingungen selbst Gegenstand der Untersuchung sein sollte. Wissenschaftspolitik zugunsten der Werktätigen? Auf Anfrage der CDU stellt die Bundesregierung fest: "Die Berücksich- tigung der Arbeitnehmerinteressen wird dadurch erreicht, daß be- triebliche Projekte im Rahmen des Programms mit den zuständigen Betriebsräten abzustimmen sind und daß die Betriebsräte nach Mög- lichkeit auch an der Begleitung der Forschungsprojekte beteiligt werden" (18). Nach wessen Möglichkeiten? Im Rahmen der nahezu zur Wirkungslosigkeit abgemagerten Mitbestimmung? Die Quadratur des wissenschaftspolitischen Kreises ergibt dieses Bild: die von den Arbeitern erarbeiteten Mittel der Forschungsförderung werden ver- ausgabt zur Effektivierung des Arbeitslebens und eingesetzt unter Kontrolle derer, die zu kontrollieren und zur Humanisierung zu veranlassen die schöne Absicht war. Entsprechend stellt der Bun- desminister für Bildung und Wissenschaft für die Hochschulen fest: "Meines Wissens gibt es noch keine verbindliche, durch Be- schlüsse festgelegte Bestimmung der Arbeitnehmerinteressen in der Hochschulpolitik" 19). 2.2. Schlußfolgerungen ---------------------- Wie produktiv ist die Wissenschaft im Kapitalismus? Die Bedeutung von Wissenschaft und Technik nimmt unbestreitbar zu. Das Wachstum des Bruttosozialprodukts wird gegenwärtig z.B. in den USA zu ca. 75% durch wissenschaftlich-technische Faktoren der Intensivierung erzeugt. In der BRD beweist die Zahl der Nicht-Zulassungen vom Hochschulstudium (numerus clausus), daß Forschungspotentiale durch die durch innere Widersprüche des Produktions- und Repro- duktionssystems erzwungene Konzeptionslosigkeit der Gesell- schaftspolitik ungenutzt bleiben, wie die Zahl der ausländischen Arbeiter in der BRD - weitgehend zu schwerer körperlicher Arbeit eingesetzt - den hieraus erwachsenden Zwang zur Extensivierung belegt. Selbst die einfache Reproduktion der Volkswirtschaft be- reitet in der allgemeinen ökonomischen Krise des Kapitalismus un- geheure Probleme. Dabei bleiben allerdings nationale Unterschiede zu beachten: die Zusammensetzung der Fonds für Forschung und Ent- wicklung in den USA war bereits Mitte der 60er Jahre derart, daß einem Anteil der Bundesmittel von 66,3% nur noch ein privatindu- strieller Anteil von 31,0% gegenüberstand. Die von V.V. Bykov aus diesen und anderen Daten gezogenen Schlußfolgerungen lassen sich auf die BRD nur in einer Trendanalyse übertragen: "Der Staat schafft ein System von Forschungsinstituten und Laboratorien, de- ren Organisation gekennzeichnet ist durch: 1. einen gesellschaft- lich-kombinierten Erkenntnisprozeß in jedem Forschungsinstitut und Laboratorium; 2. netzwerkartige Verbindungen zwischen den einzelnen Forschungsinstituten und Laboratorien, die in der Regu- lierung ihrer Funktionsweise durch den Staatsapparat zum Ausdruck kommt (hier gibt es noch kein Netz, das im gesamtgesellschaftli- chen Maßstab für die Lösung von Systemen von Erkenntnisaufgaben organisiert wird); 8. die Herauslösung dieses Netzes aus der ka- pitalistischen Produktion" 20). In der BRD verhindern neben dem Kulturföderalismus vor allem die unmittelbaren Formen industriel- ler Beteiligung an Staatsorganisationen der Forschung und Wissen- schaft eine derartige Konzentration in Staatshand. Beispiele sind die DFG 21), die Max-Planck-Gesellschaft, das West-Berliner Wis- senschaftszentrum, die Gründung nicht-staatlicher Hochschulen (z.B. Hartmann-Bund auf dem medizinischen Sektor) und die er- staunliche Tatsache, daß der Staat im Bereich der von ihm immer weitergehend finanzierten Industrieförderung nicht einmal zur amtlichen Datenerhebung zugelassen ist ("Die Daten über Wissen- schaft, Forschung und Entwicklung werden seit 1948 mangels einer amtlichen Statistik auf gesetzlicher Grundlage von Archivdienst für Wissenschaftsstatistik beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft in zweijährigem Rhythmus erhoben" BF 68). Die Anar- chie im sozial-ökonomischen Bereich ist politisch nicht zu mei- stern, so lange die Trennung von gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung und, als Ausdruck dieses Grundwider- spruchs,privater Aneignung und staatlicher Alimentierung nicht aufgehoben ist. Gleichwohl ist die 'naturwüchsige' Subsumtion der Wissenschaft unter die kapitalistische große Industrie des 19. Jh. auch in der BRD neuen Organisationsformen der Unterwerfung der Wissenschaft gewichen. Thyssen-Stiftung, VW-Stiftung, Fried- rich-Ebert-Stiftung und vergleichbare Organisationen zeigen die- sen neuen Charakter der Subsumtion an, der den Konzentrations- und Monopolisierungsformen des Kapitals entspricht. Mit H. Seickert kann man feststellen: "Die a l l g e m e i n e n ge- setzmäßigen Erscheinungen der Wissenschaftsentwicklung, die in verschiedenen Produktionsweisen (Kapitalismus und Sozialismus) in der Zunahme wissenschaftlicher Tätigkeiten, im Wachstum wissen- schaftlicher Erkenntnisse sowie im Wachstum des Wissenschaftspo- tentials zum Ausdruck kommen, und die s p e z i f i s c h e n gesetzmäßigen Erscheinungen der Wissenschaftsentwicklung, die in den q u a l i t a t i v unterschiedlichen Tendenzen der Wissen- schaftsentwicklung und der Vergesellschaftung der Wissenschaft im Kapitalismus und Sozialismus sichtbar werden, stellen ein System von Gesetzmäßigkeiten dar" 22). Dieses System von Gesetzen der Integration der Wissenschaft in die Produktionsweise findet im Kapitalismus seine Regulierung durch d i e D i a l e k t i k d e s G r u n d w i d e r s p r u c h s, des Kapitalverhältnis- ses. Friedrich Engels' Satz "Wir können nur unter den Bedingungen un- serer Epoche erkennen und s o w e i t d i e s e r e i c h e n" 23) zieht nicht nur das Fazit aus der Gesellschaftlichkeit der materiellen und ideellen Produktion, aus dem gesellschaftlichen Charakter auch des Erkenntnisprozesses, sondern fordert die Wis- senschaftstheorie auf, genau zu beschreiben, w i e w e i t diese 'Bedingungen der Epoche' tatsächlich reichen. Es wäre falsch, aus dem Faktum der s p o n t a n e n Wirkung der objek- tiven Gesetze der Produktion und Reproduktion im Kapitalismus den Schluß auf die p r i n z i p i e l l e B e w u ß t l o s i g- k e i t des Wissenschaftsprozesses in der bürgerlichen Gesell- schaft zu ziehen. Die Bedingungen der Epoche des Übergangs zum Sozialismus reichen nicht nur g e s c h i c h t l i c h z u- r ü c k in die Abfolge von "Generationen, von denen Jede die ihr von allen vorhergegangenen übermachten Materiale, Kapitalien, Produktivkräfte exploitiert, daher also einerseits unter ganz veränderten Umständen die überkommene Tätigkeit fortsetzt und andrerseits mit einer ganz veränderten Tätigkeit die alten Umstände modifiziert" 24); die Bedingungen unserer Epoche reichen nicht nur soweit, wie es die Fortvegetation überlebter Produk- tionsweisen zuläßt. So findet beispielsweise die wissenschaft- liche Tätigkeit in der BRD ihre Bedingungen und Beschränkungen institutioneller und rechtlicher Art in Art. 3 Abs. 5 GG, dessen Ziele widersprüchlich begründet sind: in ihn ist die überlebte liberalistische Konzeption der Konkurrenz-Freiheit der Privat- kapitalisten eingegangen, zugleich aber enthält er die Tradition des demokratischen Naturrechts und der bürgerlichen Revolutionen. Die Reichweite der Bedingungen unserer Epoche erstreckt sich weit darüber hinaus in o b j e k t i v e M ö g l i c h k e i t e n e i n e r Z u k u n f t, deren Garant die objektive historische Funktion der Arbeiterklasse im staatsmonopolistischen Kapitalis- mus ist. Diese Arbeiterklasse hat, um beim verfassungsrechtlichen Beispiel zu bleiben, bereits im Grundgesetz die Offenhaltung der sozialökonomischen Entwicklung der BRD als Kompromiß-Resultat ihres Kampfes um die Demokratie durchgesetzt. Darüber hinaus: wer die Bedingungen wissenschaftlicher Tätigkeit im Kapitalismus allseitig untersucht, wird den Internationalismus der Arbeiter- klasse, den Systemkonflikt - in der BRD überdeutlich spürbar - und die Auswirkungen des antiimperialistischen Kampfs um nationale Befreiung auf diese Bedingungen nicht übersehen können; (als Beispiel wäre hier die Rolle der Solidarität mit Chile, die Auswirkung der Tätigkeit antifaschistischer chilenischer Wissen- schaftler in der BRD zu nennen). Die spontane Wirkung der Gesetze des kapitalistischen Systems drückt sich in erster Linie darin aus, daß es eine bewußte p r o p o r t i o n a l e Entwicklung der unterschiedlichen ge- sellschaftlichen Sektoren nicht gibt. Disproportionalitäten tre- ten im Verhältnis der Wirtschafts- und Wissenschaftsentwicklung auf, in der innerwissenschaftlichen Forschungsplanung und im wis- senschaftlichen Bereich der Lehre und Ausbildung. Offensichtlich wird dies durch die Einführung des numerus clausus, dem nicht etwa gesellschaftliche Bedarfsberechnungen zugrunde gelegen ha- ben, sondern mehr oder minder durch subjektive Studienwünsche be- wirkte Zufälligkeiten; die gegenwärtige dezisionistische Aufhe- bung des NC ohne gleichzeitige Schaffung der materiellen Voraus- setzungen (Laborplätze etc., Arbeitsplatzerwartungs-Berechnungen etc.) wird zur Überfüllung der Universitäten, zum Abbau demokra- tischer Studienreform-Positionen, zur Verhinderung lernintensiver Kleingruppenarbeit und im Endergebnis zur Ineffizienz universitä- rer Wissenschaft führen. Auch hier freilich verfügen die großen Monopole durch ihr System innerbetrieblicher Ausbildung - wie bei IBM, AEG, Siemens - über Möglichkeiten, den Effektivitätsverlust aufzufangen. Über die geradezu lebensgefährliche Disproportion zwischen Rüstungs- und Wissenschaftsaufwendungen braucht man kaum mehr ein Wort zu verlieren. Eine der wesentlichen Folgelasten der spontanen Wirkung objektiver Gesetze im Kapitalismus ist, daß es keine Garantie einer auch nur annähernd zureichenden I n t e n- s i v i e r u n g gibt. Dies betrifft die Intensivierung des wissenschaftlichen Arbeitsprozesses durch zweckmäßige Planung, Organisation, Leitung und Kontrolle und Erhöhung der finanziellen Fonds wie vor allem die vom wissenschaftlich-technischen Arbeits- prozeß unmittelbar abhängige Intensivierung der gesellschaft- lichen Produktion, der gesellschaftlichen Reproduktion und damit schließlich die q u a l i t a t i v e Verbesserung der ma- teriell-technischen Basis. Soweit durch wissenschaftlich-techni- schen Fortschritt Intensivierung stattfindet - und sie findet zweifellos statt -, handelt es sich weitgehend um eine q u a n t i t a t i v e Erhöhung der Produktivität der Wirt- schaft. Der ö k o n o m i s c h e F o r t s c h r i t t bleibt im Kapitalismus vom s o z i a l e n F o r s c h r i t t ge- trennt, sofern nicht antikapitalistische Gegensteuerung durch Ge- werkschaften und andere gesellschaftliche Kräfte und Organisatio- nen der Arbeiterklasse das Profitstreben als Maxime der kapitali- stischen Ökonomie eindämmt. In diesem Zusammenhang spielen die Kooperationsverträge des DGB oder von Arbeiterkammern (so in Bre- men) mit Reformhochschulen eine nicht zu überschätzende Rolle für den Wissenschaftsprozeß. Auch diese neuen Formen der Bindung der Wissenschaft an die Interessen der Werktätigen zeigen, wie falsch die mechanische Gleichung von Kapitalismus und Wissenschaft in der bürgerlichen antagonistischen Gesellschaft ist. Ihrer Tendenz nach beweisen die ersten Ergebnisse wissenschaftlicher Tätigkeit im Rahmen dieser Verträge - etwa Studien zur Lage von Hafenarbei- tern, die die Gewerkschaft in die Lage versetzen, gezielt Forde- rungen zur Verbesserung der Arbeitsplätze etc. zu formulieren, Studien zur Schadstoffbelastung in industriellen Ballungsräumen mit dem Ziel, industriellen Profitinteressen begegnen zu können, gutachterliche Tätigkeiten von Arbeitsrechtlern für Betriebsräte -, welche Möglichkeiten der wissenschaftliche Fortschritt in ei- ner nichtmonopolistischen Demokratie eröffnet. Ein Fazit: ---------- Eine materialistische Wissenschaftstheorie, welche die Lage von Wissenschaft und Forschung im Kapitalismus richtig widerspiegelt, muß von der alle gesellschaftlichen Lebensverhältnisse prägenden Dialektik, vom Grundwiderspruch von Kapital und Lohnarbeit, von Bourgeoisie und Arbeiterklasse ausgehen. Nicht hinreichend ist es, die Verschiedenheit der Systeme 'Wissenschaft - Technik - Produktion' in Kapitalismus und Sozialismus theoretisch zu formu- lieren, wenn nicht als wichtigstes Element der Produktion die Hauptproduktivkraft, der Mensch, berücksichtigt wird. 'Der Mensch' - dies ist keine anthropologische Abstraktion. Es geht darum, die Menschen in ihren Klassen- und Schichtenverhältnissen vor Augen zu haben. Der wesentliche Unterschied zwischen den Sy- stemen 'W - T - P' in Kapitalismus und Sozialismus ist die S t e l l u n g d e r A r b e i t e r k l a s s e. Ohne Demo- kratie, ohne die ökonomische Verfügung der Mehrheit der werktäti- gen Bevölkerung über die Produktionsmittel und ohne die politi- sche Macht zur Sicherung der Mehrheitsinteressen gegenüber den Machtansprüchen der monopolistischen Bourgeoisie bleibt die Wis- senschaft in der bürgerlichen Gesellschaft letztlich selbst Aus- druck des Widerspruchs, bildet den Widerspruch i n s i c h ab und wird an der vollen Entfaltung ihrer fortschrittlichen sozia- len Wirkung gehindert. Gleichwohl bleibt zu berücksichtigen: Er- gebnisse der Wissenschaft nutzen sich nicht ab und bleiben ver- wendbar. Die Produktivkraftentwicklung durch bürgerliche Wissen- schaft dient nicht ausschließlich dem Kapital, sondern verbessert langfristig die Ausgangsbedingungen der Arbeiterklasse auch dann, wenn zunächst ihre negativen Folgen wirksam werden. Diesen Ef- fekt, für den die geschichtsphilosophische Metapher der 'List der Geschichte' (Fr. Engels) nicht unzutreffend wäre, beschränkt sich nicht allein auf die 'Produktionswissenschaften'. Trotz der ge- genwärtigen Disproportionen zwischen Natur- und Technikwissen- schaften einerseits und Gesellschaftswissenschaften andererseits weist J. Hirsch sicher zu recht darauf hin, daß er die Gesell- schaftswissenschaften nicht unberührt läßt: "Der von der Bewegung des Kapitals vorangetriebene Fortschritt der 'Produktionswissen- schaften' zieht eine wesentlich vom Staatsapparat initiierte Entwicklung von Organisations-, Planungs- und Sozialwissen- schaften nach sich, die sich zentral auf die Sicherung der Funk- tionsfähigkeit einer unter wachsendem 'Aufgabendruck' stehenden staatlichen Administration und auf Strategien zur Auf- rechterhaltung der bestehenden politischen Herrschaftsverhält- nisse als Bedingung der Gewährleistung des kapitalistischen Pro- duktionsverhältnisses richtet" 25). Diese Entwicklung wird von der These nicht erfaßt, die den bürgerlichen Naturwissenschaften einen ideologisch neutralen Status von V e r w e r t u n g s- w i s s e n zumißt, die Gesellschaftswissenschaften aber als prinzipielle I d e o l o g i e p r o d u z e n t e n mißver- steht. Die Frage "Wie produktiv ist die Wissenschaft im Kapi- talismus?" ist gleichbedeutend mit der Frage "Wie wissen- schaftlich ist die Wissenschaft im Kapitalismus?". Auf diese Frage werde ich zurückkommen. 3. Wissenschaft als Produktivkraft ---------------------------------- Aus der - hier nur andeutungsweise - empirischen Bestandsauf- nahme'der Wissenschaft und ihrer ökonomischen Funktion sowie der staatsmonopolistischen Wissenschaftspolitik ergibt sich: Wissen- schaft ist auch im Kapitalismus Produktivkraft. Nicht nur, daß erst der Kapitalismus in der industriellen Revolution eine enorme Beschleunigung der Wissenschaftsentwicklung und der Vergesell- schaftung der Wissenschaft mit sich gebracht hat. Von Anfang an ist die Wissenschaft sowohl Bedingung wie Resultat kapitalisti- scher Produktion. Das Kapital produziert mit der Wissenschaft seine Reproduktion; in der Wissenschaft produziert es seine Grenze: "Die Universalität, nach der es unaufhaltsam hintreibt, findet Schranken an seiner eignen Natur, die auf einer gewissen Stufe seiner Entwicklung es selbst als die größte Schranke dieser Tendenz werden erkennen lassen und daher zu seiner Auflösung durch es selbst hintreiben" 26). Eine entscheidende Voraussetzung seiner Aufhebung produziert das Kapital in der "T r e n n u n g d e r W i s s e n s c h a f t v o n d e r A r b e i t", die zu einer Bedingung des Klassenantagonismus wird, gleichwohl aber die Grundbedingung der "Anwendung der Wissenschaft als solcher auf die materielle Produktion" darstellt 27). Marx beschreibt die Auswirkungen dieses Funktionswandels der Wis- senschaft für die Arbeiterklasse in der Phase der industriellen Revolution: "das Detailgeschick des individuellen, entleerten Ma- schinenarbeiters verschwindet als ein winzig Nebending vor der Wissenschaft..., die im Maschinensystem verkörpert" ist 28). Den Arbeitern treten "die g e s e l l s c h a f t l i c h e n Cha- raktere ihrer Arbeit" vergegenständlicht, "k a p i t a l i- s i e r t" gegenüber 29). Auch die Wissenschaft erscheint dem Lohnarbeiter "als E x p l o i t a t i o n s m i t t e l der Arbeit, als Mittel, Surplusarbeit anzueignen, daher als dem Kapital angehörige" Kraft "der Arbeit"; die Integration der Wissenschaft in die Produktion wird als "T a t d e s K a p i t a l s" verstanden 30). Interessant ist, daß Marx diese Fetischisierung wissenschaftlicher Tätigkeit aber nicht allein in ihrer Auswirkung auf den Lohnarbeiter untersucht. Er fragt nach dem Funktionswandel der Wissenschaft selbst - und darüber hinaus nach dem neuen Typus wissenschaftlicher Tätigkeit und des Wissenschaftlers. "Die Akkumulation des Wissens und des Geschicks, der allgemeinen Produktivkräfte des gesellschaftlichen Hirns, ist so der Arbeit gegenüber absorbiert in dem Kapital und erscheint daher als Eigenschaft des Kapitals" 31). Für die Wissenschaftstheorie im Kapitalismus bedeutsam ist, daß Marx nicht nur feststellt: "die Wissenschaft ... existiert nicht im Bewußtsein des Arbeiters, sondern wirkt durch die Maschine als fremde Macht auf ihn, als Macht der Maschine selbst" 32). Wichtig ist, daß Marx nicht nur von 'E r s c h e i n u n g s w e i- s e n' der Wissenschaft im B e w u ß t s e i n der Betroffenen - wovon dann die 'eigentliche Wissenschaft' getrennt wäre - spricht, sondern vom Wesen wissenschaftlicher Tätigkeit. Er schreibt: "In diesem Prozeß, worin die g e s e l l s c h a f t- l i c h e n Charaktere ihrer Arbeit ihnen gewissermaßen k a- p i t a l i s i e r t gegenübertreten, ... findet natürlich dasselbe statt für die Naturkräfte und die Wissenschaft, das Produkt der allgemeinen geschichtlichen Entwicklung in ihrer abstrakten Quintessenz" 33). Die Subsumtion der Wissenschaft unter das Kapitalverhältnis führt notwendig dazu, daß die Tätigkeit der Wissenschaft Produzierenden sich zunächst tendenziell, heute offensichtlich der Grundform der gesellschaft- lichen Arbeit annähert. Der Wissenschaftler verfügt nicht über das Produkt seiner Arbeit. Das Erschrecken des Atomphysikers nach Hiroshima ist nur der Endpunkt dieser Entwicklung im Kapitalismus. Dies ist die eine Seite. Deren Kehrseite aber ist, daß mit der V e r s e l b s t ä n d i g u n g d e r W i s- s e n s c h a f t in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung sich eine historisch neuartige und ungemein f o r t s c h r i t t- l i c h e Form der Arbeit herausbildet. Marx hat diesen Sach- verhalt in der Kategorie "allgemeine Arbeit" formuliert. Es kommt mir darauf an, in der Diskussion über die Funktion dieser Kategorie für die Wissenschaftstheorie einen Aspekt von 'allgemeine Arbeit' hervorzuheben, der bisher ungenügend beachtet wurde. 3.1. Allgemeine Arbeit' als Kennzeichen des produktiven ------------------------------------------------------- Charakters wissenschaftlicher Tätigkeit --------------------------------------- Ginge es darum, den produktiven Charakter Wissenschaftler Tätig- keit durch ein theoretisches Konstrukt abstrakt zu beweisen, könnte man mit Marx antworten: "Wie sich die Herrschaft des Kapi- tals entwickelte und in der Tat auch die nicht direkt auf Schöp- fung des materiellen Reichtums bezüglichen Produktionssphären im- mer mehr von ihm abhängig wurden - namentlich die positiven Wis- senschaften (Naturwissenschaften) als Mittel der materiellen Pro- duktion dienstbar gemacht wurden, glaubten sykophantische under- lings der politischen Ökonomie jede Wirkungssphäre dadurch ver- herrlichen zu müssen und rechtfertigen, daß sie selbe 'im Zusam- menhang' mit der Produktion des materiellen Reichtums darstellten - als Mittel für denselben - und jeden damit beehrten, daß sie ihn zum 'produktiven Arbeiter' im 'ersten' Sinn machten, nämlich zu einem labourer, der im Dienst des Kapitals arbeite" 34). Mit diesem ironischen Veto wäre die Sache erledigt. W i s s e n s c h a f t - d i e s d i e T h e s e - i s t n i c h t z u l e t z t d e s h a l b p r o d u k t i v, w e i l s i e n i c h t a u f i h r e F u n k t i o n 'i m D i e n s t d e s K a p i t a l s' r e d u z i e r t w e r- d e n k a n n - a u c h n i c h t i m K a p i t a l i s- m u s. Wissenschaft ist produktiv nicht zuletzt deshalb, weil sie im Ergebnis der Arbeitsteilung 'befreit' wird von der U n m i t t e l b a r k e i t d e r E r k e n n t n i s gegen- über den Erscheinungen, freigestellt wird von der u n m i t- t e l b a r e n K o o p e r a t i o n der Produzenten. "Alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen" 35). Dieser Marxsche Satz ist keine apriorische Begründung der Notwendigkeit der Wissenschaft, sonder ein Fazit aus der Praxis. Wissenschaftliche Tätigkeit ist nicht nur das "Produkt der allgemeinen geschicht- lichen Entwicklung in ihrer abstrakten Quintessenz", sondern stellt selbst die - je nach sozialökonomischer Verwertungsbe- dingung - mehr oder minder bewußte Anwendung und Vermehrung dieses Produkts dar. Insofern ist sie 'Logik' der Entwicklung der Arbeit im Sinne des Leninschen Begriffs von Logik, nämlich "Fazit, Summe, Schlußfolgerung aus der G e s c h i c h t e der Erkenntnis der Welt" 36). Marx hat die produktive Funktion wissenschaftlicher Tätigkeit in der Kategorie 'allgemeine Arbeit' gefaßt. Der Satz "Allgemeine Arbeit ist alle wissenschaftliche Arbeit, alle Entdeckung, alle Erfindung" ist keine abstrakte Definition und kein Einfall am Rande. Man muß ihn im Kontext lesen! Er steht in einem Abschnitt des 'Kapital' unter dem Titel "Ökonomie durch Erfindungen" im Rahmen von Überlegungen zu "Ersparungen in Anwendung des fixen Kapitals", eingeleitet durch ein "Nebenbei bemerkt". Der H a u p t a k z e n t dieses Textes ist anders gesetzt: "Endlich aber entdeckt und zeigt e r s t d i e E r f a h r u n g des kombinierten Arbeiters, wo und wie zu ökonomisieren, wie die be- reits gemachten Entdeckungen am einfachsten auszuführen, welche praktischen Friktionen bei Ausführung der Theorie - ihrer Anwen- dung auf den Produktionsprozeß - zu überwinden usw." Dann folgt: "Nebenbei bemerkt, ist zu unterscheiden zwischen allgemeiner Ar- beit und gemeinschaftlicher Arbeit. Beide spielen im Produktions- prozeß ihre Rolle, beide gehn ineinander über, aber beide unter- scheiden sich auch. Allgemeine Arbeit ist alle wissenschaftliche Arbeit, alle Entdeckung, alle Erfindung. Sie ist bedingt teils durch Kooperation mit Lebenden, teils durch Benutzung der Arbei- ten Früherer. Gemeinschaftliche Arbeit unterstellt die unmittel- bare Kooperation der Individuen" 37). Erst aus diesem Kontext schlüsselt sich die wissenschaftstheore- tische Bedeutung dieses Marxschen definitorischen Ansatzes auf. Am Beispiel der hohen Kosten beim Bau einer Maschine und der er- heblich geringeren Aufwendungen für ihre spätere Reproduktion veranschaulicht Marx die produktive Rolle der Erfahrung, der Wis- senschaft, d.h. "der allgemeinen Arbeit des menschlichen Geistes und ihrer gesellschaftlichen Anwendung durch kombinierte Arbeit" 38). In der Widersprüchlichkeit, einerseits durch Lösung aus der unmittelbaren individuellen Kooperation über das gesellschaftlich akkumulierte Wissen zu verfügen und damit potentiell auch auf kritische Distanz zu den Erscheinungen der unmittelbaren Empirie zu gehen, andererseits aber gerade in dieser 'Freiheit' den Re- produktionsprozeß des Kapitals zu effektivieren, liegt ihr D o p p e l c h a r a k t e r. Daß die gesellschaftliche Arbeitsteilung eine Voraussetzung der Produktivität der Wissenschaft ist, haben Marx und Engels bereits in einer frühen Stufe der Herausbildung des historischen Materia- lismus angedeutet, in der 'deutschen Ideologie'. In einem Passus zur Entwicklung des Bewußtseins über dessen Schranken, zunächst "bloß Bewußtsein über die n ä c h s t e sinnliche Umgebung und Bewußtsein des bornierten Zusammenhanges mit anderen Personen und Dingen" zu sein, verweisen sie n i c h t nur auf die möglichen und wirklichen sozialen Folgen der Arbeitsteilung, die darin be- stehen, "daß die geistige und materielle Tätigkeit" daß der Genuß und die Arbeit, Produktion und Konsumption, verschiedenen Indivi- duen zufallen". Zwar klammert die 'Deutsche Ideologie' im Unter- schied zum 'Kapital' die Wissenschaften noch aus dem Bereich 'Produktivkräfte' aus; wichtiger ist aber, daß hier auch der F o r t s c h r i t t s a s p e k t d e r A r b e i t s t e i- l u n g herausgearbeitet ist: "Die Teilung der Arbeit wird erst wirklich Teilung von dem Augenblicke an, wo eine Teilung der materiellen und geistigen Arbeit eintritt. Von diesem Augenblicke an k a n n sich das Bewußtsein wirklich einbilden, etwas Andres als das Bewußtsein der bestehenden Praxis zu sein" 39). Marx und Engels kritisieren zwar daraufhin die ideologische Abstraktheit der "'reinen' Theorie", die sich von der Welt 'emanzipiert' habe, legen aber den Grundstein eines wichtigen Teils der Produktiv- krafttheorie. Daß von hier Wirkungen für die materialistische Erkenntnistheorie ausgehen (Nicht-Identität von Realität und Begriff, gegen die Hegelsche Identitätslehre gewendet) wie auch für die Wissenschaftstheorie (Betonung des kognitiven Aspekts, Bedeutung der Widerspiegelungstheorie, Hervorhebung des aktiv- schöpferischen Charakters der Widerspiegelung), wird man stärker berücksichtigen müssen. Zu den Schlußfolgerungen, die zu ziehen sind, gehört: die von der materialistischen Erkenntnistheorie, vor allem durch Lenin im Unterschied zum Idealismus her- ausgestellte Nicht-Identität von Sein und Bewußtsein, Realität und Begriff drückt sich aus a) in einem erkenntnis- und wissen- schaftslogischen P r i m a t t h e o r e t i s c h e r A b- s t r a k t i o n e n vor der Empirie und vor der Praxis; es ist nicht sinnvoll, dieses Kind materialistischer Erkenntnis mit dem Bade der Kritik am logischen Positivismus auszuschütten; es handelt sich bei der These von der Kraft der Abstraktion, die hi- storisch-logisch akkumuliert und eine Erkenntnisbedingung dar- stellt, nicht um einen Rückfall in Idealismus; und b) drückt sie sich aus in einem in der wissenschaftlich-technischen Revolution qualitativ veränderten Verhältnis von Theorie und Praxis. Dieser zweite Punkt ist besonders wichtig, weil er sich auswirkt bis hin in Entscheidungen der Wissenschaftsorganisation und der Wissenschaftspolitik. Inhalt dieses zweiten Punkts ist d e r V o r l a u f d e r W i s s e n s c h a f t v o r d e r m a t e r i e l l e n P r o d u k t i o n. Marx hat in Überle- gungen zu den Bedingungen des Abbaus von Disproportionen zwischen Industrie und Agrikultur darauf verwiesen, daß nicht allein die Ersetzung des Grundbesitzers durch den "farming-capitalist" und die "Verwandlung der Ackerbauer in reine Lohnarbeiter" derartige Bedingungen schufen und nicht allein "die eigentlich wissen- schaftliche Grundlage der großen Industrie, die Mechanik, die im 18. Jahrhundert gewissermaßen vollendet war". Er verweist auf die Bedeutung des Vorlaufs der Wissenschaften: "Erst im 19., speziell in den späteren Jahrzehnten, entwickeln sich die Wissenschaften, die d i r e k t in höherm Grade spezifische Grundlagen für die Agrikultur als für die Industrie sind - Chemie, Geologie und Phy- siologie" 40). Von hier aus läßt sich eine materialistische, mit der idealistischen Konzeption der 'Selbstbewegung des Geistes' unverwechselbare Kategorie 'Antizipation' entwickeln: Antizipa- tion ist nicht voraussetzungslos, hat ihre Ursache in Entwick- lungsnotwendigkeiten der materiellen Produktion, läßt sich aber auch nicht auf einen mechanischen Reflex des Status quo reduzie- ren; Antizipation modelliert eine neue Realität und wirkt sich bei Vorliegen gesellschaftlicher Realisationsbedingungen in der Überführung der 'Idee' in Produktion und Praxis schöpferisch aus. Im Vorlauf der Wissenschaft liegt ein Grund für die Berechtigung des materialistischen Leninschen Satzes: "Das Bewußtsein des Men- schen widerspiegelt nicht nur die objektive Welt, sondern schafft sie auch" 41). Entsprechend ist für Marx die E n t w i c k- l u n g d e r W i s s e n s c h a f t, dieses ideellen und zu- gleich praktischen Reichtums, ... nur eine Seite, eine andere Form, worin d i e E n t w i c k l u n g d e r m e n s c h- l i c h e n P r o d u k t i v k r ä f t e... e r s c h e i n t" 42). Die Wissenschaftsentwicklung verändert die Beziehung von Erkennt- nis und Praxis, ist die Summe der zunehmend praktisch bedeutsamen ideellen Fähigkeiten der Menschen und verlangt von der Wissen- schaftstheorie, das ohnehin vulgärmaterialistische Schema "Er- kenntnis = Reflex" zu verabschieden. Damit trägt die Wissen- schaftstheorie bei zur angemesseneren Einschätzung des 'subjektiven Faktors' in der Gestaltung der Realität: Existenz und Wirkungsweise objektiver Gesetze der Entfaltung materieller gesellschaftlicher Verhältnisse stehen in einem jeweils auch durch die Wissenschaftsentwicklung indizierten Zusammenhang. Das bewußte Handeln des gesellschaftlichen Subjekts - worin eben nicht das Individuum gesehen werden kann - hängt vom Stand dieser Form der Produktivkraftentwicklung ab. Dem hier möglichen Idea- lismus schiebt die Wirklichkeit einen Riegel vor: ohne eine ent- sprechende Entwicklung der Produktionsverhältnisse und des Bezu- ges zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften bleibt auch der Wissenschaft nur die Blamage. Der qualitative Funktions- wandel unter sozialistischen Produktionsverhältnissen, vor allem Eigentumsverhältnissen, und unter den Bedingungen der politischen Macht derer, deren gesellschaftliche Interessen auf höchste Ef- fektivität der Wissenschaft abzielen (müssen), ist der histori- sche Beleg gegen den Idealismus 'Wissenschaftsautonomie'. Für die Wissenschaftspolitik der demokratischen antikapitalisti- schen Bewegung ergibt sich aus der wissenschaftstheoretischen Einsicht in die Beziehungen zwischen gesellschaftlicher Zielpro- jektion und möglichem Erkenntnisvorlauf der Wissenschaft die große Chance, sozusagen auf Vorrat zu arbeiten, wo die Überfüh- rung von Ergebnissen noch nicht möglich ist. Der von G. Kröber klar formulierte "nichtantagonistische Widerspruch" zwischen not- wendigem Erkenntnisvorlauf und dem Gebot, den Sektor der nur po- tentiellen Produktivkräfte so klein wie möglich zu halten, kann im Kapitalismus gegenwärtig z.B. für die marxistische Wissen- schaft nicht prinzipiell zuungunsten der wissenschaftlichen 'Vorratswirtschaft' gelöst werden 43). Auf der andern Seite sind im Kapitalismus aber auch nicht die Bedingungen gegeben, unter denen das von B.M. Kedrov formulierte "Gesetz der vorauseilenden Entwicklung der Wissenschaft" ungehindert wirken könnte, nicht allein der Innovationssektor wird aufgrund inhumaner Prioritäten der Wissenschaftspolitik gebremst, sondern auch die Entwicklung von Wissen (z.B. Krebsforschung). Im System 'Wissenschaft - Tech- nik - Produktion' sei, so Kedrov, jedes Element "für sich einer progressiven Entwicklung fähig": "Jedoch ist das Entwicklungs- tempo jedes von ihnen verschieden. Am schnellsten entwickelt sich die Wissenschaft" 44), wogegen die Technik wegen der komplizier- ten Entwicklungsvoraussetzungen (Versuchsmodelle etc.) langsamer und die Produktion wegen der "kolossalen materiellen Aufwendun- gen" am langsamsten vorankomme. Als Extrapolation aus der Wissen- schafts-, Technik- und Produktionsgeschichte ist dieses Gesetz zweifellos richtig formuliert. Dennoch bietet es eines der Bei- spiele, die zur Vorsicht bei der Übertragung 'allgemeiner Bestim- mungen' der Wissenschaftstheorie auf konkrete gesellschaftliche Verhältnisse mahnen. Es ist bekannt, in welchem Maße im Kapita- lismus die Wissenschaftsentwicklung trotz Vorliegens zukunftswei- sender wissenschaftlicher Ergebnisse gebremst wird, sobald das monopolistische Interesse an der - wenn auch an den objektiven Bedürfnissen der Massen vorbeigeplanten - billigen Reproduktion veralteter Güter Vorrang hat. Die wissenschaftlich-technischen Voraussetzungen für einen bedarfsdeckenden öffentlichen Verkehr z.B. liegen längst vor. Realisiert werden sie wegen der Interes- sen der Automobilindustrie nicht. Auf einzelne, beschränkte Sy- steme W - T - P trifft das Gesetz zu; die Anarchie im gesell- schaftlichen Gesamtsystem W - T - P verhindert jedoch häufig den Vorlauf der Wissenschaft. 3.2. Wissenschaft als potentielle oder reale Produktivkraft, ------------------------------------------------------------ als unmittelbare oder mittelbare Produktivkraft ----------------------------------------------- Der Satz "auch im Kapitalismus ist die Wissenschaft Produktiv- kraft" ist richtig, muß aber präzisiert werden. In der gegenwär- tigen Diskussion werden dabei mehrere begriffliche Hilfen angebo- ten. Die Antwort auf die Frage nach der Produktivität der Wissen- schaft muß für den staatsmonopolistischen Kapitalismus umso vor- sichtiger ausfallen, als die "Verwissenschaftlichung der Produk- tivkräfte" dazu beigetragen hat, daß "nur das monopolistische Ka- pital letztlich in der Lage ist, den wissenschaftlich-technischen Fortschritt 'anzuwenden' und über ein System der gesellschaftli- chen Ausbeutung die Finanzierung von Forschung und Entwicklung auf die Arbeiterklasse abzuwälzen" 45). Fällt aber diese von A. Leisewitz am Beispiel der chemischen Industrie im Detail nachge- wiesene Beschränkung der 'Anwendung' auf Monopole zusammen mit dem, was 'Produktivkraft Wissenschaft' aussagt? Feststeht zunächst einmal, daß von Produktivität der wissenschaftlichen Tä- tigkeit nicht formations-unspezifisch, unhistorisch gesprochen werden kann: "Wird die materielle Produktion nicht in ihrer spe- zifischen historischen Form gefaßt, so ist es unmöglich, das Be- stimmte an der ihr entsprechenden geistigen Produktion und die Wechselwirkung beider aufzufassen" 46). Es geht also um die S p e z i f i k der materiellen Produktion. Fraglich ist aber, ob sie ausschließlich in der Ökonomie als Verwertungsbereich ge- sehen werden kann oder - anders gefragt - ob die Bereiche 'gesellschaftliche Bedingungen' wissenschaftlicher Tätigkeit und 'ökonomische Verwertung' von deren Ergebnissen deckungsgleich sind. R. Rilling hat diese Frage m.E. mit der These, Wissenschaft finde als "abgeleitete Produktion... ihre Antriebe, ihr Material und Mittel, ihr Ziel in der materiellen Produktion und durch die materielle Produktion" 47), auch dann noch zu eng beantwortet, wenn über einige Vermittlungsschritte unter 'materielle Produk- tion' auch die Arbeiterklasse subsumiert werden könnte. Der prin- zipiell historische Charakter der Wissenschaft als 'allgemeiner Arbeit' schließt auch die relative Selbständigkeit der Wissen- schafts- als Erkenntnisentwicklung ein, und die Relativität die- ser Entwicklung kann nicht auf die Relation 'Erkenntnis/ materielle Produktion' reduziert werden. In der gegenwärtigen Debatte lassen sich einige grundsätzliche Positionen als Argumentationstypen ausmachen. Der Bereich der kontrovers diskutierten Annahmen ist, seit über die Frage, ob die Wissen- schaft e n t w e d e r gesellschaftliches Bewußtsein sei o d e r unmittelbare Produktivkraft 48), kaum mehr gestritten wird, eingeschränkt. Im wesentlichen lassen sich zwei Positionen unterscheiden, von denen aus höchst unterschiedliche Antworten zum Problem der produktiven Funktion der Wissenschaft im Kapita- lismus gegeben werden: P o s i t i o n N r. 1 - Vorrang bei der Problemlösung hat der ö k o n o m i s c h e u n d t e c h n i s c h e A s p e k t der Funktionsweise der Wissenschaft in Produktion und Reproduk- tion. Die Wissenschaft wird zu einem dritten Element der Produk- tivkräfte und tritt n e b e n die Produktivkraft Mensch und die technischen Mittel der Einwirkung auf den Arbeitsgegenstand. Die Autoren des sowjetischen Werks "Die gegenwärtige wissenschaft- lich-technische Revolution" stellen fest: "Sinn und Inhalt der Umwandlung der Wissenschaft in eine unmittelbare Produktivkraft ist nicht die Einheit von Wissenschaft und Arbeit und auch nicht die verstärkte Anwendung der Wissenschaft im Prozeß der lebendi- gen Arbeit, sondern gerade ein diametral entgegengesetzter Pro- zeß, nämlich die völlige Trennung der Wissenschaft von der unmit- telbaren lebendigen Arbeit" 49). Mit den Worten A.A. Kuzins: "Der Inhalt des Prozesses der Umwandlung der Wissenschaft in eine un- mittelbare Produktivkraft besteht... in der Trennung der Wissen- schaft von der lebendigen Arbeit, in ihrer Umwandlung in den Hauptagenten des unmittelbaren Produktionsprozesses, in einen selbständigen Faktor des Produktionsprozesses, in die einzige geistige Produktivkraft des unmittelbaren Produktionsprozesses" 50). Der Augenschein scheint diese Auffassungen zu bestätigen. Sind nicht im Kapitalismus Wissenschaft und Arbeiterklasse in der ma- teriellen Produktion getrennt? Wird nicht Wissenschaft unter- drückt, sobald sie andere Bedürfnisse realisiert als die der mo- nopolistischen Bourgeoisie - die der Masse der Werktätigen? Scheitert nicht die bürgerliche Wissenschaft vor dem Problem, wissenschaftlich nicht nur vorhandene Bedürfnisse zu befriedigen, sondern - was objektiv möglich ist - das Bedürfnisniveau der Men- schen selbst zu erhöhen? Unter diesem gewiß nicht unrichtigen Eindruck kommen G. Kröber und H. Laitko in "Sozialismus und Wis- senschaft" zu der eindeutigen Aussage, "über die Ziele der ge- sellschaftlichen Produktion und damit auch über die Kriterien für die Produktivität einer bestimmten Arbeitstätigkeit" entschieden die kapitalistischen Produktionsverhältnisse: "Im heutigen Kapi- talismus... ist eine Arbeit dann produktiv, wenn sie der Siche- rung und Erhöhung des Profits und der Aufrechterhaltung der über- lebten imperialistischen Gesellschaftsordnung dient; viele kon- krete Tätigkeiten, die in diesem System als produktiv fungieren, sind vom höheren Standpunkt des Sozialismus eine unproduktive Verschwendung gesellschaftlicher Arbeitszeit" 51). Wichtig und richtig scheint mir hier die konsequente Perspektive des Primats der Ökonomie wie auch die klare implizite Zurückwei- sung einer moralisierenden Bestimmung von produktiv/unproduktiv'. Aus der These, "in der Realisierung ihrer Produktivkraftfunktion" äußere sich "der Klassengegensatz zwischen sozialistischer und kapitalistischer Wissenschaft besonders deutlich" 52), ziehen die Autoren hier aber nicht die sich aufdrängenden Schlußfolgerungen: der Klassengegensatz i n n e r h a l b des Kapitalismus dringt in die Produktivkraftentwicklung ein und durchsetzt auch das System wissenschaftlicher Tätigkeit; vorwärtstreibend wirkt die bürgerliche Wissenschaft n i c h t z u l e t z t a u c h durch ihre nur d i a l e k t i s c h zu begreifende Funktion, die R e p r o d u k t i o n d e s K a p i t a l i s m u s m i t d e r n o t w e n d i g e n T e n d e n z s e i n e r N e g a t i o n z u v e r m i t t e l n. Darüber hinaus wird nicht genügend berücksichtigt, daß die staatsmonopolistische Herrschaft ihre Repressionsinstrumente nicht zufällig gegen alle antikapitalistischen, ja bereits alle nicht-bourgeoisen Fort- schritte im Wissenschaftsprozeß einsetzt. Von der m.E. zu einseitigen ökonomisch-technischen Dimension des Problems her ließe sich d i e P a r t e i n a h m e v i e l e r W i s- s e n s c h a f t l e r i m K a p i t a l i s m u s für die Interessen der Arbeiterklasse, ließen sich demokratische Organisationen der Wissenschaftler (wie der Bund Demokratischer Wissenschaftler), ließe sich der organisierte antimonopolistische Kampf mit den Mitteln der Wissenschaft nicht erklären, - es sei denn als "Zufall" oder als Akt voluntaristischer Renegaten. Und weiter: bleibt die Anwendung der Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung - unterstellen wir: der Forschung eines Reaktionärs - unabhängig davon, wessen lebendige Arbeit die Anwendung reali- siert, prinzipiell dem imperialistischen Interesse ausgeliefert? Hat das ideologische Qualifikationsniveau der Werktätigen, hat das Niveau proletarischen Klassenbewußtseins, hat der erkennbare Fortschritt in der Aneignung des wissenschaftlichen Sozialismus (etwa der politischen Ökonomie des Kapitalismus durch Betriebsräte, vermittelt z.B. durch die MAB) keine Auswirkungen auf die Produktivität der Wissenschaft? Die Verhinderung von Rüstungsforschung auf Drittmittelbasis, wie es sie z.B. an der TH Darmstadt durch die Aufdeckung geheimgehaltener Forschung durch Studenten gegeben hat, oder die Verhinderung bzw. Veränderung der Anwendung organisationswissenschaftlicher Ergebnisse (z.B. REFA) zuungunsten der Arbeiter durch Streikmaßnahmen der Betroffenen (z.B. in der Elektroindustrie) sind Beispiele, die vermehrt werden könnten. Sie sind s y m p t o m a t i s c h dafür, daß die Frage der Produktivität im Kapitalismus nicht allein unter Berücksichtigung der zweifellos d o m i n a n t e n monopoli- stischen Strukturen zu klären ist, sondern nur unter Einbeziehung der Widersprüche, die ja nicht außerhalb dieser Dominanz wirken. Sowohl unter kognitiven wie sozialökonomischen Aspekten gilt hier für die Wissenschaftstheorie: im Kapital v e r h ä l t n i s stehen sich keine Robinsone auf getrennten Inseln gegenüber. Nicht allein unter ideologischen Gesichtspunkten ist Wissenschaft im Kapitalismus eines der Elemente, in denen sich der Klassenantagonismus widerspiegelt. Der Realität näher scheint deshalb die Position Nr. 2 - Wissenschaft realisiert ihre Produktivkraftfunk- tion nicht als selbständiges Element, sondern als eine Eigen- schaft der subjektiven Elemente der Produktivkräfte, und kann nur als Wesenskraft menschlicher Aktivität angemessen definiert wer- den. Diese Position scheint mir deshalb weiterführend zu sein, weil sie alle wesentlichen Erkenntnisse des h i s t o r i- s c h e n M a t e r i a l i s m u s fruchtbar macht. Sie unterscheidet sich von Position Nr. l nicht etwa dadurch, daß sie in leere Allgemeinheiten wie 'der Mensch', die 'moderne Wissenschaft' ausweicht, sondern dadurch, daß sie das Charakteri- stische der Epoche in der Veränderung der Klassen b e z i e- h u n g e n und der Hauptproduktivkraft, der - wie Marx sagt - "revolutionären Klasse selbst" 53) sieht. Auf die Schlüsselrolle der Hauptproduktivkraft Mensch und auf die die Beziehung der Wissenschaft zum Arbeitsmittel und zum Arbeits- gegenstand determinierende Beziehung 'Wissenschaft - Arbeiter- klasse' hat für die sozialistische Gesellschaft G.H. Wolkow be- reits 1970 hingewiesen: "Produktiv wird heute folglich nicht nur die Arbeit, die auf die Vermehrung des gegenständlichen, des wertmäßigen Reichtums der Gesellschaft gerichtet ist, sondern auch die Arbeit, die auf die Entwicklung und Vermehrung des grundlegenden Kapitals der Gesellschaft, ihres entscheidenden Reichtums, der Menschen gerichtet ist, also die Arbeit, die die Fähigkeiten des Menschen zur schöpferischen Tätigkeit entwickelt und vervollkommnet" 53a). Sicherlich ist diese These von Wolkow völlig zu recht auf die qualitativen Veränderungen des gesell- schaftlichen Gesamtarbeiters im Sozialismus bezogen worden. Der historischen Tendenz nach gilt sie auch für den Übergang vom Ka- pitalismus zum Sozialismus; berücksichtigt man etwa, daß schon heute die 'Thesen des DGB' zur Hochschulreform nicht nur Postu- late und ungedeckte Schecks auf die Zukunft sind, sondern parti- ell in staatlichen Institutionen der BRD oder in DGB-eigenen Schulungsinstitutionen verwirklicht werden können, dann gilt sie bereits für die Phase im Kampf um eine fortgeschrittene, antimo- nopolistische Demokratie. Man muß dabei sehen, daß im Kapitalis- mus die auf Profit gerichtete Warenproduktion nicht ausschließ- lich zur Stabilisierung des Systems dient, sondern z.B. Gewerk- schaften, auch durch den Einsatz wissenschaftlich-technischer Mittel, Profite erwirtschaften, die systemdysfunktionalen Zielen zugute kommen (können). Deshalb ist die Kritik V.G. Macharovs an Position Nr. 1 berech- tigt: "Die Gleichsetzung der Umwandlung der Wissenschaft in eine unmittelbare Produktivkraft mit der Realisierung ihrer Entdeckun- gen in materiellen Faktoren der Produktion ist ihrem Wesen nach gleichbedeutend mit der alten Vorstellung, die die Produktiv- kräfte auf die materiellen Faktoren der Produktion reduziert. Die gesellschaftliche Produktion stellt eine Einheit von objektiven und subjektiven, von materiellen und geistigen Faktoren der Pro- duktion dar ... Wissenschaft - das ist die Erscheinungsform des 'kollektiven Verstandes' der Menschen. Es ist nicht richtig, sie zu einem selbständigen Element der Produktivkräfte zu machen ... Wenn wir von der Wissenschaft als von einer Produktivkraft spre- chen, dann trennen wir sie nicht vom Menschen, dem Träger der wissenschaftlichen Kenntnisse ... Die Wissenschaft tritt sowohl als unmittelbare Produktivkraft als auch als Form des gesell- schaftlichen Bewußtseins als eine relativ selbständige gesell- schaftliche Erscheinung auf" 54). Ausgehend von den Fakten, daß a) die Wissenschaft nicht 'an-sich' zur Produktivkraft wird, sondern nur im Prozeß der produktiven gesellschaftlichen Gesamtarbeit; daß b) die "Produktivkraft Wis- senschaft als System wissenschaftlicher Arbeitsprozesse selbst aus einem Komplex von Faktoren besteht, deren Zusammenwirken in gesellschaftlichen Arbeitsprozessen mit den Faktoren im Anwen- dungsbereich der materiellen Produktion erst die produktionswirk- samen Effekte... hervorrufen"; und daß c) sich die Beziehung zwi- schen Wissenschaft und Produktion in Produktionsverhältnissen re- alisiert, kommt H. Seickert zu einer für die Wissenschaftstheorie im Kapitalismus folgenreichen Unterscheidung zwischen m i t- t e l b a r e r u n d u n m i t t e l b a r e r P r o d u k- t i v k r a f t, zwischen p r o d u k t i v e r u n d n i c h t - p r o d u k t i v e r A r b e i t d e s W i s- s e n s c h a f t l e r s und zu einer umfassenden D e f i- n i t i o n d e r P r o d u k t i v k r a f t W i s s e n- s c h a f t. Als unmittelbare Produktivkraft kann Wissenschaft angesprochen werden, soweit der produktive wissenschaftliche Arbeitsprozeß direkt mit der materiellen Produktion und der produktiven gesellschaftlichen Gesamtarbeit verbunden ist. Als mittelbare Produktivkraft wirkt die Wissenschaft in ihrer indirekten Beeinflussung des Arbeitsprozesses "zum Beispiel über die Bildung und wissenschaftliche Qualifizierung des subjektiven Faktors der materiellen Produktion" 55). 'Produktive Arbeit' und 'nicht-produktive Arbeit' stellen b e i d e Formen gesell- schaftlich n ü t z l i c h e r Arbeit dar. 'Produktiv' ist wissenschaftliche Tätigkeit mittelbar bzw. unmittelbar in der Produktionsvorbereitung, Planung, Leitung und Organisation, For- schung, Entwicklung, Projektierung und Konstruktion bzw. im wis- senschaftlichen Arbeitsprozeß in der unmittelbaren Fertigung. 'Nicht-produktiv' ist wissenschaftliche Tätigkeit in der nicht- produktiven Sphäre, etwa Kultur, Sport, Gesundheitswesen, oder (im materiellen Bereich) in der Verwaltung 56). Seickerts Defini- tion lautet: "Die Produktivkraft Wissenschaft ist eingebettet in den Prozeß der produktiven gesellschaftlichen Gesamtarbeit. Sie umfaßt die Gesamtheit der wissenschaftlichen Erkenntnisse und alle objektiv notwendigen Faktoren des produktiven wissenschaftlichen Arbeits- prozesses (Arbeitskräfte und Produktionsmittel), soweit sie unter konkreten natürlichen und gesellschaftlichen Bedingungen im Pro- zeß der produktiven gesellschaftlichen Gesamtarbeit durch Gewin- nung, Reproduktion, Vermittlung und Anwendung von Wissen über die lebendige produktive Arbeit und die Faktoren der materiellen Pro- duktion zum Wachstum und zur Stabilisierung der Produktion, zur Steigerung der Arbeitsproduktivität und damit zur Erhöhung des Wirkungsgrades der produktiven, konkret nützlichen Arbeit beitra- gen" 57). Es wird deutlich, daß nach dieser Definition nicht jegliche wis- senschaftliche Arbeit im Kapitalismus in Form einer Produktiv- kraft wirkt. Deutlich aber auch, daß der Begriff der 'mittelbaren' Produktivkraft für die Wissenschaftstheorie frucht- bar ist, die nicht nur blinder Reflex 'der' Wissenschaft in 'dem' Kapitalismus sein will, parteilich zur Effektivierung wissen- schaftlicher Arbeit zugunsten der Verbesserung des materiellen Lebensstandards der Masse der Werktätigen und zugunsten der ideo- logischen Qualifikation der Arbeiter beitragen will und deshalb auch die nicht in der materiellen Produktion unmittelbar anwend- baren wissenschaftlichen Tätigkeiten (z.B. des Gesellschaftswis- senschaftlers) als produktive Kraft der Arbeiterklasse zu berück- sichtigen hat. Aus der Sicht des Kampfes der Arbeiterklasse ist die mittelbare Wirkung der Produktivkraft Wissenschaft unter staatsmonopolistischen Bedingungen heute ein wesentlicher produk- tiver Faktor der Wissenschaft in der bürgerlichen Gesellschaft. D e s h a l b ist es falsch, Wissenschaft im Kapitalismus mit ihrer unmittelbaren Wirkung in der materiellen Produktion, mit ihrer Wirkung in der Reproduktion des monopolistischen Systems zu i d e n t i f i z i e r e n. Innerhalb des Kapitalverhältnisses entwickelt also nicht nur die Wissenschaft in ihrer unmittelbaren Produktivkraftfunktion Fakto- ren der Negation, der Auflösung des Kapitals, sondern auch in ih- rer mittelbaren Funktion. Nimmt man die Arbeiterklasse einmal (theoretisch) isoliert, dann überwiegt gegenwärtig diese mittel- bare Wirkung der Wissenschaft - des wissenschaftlichen Sozialis- mus und einzelwissenschaftlicher Disziplinen -, deren Ergebnisse noch nicht praktisch-materiell im e i g e n e n Verwertungsin- teresse eingesetzt werden können. Darüber hinaus bietet es sich an, zwischen r e e l l e n u n d p o t e n t i e l l e n F a k t o r e n d e r P r o d u k t i v k r a f t e n t- w i c k l u n g zu unterscheiden. In der Wissenschaftspolitik der Organisationen der Arbeiterklasse und ihrer Alliierten muß deutlicher als bisher die Bedeutung potentieller Produktivkräfte berücksichtigt werden. Die Zumutung unmittelbarer Umsetzung in die Praxis und die Erwartung unmittelbar einsetzender Wirkungen und Erfolge sind kurzsichtig und führen häufig genug zum Aktionismus. 3.3. Wissenschaftlich-technische Revolution im Kapitalismus ----------------------------------------------------------- Für das Verständnis der fortschrittlichen Funktion der Wissen- schaft im Kapitalismus gibt es eine wesentliche Voraussetzung: das richtige Verständnis der wissenschaftlich-technischen Revolu- tion. Der Kern des Problems liegt darin, diesen Prozeß nicht von einer isoliert aufgefaßten Entwicklung von Wissenschaft und Tech- nik her zu bestimmen, sondern ihn unter dem Aspekt der prinzi- piellen Gesellschaftlichkeit von Wissenschaft und Technik und de- ren sozialhistorischer und sozialökonomischer Bedingtheit und Wirkungsweise zu begreifen. Die WTR vollzieht sich - entsprechend den Phasenverschiebungen der Industrialisierung - heute in allen technologisch hochentwickelten Ländern, - a b e r mit erhebli- chen sozialökonomischen Unterschieden. Einheitliches Kennzeichen der WTR in den beiden Systemen ist die "Herausbildung des ein- heitlichen Komplexes Wissenschaft-Technik-Produktion" 57a), ist die Verringerung der Aufwendung an lebendiger Arbeitskraft, die Ersetzung von Naturbedingungen der Produktion durch wissenschaft- lich-technisch erzeugte Produktionsmittel, die Ersetzung geisti- ger Arbeit durch Automaten - und zwar mit der Tendenz, durch Ky- bernetisierung die menschliche Programmierungstätigkeit maschi- nell abzulösen und die Anpassung der Automaten an ein verändertes Funktionieren der Produktionsanlagen durch Selbstregulierung zu ermöglichen 58). Wichtig ist: "die gegenwärtige wissenschaftlich- technische Revolution ist... weder ein Prozeß, der sich allein im Bereich der Wissenschaft abspielt, noch ist sie auf technische Umwälzungen im Gefolge wissenschaftlicher Entdeckungen reduzier- bar. Sie ist ihrem Wesen nach ein zutiefst gesellschaftlicher Prozeß; sie ist, obgleich nicht identisch mit ihm, so doch ein untrennbarer Bestandteil des gesellschaftlichen Fortschritts. Sie steht in engstem Zusammenhang mit Fortschritten in der Entwick- lung sowohl der Produktivkräfte wie auch der Produktionsverhält- nisse der Gesellschaft. Sie widerspiegelt einerseits den Grad der Beherrschung der Naturgesetze durch den Menschen und hängt ande- rerseits wesentlich vom Grad der Beherrschung der gesellschaftli- chen - insbesondere der ökonomischen - Gesetze der jeweiligen Ge- sellschaftsordnung ab" 59). Die wissenschaftstheoretische Berück- sichtigung des jeweiligen formationsspezifischen Charakters der WTR bei der Konzeption des Wissenschaftsbegriffs ist unabdingbar. Erst wenn diese Konkretion erreicht ist, ist es möglich, die WTR allgemein nach ihren Wesensmerkmalen im Unterschied zu der wis- senschaftlichen Revolution des 15. Jh. und zu der industriellen Revolution am Ausgang des 18. Jh. zu bestimmen. Während die erste eine Revolution i n d e r W i s s e n s c h a f t ohne gleichzeitige Revolutionierung von Technik und Produktion war, während die zweite eine Revolution d u r c h d i e W i s- s e n s c h a f t ohne gleichzeitige revolutionäre Umwälzung im Wissenssystem darstellte, ist die heutige WTR eine Einheit von wissenschaftlicher, technischer und auf die Produktion bezogener Veränderung: "die gegenwärtige wissenschaftlich-technische Revolution ist ein Prozeß, in dem revolutionäre Veränderungen in Wissenschaft, Technik und Produktion gleichzeitig, Hand in Hand, in enger Wechselwirkung vor sich gehen: sie ist eine Revolution i n d e r Wissenschaft, eine technische Revolution d u r c h die Wissenschaft und wächst in den sozialistischen Ländern in eine Revolution des Produktionsprozesses hinüber" 60). Dieser qualitative Sprung in der Produktivkraftentwicklung k a n n bei Vorliegen nichtantagonistischer Produktions- und Aneignungs- bedingungen schließlich eine revolutionäre Veränderung "des persönlichen und wichtigsten Faktors der Produktivkräfte - des Menschen selbst, seiner Rolle und seines Platzes in der ge- sellschaftlichen Produktion" auslösen. Die Voraussetzung dafür, daß die wissenschaftlich-technische Revolution eine Qualität als s o z i a l e Revolution erreicht, ist unumgänglich: die kombi- nierte politische und soziale Umwälzung des Kapitalismus muß diese Bedingung erst schaffen. Insofern muß der Geltungsbereich der Kategorien 'wissenschaftlich-technischer Fortschritt', im So- zialismus Oberbegriff, und 'wissenschaftlich-technische Revolu- tion', im Sozialismus unter diesem Oberbegriff gefaßt, im Kapita- lismus heute noch anders gedacht werden: der wissenschaftlich- technische Fortschritt ist mangels einer revolutionären politi- schen und sozialen Einbindung noch zu unterentwickelt, um eine völlige Wirkung der WTR zu erlauben. Mit dem französischen Marxi- sten J. Metzger kann man sagen: die WTR macht "nicht nur nicht die gesellschaftliche und politische Revolution überflüssig, wie eine verbreitete Literatur behauptet, sondern verstärkt deren Notwendigkeit. Und das für sich selbst, für ihre eigene Entwick- lung. Aber auch für ihre Verwendung im Dienste der gesamten Ge- sellschaft" 61). Eben dieses Junktim von WTR und sozialer und politischer Revolu- tion zu bestreiten, ist Aufgabe der von Metzger angesprochen Ideologien; in ihnen setzt sich durch, daß die WTR gerade auch den gesamten Bereich der Ideologie durchdringt und im Kapitalis- mus dazu führt, die systemimmanenten Bremswirkungen durch die Produktionsverhältnisse und den politisch-institutionellen und rechtlichen Sektor zu verschleiern. Industrielle Systemneutrali- tät wird sowohl von den kultur- und technikpessimistischen Kon- zeptionen propagiert wie von den technokratisch-hoffnungsvollen wie 'Postindustrielle Gesellschaft', 'WTR-Gesellschaft' etc. Das Ideologem der 'zweiten industriellen Revolution' widerspiegelt wie kein anderes, daß die WTR unter staatsmonopolistisch-kapita- listischen Bedingungen in der Tat vergleichbare Auswirkungen zeigt: Monopolisierung der sozialen und ökonomischen Errungen- schaften der WTR durch die Bourgeoisie, zumindest kurzfristig. Keine dieser bürgerlich-ideologischen Gegenstrategien kommt dem Charakter der WTR auch nur nahe. Übersehen wird: daß diese - so- weit überhaupt prognostizierbar - die ganze Epoche umfassende Re- volution der Produktivkräfte nicht durch produktionstechnologi- sche Übergänge, sondern durch die Umwälzung der gesellschaftli- chen Produktivkräfte untereinander definiert ist; daß mit dieser Umgewichtung sich die Rolle der gesellschaftlichen Arbeit und der Arbeiterklasse verändert; daß die Dynamik der Produktivkräfte den Kapitalismus historisch überholt; daß die notwendige rationalere Leitung und Organisation der Gesellschaft den Sozialismus und die Demokratie voraussetzt: "Zwischen der wissenschaftlich-techni- schen Revolution und der Entwicklung des Sozialismus besteht ein analoger, gesetzmäßiger und innerer Zusammenhang, wie er im 18. und 19. Jahrhundert zwischen den durch die industrielle Revolu- tion hervorgerufene Umgestaltung der feudalen Produktionsweise und der Entwicklung des Kapitalismus bestanden hat" 62). Diese Analyse der Entwicklungsgesetze unserer Epoche ist keines- wegs Ausdruck eines blinden geschichtsspekulativen Optimismus, weil sie keinen Selbstlauf der WTR unterstellt, keine 'historischen Gesetze' fetischisiert und eindeutig die Rolle des Subjekts der Epoche, der Arbeiterklasse, in ihr Kalkül einbe- zieht. Sie ist realistisch, indem ihre Prämisse lautet: wir ste- hen am Anfang der Entwicklung. Dieser Realismus ist geboten, weil die Übertragung menschlicher Arbeitsfunktionen auf die Arbeits- mittel heute noch sehr langsam vor sich geht; so beträgt der Au- tomatisierungsgrad der Arbeit in der Industrie sozialistischer Länder erst zwischen 8% und 10%. Es hieße aber die Automatisie- rung als Kriterium verabsolutieren, wollte man in der absehbaren weiteren Differenzierung der menschlichen Arbeitsfunktionen einen anderen Faktor übersehen: "die zunehmende Anreicherung der Arbeit mit geistig-schöpferischer Substanz, die Zurückdrängung nicht nur körperlich schwerer Arbeit, sondern auch geistiger Routinetätig- keiten" 63). Im Unterschied zu rein quantitativen und kumulativen Theorien der Wissenschaftsentwicklung muß die marxistische Wis- senschaftstheorie die sozialen Faktoren der WTR vorrangig berück- sichtigen. Dies schließt ein, daß die WTR in ihrer Wechselwirkung mit der Klassen-und Persönlichkeitsentwicklung analysiert wird, nicht aber als alleiniger Faktor des Fortschritts. Sonst - so warnt J. Kuczynski nachdrücklich - würde man "die Wissenschaftler und Techniker zum revolutionären Träger der Bewegung in die Zu- kunft" ernennen 64). Wissenschaftlich-technische Revolution im Kapitalismus? D. Klein hat die wichtigste Schranke für deren Wirkung genannt: "Die e r s t e u n d e n t s c h e i d e n d e G r e n z e d e s I m p e r i a l i s m u s... besteht darin, daß die Kapitalver- wertung die R e p r o d u k t i o n d e r A r b e i t s- k r a f t a l s W a r e beinhaltet... Um die Arbeitskraft der Verwertung des Kapitals, also dem Mehrwert als Ziel des Kapitalismus unterzuordnen, werden das kapitalistische Eigentum und die Macht des Monopolkapitals verteidigt, übt der imperia- listische Staat seine Herrschaft gegen die Werktätigen aus und hält sie damit von einer entscheidenden Sphäre der Entfaltung der Persönlichkeit fern: von der praktischen Gestaltung gesamtge- sellschaftlicher Zusammenhänge durch die Ausübung der politischen Macht, ja selbst von jeglicher realen Mitbestimmung in der Wirt- schaft" 65). Dies ist die e i n e Seite, deren andere nicht nur das Interesse der Werktätigen an Veränderung, z.B. an Mitbestim- mung, ist, sondern der aktive Kampf, der Streik, die organisierte Gegenmacht. Nur wer dies übersieht, kann ins Extrem des Skepti- zismus verfallen. In 'Kapital und Arbeit in der Bundesrepublik' skizziert U. Jaeggi die eine Seite in düsteren Farben, die andere blendet er aus. Die Verwandlung der Wissenschaft in eine unmit- telbare Produktivkraft in der WTR bedeute: Proletarisierung der Arbeitsbedingungen der technischen Angestellten, Einschränkung der Kommandobefugnisse der wissenschaftlich-technischen lohnab- hängigen Intelligenz, die ihre Arbeitskraft verkauft, Teilung und Hierarchisierung der Arbeitsbeziehungen, Fachidiotentum, Dequali- fikation der Arbeit 66). Es fehlt in der Analyse: die Annäherung der wissenschaftlich-technischen Intelligenz an die Arbeiter- klasse, die zunehmend bewußte Mitwirkung eines Teils dieser Schicht in Organisationen der Arbeiterklasse ... Hier kommt es in der Tat nicht darauf an, was dieser oder jener Techniker oder Wissenschaftler seiner Selbsteinschätzung nach ist, sondern was zu tun diese Schicht gezwungen ist. Deshalb scheint mir auch die Auffassung falsch, "am Vorabend des Sozialismus" stellten "die entwickelte industrielle und landwirtschaftliche Produktion, das Verkehrs-, Nachrichten- und Bankwesen mit ihrer hohen Konzentra- tion und Zentralisation und die Einführung der staatlichen Wirt- schaftsprogrammierung und -regulierung mit der entsprechenden or- ganisatorischen Struktur lediglich die materiellen und organisa- torischen Voraussetzungen des Sozialismus dar". Auch hier fehlt die andere Seite des Kräfteverhältnisses. Die These der sowjeti- schen Autoren: "Unter den Bedingungen des Kapitalismus kann keine materiell-technische Basis des Sozialismus geschaffen werden. Sie entsteht erst im Verlauf der sozialistischen Revolution" leugnet, daß der Kapitalismus nicht vom 'Vorabend' über Nacht den 'Sprung' in den Sozialismus springt, sondern - nach G. Dimitroffs Ein- schätzung auf dem 7. Weltkongreß der Kommunistischen Internatio- nale - Ü b e r g ä n g e möglich sind, deren Bedingungen noch i m Kapitalismus zu erarbeiten sind 67). 3.4. 'Bürgerliche' und 'sozialistische' Wissenschaft ---------------------------------------------------- im Kapitalismus --------------- Wissenschaft und Technik tragen heute mehr denn je zur Verände- rung des staatsmonopolistischen Kapitalismus bei; ungeachtet der sozialen Wirkungen ihrer Ergebnisse bleibt das System nicht auf dem Status quo. Es ändert sich gleichzeitig in Richtung der wei- teren Monopolisierung u n d deren revolutionärer Abschaffung. Insofern ist es sinnvoll, von 'der Wissenschaft' zu sprechen, so- bald man mit diesem allgemeinen Begriff nicht die soziale Ver- schiedenheit widersprüchlicher Faktoren im gesellschaftlichen Sy- stem 'Wissenschaft' ausklammert. Der Widerspruch im Wissen- schaftssystem - von einem S y s t e m kann hier wegen der wech- selseitigen Einwirkungsweise die Rede sein - bildet den sozial- ökonomischen Widerspruch ab. Zur Bezeichnung der beiden Seiten dienen oft die Begriffe 'bürgerliche Wissenschaft' und 'soziali- stische Wissenschaft'. Einheitliches Subjekt dieser so charakterisierten Tätigkeiten ist im Kapitalismus die b ü r- g e r l i c h e G e s e l l s c h a f t in ihrem Antagonismus. Einheitlichkeit des gesellschaftlichen 'Subjekts' schließt ein, daß der Grundwiderspruch sowohl das Verhältnis von o b j e k- t i v e m und s u b j e k t i v e m F a k t o r der Gesell- schaft zueinander prägt wie auch innere Widersprüche i n n e r- h a l b dieser Faktoren. Die Begriffe 'bürgerliche' und 'sozia- listische' Wissenschaft bilden diese Widersprüchlichkeit m.E. nicht adäquat ab. Denn 'bürgerliche' Wissenschaft bezeichnet - sieht man von der häufig nur denunziatorischen Bedeutung des Begriffs ab - in erster Linie die ö k o n o m i s c h e F u n k t i o n wissenschaftlicher Tätigkeit im Reproduktionsin- teresse der Bourgeoisie als Klasse; 'sozialistische' Wissenschaft kann demgegenüber nur auf einer anderen begrifflichen Ebene ver- wendet werden, weil sie unter dem Zwang der dominant monopolbür- gerlichen Ökonomie im Kapitalismus in erster Linie eine i d e o l o g i s c h e Wirkung entfaltet. 'Wissenschaft in der bürgerlichen Gesellschaft' ist mit 'Bürgerlicher Wissenschaft' nicht identisch, sondern gehorcht der objektiven Logik der Klas- senbeziehungen und läßt es zu, die Verschiebungen zwischen bür- gerlicher und anti-kapitalistischer Wissenschaft auf dem Weg zur theoretischen Realisierung der Interessen der Arbeiterklasse ohne grobschlächtige Etikettierungen kenntlich zu machen. Die darüber hinausgehende Anerkennung eines widerspruchsfreien Begriffs 'Wissenschaft' ist kaum sinnvoll. Die im Marxismus noch vertre- tene These, es gebe "keine bürgerliche und proletarische Wissen- schaft an sich. Aber es gibt Auffassungen von der Wissen- schaft..., die sich unterscheiden und entgegengesetzt sind" 68) reduziert das Problem auf eine wissenschaftstheoretische Frage und tendiert zur Trennung von Wissenschaft und Ideologie. Friedrich Tomberg hat einen Vorschlag zur Terminologie unterbrei- tet, der den besonderen Charakter des Widerspruchs im Wissen- schaftssystem sehr genau trifft: "Der wahre Kontrahent der bür- gerlichen Wissenschaft ist in der gegenwärtigen Auseinanderset- zung ... nicht bloß eine Wissenschaft, die sich im Interesse des Sozialismus bestimmen läßt und insofern sozialistische Wissen- schaft heißen könnte, sondern grundlegend eine sozialistische Praxis, die sich bewußt als empirische Verifikation wissenschaft- licher Theorie vollzieht und daher w i s s e n s c h a f t- l i c h e r S o z i a l i s m u s ... heißen darf" 69). Dies ist keine Frage der Nomenklatur, sondern der Erfassung der unterschiedlichen Q u a l i t ä t e n zweier Gestalten des gesellschaftlichen Bewußtseins und der Praxis. "Um aus dem Sozialismus eine Wissenschaft zu machen", - so Engels 70) - "mußte er erst auf einen realen Boden gestellt werden". 'Wissenschaftlicher Sozialismus' bezeichnet die Einheit von revo- lutionärer Theorie und revolutionärer Klasse und das Ende der Utopie. Von Lassalle - "Zwei Dinge allein sind groß geblieben in dem allgemeinen Verfall...: die W i s s e n s c h a f t und das V o l k, die W i s s e n s c h a f t und die A r b e i- t e r!" 71) - bis Dietzgen - "Der moderne Sozialismus ist w i s s e n s c h a f t l i c h" 72) - einte die Fraktionen der Arbeiterbewegung die Erkenntnis, daß erst die Wissenschaft- lichkeit der Geschichtsauffassung der materialistischen Dialektik die Praxis der Arbeiterklasse anzuleiten legitimiere. Engels zog das Fazit: "Der zur Aktion berufnen, heute unterdrückten Klasse die Bedingungen und die Natur ihrer eignen Aktion zum Bewußtsein zu bringen, ist die Aufgabe des theoretischen Ausdrucks der pro- letarischen Bewegung, des wissenschaftlichen Sozialismus" 73). Die hierin enthaltenen Folgerungen für die Verbindung von Wissen- schaft und Klassenkampf und zum Verhältnis von Spontaneität und Klassenbewußtsein sind es, die den qualitativen Unterschied zur bürgerlichen Wissenschaft ausmachen. Es wäre verfehlt, die bür- gerliche Wissenschaft nicht als Widerspiegelung und als sozialen Klassenprozeß anzusehen und sie auf die Produktion von 'falschem Bewußtsein' zu reduzieren. Charakteristisch für die bürgerliche Wissenschaft in ihren unter- scheidbaren Formen ist, daß sie unfähig ist, ihre wissenschafts- theoretische und allgemein ideologische Selbstreflexion mit den Fakten, mit ihrer kognitiven und sozialökonomischen Funktion zur Deckung zu bringen. Dies trifft für das mit seiner Anti-Autono- mie-These realistische Finalisierungskonzept der Wissenschaft zu, welches objektive Wahrheitskriterien wissenschaftlicher Wider- spiegelung leugnet und konsensualistisch nur von der "Berechtigung, gewisse Aussagen für wahr zu h a l t e n" 74), spricht. Dies gilt für wissenschaftsinternalistische Positionen, die aus der Dynamik des Forschungsprozesses externe gesellschaft- liche Beweggründe ausschalten 75). Dies gilt für alle neopositi- vistischen, vor allem kritisch-rationalistischen Konzeptionen, welche den Gesellschaftswissenschaften die Erkenntnis von Ent- wicklungsgesetzen absprechen, ihre Exaktheit leugnen und stück- werktechnologische politische Konsequenzen ziehen (Popper, Al- bert) bzw. die Wissenschaftsmethodologie im Gegensatz zur Wissen- schaftssoziologie "zur beherrschenden Disziplin der modernen Wis- senschaftstheorie" erklären 76). Irrational reagieren H. Marcuses kulturrevolutionäre Technik- und Wissenschaftskritik 77) und der staatsmonopolistische Pragmatismus H. Schmidts, für den "Prognose nicht nur eine Kunst, sondern auch eine Glückssache" der Wissen- schaftspolitik ist 78). Ob Feyerabend das "Märchen Wissenschaft" ironisiert 79) oder H. Kimmerle die "Wissenschaftskrise als Voll- endung des universellen Krisenzusammenhanges" unhistorisch, gene- ralisierend überhöht 80), - es handelt sich um Symptome des Pro- zesses, in dem die bürgerliche Wissenschaft abstrakt wird, um ihre Klassenfunktion bewußtlos erfüllen zu können. Aber es geht nicht nur darum, daß die bürgerliche Wissenschaft nicht weiß, was sie tut. Sie ist, dies betrifft vor allem die Ge- sellschaftswissenschaften, in ihrer Funktionsfähigkeit als Pro- duktivkraft eingeschränkt, weil sie ein für die kognitive Funk- tion wissenschaftlicher Tätigkeit wesentliches Element ihres Be- gründungszusammenhangs weitgehend verloren hat: die bürgerliche Wissenschaft erfüllt zwar ihre Funktion, allgemeine Arbeit zu sein, trotz des Verlusts ihres Bewußtseins von der Geschichtlich- keit und Kumulativität des Wissens objektiv teilweise noch immer; als i d e o l o g i s c h e s Gesamtsystem speist sie sich aber immer mehr aus dem Vertilgen ihrer historischen Spuren, aus ihrem unhistorischen Charakter. Geht man davon aus, daß die Allgemein- heit dieser Tätigkeit in der b e w u ß t e n Verfügung über ge- sellschaftliches akkumuliertes Wissen besteht, dann kann man All- gemeine Arbeit' erweitert so bestimmen: allgemeine Arbeit ist die Einheit von gewußter geschichtlicher Erfahrung und Prognosefähig- keit des Bewußtseins, die in der wissenschaftlichen Tätigkeit ak- tualisiert wird und materiell-praktische Wirkungen auslöst. All- gemeine Arbeit ist der Einsatz sowohl gattungsmäßiger, biologisch gespeicherter Erfahrung wie sozial-historischer Klassenerfahrung. Sie wird gesellschaftlich realisiert in Kooperationszusammenhän- gen, in denen die Individuen ihr Leben organisiert haben und in denen die gesellschaftlichen Charaktere der Persönlichkeiten ne- ben anderen besonderen Faktoren die Spezifik der Arbeit maßgeb- lich prägen. Eine historische Identität kennt die bürgerliche Wissenschaft nicht; wo sie ihre Genesis thematisiert, wird Ge- schichte historistisch relativiert oder als Vergangenheit zur Fo- lie permanenten 'Fortschritts' genommen. Im Gegensatz zu dieser amputierten Allgemeinheit wissenschaftli- cher Erkenntnis und Tätigkeit stellt der wissenschaftliche Sozia- lismus d i e Form historischen Bewußtseins dar. Als Materialis- mus begreift er sich als Fazit aus der Geschichte der Klassen- kämpfe, der Produktivkräfte und der ökonomischen Gesellschafts- formation insgesamt. Als Dialektik verfügt er über Gesetzeser- kenntnis, die aus der Entwicklung gewonnen wird und die Entwick- lung bewußt beherrschbar macht. Die Verfügung des wissenschaftli- chen Sozialismus über die Entwicklungsgesetze der Gesellschaft wird auch dort nicht liqudiert, wo er - wie im Kapitalismus - Wissenschaft ohne die Macht ist, die materielle Produktion unmit- telbar zu beeinflussen. 4. Wissenschaftstheoretische Schlußfolgerungen ---------------------------------------------- Aus der Existenzweise der Wissenschaft im Kapitalismus zieht die materialistische Wissenschaftstheorie einige Schlußfolgerungen, welche die Struktur des Wissenschaftsbegriffs und die Struktur und Funktion der Wissenschaftstheorie prägen. Dies betrifft die B e s o n d e r h e i t des Wissenschaftsbegriffs als Widerspie- gelung der Spezifik wissenschaftlicher Tätigkeit im Kapitalismus; dies betrifft auch die theoretische Struktur der Wissenschafts- theorie und die Rolle philosophischer und einzelwissenschaftli- cher Erkenntnisse bei der Bildung der Wissenschaftstheorie zu ei- ner integrierten Disziplin. Die Definition des allgemeinen Wis- senschaftsbegriffs wie auch die Bestimmung des Gegenstandsbe- reichs der Wissenschaftstheorie, wie sie G. Kröber und H. Laitko formuliert haben, berücksichtigen die Formationsspezifik der Wis- senschaft und sind die Grundlage meiner - hier nur kurz erläuter- ten - Thesen. Wissenschaft ist auch im Kapitalismus "ein im Ge- samtzusammenhang der jeweiligen Gesellschaftsformation bestimmtes System gesellschaftlicher Tätigkeiten, die auf die Gewinnung, Vermittlung, Reproduktion und Anwendung von Erkenntnissen gerich- tet sind" 81). Die erste Besonderheit der Wissenschaft im Kapita- lismus liegt darin, daß das 'System gesellschaftlicher Tätigkei- ten' das System der Widersprüche kapitalistischer Produktion und Reproduktion ist, unter deren Wirkung die Beziehung z w i s c h e n den Elementen 'Gewinnung - Vermittlung - Repro- duktion - Anwendung von Erkenntnissen' qualitativ anders geregelt ist als im Sozialismus. Die Beziehung dieser Elemente der wissen- schaftlichen Tätigkeit ist sowohl innerhalb der bürgerlichen Wis- senschaft wie innerhalb des wissenschaftlichen Sozialismus unter- schiedlich reguliert, wie sie auch qualitative Unterschiede beim Vergleich dieser beiden antagonistischen Systeme zeigt. Für den wissenschaftlichen Sozialismus erweitert sich der Bereich der Er- kenntnisgeiwnnung im Vergleich zur bürgerlichen Wissenschaft um zwei wesentliche Dimensionen, die seine Allgemeinheit charakteri- sieren: die Genesis der Wissenschaft der Arbeiterklasse in der Geschichte der Arbeiterbewegung und die Realität des Sozialismus. Auf der ändern Seite sind die Bedingungen der Reproduktion und Anwendung von Erkenntnissen aufgrund ihrer Stellung im unmittel- baren Produktions- und Reproduktionsprozeß für die bürgerliche Wissenschaft qualitativ andersartig und werden durch den bürger- lichen Staat gesichert. Gegenstandsbereich der Wissenschaftstheorie sind auch im Kapita- lismus die "Gesetze des Zusammenhangs zwischen dem gesellschaft- lichen Bedarf an Erkenntnissen, den Erkenntnisinhalten und Struk- turen der wissenschaftlichen Tätigkeiten, den sozialen und orga- nisatorischen Formen und Bedingungen dieser Tätigkeiten und ihren gesellschaftlichen Wirkungen und Folgen" 82). Gegenstandsspezi- fisch ist dabei der Z u s a m m e n h a n g der Elemente. Im Unterschied zur Wissenschaftstheorie im Sozialismus und deren em- pirischem Gegenstand findet die Wissenschaftstheorie im Kapita- lismus diesen Zusammenhang in einer höchst gestörten, wider- sprüchlichen Form vor. Der objektive gesellschaftliche Bedarf an Erkenntnissen und die Strukturen der wissenschaftlichen Tätigkei- ten sind nicht in Übereinstimmung, wobei die herrschenden kapita- listischen Organisationsformen und Bedingungen dieses Auseinan- derfallen garantieren. Erkenntnis und Praxis, Theorie und Praxis, Wissenschaft und materielle Produktion stehen im kapitalistischen und im nicht-kapitalistischen Wissenschaftssektor in einem je- weils qualitativ verschiedenen Verhältnis zueinander. Sowohl für die bürgerliche Wissenschaft wie für ihren Widerpart läßt sich die These vom ausschließlich determinierenden Charakter der mate- riellen Produktion nicht uneingeschränkt aufrechterhalten. Zwar arbeitet die Mehrheit der Wissenschaftler in der BRD in der Indu- strie; sie finden ihre Erkenntnisbedingungen sogar in vielfach reduzierter Form in der materiellen Produktion (Ausblendung der Produktionsinteressen etc.). Aber angesichts der rigiden Trennung von Forschung und Produktion gilt die These selbst für sie nur 'in letzter Instanz'. Darüber hinaus findet gerade die naturwis- senschaftliche Forschung in von der Produktion isolierten Insti- tutionen des Staats und der Wirtschaft immer mehr ihren Ort. Und weiter: einer 'Ableitung' des kognitiven Aspekts der Wissenschaft aus deren Produktionsfunktion widerspricht der relative Selbst- lauf der Wissenschaftsentwicklung, die Entwicklung von Erkennt- nissen aus Erkenntnissen. Anders gesagt: bei der Konzipierung des Wissenschaftsbegriffs muß der kognitive Aspekt gegenüber dem Tä- tigkeitsaspekt gewahrt bleiben; t r o t z i h r e r E n t- w i c k l u n g z u r u n m i t t e l b a r e n P r o d u k- t i v k r a f t v e r l i e r t d i e W i s s e n s c h a f t i h r e n b e s o n d e r e n C h a r a k t e r a l s E r- k e n n t n i s s y s t e m n i c h t u n d w i r d n i c h t i n d i e F o r m m a t e r i e l l e r A r b e i t ü b e r- f ü h r t. Neben den soziologischen und ökonomischen einzelwis- senschaftlichen Voraussetzungen gehören die philosophischen, vor allem erkenntnistheoretischen, und wissenschaftsgeschichtlichen Theorien und Methoden, Kategorien und Gesetzesaussagen zum unverzichtbaren Minimum der Wissenschaftstheorie. 4.1. Für ein Analogieverbot in der Wissenschaftstheorie ------------------------------------------------------- In der marxistischen Wissenschaftstheorie spielt heute d i e A n a l o g i e eine wichtige Rolle. Analogien werden vor allem behauptet zur Kennzeichnung des Verhältnisses von Erkenntnis und Arbeit und des Verhältnisses von ideeller und materieller Produk- tion. In den wenigsten Fällen aber wird ausdrücklich geklärt, in welcher Bedeutung 'Analogie' verwendet wird, ob als 'Ent- sprechung', 'Ähnlichkeit', 'Gleichwertigkeit' oder im Grenzfall sogar als 'Identität' von Strukturen und Funktionen. An der h e u r i s t i s c h e n Rolle von Analogien ist nicht zu zwei- feln. Nicht strittig ist darüber hinaus, daß die materialistische Dialektik Analogien zur Beschreibung des Verhältnisses von Mate- rie und Bewußtsein erfolgreich eingesetzt hat, um sowohl die me- chanisch-materialistische Widerspiegelungsvorstellung wie auch die idealistische, identitätsphilosophische Auffassung der Er- kenntnis zu kritisieren. In Aussagen zur materiellen Gewalt der Ideen wird die Bedeutung der Analogie besonders sinnfällig. Auch in der erkenntnistheoretischen Bestimmung der Erkenntnis als Wi- derspiegelung und sozialer Prozeß war die Analogie teilweise er- folgreich. Beschränkt man die Analogie von ideeller und materiel- ler Tätigkeit auf die allgemeine Aussage, beide seien Formen zielgerichteter, zweckmäßiger Praxis, kann es kaum Einwände ge- ben. Mein Einwand, mit der Forderung nach einem A n a l o g i e- v e r b o t bewußt überzogen, richtet sich gegen vereinsei- tigende, die qualitative Differenz zwischen geistiger und materieller Arbeit auch im Bereich der Erkenntnis- und Wis- senschaftstheorie leugnende Analogie-Thesen. Häufig geht es die- sen Konzeptionen darum, durch Analogien zu begründen, daß Wissen- schaft und materielle Produktion gleicherweise p r o d u k t i v sind. Es wird auf Marx' Aussage verwiesen, "um produktiv zu ar- beiten", sei es nicht "mehr nötig, selbst Hand anzulegen; es ge- nügt, Organ des Gesamtarbeiters zu sein, irgendeine seiner Unter- funktionen zu vollziehen" 83). Die Analogie dient in diesem Zu- sammenhang als a p r i o r i s c h e r B e w e i s und eben dies macht sie überflüssig; denn die Produktivkraftfunktion der Wissenschaft i s t eine empirische Tatsache und bedarf keiner theoretischen Konstruktionen, um ihre Existenz zu rechtfertigen. Meine Kritik geht mit N. V. Markov davon aus: "Die Umwandlung der Wissenschaft in eine unmittelbare Produktivkraft bedeutet nicht, daß die Wissenschaft aufhört, eine Form des gesellschaftlichen Bewußtseins zu sein und daß sich das Wesen der Wissenschaft än- dert" 84). Die Grundtatsache der G e s e l l s c h a f t l i c h k e i t von Bewußtsein, Erkenntnis und Praxis kann nicht die Legitimität wissenschaftstheoretischer Analogien begründen. Ideelle und mate- rielle Tätigkeit und Arbeit unterscheiden sich qualitativ hin- sichtlich der S p e z i f i k ihrer Gesellschaftlichkeit. Theo- retisch ist die zur Behauptung der Gleichwertigkeit oder Identi- tät dieser beiden Elemente der objektiven Realität tendierende Analogie-Konzeption ständig in Gefahr, den Materialismus zu hege- lianisieren, d. h. Logik und Dialektik zu identifizieren. Es kommt aber darauf an, die zunächst i n i h r e r i d e e l- l e n Q u a l i t ä t bestehende neuartige Wirkungsweise der 'Wissenschaft als Produktivkraft' als Ausdruck einer geschicht- lichen Entwicklung zu begreifen, die mit der Steinaxt beginnt und durch die schrittweise Ersetzung körperlicher Arbeitsmittel durch geistige zu einer qualitativ gewandelten, größeren Bedeutung der Ideen der Menschen führt. Qualitativ neu ist dabei nicht, daß nun die Ideen anfingen, selbst Geschichte zu machen. Die neue Qualität gründet vielmehr darin, daß das gesellschaftliche Bewußtsein der Menschen die objektive Realität in einem asymptotischen Annäherungsprozeß an die Wahrheit (Lenin) immer exakter widerspiegelt. Es ist die genauere Erkenntnis der Entwicklungsgesetze und der einzelnen Gesetze der Natur, der Ge- sellschaft u n d des Erkenntnisprozesses, welche die Mittel zur Beherrschung von Natur u n d Gesellschaft u n d Erkenntnis revolutioniert. (In diesem Zusammenhang wäre es von größter phi- losophiehistorischer Bedeutung, den Idealismus der klassischen Philosophie neu zu begreifen. Wenn z.B. Schelling davon spricht, daß die Naturphilosophie die "p h y s i k a l i s c h e E r k l ä r u n g d e s I d e a l i s m u s" biete und be- weise, "daß er an den Grenzen der Natur gerade so ausbrechen m u ß, wie wir ihn in der Person des Menschen ausbrechen sehen" 85), dann unterstellt dieser 'Real-Idealismus' spekulativ eine Logifizierung des historischen Subjekts, ist aber von der natur- wissenschaftlichen realen Produktivkraftentwicklung - auf die Schelling sich beruft - gar nicht so weit entfernt.) Die Analo- gie-Konzeption versucht, mit den Mitteln einer noch nicht auf den Wissenschaftsprozeß eingestellten politischen Ökonomie den Er- kenntnisprozeß wegen dessen zunehmend materieller Wirkung n a c h d e m M u s t e r der materiellen Arbeit zu erklären. In dieser Funktion halte ich die Analogie-Konzeption für unhisto- risch und, entgegen dem Eindruck eines besonders konsequenten Ma- terialismus, für tendenziell idealistisch. In seinem Ansatz einer Systemanalyse der wissenschaftlichen Tä- tigkeit hat z.B. K.-D. Wüstneck den "Vergleich" als wichtigen Weg des Herangehens zu begründen versucht: die Systemanalyse des m a t e r i e l l e n Arbeitsprozesses sei von großer "metho- dologischer Bedeutung für die Wissenschaftstheorie". Dieser Vergleich führt zur Behauptung der N i c h t - Identität von materieller, gebrauchswertschaffender Arbeit und ideeller, er- kenntnisproduzierender Tätigkeit. Interessanterweise wirkt sich Wüstnecks "analoges Vorgehen" t r o t z des im Resultat festge- stellten "wesentlichen Unterschieds von materieller Produktion und Forschungstätigkeit" deshalb für die Wissenschaftstheorie nachteilig aus, weil auch dieser Vergleich vom Modell des materi- ellen Arbeitsprozesses in seinen einfachen und allgemeinen Momen- ten a u s g e h t, gleichwohl aber die Analogie auf der Ebene der historisch-konkreten, politisch-ökonomisch bestimmten Arbeit ansiedelt. Die Folgelasten betreffen die Widerspiegelungstheorie als wichtiges Element der Wissenschaftstheorie: die konkret-hi- storische Form der gebrauchswertschaffenden Arbeit wird zum Kri- terium der Erkenntnistätigkeit, und zwar mit dem Ergebnis, dem Arbeitsgegenstand der materiellen Arbeit eine andere, höhere Ob- jektivitäts-Qualität als dem der Erkenntnistätigkeit zuzuschrei- ben. Um einer subjektivistischen Konzeption des 'Erkenntnis- objekts' (wie im Neukantianismus, wie in der Praxis-Philosophie) zu entgehen, wird freilich die Widerspiegelungs a k t i v i- t ä t des Subjekts sensualistisch an das Realobjekt überant- wortet. Wüstneck zieht aus dem nicht-gebrauchswertschaffenden Charakter der Produktion von Wissen einen Schluß, der nicht zureichend begründet ist: "So wenig es gerechtfertigt ist, v o n v o r n h e r e i n die Erkenntnistätigkeit als A r b e i t s- p r o z e ß... aufzufassen, so wenig ist es selbstverständlich, daß das Objekt in gleichem Sinne 'Arbeitsgegenstand' des Forschers ist, wie im analogen Fall des materiellen Arbeits- prozesses. Die Situation ist hier anders: Weil das Ziel und Produkt der Forschung (ganz abgesehen vom Inhalt des Prozesses) nicht das gegebene oder ein daraus entstehendes neues m a t e r i e l l e s Objekt ist, sondern das Wissen als ideelle Widerspiegelung, deshalb ist es von vornherein naheliegend, als das eigentliche Objekt der 'Bearbeitung', als den im richtigen Sinne analogen Arbeitsgegenstand der Erkenntnistätigkeit aus- schließlich die vom gegebenen Objekt ausgehenden oder zu gewin- nenden S i g n a l e u n d m i t i h n e n v e r b u n d e- n e n I n f o r m a t i o n e n anzusehen". Folgt aber tatsäch- lich aus der Ablehnung der mechanistischen Vorstellung von der physischen Reproduktion der Realität im Gehirn die Auflösung des Begriffs der objektiven Realität in 'Signal' und 'Information' 86)? Natürlich ist in vielen Fällen, etwa in der Literatur- wissenschaft, der Arbeitsgegenstand ein ideelles Objekt, ist wissenschaftliche Tätigkeit als 'allgemeine Arbeit' Bearbeitung tradierten Wissens, ist Wissenschaft auch Widerspiegelung von Widerspiegelungen. An der Materialität, d.h. der objektiven Existenzweise der Objekte ändert dies aber nicht. Mein Eindruck ist, daß die hier sich andeutende sensualistische Umformung der materialistischen Erkenntnistheorie ihre Ursache in der 'Analogie' hat: in der Konzeption eines m o n o k a u s a l e n Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Erkenntnis und Arbeit, wobei die politisch-ökonomische Bestimmung des Arbeitsbegriffs den Ra- ster zur Bestimmung wissenschaftlicher Tätigkeit abgibt. Dieses Ergebnis der wissenschaftstheoretischen Analogie-Konzeption scheint mir die Kehrseite jener anderen zu sein, die durch Analo- gisierung zur These vom materiellen Charakter der Erkenntnis ge- langt. Gegen die Analogie-Konzeptionen dürfte der Begriff der 'A l l g e m e i n e n A r b e i t' a l s E i n h e i t v o n W i d e r s p i e g e l u n g u n d S c h ö p f e r t u m, v o n h i s t o r i s c h - l o g i s c h e r u n d s o z i- a l ö k o n o m i s c h e r D e t e r m i n a t i o n d e s W i s s e n s c h a f t s p r o z e s s e s deshalb konkurrie- rend antreten und sich durchsetzen, weil er die E i n h e i t von materieller und geistiger Produktion u n d die konkret- historische Besonderheit beider Formen der Praxis ausdrückt. P. Rubens Argumente zum Thema 'Allgemeine Arbeit und Wi- derspiegelung' haben dies plausibel nachgewiesen 87). Die Ent- wicklung der ideellen Tätigkeit der Menschen in Form der gesell- schaftlichen Praxis der Wissenschaft zwingt dazu, nicht zu analo- gisieren, sondern die historischen Etappen der Umgewichtung im Verhältnis von ideeller und materieller Arbeit und die daraus folgende Spezifik gesellschaftlicher Arbeitsformen und Arbeits- mittel zu analysieren. Charakteristisch für die Vergesellschaf- tung der Wissenschaft ist es, daß sie die Wissenschaft - soweit unmittelbare Produktivkraft i n die materielle Produktion inte- griert und daß gleichwohl i n n e r h a l b dieser Sphäre die wissenschaftliche Erkenntnistätigkeit n e b e n die materielle Arbeit tritt - und zwar auch da, wo die Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit keine sozialen Klassenschranken und Erkennt- nisprivilegien mehr bedingt und die geistige Qualifikation der Arbeit steigt. Die Materialisierung von Ideen der Wissenschaft in der Produktion geschieht nicht dadurch, daß der manuelle Arbeiter 'im Kopf' ein höheres Bewußtsein seiner Tätigkeit entwickelt, an- sonsten aber weiterhin schwere körperliche Arbeit verrichtet; sie geschieht dadurch, daß die Beziehung von ideeller Tätigkeit und materiellen Arbeitsgegenständen enger wird. Die M a t e r i- a l i s i e r u n g von Ideen ist und bleibt Materialisierung von I d e e n, Erkenntnisse transformieren nicht i n Arbeit, sondern treten a n d i e S t e l l e von Arbeit. Was die Analogie nicht auszudrücken vermag, ist, daß die Wissenschaft - so Marx 88) - zur F u n k t i o n d e r P r o d u k t i o n wird. Dies drückt sich in der Einsparung gesellschaftlicher Arbeit je Einheit Produktion aus. Ein Beispiel: In der DDR wurde der Zuwachs an Nationaleinkommen von 108 Mrd. M. (1970) auf ca. 150 Mrd. M. (1975) zu 95% durch die Steigerung der Arbeitsproduk- tivität erwirtschaftet. Im gleichen Zeitraum s a n k die Verausgabung an lebendiger gesellschaftlicher Arbeit um 22%. Statt 59 (1970) produzieren heute nur noch ca. 45 Werktätige in den produzierenden Bereichen der Volkswirtschaft 1 Mill. M. Nationaleinkommen. Dies ist Realität. Mein Versuch, gegen die Analogie-Konzeption zu argumentieren, könnte zu einer Schlußfolgerung führen, die ich nachdrücklich ab- lehne: zu einer Ressorttrennung von Philosophie, die für den ko- gnitiven Aspekt zuständig wäre, und Soziologie/Ökonomie, die für die institutionellen, organisatorischen, finanziellen etc. Aspekte der Wissenschaft verantwortlich zeichneten. Daß für Lenin "die Philosophie und die politische Ökonomie zu einer i n s i c h g e s c h l o s s e n e n materialistischen Weltan- schauung verbunden sind" 89), hat seinen Grund nicht in einer klassifikatorischen, theoretischen Entscheidung. Der Grund liegt darin, daß erstmalig die Arbeiterklasse als Erkenntnissubjekt und als Subjekt der Praxis eine Weltanschauung hervorgebracht hat, die Wissenschaft ist, auch in ihrer philosophischen Form. Diese wissenschaftlich-weltanschauliche Einheit drückt sich philoso- phisch in der Einheit 'historischer/dialektischer Materialismus' aus und in der Einheit der drei Bestandteile des wissenschaftli- chen Sozialismus. Worauf es ankommt ist, aus dem Status der Wis- senschaft als gesellschaftlichem Bewußtsein heraus die Funktion der Philosophie für die Wissenschaftstheorie zu begründen. Sie liegt nicht darin, daß die Philosophie als Lordsiegelbewahrer über die Allgemeinsten Gesetze der Dialektik der Natur, der Ge- sellschaft und des Bewußtseins' wacht, denn diese Gesetze sind aus der Entwicklung abgeleitet und werden heute auch aus der Ver- gesellschaftung der Wissenschaft abgeleitet. Sie liegt darin, daß die Philosophie durch die Erkenntnistheorie wesentliche Aspekte der Wissenschaft zu analysieren fähig ist: die ideelle Form von Begriffen, Aussagen, methodischen Regeln, Theorien, Problemen k a n n nur im Rahmen der Widerspiegelungstheorie untersucht werden 90). Insofern war es kein Zufall und sollte es nicht als Kompetenzüberschreitung dementiert werden, daß bei der Entwick- lung der Wissenschaftstheorie in der DDR die Philosophie Pate ge- standen hat; (dies auch selbstkritisch zu meiner Kritik z.B. an A. Kosing in: 'Marxistische Wissenschaftstheorie'). Die politische Ökonomie verbindet sich nicht willkürlich im wis- senschaftstheoretischen Integrationsverband mit der Philosophie: ohne die politische Ökonomie der Produktionsbeziehungen der Klas- sen wäre die für die Erkenntnistheorie entscheidende Formulierung von K. Holzkamp, das ausgezeichnete Erkenntnissubjekt der Epoche sei der Lohnarbeiter in seiner Klasse 91), nur eine apologetische Behauptung. Die Philosophie hat also keine bevorzugte Stellung in der Begründung der Wissenschaftstheorie zu beanspruchen. Im Welt- anschauungssystem des wissenschaftlichen Sozialismus ist sie nach Fr. Engels eine "Weltanschauung, die sich nicht in seiner aparten Wissenschaftswissenschaft, sondern in den wirklichen Wissenschaf- ten zu bewähren hat" 92). Die "philosophische Verallgemeinerung der Wissenschaft ist ein Mittel, die S t e l l u n g d e r W i s s e n s c h a f t i m S y s t e m d e r g e s e l l- s c h a f t l i c h e n A n e i g n u n g s w e i s e n d e r R e a l i t ä t erforschen zu können", schreibt H. Laitko zum Thema 'Wissenschaftsforschung und Philosophie'. Er nennt zugleich aber auch die Beschränkungen, denen die Philosophie unterliegt, wenn sie sich nicht für die Erkenntnisse z.B. der Wissen- schaftstheorie als gesellschaftswissenschaftlicher Disziplin öffnet: "damit die philosophische Untersuchung der Wissenschaft zu Ergebnissen mit Erkenntniswert gelangen kann, muß die Philosophie ein u n m i t t e l b a r e s Verhältnis zu den Fakten besitzen und bewahren, die die Wissenschaft determinieren. Das in der materialistischen Dialektik gespeicherte Wissen über die Wirklichkeit bereichert sich mit dem Fortschritt der wissen- schaftlichen Erkenntnis über die philosophische Verallgemeinerung ihrer Resultate und Erfahrungen, aber diese Vermittlung ver- schwindet im philosophischen Ergebnis, und in der Bearbeitung philosophischer Aspekte der Wissenschaften stehen immer wieder u n m i t t e l b a r e s und f a c h w i s s e n s c h a f t- l i c h v e r m i t t e l t e s Wissen über die objektive Realität einander gegenüber" 93). Gespeichertes Wissen über die Wirklichkeit - der wissenschaftliche Sozialismus realisiert es in den Kategorien der Dialektik. Die Dialektik ist historischer Prozeß: als Wirklichkeit und als deren theoretische Abbildung. Die Kategorien der Dialektik reflektieren ihre eigene Genesis und den Prozeß ihres Fortschritts in der immer exakteren Erkenntnis der objektiven Realität. Im System dieser Kategorien und Gesetzesaussagen liegt die historische Funktion der Philosophie für die Wissenschaftstheorie. Lenin forderte, die konsequente Verarbeitung des Hegelschen Werks müsse "in der d i a l e k- t i s c h e n Bearbeitung der Geschichte des menschlichen Denkens, der Wissenschaft und der Technik bestehen" 94), Die dialektische Wendung liegt nicht in einer innertheoretischen Umkehrung der Vorzeichen 'Idealismus/Materialismus', sondern in der theoretischen Praxis und in der materiellen Aktion des aus dem Kapitalwiderspruch entstandenen Klassensubjekts der Negation. Es ist keine Überschätzung der Rolle der Theorie für die Arbeiterbewegung, wenn Lenin die Dialektik aus der "Geschichte der Philosophie" und der "einzelnen Wissenschaften" aufzubauen für notwendig hielt 95). Mit ändern Worten: d i e D i a l e k- t i k w i r d z u m P a r a d i g m a d e r W i s s e n- s c h a f t, z u d e r e n G e g e n s t a n d s b e r e i c h u n d z u d e r e n E r k e n n t n i s m e t h o d e u n d z u m G a r a n t e n d e r O b j e k t i v i t ä t w i s- s e n s c h a f t l i c h e r E r k e n n t n i s. 4.2. Über die 'logische Basis des Kommunismus' ---------------------------------------------- Die Entwicklung der Wissenschaft zur Produktivkraft und die Wir- kungen der wissenschaftlich-technischen Revolution stellen we- sentliche Voraussetzungen des Übergangs zum Sozialismus dar. Sie sind Bedingungen der Möglichkeit des Sozialismus und Bedingungen der Notwendigkeit des Sozialismus. Dabei - dies möchte ich her- vorheben - bestehen diese Bedingungen nicht allein in der Produk- tivkraftfunktion der Wissenschaft, soweit diese auf den Prozeß der materiellen Produktion und Reproduktion bezogen sind. Die hi- storische Entwicklung der Basis des Sozialismus und Kommunismus schließt die Entwicklung dessen ein, was Marx und Engels 'logische Basis' nennen. Lenin hat dieses Logische als die Summe milliardenfacher menschlicher Praxis bezeichnet und gezeigt, daß diese Summe in Form logischer Kalküle in jede weitere Praxis ein- geht 96). Insofern stellt die Logik nicht etwa eine spekulative, sondern eine tatsächliche Basis des Fortschritts dar, indem sie - in Form von Kategorien, Axiomen und Kalkülen - das Grundelement der 'Allgemeinheit' wissenschaftlicher Arbeit darstellt. Die lo- gische läßt sich von der materiellen Basis der Entwicklung eben- sowenig trennen wie die geistige und die materielle Arbeit nicht voneinander isoliert gesehen werden können. Marx und Engels haben in der 'Heiligen Familie' im Abschnitt über die "Kritische Schlacht gegen den französischen Materialismus" eine der bedeutendsten theoretischen Analysen zur historischen Funktion von Ideen und Theorien niedergelegt. Sie kennzeichnen die Verlaufslinien des englischen und des französischen Materia- lismus bis zu deren Vereinigung: der englische "mündet direkt in den S o z i a l i s m u s", der französische verwirklicht sich in der "N a t u r w i s s e n s c h a f t". Nach einer typisie- renden Charakterisierung der unterschiedlichen Systeme bringen Marx und Engels den Fortschritt in der Theorie auf den Nenner: "Es bedarf keines großen Scharfsinnes, um aus den Lehren des Ma- terialismus von der ursprünglichen Güte und gleichen intelligen- ten Begabung der Menschen, der Allmacht der Erfahrung, Gewohn- heit, Erziehung, dem Einflüsse der äußern Umstände auf den Men- schen, der hohen Bedeutung der Industrie, der Berechtigung des Genusses etc. seinen notwendigen Zusammenhang mit dem Kommunismus und Sozialismus einzusehen. Wenn der Mensch aus der Sinnenwelt und der Erfahrung in der Sinnenwelt alle Kenntnis, Empfindung etc. sich bildet, so kommt es also darauf an, die empirische Welt so einzurichten, daß er das wahrhaft Menschliche in ihr erfährt, sich angewöhnt, daß er sich als Mensch erfährt. Wenn das wohlver- standene Interesse das Prinzip aller Moral ist, so kommt es dar- auf an, daß das Privatinteresse des Menschen mit dem menschlichen Interesse zusammenfällt". Der theoretische Fortschritt hat mate- rielle Wurzeln und führt zur praktischen Konsequenz: "Wenn der Mensch von den Umständen gebildet wird, so muß man die Umstände menschlich bilden". Den Beitrag der Theorie zu der Veränderung der Verhältnisse mes- sen Marx und Engels in ihrer Kritik an der flachen Popularisie- rung des Materialismus und des Kommunismus durch Gäbet an eben dem Kriterium, welches zum Kriterium des wissenschaftlichen So- zialismus wird: der Wissenschaftlichkeit. "Die wissenschaftliche- ren französischen Kommunisten ... entwickeln, wie Owen, die Lehre des M a t e r i a l i s m u s als die Lehre des r e a l e n H u m a n i s m u s und als die l o g i s c h e Basis des K o m m u n i s m u s" 97). Materialismus und Wissenschaftlich- keit verbinden sich zur Voraussetzung des Sozialismus, zum Erbe der Arbeiterbewegung. In der Form des Materialismus der Dialek- tik, des praktischen, revolutionären Materialismus, entsteht ein n e u e s P a r a d i g m a des menschlichen Erkenntnisprozes- ses, des Wissenschaftsfortschritts. Dieses Paradigma gilt nicht aufgrund von Konsens in scientific communities 98), sondern auf- grund der Interessen und Bedürfnisse der Arbeiterklasse in ihrem Widerspruch gegen die Ausbeutung. Der Materialismus der Wissen- schaftstheorie im Kapitalismus trägt zur Verbreiterung der logi- schen Basis des Sozialismus bei, indem er die antagonistischen Bedingungen, Strukturen, Funktionen und Anwendungsformen wissen- schaftlicher Tätigkeit in der bürgerlichen Gesellschaft erklärt, die Entwicklung materialistischer Perspektiven der Wissenschaften fördert, die kurzschlüssige Gleichung von Kapitalismus und Wis- senschaft als Instrument der Desorientierung der demokratischen Bewegung kritisiert und begründet, worin die Notwendigkeit, nicht nur die Möglichkeit und das bloße Postulat, einer Wissenschaft im Dienst der werktätigen Bevölkerung gründet. "Die intellektuelle Entwicklung der Arbeiterklasse wird zum zentralen Faktor des Fortschritts von Wissenschaft, Technik und Ökonomie" 99). Diese Entwicklung findet nicht erst in einem Utopis-Sozialismus statt, sondern bereits heute im Kapitalismus. Diese Entwicklung zeigt sich auch in jenem nichtkapitalistischen Sektor der Wissen- schaftsentwicklung im Kapitalismus, den aus der materialistischen Analyse auszublenden dem Schein der Allmacht des Kapitals aufzu- sitzen hieße. _____ 1) Zur Kritik derartiger Theoreme vgl. Brand/Kotzias/Sandkühler/ Schindler/Schumacher/van Haren/Wilmes, Der autonome Intellekt. Alfred Sohn-Rethels 'kritische' Liquidierung der materialisti- schen Dialektik und Erkenntnistheorie. Frankfurt/M. 1976 (= Zur Kritik der bürgerlichen Ideologie hg. v.M. Buhr, Nr. 66). 2) A. Sohn-Rethel, Materialistische Erkenntniskritik und Verge- sellschaftung der Arbeit. Zwei Aufsätze. Bln (West) 1971, S. 42. 3) Den umfassendsten Entwurf hat in der BRD R. Rilling vorgelegt: Theorie und Soziologie der Wissenschaft. Zur Entwicklung in BRD und DDR. Vgl. Bibliographie, S. 279-291. 4) Vgl. vor allem: G. Kröber/H. Laitko (Hg.), Wissenschaft. Stel- lung, Funktion und Organisation in der entwickelten sozialisti- schen Gesellschaft. Berlin 1975. Vgl. H.J. Sandkühler (Hg.), Mar- xistische Wissenschaftstheorie. Studien zur Einführung in ihren Forschungsbereich. Frankfurt/M. 1975 (Bibliographie: S. 271-276). 5) K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. Ber- lin 1953, S. 14. 6) Ebenda, S. 10. 7) W.I. Lenin, Werke (LW), Bd. 38, S. 160. 8) G. Kröber/H. Laitko, Wissenschaft als soziale Kraft. Berlin 1976, S. 86. 9) H. May/R. Nemitz, Kann der Kapitalismus die Produktivkräfte noch weiterentwickeln? In: Marxistische Blätter 14 (1976), H. 3, S. 108. 10) Vgl. Der Bundesminister für Bildung und Wissenschaft (Hg.), Arbeiterkinder im Bildungssystem. Bonn 1976, S. 11 ff. 11) Vgl. F. Rische, Entwicklung der Massenarbeitslosigkeit in der Wirtschaftskrise. In: Marxistische Blätter 14 (1976), H. 3, S. 28. 12) Die Bundesregierung informiert: Arbeitsbericht '74. Hg. v. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Bonn 1974, S. 82. 13) Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hg.), Bonner Almanach 1975, S. 45. 14) Der Bundesminister für Forschung und Technologie (Hg.), Bun- desbericht Forschung V. Bonn 1975 (im folgenden im Text als BF mit Seitenangabe zitiert) S 13 15) MEW 20, S. 138. 16) Vgl. P. Chaussepied, Probleme der wissenschaftlichen und technischen Entwicklung in Westeuropa. In: Wissenschaftliche Welt (London/Organ der Weltföderation der Wissenschaftler), Jg. 1973, H. 3/4, S. 19 ff. 17) Aus: Erziehung und Wissenschaft (GEW), Nr. 11/1975, S. 13. 18) Deutscher Bundestag. 7. Wahlperiode. Drucksache 7/4767, 19.2.1976. 19) Der Bundesminister für Bildung und Wissenschaft (Hg.), Bil- dungspolitische Bestandsaufnahme. Bonn 1975, S. 22. 20) V.V. Bykov, Der konkret-historische Charakter der Verbindung der Wissenschaft mit der Produktion. In: Wissenschaft als Produk- tivkraft. Der Prozeß der Umwandlung der Wissenschaft in eine un- mittelbare Produktivkraft. Bln (DDR) 1974, S. 106. 21) Vgl. dazu die umfassende Studie von P.M. Kaiser, Aktuelle Tendenzen in der Wissenschaftspolitik am Beispiel der Deutschen Forschungsgemeinschaft. In: SOPO 8. Jg., H. 34/35 1976, S. 95- 117. 22) H. Seickert, Der gesellschaftliche Arbeitsprozeß - Grundlage der wissenschaftstheoretischen Systembetrachtung. In: Wissen- schaft und Forschung im Sozialismus. Probleme ihrer Entwicklung, Gestaltung und Analyse. Materialien des RGW-Symposiums zu Fragen der marxistisch-leninistischen Wissenschaftstheorie, September 1972 in Berlin. Hg.v.G. Kröber/H. Laitko/H. Steiner. Bln (DDR) 1974, S. 312. 23) MEW 20, S. 508. 24) MEW 3, S. 45. 25) J. Hirsch, Ökonomische Verwertungsinteressen und Lenkung der Forschung. In: P. Weingart (Hg.), Wissenschaftsforschung. Frank- furt/New York 1975, S. 211. 26) K. Marx, Grundrisse ..., a.a.O., S. 313/314. 27) MEW 26/3.S. 436. 28) MEW 23, S. 446. 29) MEW 26/1. S. 367. 30) MEW 26/1, S. 367/368. 31) K. Marx, Grundrisse..., a.a.O., S. 586. 32) Ebenda, S. 584. 33) MEW 26/1, S. 367. 34) MEW 26/1, S. 146. Marx kritisiert hier die Verteidigung des parasitären, aus dem Feudalismus überkommenen Teils an Beamten etc. durch die Vulgarisatoren der politischen Ökonomie. 35) MEW 25, S. 825. 36) LW 38, S. 84/85. 37) MEW 25, S. 113/114 (Hervorhebung: H.J.S.). 38) Ebenda. 39) MEW 3, S. 31/32. Auf diese bisher übersehene Bedeutung der Textstelle in der 'Deutschen Ideologie' hat zuerst Manfred Buhr hingewiesen, dem ich meine Interpretation verdanke: M. Buhr, Die Kraft der materialistischen Dialektik. In: Hegel-Jahrbuch 1974. Köln 1975, S. 37/38. 40) MEW 26/2, S. 103/104. 41) LW 38, S. 203. 42) K. Marx, Grundrisse ..., a.a.O., S. 439. 43) G. Kröber, Die Wissenschaft und ihre Erforschung im Sozialis- mus: Prozesse, Probleme, Prinzipien. In: Autorenkollektiv, Wis- senschaft im Sozialismus. Probleme und Untersuchungen. Bln (DDR) 1973, S. 26/27. 44) B.M. Kedrov, Drei Entwicklungsgesetze der Wissenschaft. In: Wissenschaft und Forschung im Sozialismus..., a.a.O., S. 33. 45) A. Leisewitz, Die Auswirkungen der Verwissenschaftlichung der Produktion auf die Monopolbildung und auf das Verhältnis von Öko- nomie und Politik, am Beispiel der chemischen Industrie. In: Das Argument 14 (1972), H. 5/6, S. 444. 46) MEW 26/1, S. 257. 47) R. Rilling, Theorie und Soziologie der Wissenschaft, a.a.O., S. 11. 48) Vgl. zu dieser Diskussion H. Parthey, Wissenschaft als Form des gesellschaftlichen Bewußtseins und ihre Funktion als Produk- tivkraft. In: Wiss. Zschr. d. Universität Rostock. Ges.- und sprachwiss. Reihe 14 (1965), H. 5/6, S. 557-560. 49) Zit. nach: H. Fetzer, Zum Erkenntnisstand von Gesetzmäßigkei- ten der Wissenschaftsentwicklung im Sozialismus (Auswertung so- wjetischer Literatur). H. 6 der Studien und Forschungsberichte der Akademie d. Wiss. d. DDR, Institut für Wissenschaftstheorie und -organisation. Bln (DDR) 1975, S. 37. Zur Diskussion über 'Produktivkraft Wissenschaft' vgl.: H. Seickert, Produktivkraft Wissenschaft im Sozialismus. Bln(DDR) 1974, S. 161 ff. H. Seickert, Die Wissenschaft als Produktivkraft und ihre Stel- lung im gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß. In: G.M. Do- brov/D. Wahl (Hg.), Leitung der Forschung. Probleme und Ergeb- nisse. Bln (DDR) 1976, S. 89-113. G.N. Wolkow, Soziologie der Wissenschaft. Bln (DDR) 1970, S. 215. S.V. Suchardin (Hg.), Wis- senschaft als Produktivkraft. Der Prozeß der Umwandlung der Wis- senschaft in eine unmittelbare Produktivkraft. Bln(DDR) 1974. G. Bohring/R. Mocek, Arbeiterklasse und Produktivkraft Wissenschaft. In: Dt. Zschr. f. Philosophie 20 (1972), S. 697-717. 50) Zit. nach: H. Fetzer, a.a.O., S. 37. 51) G. Kröber/H. Laitko, Wissenschaft im Sozialismus, a.a.O., S. 25. 52) Ebenda. 53) MEW 4, S. 181. Vgl. Lenin: "Die erste Produktivkraft der gan- zen Menschheit ist der Arbeiter, der Werktätige". LW 29, S. 352. 53a) G.N. Wolkow, Soziologie der Wissenschaft. Bln (DDR) 1970, S. 21. 54) V.G. Macharov, Wissenschaft als Faktor zur Regulierung und Steuerung der Produktion. In: Wissenschaft als Produktivkraft. Der Prozeß der Umwandlung der Wissenschaft in eine unmittelbare Produktivkraft. Bln (DDR) 1974, S. 132/133. Vgl. auch: W. Eichhorn I/A. Bauer/G. Koch, Die Dialektik von Pro- duktivkräften und Produktionsverhältnissen. Bln (DDR) 1975, S. 134/135. 55) H. Seickert, Die Wissenschaft als Produktivkraft und ihre Stellung im gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß, a.a.O., S. 105. 56) H. Seickert, Produktivkraft Wissenschaft im Sozialismus, a.a.O. S 189/190 57) Ebenda, S. 173. 57a) G. Kröber, Wissenschaft, Gesellschaft und wissenschaftlich- technische Revolution. In: H.J. Sandkühler (Hg.), Marxistische Wissenschaftstheorie, a.a.O., S. 154. 58) Vgl. S. Smirnow, Die wissenschaftlich-technische Revolution und die materielle Produktion. In: Sowjetwissenschaft. Gesell- schaftswissenschaftliche Beiträge H 5/ 1975, S. 517-527. 59) G. Kröber, a.a.O., S. 158. 60) Ebenda, S. 154. 61) J. Metzger, Für die Wissenschaft. Bln(DDR) 1976, S. 52/53. 62) J. Filipec/B.P. Löwe/R. Richta, Sozialismus - Imperialismus - wissenschaftlich-technische Revolution. Die wissenschaftlich- technische Revolution in der Klassenauseinandersetzung zwischen Sozialismus und Imperialismus. Frankfurt/M. 1974, S. 64/65. Vgl. insgesamt S. 50-71. Zur Auseinandersetzung mit bürgerlich-ideolo- gischen Gegenstrategien vgl. S. 97 ff. 63) Institut f. Gesellschaftswiss. b. ZK d. SED (Hg.), Wissen- schaft und Produktion im Sozialismus. Zur organischen Verbindung der Errungenschaften der wissenschaftlich-technischen Revolution mit den Vorzügen des Sozialismus, Bln (DDR) 1976, S. 66/ 67. 64) J. Kuczynski, Wissenschaft. Heute und Morgen. Köln 1973, S. 11. Zur Kritik an Überschätzung und Unterschätzung der WTR vgl. G. Kröber, Sozialistische Integration und wissenschaftlich-techni- scher Fortschritt. In: Wissenschaft und Forschung im Sozialismus, a.a.O., S. 87 ff. 65) D. Klein, Die Grenzen des Kapitalismus in der wissenschaft- lich-technischen Revolution. In: Einheit 30 (1975), H 1, S. 94/95. 66) U. Jaeggi, Kapital und Arbeit in der Bundesrepublik. Elemente einer gesamtgesellschaftlichen Analyse. Frankfurt/M. 1974, S. 276 ff. 67) Redaktioneller Artikel, Aktuelle Probleme des wissenschaftli- chen Kommunismus. In: Sowjetwissenschaft H. 7/1976, S. 682/683. 68) J. Metzger, Für die Wissenschaft, a.a.O., S. 30. 69) F. Tomberg, Bürgerliche Wissenschaft. Frankfurt/M. 1973, S. 150. 70) MEW 19, S. 201. 71) F. Lassalle, Die Wissenschaft und die Arbeiter. Neue Ausg. m. einer Vorbemerkung V.E. Bernstein. Berlin 1919, S. 30. 72) Josef Dietzgens kleinere philosophische Schriften. Eine Aus- wahl. Stuttgart 1903. S. 2. 73) MEW 19, S. 228. 74) G. Böhme, Die soziale Bedeutung kognitiver Strukturen. Ein handlungstheoretisches Konzept der scientific community. In: So- ziale Welt 25 (1974), S. 194. 75) Vgl. G. Radnitzky, Das Programm der systemorientierten For- schungstheorie. In: P. Weingart (Hg.). Wissenschaftsforschung, a.a.O., S. 14 ff. 76) H. Spinner, Pluralismus als Erkenntnismodell. Frankfurt/M. 1974, S. 177. 77) Vgl. H. Marcuse, Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Neuwied- Berlin 1967, S. 159 ff. 78) H. Schmidt, Hochschule und Gesellschaft. In: Dt. Universi- tätszeitung Nr. 21/1975, S. 790. 79) P.K. Feyerabend, Die Wissenschaft in der freien Gesellschaft. In: W. Zimmerli (Hg.), Wissenschaftskrise und Wissenschaftskri- tik. Basel-Stuttgart 1974, S. 107. 80) H. Kimmerle, Paradigmawechsel zwischen Natur- und Geisteswis- senschaften. In: W. Zimmerli, a.a.O., S. 51. 81) G. Kröber/H. Laitko, Wissenschaft im Sozialismus, a.a.O., S. 61. 82) G. Kröber/H. Laitko (Hg.), Wissenschaft, a.a.O., S. 168. 83) MEW 23, S. 531. 84) N.V. Markov, Die Rolle der Wissenschaft im System der Produk- tivkräfte der sozialistischen Gesellschaft. In: Wissenschaft als Produktivkraft, a.a.O., S. 76. 85) Vgl. zu diesem Problem: H.J. Sandkühler, Materialismus und Idealismus. Zur Dialektik der Theorieentwicklung in der klassi- schen bürgerlichen deutschen Philosophie. In: M. Buhr u.a., Theo- retische Quellen des wissenschaftlichen Sozialismus. Frankfurt/M. 1975, S. 162. 86) K.-D. Wüstneck, Die Systemanalyse des Arbeitsprozesses als ein Ausgangspunkt für die Systemanalyse der wissenschaftlichen Tätigkeit. In: Wissenschaft und Forschung im Sozialismus, a.a.O., S. 290, 306, 298. 87) P. Rüben, Wissenschaft als allgemeine Arbeit. In: SOPO 8 (1976), H. 36, S. 23-29. 88) Zit. nach G.M. Dobrov, Wissenschaftsorganisation und Effekti- vität. Bln (DDR) 1971 S. 4. 89) LW 20, S. 188. 90) Vgl. G. Kröber/H. Laitko (Hg.), Wissenschaft, a.a.O., S. 176. 91) Vgl. K. Holzkamp, Sinnliche Erkenntnis. Historischer Ursprung und gesellschaftliche Funktion der Wahrnehmung. Frankfurt/M. 1973, S. 239 ff. 92) MEW 20, S. 129. 93) H. Laitko, Wissenschaftsforschung und Philosophie (Bemer- kungen zum Stand des Problems). In: G. Kröber/H. Steiner, Wissenschaft und Gesellschaft. Studien und Forschungsberichte der Akademie d. Wiss. d. DDR. Institut f. Wissenschaftstheorie und -organisation. H. 4/1974, S. 57, 55. 94) Vgl. F. Fiedler, 'Einheitswissenschaft' oder Einheit der Wis- senschaft. Bln (DDR) 1971, S. 35 ff. 94) LW 38, S. 137. 95) LW 38, S. 335. 96) LW 38, S. 181. 97) MEW 2, S. 132-139. Lenin kommentiert in seinem Konspekt zur 'Heiligen Familie': "Nichts ist leichter, als aus den Vorausset- zungen des Materialismus den Sozialismus zu folgern", LW 38, S. 30. 98) Vgl. Th. S. Kuhn, Postskript - 1969 zur Analyse der Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. In: P. Weingart (Hg.), Wissen- schaftssoziologie 1. Wissenschaftliche Entwicklung als sozialer Prozeß. Frankfurt/M. 1972, S. 288: "Ein Paradigma ist, was den Mitgliedern einer wissenschaftlichen Gemeinschaft gemein ist". Ich verwende den Begriff 'Paradigma' hiervon abweichend im Sinne der Formulierung von H. Laitko: "Die Paradigmenschicht ist ... jener Bereich, über den philosophisch-weltanschauliche Einstel- lungen und darüber hinaus das ganze 'geistige Klima' der jeweili- gen Gesellschaft auf die wissenschaftliche Tätigkeit wirken". H. Laitko, Zyklische Prozesse in der Wissenschaft. In: Autorenkol- lektiv, Wissenschaft im Sozialismus. Probleme und Untersuchungen. Bln(DDR) 1973, S. 162. 99) G.N. Wolkow, Soziologie der Wissenschaft. Bln (DDR) 1970. zurück