Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977
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Hans Jörg Sandkühler
ÜBER DIE 'LOGISCHE BASIS DES KOMMUNISMUS' ODER -
WIE PRODUKTIV IST DIE WISSENSCHAFT IM KAPITALISMUS
Manfred Buhr zum 50. Geburtstag
1. Für einen konkret-allgemeinen Begriff der Wissenschaft
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Die Frage nach der Wissenschaftlichkeit der Wissenschaft im
staatsmonopolistischen Kapitalismus scheint mit dem Hinweis auf
die 'Bürgerlichkeit der Wissenschaft' in der bürgerlichen Gesell-
schaft abschließend beantwortet zu sein. Der Slogan "bekämpft die
bürgerliche Wissenschaft" kommt mit dieser Antwort aus, sobald
sie mit einigen theoretischen Konstrukten angereichert wird: etwa
mit den mechanistischen Gleichungen "Bewußtsein im Kapitalismus =
kapitalistisches Bewußtsein", "Ideologie im Kapitalismus =
falsches Bewußtsein" oder - mit höherer theoretischer Weihe -
"Warenform = Denkform" 1). Die Erkenntnisformen wissenschaftli-
cher Tätigkeit im Kapitalismus entsprechen folglich per defini-
tionem der 'Warenform'. Wer sich dennoch das Fragen nicht abge-
wöhnt, sich etwa die Frage stellt, wovon der Kapitalismus ange-
sichts der Akkumulation falschen Bewußtseins seine Reproduktions-
fähigkeit bezieht, wird auf das schale Wort "umso schlimmer für
die Tatsachen" eingeschworen. A. Sohn-Rethel, für einige Zeit
Cheftheoretiker zum Problem der Trennung von körperlicher und
geistiger Arbeit, ist so frei, "am empirischen Sosein der Ver-
hältnisse in ihrem heutigen Zustand nicht interessiert" zu sein
2). Die heilige Familie im Haus der Sektion linker Maximalismus'
der bürgerlichen Ideologie " Vater 'Mechanismus', Mutter 'Vul-
gärökonomie', Kinder in den Altersgruppen der 'kritischen Theo-
rie' - gibt denn auch die Antworten auf die falschen Fragen. Die
Wissenschaftstheorie wird hier nichts lernen. Für sie gilt die
Marxsche 'Anweisung: de te fabula narratur, d.h. ihr muß es um
einen konkret-allgemeinen Begriff der Wissenschaft gehen, der die
Struktur, die Funktion und die Veränderungstendenzen w i s-
s e n s c h a f t l i c h e r T ä t i g k e i t i m K a p i-
t a l i s m u s v o n h e u t e angemessen abbildet. Offen-
sichtlich ist, daß eine solche Wissenschaftstheorie nur in
Ansätzen vorliegt 3). Unbestreitbar ist, daß die materialisti-
sche, marxistisch-leninistische Wissenschaftstheorie in den so-
zialistischen Ländern einen erheblichen Vorsprung hat 4),
w e i l die Theorie dort qualitativ andere, neue Ausgangsbedin-
gungen und Wirkungsmöglichkeiten der Wissenschaft vorfindet.
Deutlich ist aber auch, daß es trotz aller Lerneffekte nicht aus-
reicht, Ergebnisse der Wissenschaftsforschung im Sozialismus auf
den Wissenschaftsprozeß im Kapitalismus zu übertragen. Es gibt
keine noch so gelungene A n a l o g i e, mit deren Hilfe die
sozialökonomische und politisch-organisatorische Spezifik wissen-
schaftlicher Tätigkeit im Kapitalismus 'abgeleitet' werden
könnte. 'D i e P r o d u k t i o n g r e i f t ü b e r' -
diese Erkenntnis der Marxschen politischen Ökonomie des Kapita-
lismus trifft ebenso auf das Wissenschaftsprodukt zu wie auf die
wissenschaftliche Tätigkeit der Individuen die andere Einsicht:
"Die Produktion produziert daher nicht nur einen Gegenstand für
das Subjekt, sondern auch ein Subjekt für den Gegenstand" 5).
Subjekt der Wissenschaft im Kapitalismus ist - sowohl nach der
Seite der kognitiven Prozesse wie nach der Seite der sozialökono-
mischen Funktion betrachtet - die bürgerliche Gesellschaft i n
i h r e m K l a s s e n a n t a g o n i s m u s. Dieses 'Sub-
jekt' der Theorie leugnet nicht die Rolle der gesellschaftlich
Wissenschaft produzierenden Individuen, sondern ist die legitime,
verständige Abstraktion aus der sozialhistorisch ausgebildeten
B e s t i m m t h e i t der Produktion. Die gesellschaftswis-
senschaftliche Konkretisierung dieses 'Subjekts' wird dann nicht
bei der maoistischen Schwundstufendialektik 'mal Bourgeoisie/mal
Proletariat (einer überwiegt immer)' ankommen, sondern die
Arbeiterklasse und die Lohn- und (teilweise) Gehaltsabhängigen
insgesamt als bestimmendes Element des ensembles der ge-
sellschaftlichen Verhältnisse 'in seiner Wirklichkeit' (6. These
ad Feuerbach) zum Gegenstand der Analyse machen. Der für den Ka-
pitalismus zu erarbeitenden Wissenschaftstheorie darf nicht dro-
hen, was Marx in den 'Grundrissen' als schlechte Allgemeinheit
der bürgerlichen Nationalökonomie kritisierte: "Es gibt allen
Produktionsstufen gemeinsame Bestimmungen, die vom Denken als
allgemeine fixiert werden; aber die sogenannten a l l g e m e i-
n e n B e d i n g u n g e n aller Produktion sind nichts als
diese abstrakten Momente, mit denen keine wirkliche geschicht-
liche Produktionsstufe begriffen ist" 6). Um es deutlich zu
sagen: die rezepthafte Anwendung der Kategorien der sozialisti-
schen Wissenschaftstheorie in der Analyse des kapitalistischen
Wissenschaftsprozesses wäre nicht mehr und nicht weniger als eine
pseudomarxistische Variante der Konvergenztheorie. So wie es
"die' Industriegesellschaft, 'die' WTR-Gesellschaft usw. nur in
der Fiktion derer gibt, die die Krisen gern 'weltweit' hätten,
gibt es auch nicht 'die' Wissenschaft in 'der' Industrie-
gesellschaft. Wissenschaft gehört in den Geltungsbereich d e r
s p e z i f i s c h e n G e s e t z e d e r P r o d u k-
t i o n s w e i s e.
Es geht mir bei diesem Veto gegen meist mit bester Absicht, aber
unbewußt vollzogene theoretische 'Ableitungs'-Formeln, nicht um
einen billigen antidogmatischen Effekt. Positiv gewendet ist es
nur ein Plädoyer für historisch-materialistische Orthodoxie: das
Ernstnehmen der K a t e g o r i e d e r ö k o n o m i-
s c h e n G e s e l l s c h a f t s f o r m a t i o n. Zweitens
ist eine Einschränkung deshalb notwendig, weil es eine absolute
Isolation der beiden Gesellschaftsformationen Kapitalismus und
Sozialismus gegeneinander in der Phase der friedlichen Koexi-
stenz, des Warenverkehrs und des Austauschs von wissenschaftlich-
technischem Know-how nicht gibt. Wissenschaft im Kapitalismus
reagiert - wie zunehmend auch Wissenschaft im Sozialismus (und
die nicht immer mit der gebotenen Vorsicht, wie Positivismus-
Tendenzen in naturwissenschaftlichen Teilbereichen, in der
Psychologie und andernorts zeigen) - über den internen sozialöko-
nomischen Antagonismus hinaus auch auf den Systemkonflikt und
verwertet zugunsten langfristiger Profitsicherung Ergebnisse etwa
der Arbeits- und Organisationswissenschaft, Rationalisierungs-
und Automatisierungspraktiken aus dem Sozialismus. Notwendig ist
drittens eine weit wichtigere Einschränkung: die Beachtung der
Spezifik der Gesetze der Produktionsweise bedeutet, daß nicht
philosophische V e r a l l g e m e i n e r u n g e n von Ge-
setzeserkenntnissen über den Wissenschaftsprozeß im Sozialismus
zur Grundlage von abstrakten Deduktionen für die Analyse der
B e s o n d e r h e i t des Wissenschaftsprozesses im Kapitalis-
mus genommen werden; die Beachtung der Spezifik bedeutet
n i c h t, auf Erfahrungen des Übergangs zum Sozialismus zu
verzichten; sie bedeutet n i c h t, auf das wissenschafts-
theoretische Minimum an Komplexität der Wissenschaftsforschung zu
verzichten, das sich aus der theoretischen Gültigkeit der drei
Grundelemente des wissenschaftlichen Sozialismus (materialisti-
sche Dialektik, politische Ökonomie, politische Theorie von
Klasse, Staat und Revolution) ergibt; sie bedeutet n i c h t,
den theoretischen Vorlauf der sozialistischen Wissenschafts-
theorie ungenutzt zu lassen, und n i c h t, die theoretische
und politische Leitfunktion bzw. den wissenschaftlichwelt-
anschaulichen Orientierungscharakter des in der Systematik des
wissenschaftlichen Sozialismus 'gesellschaftlich akkumulierten
Wissens' zu dementieren. Das Ergebnis eines solchen Mißver-
ständnisses wäre, mit den besten realistischen Absichten kurz-
schlüssigen Empirismus zu betreiben. Der von der marxistischen
Erkenntnistheorie beschriebene Weg der Erkenntnis zur objektiv-
wahren Aussage, "von der lebendigen Anschauung zum abstrakten
Denken u n d v o n d i e s e m z u r P r a x i s", ist auch
der wissenschaftstheoretische Weg "der Erkenntnis der objektiven
Realität" 7). Das heißt: Wissenschaftstheorie, die die Abstrak-
tionen der materialistischen Dialektik und der politischen Ökono-
mie des Kapitalismus ungenutzt läßt, verliert ihre kritische Kom-
petenz und damit ihre Fähigkeit, zur Veränderung der materiellen
Verhältnisse beizutragen.
2. Zur Lage der Wissenschaft im Kapitalismus
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Materialistisch verfährt die Wissenschaftstheorie, indem sie mit-
hilfe wesentlicher Vorkenntnisse (Kategorien, Gesetze, methodi-
sche Prinzipien- und Regelanweisungen) eine Bestandsaufnahme vor-
nimmt, nicht von den bürgerliche-ideologischen Reflexen Wissens-
und wissenschaftssoziologischer Art ausgeht, sondern Wissenschaft
als Faktor der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion zur
Kenntnis nimmt.
In diesem Zusammenhang spielt heute die Frage eine wichtige
Rolle, o b W i s s e n s c h a f t u n d T e c h n i k i m
K a p i t a l i s m u s z u r H e r s t e l l u n g d e r
m a t e r i e l l - t e c h n i s c h e n B a s i s d e s
S o z i a l i s m u s b z w. d e s Ü b e r g a n g s z u m
S o z i a l i s m u s b e i t r a g e n. Wie produktiv ist Wis-
senschaft? In wessen Interesse wird Wissenschaft produziert? Ver-
schärft die Entwicklung wissenschaftlicher Produktivkräfte den
Widerspruch zu den kapitalistischen Produktionsverhältnissen?
Oder entwickelt der Kapitalismus die Produktivkraft Wissenschaft
prinzipiell nur soweit, wie sie der Reproduktion des bestehenden
Kapitalverhältnisses, d.h. der langfristigen Systemstabilität
dient? Konkret: stellen etwa im ideologischen Bereich die gras-
sierenden technologischen Endzeitutopien, die 'anti-science'-Be-
wegung, Technophobie und Nullwachstumspropaganda derartige Brem-
sen dar, den systemfunktionalen wissenschaftlich-technischen
Fortschritt unter Kontrolle zu behalten und mögliche systemdys-
funktionale Wirkungen rechtzeitig auszuschalten? Im politisch-in-
stitutionellen Bereich übernehmen Berufsverbote, längst auf die
private Wirtschaft übertragen, jedenfalls diese Funktion; keines-
falls geht es nur darum, 'Verderber der Jugend' und 'Feinde des
Staates' wegen ihrer ideologischen Überzeugungsarbeit kaltzustel-
len. Mit der Frage nach der produktiven Funktion der Wissenschaft
im Kapitalismus verbunden sind weitere Probleme: 1. das Problem,
inwieweit der staatsmonopolistische Kapitalismus den Übergang von
extensiven Formen der Erweiterung der volkswirtschaftlichen Re-
produktion zur intensiv erweiterten Reproduktion bewerkstelligt;
2. das Problem der Erkennbarkeit und Prognostizierbarkeit der
Wissenschaftsentwicklung, der Bestimmung von dem Wesen der Ent-
wicklung adäquater Parameter etc.; 3. das Problem des Charakters
der wissenschaftlich-technischen Revolution unter kapitalisti-
schen Bedingungen: entfaltet sie sich überhaupt und, wenn ja, mit
den Auswirkungen in Richtung einer s o z i a l e n Revolution?
Werden diese Probleme erkannt und gelöst, ergeben sich 4. zwangs-
läufig Schlußfolgerungen theoretischer Art: ergibt sich aus dem
Produktivkraftcharakter der Wissenschaft (die, zumindest unter
dem Gesichtspunkt ihrer kognitiven Funktion, ideelle Produktion
ist) eine veränderte historisch-materialistische Bestimmung des
Verhältnisses von Basis und Überbau? Ergibt sich aus der Produk-
tivkraftfunktion der Wissenschaft ein neuer Schwerpunktbereich,
ein wesentlich neues Objektfeld der politischen Ökonomie? Ergibt
sich aus der materiellen Wirkung dieser besonderen Erkenntnistä-
tigkeit für die Erkenntnistheorie der Zwang, die Unterscheidung
von Idealismus und Materialismus zu modifizieren? Weist die Wis-
senschaftsentwicklung mit der Tendenz zur Einschränkung körperli-
cher Arbeit und der Tendenz zu schöpferisch-geistiger Arbeit auf
eine naturgeschichtliche Revolution hin, auf eine 'Logifizierung'
des menschlichen Wesens (und das heißt: der Struktur des ensem-
bles der materiellen gesellschaftlichen Verhältnisse)? Sind dies
spekulative Fragen oder Gegenstände philosophischer Verallgemei-
nerung wissenschaftstheoretischer Erkenntnisse?
Eines zumindest scheint mir klar: Marx' und Engels' Formulierung
von der 'l o g i s c h e n B a s i s d e s K o m m u n i s-
m u s' ist ungemein aktuell. Zunächst aber zurück zur Frage "Wie
produktiv ist die Wissenschaft im Kapitalismus?" Bei der Antwort
auf diese Frage scheint eine optimistische Überschätzung der
Funktion der Wissenschaft nahezuliegen, sobald die unbezweifel-
baren Fortschritte im Bereich der wissenschaftlichen und
technischen Intelligenz zum aktiven Bündnispartner der Arbeiter-
klasse im antimonopolistischen Kampf verabsolutiert und zumindest
zum Teil insulare Reformpositionen in den Hochschulen der BRD und
West-Berlins als repräsentativ überschätzt werden. Sieht man
'realistisch' auf die Lage der Wissenschaft z.B. in der BRD, dann
drängt sich die pessimistische Alternative auf. Beide sind
kurzsichtig. Eine vorsichtigere, wohl aber noch zu pauschale
Antwort versuchen G. Kröber und H. Laitko zu formulieren. Ich zi-
tiere ausführlich, weil der Text in seiner Ambivalenz das Problem
kennzeichnet: "Die Begriffe des wissenschaftlich-technischen
Fortschritts und der wissenschaftlich-technischen Revolution sind
auch auf die Realität des gegenwärtigen Kapitalismus anwendbar,
sofern man berücksichtigt, daß sie dort einen qualitativ anderen,
durch die Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise bedingten
sozialen Inhalt haben als im Sozialismus und daß zudem die wis-
senschaftlich-technische Revolution unter kapitalistischen Ver-
hältnissen wohl begonnen, aber mutmaßlich nicht vollendet werden
kann, weil die mit ihrer Vollendung verbundene qualitative Umge-
staltung der gesellschaftlichen Produktivkräfte das historische
Maß überschreitet, innerhalb dessen das Kapitalverhältnis noch
existenzfähig ist. (Wir bedienen uns dieser vorsichtigen Aus-
drucksweise, da angesichts der nunmehr permanenten Tendenz der
Wissenschaft, in der Sphäre der Produktivkräfte mehr oder minder
weitreichende qualitative Wandlungen auszulösen, noch keine end-
gültige Klarheit darüber besteht, welcher konkrete Zustand der
gesellschaftlichen Produktivkräfte als der Abschluß der gegenwär-
tigen wissenschaftlich-technischen Revolution anzusehen ist.) Als
eine sozialökonomisch-produktive Potenz hingegen kann man die
Wissenschaft im gegenwärtigen Entwicklungsstadium des Kapitalis-
mus überhaupt nicht betrachten" 8).
So differenziert diese Antwort auf die Frage nach der produktiven
Funktion der Wissenschaft im Kapitalismus argumentiert, scheint
sie mir doch nicht unbedenklich zu sein. Die Autoren räumen ein,
daß die Wissenschaft auch hier sozial günstige Wirkungen hervor-
zubringen vermag, darunter auch für den materiellen Lebensstan-
dard der Arbeiterklasse. Solange aber das Kriterium der Produkti-
vität der Arbeit, auch der wissenschaftlichen, noch isoliert-öko-
nomischer, nicht aber sozial-ökonomischer Natur sei, könne sich
die Wissenschaft nicht zur s o z i a l ö k o n o m i s c h pro-
duktiven Potenz entfalten. Diese unter dem Aspekt der dominieren-
den Profit-Kriterien kapitalistischer Wirtschaft sicher richtige
Einschätzung scheint mir freilich verabsolutiert zu sein ("auch
nicht in abgeschwächter Form"). Meine Bedenken richten sich auf
drei Punkte: e r s t e n s wird der Begriff der kapitalisti-
schen Produktionsweise hier - trotz der Verwendung der Kategorie
'Kapitalverhältnis - so eingesetzt, daß der gesetzmäßige Charak-
ter des 'Übergreifens' der materiellen Produktion auf alle Le-
bensbeziehungen sich in einer Stabilität des Systems ausdrückt,
nicht aber in dessen D i a l e k t i k; das kapitalistische Ge-
setz der Produktion und Reproduktion der Arbeiterklasse spielt
hier keine wesentliche Rolle; z w e i t e n s erscheint die so-
zialökonomisch produktive Funktion der Wissenschaft nicht als Be-
dingungen des Übergangs zum Sozialismus, sondern als dessen Re-
sultat; dementsprechend fällt die Wissenschaft aus dem Klassen-
kampf heraus, dessen Errungenschaften sie bestenfalls zu sichern
in der Lage scheint, dessen Instrument und Ergebnis sie aber hier
nicht ist; und d r i t t e n s: die Vollendung der wissen-
schaftlich-technischen Revolution i s t der Sozialismus; inso-
fern ist diese Vollendung im Kapitalismus als dessen bestimmte
Negation nicht nur möglich, sondern auch notwendig; die Wissen-
schaft ist eine F u n k t i o n d e s G e s a m t s y-
s t e m s der Antagonismen des Kapitalverhältnisses, des
Klassenkampfs und der politisch-rechtlichen Strukturen der
Gesellschaft und bildet dieses System - hier ihre ideologische
Funktion - notwendig adäquat ab; adäquat ist nicht gleich-
bedeutend mit 'wahr' bzw. 'richtig' (logisch), sondern meint:
Wissenschaft ist Widerspiegelung der Widersprüche des Kapitalis-
mus i n d e r F o r m e i n e s w i d e r s p r ü c h l i-
c h e n W i s s e n s c h a f t s s y s t e m s. Diese Wider-
sprüchlichkeit schlägt sich nieder in den Gesellschaftswis-
senschaften in der bürgerlichen Gesellschaft, in deren Ambivalenz
von notwendiger Realitätshaltigkeit und irrationalistischer Ideo-
logieproduktion; sie schlägt sich nieder in ideologischen Kampf-
begriffen wie 'Wissenschaftspluralismus', deren institutionelle
Seite der Kampf um Marxismus und Marxisten an Universitäten ist
(wo es sie schließlich gibt); sie schlägt sich nieder in wissen-
schaftlichen Institutionen der Arbeiterklasse (CERM/Paris,
Istituto Gramsci/Rom, IMSF/Frankfurt usw.) inmitten bürgerlicher
Herrschaft; sie zeigt sich in der Mitwirkung sozialistischer
Wissenschaftler in Bürgerinitiativen (Whyl/Atomkraftwerke) und im
Mitbestimmungskampf von Wissenschaftlern und Technikern in
Betrieben und staatlichen Großforschungseinrichtungen. Es ist
zweifellos richtig, diese Seite des Widerspruchsverhältnisses
nicht überzubewerten. Worauf es ankommt, ist, den dialektischen
Begriff der Wissenschaft der realen Dialektik des Wissenschafts-
prozesses und der Dialektik der Klassenauseinandersetzung abzu-
gewinnen und keinen homogenen, statischen Zustand von 'Kapita-
lismus' zu unterstellen. In diesem Zusammenhang scheint mir die
von H. May und R. Nemitz formulierte Position zum Problem der
Dialektik von Fortschritt und Regression im Kapitalismus richtig
zu sein. Im Referat der Diskussion um J. Kuczynskis negative
Antwort auf die Frage "Kann die wissenschaftlich-technische
Revolution unter den Bedingungen des staatsmonopolistischen
Kapitalismus durchgeführt werden?" heißt es: "Zu den wichtigsten
Einsichten des wissenschaftlichen Sozialismus gehört die Analyse
der Produktivkraftentwicklung: Das Kapital ist gezwungen, die
Entwicklung von Arbeitskräften, Wissenschaft und Technik so weit
voranzutreiben, daß schließlich die sozialistische Form der
Produktion zur rationellsten wird. Dies macht die vorwärts-
treibende Seite des Kapitals aus, es arbeitet durch wissen-
schaftlichen und technischen Fortschritt dem Sozialismus in die
Hände" 9). Die hier notwendige Schlußfolgerung für die Analyse
der Wissenschaft im Kapitalismus muß zunächst lauten: wesentliche
Problemstellung der Wissenschaftsforschung muß die E n t-
w i c k l u n g e i n e s n i c h t - k a p i t a l i s t i-
s c h e n W i s s e n s c h a f t s s e k t o r s i m K a p i-
t a l i s m u s s e i n; mit Phasenverschiebungen entfalten
sich nicht-kapitalistische Formen der Wissenschaftsproduktion und
-organisation im Rahmen der Arbeiterklasse in vielen technolo-
gisch hochentwickelten Ländern des kapitalistischen Systems. Erst
in dieser strategisch wichtigen Sichtweise können einseitige
Fixierungen auf den Aspekt der Kapitalreproduktion vermieden
werden; erst so wird aus der Existenz widersprüchlicher Klassen-
bewegung die Folgerung gezogen, welche die mechanistische, in der
Kritik bürgerlicher Ideologie immer wieder auftretende Gleichung
'Wissenschaft im Kapitalismus = kapitalistische Wissenschaft'
verhindert.
2.1. Fakten
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Die Realität scheint dieser Einschätzung zu widersprechen. Die
gesellschaftliche Arbeitsteilung wirkt sich in ihren sozialen
Folgen gerade in der BRD so aus, daß geistige Arbeit ein Klassen-
privileg der Produktionsmittelbesitzer geblieben ist. Tritt keine
qualitative gesellschaftliche Veränderung ein, verkleinert sich
in der BRD der Rekrutierungsbereich für wissenschaftlich-techni-
sche Tätigkeiten zunehmend. Die weitaus überwiegende Mehrheit der
Bevölkerung ist an der wissenschaftlichen Produktion nahezu unbe-
teiligt. Dies nicht, weil in den höchstentwickelten Industrielän-
dern der Anteil der Beschäftigten mit Hochschulbildung - bei ei-
ner Zuwachsrate von jährlich 8-10% - nur ca. 8% beträgt, sondern
weil die etwa 70% der in der BRD zur Klasse der Werktätigen zäh-
lenden Erwerbstätigen an dieser Qualifikationsform kaum beteiligt
sind. Die Kinder der ca. 55% ungelernten und gelernten Arbeiter
stoßen gegen die schwer überwindbare Barriere der Chancenun-
gleichheit - vom Kindergarten bis zu den Universitäten. Benach-
teiligt in der vorschulischen und Grund- und Hauptschulbildung,
gelangen an die Realschulen ca. 35%, an die Gymnasien ca. 17%, an
die Universitäten ca. 11%; unter den Doktoranden finden sich 8%
dieses 55 prozentigen Bevölkerungsanteils wieder 10). J. Kuczyns-
kis Berechnung, daß im Jahre 2000 etwa 20% der Werktätigen im
wissenschaftlich-technischen Sektor arbeiten werden, wirft ein
Schlaglicht auf dieses Dilemma. Die gegenwärtige ökonomische
Krise macht deutlich, daß der Kapitalismus sein Arbeitsprodukti-
vitätsniveau halten und erhöhen kann, weil er auf anachronisti-
sche Mittel der E x t e n s i v i e r u n g zurückgreift. Der
kurzfristige Umschwung vom Wachstumsschwund um minus 3% im Jahr
1975 auf ein Bruttosozialproduktwachstum von 5-6 % 1976 wird er-
zielt durch Überstunden, Sonderschichten, verstärkte Arbeits-
hetze, Angst vor Krankmeldung etc. Die Zahl der arbeitslosen Na-
turwissenschaftler und Techniker ist zwischen 1971 und 1975 von
2.500 auf 15.200 gewachsen 11).
Die politische Bildungs- und Wissenschaftsideologie der Bundesre-
gierung zeichnet ein anderes Bild. Als Resümee des
'Bundesberichts Forschung IV' (März 1972) schreibt die Regierung:
"Er dokumentiert eine Neuorientierung der Forschungspolitik: For-
schungspolitische Planung wird künftig mit Vorrang an gesell-
schaftlichen Aufgaben ausgerichtet werden... Das bedeutet: bevor-
zugte Förderung von Vorhaben, die dazu beitragen, die menschli-
chen Lebensbedingungen zu verbessern, gesellschaftliche Engpässe,
Störungen und Gefahren zu beseitigen. Nicht das technisch Mach-
bare, sondern das gesellschaftlich Verantwortbare gibt den Aus-
schlag" 12). Ein Thema mit vielen Variationen, ganz in Dur ge-
stimmt: "Staatliche Forschungs- und Technologiepolitik orientiert
sich in der BRD an den konkreten Problemen und Bedürfnissen der
Bevölkerung und des Gemeinwesens. Ziel ist es, Forschung schwer-
punktmäßig dort einzusetzen, wo sie für das Leben der Menschen
unmittelbar von Bedeutung ist" 13). Die Regierung wird sich eine
andere Gesellschaft für diese Zielsetzung suchen müssen. Wirk-
lichkeit ist: den größten Nutzen zieht die kleinste Bevölkerungs-
gruppe, die 25.000, die zur m o n o p o l i s t i s c h e n
B o u r g e o i s i e gerechnet werden können. Die Mehrheit
steht mit diesem Nutzen durch die Lohnsteuer in Verbindung.
Wer nach der Wissenschaft im Kapitalismus fragt, muß sich von den
Illusionen freier einsamer Wissenschaftlerindividuen und der Uni-
versitäten als Ort von Wissenschaft und Forschung lösen. In der
BRD waren 1971 in Forschung und Entwicklung ca. 280.000 Personen
beschäftigt, darunter über 70 % im privaten Unternehmenssektor.
1973 wurden von der Wirtschaft mit etwa 12,8 Mrd. DM aber nur 42%
der gesamten Wissenschaftsaufgaben aufgewendet. Zwischen 1969 und
1974 hat sich das Volumen der Förderung von Wissenschaft, For-
schung und Entwicklung bei einer Zunahme des Bruttosozialprodukts
ungefähr verdoppelt. Hier ist nun die Umschichtung festzustellen,
die ein S y m p t o m f ü r d e n s t a a t s m o n o p o-
l i s t i s c h e n C h a r a k t e r d e s K a p i t a-
l i s m u s i n d e r B R D darstellt: die Aufwendungen im
Wirtschaftsbereich erhöhten sich von 6,6 Mrd. DM auf 12,4 Mrd.
DM, die der öffentlichen Haushalte aber überproportional von 9,3
Mrd. DM auf 21,8 Mrd. DM. Nach verbrauchenden Stellen aufge-
schlüsselt finanzieren sich Forschung und Entwicklung der
gewerblichen Wirtschaft zunehmend aus Mitteln der öffentlichen
Hand: 1969 flössen der Wirtschaft bei einer Eigenleistung von 6,2
Mrd. DM l Mrd. DM an Staatsbeitrag zu, während sich 1973 die
Proportionen wesentlich verschoben hatten: der staatliche
Subventionsanteil erhöhte sich von unter 15% auf über 20% (10,4
Mrd. DM : 2,3 Mrd. DM). Die Staatsfunktion in Forschung und
Entwicklung schlägt sich in einem Prioritätenkatalog nieder, in
dem Projekte der Industrieförderung an der Spitze stehen, "die
dazu beitragen, das Leistungsangebot der Wirtschaft an anspruchs-
vollen Technologien weiterzuentwickeln". Unter 'ferner liefen'
erst Projekte, "die darauf gerichtet sind, die Erfüllung öffent-
licher Aufgaben und die Infrastruktur zu verbessern, vor allem in
den Bereichen Gesundheit, Arbeitswelt, Ernährung, Versorgung,
Kommunikation und Verkehr". Der Staat bietet die Bedingung der
Realisierung monopolistischer Extraprofite, denn gefördert wird,
"wenn das wissenschaftlich-technische und wirtschaftliche Risiko
hoch eingeschätzt werden muß, der finanzielle Einsatz groß ist"
14). Der Staat konzentriert seine Förderung zu 84% auf nur fünf,
von marktbeherrschenden Monopolen regierte Branchen: Chemie,
Elektrotechnik, Straßenfahrzeugbau, Luftfahrzeugbau und Maschi-
nenbau. Konzentration und Zentralisation der Kapitalien werden so
entgegen den Beteuerungen, die mittelständische Wirtschaft för-
dern zu wollen, durch die Wissenschaftspolitik der BRD beschleu-
nigt. Die Industrien, die nur 34% der Arbeiter beschäftigen, ver-
ausgaben heute über 80% der Mittel für Forschung und Entwicklung
und vergrößern ihren technologischen Abstand durch staatlich fi-
nanzierte eigene wissenschaftliche Forschung und Überführung der
Ergebnisse in Rationalisierung und Automatisierung. Industrieför-
derung schlägt in der BRD mit 41% zu Buche, von denen offiziell
lediglich 16,5% als Rüstungsausgaben ausgewiesen werden. Der Be-
reich 'Soziale Fragen und Gesundheitswesen' verschwindet mit 2,2
% unter der drückenden Last der Monopolinteressen. Kein Wunder,
daß die öffentliche Meinung vom Extrem eines überzogenen Wissen-
schaftsoptimismus ins Extrem der Wissenschaftsverteufelung umzu-
kippen droht. "Der Zusammenhang der jedesmaligen Verteilung mit
den jedesmaligen materiellen Existenzbedingungen einer Gesell-
schaft liegt sosehr in der Natur der Sache, daß er sich im Volks-
instinkt regelmäßig widerspiegelt", schrieb Friedrich Engels 15).
Daß die Ursachen dieser inhumanen Wirkung der Wissenschaften
nicht in diesen selbst begründet sind, sondern im chaotischen
Mangel an gesellschafts- und wissenschaftspolitischer Gesamtpla-
nung, versuchen die Ideologen der 'weltweiten' Wachstumskrise mit
einigem Erfolg zu vertuschen. Die staatliche Wissenschaftspolitik
wird zunehmend abhängig vom partikularen Profit-Interesse, weil
sich Extraprofite aus Innovationen nur solange ziehen lassen, wie
die Konkurrenz technologisch nicht gleichgezogen hat. Aus Konkur-
renzgründen wird mit dem Patentschutz durch Patentanmeldung ohne
Überführung in die Produktion ein Mißbrauch betrieben, der der
bewußten Vergeudung von Produktivkraft gleichkommt; aus Konkur-
renzgründen investiert die Industrie im Kapitalismus in immer
kurzfristigere und immer unsicherere technologische Ziele. Das
Tempo des Fortschritts bindet in höherem Maße Kapitalien für In-
vestitionen, die organische Zusammensetzung des Kapitals steigt,
die Profitrate sinkt, nicht nur tendenziell. Staatliche Ressour-
cen stellen die einzig noch mögliche Profitsicherung dar 16).
Hier zeigt sich die W i d e r s p r ü c h l i c h k e i t d e r
p r o d u k t i v e n P o t e n z d e r W i s s e n-
s c h a f t i m K a p i t a l i s m u s: der technologische
Fortschritt bietet für eine sozialistische Veränderung Bedingun-
gen, wie sie in keinem der heute sozialistischen Länder im
Anfangsstadium vorhanden waren. Der technologische Fortschritt
erzwingt aber in der Phase vor dem Übergang zum Sozialismus, vor
der möglichen Phase einer nicht-monopolistischen Demokratie, die
durch staatliche Herrschaft gesicherte Verschärfung der Ausbeu-
tung und relativen Verelendung der Massen. Diese Verschärfung
wird zur Grenze des Kapitalismus. Sowenig den einzelnen Unterneh-
mer der tendenzielle Fall der Profitrate interessieren mag, so-
lange sein partikularer Profit gesichert ist, zwingt doch die Mo-
nopolisierung dazu, den Staat als Funktion der Ökonomie zu erhal-
ten und seinen Bankerott zu verhindern. Zur Vertiefung dieses we-
sentlich neuen Elements der Dialektik des Kapitalverhältnisses
trägt die Wissenschaft erheblich bei.
Auf der anderen Seite führt die Integration der Wissenschaft in
die staatsmonopolistische Form der volkswirtschaftlichen Repro-
duktion zu erheblichen Rückschlägen. Die noch so reformistischen,
von der demokratischen Bewegung aber oft politisch erfolgreich
genutzten Versuche einer Demokratisierung des Wissenschaftsbe-
triebs (durch Mitbestimmung, Drittmittelkontrolle etc.) passen
nicht mehr in die veränderte Landschaft. HRG und Landeshochschul-
gesetze liquidieren diese Reformen in der BRD. In Frankreich ge-
schieht Vergleichbares durch die als 'Reform' verkaufte und auch
durch Massenproteste noch nicht verhinderte 'Öffnung der Wissen-
schaft' gegenüber den 'relevanten gesellschaftlichen Kräften':
die Studiengänge und Curricula werden durch Vertreter der Wirt-
schaft und Wirtschaftsverbände auf ihre Effektivität hin über-
prüft und in deren Interesse den (aktien)gesellschaftlichen Be-
dürfnissen angepaßt. In der BRD werden die Universitäten zuneh-
mend unter denselben Druck geraten. Die staatliche Finanzierung -
und damit Kontrollmöglichkeit gewählter Organe - wird immer mit-
telbarer: die Industrie bezieht Forschungsmittel vom Staat und
finanziert universitäre Drittmittel-Forschung; bereits heute bil-
den Drittmittel - etwa in mit Pharma-Forschung befaßten Institu-
ten, in rüstungsforschungsorientierten Instituten Technischer
Hochschulen - oft den überwiegenden Teil der Forschungsetats.
In wissenschafts- und forschungspolitischen Zielprojektionen des
Staats kommt diese Widersprüchlichkeit zum Ausdruck gerade in der
Ausblendung des sozial-ökonomischen Antagonismus und im epidemi-
schen Ausufern von Neo-Harmonismen wie 'die Gesellschaft', 'das
Gemeinwesen', 'unsere Wirtschaft', in denen eine Interesseniden-
tität der gesellschaftlichen Kräfte propagiert wird. So liest
man: "Forschung und neue Technologien gestalten die Zukunft unse-
rer Gesellschaft entscheidend mit; sie helfen, gesellschaftliche
Probleme zu lösen (BF 10). Man liest weiter, wie das Interesse
'unserer Wirtschaft' allem vorangestellt wird, gehe es doch
darum, "die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirt-
schaft zu erhalten und auszubauen" (BF 10). Die Verbesserung der
'Lebensqualität' hängt schlicht vom Wohlergehen der Wirtschaft ab
(BF 13; 24).
Zwei Beispiele können verdeutlichen, daß Kriterien der gesell-
schaftlichen Gesamtplanung, der Hebung des materiellen Lebens-
standards und des Bedürfnisniveaus der werktätigen Mehrheit der
Bevölkerung in der staatsmonopolistischen Wissenschaftspolitik
keine Rolle spielen - ohne daß dies zugleich auch schon den wis-
senschaftlich-technischen Fortschritt ernsthaft blockieren würde!
Beispiel Nr. 1 ist die universitäre Wissenschaftsförderung des
Bundes: Ohne ein Konzept gesellschaftlicher Prioritäten gießt die
Bundesregierung das Füllhorn der Wissenschaftsfinanzierung aus:
über die sogenannten Geisteswissenschaften entsprechend dem ideo-
logisch herrschenden Kultur-Idealismus; über die Natur-, Technik-
und Ingenieurwissenschaften entsprechend dem herrschenden Pragma-
tismus; über die Gesellschaftswissenschaften entsprechend der
herrschenden Ideologie von deren Ineffizienz (und der Angst vor
deren möglicher Effizienz). Mit 1,8 Mrd. DM wurden zwischen 1969
und 1972 die 'Geisteswissenschaften' bedacht. Die Naturwissen-
schaften erhielten 8,4 Mrd. DM, die Ingenieurwissenschaften 2,8
Mrd. DM, die Argrarwissenschaften 1,3 Mrd. DM. Der Bundesbericht
Forschung V weist für die 'Wirtschafts- und Sozialwissenschaften'
ganze 697,41 Mill. DM aus.
Das Beispiel Nr. 2 stammt aus dem Forschungsförderungsbereich
'Soziales' und betrifft das Projekt 'Humanisierung der Arbeits-
welt'. Leitsatz 80 des BF führt dazu aus: "Ein besonderes Problem
... liegt in dem Verhältnis von Humanisierung und Produktions-
steigerung. Hier gibt es keine allgemeinen Lösungen. Der mögliche
Zielkonflikt muß vielmehr in jedem Einzelfall gelöst werden. Die
extreme Arbeitsteilung am Fließband hat hohe Produktivitätsstei-
gerungen erbracht, ihre Monotonie hat dann über extreme Fluktua-
tionsraten, hohen Krankheitsstand und Qualitätsrückgang zur Ge-
fahr eines Produktionsrückgangs geführt" (BF 34). Keine allgemei-
nen Lösungen, d.h. keine Arbeitsplatzgarantie durch ein Verfas-
sungsrecht auf Arbeit, keine Sozialgesetzgebung gegen Ausbeutung
usw. Die Fiktion eines einheitlichen gesellschaftlichen Interes-
ses an 'Humanisierung', sprich: Effektivierung, denn wo ist vom
Verkrüppeln schöpferischer Fähigkeiten, vom Zusammenhang von Ge-
sundheit und Glück die Rede?, geht bis zur Unterstellung philan-
thropischer Zwecke auf der Kapitalseite: "Eine menschengerechte
Gestaltung der Arbeitsbedingungen zu erreichen, liegt im Inter-
esse der arbeitenden Bevölkerung und der Leistungsfähigkeit der
Wirtschaft" (BF 33). Der Weg zum Ziel der "Erweiterung der Mög-
lichkeiten des einzelnen, seine Fähigkeit zu entfalten" deckt die
Widersprüchlichkeit der Wissenschafts- als Sozialpolitik auf.
"Die fachliche Mitwirkung der wissenschaftlichen und technischen
Mitarbeiter verbreitert die Entscheidungsbasis". So weit so gut,
ginge es um die demokratische Kontrolle beim Einsatz der von den
Werktätigen erarbeiteten Mittel. Es geht um etwas ganz anderes,
denn diese 'Mitwirkung' "führt zu einer stärkeren Identifikation
mit den getroffenen Entscheidungen und erhöht die Effizienz" (BF
19).
Der Kommentar des DGB zum Forschungsbericht V beweist, daß von
der Harmonie der Interessen an 'Humanisierung' keine Rede sein
kann: "Zunächst werden durch Modernisierung der Wirtschaft inhu-
mane Arbeitsbedingungen geschaffen, danach werden diese inhumanen
Arbeitsbedingungen durch ein Forschungsprogramm zur Humanisierung
der Arbeitswelt untersucht" 17). Die CDU-Bundestagsfraktion
hatte, kaum war in Mannheim beim CDU-Parteitag die konservative,
das 19. Jh. bewegende gegenrevolutionäre alte in Form einer
'Neuen Sozialen Frage' entstaubt, demagogisch bei der Bundesre-
gierung angefragt: "Welches Förderungskonzept für das Forschungs-
programm 'Humanisierung des Arbeitslebens' hat dazu geführt, daß
ein großer Teil der Mittel an eine von Großunternehmen geprägte
Arbeitsgemeinschaft fließen?". Die Antwort macht klar, daß die
Bundesregierung die Erfolgskontrolle über ein Forschungsprojekt
von bisher 50 Mill. DM und weitere bis 1979 geplante 250 Mill. DM
an eben jene Großindustrie vergeben hatte, die als Verursacher
inhumaner Arbeitsbedingungen selbst Gegenstand der Untersuchung
sein sollte. Wissenschaftspolitik zugunsten der Werktätigen? Auf
Anfrage der CDU stellt die Bundesregierung fest: "Die Berücksich-
tigung der Arbeitnehmerinteressen wird dadurch erreicht, daß be-
triebliche Projekte im Rahmen des Programms mit den zuständigen
Betriebsräten abzustimmen sind und daß die Betriebsräte nach Mög-
lichkeit auch an der Begleitung der Forschungsprojekte beteiligt
werden" (18). Nach wessen Möglichkeiten? Im Rahmen der nahezu zur
Wirkungslosigkeit abgemagerten Mitbestimmung? Die Quadratur des
wissenschaftspolitischen Kreises ergibt dieses Bild: die von den
Arbeitern erarbeiteten Mittel der Forschungsförderung werden ver-
ausgabt zur Effektivierung des Arbeitslebens und eingesetzt unter
Kontrolle derer, die zu kontrollieren und zur Humanisierung zu
veranlassen die schöne Absicht war. Entsprechend stellt der Bun-
desminister für Bildung und Wissenschaft für die Hochschulen
fest: "Meines Wissens gibt es noch keine verbindliche, durch Be-
schlüsse festgelegte Bestimmung der Arbeitnehmerinteressen in der
Hochschulpolitik" 19).
2.2. Schlußfolgerungen
----------------------
Wie produktiv ist die Wissenschaft im Kapitalismus? Die Bedeutung
von Wissenschaft und Technik nimmt unbestreitbar zu. Das Wachstum
des Bruttosozialprodukts wird gegenwärtig z.B. in den USA zu ca.
75% durch wissenschaftlich-technische Faktoren der Intensivierung
erzeugt. In der BRD beweist die Zahl der Nicht-Zulassungen vom
Hochschulstudium (numerus clausus), daß Forschungspotentiale
durch die durch innere Widersprüche des Produktions- und Repro-
duktionssystems erzwungene Konzeptionslosigkeit der Gesell-
schaftspolitik ungenutzt bleiben, wie die Zahl der ausländischen
Arbeiter in der BRD - weitgehend zu schwerer körperlicher Arbeit
eingesetzt - den hieraus erwachsenden Zwang zur Extensivierung
belegt. Selbst die einfache Reproduktion der Volkswirtschaft be-
reitet in der allgemeinen ökonomischen Krise des Kapitalismus un-
geheure Probleme. Dabei bleiben allerdings nationale Unterschiede
zu beachten: die Zusammensetzung der Fonds für Forschung und Ent-
wicklung in den USA war bereits Mitte der 60er Jahre derart, daß
einem Anteil der Bundesmittel von 66,3% nur noch ein privatindu-
strieller Anteil von 31,0% gegenüberstand. Die von V.V. Bykov aus
diesen und anderen Daten gezogenen Schlußfolgerungen lassen sich
auf die BRD nur in einer Trendanalyse übertragen: "Der Staat
schafft ein System von Forschungsinstituten und Laboratorien, de-
ren Organisation gekennzeichnet ist durch: 1. einen gesellschaft-
lich-kombinierten Erkenntnisprozeß in jedem Forschungsinstitut
und Laboratorium; 2. netzwerkartige Verbindungen zwischen den
einzelnen Forschungsinstituten und Laboratorien, die in der Regu-
lierung ihrer Funktionsweise durch den Staatsapparat zum Ausdruck
kommt (hier gibt es noch kein Netz, das im gesamtgesellschaftli-
chen Maßstab für die Lösung von Systemen von Erkenntnisaufgaben
organisiert wird); 8. die Herauslösung dieses Netzes aus der ka-
pitalistischen Produktion" 20). In der BRD verhindern neben dem
Kulturföderalismus vor allem die unmittelbaren Formen industriel-
ler Beteiligung an Staatsorganisationen der Forschung und Wissen-
schaft eine derartige Konzentration in Staatshand. Beispiele sind
die DFG 21), die Max-Planck-Gesellschaft, das West-Berliner Wis-
senschaftszentrum, die Gründung nicht-staatlicher Hochschulen
(z.B. Hartmann-Bund auf dem medizinischen Sektor) und die er-
staunliche Tatsache, daß der Staat im Bereich der von ihm immer
weitergehend finanzierten Industrieförderung nicht einmal zur
amtlichen Datenerhebung zugelassen ist ("Die Daten über Wissen-
schaft, Forschung und Entwicklung werden seit 1948 mangels einer
amtlichen Statistik auf gesetzlicher Grundlage von Archivdienst
für Wissenschaftsstatistik beim Stifterverband für die Deutsche
Wissenschaft in zweijährigem Rhythmus erhoben" BF 68). Die Anar-
chie im sozial-ökonomischen Bereich ist politisch nicht zu mei-
stern, so lange die Trennung von gesellschaftlicher Produktion
und privater Aneignung und, als Ausdruck dieses Grundwider-
spruchs,privater Aneignung und staatlicher Alimentierung nicht
aufgehoben ist. Gleichwohl ist die 'naturwüchsige' Subsumtion der
Wissenschaft unter die kapitalistische große Industrie des 19.
Jh. auch in der BRD neuen Organisationsformen der Unterwerfung
der Wissenschaft gewichen. Thyssen-Stiftung, VW-Stiftung, Fried-
rich-Ebert-Stiftung und vergleichbare Organisationen zeigen die-
sen neuen Charakter der Subsumtion an, der den Konzentrations-
und Monopolisierungsformen des Kapitals entspricht. Mit H.
Seickert kann man feststellen: "Die a l l g e m e i n e n ge-
setzmäßigen Erscheinungen der Wissenschaftsentwicklung, die in
verschiedenen Produktionsweisen (Kapitalismus und Sozialismus) in
der Zunahme wissenschaftlicher Tätigkeiten, im Wachstum wissen-
schaftlicher Erkenntnisse sowie im Wachstum des Wissenschaftspo-
tentials zum Ausdruck kommen, und die s p e z i f i s c h e n
gesetzmäßigen Erscheinungen der Wissenschaftsentwicklung, die in
den q u a l i t a t i v unterschiedlichen Tendenzen der Wissen-
schaftsentwicklung und der Vergesellschaftung der Wissenschaft im
Kapitalismus und Sozialismus sichtbar werden, stellen ein System
von Gesetzmäßigkeiten dar" 22). Dieses System von Gesetzen der
Integration der Wissenschaft in die Produktionsweise findet im
Kapitalismus seine Regulierung durch d i e D i a l e k t i k
d e s G r u n d w i d e r s p r u c h s, des Kapitalverhältnis-
ses.
Friedrich Engels' Satz "Wir können nur unter den Bedingungen un-
serer Epoche erkennen und s o w e i t d i e s e r e i c h e n"
23) zieht nicht nur das Fazit aus der Gesellschaftlichkeit der
materiellen und ideellen Produktion, aus dem gesellschaftlichen
Charakter auch des Erkenntnisprozesses, sondern fordert die Wis-
senschaftstheorie auf, genau zu beschreiben, w i e w e i t
diese 'Bedingungen der Epoche' tatsächlich reichen. Es wäre
falsch, aus dem Faktum der s p o n t a n e n Wirkung der objek-
tiven Gesetze der Produktion und Reproduktion im Kapitalismus den
Schluß auf die p r i n z i p i e l l e B e w u ß t l o s i g-
k e i t des Wissenschaftsprozesses in der bürgerlichen Gesell-
schaft zu ziehen. Die Bedingungen der Epoche des Übergangs zum
Sozialismus reichen nicht nur g e s c h i c h t l i c h z u-
r ü c k in die Abfolge von "Generationen, von denen Jede die ihr
von allen vorhergegangenen übermachten Materiale, Kapitalien,
Produktivkräfte exploitiert, daher also einerseits unter ganz
veränderten Umständen die überkommene Tätigkeit fortsetzt und
andrerseits mit einer ganz veränderten Tätigkeit die alten
Umstände modifiziert" 24); die Bedingungen unserer Epoche reichen
nicht nur soweit, wie es die Fortvegetation überlebter Produk-
tionsweisen zuläßt. So findet beispielsweise die wissenschaft-
liche Tätigkeit in der BRD ihre Bedingungen und Beschränkungen
institutioneller und rechtlicher Art in Art. 3 Abs. 5 GG, dessen
Ziele widersprüchlich begründet sind: in ihn ist die überlebte
liberalistische Konzeption der Konkurrenz-Freiheit der Privat-
kapitalisten eingegangen, zugleich aber enthält er die Tradition
des demokratischen Naturrechts und der bürgerlichen Revolutionen.
Die Reichweite der Bedingungen unserer Epoche erstreckt sich weit
darüber hinaus in o b j e k t i v e M ö g l i c h k e i t e n
e i n e r Z u k u n f t, deren Garant die objektive historische
Funktion der Arbeiterklasse im staatsmonopolistischen Kapitalis-
mus ist. Diese Arbeiterklasse hat, um beim verfassungsrechtlichen
Beispiel zu bleiben, bereits im Grundgesetz die Offenhaltung der
sozialökonomischen Entwicklung der BRD als Kompromiß-Resultat
ihres Kampfes um die Demokratie durchgesetzt. Darüber hinaus: wer
die Bedingungen wissenschaftlicher Tätigkeit im Kapitalismus
allseitig untersucht, wird den Internationalismus der Arbeiter-
klasse, den Systemkonflikt - in der BRD überdeutlich spürbar -
und die Auswirkungen des antiimperialistischen Kampfs um
nationale Befreiung auf diese Bedingungen nicht übersehen können;
(als Beispiel wäre hier die Rolle der Solidarität mit Chile, die
Auswirkung der Tätigkeit antifaschistischer chilenischer Wissen-
schaftler in der BRD zu nennen).
Die spontane Wirkung der Gesetze des kapitalistischen Systems
drückt sich in erster Linie darin aus, daß es eine bewußte
p r o p o r t i o n a l e Entwicklung der unterschiedlichen ge-
sellschaftlichen Sektoren nicht gibt. Disproportionalitäten tre-
ten im Verhältnis der Wirtschafts- und Wissenschaftsentwicklung
auf, in der innerwissenschaftlichen Forschungsplanung und im wis-
senschaftlichen Bereich der Lehre und Ausbildung. Offensichtlich
wird dies durch die Einführung des numerus clausus, dem nicht
etwa gesellschaftliche Bedarfsberechnungen zugrunde gelegen ha-
ben, sondern mehr oder minder durch subjektive Studienwünsche be-
wirkte Zufälligkeiten; die gegenwärtige dezisionistische Aufhe-
bung des NC ohne gleichzeitige Schaffung der materiellen Voraus-
setzungen (Laborplätze etc., Arbeitsplatzerwartungs-Berechnungen
etc.) wird zur Überfüllung der Universitäten, zum Abbau demokra-
tischer Studienreform-Positionen, zur Verhinderung lernintensiver
Kleingruppenarbeit und im Endergebnis zur Ineffizienz universitä-
rer Wissenschaft führen. Auch hier freilich verfügen die großen
Monopole durch ihr System innerbetrieblicher Ausbildung - wie bei
IBM, AEG, Siemens - über Möglichkeiten, den Effektivitätsverlust
aufzufangen. Über die geradezu lebensgefährliche Disproportion
zwischen Rüstungs- und Wissenschaftsaufwendungen braucht man kaum
mehr ein Wort zu verlieren. Eine der wesentlichen Folgelasten der
spontanen Wirkung objektiver Gesetze im Kapitalismus ist, daß es
keine Garantie einer auch nur annähernd zureichenden I n t e n-
s i v i e r u n g gibt. Dies betrifft die Intensivierung des
wissenschaftlichen Arbeitsprozesses durch zweckmäßige Planung,
Organisation, Leitung und Kontrolle und Erhöhung der finanziellen
Fonds wie vor allem die vom wissenschaftlich-technischen Arbeits-
prozeß unmittelbar abhängige Intensivierung der gesellschaft-
lichen Produktion, der gesellschaftlichen Reproduktion und damit
schließlich die q u a l i t a t i v e Verbesserung der ma-
teriell-technischen Basis. Soweit durch wissenschaftlich-techni-
schen Fortschritt Intensivierung stattfindet - und sie findet
zweifellos statt -, handelt es sich weitgehend um eine
q u a n t i t a t i v e Erhöhung der Produktivität der Wirt-
schaft. Der ö k o n o m i s c h e F o r t s c h r i t t bleibt
im Kapitalismus vom s o z i a l e n F o r s c h r i t t ge-
trennt, sofern nicht antikapitalistische Gegensteuerung durch Ge-
werkschaften und andere gesellschaftliche Kräfte und Organisatio-
nen der Arbeiterklasse das Profitstreben als Maxime der kapitali-
stischen Ökonomie eindämmt. In diesem Zusammenhang spielen die
Kooperationsverträge des DGB oder von Arbeiterkammern (so in Bre-
men) mit Reformhochschulen eine nicht zu überschätzende Rolle für
den Wissenschaftsprozeß. Auch diese neuen Formen der Bindung der
Wissenschaft an die Interessen der Werktätigen zeigen, wie falsch
die mechanische Gleichung von Kapitalismus und Wissenschaft in
der bürgerlichen antagonistischen Gesellschaft ist. Ihrer Tendenz
nach beweisen die ersten Ergebnisse wissenschaftlicher Tätigkeit
im Rahmen dieser Verträge - etwa Studien zur Lage von Hafenarbei-
tern, die die Gewerkschaft in die Lage versetzen, gezielt Forde-
rungen zur Verbesserung der Arbeitsplätze etc. zu formulieren,
Studien zur Schadstoffbelastung in industriellen Ballungsräumen
mit dem Ziel, industriellen Profitinteressen begegnen zu können,
gutachterliche Tätigkeiten von Arbeitsrechtlern für Betriebsräte
-, welche Möglichkeiten der wissenschaftliche Fortschritt in ei-
ner nichtmonopolistischen Demokratie eröffnet.
Ein Fazit:
----------
Eine materialistische Wissenschaftstheorie, welche die Lage von
Wissenschaft und Forschung im Kapitalismus richtig widerspiegelt,
muß von der alle gesellschaftlichen Lebensverhältnisse prägenden
Dialektik, vom Grundwiderspruch von Kapital und Lohnarbeit, von
Bourgeoisie und Arbeiterklasse ausgehen. Nicht hinreichend ist
es, die Verschiedenheit der Systeme 'Wissenschaft - Technik -
Produktion' in Kapitalismus und Sozialismus theoretisch zu formu-
lieren, wenn nicht als wichtigstes Element der Produktion die
Hauptproduktivkraft, der Mensch, berücksichtigt wird. 'Der
Mensch' - dies ist keine anthropologische Abstraktion. Es geht
darum, die Menschen in ihren Klassen- und Schichtenverhältnissen
vor Augen zu haben. Der wesentliche Unterschied zwischen den Sy-
stemen 'W - T - P' in Kapitalismus und Sozialismus ist die
S t e l l u n g d e r A r b e i t e r k l a s s e. Ohne Demo-
kratie, ohne die ökonomische Verfügung der Mehrheit der werktäti-
gen Bevölkerung über die Produktionsmittel und ohne die politi-
sche Macht zur Sicherung der Mehrheitsinteressen gegenüber den
Machtansprüchen der monopolistischen Bourgeoisie bleibt die Wis-
senschaft in der bürgerlichen Gesellschaft letztlich selbst Aus-
druck des Widerspruchs, bildet den Widerspruch i n s i c h ab
und wird an der vollen Entfaltung ihrer fortschrittlichen sozia-
len Wirkung gehindert. Gleichwohl bleibt zu berücksichtigen: Er-
gebnisse der Wissenschaft nutzen sich nicht ab und bleiben ver-
wendbar. Die Produktivkraftentwicklung durch bürgerliche Wissen-
schaft dient nicht ausschließlich dem Kapital, sondern verbessert
langfristig die Ausgangsbedingungen der Arbeiterklasse auch dann,
wenn zunächst ihre negativen Folgen wirksam werden. Diesen Ef-
fekt, für den die geschichtsphilosophische Metapher der 'List der
Geschichte' (Fr. Engels) nicht unzutreffend wäre, beschränkt sich
nicht allein auf die 'Produktionswissenschaften'. Trotz der ge-
genwärtigen Disproportionen zwischen Natur- und Technikwissen-
schaften einerseits und Gesellschaftswissenschaften andererseits
weist J. Hirsch sicher zu recht darauf hin, daß er die Gesell-
schaftswissenschaften nicht unberührt läßt: "Der von der Bewegung
des Kapitals vorangetriebene Fortschritt der 'Produktionswissen-
schaften' zieht eine wesentlich vom Staatsapparat initiierte
Entwicklung von Organisations-, Planungs- und Sozialwissen-
schaften nach sich, die sich zentral auf die Sicherung der Funk-
tionsfähigkeit einer unter wachsendem 'Aufgabendruck' stehenden
staatlichen Administration und auf Strategien zur Auf-
rechterhaltung der bestehenden politischen Herrschaftsverhält-
nisse als Bedingung der Gewährleistung des kapitalistischen Pro-
duktionsverhältnisses richtet" 25). Diese Entwicklung wird von
der These nicht erfaßt, die den bürgerlichen Naturwissenschaften
einen ideologisch neutralen Status von V e r w e r t u n g s-
w i s s e n zumißt, die Gesellschaftswissenschaften aber als
prinzipielle I d e o l o g i e p r o d u z e n t e n mißver-
steht. Die Frage "Wie produktiv ist die Wissenschaft im Kapi-
talismus?" ist gleichbedeutend mit der Frage "Wie wissen-
schaftlich ist die Wissenschaft im Kapitalismus?". Auf diese
Frage werde ich zurückkommen.
3. Wissenschaft als Produktivkraft
----------------------------------
Aus der - hier nur andeutungsweise - empirischen Bestandsauf-
nahme'der Wissenschaft und ihrer ökonomischen Funktion sowie der
staatsmonopolistischen Wissenschaftspolitik ergibt sich: Wissen-
schaft ist auch im Kapitalismus Produktivkraft. Nicht nur, daß
erst der Kapitalismus in der industriellen Revolution eine enorme
Beschleunigung der Wissenschaftsentwicklung und der Vergesell-
schaftung der Wissenschaft mit sich gebracht hat. Von Anfang an
ist die Wissenschaft sowohl Bedingung wie Resultat kapitalisti-
scher Produktion. Das Kapital produziert mit der Wissenschaft
seine Reproduktion; in der Wissenschaft produziert es seine
Grenze: "Die Universalität, nach der es unaufhaltsam hintreibt,
findet Schranken an seiner eignen Natur, die auf einer gewissen
Stufe seiner Entwicklung es selbst als die größte Schranke dieser
Tendenz werden erkennen lassen und daher zu seiner Auflösung
durch es selbst hintreiben" 26). Eine entscheidende Voraussetzung
seiner Aufhebung produziert das Kapital in der "T r e n n u n g
d e r W i s s e n s c h a f t v o n d e r A r b e i t", die
zu einer Bedingung des Klassenantagonismus wird, gleichwohl aber
die Grundbedingung der "Anwendung der Wissenschaft als solcher
auf die materielle Produktion" darstellt 27).
Marx beschreibt die Auswirkungen dieses Funktionswandels der Wis-
senschaft für die Arbeiterklasse in der Phase der industriellen
Revolution: "das Detailgeschick des individuellen, entleerten Ma-
schinenarbeiters verschwindet als ein winzig Nebending vor der
Wissenschaft..., die im Maschinensystem verkörpert" ist 28). Den
Arbeitern treten "die g e s e l l s c h a f t l i c h e n Cha-
raktere ihrer Arbeit" vergegenständlicht, "k a p i t a l i-
s i e r t" gegenüber 29). Auch die Wissenschaft erscheint dem
Lohnarbeiter "als E x p l o i t a t i o n s m i t t e l der
Arbeit, als Mittel, Surplusarbeit anzueignen, daher als dem
Kapital angehörige" Kraft "der Arbeit"; die Integration der
Wissenschaft in die Produktion wird als "T a t d e s
K a p i t a l s" verstanden 30). Interessant ist, daß Marx diese
Fetischisierung wissenschaftlicher Tätigkeit aber nicht allein in
ihrer Auswirkung auf den Lohnarbeiter untersucht. Er fragt nach
dem Funktionswandel der Wissenschaft selbst - und darüber hinaus
nach dem neuen Typus wissenschaftlicher Tätigkeit und des
Wissenschaftlers. "Die Akkumulation des Wissens und des
Geschicks, der allgemeinen Produktivkräfte des gesellschaftlichen
Hirns, ist so der Arbeit gegenüber absorbiert in dem Kapital und
erscheint daher als Eigenschaft des Kapitals" 31). Für die
Wissenschaftstheorie im Kapitalismus bedeutsam ist, daß Marx
nicht nur feststellt: "die Wissenschaft ... existiert nicht im
Bewußtsein des Arbeiters, sondern wirkt durch die Maschine als
fremde Macht auf ihn, als Macht der Maschine selbst" 32). Wichtig
ist, daß Marx nicht nur von 'E r s c h e i n u n g s w e i-
s e n' der Wissenschaft im B e w u ß t s e i n der Betroffenen
- wovon dann die 'eigentliche Wissenschaft' getrennt wäre -
spricht, sondern vom Wesen wissenschaftlicher Tätigkeit. Er
schreibt: "In diesem Prozeß, worin die g e s e l l s c h a f t-
l i c h e n Charaktere ihrer Arbeit ihnen gewissermaßen k a-
p i t a l i s i e r t gegenübertreten, ... findet natürlich
dasselbe statt für die Naturkräfte und die Wissenschaft, das
Produkt der allgemeinen geschichtlichen Entwicklung in ihrer
abstrakten Quintessenz" 33). Die Subsumtion der Wissenschaft
unter das Kapitalverhältnis führt notwendig dazu, daß die
Tätigkeit der Wissenschaft Produzierenden sich zunächst
tendenziell, heute offensichtlich der Grundform der gesellschaft-
lichen Arbeit annähert. Der Wissenschaftler verfügt nicht über
das Produkt seiner Arbeit. Das Erschrecken des Atomphysikers nach
Hiroshima ist nur der Endpunkt dieser Entwicklung im
Kapitalismus. Dies ist die eine Seite. Deren Kehrseite aber ist,
daß mit der V e r s e l b s t ä n d i g u n g d e r W i s-
s e n s c h a f t in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung sich
eine historisch neuartige und ungemein f o r t s c h r i t t-
l i c h e Form der Arbeit herausbildet. Marx hat diesen Sach-
verhalt in der Kategorie "allgemeine Arbeit" formuliert. Es kommt
mir darauf an, in der Diskussion über die Funktion dieser
Kategorie für die Wissenschaftstheorie einen Aspekt von
'allgemeine Arbeit' hervorzuheben, der bisher ungenügend beachtet
wurde.
3.1. Allgemeine Arbeit' als Kennzeichen des produktiven
-------------------------------------------------------
Charakters wissenschaftlicher Tätigkeit
---------------------------------------
Ginge es darum, den produktiven Charakter Wissenschaftler Tätig-
keit durch ein theoretisches Konstrukt abstrakt zu beweisen,
könnte man mit Marx antworten: "Wie sich die Herrschaft des Kapi-
tals entwickelte und in der Tat auch die nicht direkt auf Schöp-
fung des materiellen Reichtums bezüglichen Produktionssphären im-
mer mehr von ihm abhängig wurden - namentlich die positiven Wis-
senschaften (Naturwissenschaften) als Mittel der materiellen Pro-
duktion dienstbar gemacht wurden, glaubten sykophantische under-
lings der politischen Ökonomie jede Wirkungssphäre dadurch ver-
herrlichen zu müssen und rechtfertigen, daß sie selbe 'im Zusam-
menhang' mit der Produktion des materiellen Reichtums darstellten
- als Mittel für denselben - und jeden damit beehrten, daß sie
ihn zum 'produktiven Arbeiter' im 'ersten' Sinn machten, nämlich
zu einem labourer, der im Dienst des Kapitals arbeite" 34). Mit
diesem ironischen Veto wäre die Sache erledigt.
W i s s e n s c h a f t - d i e s d i e T h e s e - i s t
n i c h t z u l e t z t d e s h a l b p r o d u k t i v,
w e i l s i e n i c h t a u f i h r e F u n k t i o n 'i m
D i e n s t d e s K a p i t a l s' r e d u z i e r t w e r-
d e n k a n n - a u c h n i c h t i m K a p i t a l i s-
m u s. Wissenschaft ist produktiv nicht zuletzt deshalb, weil
sie im Ergebnis der Arbeitsteilung 'befreit' wird von der
U n m i t t e l b a r k e i t d e r E r k e n n t n i s gegen-
über den Erscheinungen, freigestellt wird von der u n m i t-
t e l b a r e n K o o p e r a t i o n der Produzenten. "Alle
Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das
Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen" 35). Dieser Marxsche
Satz ist keine apriorische Begründung der Notwendigkeit der
Wissenschaft, sonder ein Fazit aus der Praxis. Wissenschaftliche
Tätigkeit ist nicht nur das "Produkt der allgemeinen geschicht-
lichen Entwicklung in ihrer abstrakten Quintessenz", sondern
stellt selbst die - je nach sozialökonomischer Verwertungsbe-
dingung - mehr oder minder bewußte Anwendung und Vermehrung
dieses Produkts dar. Insofern ist sie 'Logik' der Entwicklung der
Arbeit im Sinne des Leninschen Begriffs von Logik, nämlich
"Fazit, Summe, Schlußfolgerung aus der G e s c h i c h t e der
Erkenntnis der Welt" 36).
Marx hat die produktive Funktion wissenschaftlicher Tätigkeit in
der Kategorie 'allgemeine Arbeit' gefaßt. Der Satz "Allgemeine
Arbeit ist alle wissenschaftliche Arbeit, alle Entdeckung, alle
Erfindung" ist keine abstrakte Definition und kein Einfall am
Rande. Man muß ihn im Kontext lesen! Er steht in einem Abschnitt
des 'Kapital' unter dem Titel "Ökonomie durch Erfindungen" im
Rahmen von Überlegungen zu "Ersparungen in Anwendung des fixen
Kapitals", eingeleitet durch ein "Nebenbei bemerkt". Der
H a u p t a k z e n t dieses Textes ist anders gesetzt: "Endlich
aber entdeckt und zeigt e r s t d i e E r f a h r u n g des
kombinierten Arbeiters, wo und wie zu ökonomisieren, wie die be-
reits gemachten Entdeckungen am einfachsten auszuführen, welche
praktischen Friktionen bei Ausführung der Theorie - ihrer Anwen-
dung auf den Produktionsprozeß - zu überwinden usw." Dann folgt:
"Nebenbei bemerkt, ist zu unterscheiden zwischen allgemeiner Ar-
beit und gemeinschaftlicher Arbeit. Beide spielen im Produktions-
prozeß ihre Rolle, beide gehn ineinander über, aber beide unter-
scheiden sich auch. Allgemeine Arbeit ist alle wissenschaftliche
Arbeit, alle Entdeckung, alle Erfindung. Sie ist bedingt teils
durch Kooperation mit Lebenden, teils durch Benutzung der Arbei-
ten Früherer. Gemeinschaftliche Arbeit unterstellt die unmittel-
bare Kooperation der Individuen" 37).
Erst aus diesem Kontext schlüsselt sich die wissenschaftstheore-
tische Bedeutung dieses Marxschen definitorischen Ansatzes auf.
Am Beispiel der hohen Kosten beim Bau einer Maschine und der er-
heblich geringeren Aufwendungen für ihre spätere Reproduktion
veranschaulicht Marx die produktive Rolle der Erfahrung, der Wis-
senschaft, d.h. "der allgemeinen Arbeit des menschlichen Geistes
und ihrer gesellschaftlichen Anwendung durch kombinierte Arbeit"
38). In der Widersprüchlichkeit, einerseits durch Lösung aus der
unmittelbaren individuellen Kooperation über das gesellschaftlich
akkumulierte Wissen zu verfügen und damit potentiell auch auf
kritische Distanz zu den Erscheinungen der unmittelbaren Empirie
zu gehen, andererseits aber gerade in dieser 'Freiheit' den Re-
produktionsprozeß des Kapitals zu effektivieren, liegt ihr
D o p p e l c h a r a k t e r.
Daß die gesellschaftliche Arbeitsteilung eine Voraussetzung der
Produktivität der Wissenschaft ist, haben Marx und Engels bereits
in einer frühen Stufe der Herausbildung des historischen Materia-
lismus angedeutet, in der 'deutschen Ideologie'. In einem Passus
zur Entwicklung des Bewußtseins über dessen Schranken, zunächst
"bloß Bewußtsein über die n ä c h s t e sinnliche Umgebung und
Bewußtsein des bornierten Zusammenhanges mit anderen Personen und
Dingen" zu sein, verweisen sie n i c h t nur auf die möglichen
und wirklichen sozialen Folgen der Arbeitsteilung, die darin be-
stehen, "daß die geistige und materielle Tätigkeit" daß der Genuß
und die Arbeit, Produktion und Konsumption, verschiedenen Indivi-
duen zufallen". Zwar klammert die 'Deutsche Ideologie' im Unter-
schied zum 'Kapital' die Wissenschaften noch aus dem Bereich
'Produktivkräfte' aus; wichtiger ist aber, daß hier auch der
F o r t s c h r i t t s a s p e k t d e r A r b e i t s t e i-
l u n g herausgearbeitet ist: "Die Teilung der Arbeit wird erst
wirklich Teilung von dem Augenblicke an, wo eine Teilung der
materiellen und geistigen Arbeit eintritt. Von diesem Augenblicke
an k a n n sich das Bewußtsein wirklich einbilden, etwas Andres
als das Bewußtsein der bestehenden Praxis zu sein" 39). Marx und
Engels kritisieren zwar daraufhin die ideologische Abstraktheit
der "'reinen' Theorie", die sich von der Welt 'emanzipiert' habe,
legen aber den Grundstein eines wichtigen Teils der Produktiv-
krafttheorie. Daß von hier Wirkungen für die materialistische
Erkenntnistheorie ausgehen (Nicht-Identität von Realität und
Begriff, gegen die Hegelsche Identitätslehre gewendet) wie auch
für die Wissenschaftstheorie (Betonung des kognitiven Aspekts,
Bedeutung der Widerspiegelungstheorie, Hervorhebung des aktiv-
schöpferischen Charakters der Widerspiegelung), wird man stärker
berücksichtigen müssen. Zu den Schlußfolgerungen, die zu ziehen
sind, gehört: die von der materialistischen Erkenntnistheorie,
vor allem durch Lenin im Unterschied zum Idealismus her-
ausgestellte Nicht-Identität von Sein und Bewußtsein, Realität
und Begriff drückt sich aus a) in einem erkenntnis- und wissen-
schaftslogischen P r i m a t t h e o r e t i s c h e r A b-
s t r a k t i o n e n vor der Empirie und vor der Praxis; es ist
nicht sinnvoll, dieses Kind materialistischer Erkenntnis mit dem
Bade der Kritik am logischen Positivismus auszuschütten; es
handelt sich bei der These von der Kraft der Abstraktion, die hi-
storisch-logisch akkumuliert und eine Erkenntnisbedingung dar-
stellt, nicht um einen Rückfall in Idealismus; und b) drückt sie
sich aus in einem in der wissenschaftlich-technischen Revolution
qualitativ veränderten Verhältnis von Theorie und Praxis.
Dieser zweite Punkt ist besonders wichtig, weil er sich auswirkt
bis hin in Entscheidungen der Wissenschaftsorganisation und der
Wissenschaftspolitik. Inhalt dieses zweiten Punkts ist d e r
V o r l a u f d e r W i s s e n s c h a f t v o r d e r
m a t e r i e l l e n P r o d u k t i o n. Marx hat in Überle-
gungen zu den Bedingungen des Abbaus von Disproportionen zwischen
Industrie und Agrikultur darauf verwiesen, daß nicht allein die
Ersetzung des Grundbesitzers durch den "farming-capitalist" und
die "Verwandlung der Ackerbauer in reine Lohnarbeiter" derartige
Bedingungen schufen und nicht allein "die eigentlich wissen-
schaftliche Grundlage der großen Industrie, die Mechanik, die im
18. Jahrhundert gewissermaßen vollendet war". Er verweist auf die
Bedeutung des Vorlaufs der Wissenschaften: "Erst im 19., speziell
in den späteren Jahrzehnten, entwickeln sich die Wissenschaften,
die d i r e k t in höherm Grade spezifische Grundlagen für die
Agrikultur als für die Industrie sind - Chemie, Geologie und Phy-
siologie" 40). Von hier aus läßt sich eine materialistische, mit
der idealistischen Konzeption der 'Selbstbewegung des Geistes'
unverwechselbare Kategorie 'Antizipation' entwickeln: Antizipa-
tion ist nicht voraussetzungslos, hat ihre Ursache in Entwick-
lungsnotwendigkeiten der materiellen Produktion, läßt sich aber
auch nicht auf einen mechanischen Reflex des Status quo reduzie-
ren; Antizipation modelliert eine neue Realität und wirkt sich
bei Vorliegen gesellschaftlicher Realisationsbedingungen in der
Überführung der 'Idee' in Produktion und Praxis schöpferisch aus.
Im Vorlauf der Wissenschaft liegt ein Grund für die Berechtigung
des materialistischen Leninschen Satzes: "Das Bewußtsein des Men-
schen widerspiegelt nicht nur die objektive Welt, sondern schafft
sie auch" 41). Entsprechend ist für Marx die E n t w i c k-
l u n g d e r W i s s e n s c h a f t, dieses ideellen und zu-
gleich praktischen Reichtums, ... nur eine Seite, eine andere
Form, worin d i e E n t w i c k l u n g d e r m e n s c h-
l i c h e n P r o d u k t i v k r ä f t e... e r s c h e i n t"
42).
Die Wissenschaftsentwicklung verändert die Beziehung von Erkennt-
nis und Praxis, ist die Summe der zunehmend praktisch bedeutsamen
ideellen Fähigkeiten der Menschen und verlangt von der Wissen-
schaftstheorie, das ohnehin vulgärmaterialistische Schema "Er-
kenntnis = Reflex" zu verabschieden. Damit trägt die Wissen-
schaftstheorie bei zur angemesseneren Einschätzung des
'subjektiven Faktors' in der Gestaltung der Realität: Existenz
und Wirkungsweise objektiver Gesetze der Entfaltung materieller
gesellschaftlicher Verhältnisse stehen in einem jeweils auch
durch die Wissenschaftsentwicklung indizierten Zusammenhang. Das
bewußte Handeln des gesellschaftlichen Subjekts - worin eben
nicht das Individuum gesehen werden kann - hängt vom Stand dieser
Form der Produktivkraftentwicklung ab. Dem hier möglichen Idea-
lismus schiebt die Wirklichkeit einen Riegel vor: ohne eine ent-
sprechende Entwicklung der Produktionsverhältnisse und des Bezu-
ges zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften bleibt
auch der Wissenschaft nur die Blamage. Der qualitative Funktions-
wandel unter sozialistischen Produktionsverhältnissen, vor allem
Eigentumsverhältnissen, und unter den Bedingungen der politischen
Macht derer, deren gesellschaftliche Interessen auf höchste Ef-
fektivität der Wissenschaft abzielen (müssen), ist der histori-
sche Beleg gegen den Idealismus 'Wissenschaftsautonomie'.
Für die Wissenschaftspolitik der demokratischen antikapitalisti-
schen Bewegung ergibt sich aus der wissenschaftstheoretischen
Einsicht in die Beziehungen zwischen gesellschaftlicher Zielpro-
jektion und möglichem Erkenntnisvorlauf der Wissenschaft die
große Chance, sozusagen auf Vorrat zu arbeiten, wo die Überfüh-
rung von Ergebnissen noch nicht möglich ist. Der von G. Kröber
klar formulierte "nichtantagonistische Widerspruch" zwischen not-
wendigem Erkenntnisvorlauf und dem Gebot, den Sektor der nur po-
tentiellen Produktivkräfte so klein wie möglich zu halten, kann
im Kapitalismus gegenwärtig z.B. für die marxistische Wissen-
schaft nicht prinzipiell zuungunsten der wissenschaftlichen
'Vorratswirtschaft' gelöst werden 43). Auf der andern Seite sind
im Kapitalismus aber auch nicht die Bedingungen gegeben, unter
denen das von B.M. Kedrov formulierte "Gesetz der vorauseilenden
Entwicklung der Wissenschaft" ungehindert wirken könnte, nicht
allein der Innovationssektor wird aufgrund inhumaner Prioritäten
der Wissenschaftspolitik gebremst, sondern auch die Entwicklung
von Wissen (z.B. Krebsforschung). Im System 'Wissenschaft - Tech-
nik - Produktion' sei, so Kedrov, jedes Element "für sich einer
progressiven Entwicklung fähig": "Jedoch ist das Entwicklungs-
tempo jedes von ihnen verschieden. Am schnellsten entwickelt sich
die Wissenschaft" 44), wogegen die Technik wegen der komplizier-
ten Entwicklungsvoraussetzungen (Versuchsmodelle etc.) langsamer
und die Produktion wegen der "kolossalen materiellen Aufwendun-
gen" am langsamsten vorankomme. Als Extrapolation aus der Wissen-
schafts-, Technik- und Produktionsgeschichte ist dieses Gesetz
zweifellos richtig formuliert. Dennoch bietet es eines der Bei-
spiele, die zur Vorsicht bei der Übertragung 'allgemeiner Bestim-
mungen' der Wissenschaftstheorie auf konkrete gesellschaftliche
Verhältnisse mahnen. Es ist bekannt, in welchem Maße im Kapita-
lismus die Wissenschaftsentwicklung trotz Vorliegens zukunftswei-
sender wissenschaftlicher Ergebnisse gebremst wird, sobald das
monopolistische Interesse an der - wenn auch an den objektiven
Bedürfnissen der Massen vorbeigeplanten - billigen Reproduktion
veralteter Güter Vorrang hat. Die wissenschaftlich-technischen
Voraussetzungen für einen bedarfsdeckenden öffentlichen Verkehr
z.B. liegen längst vor. Realisiert werden sie wegen der Interes-
sen der Automobilindustrie nicht. Auf einzelne, beschränkte Sy-
steme W - T - P trifft das Gesetz zu; die Anarchie im gesell-
schaftlichen Gesamtsystem W - T - P verhindert jedoch häufig den
Vorlauf der Wissenschaft.
3.2. Wissenschaft als potentielle oder reale Produktivkraft,
------------------------------------------------------------
als unmittelbare oder mittelbare Produktivkraft
-----------------------------------------------
Der Satz "auch im Kapitalismus ist die Wissenschaft Produktiv-
kraft" ist richtig, muß aber präzisiert werden. In der gegenwär-
tigen Diskussion werden dabei mehrere begriffliche Hilfen angebo-
ten. Die Antwort auf die Frage nach der Produktivität der Wissen-
schaft muß für den staatsmonopolistischen Kapitalismus umso vor-
sichtiger ausfallen, als die "Verwissenschaftlichung der Produk-
tivkräfte" dazu beigetragen hat, daß "nur das monopolistische Ka-
pital letztlich in der Lage ist, den wissenschaftlich-technischen
Fortschritt 'anzuwenden' und über ein System der gesellschaftli-
chen Ausbeutung die Finanzierung von Forschung und Entwicklung
auf die Arbeiterklasse abzuwälzen" 45). Fällt aber diese von A.
Leisewitz am Beispiel der chemischen Industrie im Detail nachge-
wiesene Beschränkung der 'Anwendung' auf Monopole zusammen mit
dem, was 'Produktivkraft Wissenschaft' aussagt? Feststeht
zunächst einmal, daß von Produktivität der wissenschaftlichen Tä-
tigkeit nicht formations-unspezifisch, unhistorisch gesprochen
werden kann: "Wird die materielle Produktion nicht in ihrer spe-
zifischen historischen Form gefaßt, so ist es unmöglich, das Be-
stimmte an der ihr entsprechenden geistigen Produktion und die
Wechselwirkung beider aufzufassen" 46). Es geht also um die
S p e z i f i k der materiellen Produktion. Fraglich ist aber,
ob sie ausschließlich in der Ökonomie als Verwertungsbereich ge-
sehen werden kann oder - anders gefragt - ob die Bereiche
'gesellschaftliche Bedingungen' wissenschaftlicher Tätigkeit und
'ökonomische Verwertung' von deren Ergebnissen deckungsgleich
sind. R. Rilling hat diese Frage m.E. mit der These, Wissenschaft
finde als "abgeleitete Produktion... ihre Antriebe, ihr Material
und Mittel, ihr Ziel in der materiellen Produktion und durch die
materielle Produktion" 47), auch dann noch zu eng beantwortet,
wenn über einige Vermittlungsschritte unter 'materielle Produk-
tion' auch die Arbeiterklasse subsumiert werden könnte. Der prin-
zipiell historische Charakter der Wissenschaft als 'allgemeiner
Arbeit' schließt auch die relative Selbständigkeit der Wissen-
schafts- als Erkenntnisentwicklung ein, und die Relativität die-
ser Entwicklung kann nicht auf die Relation 'Erkenntnis/
materielle Produktion' reduziert werden. In der gegenwärtigen
Debatte lassen sich einige grundsätzliche Positionen als
Argumentationstypen ausmachen. Der Bereich der kontrovers
diskutierten Annahmen ist, seit über die Frage, ob die Wissen-
schaft e n t w e d e r gesellschaftliches Bewußtsein sei
o d e r unmittelbare Produktivkraft 48), kaum mehr gestritten
wird, eingeschränkt. Im wesentlichen lassen sich zwei Positionen
unterscheiden, von denen aus höchst unterschiedliche Antworten
zum Problem der produktiven Funktion der Wissenschaft im Kapita-
lismus gegeben werden:
P o s i t i o n N r. 1 - Vorrang bei der Problemlösung hat der
ö k o n o m i s c h e u n d t e c h n i s c h e A s p e k t
der Funktionsweise der Wissenschaft in Produktion und Reproduk-
tion. Die Wissenschaft wird zu einem dritten Element der Produk-
tivkräfte und tritt n e b e n die Produktivkraft Mensch und die
technischen Mittel der Einwirkung auf den Arbeitsgegenstand. Die
Autoren des sowjetischen Werks "Die gegenwärtige wissenschaft-
lich-technische Revolution" stellen fest: "Sinn und Inhalt der
Umwandlung der Wissenschaft in eine unmittelbare Produktivkraft
ist nicht die Einheit von Wissenschaft und Arbeit und auch nicht
die verstärkte Anwendung der Wissenschaft im Prozeß der lebendi-
gen Arbeit, sondern gerade ein diametral entgegengesetzter Pro-
zeß, nämlich die völlige Trennung der Wissenschaft von der unmit-
telbaren lebendigen Arbeit" 49). Mit den Worten A.A. Kuzins: "Der
Inhalt des Prozesses der Umwandlung der Wissenschaft in eine un-
mittelbare Produktivkraft besteht... in der Trennung der Wissen-
schaft von der lebendigen Arbeit, in ihrer Umwandlung in den
Hauptagenten des unmittelbaren Produktionsprozesses, in einen
selbständigen Faktor des Produktionsprozesses, in die einzige
geistige Produktivkraft des unmittelbaren Produktionsprozesses"
50).
Der Augenschein scheint diese Auffassungen zu bestätigen. Sind
nicht im Kapitalismus Wissenschaft und Arbeiterklasse in der ma-
teriellen Produktion getrennt? Wird nicht Wissenschaft unter-
drückt, sobald sie andere Bedürfnisse realisiert als die der mo-
nopolistischen Bourgeoisie - die der Masse der Werktätigen?
Scheitert nicht die bürgerliche Wissenschaft vor dem Problem,
wissenschaftlich nicht nur vorhandene Bedürfnisse zu befriedigen,
sondern - was objektiv möglich ist - das Bedürfnisniveau der Men-
schen selbst zu erhöhen? Unter diesem gewiß nicht unrichtigen
Eindruck kommen G. Kröber und H. Laitko in "Sozialismus und Wis-
senschaft" zu der eindeutigen Aussage, "über die Ziele der ge-
sellschaftlichen Produktion und damit auch über die Kriterien für
die Produktivität einer bestimmten Arbeitstätigkeit" entschieden
die kapitalistischen Produktionsverhältnisse: "Im heutigen Kapi-
talismus... ist eine Arbeit dann produktiv, wenn sie der Siche-
rung und Erhöhung des Profits und der Aufrechterhaltung der über-
lebten imperialistischen Gesellschaftsordnung dient; viele kon-
krete Tätigkeiten, die in diesem System als produktiv fungieren,
sind vom höheren Standpunkt des Sozialismus eine unproduktive
Verschwendung gesellschaftlicher Arbeitszeit" 51).
Wichtig und richtig scheint mir hier die konsequente Perspektive
des Primats der Ökonomie wie auch die klare implizite Zurückwei-
sung einer moralisierenden Bestimmung von produktiv/unproduktiv'.
Aus der These, "in der Realisierung ihrer Produktivkraftfunktion"
äußere sich "der Klassengegensatz zwischen sozialistischer und
kapitalistischer Wissenschaft besonders deutlich" 52), ziehen die
Autoren hier aber nicht die sich aufdrängenden Schlußfolgerungen:
der Klassengegensatz i n n e r h a l b des Kapitalismus dringt
in die Produktivkraftentwicklung ein und durchsetzt auch das
System wissenschaftlicher Tätigkeit; vorwärtstreibend wirkt die
bürgerliche Wissenschaft n i c h t z u l e t z t a u c h
durch ihre nur d i a l e k t i s c h zu begreifende Funktion,
die R e p r o d u k t i o n d e s K a p i t a l i s m u s
m i t d e r n o t w e n d i g e n T e n d e n z s e i n e r
N e g a t i o n z u v e r m i t t e l n. Darüber hinaus wird
nicht genügend berücksichtigt, daß die staatsmonopolistische
Herrschaft ihre Repressionsinstrumente nicht zufällig gegen alle
antikapitalistischen, ja bereits alle nicht-bourgeoisen Fort-
schritte im Wissenschaftsprozeß einsetzt. Von der m.E. zu
einseitigen ökonomisch-technischen Dimension des Problems her
ließe sich d i e P a r t e i n a h m e v i e l e r W i s-
s e n s c h a f t l e r i m K a p i t a l i s m u s für die
Interessen der Arbeiterklasse, ließen sich demokratische
Organisationen der Wissenschaftler (wie der Bund Demokratischer
Wissenschaftler), ließe sich der organisierte antimonopolistische
Kampf mit den Mitteln der Wissenschaft nicht erklären, - es sei
denn als "Zufall" oder als Akt voluntaristischer Renegaten. Und
weiter: bleibt die Anwendung der Ergebnisse wissenschaftlicher
Forschung - unterstellen wir: der Forschung eines Reaktionärs -
unabhängig davon, wessen lebendige Arbeit die Anwendung reali-
siert, prinzipiell dem imperialistischen Interesse ausgeliefert?
Hat das ideologische Qualifikationsniveau der Werktätigen, hat
das Niveau proletarischen Klassenbewußtseins, hat der erkennbare
Fortschritt in der Aneignung des wissenschaftlichen Sozialismus
(etwa der politischen Ökonomie des Kapitalismus durch
Betriebsräte, vermittelt z.B. durch die MAB) keine Auswirkungen
auf die Produktivität der Wissenschaft? Die Verhinderung von
Rüstungsforschung auf Drittmittelbasis, wie es sie z.B. an der TH
Darmstadt durch die Aufdeckung geheimgehaltener Forschung durch
Studenten gegeben hat, oder die Verhinderung bzw. Veränderung der
Anwendung organisationswissenschaftlicher Ergebnisse (z.B. REFA)
zuungunsten der Arbeiter durch Streikmaßnahmen der Betroffenen
(z.B. in der Elektroindustrie) sind Beispiele, die vermehrt
werden könnten. Sie sind s y m p t o m a t i s c h dafür, daß
die Frage der Produktivität im Kapitalismus nicht allein unter
Berücksichtigung der zweifellos d o m i n a n t e n monopoli-
stischen Strukturen zu klären ist, sondern nur unter Einbeziehung
der Widersprüche, die ja nicht außerhalb dieser Dominanz wirken.
Sowohl unter kognitiven wie sozialökonomischen Aspekten gilt hier
für die Wissenschaftstheorie: im Kapital v e r h ä l t n i s
stehen sich keine Robinsone auf getrennten Inseln gegenüber.
Nicht allein unter ideologischen Gesichtspunkten ist Wissenschaft
im Kapitalismus eines der Elemente, in denen sich der
Klassenantagonismus widerspiegelt. Der Realität näher scheint
deshalb die
Position Nr. 2 - Wissenschaft realisiert ihre Produktivkraftfunk-
tion nicht als selbständiges Element, sondern als eine Eigen-
schaft der subjektiven Elemente der Produktivkräfte, und kann nur
als Wesenskraft menschlicher Aktivität angemessen definiert wer-
den. Diese Position scheint mir deshalb weiterführend zu sein,
weil sie alle wesentlichen Erkenntnisse des h i s t o r i-
s c h e n M a t e r i a l i s m u s fruchtbar macht. Sie
unterscheidet sich von Position Nr. l nicht etwa dadurch, daß sie
in leere Allgemeinheiten wie 'der Mensch', die 'moderne
Wissenschaft' ausweicht, sondern dadurch, daß sie das Charakteri-
stische der Epoche in der Veränderung der Klassen b e z i e-
h u n g e n und der Hauptproduktivkraft, der - wie Marx sagt -
"revolutionären Klasse selbst" 53) sieht.
Auf die Schlüsselrolle der Hauptproduktivkraft Mensch und auf die
die Beziehung der Wissenschaft zum Arbeitsmittel und zum Arbeits-
gegenstand determinierende Beziehung 'Wissenschaft - Arbeiter-
klasse' hat für die sozialistische Gesellschaft G.H. Wolkow be-
reits 1970 hingewiesen: "Produktiv wird heute folglich nicht nur
die Arbeit, die auf die Vermehrung des gegenständlichen, des
wertmäßigen Reichtums der Gesellschaft gerichtet ist, sondern
auch die Arbeit, die auf die Entwicklung und Vermehrung des
grundlegenden Kapitals der Gesellschaft, ihres entscheidenden
Reichtums, der Menschen gerichtet ist, also die Arbeit, die die
Fähigkeiten des Menschen zur schöpferischen Tätigkeit entwickelt
und vervollkommnet" 53a). Sicherlich ist diese These von Wolkow
völlig zu recht auf die qualitativen Veränderungen des gesell-
schaftlichen Gesamtarbeiters im Sozialismus bezogen worden. Der
historischen Tendenz nach gilt sie auch für den Übergang vom Ka-
pitalismus zum Sozialismus; berücksichtigt man etwa, daß schon
heute die 'Thesen des DGB' zur Hochschulreform nicht nur Postu-
late und ungedeckte Schecks auf die Zukunft sind, sondern parti-
ell in staatlichen Institutionen der BRD oder in DGB-eigenen
Schulungsinstitutionen verwirklicht werden können, dann gilt sie
bereits für die Phase im Kampf um eine fortgeschrittene, antimo-
nopolistische Demokratie. Man muß dabei sehen, daß im Kapitalis-
mus die auf Profit gerichtete Warenproduktion nicht ausschließ-
lich zur Stabilisierung des Systems dient, sondern z.B. Gewerk-
schaften, auch durch den Einsatz wissenschaftlich-technischer
Mittel, Profite erwirtschaften, die systemdysfunktionalen Zielen
zugute kommen (können).
Deshalb ist die Kritik V.G. Macharovs an Position Nr. 1 berech-
tigt: "Die Gleichsetzung der Umwandlung der Wissenschaft in eine
unmittelbare Produktivkraft mit der Realisierung ihrer Entdeckun-
gen in materiellen Faktoren der Produktion ist ihrem Wesen nach
gleichbedeutend mit der alten Vorstellung, die die Produktiv-
kräfte auf die materiellen Faktoren der Produktion reduziert. Die
gesellschaftliche Produktion stellt eine Einheit von objektiven
und subjektiven, von materiellen und geistigen Faktoren der Pro-
duktion dar ... Wissenschaft - das ist die Erscheinungsform des
'kollektiven Verstandes' der Menschen. Es ist nicht richtig, sie
zu einem selbständigen Element der Produktivkräfte zu machen ...
Wenn wir von der Wissenschaft als von einer Produktivkraft spre-
chen, dann trennen wir sie nicht vom Menschen, dem Träger der
wissenschaftlichen Kenntnisse ... Die Wissenschaft tritt sowohl
als unmittelbare Produktivkraft als auch als Form des gesell-
schaftlichen Bewußtseins als eine relativ selbständige gesell-
schaftliche Erscheinung auf" 54).
Ausgehend von den Fakten, daß a) die Wissenschaft nicht 'an-sich'
zur Produktivkraft wird, sondern nur im Prozeß der produktiven
gesellschaftlichen Gesamtarbeit; daß b) die "Produktivkraft Wis-
senschaft als System wissenschaftlicher Arbeitsprozesse selbst
aus einem Komplex von Faktoren besteht, deren Zusammenwirken in
gesellschaftlichen Arbeitsprozessen mit den Faktoren im Anwen-
dungsbereich der materiellen Produktion erst die produktionswirk-
samen Effekte... hervorrufen"; und daß c) sich die Beziehung zwi-
schen Wissenschaft und Produktion in Produktionsverhältnissen re-
alisiert, kommt H. Seickert zu einer für die Wissenschaftstheorie
im Kapitalismus folgenreichen Unterscheidung zwischen m i t-
t e l b a r e r u n d u n m i t t e l b a r e r P r o d u k-
t i v k r a f t, zwischen p r o d u k t i v e r u n d
n i c h t - p r o d u k t i v e r A r b e i t d e s W i s-
s e n s c h a f t l e r s und zu einer umfassenden D e f i-
n i t i o n d e r P r o d u k t i v k r a f t W i s s e n-
s c h a f t. Als unmittelbare Produktivkraft kann Wissenschaft
angesprochen werden, soweit der produktive wissenschaftliche
Arbeitsprozeß direkt mit der materiellen Produktion und der
produktiven gesellschaftlichen Gesamtarbeit verbunden ist. Als
mittelbare Produktivkraft wirkt die Wissenschaft in ihrer
indirekten Beeinflussung des Arbeitsprozesses "zum Beispiel über
die Bildung und wissenschaftliche Qualifizierung des subjektiven
Faktors der materiellen Produktion" 55). 'Produktive Arbeit' und
'nicht-produktive Arbeit' stellen b e i d e Formen gesell-
schaftlich n ü t z l i c h e r Arbeit dar. 'Produktiv' ist
wissenschaftliche Tätigkeit mittelbar bzw. unmittelbar in der
Produktionsvorbereitung, Planung, Leitung und Organisation, For-
schung, Entwicklung, Projektierung und Konstruktion bzw. im wis-
senschaftlichen Arbeitsprozeß in der unmittelbaren Fertigung.
'Nicht-produktiv' ist wissenschaftliche Tätigkeit in der nicht-
produktiven Sphäre, etwa Kultur, Sport, Gesundheitswesen, oder
(im materiellen Bereich) in der Verwaltung 56). Seickerts Defini-
tion lautet:
"Die Produktivkraft Wissenschaft ist eingebettet in den Prozeß
der produktiven gesellschaftlichen Gesamtarbeit. Sie umfaßt die
Gesamtheit der wissenschaftlichen Erkenntnisse und alle objektiv
notwendigen Faktoren des produktiven wissenschaftlichen Arbeits-
prozesses (Arbeitskräfte und Produktionsmittel), soweit sie unter
konkreten natürlichen und gesellschaftlichen Bedingungen im Pro-
zeß der produktiven gesellschaftlichen Gesamtarbeit durch Gewin-
nung, Reproduktion, Vermittlung und Anwendung von Wissen über die
lebendige produktive Arbeit und die Faktoren der materiellen Pro-
duktion zum Wachstum und zur Stabilisierung der Produktion, zur
Steigerung der Arbeitsproduktivität und damit zur Erhöhung des
Wirkungsgrades der produktiven, konkret nützlichen Arbeit beitra-
gen" 57).
Es wird deutlich, daß nach dieser Definition nicht jegliche wis-
senschaftliche Arbeit im Kapitalismus in Form einer Produktiv-
kraft wirkt. Deutlich aber auch, daß der Begriff der
'mittelbaren' Produktivkraft für die Wissenschaftstheorie frucht-
bar ist, die nicht nur blinder Reflex 'der' Wissenschaft in 'dem'
Kapitalismus sein will, parteilich zur Effektivierung wissen-
schaftlicher Arbeit zugunsten der Verbesserung des materiellen
Lebensstandards der Masse der Werktätigen und zugunsten der ideo-
logischen Qualifikation der Arbeiter beitragen will und deshalb
auch die nicht in der materiellen Produktion unmittelbar anwend-
baren wissenschaftlichen Tätigkeiten (z.B. des Gesellschaftswis-
senschaftlers) als produktive Kraft der Arbeiterklasse zu berück-
sichtigen hat. Aus der Sicht des Kampfes der Arbeiterklasse ist
die mittelbare Wirkung der Produktivkraft Wissenschaft unter
staatsmonopolistischen Bedingungen heute ein wesentlicher produk-
tiver Faktor der Wissenschaft in der bürgerlichen Gesellschaft.
D e s h a l b ist es falsch, Wissenschaft im Kapitalismus mit
ihrer unmittelbaren Wirkung in der materiellen Produktion, mit
ihrer Wirkung in der Reproduktion des monopolistischen Systems zu
i d e n t i f i z i e r e n.
Innerhalb des Kapitalverhältnisses entwickelt also nicht nur die
Wissenschaft in ihrer unmittelbaren Produktivkraftfunktion Fakto-
ren der Negation, der Auflösung des Kapitals, sondern auch in ih-
rer mittelbaren Funktion. Nimmt man die Arbeiterklasse einmal
(theoretisch) isoliert, dann überwiegt gegenwärtig diese mittel-
bare Wirkung der Wissenschaft - des wissenschaftlichen Sozialis-
mus und einzelwissenschaftlicher Disziplinen -, deren Ergebnisse
noch nicht praktisch-materiell im e i g e n e n Verwertungsin-
teresse eingesetzt werden können. Darüber hinaus bietet es sich
an, zwischen r e e l l e n u n d p o t e n t i e l l e n
F a k t o r e n d e r P r o d u k t i v k r a f t e n t-
w i c k l u n g zu unterscheiden. In der Wissenschaftspolitik
der Organisationen der Arbeiterklasse und ihrer Alliierten muß
deutlicher als bisher die Bedeutung potentieller Produktivkräfte
berücksichtigt werden. Die Zumutung unmittelbarer Umsetzung in
die Praxis und die Erwartung unmittelbar einsetzender Wirkungen
und Erfolge sind kurzsichtig und führen häufig genug zum
Aktionismus.
3.3. Wissenschaftlich-technische Revolution im Kapitalismus
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Für das Verständnis der fortschrittlichen Funktion der Wissen-
schaft im Kapitalismus gibt es eine wesentliche Voraussetzung:
das richtige Verständnis der wissenschaftlich-technischen Revolu-
tion. Der Kern des Problems liegt darin, diesen Prozeß nicht von
einer isoliert aufgefaßten Entwicklung von Wissenschaft und Tech-
nik her zu bestimmen, sondern ihn unter dem Aspekt der prinzi-
piellen Gesellschaftlichkeit von Wissenschaft und Technik und de-
ren sozialhistorischer und sozialökonomischer Bedingtheit und
Wirkungsweise zu begreifen. Die WTR vollzieht sich - entsprechend
den Phasenverschiebungen der Industrialisierung - heute in allen
technologisch hochentwickelten Ländern, - a b e r mit erhebli-
chen sozialökonomischen Unterschieden. Einheitliches Kennzeichen
der WTR in den beiden Systemen ist die "Herausbildung des ein-
heitlichen Komplexes Wissenschaft-Technik-Produktion" 57a), ist
die Verringerung der Aufwendung an lebendiger Arbeitskraft, die
Ersetzung von Naturbedingungen der Produktion durch wissenschaft-
lich-technisch erzeugte Produktionsmittel, die Ersetzung geisti-
ger Arbeit durch Automaten - und zwar mit der Tendenz, durch Ky-
bernetisierung die menschliche Programmierungstätigkeit maschi-
nell abzulösen und die Anpassung der Automaten an ein verändertes
Funktionieren der Produktionsanlagen durch Selbstregulierung zu
ermöglichen 58). Wichtig ist: "die gegenwärtige wissenschaftlich-
technische Revolution ist... weder ein Prozeß, der sich allein im
Bereich der Wissenschaft abspielt, noch ist sie auf technische
Umwälzungen im Gefolge wissenschaftlicher Entdeckungen reduzier-
bar. Sie ist ihrem Wesen nach ein zutiefst gesellschaftlicher
Prozeß; sie ist, obgleich nicht identisch mit ihm, so doch ein
untrennbarer Bestandteil des gesellschaftlichen Fortschritts. Sie
steht in engstem Zusammenhang mit Fortschritten in der Entwick-
lung sowohl der Produktivkräfte wie auch der Produktionsverhält-
nisse der Gesellschaft. Sie widerspiegelt einerseits den Grad der
Beherrschung der Naturgesetze durch den Menschen und hängt ande-
rerseits wesentlich vom Grad der Beherrschung der gesellschaftli-
chen - insbesondere der ökonomischen - Gesetze der jeweiligen Ge-
sellschaftsordnung ab" 59). Die wissenschaftstheoretische Berück-
sichtigung des jeweiligen formationsspezifischen Charakters der
WTR bei der Konzeption des Wissenschaftsbegriffs ist unabdingbar.
Erst wenn diese Konkretion erreicht ist, ist es möglich, die WTR
allgemein nach ihren Wesensmerkmalen im Unterschied zu der wis-
senschaftlichen Revolution des 15. Jh. und zu der industriellen
Revolution am Ausgang des 18. Jh. zu bestimmen. Während die erste
eine Revolution i n d e r W i s s e n s c h a f t ohne
gleichzeitige Revolutionierung von Technik und Produktion war,
während die zweite eine Revolution d u r c h d i e W i s-
s e n s c h a f t ohne gleichzeitige revolutionäre Umwälzung im
Wissenssystem darstellte, ist die heutige WTR eine Einheit von
wissenschaftlicher, technischer und auf die Produktion bezogener
Veränderung: "die gegenwärtige wissenschaftlich-technische
Revolution ist ein Prozeß, in dem revolutionäre Veränderungen in
Wissenschaft, Technik und Produktion gleichzeitig, Hand in Hand,
in enger Wechselwirkung vor sich gehen: sie ist eine Revolution
i n d e r Wissenschaft, eine technische Revolution d u r c h
die Wissenschaft und wächst in den sozialistischen Ländern in
eine Revolution des Produktionsprozesses hinüber" 60). Dieser
qualitative Sprung in der Produktivkraftentwicklung k a n n bei
Vorliegen nichtantagonistischer Produktions- und Aneignungs-
bedingungen schließlich eine revolutionäre Veränderung "des
persönlichen und wichtigsten Faktors der Produktivkräfte - des
Menschen selbst, seiner Rolle und seines Platzes in der ge-
sellschaftlichen Produktion" auslösen. Die Voraussetzung dafür,
daß die wissenschaftlich-technische Revolution eine Qualität als
s o z i a l e Revolution erreicht, ist unumgänglich: die kombi-
nierte politische und soziale Umwälzung des Kapitalismus muß
diese Bedingung erst schaffen. Insofern muß der Geltungsbereich
der Kategorien 'wissenschaftlich-technischer Fortschritt', im So-
zialismus Oberbegriff, und 'wissenschaftlich-technische Revolu-
tion', im Sozialismus unter diesem Oberbegriff gefaßt, im Kapita-
lismus heute noch anders gedacht werden: der wissenschaftlich-
technische Fortschritt ist mangels einer revolutionären politi-
schen und sozialen Einbindung noch zu unterentwickelt, um eine
völlige Wirkung der WTR zu erlauben. Mit dem französischen Marxi-
sten J. Metzger kann man sagen: die WTR macht "nicht nur nicht
die gesellschaftliche und politische Revolution überflüssig, wie
eine verbreitete Literatur behauptet, sondern verstärkt deren
Notwendigkeit. Und das für sich selbst, für ihre eigene Entwick-
lung. Aber auch für ihre Verwendung im Dienste der gesamten Ge-
sellschaft" 61).
Eben dieses Junktim von WTR und sozialer und politischer Revolu-
tion zu bestreiten, ist Aufgabe der von Metzger angesprochen
Ideologien; in ihnen setzt sich durch, daß die WTR gerade auch
den gesamten Bereich der Ideologie durchdringt und im Kapitalis-
mus dazu führt, die systemimmanenten Bremswirkungen durch die
Produktionsverhältnisse und den politisch-institutionellen und
rechtlichen Sektor zu verschleiern. Industrielle Systemneutrali-
tät wird sowohl von den kultur- und technikpessimistischen Kon-
zeptionen propagiert wie von den technokratisch-hoffnungsvollen
wie 'Postindustrielle Gesellschaft', 'WTR-Gesellschaft' etc. Das
Ideologem der 'zweiten industriellen Revolution' widerspiegelt
wie kein anderes, daß die WTR unter staatsmonopolistisch-kapita-
listischen Bedingungen in der Tat vergleichbare Auswirkungen
zeigt: Monopolisierung der sozialen und ökonomischen Errungen-
schaften der WTR durch die Bourgeoisie, zumindest kurzfristig.
Keine dieser bürgerlich-ideologischen Gegenstrategien kommt dem
Charakter der WTR auch nur nahe. Übersehen wird: daß diese - so-
weit überhaupt prognostizierbar - die ganze Epoche umfassende Re-
volution der Produktivkräfte nicht durch produktionstechnologi-
sche Übergänge, sondern durch die Umwälzung der gesellschaftli-
chen Produktivkräfte untereinander definiert ist; daß mit dieser
Umgewichtung sich die Rolle der gesellschaftlichen Arbeit und der
Arbeiterklasse verändert; daß die Dynamik der Produktivkräfte den
Kapitalismus historisch überholt; daß die notwendige rationalere
Leitung und Organisation der Gesellschaft den Sozialismus und die
Demokratie voraussetzt: "Zwischen der wissenschaftlich-techni-
schen Revolution und der Entwicklung des Sozialismus besteht ein
analoger, gesetzmäßiger und innerer Zusammenhang, wie er im 18.
und 19. Jahrhundert zwischen den durch die industrielle Revolu-
tion hervorgerufene Umgestaltung der feudalen Produktionsweise
und der Entwicklung des Kapitalismus bestanden hat" 62).
Diese Analyse der Entwicklungsgesetze unserer Epoche ist keines-
wegs Ausdruck eines blinden geschichtsspekulativen Optimismus,
weil sie keinen Selbstlauf der WTR unterstellt, keine
'historischen Gesetze' fetischisiert und eindeutig die Rolle des
Subjekts der Epoche, der Arbeiterklasse, in ihr Kalkül einbe-
zieht. Sie ist realistisch, indem ihre Prämisse lautet: wir ste-
hen am Anfang der Entwicklung. Dieser Realismus ist geboten, weil
die Übertragung menschlicher Arbeitsfunktionen auf die Arbeits-
mittel heute noch sehr langsam vor sich geht; so beträgt der Au-
tomatisierungsgrad der Arbeit in der Industrie sozialistischer
Länder erst zwischen 8% und 10%. Es hieße aber die Automatisie-
rung als Kriterium verabsolutieren, wollte man in der absehbaren
weiteren Differenzierung der menschlichen Arbeitsfunktionen einen
anderen Faktor übersehen: "die zunehmende Anreicherung der Arbeit
mit geistig-schöpferischer Substanz, die Zurückdrängung nicht nur
körperlich schwerer Arbeit, sondern auch geistiger Routinetätig-
keiten" 63). Im Unterschied zu rein quantitativen und kumulativen
Theorien der Wissenschaftsentwicklung muß die marxistische Wis-
senschaftstheorie die sozialen Faktoren der WTR vorrangig berück-
sichtigen. Dies schließt ein, daß die WTR in ihrer Wechselwirkung
mit der Klassen-und Persönlichkeitsentwicklung analysiert wird,
nicht aber als alleiniger Faktor des Fortschritts. Sonst - so
warnt J. Kuczynski nachdrücklich - würde man "die Wissenschaftler
und Techniker zum revolutionären Träger der Bewegung in die Zu-
kunft" ernennen 64).
Wissenschaftlich-technische Revolution im Kapitalismus? D. Klein
hat die wichtigste Schranke für deren Wirkung genannt: "Die
e r s t e u n d e n t s c h e i d e n d e G r e n z e d e s
I m p e r i a l i s m u s... besteht darin, daß die Kapitalver-
wertung die R e p r o d u k t i o n d e r A r b e i t s-
k r a f t a l s W a r e beinhaltet... Um die Arbeitskraft der
Verwertung des Kapitals, also dem Mehrwert als Ziel des
Kapitalismus unterzuordnen, werden das kapitalistische Eigentum
und die Macht des Monopolkapitals verteidigt, übt der imperia-
listische Staat seine Herrschaft gegen die Werktätigen aus und
hält sie damit von einer entscheidenden Sphäre der Entfaltung der
Persönlichkeit fern: von der praktischen Gestaltung gesamtge-
sellschaftlicher Zusammenhänge durch die Ausübung der politischen
Macht, ja selbst von jeglicher realen Mitbestimmung in der Wirt-
schaft" 65). Dies ist die e i n e Seite, deren andere nicht nur
das Interesse der Werktätigen an Veränderung, z.B. an Mitbestim-
mung, ist, sondern der aktive Kampf, der Streik, die organisierte
Gegenmacht. Nur wer dies übersieht, kann ins Extrem des Skepti-
zismus verfallen. In 'Kapital und Arbeit in der Bundesrepublik'
skizziert U. Jaeggi die eine Seite in düsteren Farben, die andere
blendet er aus. Die Verwandlung der Wissenschaft in eine unmit-
telbare Produktivkraft in der WTR bedeute: Proletarisierung der
Arbeitsbedingungen der technischen Angestellten, Einschränkung
der Kommandobefugnisse der wissenschaftlich-technischen lohnab-
hängigen Intelligenz, die ihre Arbeitskraft verkauft, Teilung und
Hierarchisierung der Arbeitsbeziehungen, Fachidiotentum, Dequali-
fikation der Arbeit 66). Es fehlt in der Analyse: die Annäherung
der wissenschaftlich-technischen Intelligenz an die Arbeiter-
klasse, die zunehmend bewußte Mitwirkung eines Teils dieser
Schicht in Organisationen der Arbeiterklasse ... Hier kommt es in
der Tat nicht darauf an, was dieser oder jener Techniker oder
Wissenschaftler seiner Selbsteinschätzung nach ist, sondern was
zu tun diese Schicht gezwungen ist. Deshalb scheint mir auch die
Auffassung falsch, "am Vorabend des Sozialismus" stellten "die
entwickelte industrielle und landwirtschaftliche Produktion, das
Verkehrs-, Nachrichten- und Bankwesen mit ihrer hohen Konzentra-
tion und Zentralisation und die Einführung der staatlichen Wirt-
schaftsprogrammierung und -regulierung mit der entsprechenden or-
ganisatorischen Struktur lediglich die materiellen und organisa-
torischen Voraussetzungen des Sozialismus dar". Auch hier fehlt
die andere Seite des Kräfteverhältnisses. Die These der sowjeti-
schen Autoren: "Unter den Bedingungen des Kapitalismus kann keine
materiell-technische Basis des Sozialismus geschaffen werden. Sie
entsteht erst im Verlauf der sozialistischen Revolution" leugnet,
daß der Kapitalismus nicht vom 'Vorabend' über Nacht den 'Sprung'
in den Sozialismus springt, sondern - nach G. Dimitroffs Ein-
schätzung auf dem 7. Weltkongreß der Kommunistischen Internatio-
nale - Ü b e r g ä n g e möglich sind, deren Bedingungen noch
i m Kapitalismus zu erarbeiten sind 67).
3.4. 'Bürgerliche' und 'sozialistische' Wissenschaft
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im Kapitalismus
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Wissenschaft und Technik tragen heute mehr denn je zur Verände-
rung des staatsmonopolistischen Kapitalismus bei; ungeachtet der
sozialen Wirkungen ihrer Ergebnisse bleibt das System nicht auf
dem Status quo. Es ändert sich gleichzeitig in Richtung der wei-
teren Monopolisierung u n d deren revolutionärer Abschaffung.
Insofern ist es sinnvoll, von 'der Wissenschaft' zu sprechen, so-
bald man mit diesem allgemeinen Begriff nicht die soziale Ver-
schiedenheit widersprüchlicher Faktoren im gesellschaftlichen Sy-
stem 'Wissenschaft' ausklammert. Der Widerspruch im Wissen-
schaftssystem - von einem S y s t e m kann hier wegen der wech-
selseitigen Einwirkungsweise die Rede sein - bildet den sozial-
ökonomischen Widerspruch ab. Zur Bezeichnung der beiden Seiten
dienen oft die Begriffe 'bürgerliche Wissenschaft' und 'soziali-
stische Wissenschaft'. Einheitliches Subjekt dieser so
charakterisierten Tätigkeiten ist im Kapitalismus die b ü r-
g e r l i c h e G e s e l l s c h a f t in ihrem Antagonismus.
Einheitlichkeit des gesellschaftlichen 'Subjekts' schließt ein,
daß der Grundwiderspruch sowohl das Verhältnis von o b j e k-
t i v e m und s u b j e k t i v e m F a k t o r der Gesell-
schaft zueinander prägt wie auch innere Widersprüche i n n e r-
h a l b dieser Faktoren. Die Begriffe 'bürgerliche' und 'sozia-
listische' Wissenschaft bilden diese Widersprüchlichkeit m.E.
nicht adäquat ab. Denn 'bürgerliche' Wissenschaft bezeichnet -
sieht man von der häufig nur denunziatorischen Bedeutung des
Begriffs ab - in erster Linie die ö k o n o m i s c h e
F u n k t i o n wissenschaftlicher Tätigkeit im Reproduktionsin-
teresse der Bourgeoisie als Klasse; 'sozialistische' Wissenschaft
kann demgegenüber nur auf einer anderen begrifflichen Ebene ver-
wendet werden, weil sie unter dem Zwang der dominant monopolbür-
gerlichen Ökonomie im Kapitalismus in erster Linie eine
i d e o l o g i s c h e Wirkung entfaltet. 'Wissenschaft in der
bürgerlichen Gesellschaft' ist mit 'Bürgerlicher Wissenschaft'
nicht identisch, sondern gehorcht der objektiven Logik der Klas-
senbeziehungen und läßt es zu, die Verschiebungen zwischen bür-
gerlicher und anti-kapitalistischer Wissenschaft auf dem Weg zur
theoretischen Realisierung der Interessen der Arbeiterklasse ohne
grobschlächtige Etikettierungen kenntlich zu machen. Die darüber
hinausgehende Anerkennung eines widerspruchsfreien Begriffs
'Wissenschaft' ist kaum sinnvoll. Die im Marxismus noch vertre-
tene These, es gebe "keine bürgerliche und proletarische Wissen-
schaft an sich. Aber es gibt Auffassungen von der Wissen-
schaft..., die sich unterscheiden und entgegengesetzt sind" 68)
reduziert das Problem auf eine wissenschaftstheoretische Frage
und tendiert zur Trennung von Wissenschaft und Ideologie.
Friedrich Tomberg hat einen Vorschlag zur Terminologie unterbrei-
tet, der den besonderen Charakter des Widerspruchs im Wissen-
schaftssystem sehr genau trifft: "Der wahre Kontrahent der bür-
gerlichen Wissenschaft ist in der gegenwärtigen Auseinanderset-
zung ... nicht bloß eine Wissenschaft, die sich im Interesse des
Sozialismus bestimmen läßt und insofern sozialistische Wissen-
schaft heißen könnte, sondern grundlegend eine sozialistische
Praxis, die sich bewußt als empirische Verifikation wissenschaft-
licher Theorie vollzieht und daher w i s s e n s c h a f t-
l i c h e r S o z i a l i s m u s ... heißen darf" 69). Dies
ist keine Frage der Nomenklatur, sondern der Erfassung der
unterschiedlichen Q u a l i t ä t e n zweier Gestalten des
gesellschaftlichen Bewußtseins und der Praxis. "Um aus dem
Sozialismus eine Wissenschaft zu machen", - so Engels 70) -
"mußte er erst auf einen realen Boden gestellt werden".
'Wissenschaftlicher Sozialismus' bezeichnet die Einheit von revo-
lutionärer Theorie und revolutionärer Klasse und das Ende der
Utopie. Von Lassalle - "Zwei Dinge allein sind groß geblieben in
dem allgemeinen Verfall...: die W i s s e n s c h a f t und das
V o l k, die W i s s e n s c h a f t und die A r b e i-
t e r!" 71) - bis Dietzgen - "Der moderne Sozialismus ist
w i s s e n s c h a f t l i c h" 72) - einte die Fraktionen der
Arbeiterbewegung die Erkenntnis, daß erst die Wissenschaft-
lichkeit der Geschichtsauffassung der materialistischen Dialektik
die Praxis der Arbeiterklasse anzuleiten legitimiere. Engels zog
das Fazit: "Der zur Aktion berufnen, heute unterdrückten Klasse
die Bedingungen und die Natur ihrer eignen Aktion zum Bewußtsein
zu bringen, ist die Aufgabe des theoretischen Ausdrucks der pro-
letarischen Bewegung, des wissenschaftlichen Sozialismus" 73).
Die hierin enthaltenen Folgerungen für die Verbindung von Wissen-
schaft und Klassenkampf und zum Verhältnis von Spontaneität und
Klassenbewußtsein sind es, die den qualitativen Unterschied zur
bürgerlichen Wissenschaft ausmachen. Es wäre verfehlt, die bür-
gerliche Wissenschaft nicht als Widerspiegelung und als sozialen
Klassenprozeß anzusehen und sie auf die Produktion von 'falschem
Bewußtsein' zu reduzieren.
Charakteristisch für die bürgerliche Wissenschaft in ihren unter-
scheidbaren Formen ist, daß sie unfähig ist, ihre wissenschafts-
theoretische und allgemein ideologische Selbstreflexion mit den
Fakten, mit ihrer kognitiven und sozialökonomischen Funktion zur
Deckung zu bringen. Dies trifft für das mit seiner Anti-Autono-
mie-These realistische Finalisierungskonzept der Wissenschaft zu,
welches objektive Wahrheitskriterien wissenschaftlicher Wider-
spiegelung leugnet und konsensualistisch nur von der
"Berechtigung, gewisse Aussagen für wahr zu h a l t e n" 74),
spricht. Dies gilt für wissenschaftsinternalistische Positionen,
die aus der Dynamik des Forschungsprozesses externe gesellschaft-
liche Beweggründe ausschalten 75). Dies gilt für alle neopositi-
vistischen, vor allem kritisch-rationalistischen Konzeptionen,
welche den Gesellschaftswissenschaften die Erkenntnis von Ent-
wicklungsgesetzen absprechen, ihre Exaktheit leugnen und stück-
werktechnologische politische Konsequenzen ziehen (Popper, Al-
bert) bzw. die Wissenschaftsmethodologie im Gegensatz zur Wissen-
schaftssoziologie "zur beherrschenden Disziplin der modernen Wis-
senschaftstheorie" erklären 76). Irrational reagieren H. Marcuses
kulturrevolutionäre Technik- und Wissenschaftskritik 77) und der
staatsmonopolistische Pragmatismus H. Schmidts, für den "Prognose
nicht nur eine Kunst, sondern auch eine Glückssache" der Wissen-
schaftspolitik ist 78). Ob Feyerabend das "Märchen Wissenschaft"
ironisiert 79) oder H. Kimmerle die "Wissenschaftskrise als Voll-
endung des universellen Krisenzusammenhanges" unhistorisch, gene-
ralisierend überhöht 80), - es handelt sich um Symptome des Pro-
zesses, in dem die bürgerliche Wissenschaft abstrakt wird, um
ihre Klassenfunktion bewußtlos erfüllen zu können.
Aber es geht nicht nur darum, daß die bürgerliche Wissenschaft
nicht weiß, was sie tut. Sie ist, dies betrifft vor allem die Ge-
sellschaftswissenschaften, in ihrer Funktionsfähigkeit als Pro-
duktivkraft eingeschränkt, weil sie ein für die kognitive Funk-
tion wissenschaftlicher Tätigkeit wesentliches Element ihres Be-
gründungszusammenhangs weitgehend verloren hat: die bürgerliche
Wissenschaft erfüllt zwar ihre Funktion, allgemeine Arbeit zu
sein, trotz des Verlusts ihres Bewußtseins von der Geschichtlich-
keit und Kumulativität des Wissens objektiv teilweise noch immer;
als i d e o l o g i s c h e s Gesamtsystem speist sie sich aber
immer mehr aus dem Vertilgen ihrer historischen Spuren, aus ihrem
unhistorischen Charakter. Geht man davon aus, daß die Allgemein-
heit dieser Tätigkeit in der b e w u ß t e n Verfügung über ge-
sellschaftliches akkumuliertes Wissen besteht, dann kann man All-
gemeine Arbeit' erweitert so bestimmen: allgemeine Arbeit ist die
Einheit von gewußter geschichtlicher Erfahrung und Prognosefähig-
keit des Bewußtseins, die in der wissenschaftlichen Tätigkeit ak-
tualisiert wird und materiell-praktische Wirkungen auslöst. All-
gemeine Arbeit ist der Einsatz sowohl gattungsmäßiger, biologisch
gespeicherter Erfahrung wie sozial-historischer Klassenerfahrung.
Sie wird gesellschaftlich realisiert in Kooperationszusammenhän-
gen, in denen die Individuen ihr Leben organisiert haben und in
denen die gesellschaftlichen Charaktere der Persönlichkeiten ne-
ben anderen besonderen Faktoren die Spezifik der Arbeit maßgeb-
lich prägen. Eine historische Identität kennt die bürgerliche
Wissenschaft nicht; wo sie ihre Genesis thematisiert, wird Ge-
schichte historistisch relativiert oder als Vergangenheit zur Fo-
lie permanenten 'Fortschritts' genommen.
Im Gegensatz zu dieser amputierten Allgemeinheit wissenschaftli-
cher Erkenntnis und Tätigkeit stellt der wissenschaftliche Sozia-
lismus d i e Form historischen Bewußtseins dar. Als Materialis-
mus begreift er sich als Fazit aus der Geschichte der Klassen-
kämpfe, der Produktivkräfte und der ökonomischen Gesellschafts-
formation insgesamt. Als Dialektik verfügt er über Gesetzeser-
kenntnis, die aus der Entwicklung gewonnen wird und die Entwick-
lung bewußt beherrschbar macht. Die Verfügung des wissenschaftli-
chen Sozialismus über die Entwicklungsgesetze der Gesellschaft
wird auch dort nicht liqudiert, wo er - wie im Kapitalismus -
Wissenschaft ohne die Macht ist, die materielle Produktion unmit-
telbar zu beeinflussen.
4. Wissenschaftstheoretische Schlußfolgerungen
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Aus der Existenzweise der Wissenschaft im Kapitalismus zieht die
materialistische Wissenschaftstheorie einige Schlußfolgerungen,
welche die Struktur des Wissenschaftsbegriffs und die Struktur
und Funktion der Wissenschaftstheorie prägen. Dies betrifft die
B e s o n d e r h e i t des Wissenschaftsbegriffs als Widerspie-
gelung der Spezifik wissenschaftlicher Tätigkeit im Kapitalismus;
dies betrifft auch die theoretische Struktur der Wissenschafts-
theorie und die Rolle philosophischer und einzelwissenschaftli-
cher Erkenntnisse bei der Bildung der Wissenschaftstheorie zu ei-
ner integrierten Disziplin. Die Definition des allgemeinen Wis-
senschaftsbegriffs wie auch die Bestimmung des Gegenstandsbe-
reichs der Wissenschaftstheorie, wie sie G. Kröber und H. Laitko
formuliert haben, berücksichtigen die Formationsspezifik der Wis-
senschaft und sind die Grundlage meiner - hier nur kurz erläuter-
ten - Thesen. Wissenschaft ist auch im Kapitalismus "ein im Ge-
samtzusammenhang der jeweiligen Gesellschaftsformation bestimmtes
System gesellschaftlicher Tätigkeiten, die auf die Gewinnung,
Vermittlung, Reproduktion und Anwendung von Erkenntnissen gerich-
tet sind" 81). Die erste Besonderheit der Wissenschaft im Kapita-
lismus liegt darin, daß das 'System gesellschaftlicher Tätigkei-
ten' das System der Widersprüche kapitalistischer Produktion und
Reproduktion ist, unter deren Wirkung die Beziehung
z w i s c h e n den Elementen 'Gewinnung - Vermittlung - Repro-
duktion - Anwendung von Erkenntnissen' qualitativ anders geregelt
ist als im Sozialismus. Die Beziehung dieser Elemente der wissen-
schaftlichen Tätigkeit ist sowohl innerhalb der bürgerlichen Wis-
senschaft wie innerhalb des wissenschaftlichen Sozialismus unter-
schiedlich reguliert, wie sie auch qualitative Unterschiede beim
Vergleich dieser beiden antagonistischen Systeme zeigt. Für den
wissenschaftlichen Sozialismus erweitert sich der Bereich der Er-
kenntnisgeiwnnung im Vergleich zur bürgerlichen Wissenschaft um
zwei wesentliche Dimensionen, die seine Allgemeinheit charakteri-
sieren: die Genesis der Wissenschaft der Arbeiterklasse in der
Geschichte der Arbeiterbewegung und die Realität des Sozialismus.
Auf der ändern Seite sind die Bedingungen der Reproduktion und
Anwendung von Erkenntnissen aufgrund ihrer Stellung im unmittel-
baren Produktions- und Reproduktionsprozeß für die bürgerliche
Wissenschaft qualitativ andersartig und werden durch den bürger-
lichen Staat gesichert.
Gegenstandsbereich der Wissenschaftstheorie sind auch im Kapita-
lismus die "Gesetze des Zusammenhangs zwischen dem gesellschaft-
lichen Bedarf an Erkenntnissen, den Erkenntnisinhalten und Struk-
turen der wissenschaftlichen Tätigkeiten, den sozialen und orga-
nisatorischen Formen und Bedingungen dieser Tätigkeiten und ihren
gesellschaftlichen Wirkungen und Folgen" 82). Gegenstandsspezi-
fisch ist dabei der Z u s a m m e n h a n g der Elemente. Im
Unterschied zur Wissenschaftstheorie im Sozialismus und deren em-
pirischem Gegenstand findet die Wissenschaftstheorie im Kapita-
lismus diesen Zusammenhang in einer höchst gestörten, wider-
sprüchlichen Form vor. Der objektive gesellschaftliche Bedarf an
Erkenntnissen und die Strukturen der wissenschaftlichen Tätigkei-
ten sind nicht in Übereinstimmung, wobei die herrschenden kapita-
listischen Organisationsformen und Bedingungen dieses Auseinan-
derfallen garantieren. Erkenntnis und Praxis, Theorie und Praxis,
Wissenschaft und materielle Produktion stehen im kapitalistischen
und im nicht-kapitalistischen Wissenschaftssektor in einem je-
weils qualitativ verschiedenen Verhältnis zueinander. Sowohl für
die bürgerliche Wissenschaft wie für ihren Widerpart läßt sich
die These vom ausschließlich determinierenden Charakter der mate-
riellen Produktion nicht uneingeschränkt aufrechterhalten. Zwar
arbeitet die Mehrheit der Wissenschaftler in der BRD in der Indu-
strie; sie finden ihre Erkenntnisbedingungen sogar in vielfach
reduzierter Form in der materiellen Produktion (Ausblendung der
Produktionsinteressen etc.). Aber angesichts der rigiden Trennung
von Forschung und Produktion gilt die These selbst für sie nur
'in letzter Instanz'. Darüber hinaus findet gerade die naturwis-
senschaftliche Forschung in von der Produktion isolierten Insti-
tutionen des Staats und der Wirtschaft immer mehr ihren Ort. Und
weiter: einer 'Ableitung' des kognitiven Aspekts der Wissenschaft
aus deren Produktionsfunktion widerspricht der relative Selbst-
lauf der Wissenschaftsentwicklung, die Entwicklung von Erkennt-
nissen aus Erkenntnissen. Anders gesagt: bei der Konzipierung des
Wissenschaftsbegriffs muß der kognitive Aspekt gegenüber dem Tä-
tigkeitsaspekt gewahrt bleiben; t r o t z i h r e r E n t-
w i c k l u n g z u r u n m i t t e l b a r e n P r o d u k-
t i v k r a f t v e r l i e r t d i e W i s s e n s c h a f t
i h r e n b e s o n d e r e n C h a r a k t e r a l s E r-
k e n n t n i s s y s t e m n i c h t u n d w i r d n i c h t
i n d i e F o r m m a t e r i e l l e r A r b e i t ü b e r-
f ü h r t. Neben den soziologischen und ökonomischen einzelwis-
senschaftlichen Voraussetzungen gehören die philosophischen, vor
allem erkenntnistheoretischen, und wissenschaftsgeschichtlichen
Theorien und Methoden, Kategorien und Gesetzesaussagen zum
unverzichtbaren Minimum der Wissenschaftstheorie.
4.1. Für ein Analogieverbot in der Wissenschaftstheorie
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In der marxistischen Wissenschaftstheorie spielt heute d i e
A n a l o g i e eine wichtige Rolle. Analogien werden vor allem
behauptet zur Kennzeichnung des Verhältnisses von Erkenntnis und
Arbeit und des Verhältnisses von ideeller und materieller Produk-
tion. In den wenigsten Fällen aber wird ausdrücklich geklärt, in
welcher Bedeutung 'Analogie' verwendet wird, ob als 'Ent-
sprechung', 'Ähnlichkeit', 'Gleichwertigkeit' oder im Grenzfall
sogar als 'Identität' von Strukturen und Funktionen. An der
h e u r i s t i s c h e n Rolle von Analogien ist nicht zu zwei-
feln. Nicht strittig ist darüber hinaus, daß die materialistische
Dialektik Analogien zur Beschreibung des Verhältnisses von Mate-
rie und Bewußtsein erfolgreich eingesetzt hat, um sowohl die me-
chanisch-materialistische Widerspiegelungsvorstellung wie auch
die idealistische, identitätsphilosophische Auffassung der Er-
kenntnis zu kritisieren. In Aussagen zur materiellen Gewalt der
Ideen wird die Bedeutung der Analogie besonders sinnfällig. Auch
in der erkenntnistheoretischen Bestimmung der Erkenntnis als Wi-
derspiegelung und sozialer Prozeß war die Analogie teilweise er-
folgreich. Beschränkt man die Analogie von ideeller und materiel-
ler Tätigkeit auf die allgemeine Aussage, beide seien Formen
zielgerichteter, zweckmäßiger Praxis, kann es kaum Einwände ge-
ben.
Mein Einwand, mit der Forderung nach einem A n a l o g i e-
v e r b o t bewußt überzogen, richtet sich gegen vereinsei-
tigende, die qualitative Differenz zwischen geistiger und
materieller Arbeit auch im Bereich der Erkenntnis- und Wis-
senschaftstheorie leugnende Analogie-Thesen. Häufig geht es die-
sen Konzeptionen darum, durch Analogien zu begründen, daß Wissen-
schaft und materielle Produktion gleicherweise p r o d u k t i v
sind. Es wird auf Marx' Aussage verwiesen, "um produktiv zu ar-
beiten", sei es nicht "mehr nötig, selbst Hand anzulegen; es ge-
nügt, Organ des Gesamtarbeiters zu sein, irgendeine seiner Unter-
funktionen zu vollziehen" 83). Die Analogie dient in diesem Zu-
sammenhang als a p r i o r i s c h e r B e w e i s und eben
dies macht sie überflüssig; denn die Produktivkraftfunktion der
Wissenschaft i s t eine empirische Tatsache und bedarf keiner
theoretischen Konstruktionen, um ihre Existenz zu rechtfertigen.
Meine Kritik geht mit N. V. Markov davon aus: "Die Umwandlung der
Wissenschaft in eine unmittelbare Produktivkraft bedeutet nicht,
daß die Wissenschaft aufhört, eine Form des gesellschaftlichen
Bewußtseins zu sein und daß sich das Wesen der Wissenschaft än-
dert" 84).
Die Grundtatsache der G e s e l l s c h a f t l i c h k e i t
von Bewußtsein, Erkenntnis und Praxis kann nicht die Legitimität
wissenschaftstheoretischer Analogien begründen. Ideelle und mate-
rielle Tätigkeit und Arbeit unterscheiden sich qualitativ hin-
sichtlich der S p e z i f i k ihrer Gesellschaftlichkeit. Theo-
retisch ist die zur Behauptung der Gleichwertigkeit oder Identi-
tät dieser beiden Elemente der objektiven Realität tendierende
Analogie-Konzeption ständig in Gefahr, den Materialismus zu hege-
lianisieren, d. h. Logik und Dialektik zu identifizieren. Es
kommt aber darauf an, die zunächst i n i h r e r i d e e l-
l e n Q u a l i t ä t bestehende neuartige Wirkungsweise der
'Wissenschaft als Produktivkraft' als Ausdruck einer geschicht-
lichen Entwicklung zu begreifen, die mit der Steinaxt beginnt und
durch die schrittweise Ersetzung körperlicher Arbeitsmittel durch
geistige zu einer qualitativ gewandelten, größeren Bedeutung der
Ideen der Menschen führt. Qualitativ neu ist dabei nicht, daß nun
die Ideen anfingen, selbst Geschichte zu machen. Die neue
Qualität gründet vielmehr darin, daß das gesellschaftliche
Bewußtsein der Menschen die objektive Realität in einem
asymptotischen Annäherungsprozeß an die Wahrheit (Lenin) immer
exakter widerspiegelt. Es ist die genauere Erkenntnis der
Entwicklungsgesetze und der einzelnen Gesetze der Natur, der Ge-
sellschaft u n d des Erkenntnisprozesses, welche die Mittel zur
Beherrschung von Natur u n d Gesellschaft u n d Erkenntnis
revolutioniert. (In diesem Zusammenhang wäre es von größter phi-
losophiehistorischer Bedeutung, den Idealismus der klassischen
Philosophie neu zu begreifen. Wenn z.B. Schelling davon spricht,
daß die Naturphilosophie die "p h y s i k a l i s c h e
E r k l ä r u n g d e s I d e a l i s m u s" biete und be-
weise, "daß er an den Grenzen der Natur gerade so ausbrechen
m u ß, wie wir ihn in der Person des Menschen ausbrechen sehen"
85), dann unterstellt dieser 'Real-Idealismus' spekulativ eine
Logifizierung des historischen Subjekts, ist aber von der natur-
wissenschaftlichen realen Produktivkraftentwicklung - auf die
Schelling sich beruft - gar nicht so weit entfernt.) Die Analo-
gie-Konzeption versucht, mit den Mitteln einer noch nicht auf den
Wissenschaftsprozeß eingestellten politischen Ökonomie den Er-
kenntnisprozeß wegen dessen zunehmend materieller Wirkung
n a c h d e m M u s t e r der materiellen Arbeit zu erklären.
In dieser Funktion halte ich die Analogie-Konzeption für unhisto-
risch und, entgegen dem Eindruck eines besonders konsequenten Ma-
terialismus, für tendenziell idealistisch.
In seinem Ansatz einer Systemanalyse der wissenschaftlichen Tä-
tigkeit hat z.B. K.-D. Wüstneck den "Vergleich" als wichtigen Weg
des Herangehens zu begründen versucht: die Systemanalyse des
m a t e r i e l l e n Arbeitsprozesses sei von großer "metho-
dologischer Bedeutung für die Wissenschaftstheorie". Dieser
Vergleich führt zur Behauptung der N i c h t - Identität von
materieller, gebrauchswertschaffender Arbeit und ideeller, er-
kenntnisproduzierender Tätigkeit. Interessanterweise wirkt sich
Wüstnecks "analoges Vorgehen" t r o t z des im Resultat festge-
stellten "wesentlichen Unterschieds von materieller Produktion
und Forschungstätigkeit" deshalb für die Wissenschaftstheorie
nachteilig aus, weil auch dieser Vergleich vom Modell des materi-
ellen Arbeitsprozesses in seinen einfachen und allgemeinen Momen-
ten a u s g e h t, gleichwohl aber die Analogie auf der Ebene
der historisch-konkreten, politisch-ökonomisch bestimmten Arbeit
ansiedelt. Die Folgelasten betreffen die Widerspiegelungstheorie
als wichtiges Element der Wissenschaftstheorie: die konkret-hi-
storische Form der gebrauchswertschaffenden Arbeit wird zum Kri-
terium der Erkenntnistätigkeit, und zwar mit dem Ergebnis, dem
Arbeitsgegenstand der materiellen Arbeit eine andere, höhere Ob-
jektivitäts-Qualität als dem der Erkenntnistätigkeit zuzuschrei-
ben. Um einer subjektivistischen Konzeption des 'Erkenntnis-
objekts' (wie im Neukantianismus, wie in der Praxis-Philosophie)
zu entgehen, wird freilich die Widerspiegelungs a k t i v i-
t ä t des Subjekts sensualistisch an das Realobjekt überant-
wortet. Wüstneck zieht aus dem nicht-gebrauchswertschaffenden
Charakter der Produktion von Wissen einen Schluß, der nicht
zureichend begründet ist: "So wenig es gerechtfertigt ist, v o n
v o r n h e r e i n die Erkenntnistätigkeit als A r b e i t s-
p r o z e ß... aufzufassen, so wenig ist es selbstverständlich,
daß das Objekt in gleichem Sinne 'Arbeitsgegenstand' des
Forschers ist, wie im analogen Fall des materiellen Arbeits-
prozesses. Die Situation ist hier anders: Weil das Ziel und
Produkt der Forschung (ganz abgesehen vom Inhalt des Prozesses)
nicht das gegebene oder ein daraus entstehendes neues
m a t e r i e l l e s Objekt ist, sondern das Wissen als ideelle
Widerspiegelung, deshalb ist es von vornherein naheliegend, als
das eigentliche Objekt der 'Bearbeitung', als den im richtigen
Sinne analogen Arbeitsgegenstand der Erkenntnistätigkeit aus-
schließlich die vom gegebenen Objekt ausgehenden oder zu gewin-
nenden S i g n a l e u n d m i t i h n e n v e r b u n d e-
n e n I n f o r m a t i o n e n anzusehen". Folgt aber tatsäch-
lich aus der Ablehnung der mechanistischen Vorstellung von der
physischen Reproduktion der Realität im Gehirn die Auflösung des
Begriffs der objektiven Realität in 'Signal' und 'Information'
86)? Natürlich ist in vielen Fällen, etwa in der Literatur-
wissenschaft, der Arbeitsgegenstand ein ideelles Objekt, ist
wissenschaftliche Tätigkeit als 'allgemeine Arbeit' Bearbeitung
tradierten Wissens, ist Wissenschaft auch Widerspiegelung von
Widerspiegelungen. An der Materialität, d.h. der objektiven
Existenzweise der Objekte ändert dies aber nicht. Mein Eindruck
ist, daß die hier sich andeutende sensualistische Umformung der
materialistischen Erkenntnistheorie ihre Ursache in der
'Analogie' hat: in der Konzeption eines m o n o k a u s a l e n
Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Erkenntnis und Arbeit, wobei
die politisch-ökonomische Bestimmung des Arbeitsbegriffs den Ra-
ster zur Bestimmung wissenschaftlicher Tätigkeit abgibt. Dieses
Ergebnis der wissenschaftstheoretischen Analogie-Konzeption
scheint mir die Kehrseite jener anderen zu sein, die durch Analo-
gisierung zur These vom materiellen Charakter der Erkenntnis ge-
langt. Gegen die Analogie-Konzeptionen dürfte der Begriff der
'A l l g e m e i n e n A r b e i t' a l s E i n h e i t v o n
W i d e r s p i e g e l u n g u n d S c h ö p f e r t u m,
v o n h i s t o r i s c h - l o g i s c h e r u n d s o z i-
a l ö k o n o m i s c h e r D e t e r m i n a t i o n d e s
W i s s e n s c h a f t s p r o z e s s e s deshalb konkurrie-
rend antreten und sich durchsetzen, weil er die E i n h e i t
von materieller und geistiger Produktion u n d die konkret-
historische Besonderheit beider Formen der Praxis ausdrückt. P.
Rubens Argumente zum Thema 'Allgemeine Arbeit und Wi-
derspiegelung' haben dies plausibel nachgewiesen 87). Die Ent-
wicklung der ideellen Tätigkeit der Menschen in Form der gesell-
schaftlichen Praxis der Wissenschaft zwingt dazu, nicht zu analo-
gisieren, sondern die historischen Etappen der Umgewichtung im
Verhältnis von ideeller und materieller Arbeit und die daraus
folgende Spezifik gesellschaftlicher Arbeitsformen und Arbeits-
mittel zu analysieren. Charakteristisch für die Vergesellschaf-
tung der Wissenschaft ist es, daß sie die Wissenschaft - soweit
unmittelbare Produktivkraft i n die materielle Produktion inte-
griert und daß gleichwohl i n n e r h a l b dieser Sphäre die
wissenschaftliche Erkenntnistätigkeit n e b e n die materielle
Arbeit tritt - und zwar auch da, wo die Trennung von körperlicher
und geistiger Arbeit keine sozialen Klassenschranken und Erkennt-
nisprivilegien mehr bedingt und die geistige Qualifikation der
Arbeit steigt. Die Materialisierung von Ideen der Wissenschaft in
der Produktion geschieht nicht dadurch, daß der manuelle Arbeiter
'im Kopf' ein höheres Bewußtsein seiner Tätigkeit entwickelt, an-
sonsten aber weiterhin schwere körperliche Arbeit verrichtet; sie
geschieht dadurch, daß die Beziehung von ideeller Tätigkeit und
materiellen Arbeitsgegenständen enger wird. Die M a t e r i-
a l i s i e r u n g von Ideen ist und bleibt Materialisierung
von I d e e n, Erkenntnisse transformieren nicht i n Arbeit,
sondern treten a n d i e S t e l l e von Arbeit. Was die
Analogie nicht auszudrücken vermag, ist, daß die Wissenschaft -
so Marx 88) - zur F u n k t i o n d e r P r o d u k t i o n
wird. Dies drückt sich in der Einsparung gesellschaftlicher
Arbeit je Einheit Produktion aus. Ein Beispiel: In der DDR wurde
der Zuwachs an Nationaleinkommen von 108 Mrd. M. (1970) auf ca.
150 Mrd. M. (1975) zu 95% durch die Steigerung der Arbeitsproduk-
tivität erwirtschaftet. Im gleichen Zeitraum s a n k die
Verausgabung an lebendiger gesellschaftlicher Arbeit um 22%.
Statt 59 (1970) produzieren heute nur noch ca. 45 Werktätige in
den produzierenden Bereichen der Volkswirtschaft 1 Mill. M.
Nationaleinkommen. Dies ist Realität.
Mein Versuch, gegen die Analogie-Konzeption zu argumentieren,
könnte zu einer Schlußfolgerung führen, die ich nachdrücklich ab-
lehne: zu einer Ressorttrennung von Philosophie, die für den ko-
gnitiven Aspekt zuständig wäre, und Soziologie/Ökonomie, die für
die institutionellen, organisatorischen, finanziellen etc.
Aspekte der Wissenschaft verantwortlich zeichneten. Daß für Lenin
"die Philosophie und die politische Ökonomie zu einer i n
s i c h g e s c h l o s s e n e n materialistischen Weltan-
schauung verbunden sind" 89), hat seinen Grund nicht in einer
klassifikatorischen, theoretischen Entscheidung. Der Grund liegt
darin, daß erstmalig die Arbeiterklasse als Erkenntnissubjekt und
als Subjekt der Praxis eine Weltanschauung hervorgebracht hat,
die Wissenschaft ist, auch in ihrer philosophischen Form. Diese
wissenschaftlich-weltanschauliche Einheit drückt sich philoso-
phisch in der Einheit 'historischer/dialektischer Materialismus'
aus und in der Einheit der drei Bestandteile des wissenschaftli-
chen Sozialismus. Worauf es ankommt ist, aus dem Status der Wis-
senschaft als gesellschaftlichem Bewußtsein heraus die Funktion
der Philosophie für die Wissenschaftstheorie zu begründen. Sie
liegt nicht darin, daß die Philosophie als Lordsiegelbewahrer
über die Allgemeinsten Gesetze der Dialektik der Natur, der Ge-
sellschaft und des Bewußtseins' wacht, denn diese Gesetze sind
aus der Entwicklung abgeleitet und werden heute auch aus der Ver-
gesellschaftung der Wissenschaft abgeleitet. Sie liegt darin, daß
die Philosophie durch die Erkenntnistheorie wesentliche Aspekte
der Wissenschaft zu analysieren fähig ist: die ideelle Form von
Begriffen, Aussagen, methodischen Regeln, Theorien, Problemen
k a n n nur im Rahmen der Widerspiegelungstheorie untersucht
werden 90). Insofern war es kein Zufall und sollte es nicht als
Kompetenzüberschreitung dementiert werden, daß bei der Entwick-
lung der Wissenschaftstheorie in der DDR die Philosophie Pate ge-
standen hat; (dies auch selbstkritisch zu meiner Kritik z.B. an
A. Kosing in: 'Marxistische Wissenschaftstheorie').
Die politische Ökonomie verbindet sich nicht willkürlich im wis-
senschaftstheoretischen Integrationsverband mit der Philosophie:
ohne die politische Ökonomie der Produktionsbeziehungen der Klas-
sen wäre die für die Erkenntnistheorie entscheidende Formulierung
von K. Holzkamp, das ausgezeichnete Erkenntnissubjekt der Epoche
sei der Lohnarbeiter in seiner Klasse 91), nur eine apologetische
Behauptung. Die Philosophie hat also keine bevorzugte Stellung in
der Begründung der Wissenschaftstheorie zu beanspruchen. Im Welt-
anschauungssystem des wissenschaftlichen Sozialismus ist sie nach
Fr. Engels eine "Weltanschauung, die sich nicht in seiner aparten
Wissenschaftswissenschaft, sondern in den wirklichen Wissenschaf-
ten zu bewähren hat" 92). Die "philosophische Verallgemeinerung
der Wissenschaft ist ein Mittel, die S t e l l u n g d e r
W i s s e n s c h a f t i m S y s t e m d e r g e s e l l-
s c h a f t l i c h e n A n e i g n u n g s w e i s e n d e r
R e a l i t ä t erforschen zu können", schreibt H. Laitko zum
Thema 'Wissenschaftsforschung und Philosophie'. Er nennt zugleich
aber auch die Beschränkungen, denen die Philosophie unterliegt,
wenn sie sich nicht für die Erkenntnisse z.B. der Wissen-
schaftstheorie als gesellschaftswissenschaftlicher Disziplin
öffnet: "damit die philosophische Untersuchung der Wissenschaft
zu Ergebnissen mit Erkenntniswert gelangen kann, muß die
Philosophie ein u n m i t t e l b a r e s Verhältnis zu den
Fakten besitzen und bewahren, die die Wissenschaft determinieren.
Das in der materialistischen Dialektik gespeicherte Wissen über
die Wirklichkeit bereichert sich mit dem Fortschritt der wissen-
schaftlichen Erkenntnis über die philosophische Verallgemeinerung
ihrer Resultate und Erfahrungen, aber diese Vermittlung ver-
schwindet im philosophischen Ergebnis, und in der Bearbeitung
philosophischer Aspekte der Wissenschaften stehen immer wieder
u n m i t t e l b a r e s und f a c h w i s s e n s c h a f t-
l i c h v e r m i t t e l t e s Wissen über die objektive
Realität einander gegenüber" 93). Gespeichertes Wissen über die
Wirklichkeit - der wissenschaftliche Sozialismus realisiert es in
den Kategorien der Dialektik. Die Dialektik ist historischer
Prozeß: als Wirklichkeit und als deren theoretische Abbildung.
Die Kategorien der Dialektik reflektieren ihre eigene Genesis und
den Prozeß ihres Fortschritts in der immer exakteren Erkenntnis
der objektiven Realität. Im System dieser Kategorien und
Gesetzesaussagen liegt die historische Funktion der Philosophie
für die Wissenschaftstheorie. Lenin forderte, die konsequente
Verarbeitung des Hegelschen Werks müsse "in der d i a l e k-
t i s c h e n Bearbeitung der Geschichte des menschlichen
Denkens, der Wissenschaft und der Technik bestehen" 94), Die
dialektische Wendung liegt nicht in einer innertheoretischen
Umkehrung der Vorzeichen 'Idealismus/Materialismus', sondern in
der theoretischen Praxis und in der materiellen Aktion des aus
dem Kapitalwiderspruch entstandenen Klassensubjekts der Negation.
Es ist keine Überschätzung der Rolle der Theorie für die
Arbeiterbewegung, wenn Lenin die Dialektik aus der "Geschichte
der Philosophie" und der "einzelnen Wissenschaften" aufzubauen
für notwendig hielt 95). Mit ändern Worten: d i e D i a l e k-
t i k w i r d z u m P a r a d i g m a d e r W i s s e n-
s c h a f t, z u d e r e n G e g e n s t a n d s b e r e i c h
u n d z u d e r e n E r k e n n t n i s m e t h o d e u n d
z u m G a r a n t e n d e r O b j e k t i v i t ä t w i s-
s e n s c h a f t l i c h e r E r k e n n t n i s.
4.2. Über die 'logische Basis des Kommunismus'
----------------------------------------------
Die Entwicklung der Wissenschaft zur Produktivkraft und die Wir-
kungen der wissenschaftlich-technischen Revolution stellen we-
sentliche Voraussetzungen des Übergangs zum Sozialismus dar. Sie
sind Bedingungen der Möglichkeit des Sozialismus und Bedingungen
der Notwendigkeit des Sozialismus. Dabei - dies möchte ich her-
vorheben - bestehen diese Bedingungen nicht allein in der Produk-
tivkraftfunktion der Wissenschaft, soweit diese auf den Prozeß
der materiellen Produktion und Reproduktion bezogen sind. Die hi-
storische Entwicklung der Basis des Sozialismus und Kommunismus
schließt die Entwicklung dessen ein, was Marx und Engels
'logische Basis' nennen. Lenin hat dieses Logische als die Summe
milliardenfacher menschlicher Praxis bezeichnet und gezeigt, daß
diese Summe in Form logischer Kalküle in jede weitere Praxis ein-
geht 96). Insofern stellt die Logik nicht etwa eine spekulative,
sondern eine tatsächliche Basis des Fortschritts dar, indem sie -
in Form von Kategorien, Axiomen und Kalkülen - das Grundelement
der 'Allgemeinheit' wissenschaftlicher Arbeit darstellt. Die lo-
gische läßt sich von der materiellen Basis der Entwicklung eben-
sowenig trennen wie die geistige und die materielle Arbeit nicht
voneinander isoliert gesehen werden können.
Marx und Engels haben in der 'Heiligen Familie' im Abschnitt über
die "Kritische Schlacht gegen den französischen Materialismus"
eine der bedeutendsten theoretischen Analysen zur historischen
Funktion von Ideen und Theorien niedergelegt. Sie kennzeichnen
die Verlaufslinien des englischen und des französischen Materia-
lismus bis zu deren Vereinigung: der englische "mündet direkt in
den S o z i a l i s m u s", der französische verwirklicht sich
in der "N a t u r w i s s e n s c h a f t". Nach einer typisie-
renden Charakterisierung der unterschiedlichen Systeme bringen
Marx und Engels den Fortschritt in der Theorie auf den Nenner:
"Es bedarf keines großen Scharfsinnes, um aus den Lehren des Ma-
terialismus von der ursprünglichen Güte und gleichen intelligen-
ten Begabung der Menschen, der Allmacht der Erfahrung, Gewohn-
heit, Erziehung, dem Einflüsse der äußern Umstände auf den Men-
schen, der hohen Bedeutung der Industrie, der Berechtigung des
Genusses etc. seinen notwendigen Zusammenhang mit dem Kommunismus
und Sozialismus einzusehen. Wenn der Mensch aus der Sinnenwelt
und der Erfahrung in der Sinnenwelt alle Kenntnis, Empfindung
etc. sich bildet, so kommt es also darauf an, die empirische Welt
so einzurichten, daß er das wahrhaft Menschliche in ihr erfährt,
sich angewöhnt, daß er sich als Mensch erfährt. Wenn das wohlver-
standene Interesse das Prinzip aller Moral ist, so kommt es dar-
auf an, daß das Privatinteresse des Menschen mit dem menschlichen
Interesse zusammenfällt". Der theoretische Fortschritt hat mate-
rielle Wurzeln und führt zur praktischen Konsequenz: "Wenn der
Mensch von den Umständen gebildet wird, so muß man die Umstände
menschlich bilden".
Den Beitrag der Theorie zu der Veränderung der Verhältnisse mes-
sen Marx und Engels in ihrer Kritik an der flachen Popularisie-
rung des Materialismus und des Kommunismus durch Gäbet an eben
dem Kriterium, welches zum Kriterium des wissenschaftlichen So-
zialismus wird: der Wissenschaftlichkeit. "Die wissenschaftliche-
ren französischen Kommunisten ... entwickeln, wie Owen, die Lehre
des M a t e r i a l i s m u s als die Lehre des r e a l e n
H u m a n i s m u s und als die l o g i s c h e Basis des
K o m m u n i s m u s" 97). Materialismus und Wissenschaftlich-
keit verbinden sich zur Voraussetzung des Sozialismus, zum Erbe
der Arbeiterbewegung. In der Form des Materialismus der Dialek-
tik, des praktischen, revolutionären Materialismus, entsteht ein
n e u e s P a r a d i g m a des menschlichen Erkenntnisprozes-
ses, des Wissenschaftsfortschritts. Dieses Paradigma gilt nicht
aufgrund von Konsens in scientific communities 98), sondern auf-
grund der Interessen und Bedürfnisse der Arbeiterklasse in ihrem
Widerspruch gegen die Ausbeutung. Der Materialismus der Wissen-
schaftstheorie im Kapitalismus trägt zur Verbreiterung der logi-
schen Basis des Sozialismus bei, indem er die antagonistischen
Bedingungen, Strukturen, Funktionen und Anwendungsformen wissen-
schaftlicher Tätigkeit in der bürgerlichen Gesellschaft erklärt,
die Entwicklung materialistischer Perspektiven der Wissenschaften
fördert, die kurzschlüssige Gleichung von Kapitalismus und Wis-
senschaft als Instrument der Desorientierung der demokratischen
Bewegung kritisiert und begründet, worin die Notwendigkeit, nicht
nur die Möglichkeit und das bloße Postulat, einer Wissenschaft im
Dienst der werktätigen Bevölkerung gründet. "Die intellektuelle
Entwicklung der Arbeiterklasse wird zum zentralen Faktor des
Fortschritts von Wissenschaft, Technik und Ökonomie" 99). Diese
Entwicklung findet nicht erst in einem Utopis-Sozialismus statt,
sondern bereits heute im Kapitalismus. Diese Entwicklung zeigt
sich auch in jenem nichtkapitalistischen Sektor der Wissen-
schaftsentwicklung im Kapitalismus, den aus der materialistischen
Analyse auszublenden dem Schein der Allmacht des Kapitals aufzu-
sitzen hieße.
_____
1) Zur Kritik derartiger Theoreme vgl. Brand/Kotzias/Sandkühler/
Schindler/Schumacher/van Haren/Wilmes, Der autonome Intellekt.
Alfred Sohn-Rethels 'kritische' Liquidierung der materialisti-
schen Dialektik und Erkenntnistheorie. Frankfurt/M. 1976 (= Zur
Kritik der bürgerlichen Ideologie hg. v.M. Buhr, Nr. 66).
2) A. Sohn-Rethel, Materialistische Erkenntniskritik und Verge-
sellschaftung der Arbeit. Zwei Aufsätze. Bln (West) 1971, S. 42.
3) Den umfassendsten Entwurf hat in der BRD R. Rilling vorgelegt:
Theorie und Soziologie der Wissenschaft. Zur Entwicklung in BRD
und DDR. Vgl. Bibliographie, S. 279-291.
4) Vgl. vor allem: G. Kröber/H. Laitko (Hg.), Wissenschaft. Stel-
lung, Funktion und Organisation in der entwickelten sozialisti-
schen Gesellschaft. Berlin 1975. Vgl. H.J. Sandkühler (Hg.), Mar-
xistische Wissenschaftstheorie. Studien zur Einführung in ihren
Forschungsbereich. Frankfurt/M. 1975 (Bibliographie: S. 271-276).
5) K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. Ber-
lin 1953, S. 14.
6) Ebenda, S. 10.
7) W.I. Lenin, Werke (LW), Bd. 38, S. 160.
8) G. Kröber/H. Laitko, Wissenschaft als soziale Kraft. Berlin
1976, S. 86.
9) H. May/R. Nemitz, Kann der Kapitalismus die Produktivkräfte
noch weiterentwickeln? In: Marxistische Blätter 14 (1976), H. 3,
S. 108.
10) Vgl. Der Bundesminister für Bildung und Wissenschaft (Hg.),
Arbeiterkinder im Bildungssystem. Bonn 1976, S. 11 ff.
11) Vgl. F. Rische, Entwicklung der Massenarbeitslosigkeit in der
Wirtschaftskrise. In: Marxistische Blätter 14 (1976), H. 3, S.
28.
12) Die Bundesregierung informiert: Arbeitsbericht '74. Hg. v.
Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Bonn 1974, S.
82.
13) Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hg.), Bonner
Almanach 1975, S. 45.
14) Der Bundesminister für Forschung und Technologie (Hg.), Bun-
desbericht Forschung V. Bonn 1975 (im folgenden im Text als BF
mit Seitenangabe zitiert) S 13
15) MEW 20, S. 138.
16) Vgl. P. Chaussepied, Probleme der wissenschaftlichen und
technischen Entwicklung in Westeuropa. In: Wissenschaftliche Welt
(London/Organ der Weltföderation der Wissenschaftler), Jg. 1973,
H. 3/4, S. 19 ff.
17) Aus: Erziehung und Wissenschaft (GEW), Nr. 11/1975, S. 13.
18) Deutscher Bundestag. 7. Wahlperiode. Drucksache 7/4767,
19.2.1976.
19) Der Bundesminister für Bildung und Wissenschaft (Hg.), Bil-
dungspolitische Bestandsaufnahme. Bonn 1975, S. 22.
20) V.V. Bykov, Der konkret-historische Charakter der Verbindung
der Wissenschaft mit der Produktion. In: Wissenschaft als Produk-
tivkraft. Der Prozeß der Umwandlung der Wissenschaft in eine un-
mittelbare Produktivkraft. Bln (DDR) 1974, S. 106.
21) Vgl. dazu die umfassende Studie von P.M. Kaiser, Aktuelle
Tendenzen in der Wissenschaftspolitik am Beispiel der Deutschen
Forschungsgemeinschaft. In: SOPO 8. Jg., H. 34/35 1976, S. 95-
117.
22) H. Seickert, Der gesellschaftliche Arbeitsprozeß - Grundlage
der wissenschaftstheoretischen Systembetrachtung. In: Wissen-
schaft und Forschung im Sozialismus. Probleme ihrer Entwicklung,
Gestaltung und Analyse. Materialien des RGW-Symposiums zu Fragen
der marxistisch-leninistischen Wissenschaftstheorie, September
1972 in Berlin. Hg.v.G. Kröber/H. Laitko/H. Steiner. Bln (DDR)
1974, S. 312.
23) MEW 20, S. 508.
24) MEW 3, S. 45.
25) J. Hirsch, Ökonomische Verwertungsinteressen und Lenkung der
Forschung. In: P. Weingart (Hg.), Wissenschaftsforschung. Frank-
furt/New York 1975, S. 211.
26) K. Marx, Grundrisse ..., a.a.O., S. 313/314.
27) MEW 26/3.S. 436.
28) MEW 23, S. 446.
29) MEW 26/1. S. 367.
30) MEW 26/1, S. 367/368.
31) K. Marx, Grundrisse..., a.a.O., S. 586.
32) Ebenda, S. 584.
33) MEW 26/1, S. 367.
34) MEW 26/1, S. 146. Marx kritisiert hier die Verteidigung des
parasitären, aus dem Feudalismus überkommenen Teils an Beamten
etc. durch die Vulgarisatoren der politischen Ökonomie.
35) MEW 25, S. 825.
36) LW 38, S. 84/85.
37) MEW 25, S. 113/114 (Hervorhebung: H.J.S.).
38) Ebenda.
39) MEW 3, S. 31/32. Auf diese bisher übersehene Bedeutung der
Textstelle in der 'Deutschen Ideologie' hat zuerst Manfred Buhr
hingewiesen, dem ich meine Interpretation verdanke: M. Buhr, Die
Kraft der materialistischen Dialektik. In: Hegel-Jahrbuch 1974.
Köln 1975, S. 37/38.
40) MEW 26/2, S. 103/104.
41) LW 38, S. 203.
42) K. Marx, Grundrisse ..., a.a.O., S. 439.
43) G. Kröber, Die Wissenschaft und ihre Erforschung im Sozialis-
mus: Prozesse, Probleme, Prinzipien. In: Autorenkollektiv, Wis-
senschaft im Sozialismus. Probleme und Untersuchungen. Bln (DDR)
1973, S. 26/27.
44) B.M. Kedrov, Drei Entwicklungsgesetze der Wissenschaft. In:
Wissenschaft und Forschung im Sozialismus..., a.a.O., S. 33.
45) A. Leisewitz, Die Auswirkungen der Verwissenschaftlichung der
Produktion auf die Monopolbildung und auf das Verhältnis von Öko-
nomie und Politik, am Beispiel der chemischen Industrie. In: Das
Argument 14 (1972), H. 5/6, S. 444.
46) MEW 26/1, S. 257.
47) R. Rilling, Theorie und Soziologie der Wissenschaft, a.a.O.,
S. 11.
48) Vgl. zu dieser Diskussion H. Parthey, Wissenschaft als Form
des gesellschaftlichen Bewußtseins und ihre Funktion als Produk-
tivkraft. In: Wiss. Zschr. d. Universität Rostock. Ges.- und
sprachwiss. Reihe 14 (1965), H. 5/6, S. 557-560.
49) Zit. nach: H. Fetzer, Zum Erkenntnisstand von Gesetzmäßigkei-
ten der Wissenschaftsentwicklung im Sozialismus (Auswertung so-
wjetischer Literatur). H. 6 der Studien und Forschungsberichte
der Akademie d. Wiss. d. DDR, Institut für Wissenschaftstheorie
und -organisation. Bln (DDR) 1975, S. 37.
Zur Diskussion über 'Produktivkraft Wissenschaft' vgl.: H.
Seickert, Produktivkraft Wissenschaft im Sozialismus. Bln(DDR)
1974, S. 161 ff.
H. Seickert, Die Wissenschaft als Produktivkraft und ihre Stel-
lung im gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß. In: G.M. Do-
brov/D. Wahl (Hg.), Leitung der Forschung. Probleme und Ergeb-
nisse. Bln (DDR) 1976, S. 89-113. G.N. Wolkow, Soziologie der
Wissenschaft. Bln (DDR) 1970, S. 215. S.V. Suchardin (Hg.), Wis-
senschaft als Produktivkraft. Der Prozeß der Umwandlung der Wis-
senschaft in eine unmittelbare Produktivkraft. Bln(DDR) 1974. G.
Bohring/R. Mocek, Arbeiterklasse und Produktivkraft Wissenschaft.
In: Dt. Zschr. f. Philosophie 20 (1972), S. 697-717.
50) Zit. nach: H. Fetzer, a.a.O., S. 37.
51) G. Kröber/H. Laitko, Wissenschaft im Sozialismus, a.a.O., S.
25.
52) Ebenda.
53) MEW 4, S. 181. Vgl. Lenin: "Die erste Produktivkraft der gan-
zen Menschheit ist der Arbeiter, der Werktätige". LW 29, S. 352.
53a) G.N. Wolkow, Soziologie der Wissenschaft. Bln (DDR) 1970, S.
21.
54) V.G. Macharov, Wissenschaft als Faktor zur Regulierung und
Steuerung der Produktion. In: Wissenschaft als Produktivkraft.
Der Prozeß der Umwandlung der Wissenschaft in eine unmittelbare
Produktivkraft. Bln (DDR) 1974, S. 132/133.
Vgl. auch: W. Eichhorn I/A. Bauer/G. Koch, Die Dialektik von Pro-
duktivkräften und Produktionsverhältnissen. Bln (DDR) 1975, S.
134/135.
55) H. Seickert, Die Wissenschaft als Produktivkraft und ihre
Stellung im gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß, a.a.O., S.
105.
56) H. Seickert, Produktivkraft Wissenschaft im Sozialismus,
a.a.O. S 189/190
57) Ebenda, S. 173.
57a) G. Kröber, Wissenschaft, Gesellschaft und wissenschaftlich-
technische Revolution. In: H.J. Sandkühler (Hg.), Marxistische
Wissenschaftstheorie, a.a.O., S. 154.
58) Vgl. S. Smirnow, Die wissenschaftlich-technische Revolution
und die materielle Produktion. In: Sowjetwissenschaft. Gesell-
schaftswissenschaftliche Beiträge H 5/ 1975, S. 517-527.
59) G. Kröber, a.a.O., S. 158.
60) Ebenda, S. 154.
61) J. Metzger, Für die Wissenschaft. Bln(DDR) 1976, S. 52/53.
62) J. Filipec/B.P. Löwe/R. Richta, Sozialismus - Imperialismus -
wissenschaftlich-technische Revolution. Die wissenschaftlich-
technische Revolution in der Klassenauseinandersetzung zwischen
Sozialismus und Imperialismus. Frankfurt/M. 1974, S. 64/65. Vgl.
insgesamt S. 50-71. Zur Auseinandersetzung mit bürgerlich-ideolo-
gischen Gegenstrategien vgl. S. 97 ff.
63) Institut f. Gesellschaftswiss. b. ZK d. SED (Hg.), Wissen-
schaft und Produktion im Sozialismus. Zur organischen Verbindung
der Errungenschaften der wissenschaftlich-technischen Revolution
mit den Vorzügen des Sozialismus, Bln (DDR) 1976, S. 66/ 67.
64) J. Kuczynski, Wissenschaft. Heute und Morgen. Köln 1973, S.
11.
Zur Kritik an Überschätzung und Unterschätzung der WTR vgl. G.
Kröber, Sozialistische Integration und wissenschaftlich-techni-
scher Fortschritt. In: Wissenschaft und Forschung im Sozialismus,
a.a.O., S. 87 ff.
65) D. Klein, Die Grenzen des Kapitalismus in der wissenschaft-
lich-technischen Revolution. In: Einheit 30 (1975), H 1, S.
94/95.
66) U. Jaeggi, Kapital und Arbeit in der Bundesrepublik. Elemente
einer gesamtgesellschaftlichen Analyse. Frankfurt/M. 1974, S. 276
ff.
67) Redaktioneller Artikel, Aktuelle Probleme des wissenschaftli-
chen Kommunismus. In: Sowjetwissenschaft H. 7/1976, S. 682/683.
68) J. Metzger, Für die Wissenschaft, a.a.O., S. 30.
69) F. Tomberg, Bürgerliche Wissenschaft. Frankfurt/M. 1973, S.
150.
70) MEW 19, S. 201.
71) F. Lassalle, Die Wissenschaft und die Arbeiter. Neue Ausg. m.
einer Vorbemerkung V.E. Bernstein. Berlin 1919, S. 30.
72) Josef Dietzgens kleinere philosophische Schriften. Eine Aus-
wahl. Stuttgart 1903. S. 2.
73) MEW 19, S. 228.
74) G. Böhme, Die soziale Bedeutung kognitiver Strukturen. Ein
handlungstheoretisches Konzept der scientific community. In: So-
ziale Welt 25 (1974), S. 194.
75) Vgl. G. Radnitzky, Das Programm der systemorientierten For-
schungstheorie. In: P. Weingart (Hg.). Wissenschaftsforschung,
a.a.O., S. 14 ff.
76) H. Spinner, Pluralismus als Erkenntnismodell. Frankfurt/M.
1974, S. 177.
77) Vgl. H. Marcuse, Der eindimensionale Mensch. Studien zur
Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Neuwied-
Berlin 1967, S. 159 ff.
78) H. Schmidt, Hochschule und Gesellschaft. In: Dt. Universi-
tätszeitung Nr. 21/1975, S. 790.
79) P.K. Feyerabend, Die Wissenschaft in der freien Gesellschaft.
In: W. Zimmerli (Hg.), Wissenschaftskrise und Wissenschaftskri-
tik. Basel-Stuttgart 1974, S. 107.
80) H. Kimmerle, Paradigmawechsel zwischen Natur- und Geisteswis-
senschaften. In: W. Zimmerli, a.a.O., S. 51.
81) G. Kröber/H. Laitko, Wissenschaft im Sozialismus, a.a.O., S.
61.
82) G. Kröber/H. Laitko (Hg.), Wissenschaft, a.a.O., S. 168.
83) MEW 23, S. 531.
84) N.V. Markov, Die Rolle der Wissenschaft im System der Produk-
tivkräfte der sozialistischen Gesellschaft. In: Wissenschaft als
Produktivkraft, a.a.O., S. 76.
85) Vgl. zu diesem Problem: H.J. Sandkühler, Materialismus und
Idealismus. Zur Dialektik der Theorieentwicklung in der klassi-
schen bürgerlichen deutschen Philosophie. In: M. Buhr u.a., Theo-
retische Quellen des wissenschaftlichen Sozialismus. Frankfurt/M.
1975, S. 162.
86) K.-D. Wüstneck, Die Systemanalyse des Arbeitsprozesses als
ein Ausgangspunkt für die Systemanalyse der wissenschaftlichen
Tätigkeit. In: Wissenschaft und Forschung im Sozialismus, a.a.O.,
S. 290, 306, 298.
87) P. Rüben, Wissenschaft als allgemeine Arbeit. In: SOPO 8
(1976), H. 36, S. 23-29.
88) Zit. nach G.M. Dobrov, Wissenschaftsorganisation und Effekti-
vität. Bln (DDR) 1971 S. 4.
89) LW 20, S. 188.
90) Vgl. G. Kröber/H. Laitko (Hg.), Wissenschaft, a.a.O., S. 176.
91) Vgl. K. Holzkamp, Sinnliche Erkenntnis. Historischer Ursprung
und gesellschaftliche Funktion der Wahrnehmung. Frankfurt/M.
1973, S. 239 ff.
92) MEW 20, S. 129.
93) H. Laitko, Wissenschaftsforschung und Philosophie (Bemer-
kungen zum Stand des Problems). In: G. Kröber/H. Steiner,
Wissenschaft und Gesellschaft. Studien und Forschungsberichte der
Akademie d. Wiss. d. DDR. Institut f. Wissenschaftstheorie und
-organisation. H. 4/1974, S. 57, 55.
94) Vgl. F. Fiedler, 'Einheitswissenschaft' oder Einheit der Wis-
senschaft. Bln (DDR) 1971, S. 35 ff.
94) LW 38, S. 137.
95) LW 38, S. 335.
96) LW 38, S. 181.
97) MEW 2, S. 132-139. Lenin kommentiert in seinem Konspekt zur
'Heiligen Familie': "Nichts ist leichter, als aus den Vorausset-
zungen des Materialismus den Sozialismus zu folgern", LW 38, S.
30.
98) Vgl. Th. S. Kuhn, Postskript - 1969 zur Analyse der Struktur
wissenschaftlicher Revolutionen. In: P. Weingart (Hg.), Wissen-
schaftssoziologie 1. Wissenschaftliche Entwicklung als sozialer
Prozeß. Frankfurt/M. 1972, S. 288: "Ein Paradigma ist, was den
Mitgliedern einer wissenschaftlichen Gemeinschaft gemein ist".
Ich verwende den Begriff 'Paradigma' hiervon abweichend im Sinne
der Formulierung von H. Laitko: "Die Paradigmenschicht ist ...
jener Bereich, über den philosophisch-weltanschauliche Einstel-
lungen und darüber hinaus das ganze 'geistige Klima' der jeweili-
gen Gesellschaft auf die wissenschaftliche Tätigkeit wirken". H.
Laitko, Zyklische Prozesse in der Wissenschaft. In: Autorenkol-
lektiv, Wissenschaft im Sozialismus. Probleme und Untersuchungen.
Bln(DDR) 1973, S. 162.
99) G.N. Wolkow, Soziologie der Wissenschaft. Bln (DDR) 1970.
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