Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977
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Diskussion & Kritik
Philosophie und Politik bei Althusser - Kritische Beiträge (2)
Bernhard Heidtmann
MATERIALISTISCHE DIALEKTIK ODER THEORIE DER DIALEKTIK? -
ÜBER DEN POLITISCHEN DEZISIONISMUS IN ALTHUSSERS THESEN
Die Auseinandersetzung mit Althussers Thesen erfordert, daß man
sie in Abhängigkeit von ihrem Bezugspunkt diskutiert: der Frage
nach der Funktionsbestimmung der marxistischen Theorie in der Ar-
beiterbewegung und damit zugleich als Beitrag zur Analyse gegen-
wärtiger Bedingungen der Politik kommunistischer und sozialisti-
scher Parteien. Daß Althusser die gegenwärtige Bestimmung der
marxistischen Philosophie in der Perspektive zu begründen sucht,
in der sie für die Praxis der proletarischen Klassenkämpfe Gel-
tung hat 1), kann keineswegs schon Einwände rechtfertigen; viel-
mehr entspricht dieses Interesse einer objektiven wissenschaftli-
chen und ideologischen Konstellation. Die Auseinandersetzung mit
Althussers Thesen - deren Zusammenfassung in I s t e s e i n-
f a c h, i n d e r P h i l o s o p h i e M a r x i s t z u
s e i n? 2) vorliegt - dreht sich vielmehr um das w i e, die
eigentümliche Optik seiner Fragestellungen einschließlich der auf
sie gegründeten Schlußfolgerungen. Selbst in wissenschafts-
theoretischen Erörterungen, die sich auf Althussers Theoreme be-
ziehen, muß um so mehr von der Einheit seines Theoriebegriffs und
seiner politischen Philosophie ausgegangen werden, als die bishe-
rige Diskussion weitgehend durch Indifferenz in dieser Frage ge-
kennzeichnet ist.
Dieser Ausgangspunkt, der sich deutlich von einer auf die Logik
oder Systematik des Marxschen Kapital spezialisierten Lesart der
marxistischen Dialektik unterscheidet, bedingt, daß die theoreti-
schen Begriffe des Marxismus in den Schriften Althussers durchweg
als politische Begriffe wirksam sind auch dort, wo ihnen diese
Funktion nicht ausdrücklich anzusehen ist. 3) Es handelt sich so-
mit nicht um Rekonstruktion oder Neuformulierung von Grundaussa-
gen des historisch-dialektischen Materialismus, wenn Althusser
Problemstellungen und Schlußfolgerungen über den Ursprung und die
Bestimmung der marxistischen Dialektik erörtert; es geht ihm
vielmehr um deren Aneignung in der erklärten Absicht, "den Ort
und die Rolle der Theorie in der marxistischen Arbeiterbewegung
anzuerkennen und zu markieren" 4). Wird dies nicht nur als eine
Absichtserklärung, sondern in systematischer Bedeutung für Argu-
mentationen in den Schriften Althussers verstanden, dann ist es
möglich, durch kritische Auseinandersetzung mit ihm Fragen der
marxistischen Dialektik in Problemzusammenhängen zu diskutieren,
an denen nicht vorbeigegangen werden kann, auch dann nicht, wenn
die Antworten gravierend von denen Althussers abweichen. Müssen
wir nicht - mit Althusser - in Betracht ziehen, daß es sich in
den Werken der "Klassiker" durchweg um k o n k r e t e
A n a l y s e n d e r k o n k r e t e n S i t u a t i o n
(Lenin) handelt? Sind nicht in die materialistische Philosophie
Fragen der Strategie und Taktik der Klassenkämpfe einbezogen, die
in ausschließlich methodologischer Untersuchung der Darstellungs-
und Forschungsprozesse in Marx' K a p i t a l oder Lenins
I m p e r i a l i s m u s a n a l y s e kaum auf den Begriff ge-
bracht werden können? Es spricht viel dafür, die Frage nach den
Geltungsbedingungen, der Richtigkeit und der Wahrheit der mate-
rialistischen Dialektik im Umkreis ihrer politischen Wirksamkeit
zu untersuchen; nicht weniger spricht dafür, daß im Streit um die
Grundfragen der marxistischen Philosophie beachtet wird, in wel-
cher Weise diese sich als eine P o l i t i k i n d e r
T h e o r i e 5) nicht nur im Meinungsstreit darstellt, sondern
darüber hinaus auch praktisch wirksam werden kann.
Über den Gegenstand und Bedingungen theoretischer
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und politischer Praxis
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Althusser stellt die Frage: Wie ist Gesellschaft - die kapitali-
stische Produktionsweise - Gegenstand theoretischer und politi-
scher Praxis im Hinblick auf ihre Analyse und Veränderbarkeit? 6)
Den Begriff des k o m p l e x s t r u k t u r i e r t e n
G a n z e n m i t D o m i n a n t e führt Althusser ein, um
anhand seiner Darstellung sowohl die S t r u k t u r d e r
m a t e r i a l i s t i s c h e n D i a l e k t i k als solche
7) verständlich zu machen als auch zur Analyse der gesellschaft-
lichen Produktionsverhältnisse, d.h. der spezifischen W i r k-
s a m k e i t d e r Ü b e r b a u t e n 8) beizutragen. Die
Theorie von der "Ungleichheit" und der "Überdeterminierung" der
Widersprüche einer Produktionsweise führt Althusser ein, um mit
ihnen die Spezifik des Zusammenhanges, die "Einheit", den
"Mechanismus" von gesellschaftlichen Produktivkräften und Produk-
tionsverhältnissen zu erläutern. Widersprüche und Ungleichheiten
zwischen den Elementen und Beziehungen in einem komplex
strukturierten Ganzen bilden zugleich die Form der Einheit dieses
Ganzen, das somit keine äußeren Bedingungen und Ursachen seines
Bestehens kennt. 9) Will man verstehen, wie diese Begriffe für
Althussers Definition des Erkenntnisgegenstandes in Rücksicht auf
die Theorie seiner politischen Veränderbarkeit fundamentale
Bedeutung besitzen, so ist zunächst die Frage zu klären,
inwieweit diese Begriffe aus der Opposition Althussers gegenüber
der Hegelschen Philosophie verständlich werden.
Ideologiekritik an Hegel
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Die von Althusser in Angriff genommene "Theorie der spezifischen
Wirksamkeit der Überbauten" 10) soll vor allem einer phänomenolo-
gischen Auffassung von Überbauverhältnissen entgegenarbeiten;
eine Auffassung, die nach Althussers Ansicht auf die weitrei-
chende Wirksamkeit der Hegelschen Dialektik von Wesen und Er-
scheinung zurückzuführen ist. Mit Hegel würden oft Überbauver-
hältnisse nur als politische E r s c h e i n u n g e n eines
zugrunde liegenden ökonomischen W e s e n s verstanden, mit der
Folge, daß eine effektive P o l i t i k i n n e r h a l b
d i e s e r V e r h ä l t n i s s e theoretisch nicht begrün-
det werden kann. Der beständige Rekurs der von Hegelscher Dialek-
tik inspirierten politischen Konzeption auf die Ökonomie sichere
einen dogmatischen oder ökonomistischen Ausgangspunkt der Poli-
tik, die als solche dann auch nur den Selbstlauf ökonomischer
Prozesse auszuführen hätte. Aus diesem Grunde ist für Althusser
die "marxistische Aufklärung über Hegel selbst" von allergrößter
Bedeutung. 11) Von ihr gehe die "Ursprungsfrage des Marxismus"
aus, wie auch die Bestimmung der Rolle der marxistischen Philoso-
phie in den gegenwärtigen Klassenkämpfen. 12) Durch marxistische
Aufklärung über Hegel seien solche politischen und theore-
tisch/ideologischen Positionen in ihre Schranken zu verweisen,
die aus mißverständlicher Deutung der Beziehung Marx-Hegel und
damit der Unterscheidung materialistischer und idealistischer
Dialektik folgenreiche Fehler in der Geschichte der Theorie und
Praxis der Arbeiterbewegung gezeitigt hätten. 13) Althussers me-
thodologische Grundfragen zur marxistischen Philosophie werden so
im Kontext seiner politischen Opposition gegenüber dem Idealismus
der Hegelschen Philosophie verständlich, in dem er die geläufige
Auffassung über die Art, wie Marx sich von Hegel abgrenzte - da-
mit über die Grundfrage der Philosophie - grundsätzlich zur De-
batte stellt. Denn für ihn ist die Beziehung Marx-Hegel weder als
eine A n w e n d u n g der Hegelschen Dialektik durch Marx noch
auch als deren U m s t ü l p u n g oder U m k e h r u n g
verständlich zu machen. 14) Selbst die Begriffe, in denen Marx
sein Verhältnis zu Hegel beschrieben und dargestellt hat, kenn-
zeichneten nicht ohne weiteres die Operationsweise der Marxschen
Hegelkritik 15), keineswegs also das Verfahren, das Marx in einem
Brief an Kugelmann die "kritische Anwendung" Hegels genannt hat.
16) Althusser geht davon aus, daß in der bisherigen marxistischen
Tradition Bedingungen und Konsequenzen d e s B r u c h s,
d e s E i n s c h n i t t s, der Marx und Hegel trenne, nicht
adäquat reflektiert worden seien. Diese Reflexion macht er sich
zur Aufgabe. So gehe die Theorie einer Umstülpung der Hegelschen
Philosophie durch Marx fälschlicherweise von der Voraussetzung -
die den Hegelschen Gedankengang letztlich beinhalte - aus, daß
Basis-Überbau-Beziehungen ebenso wie das Verhältnis von gesell-
schaftlichem Sein und Bewußtsein grundsätzlich "linear-kausal"
oder "expressiv-kausal" durch das "einfache Prinzip" der Produk-
tivkräfte determiniert sind. 17) Widersprüche ideologischer, po-
litischer und ökonomischer Natur werden entsprechend dieser Deu-
tung nurmehr als Variationen oder "Abweichungen" von einer grund-
sätzlichen Identität des ökonomischen Wesens und ideologischer
oder politischer Erscheinung - bei Betonung der Priorität des
Ökonomischen - angesehen. Wie sich Hegels absolute Idee im ge-
sellschaftlichen Lebenszusammenhang als Erscheinung realisiert,
verstehe dieser Ökonomismus politische und ideologische Ereig-
nisse nur als die Manifestationen eines in der Ökonomie lokali-
sierten Wesens: "Diese Art besteht genau darin, das V e r-
h ä l t n i s d e r H e g e l s c h e n T e r m i n i u m-
z u k e h r e n, d. h. d i e s e T e r m i n i z u b e-
w a h r e n: die bürgerliche Gesellschaft und den Staat, die
Ökonomie und die Politik - Ideologie - dabei aber das Wesen in
die Erscheinung und die Erscheinung in das Wesen zu verwandeln,
oder, wenn man es vorzieht, die List der Vernunft i m
u m g e k e h r t e n S i n n anzuwenden. Während bei Hegel das
Politisch-ideologische das Wesen des ökonomischen ist, wäre es
bei Marx das Ökonomische, das das ganze Wesen des Politisch-ideo-
logischen ausmacht. Das Politische, das Ideologische wären dann
nur die reine Erscheinung des ökonomischen, das deren 'Wahrheit'
wäre." 18) Der von Hegel inspirierte D o g m a t i s m u s hin-
sichtlich der Struktur von Basis und Überbau-Beziehungen ent-
spricht - so Althusser - konsequenterweise einem geschichtsphilo-
sophischen Determinismus, wodurch sich das "einfache Prinzip des
Ökonomischen" nach den Gesetzen eines Widerspruchs entwickelt,
welcher durch Anwendung Hegelscher Kategorien wie der "Negation
der Negation" und der "Aufhebung" idealisiert werde: "Diese Ver-
such endet mit der Reduktion der Dialektik der Geschichte auf die
zeugungskräftige Dialektik der aufeinander folgenden P r o-
d u k t i o n s w e i s e n, d.h. im Grenzfall der verschiedenen
Produktions t e c h n i k e n." 19)
Besitzt Althussers oben skizzierte Deutung der Beziehung von Marx
zu Hegel ein hohes Maß an Plausibilität, so wird die Sache doch
komplizierter, wenn man Althussers hauptsächlich i d e o l o-
g i e - k r i t i s c h e L e s a r t d e r H e g e l-
s c h e n D i a l e k t i k in einigen ihrer Details verfolgt.
Gemeint sind der Umgang mit der Hegelschen Kategorie der
T o t a l i t ä t und die Deutung des Prinzips der N e g a-
t i o n d e r N e g a t i o n. Beide Begriffe erhalten durch
Althussers Bemühung, die Marxsche materialistische Dialektik
radikal und für immer von der Hegelschen idealistischen Dialektik
abzugrenzen, eine ideologische Bedeutung, wodurch ihr Anspruch
auf Wissenschaftlichkeit deutlich unterschätzt wird. Über den
Begriff der Totalität sagt Althusser, daß Hegel eine "Gesell-
schaft als T o t a l i t ä t denkt, während Marx sie als kom-
plex strukturiertes G a n z e s mit Dominante denkt", und er
zieht das Fazit, "daß man Hügel die Kategorie der Totalität über-
lassen kann und für Marx die Kategorie des Ganzen beanspruchen
sollte". 20) Mit diesem Vorschlag will Althusser den Einfluß des
Idealismus auf die materialistische Gesellschaftstheorie beseiti-
gen, der sich in der Zuordnung eines einfachen Prinzips oder des
Wesens zu seinen ihm äußerlichen Wirkungen oder den Erscheinungen
als Totalität ausdrückt. Nun bleibt aber zu fragen, ob nicht Marx
sehr wohl Hegels, die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft
reflektierende Totalitätskonzeption aufgenommen hat, wenn er in
den G r u n d r i s s e n und im K a p i t a l die kapitali-
stische Gesellschaft als "eine Gesellschaft vor uns erstehen
läßt, in der, indem e i n Verhältnis alle anderen Verhältnisse
bestimmt, das Ganze eine in sich vermittelte Einheit, d.h. eine
Totalität ist"? 21) In diesem Ganzen sind doch nicht nur für He-
gel - wie Althusser meint -, sondern auch und gerade für Marx
"alle Elemente totale Teile..., die jeweils die innere Einheit
der Totalität ausdrücken". 22)
Eine ähnliche Verzeichnung Hegelscher und marxistischer Begriffe
liegt in Althussers Einschätzung der Negation der Negation vor,
welche nichts anderes aussage als ein "Aufrechterhalten-dessen-
was-in-seiner-Negation-selbst-verneint ist". 23) Wir halten dem
entgegen, daß ebenso wie die Hegelsche Aufhebung auch seine Nega-
tion der Negation ganz im Sinne von Marx eine i r r e v e r-
s i b l e, d.h. unter keinen Umständen an ihren Ausgangspunkt
zurückkehrende B e w e g u n g d e s W i d e r s p r u c h s
ist, daß sie mithin Entwicklung dialektisch darstellen läßt und
daher nicht nur als ein "auf ein inneres Einheitsprinzip, ein
Zentrum" reduzierbares Phänomen zu gelten hat. 24) Althusser
rezipiert Hegel - und hier liegt m.E. der Grund dafür, daß seine
Kritik gelegentlich auf Unverständnis stoßen muß - durch
beständigen Rekurs auf Hegels Philosophie der Geschichte und
Theorie der bürgerlichen Gesellschaft, am wenigsten aber auf die
W i s s e n s c h a f t d e r L o g i k selbst. Es ist aber
fraglich, ob die Dialektik von Wesen und Erscheinung, wie
Althusser sie kritisiert und wie sie in der A n w e n d u n g
d e r D i a l e k t i k d u r c h H e g e l (auf die bürger-
liche Gesellschaft, auf den Geschichtsprozeß) zum Tragen kommt,
auch durchgängig die O r g a n i s a t i o n d e r D i a-
l e k t i k i n d e r W i s s e n s c h a f t d e r L o-
g i k hinreichend bestimmt. Weil Althusser die Hegelsche
Beziehung von Wesen und Erscheinung auffaßt im Sinne des
Kantischen Dualismus von Ding-an-sich und Erscheinung, läßt er
die gerade im zweiten Buch des zweiten Teils der W i s s e n-
s c h a f t d e r L o g i k ausgeführte Kritik des abstrakten
Verstandesdenkens und der Metaphysik unberücksichtigt. Im Zusam-
menhang der Entwicklung des Totalitätsbegriffs haben die
Kategorien der Negation, der Identität und des Widerspruchs bei
Hegel gerade die Funktion, gegenüber den "Setzungen" oder der
"Äußerlichkeit" abstrakter Verstandeserkenntnis eine T h e o-
r i e d e r o b j e k t i v e n S p e z i f i k a t i o n
v o n W i d e r s p r ü c h e n und der E n t w i c k l u n g
d u r c h W i d e r s p r ü c h e zu begründen. Die Totalität
fungiert zusammen mit der Negation der Negation als Struktur- und
Entwicklungsprinzip einer im Leninschen Sinne objektiven
Realität. Inspiriert durch die Inkonsequenzen, in die Hegel bei
der Anwendung der von ihm aufgestellten Gesetze dialektischen
Denkens in seinen R e a l philosophien verfiel (vgl. dazu Marx'
K r i t i k d e s H e g e l s c h e n S t a a t s-
r e c h t s), versteht Althusser Hegels Begriffe von vornherein
identitätsphilosophisch, d.h. unter der Annahme, daß Hegel nicht
an der Spezifikation, der Autonomie und Entwicklung von Elementen
im Gegenstandsbereich seiner Dialektik interessiert sei. Dem-
gegenüber ist aber hervorzuheben, daß Hegel die Elemente in ihrer
Autonomie als Momente und die Widersprüche in ihrer Entwicklung
insofern spezifiziert, weil für ihn "jedes Moment das ganze
Verhältnis ebenso (ist) wie es selber in seiner Bestimmung gegen
das Verhältnis". 25) Auch Engels hat gerade den Hegelschen
Begriff der Negation der Negation vor Augen, wenn er - den ratio-
nellen Kern der Hegelschen Logik hervorhebend - darlegt, daß ein
Gegenstand, ein Naturereignis, ein gesellschaftliches Verhältnis
nur dann als in sich identisch und zugleich objektiven Widersprü-
chen unterworfen bezeichnet und dialektisch begriffen werden
kann, wenn dieser Gegenstand, dieses Ereignis oder Verhältnis in
seiner Identität die Unterscheidung von anderen Gegenständen, Er-
eignissen etc. in sich birgt. 26)
Ich verweise auf die Bedeutungsveränderungen, die diese Hegel-
schen Kategorien bei Althusser erfahren, um meine Behauptung zu
stützen, daß Althusser seine Theorie der Hegeischen Dialektik und
ihres Gegensatzes zur materialistischen Dialektik gewinnt, indem
er einen S t a n d p u n k t a u ß e r h a l b d e r D i a-
l e k t i k bezieht. Dies hat zur Folge, daß die bedeutenden
Vorgaben, die die Hegelsche Philosophie für die Herausbildung des
dialektisch-historischen Materialismus enthält, für Althusser nur
äußerst rudimentär vorhanden sind.
In Übereinstimmung mit der marxistischen Tradition sieht Althus-
ser in der N e g a t i o n d e r N e g a t i o n die "Schlüs-
selstruktur der Hegelschen Dialektik". Diese sei allerdings
untrennbar von einer "mit der Dialektik identischen Teleologie".
27) Hier greift Althusser die Kritik Feuerbachs auf, für den
Hegels Idealismus darin besteht, daß dieser mit der Ideologischen
Z i e l s e t z u n g zugleich auch die A u s g a n g s-
b e d i n g u n g e n d e r W i s s e n s c h a f t d e r
L o g i k definiert. In einer auf die Begründung der absoluten
Idee zielenden Dialektik als Teleologie stelle sich a n s
S u b j e k t H e g e l s dar. 28) Damit aber nicht genug. Bei
seiner Abgrenzung der materialistischen Dialektik vom Idealismus
beseitigt Althusser auch ein rationelles Kernstück Hegelscher
Dialektik: die Negation der Negation. Damit erst sei der Materia-
lismus vor den Versuchungen des Idealismus, des teleoloischen
Denkens sicher: "Man beseitigt w e n n m ö g l i c h die Te-
leologie, und es bleibt die von Marx übernommene philosophische
Kategorie eines P r o z e s s e s o h n e S u b j e k t.
(...) Dieser Begriff trägt 'Das Kapital'." 29)
Während nun Althusser in seiner grundsätzlichen Ablehnung der He-
gelschen Dialektik sich den Standpunkt Feuerbachs zu eigen macht,
hat Marx Feuerbachs Idealismuskritik nicht nur als wegweisend er-
kannt, sondern sie materialistisch weiterentwickelt. Für Marx hat
Hegel, ungeachtet der Ideologischen Orientierung seiner Dialek-
tik, mit der Negation der Negation das "bewegende und erzeugende
Prinzip" der Dialektik erstmals formuliert. Dieses Prinzip sieht
Marx nun nicht als einen Prozeß ohne Subjekt, sondern bereits bei
Hegel in der menschlichen A r b e i t angelegt als Prozeß der
"Selbsterzeugung des Menschen". Für ihn deutet sich somit bereits
in der Hegelschen Dialektik die M ö g l i c h k e i t d e r
S u b s t i t u t i o n d e s t e l e o l o g i s c h e n
S u b j e k t s, der absoluten Idee, d u r c h d i e g e-
s e l l s c h a f t l i c h e A r b e i t - für Lenin: durch
die g e s e l l s c h a f t l i c h e P r a x i s - an. 30)
Die Bedeutung Hegels für den Materialismus liegt also nicht
zuletzt darin, daß er "das Wesen der Arbeit faßt und den gegen-
ständlichen Menschen, wahren weil wirklichen Menschen, als Resul-
tat seiner eigenen Arbeit begreift." Wie die klassische politi-
sche Ökonomie ist allerdings auch Hegel nicht zur materialisti-
schen Erkenntnis der Doppelnatur der Arbeit vorgedrungen, und in-
folgedessen ist die "Arbeit, welche Hegel allein kennt und aner-
kennt,... die abstrakt geistige". 31)
Es ist nun hervorzuheben, daß Marx im Zusammenhang der Darstel-
lung des Verwertungs- und Wertbildungsprozesses im Kapital im Ge-
gensatz zu Hegel die Arbeit nicht als teleologischen Vorgang be-
zeichnet; d.h. er verabsolutiert nicht den z w e c k b e-
s t i m m t e n Charakter der Arbeit, wie es Hegel tat, der im
Arbeitsmittel das Moment der Vernunftnatur des Menschen sah, in
dem er sich in seiner Herrschaft über die äußere Natur
materialisiert oder vergegenständlicht. 32) Vielmehr kommt bei
Marx das Prinzip der Negation der Negation im Zusammenhang seiner
Darstellung der gesellschaftlichen Produktionstätigkeit als
Prozeß der W e r t b i l d u n g durch Wert e r h a l t u n g
in Anwendung. Und dieser Prozeß ist es, der die äußere Natur oder
die Materie zur Voraussetzung hat und sich daher nur im Einsatz
gegenständlicher Produktionsmittel vollzieht. 33)
Mit der Bestimmung der Arbeit durch die Negation der Negation
brachte Marx eine bereits in der klassischen Philosophie ge-
stellte Subjekt-Objekt-Problematik auf den Begriff und löste sie,
indem er den materialistischen Gehalt der Hegelschen Kategorie
der Negation der Negation durch ihren Bezug auf die Produktions-
sphäre sichtbar machte. An dieser Konstellation scheint nun Alt-
husser durchaus nicht interessiert zu sein. Für ihn ist der Über-
gang von der Hegelschen zur Marxschen Dialektik dadurch als
B r u c h definiert, daß Marx gegenüber aller bisherigen Philo-
sophie und politischen Ökonomie "noch nie dagewesenes" geleistet
hätte, indem er zeigte, daß Entwicklungsprozesse "immer unter be-
stimmten Verhältnissen" stattfinden, "den Produktionsverhältnis-
sen, auf die sich das 'Kapital' beschränkt, und anderen politi-
schen und ideologischen Verhältnissen" 34). Demzufolge sieht Alt-
husser Dialektik nicht in der Produktionssphäre und der histori-
schen P r o d u k t i v k r a f t e n t w i c k l u n g ange-
legt, sondern ausschließlich in der S t r u k t u r von Pro-
duktions v e r h ä l t n i s s e n begründet. Diese faßt er als
Ganzheiten, somit nicht als Totalität; ihr Subjekt ist für ihn
nicht die gesellschaftliche Arbeit, vielmehr handele es sich um
einen Prozeß o h n e Subjekt, der die inneren Verhältnisse des
s t r u k t u r i e r t e n G a n z e n m i t D o m i n a n-
t e organisiert. Will man daher verstehen, wie Althusser mate-
rialistische Dialektik auf den Begriff bringt, so muß man sich
vergegenwärtigen, wie er die Gesellschaft als ein strukturiertes
Ganzes mit Dominante zum Gegenstand theoretischer Praxis macht.
Systemtheoretische Argumentation und Dialektik
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Um den historischen Charakter revolutionärer Prozesse und Kon-
stellationen zu kennzeichnen und aus ihrer Erkenntnis Bestim-
mungsgründe für die Strategie und Taktik der Arbeiterbewegung zu
gewinnen, führt Althusser den Begriff der Ü b e r d e t e r-
m i n i e r u n g ein 35), mit dem Widersprüche aus der öko-
nomischen (determinierenden) Sphäre und der strukturellen
(dominanten) Sphäre der Überbauten in ihrem Zusammenwirken erfaßt
werden sollen. Althusser geht es dabei um die Spezifikation von
Widersprüchen und die Wirksamkeit der überbauten bei Anerkennung
ihrer "relativen Autonomie". 36) Überdeterminierung von Wider-
sprüchen liege - wie beispielsweise in der Oktoberrevolution von
1917 - vor, wenn vielfache, nicht aufeinander rückführbare, d.h.
"ungleiche" Widersprüche so in Konstellation zueinander treten,
daß nur e i n e politische Aktion oder - wie in der Ära des
Wilhelminischen Deutschland - keine historische Aktion, keine
Revolutionierung der Gesellschaft objektiv möglich ist. 37)
Mit der sozialwissenschaftlichen Systemtheorie teilt Althusser
folgende Voraussetzung: Die Gesellschaft (eine Produktionsweise)
ist nicht ein vom erkennenden Subjekt hergestellter
(konstituierter) Zusammenhang; vielmehr wird Gesellschaft als ein
Erkenntnisgegenstand gesehen, der sich als ein auf Identität oder
Bestandserhaltung gerichteter selbstregulativer Mechanismus dar-
stellt. Den Funktionsmodus eines solchen gesellschaftlichen Sy-
stems nennt z.B. Luhmann r e f l e x i v. Mit dieser Deutung
gesellschaftlicher Systeme wird der I n d i v i d u a l b e-
g r i f f des S u b j e k t s durch den S y s t e m b e-
g r i f f des S u b j e k t s ersetzt; ebenso wie Luhmann ist
in gewisser Weise auch Althusser der Meinung, daß nur an den
generalisierbaren Funktionen der klassischen Erkenntnisleistungen
eines transzendentalen Subjekts Kantischer Prägung festzuhalten
sei. Diese Generalisierung erlaubt es erst, das Subjekt der
klassischen deutschen bürgerlichen Philosophie systemtheoretisch
zu fassen. Schließlich wird von Luhmann, aber auch von Althusser,
die Beziehung von Erkenntnis und Erkenntnisgegenstand als
t h e o r e t i s c h e P r a x i s verstanden. Das hat zur
Folge, daß der für den Marxismus eigentümliche dialektische
Praxisbegriff der Philosophie und wissenschaftlicher Erkenntnis
bei Luhmann ausdrücklich, bei Althusser tendenziell, durch
I d e n t i f i z i e r u n g d e r D e n k t ä t i g k e i t
a l s g e g e n s t ä n d l i c h e r P r a x i s i d e a l i-
s t i s c h aufgefaßt wird.
Uns interessieren aber an dieser Stelle nicht die weitreichenden
Parallelen systemwissenschaftlicher Argumentation mit der von
Althusser vorgeschlagenen Vorgehensweise für die Analyse gesell-
schaftlicher Verhältnisse. Ich möchte im folgenden die Aufmerk-
samkeit vielmehr lenken auf die Althussersche Theorie materiali-
stischer Dialektik und ihre Folgen für sein Konzept marxistischer
Politik; eine Theorie, die sich unter dem Leitbegriff der Überde-
terminierung die Analyse der Gesellschaft, des k o m p l e x
s t r u k t u r i e r t e n G a n z e n m i t D o m i n a n-
t e, zur Aufgabe macht.
Der Geld-theoretische Ausgangspunkt
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Wir haben bereits auf die verkürzte Auffassung der Hegelschen
Dialektik verwiesen, die Althussers Kritik an Hegel und damit
seine Definition des Bruchs zwischen materialistischer und idea-
listischer Dialektik zugrunde liegt. Jetzt soll die These zur
Diskussion gestellt werden, daß mit dieser Verkürzung der Gegen-
stand von Althussers Analysen - das strukturierte Ganze mit Domi-
nante - von einem t r a n s z e n d e n t a l p h i l o s o-
p h i s c h e n S t a n d p u n k t her definiert wird, den
Marx in seiner Theorie der Gesellschaft mit der s c h e i n-
b a r t r a n s z e n d e n t a l e n M a c h t d e s G e l-
d e s bezeichnete.
Sehen wir uns das strukturierte Ganze in Rücksicht auf Marx' Ana-
lyse der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse in der Zirku-
lationssphäre daraufhin näher an. Weil sich Althusser von der
Vorstellung lösen will, daß die Einheit oder der objektive Zusam-
menhang einer Produktionsweise nicht in einem ihr zugrunde lie-
genden Wesen zu suchen sei, wird das strukturierte Ganze mit Do-
minante von ihm systemtheoretisch als ein Zusammenhang vorge-
sellt, dessen Einheit seine Komplexität selber sei, d.h. die Or-
ganisationsart einer Gesellschaft bilde ihre Einheit. Das heißt
für Althusser, daß von der Gesellschaft als einem "komplexe(n)
Ganzen" gesprochen werden darf, welches "d i e E i n h e i t
e i n e r g e g l i e d e r t e n S t r u k t u r m i t
e i n e r D o m i n a n t e b e s i t z t" o d e r: "Die Ein-
heit, von der der Marxismus spricht, (ist) d i e E i n h e i t
d e r K o m p l e x i t ä t s e l b s t"; gerade die Art und
Weise, wie die Komplexität organisiert und verknüpft ist, macht
ihre Einheit aus. 38) Außerdem bildet sich diese Einheit durch
S p e z i f i k a t i o n der U n t e r s c h i e d e unter
ihren E l e m e n t e n, wodurch historische U n g l e i c h-
z e i t i g k e i t e n, D i s k o n t i n u i t ä t e n in der
inneren Entwicklung einer Produktionsweise erkannt werden und -
systemtheoretisch gesprochen - "relative Autonomie" der Elemente
(beispielsweise von Überbauphänomenen gegenüber der Ökonomie)
festgestellt werden können. Dann erst seien die Elemente eines
Ganzen nicht mehr aufeinander zurückzuführen, weder im Sinne
linearer Kausalität noch im Sinne einer Reduktion von
Erscheinungen auf ihr Wesen.
Für Althusser ist mit der Spezifikation der Unterschiede zwischen
den Elementen eines Ganzen auch Heterogenität seiner Widersprüche
gegeben. Heterogenität von Widersprüchen anerkennen heißt aber,
das komplex strukturierte Ganze mit Dominante als ein Beziehungs-
verhältnis von den für eine Produktionsweise charakteristischen
Widersprüchen zu analysieren. Wenn das zur Feststellung einer
überdeterminierung von Widersprüchen einer Gesellschaft führt,
ist die analytische Voraussetzung für ihre praktische Umwälzung
gegeben. Mit dieser Zuordnung einer Gesellschaft zu ihren Wider-
sprüchen sei die E x i s t e n z des gesellschaftlichen Ganzen
definierbar, die Unterschiedenheit der Widersprüche ist "eins ...
mit den Existenzbedingungen des komplexen Ganzen". 39) Althusser
erkennt keinen wesentlichen Widerspruch an, von dem aus andere
(beispielsweise für Überbauverhältnisse charakteristische) Wider-
sprüche nur als dessen Erscheinung zu gelten hätten. Diese haben
vielmehr für ihn in relativer Autonomie und eigener Wirksamkeit
d a s Kriterium ihrer Existenz.
Die Einheit und den inneren Wirkungsmechanismus einer durch
Haupt- und Nebenwidersprüche gekennzeichneten Produktionsweise
beschreibt Althusser als reflexive Struktur. In dieser
R e f l e x i v i t ä t d e s G a n z e n mit Dominante in
seinen Widersprüchen aber wird nun der wert- oder geldtheoreti-
sche Bezug in Althussers Auffassung materialistischer Dialektik
wirksam. Er schreibt: "D i e s e R e f l e x i o n d e r
E x i s t e n z b e d i n g u n g e n d e s W i d e r-
s p r u c h s i n i h r e m I n n e r n, d i e s e R e-
f l e x i o n d e r g e g l i e d e r t e n S t r u k t u r
m i t D o m i n a n t e, d i e d i e E i n h e i t d e s
k o m p l e x e n G a n z e n i m I n n e r n j e d e s
W i d e r s p r u c h s b i l d e t, das ist der tiefste Zug
der marxistischen Dialektik, den ich ... unter den Begriff der
"Ü b e r d e t e r m i n i e r u n g" zu fassen versucht habe."
40)
Zunächst aber: Was ist gemeint, wenn wir unter Bezug auf die
Marxsche Wert- und Geldtheorie die Behauptung aufgestellt haben,
daß Althusser trotz seines Insistierens auf Dialektik von einer
transzendentalphilosophischen Position ausgeht und damit von ei-
nem systemtheoretisch gewendeten Subjektivismus? Zur Erläuterung
soll auf die enge Beziehung hingewiesen werden, die Althusser mit
der Argumentation von Marx verbindet, die im Zusammenhang von
dessen Wert- und Geldtheorie sich nicht zuletzt auch Hegelscher
Figuren der Dialektik bedient. Daß Althusser den Standpunkt des
Werts oder auch des Geldes einnimmt, wenn er über die struktu-
relle Analyse der Produktionsweise eine widersprüchliche Einheit
von Produktivkräften und gesellschaftlichen Produktionsverhält-
nissen zum objektiven Gegenstand theoretischer und politischer
Praxis erklärt, ergibt sich u.a. aus folgender These: "... die
Strukturierung mit Dominante des komplexen Ganzen, d i e s e s
s t r u k t u r e l l I n v a r i a n t e s e l b s t (ist)
d i e B e d i n g u n g f ü r d i e k o n k r e t e n
V a r i a t i o n e n d e r W i d e r s p r ü c h e..., die sie
konstituieren, also ihrer Verlagerung, Verdichtung, Veränderung
etc., und umgekehrt... (ist) d i e s e V a r i a t i o n d i e
E x i s t e n z d i e s e s I n v a r i a n t e n." 41) Nimmt
man diese Äußerung mit der über die Reflexivität des Ganzen zu-
sammen, so ergibt sich folgendes: Offensichtlich soll die
D o m i n a n t e einer Struktur so etwas wie die regulative
Idee Kants darstellen, eine Instanz, die o b j e k t i v e
O r d n u n g, vielleicht sogar Gesetzmäßigkeit der in der Ein-
heit des Ganzen in Beziehung zueinander befindlichen Elemente ga-
rantiert. Durch dieses regulative Prinzip, das i n den Elemen-
ten, die es strukturiert, wirkt, ließe sich dann Althusser zu-
folge eine P r o d u k t i o n s w e i s e a l s e n t w e-
d e r k a p i t a l i s t i s c h e o d e r s o z i a l i-
s t i s c h e bezeichnen, die auf die Dominante bezogenen Wider-
sprüche in ihrem Aufeinanderwirken als entweder a n t a g o n i-
s t i s c h e oder n i c h t - a n t a g o n i s t i s c h e
W i d e r s p r ü c h e unterscheiden. Entsprechend ihrem kapita-
listischen oder sozialistischen Charakter ist die Dominante dann
als das Strukturprinzip zu werten, welches die Art und Weise re-
guliert, in der sich Veränderungen und Beziehungen im Innern des
komplexen Ganzen abspielen. 42) Voraussetzung für den Übergang
der kapitalistischen in die sozialistische Dominante ist aller-
dings, daß diese eine i n v a r i a n t e Größe darstellt, die
also - mit Luhmann "B e s t a n d des Systems (des Ganzen) auch
dann hat, wenn auf Grund der überdeterminierung seiner Widersprü-
che das gesellschaftliche System umgewälzt wird.
Versuchen wir jetzt wenigstens ansatzweise aufzuzeigen, daß Alt-
husser die Selbstreflexion einer Produktionsweise unter Voraus-
setzung der Invarianz ihrer Struktur mit eben den dialektischen
Begriffen beschreibt, in denen Marx über die Analyse der
"scheinbar transzendentalen Macht des Geldes" die kapitalisti-
schen Produktionsverhältnisse zum Gegenstand ihrer historisch-ma-
terialistischen Erkenntnis machte. Marx schreibt dazu: "...
ebenso (ist es) unmöglich..., das 'Geld selbst aufzuheben, so-
lange der Tauschwert die gesellschaftliche Form der Produkte
bleibt. (...) Je mehr die Produktion sich dermaßen gestaltet, daß
jeder Produzent vom Tauschwert seiner Ware abhängig wird ..., de-
sto mehr müssen sich die G e l d v e r h ä l t n i s s e ent-
wickeln und die Widersprüche, die dem G e l d v e r-
h ä l t n i s s e, dem Verhältnisse des Produkts zu sich als
Geld, immanent sind. (...) Aber in demselben Maße ... wächst die
Macht des G e l d e s, d.h. setzt sich das Tauschverhältnis als
eine den Produzenten gegenüber äußere von von ihnen unabhängige
Macht fest. (...) Das G e l d b r i n g t d i e s e
G e g e n s ä t z e u n d W i d e r s p r ü c h e n i c h t
h e r v o r; s o n d e r n d i e E n t w i c k l u n g d i e-
s e r W i d e r s p r ü c h e u n d G e g e n s ä t z e
b r i n g t d i e s c h e i n b a r t r a n s z e n d e n-
t a l e M a c h t d e s G e l d e s h e r v o r." 43) Diese
Bemerkung über die transzendentale, scheinbar konstitutive,
Widersprüche und Gegensätze hervorbringende Geldmacht ist von
Bedeutung, soll erklärt werden, unter welchem Gesichtspunkt Marx
das Strukturprinzip der auf Tauschwertproduktion beruhenden
Produktionsweise analysiert. Diese Analyse ist einerseits auf die
ökonomischen Voraussetzungen der sozialen Austauschbeziehungen in
der Zirkulationssphäre gerichtet, wie andererseits auch auf die
ideologische Struktur einer Gesellschaft. Letzteres geschieht im
Zusammenhang der Dechiffrierung des o b j e k t i v - g e g e n-
s t ä n d l i c h e n S c h e i n s, deren systematischer Ort
das Fetischismuskapitel im K a p i t a l ist. Hier zeigt Marx,
wie sich die Funktionsweise des Geldes in der Struktur
gesellschaftlicher Verhältnisse realisiert und darüber hinaus im
ideologischen - man könnte auch sagen soziologischen -
Allgemeinbewußtsein den Schein der transzendentalen Geldmacht
konstituiert. 44)
Wenn Marx die Wirkungsweise der ideologischen und gesellschaftli-
chen Struktur unter dem Gesichtspunkt der scheinbar konstitutiven
Mächtigkeit des Geldes charakterisiert, so geschieht dies im Zu-
sammenhang seiner Bezeichnung des Geldes als ü b e r g r e i-
f e n d e s S u b j e k t oder a u t o m a t i s c h e s
S u b j e k t. Wir müssen hier einen ausführlichen Nachweis
jener konstituierenden Funktionalität des Geldes schuldig
bleiben; nur diejenigen Punkte seien bezeichnet, die es
offensichtlich werden lassen, daß diese Funktionalität durch
Althusser mit dem strukturierten Ganzen mit Dominante re-
konstruiert wird. Namentlich in seiner Bestimmung als Kapital (G-
W-G') ist das Geld als System und als ein dieses System übergrei-
fendes Subjekt dargestellt, somit als eine I d e n t i t ä t
durch Invarianz und Dominanz charakterisiert und zugleich als
Substanz durch E n t ä u ß e r u n g in den gegensätzlichen
Austauschverhältnissen zu sehen. 45) Althusser scheint den Dop-
pelcharakter des Geldes von Identität und Entäußerung vor Augen
zu haben, wenn er - wie wir gesehen haben - seinen Begriff des
Ganzen in der Weise dialektisch zu fassen versucht, daß die Ana-
lyse von Elementen des Ganzen zugleich die Analyse des Ganzen
selber sei, i n n e r h a l b dessen diese Elemente einen be-
stimmten Ort haben, oder wenn er sagt, daß die "g a n z e
E x i s t e n z" der materialistischen Struktur "i n i h r e n
W i r k u n g e n" bestehe. 46) Wir meinen damit das doppelte
In-Beziehung-Setzen der Elemente eines strukturierten Ganzen,
einmal dadurch, daß dies eine selbständige Existenz als invari-
ante Identität (durch die Dominante) besitzt und sich zum ändern
nur in den Wirkungen, in der Ungleichheit seiner Elemente dar-
stellt.
Lassen wir es bei diesen Verweisen auf ein Wert- oder Geld-theo-
retisches Verständnis der gesellschaftlichen Produktionsweise von
Seiten Althussers bewenden. Jedenfalls scheint die Vermutung
nicht unbegründet zu sein, daß in Althussers Theorie des in sei-
nen Widersprüchen komplex strukturierten Ganzen mit Dominante re-
produziert wird, was die Analyse des Geldsystems durch Marx er-
bracht hat. Vom Wert-theoretischen Zugang aus reflektiert Althus-
ser den gesellschaftlichen Zusammenhang der Zirkulationssphäre
so, wie er an der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft er-
scheint. Die Zirkulationssphäre stellt zwar für Marx ein System
"der Vermittlung" des Werts in seiner Identität mit sich dar
(also das strukturierte Ganze in seinen Wirkungen als Einheit),
ist jedoch "in sich selbst betrachtet" nur "die Vermittlung vor-
ausgesetzter Extreme", die sie nicht "setzt", die ihr vielmehr
v o r a u s g e s e t z t sind. Infolgedessen muß die Zirkula-
tion einerseits als System, d.h. als "Moment" einer
T o t a l i t ä t - ähnlich wie es Hegel für die Sphäre des Seins
in seiner Logik vom Wesen forderte - über die Bewegung des We-
sens, "als totaler Prozeß selbst vermittelt sein". 47)
Arbeit und Erkenntnis
---------------------
Zur Unterscheidung der Dialektik Hegels von der materialistischen
Dialektik bei Marx kommt es darauf an, die Differenz von nicht-
gegenständlicher und gegenständlicher Objektivität für die Er-
kenntnis zu verdeutlichen. Indem wir behaupten, daß das struktu-
rierte Ganze mit Dominante in seiner reflexiven Struktur die
transzendentale Geldmacht zu seiner Bestimmungsinstanz werden
läßt, stellen wir fest, daß Althusser der theoretischen und poli-
tischen Praxis einen nicht-gegenständlichen Begriff von Objekti-
vität gegenüberstellt.
Zweifellos wird auch von Marx nicht bestritten, daß der transzen-
dentale Schein des Geldes objektive gesellschaftliche Gründe hat,
das Geld somit in seinen verschiedenen Funktionen strukturbil-
dende Eigenschaften besitzt, die dann für den erkennenden Ver-
stand als gegenständliche Eigenschaften reproduziert werden.
Diese Einsicht war Marx aber nur deshalb möglich, weil er von der
Analyse der Doppelnatur der Arbeit zu einer g e n e t i-
s c h e n, d.h. materialistischen Erklärung des Geldsystems
gelangte. Er kann zeigen, daß sich im Geld ein konkretes Subjekt,
die gesellschaftliche Arbeit, vergegenständlicht und markiert
damit seinen grundsätzlich auch von Hegel zu unterscheidenden
Ausgangspunkt. Damit ist aber auch der Unterschied deutlich, der
m.E. den erkenntnistheoretischen Ansatz Althussers vom
materialistischen bei Marx trennt. Indem Marx von der gesell-
schaftlichen Arbeit ausgeht, begründet er eine Subjekt-Objekt-Be-
ziehung für die Erkenntnistheorie, die von grundsätzlich anderer
Art ist als die der klassischen deutschen Philosophie. Weder kann
jetzt der Gegenstand von Erkenntnis als ein durch die Erkenntnis-
leistungen des transzendentalen Subjekts hergestellter aufgefaßt
werden noch auch mit Hegel als ein durch die dialektische Bewe-
gung des Denkens in seiner Objektivität bestimmbarer; schließlich
auch nicht - mit Althusser - als ein Gegenstand, der an und für
sich den Dualismus von Erkenntnis und Erkenntnisgegenstand da-
durch hinter sich gelassen zu haben behauptet, daß die "Struktur"
des Objekts (des Ganzen) die objektiven Bedingungen seines Be-
greifens durch theoretische Praxis einschließt. Auch wenn Althus-
ser den "Primat" des Realobjekts gegenüber dem Erkenntnisobjekt
ins Feld führt 48), ist damit noch nicht eine materialistische
Beziehung von Subjekt und Objekt, von Erkenntnis und Erkenntnis-
gegenstand begründet.
Kurz gesagt ist für Marx menschliche Erkenntnis ein mit der Ent-
wicklung der Wissenschaften in seiner Bedeutung wachsendes Moment
der gesellschaftlichen Arbeit, man könnte auch sagen, der Produk-
tivkraft der Gesellschaft. Im Unterschied zu Hegel, der - was
Althusser meiner Ansicht nach unterschätzt - zur Identifizierung
der Denkbestimmungen seiner Dialektik als A r b e i t s-
b e s t i m m u n g e n gelangte, wodurch er überhaupt in der
Lage war, seine W i s s e n s c h a f t d e r L o g i k zu
schreiben, der andererseits umgekehrt die Bestimmung der Arbeit
als D e n k e n faßte und daher nicht in der Lage war, Objek-
tivität gegenständlich zu verstehen, d. h. allen Ernstes zu
denken, "löst gerade Marx diese Identifikation (von Arbeit und
Denken, B.H.) auf und bestimmt d i e W i s s e n s c h a f t
a l s d a s a l l g e m e i n e M o m e n t d e r
A r b e i t." 49)
In seinem Versuch, eine Relation von Arbeit und Erkenntnis im Zu-
sammenhang der Unterscheidung von
E r k e n n t n i s o b j e k t u n d R e a l o b j e k t so-
wie einer Stufentheorie von Erkenntnisprozessen materialistisch
zu fassen 50), versteht Althusser die Produktion von Erkenntnis-
objekten in Analogie zur wertbildenden Arbeit: Die Dinge spielen
sich ganz ähnlich ab wie bei Marx, der sagt: die lebendige Arbeit
muß der Materie einen 'n e u e n Wert hinzufügen', damit der in
den Produktionsmitteln enthaltene Wert der 'toten Arbeit' erhal-
ten und auf das Produkt übertragen werden kann;,... durch bloßes
Zusetzen von neuem Wert erhält er (der Arbeiter) den alten
Wert'." 51) Indem Althusser aus der wertbildenden Arbeit die
"Struktur" der Produktion von Erkenntnisobjekten durch theoreti-
sche Praxis gewinnt, rekurriert er zwar auf Theorie als das all-
gemeine Moment der Arbeit; indem er aber unberücksichtigt läßt,
daß mit Marx die Wertproduktion eben auch nur als ein Moment der
Gebrauchswertproduktion unter Einsatz des subjektiven Faktors der
Arbeitskraft mit dem objektiv gegenständlichen Faktor, dem Pro-
duktionsmittel, aufgefaßt werden kann, verselbständigt sich das
allgemeine Moment der gegenständlichen Produktionstätigkeit zum
a b s t r a k t - a l l g e m e i n e n. Indem die Erkenntnis
aus ihrem gegenständlichen Bezug zum Objekt gelöst wird, ist aber
Erkenntnisproduktion nach dem Muster der abstrakten Arbeit orga-
nisiert, deren Resultate dann eben Produkte mit nicht-gegenständ-
licher Objektivität sind.
Beschränken wir uns auf diese Hinweise, d.h. auf die Aspekte, un-
ter denen es beispielsweise Althusser nicht möglich ist, die Be-
ziehung von erkennendem Subjekt zu seinem Gegenstand dialektisch
als W i d e r s p i e g e l u n g zu fassen. Wo Althusser den
erkenntnistheoretischen Empirismus kritisiert, scheint er übri-
gens mehr als eine nur mechanistische Auffassung der Widerspiege-
lung kritisieren zu wollen. 52) Wir verfolgen diese Problematik
hier nicht weiter, sondern wenden uns Althussers Versuch zu, mit
der These der B e s t i m m u n g d e r Ü b e r b a u-
v e r h ä l t n i s s e (Ideologien und Institutionen) i n
l e t z t e r I n s t a n z d u r c h d i e Ö k o n o m i e
seiner theoretischen Praxis den Materialismus zugrunde zu legen.
Nun läßt sich zwar gegenüber der bürgerlichen Systemtheorie,
nicht aber gegenüber Althusser einwenden, daß er wie z. B. Luh-
mann in seiner Sicht gesellschaftlicher Verhältnisse ausschließ-
lich auf die Reproduktion der Zirkulationssphäre - den Wirkungs-
bereich der scheinbar konstitutiven Macht des Geldes - fixiert
wäre. Der Zusammenhang von Produktion und Zirkulation, von Basis
und Überbau wird vielmehr unter dem Gesichtspunkt der
D e t e r m i n a t i o n i n l e t z t e r I n s t a n z
d u r c h d i e Ö k o n o m i e gesehen. 53) Durch die Aner-
kennung dieser Determination reklamiert Althusser ein materiali-
stisches Verständnis der Beziehung von Basis und Überbau und ge-
winnt gleichzeitig großen Spielraum dafür, zu zeigen, daß die
Überbausphäre "relative Autonomie" kraft eigener Wirksamkeit, so-
mit strukturierende Dominanz trotz und gerade wegen jener Deter-
mination in letzter Instanz besitzt. Hierbei ist die eher meta-
phorische, weniger systematische Funktion der These von der letz-
ten Instanz auffallend. Sie scheint die Möglichkeit materiali-
stisch zu legitimieren, eine Theorie der Wirksamkeit der Überbau-
ten für sich und als solche zu entwickeln, deren Bezug zur Ökono-
mie in Althussers Konzeption so anerkannt wird. Anerkennung aber
ist ganz offensichtlich noch nicht Erkenntnis; auf keinen Fall
jedoch Erkenntnis, die deutlich werden ließe, daß mit Marx Deter-
mination durch die Ökonomie auf ein V e r h ä l t n i s d e r
E n t g e g e n s e t z u n g v o n B a s i s u n d
Ü b e r b a u mit entsprechenden systematischen Konsequenzen für
die materialistische Dialektik dieser Entgegensetzung verweist.
Diese Beziehung als Entgegensetzung zu erklären, heißt für Marx
zugleich, die Logik des ökonomischen Transzendentalismus zu er-
klären. Unter dem Aspekt der V e r k e h r u n g und
V e r h ü l l u n g analysiert nämlich Marx die objektive Basis
u n d die ideologische Reflexion des ökonomischen Transzendenta-
lismus. Hierbei handelt es sich einerseit um die r e a l e
V e r k e h r u n g, die die g e s e l l s c h a f t l i-
c h e n C h a r a k t e r e d e r A r b e i t unter kapitali-
stischen Verhältnissen annehmen, andererseits um die i d e o-
l o g i s c h e V e r h ü l l u n g des diesen Verhältnissen
zugrunde liegenden Widerspruchs. Resultat der Analyse dieses
Verkehrungsvorganges aber ist dies: Die Erscheinungsweise der
kapitalistischen Gesellschaft ist ihrem Wesen e n t g e g e n-
g e s e t z t und nicht mit Althusser als Dualismus interpre-
tierbar. Marx führt dazu aus: "Die fertige Gestalt der ökono-
mischen Verhältnisse, wie sie sich auf der Oberfläche zeigt, in
ihrer realen Existenz, und daher auch in den Vorstellungen, worin
die Träger und Agenten dieser Verhältnisse sich über dieselben
klarzuwerden suchen sind sehr verschieden von, in der Tat
verkehrt, gegensätzlich zu ihrer innern, wesentlichen aber
verhüllten Kerngestalt und dem ihr entsprechenden Begriff." 54)
Überdeterminierung als Krise:
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der dezisionistische Inhalt der politischen Praxis
--------------------------------------------------
Untersuchen wir abschließend den krisentheoretischen Bezugspunkt
auf den orientiert Althussers Begründung politischer Praxis in
die Nähe dezisionistischer Argumentation kommt.
Dezisionismus meint hier eine Gegenüberstellung politischer Pra-
xis mit ihrem Gegenstand - eine durch Widersprüche und Krisen ge-
kennzeichnete gesellschaftliche Situation -, welche dadurch cha-
rakterisiert ist, daß in ihr die politische Aktion absolut ge-
setzt und damit die Bedingung wird, unter der erst die gesell-
schaftliche Krise theoretisch so definiert werden kann, daß ihre
praktische Lösung entweder durch Restauration von Normen und
Rechtsverhältnissen oder durch deren Revolutionierung möglich
wird. Dieser Dezisionismus ist die Umsetzung des Transzendenta-
lismus der klassischen Erkenntnislehre in die Theorie der Poli-
tik. 55)
Hier sei nun zunächst eine Erörterung angeführt, in der Marx
durch Analyse des materialistischen Widerspruchs eine krisentheo-
retische Argumentation entwickelt. Bereits aus der Betrachtung
der einfachen Warenzirkulation ergeben sich für Marx Bedingungen
für die Analyse einer objektiven Möglichkeit der kapitalistischen
Systemkrise. Wie die einfache Warenzirkulation zeigt, ist in ihr
eine "unmittelbare Identität von Eintausch und Austausch" in die
zeitlich, örtlich und individuell bedingten "Gegensätze von Kauf
und Verkauf" gespalten. Ihre "innere Einheit" haben diese Gegen-
sätze im Produktionsprozeß. Der für die kapitalistische Produkti-
onsweise charakteristische Widerspruch bestehe nun eben darin,
daß diese innere Einheit sich in "äußeren Gegensätzen" bewegt.
Entwickelt sich nun - so Marx - die Verselbständigung der Gegen-
sätze historisch mit zunehmender Kapitalisierung der Warenproduk-
tion weiter, dann würde sich jene Einheit als "Krise" und
"gewaltsam" Geltung verschaffen. Hier kann man mit Althusser
durchaus von einer Überdeterminierung kapitalistischer Widersprü-
che reden: "Der der Ware immanente Gegensatz von Gebrauchswert
und Wert, von Privatarbeit, die sich zugleich als unmittelbar ge-
sellschaftliche Arbeit darstellt, von besonderer konkreter Ar-
beit, die zugleich nur als abstrakt allgemeine Arbeit gilt, von
Personifizierung der Sachen und Versachlichung der Personen -
dieser immanente Widerspruch enthält in den Gegensätzen der Wa-
renmetamorphose seine entwickelten Bewegungsformen." Damit liegt
eine T e n d e n z a u s s a g e, die auf der Analyse der Pro-
duktion basiert (man vergleiche Marx' Ausführungen über den
"tendenziellen Fall der Profitrate" im K a p i t a l) der mate-
rialistischen Auffassung des Widerspruchs, der marxistischen
Theorie der Geschichte und somit der Politik der Arbeiterbewegung
zugrunde. Marx fährt fort, daß diese gegensätzlichen Bewegungs-
formen "... daher die Möglichkeit aber auch nur die M ö g-
l i c h k e i t d e r K r i s e n" einschließen. "Die Ent-
wicklung dieser Möglichkeiten zur Wirklichkeit (erfordert aber)
einen ganzen Umkreis von Verhältnissen, die vom Standpunkt der
einfachen Warenproduktion noch gar nicht existieren." 56)
Wir sehen: Für die materialistische Erkenntnis sind gesellschaft-
liche Widersprüche in ihrer historischen und damit auch in ihrer
politischen Funktion nur dann von Bedeutung, wenn sie als Wider-
sprüche, die aus der gesellschaftlichen Produktion hervorgehen,
verstanden werden. Gegenüber dieser Auffassung des materialisti-
schen Widerspruchs muß nun festgestellt werden, daß Althusser ge-
sellschaftliche Widersprüche nahezu ausschließlich in d e n
Formen faßt, in denen sie sich ä u ß e r n und b e w e g e n,
daß er sie also phänomenologisch zum Gegenstand der theoretischen
Praxis und zum Ausgangspunkt politischer Praxis macht.
Für Althusser ist es revolutionäre, systemverändernde politische
Praxis, -aus der Mitte der einzig gegenwärtigen Geschichte heraus
auf die Geschichte einzuwirken." 57) In einer Gesellschaft seien
die Bedingungen für ein veränderndes E i n g r e i f e n, ihre
U m w ä l z u n g dann gegeben, wenn - wie wir bereits oben er-
örtert haben - alle Widersprüche so überdeterminiert sind, daß
das invariante System - das strukturierte Ganze mit Dominante -
den Ausgleich der Gegensätze nicht mehr gewährleistet; mit Marx:
wenn die Gesellschaft als System nicht mehr die adäquate Bewe-
gungsform der Widersprüche darstellt. Diese kritische Situation
definiert Althusser geschichtsphilosophisch als einen "aktuellen
Augenblick", in dem die revolutionäre politische Praxis den
"absoluten" Höhepunkt ihres Gelingens findet 58); eine Konstella-
tion, die Althusser in den theoretischen Einsichten und der Poli-
tik Lenins zu finden meint, weil Lenin dem Imperialismus "in der
Eigenschaft der aktuellen Existenz: in seiner konkreten Gegenwart
begegnete". 59) Althusser schreibt: Die "Verdichtung" der revolu-
tionären Aktion zum politischen Kampf ist "untrennbar von der
V e r l a g e r u n g der Dominante zwischen den Widersprüchen",
beispielsweise dann, wenn proletarische Klasseninteressen sich
gegenüber dominierenden bürgerlichen Klasseninteressen in allen
gesellschaftlichen Bereichen Geltung (Dominanz) verschaffen. Da-
her lautet sein Fazit, "daß diese organischen Phänomene der
V e r l a g e r u n g und V e r d i c h t u n g die Existenz
der Identität der Gegensätze selbst sind, bis sie die global
sichtbaren Formen der U m w ä l z u n g oder des qualitativen
Sprungs hervorbringen, der den revolutionären Augenblick der Um-
gestaltung des Ganzen gestattet." 60)
Im Vergleich zu Marx' Überlegungen ist die Akzentverschiebung,
die Althusser für seine Begründung der kritischen, revolutionären
Situation vornimmt, unübersehbar. Die Beziehung des Ausgleichs
und der Überdetermination von Widersprüchen auf die Produktions-
sphäre ist unsichtbar, wenn nicht sogar theoretisch außer Kraft
gesetzt. Die Determination der Produktionsverhältnisse (also der
Formen, in denen Widersprüche sich in der Bewegung von Gegensät-
zen manifestieren) durch die Ökonomie hat an dieser wichtigen
Stelle keine Relevanz für Althussers Bestimmung revolutionären
Handelns. Vielmehr scheint ihn hauptsächlich der Ausnahmecharak-
ter gesellschaftlicher Krisen zu interessieren, der darin be-
stünde, daß die Mechanik oder die Normativität des invarianten
Ganzen unverträglich wird mit dem Charakter überdeterminierter
Widersprüche. Dies aber ist für Althusser der qualitative Sprung
oder der "absolute" historische Bruch, den die revolutionäre Ak-
tion zum Ausgangspunkt ihres Eingreifens nimmt. 61)
Mit dem Terminus E i n g r i f f - der als solcher schon ein
ä u ß e r l i c h e s Verhältnis von politischer Praxis zu ihrem
Gegenstand Gesellschaft signalisiert -, mit dem Althusser das
Spezifische einer revolutionären Handlung bezeichnet, treffen wir
auf den dezisionistischen Aspekt in seinem Konzept politischer
Praxis. Das wird klarer, wenn man sieht, wie die revolutionäre
Politik durch Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse das
erzeugt, was Althusser unter ihrer E x i s t e n z versteht. In
der Existenz der Elemente eines Ganzen gesellschaftlicher Ver-
hältnisse sieht er nämlich das W e s e n einer Gesellschaft
verwirklicht. Der an Hegel kritisierte m e t a p h y s i s c h e
B e g r i f f d e s W e s e n s geht dabei in die B e-
s t i m m u n g d e r p o l i t i s c h e n P r a x i s ein;
diese wird durch Althusser zu einer das Wesen der Gesellschaft
als ihre Existenz realisierenden Aktion erklärt. 62)
Mit der Verlagerung des Wesens in die Existenz in seiner Defini-
tion revolutionärer Politik als Eingreifen fixiert Althusser al-
lerdings nur eine Übergangsstufe der Hegelschen Dialektik des We-
sens, auf der Hegel die Existenz als dieses "... Seyn aber, zu
dem das Wesen sich macht,... das wesentliche Seyn" erklärte. 63)
Hier muß nun darauf hingewiesen werden, daß Althusser mit solcher
V e r a b s o l u t i e r u n g d e s W e s e n s d u r c h
d i e P o l i t i k kaum mehr den Widerspruch einer Gesell-
schaft - mit Marx - den w e s e n t l i c h e n W i d e r-
s p r u c h, als Bestimmungsgrund politischer Praxis oder der
Veränderbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse anerkennen kann.
Althussers Politikverständnis erhebt, wie es scheint, vielmehr
Anspruch auf eine absolute Freiheit, die i m a k t u e l l e n
A u g e n b l i c k der revolutionären Veränderung einer
Gesellschaft praktisch wird. Dem ist mit Engels allerdings
entgegenzuhalten, daß auch die Freiheit des politischen Handelns
Einsicht in historische und gesellschaftliche Notwendigkeiten und
Gesetzmäßigkeiten zur Voraussetzung hat, welche für Strategie und
Taktik revolutionärer Politik in Rechnung gestellt werden müssen.
Es ist, als beanspruche Althusser mit der Absolutheit der
Bedingungen revolutionärer Politik auch absolute Bedin-
gungslosigkeit der politischen Aktion. Bei allem nötigen Respekt
vor Einsichten und Differenzierungen, mit denen uns Althusser im
Meinungsstreit über Geschichte und Theorie der Arbeiterbewegung
begegnet, zeichnet sich in dieser Verbundenheit mit dem Dezisio-
nismus doch eine idealistische Fundamentalrelation ab in seiner
Auffassung gesellschaftlicher Verhältnisse und der Theorie und
Praxis ihrer Veränderung.
_____
1) L. Althusser: "Ist es einfach, in der Philosophie Marxist zu
sein?", in: SOPO 34/35, S. 7 ff.
2) An diesem neuesten Beitrag Althussers zeigt sich, daß er die
hier zur Diskussion gestellten Grundtheoreme seiner früheren
Schriften in seiner Selbstkritik (L. Althusser: Elemente der
Selbstkritik (cit. ES), Berlin (West) 1975) unverändert ließ.
3) Das entspricht der Behauptung: "Die Philosophie ist eine be-
stimmte Fortsetzung der Politik, in einem bestimmten Bereich, im
Zusammenhang einer bestimmten Realität. Die Philosophie repräsen-
tiert die Politik im theoretischen Bereich, oder genauer: neben
den Wissenschaften, u n d a n d e r e r s e i t s repräsen-
tiert die Philosophie die Wissenschaftlichkeit in der Politik,
neben den im Klassenkampf engagierten Klassen." (L. Althusser:
Lenin und die Philosophie (cit. L), Hamburg 1974, S. 42.
4) SOPO 34/35, S. 21.
5) Vgl. ES, S. 83 ff.
6) SOPO 34/35, S. 19.
7) L. Althusser: Für Marx (cit. FM), Frankfurt/M. 1968, S. 146
ff.
8) SOPO 34/35, S. 15.
9) SOPO 34/35, S. 20; FM, S. 151.
10) FM, S. 82.
11) FM, S. 85.
12) FM, S. 55 f.
13) SOPO 34/35,8.21.
14) FM, S. 136; SOPO 34/35, S. 17.
15) FM, S. 136.
16) K. Marx: Brief an L. Kugelmann vom 27.6.1870, in: K. Marx/F.
Engels: Werke (cit. MEW), Berlin (DDR) 1958 ff., Bd. 32, S. 686.
17) L. Althusser/E. Balibar: Das Kapital lesen, Bd. 2 (cit. KL2),
Reinbek bei Hamburg 1972, S. 251 ff.; FM, S. 148 ff.
18) FM, S. 74 f.
19) FM, S. 75.
20) SOPO 34/35, S. 18.
21) C. Warnke: "'Totalität' und 'System' in den Theorien von He-
gel, Marx und Luhmann", Manuskript.
22) SOPO 34/35,8. 18.
23) FM, S. 83.
24) FM, S. 68.
25) D. Henrich: Hegel im Kontext, Frankfurt/M. 1967, S. 98.
26) F. Engels: Dialektik der Natur, Berlin (DDR) 1952, S. 228 ff.
Vgl. dazu: "Die dialektische Logik verlangt, daß wir weiter ge-
hen. Um einen Gegenstand wirklich zu kennen, muß man alle seine
Seiten, alle Zusammenhänge und 'Vermittlungen' erfassen und er-
forschen. (...) Das erstens. Zweitens verlangt die dialektische
Logik, daß man den Gegenstand in seiner Entwicklung, in seiner
'Selbstbewegung', wie Hegel manchmal sagt, in seiner Veränderung
betrachte. (...) Drittens muß in die vollständige 'Definition'
eines Gegenstandes die ganze menschliche Praxis, sowohl als Kri-
terium der Wahrheit als auch als praktische Determinante des Zu-
sammenhangs eines Gegenstandes mit dem, was der Mensch braucht,
mit eingehen. Viertens lehrt die dialektische Logik, daß 'es eine
abstrakte Wahrheit nicht gibt, daß die Wahrheit immer konkret
ist', wie der verstorbene Plechanow - mit Hegel - zu sagen
liebte." (W.I. Lenin: "Noch einmal über die Gewerkschaften", in:
Ders.: Sämtliche Werke, Bd. XXVI, Moskau 1940, S. 160 f.).
27) FM, S. 57 ff.
28) "Dieses Subjekt ist die T e l e o l o g i e des
P r o z e s s e s selbst, die I d e e im Prozeß der Selbstent-
äußerung, worin sie als Idee konstituiert wird." (L, S. 64).
29) L, S. 65.
30) "D.h., die Praxis des Menschen und der Menschheit ist die
Probe, das Kriterium für die Objektivität der Erkenntnis. Ist das
der Gedanke Hegels? Darauf muß man zurückkommen." (W.I. Lenin":
"Konspekt zur 'Wissenschaft der Logik'", in: Werke, Bd. 38, Ber-
lin (DDR) 1970, S. 202).
31) K. Marx: MEW Erg.bd. 1, S. 574.
32) G.W.F. Hegel: Wissenschaft der Logik, ed. Lasson, Zweiter
Teil, S. 398.
33) K. Marx: Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, S. 192 ff.
34) L, S. 66.
35) FM, S. 52 ff.
36) SOPO 34/35. S. 19 ff.
37) "Die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung des Kapitalismus mün-
dete über den Krieg von 1914 in die russische Revolution, weil
Rußland ... die größte Summe damals möglicher historischer Wider-
sprüche anhäufte; weil es gleichzeitig die v e r s p ä t e t-
s t e u n d f o r t g e s c h r i t t e n s t e Nation war,
ein ungeheurer Widerspruch, den ihre untereinander uneinigen
herrschenden Klassen nicht umgehen, aber auch nicht lösen
konnten." (FM, S. 61).
38) S. 148.
39) FM, S. 151.
40) FM, S. 152.
41) FM, S. 161.
42) FM, S. 146 f.
43) K. Marx: Grundrisse, Berlin (DDR) 1953, S. 64 f. (letzte Her-
vorheb. d. Verf.); vgl. auch ebenda, S. 863.
44) Dazu ausführlich: B. Heidtmann: "Systemwissenschaftliche Re-
flexion und gesellschaftliches Sein. Zur dialektischen Bestimmung
der Kategorie des objektiven Scheins", in: Systemdenken und Dia-
lektik, Berlin (DDR), erscheint Sommer 1977.
45) Ebenfalls setzt die Marxsche Geld- bzw. Wert-"Theorie" an
dieser Programmatik an. Es ist die Theorie des "automatischen
Subjekts". Marx führt dazu aus: "Als das ü b e r g r e i-
f e n d e S u b j e k t eines solchen Prozesses, worin er
Geldform und Warenform bald annimmt, bald abstreift, sich aber in
diesem Wechsel erhält und ausreckt, bedarf der Wert vor allem
einer selbständigen Form, wodurch seine Identität mit sich selbst
konstatiert wird. Und diese Form besitzt er nur im Gelde. Dieses
bildet daher Ausgangspunkt und Schlußpunkt jedes Verwertungs-
prozesses. (...) Wenn in der einfachen Zirkulation der Wert der
Waren ihrem Gebrauchswert gegenüber höchstens die selbständige
Form des Geldes erhält, so stellt er sich hier plötzlich dar als
eine prozessierende, s i c h s e l b s t b e w e g e n d e
S u b s t a n z, für welche Ware und Geld beide bloße Formen."
(K. Marx: Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, S. 169).
46) KL 2, S. 254.
47) K. Marx: Grundrisse, S. 166.
48) SOPO 34/35, S. 25.
49) P. Rüben: "Wissenschaft als allgemeine Arbeit. Über Grundfra-
gen der marxistisch-eninistischen Wissenschaftsauffassung", in:
SOPO 36, S. 16 (Hervorheb. d. Verf.).
50) FM, S. 124 ff.
51) SOPO 34/35, S. 27 f.
52) KL 1, S. 70 ff.
53) "Die Determination in letzter Instanz d u r c h d i e
Ö k o n o m i e behaupten, heißt sich von allen idealistischen
Geschichtsphilosophien abgrenzen, heißt eine materialistische Po-
sition einnehmen. Aber von der Determination durch die Ökonomie
i n l e t z t e r I n s t a n z sprechen, bedeutet zugleich
auch eine Abgrenzung von jeder mechanistischen Konzeption des De-
terminismus und die Einnahme einer dialektischen Position." (SOPO
34/35, S. 15).
54) MEW Bd. 25, S. 219.
55) Diesen Dezisionismus sehe ich vorgezeichnet in J.J. Rousseaus
politischer Philosophie. Im
G e s e l l s c h a f t s v e r t r a g und in den
D i s k u r s e n kreisen Rousseaus Überlegungen um die Frage,
wie unter den objektiven ökonomischen und politischen Bedingungen
der durch eine Vielzahl von Widersprüchen (das Nebeneinander von
Relikten des Feudalstaats und politischen und ökonomischen Ten-
denzen einer sich ankündigenden bürgerlichen Gesellschaft) ge-
kennzeichneten gesellschaftlichen Situation im Frankreich des
ausgehenden 18. Jahrhunderts diese bürgerliche Gesellschaft als
ein einheitliches politisches Ganzes zu etablieren wäre: als "une
forme d'association qui défende et protège de toute la force com-
mune la personne ... et par laquelle chaqun s'unissant à tous,
n'obéit pourtant qu'à lui-même et reste aussi libre
qu'auparavant". (Contrat social, I, 6). Rousseau geht aus vom ab-
soluten Gegensatz des freien (bürgerlichen) Subjekts zum unterge-
henden Feudalstaat. Dieser Gegensatz soll in der revolutionären
Konstitution der neuen Gesellschaft (durch den Vertrag, den alle
mit allen schließen), in der umfassenden Einheit der volonté gé-
nérale aufgehoben werden. Diese volonté générale ist nun nicht
mehr getragen von einem Monarchen oder Fürsten, sie verkörpert
vielmehr die unmittelbare Einheit mit den Einzelwillen (volonté
de tous) - Identität von Subjekt und Objekt im Sinne der tran-
szendentalen Erkenntnistheorie bei Kant. Man versteht, wie Rous-
seaus Modell zur "Bibel der Jakobiner" werden konnte. Es wäre zu
untersuchen, wieviel Althusser der durch Rousseau eingeleiteten
Tradition politischer Philosophie schuldet.
56) MEW Bd. 23, S. 128.
57) FM, S. 164.
58) FM, S. 153.
59) FM, S. 154.
60) FM, S. 164.
61) FM, S. 155.
62) "Aber wenn die Bedingungen nichts anderes als die aktuelle
Existenz des komplexen Ganzen sind, so sind sie seine Widersprü-
che selbst, von denen jeder in sich das organische Verhältnis re-
flektiert, das er in der Struktur mit Dominante des komplexen
Ganzen reflektiert, in dem er existiert, also die aktuelle Exi-
stenz dieses Ganzen, also seine 'aktuellen Bedingungen', ist er
eins mit ihnen: Daher spricht man auch von den 'Existenz-
bedingungen' des Ganzen, wenn man von den 'existierenden
Bedingungen' spricht." (FM, S. 154).
63) G.W.F. Hegel: Logik, Werke (ed. Glockner) Bd. 4, S. 597 ff.
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