Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977
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Beiträge zur politischen Theorie Gramscis
Christine Buci-Glucksmann
ÜBER DIE POLITISCHEN PROBLEME DES ÜBERGANGS:
ARBEITERKLASSE, STAAT UND PASSIVE REVOLUTION *)
I. Zum Ausgangspunkt: Passive Revolution
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und marxistische Übergangsproblematik
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Im Jahre 1933 erst erarbeitet Gramsci in einem etwas rätselhaften
Fragment den Begriff der passiven Revolution - der "Revolution
ohne Revolution" - wie dies seit dem Heft 1 in der Analyse des
Risorgimento der Fall ist, und zwar im Zusammenhang der umfassen-
den Problemstellung des Übergangs wie sie Marx in der Einleitung
zur Kritik der politischen Ökonomie umrissen hat: "Es scheint,
daß die Theorie der passiven Revolution eine notwendige kritische
F o l g e r u n g der Einleitung zur Kritik der politischen Öko-
nomie ist." 1)
Insofern sie als notwendige Folgerung erscheint, muß sie auf die
theoretisch-politischen Prinzipien bezogen werden, die jeder
Phase des Übergangs eigentümlich sind: "Der Begriff der passiven
Revolution muß rigoros von zwei grundlegenden Prinzipien der Po-
litischen Wissenschaften abgeleitet werden: 1.) daß keine Gesell-
schaftsformation verschwindet, solange die Produktivkräfte, die
sich in ihr entfaltet haben, noch Raum für ihre weitere fort-
schreitende Entwicklung finden; 2.) daß die Gesellschaft sich
keine Aufgaben stellt, für deren Lösungen nicht schon die notwen-
digen Bedingungen vorhanden sind usw. ..." 2) Aber insofern sie
als eine k r i t i s c h e Folgerung zu gelten hat, scheint sie
auf einen Punkt abzuheben, der merkwürdigerweise in der Einlei-
tung von Marx nicht Gegenstand ist: die Rolle und die Natur des
Übergangsstaates, der "radikale" oder "passive" revolutionäre
Charakter eines solchen zusätzlichen Aspekts ist keineswegs neu-
tral, und Gramsci hebt hervor, daß die Prinzipien des Übergangs
selbst "vorerst in ihrer ganzen Tragweite darauf kritisch geprüft
werden müssen, ob sie frei von jedem Rest an Mechanizismus und
Fatalismus sind". 3) Indem also Gramsci - wie Lenin zuvor - die
Form und die "inhaltliche" Dimension der Politik in die Über-
gangsproblematik wieder einführt, überwindet er die mechani-
stisch-ökonomistischen Interpretationen der "Einleitung" von
Marx, die immer eine utopische allgemeine Theorie des Übergangs
im Auge haben, die Hypostasierung eines allgemeingültigen Modells
für jeden Übergang. Mehr noch. Den Übergang in einer kritischen
und dialektischen Weise der passiven Revolution gegenüberzustel-
len, bedeutet, bestimmte Elemente einer politischen Theorie des
Übergangs als Prozeß für eine besondere historische Situation,
ein besonderes "Kräftegleichgewicht" darzulegen.
Indes, warum die "passive Revolution", die "Revolution-Restaura-
tion" und nicht das strategische Modell der Oktoberrevolution,
die revolutionäre Situation des Zusammenbruchs des Staates und
der "frontalen" Machtübernahme? Worin besteht in politischer und
theoretischer Hinsicht diese k r i t i s c h e Funktion der
"passiven Revolution"?
Unschwer ließe sich der Begriff der passiven Revolution auf die
eingehende Untersuchung der historischen Formen bürgerlicher Re-
volutionen reduzieren. Und Gramsci unterläßt es nicht, sich auf
das Risorgimento als Form einer passiven Revolution zu beziehen,
die strukturell und politisch verschieden ist von der Französi-
schen Revolution als einer Form des "Bewegungskrieges", einer
"Volksrevolution", die durch explosive Aufstände entstanden ist.
Dennoch, im Gegensatz zu jedem positivistischen Historizismus,
der darauf bedacht ist, den Begriff auf das bloß historische Mo-
ment seines Bedeutungsgehalts und seines Auftauchens zu beschrän-
ken, dehnt Gramsci den Begriff der passiven Revolution in be-
trächtlichem Maße aus, indem er ihm eine theoretische und metho-
dologische Tragweite von allgemeiner Bedeutung beimißt.
Die passive Revolution bezeichnet demnach eine mögliche Tendenz,
die jedem Prozeß des Übergangs innewohnt: "den Inhalt der passi-
ven Revolution als Interpretation des Staates, im Risorgimento
und j e d e r E p o c h e, d i e i n h i s t o r i s c h e
U m w ä l z u n g e n v e r w i c k e l t i s t". 4) Gewiß,
die Revolution-Restauration konnte kein politisches Aktionspro-
gramm für die Arbeiterklasse in dem Sinne werden, wie es von den
italienischen Liberalen für das Risorgimento umgesetzt wurde,
eben in dem Maße, wie jede passive Revolution "einen gemäßigten
Konservatismus oder Reformismus" hervorbringt, der die politische
Dialektik der Klassenwidersprüche eliminiert und neutralisiert,
die Initiative des Volks kanalisiert, indem versucht wird, ge-
wisse Forderungen des Volkes nur teilweise, "in kleinen Dosierun-
gen legal und reformistisch" 5) zu erfüllen; in dem Maße, wie es
der passiven Revolution gelingt, die Probleme der gesellschaftli-
chen Umgestaltung und F ü h r u n g (Hegemonie) durch den Staat
(Herrschaft) und seine Verwaltungs- und Polizeiapparate zu lösen;
von dem Moment an, wo der gesellschaftliche Reproduktionszusam-
menhang über den Staat führt, "wird die politische Führung ein
Aspekt der Herrschaft" 6), werden die Massen letztlich als
"Manövermasse" behandelt. Es versteht sich von selbst, daß Gram-
sci sich der politischen Risiken und der "Gefahr des historischen
Defätismus", wie sie solchen antidemokratischen Unternehmen eigen
sind, völlig bewußt ist. Und dennoch, wenn sie keine Strategie
für die Arbeiterklasse darstellt, bleibt sie nichtsdestoweniger -
unter der Voraussetzung, gegen jeden historischen Fatalismus an-
zugehen - eine dialektische Konzeption und ein Interpretations-
kriterium - in Ermangelung anderer in beherrschender Weise akti-
ver Elemente". 7) Als Interpretation und kritische Folgerung aus
der Übergangsproblematik bei Marx geht sie über die historischen
Prozesse des Risorgimento oder der Wirtschaftspolitik des Fa-
schismus hinaus und deckt die Morphologie des entwickelten Kapi-
talismus, die politisch-ökonomischen Hindernisse auf, die sich
jedem Frontalangriff auf den Staat, jeglicher mehr oder minder
jakobinischen Strategie der "permanenten Revolution" entgegen-
stellen; als besäßen die kapitalistischen Produktionsverhältnisse
ein bestimmtes Anpassungsvermögen, welches den Entwicklungen der
Produktivkräfte eigen ist, eine bestimmte Plastizität, die es ih-
nen in Krisenzeiten ermöglicht, ihre eigene "Neustrukturierung"
zu leisten. Daß es sich genau darum handelt, daß Gramsci sich
dessen im Laufe seiner Arbeit im Gefängnis (um 1933-34) zusehends
bewußt wird, kann durch eine Textstelle von '34 belegt werden,
die dem A m e r i k a n i s m u s und F o r d i s m u s ge-
widmet ist. Gramsci bringt hier ausdrücklich zum ersten und letz-
ten Mal den Amerikanismus als eine spezifische Entwicklungsweise
des Kapitalismus mit der Krise der passiven Revolution im Jahre
1929 in Zusammenhang: "Die Frage ist, ob der Amerikanismus eine
graduelle Umwälzung des Typus einer passiven Revolution konstitu-
ieren kann, der anderswo erprobt wurde". 8)
Es scheint also, daß die theoretisch-politische Bedeutung, die
Gramsci der Dialektik von Übergang und passiver Revolution bei-
mißt, und die neue Auffassung über die Formen und Schwierigkeiten
des revolutionären Prozesses, die sich daraus ergibt, nicht los-
gelöst gesehen werden kann von den morphologischen Veränderungen
des Kapitalismus und des Sozialismus der dreißiger Jahre: Das
Scheitern der proletarischen Revolutionen im Westen, der Faschis-
mus als Staat, die Revolution des Kapitalismus von oben nach der
Krise von 1929 (New Deal), die Zuspitzung der Widersprüche beim
Aufbau des Sozialismus. Eine solche Veränderung des strategischen
Rahmens modifiziert historisch und praktisch die Problemstellung
des Übergangs dadurch, daß neue Beziehungen zwischen Ökonomie und
Politik (Staatskapitalismus), zwischen den "Apparaten der Hegemo-
nie" und dem Staat, zwischen den institutionellen Formen und den
Massen entstehen. Das erklärt auch, warum Gramsci den leninisti-
schen Begriff der Hegemonie wiederaufnimmt und ihm - von Heft l
an - n e u e F u n k t i o n e n und einen e r w e i t e r-
t e n G e g e n s t a n d s b e z u g zuweist. Es geht nicht
mehr alleine darum, "die gesellschaftliche Basis der Diktatur des
Proletariats und des Arbeiterstaats" zu denken, die Art und Weise
nämlich, wie "das Proletariat in dem Maße die f ü h r e n d e
und h e r r s c h e n d e K l a s s e werden kann, wie es ihm
gelingt, ein Bündnissystem zu schaffen" 9), wie dies noch der
Fall ist bei der "S ü d i t a l i e n i s c h e n F r a g e".
Um dies zu erarbeiten, ist es notwendig, zuvor die politischen
Formen zu untersuchen, in denen die Bourgeoisie ihren eigenen
Machtblock bildet, sich über die unterschiedlichen Formen der
Hegemonie in ihrem Verhältnis zum Staat und zur bürgerlichen
Gesellschaft klarzuwerden. Aus diesem Grunde ermöglicht der Be-
griff der passiven Revolution als eine kritische Folgerung der
marxistischen Frage nach dem Übergang ohne Zweifel eine neue und
umfassende Interpretation der politischen Bedingungen der Über-
windung einer Produktionsweise. Die Berücksichtigung einer
P o l i t i k d e s Ü b e r g a n g s als Methode zur kriti-
schen Analyse des dialektischen Zusammenhangs zwischen histori-
schem Block und institutionellen Formen macht die passive Revolu-
tion zu "einem allgemeinen Prinzip der politischen Wissenschaft
und Kunst". 10)
Allgemein im Gegensatz zu jeglicher ökonomistischen Katastrophen-
Auffassung von Krise als Prozeß, der die Massen revolutioniert
(die Auffassung der III. Internationale der dreißiger Jahre), im
Gegensatz zu jeder Resorption der revolutionären Bewegung im
frontal-gewaltsamen und jakobinischen Bruch, mißt Gramsci den
Prozessen der passiven Revolution eine quasi "epochale" Bedeutung
zu, weil sie immer wieder dazu neigen, "die Dialektik auf einen
reformistischen Prozeß der Evolution zu reduzieren". Muß hier
vorwiegend von einem Prinzip historischer Periodisierung ausge-
gangen werden, einer neuen Tendenz des entwickelten Kapitalismus?
Oder muß darüber hinaus gegangen werden, wie dies L. Paggi etwas
vorschnell nahelegt: Die passive Revolution i m O s t e n
w i e i m W e s t e n sei "eine adäquate theoretische Darstel-
lung des gesamten historischen Prozesses, in dem sich die endgül-
tige Überwindung einer vollständig entfalteten Produktionsweise
vollziehen kann." 11)
Wenn dies der Fall ist, kann von einer These ausgegangen werden,
die die Interpretation des strategischen Unterschieds zwischen
"Bewegungskrieg" (im Osten, Frontalangriff, 1917) und
"Stellungskrieg" (Strategie der Hegemonie, im Westen) verändert.
In der Tat stellt Gramsci nicht nur eine Strategie der anderen
gegenüber, sondern er stellt z w e i S t e l l u n g s k r i e-
g e einander gegenüber: den der herrschenden Klasse mit seinen
unterschiedlichen Formen der passiven Revolution und jenen
d i s s y m m e t r i s c h e n der untergeordneten Klassen im
Kampf um ihre Hegemonie und um die politische Führung der Gesell-
schaft.
Damit will ich sagen, daß selbst die Formen der Hegemonie nicht
denselben Inhalt haben, nicht identisch sind, wenn sie auf Formen
der passiven Revolution der herrschenden Klassen in der Ökonomie
und Politik Bezug nehmen oder wenn sie einen Prozeß programmie-
ren, der als "Vergesellschaftung der Politik" imstande ist eine
Kulturrevolution der Masse zu gewährleisten (welche die Institu-
tionen, die Lebensformen, das Konsumverhalten einbezieht) und die
Klassenverhältnisse, die Machtgleichgewichte in Gesellschaft und
Staat zu verändern. Diese Gegenüberstellung von Osten und Westen
unter dem Gesichtspunkt der Überbauformen und ihrer Wirkungen in
einem revolutionären Prozeß findet sich bereits bei Lenin, abge-
sehen von der Rede Trotzkis auf dem 4. Kongreß der Internatio-
nale. Gramsci selbst bezieht sich ausdrücklich auf die Strategie
der Einheitsfront, auf Lenin in den Jahren 1921-22 als den Aus-
gangspunkt all seiner Überlegungen zum Stellungskrieg.
12)
Wenn diese strategische Unterscheidung es erlaubt, einen neuen
Zugang zum Staat und den F o r m e n d e r P o l i t i k in
ihrem Verhältnis zum ökonomischen und zum Gesellschaftlichen zu
gewinnen und zu vertiefen, so ist zu fragen, ob dies nicht des-
halb zutrifft, weil Gramsci bestimmte Elemente einer p o l i-
t i s c h e n M o r p h o l o g i e der Übergangsprozesse
selbst erarbeitet und somit Zusammenhänge zwischen Parteien/
Staat/Bündnissen/Hegemonie im Übergang aufzeigt. Wenn dies der
Fall ist, kann die Tatsache, heute auf Gramsci theoretisch und
politisch Bezug zu nehmen, nicht heißen, ihn zu wiederholen,
sondern sich auf die komplexe Dialektik der politischen Formen
des Übergangs einzulassen, die er in negativer wie in positiver
Hinsicht erforscht. Wenn es zutrifft, daß die demokratischen
Strategien des Übergangs zum Sozialismus, wie sie für den Euro-
kommunismus kennzeichnend sind, d e m o k r a t i s c h e
M a s s e n r e v o l u t i o n e n sein müssen, indem repräsen-
tative Demokratie und Basisdemokratie, Hegemonie und Pluralismus
in neuer Weise miteinander verknüpft werden, müssen diese dann
nicht vorwiegend a n t i - p a s s i v e R e v o l u t i o-
n e n werden?
II. Zur Theorie der passiven Revolution
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1. Die Dissymmetrie der Klassenkämpfe und ihre Schwierigkeiten
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Von der Periode des Ordine Nuovo bis zur Periode der Quaderni
weist das politische Denken Gramscis, worin auch immer die Berei-
cherungen durch das Bemühen um eine neue Revolutionsstrategie im
Westen bestehen mögen, eine einzige Konstante auf: nämlich die
Konstituierung der Arbeiterklasse zur hegemonialen Führungs-
klasse, ihre Staatwerdung, die ganz und gar auf der Fähigkeit be-
ruht, eine n e u e P r a x i s d e r P o l i t i k zu ent-
wickeln, die gegenüber derjenigen der herrschenden Klasse dissym-
metrisch ist. Und zwar aus einfachen Gründen, die nicht ideologi-
scher Natur sind, sondern der jeweiligen Klassenlage in Bezug auf
den Staat und auf die historischen Prozesse des Übergangs Rech-
nung tragen. Die Bourgeoisie selbst konstituiert und rekonstitu-
iert sich im und durch den Staat: "Die historische Einheit der
führenden Klassen wird im Staat erreicht, und ihre Geschichte ist
wesentlich die Geschichte von Staaten und Staatengruppen". 13)
Gewiß gilt dasselbe der Möglichkeit nach auch für die Arbeiter-
klasse, denn die untergeordneten Klassen "sind nicht geeinigt und
können sich nicht einigen, bevor sie nicht Staat werden können."
14)
Aber ihre A u t o n o m i s i e r u n g ist nie abgeschlossen,
sondern ständig i m Werden, in einem permanenten Prozeß der po-
litischen Herausbildung und Umgruppierung von Bündnissen begrif-
fen, die sich im Aufbau einer neuen Beziehung zwischen der Pro-
duktion und der Politik verankert. Denn wenn die herrschende
Klasse ihren Ausgangspunkt im Staate hat, so geht die Arbeiter-
klasse zunächst von der ökonomischen und bürgerlichen Gesell-
schaft aus. In dieser Hinsicht ist auch die Geschichte der unter-
geordneten Klassen dissymmetrisch: "Ihre Geschichte ist daher
verflochten mit derjenigen der bürgerlichen Gesellschaft, ist
eine "verselbständigte" und d i s k o n t i n u i e r l i c h e
Funktion in der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft und,
h i e r d u r c h v e r m i t t e l t, der Geschichte der Staa-
ten oder Staatengruppen". 15) Sie ist also eine diskontinuierli-
che Geschichte, die Geschichte einer v e r m i t t e l t e n
Beziehung zum Staat, kurz: die Geschichte einer dissymmetrischen
Autonomisierung, die darauf abzielt, neue politische Formen her-
zustellen (Räte, Gewerkschaften und Parteien).
Das war auch der Fall bei der Strategie der Fabrikräte in den
Jahren 1919-20; einer Doppelstrategie, die gleichzeitig beabsich-
tigte: 1.) aus der Fabrik heraus Formen von Arbeiterdemokratie zu
bilden, die die Gesamtheit der Arbeiterklassen v e r e i n-
h e i t l i c h e n und zu ihrer A u t o n o m i e beitragen;
2.) ausgehend von diesen neuen Demokratieformen die Krise der
Gesellschaft und des parlamentarischen Staates zugunsten eines
anderen Staates, eines Arbeiter- und Bauernstaates, zu lösen.
1926 kommt Gramsci nochmals auf diese Erfahrung des Ordine Nuovo
zurück und arbeitet sowohl ihre Grenzen als auch ihre positive
Seite heraus, an der er ein für allemal festhält: "die Selbst-Re-
gierung der Arbeiterklasse", ihre demokratische Erfinderkraft,
ihre Initiative. 16) Von diesem Standpunkt sollte er nicht mehr
abweichen. So schreibt er 1934 in den H e f t e n, daß "die Ar-
beiter selbst die Träger der neuen und moderneren industriellen
Erfordernisse gewesen sind". 17) I m p o l i t i s c h e n
Sinne heißt dies, daß Gramsci im Gegensatz zum bürgerlich-techni-
zistischen Verständnis der Produktion immer von einem politischen
Begriff der Produktion ausgeht. Im vorliegenden Falle wie folgt:
"Für die Produktion hat die politische Verfassung des Staates
eine weit größere Bedeutung als die Veränderung eines technischen
Arbeitsprozesses." 18)
Hier bei diesen Beziehungen zwischen Produktion und Staat, zwi-
schen Ökonomie und Politik liegen die Probleme. Unter diesem Ge-
sichtspunkt zieht Gramsci n e u e Schlußfolgerungen aus dem
Scheitern der italienischen Arbeiterklasse im Kampf gegen den Fa-
schismus. Die hegemoniale Praxis der Arbeiterklasse bringt sie
selbst in eine viel konfliktreichere und schwierigere Lage, als
abzusehen war. Das ist zurückzuführen auf die Komplexität der po-
litischen Vermittlungen, ihres Widerstandes in Krisenzeiten und
der Wirkungen eines Staates, der nicht nur als Regierung oder als
repressiver Staatsapparat zu verstehen ist. Sie kann also nur
dann ihre eigene hegemoniale Strategie in expansivem Sinne v o n
u n t e n n a c h o b e n entwickeln, wenn sie den Wirkungen
des Staates und der politischen Mechanismen mit ihrer eigenen
Praxis entgegenarbeitet. Das gilt auch für den "modernen Fürst",
die revolutionäre Partei, die ihre eigene Einheit in ihrer
p o l i t i s c h e n Beziehung zu den Massen überprüfen muß und
diese nicht zu einer bloßen Angelegenheit technisch-instrumentel-
ler oder bürokratischer Praxis werden lassen darf, eine organisa-
torische Gegebenheit also, die "den aktiven sozialen Block, des-
sen Führung die Partei darstellt", abwesend erscheinen läßt. 19)
Die Autonomie, die ihren Ausgangspunkt in der Fabrik hat, ist
demnach fortlaufend durch den sektoriellen Korporativismus be-
droht, ständig "gespalten durch die Initiative der herrschenden
Gruppen", immer betroffen von einer bestimmten sozialpolitischen
Instabilität der Bourgeoisie und ihrer herrschenden Gruppen, die
ihrerseits neue Parteien ins Leben rufen können, "um den Konsens
und die Kontrolle über die untergeordneten Gruppen aufrechtzuer-
halten". 20) Die Bildung neuer Parteien der Bourgeoisie, hier die
faschistische Partei, ist Ausdruck einer K r i s e d e r
H e g e m o n i e, einer Krise des integralen Staates, einer
Krise im Verhältnis zwischen Regierenden und Regierten, welche
die historische Grundlage des Staates und die Gesamtheit der He-
gemonieapparate berührt.
Es erweist sich, daß eine solche Auffassung von Krise, wie sie in
den K e r k e r - H e f t e n vorliegt, sich strukturell nicht
vom Modell des Zusammenbruchs des Staates als Folge einer umfas-
senden r e v o l u t i o n ä r e n K r i s e unterscheidet,
wie sie Gramsci entsprechend Lenins Analysen 1919-20 rücküber-
setzt hat. Und das nicht nur, weil die Krise der Hegemonie zu ei-
ner Lösung der D o p p e l m a c h t a u s d e r S i c h t
d e r B o u r g e o i s i e (und nicht der des Proletariats)
führen kann. Eine These, die Gramsci übrigens bereits ab 1921
vertrat, als er von der V e r d o p p e l u n g d e s
S t a a t s a p p a r a t s in der Krise sprach, von der gewalt-
samen Koexistenz und Komplizenschaft zweier Unterdrückungs- und
Strafapparate: Faschismus und bürgerlicher Staat. 21) Vor allem
aber deshalb, weil die Krise in das Innere eines Gleichgewichts
unsicherer Kräfte hineinwirkt, wodurch zwei Erscheinungen größere
Aufmerksamkeit gewidmet werden muß, die miteinander zusammenhän-
gen und einander ergänzen.
Auf der einen Seite handelt es sich um die Auswirkungen der
Staatsform und ihrer Krise auf die breiten Massen, auf die histo-
rische Grundlage des Staates zu einem Zeitpunkt, wo sich eine
Trennung zwischen bürgerlicher Gesellschaft und politischer Ge-
sellschaft vollzieht. Auf der anderen Seite handelt es sich um
die Bestrebungen, das Kapital und die politischen Formen (Staat,
Partei, Massenbewegung) in der Krise neu zu strukturieren.
In diesem Sinne ist die Hegemoniekrise nicht etwa eine Art revo-
lutionäre Krise, die eine ungünstige Wendung nimmt. Sie wirft
nicht nur auf der politischen Ebene, sondern auch für den histo-
rischen Materialismus neue Probleme auf. In diesem Zusammenhang
sind die Erfahrungen mit den Fabrikräten von 1919-20 von nachhal-
tiger Wirkung, zieht man die Schlußfolgerungen in Betracht, die
sich für Gramsci daraus ergeben. In der Konzeption des
"KataStrophengleichgewichts" trennt das Kräfteverhältnis die be-
teiligten antagonistischen Kräfte nicht nur äußerlich - wie man
naiverweise annimmt; dieses Kräfteverhältnis durchzieht die Ar-
beiterklasse selbst mit all ihren Stärken und Schwächen. "In Ita-
lien herrschte ein unstabiles Gleichgewicht zwischen den sich be-
kämpfenden gesellschaftlichen Kräften. Das Proletariat war 1919-
20 zu stark, um sich passiv der kapitalistischen Unterdrückung zu
unterwerfen. Aber seine organisierten Kräfte waren zu unsicher,
zögernd, innerlich geschwächt, weil die sozialistische Partei le-
diglich ein Amalgam von mindestens drei Parteien war; 1919-20
fehlte in Italien eine gut organisierte und kampfentschlossene
revolutionäre Partei." 22)
Man kann also die Art und Weise der Autonomisierung der Arbeiter-
klasse und ihre Organisationsformen (Partei, Gewerkschaft, Basis-
demokratie) nicht unabhängig von den Kräfteverhältnissen, in
denen die Klassen selbst befangen sind, und ihren Auswirkungen
i m I n n e r e n des Staates erfassen. So verwundert es nicht,
daß Gramsci die beiden von Marx in der "E i n l e i t u n g"
festgehaltenen Prinzipien mit den drei in der Analyse der Kräfte-
verhältnisse konstitutiven Momenten in Beziehung bringt: dem öko-
nomischen, dem politischen und dem politisch-militärischen. Es
wäre ein großer Irrtum anzunehmen, diese drei Momente stünden in
einem evolutionistisch-linearen Entwicklungszusammenhang: wie ein
Weg ohne Hindernisse. In der Tat umreißen diese drei Momente
einen n e u e n U n t e r s u c h u n g s g e g e n s t a n d,
der bereits von Marx in seinen politisch-historischen Schriften
(vom "18. Brumaire" bis zum "Bürgerkrieg in Frankreich") skiz-
ziert wurde: eine T h e o r i e d e r S t r u k t u r
g ü n s t i g e r B e d i n g u n g e n für die Öffnung des We-
ges zu Übergangssituationen und -prozessen.
Die Probleme des Übergangs nur auf der Ebene der objektiven Wi-
dersprüche der Produktionsweise anzusiedeln, hieße die Frage nach
der Rolle der Beziehungen zwischen Klassen/Staat/Parteien/
historischem Block beim Übergang zu unterschlagen; mithin die
Dialektik von Hegemonie und Herrschaft als kritische Folgerung
der Marxschen Problemstellung. Umgekehrt bedeutet die E i n-
b e z i e h u n g der Analyse der politischen Form des Über-
gangs, beim Übergang selbst, eine Weiterentwicklung des lenini-
stischen Hegemoniebegriffs, wie Gramsci hervorhebt. Allerdings
nur, wenn man bei einigen Voraussetzungen darüber hinausgeht,
wenn man ihn n e u i n t e r p r e t i e r t. Gewinnt diese
Interpretation nicht gerade durch die Gegenüberstellung von
Hegemonie und passiver Revolution ihre Bedeutung und Tragweite?
Verfolgt man die Aus-und Umarbeitungen der Theorie der passiven
Revolution in seinen Gefängnisschriften, ist man erstaunt über
den Mangel an Homogenität dieser Theorie, über die relativ um-
ständliche Charakterisierung der allgemeinen Problemstellung des
Verhältnisses von Übergang und passiver Revolution. Man stellt
eher eine Transformation einer h i s t o r i s c h e n K o n-
z e p t i o n zu einer a l l g e m e i n - t h e o r e t i-
s c h e n K o n z e p t i o n fest, die den Marxismus von
Gramsci näher kennzeichnet: die Produktionsverhältnisse zwischen
Theorie und Geschichte, die neue Ansicht über die Rolle der
Intellektuellen und der Kultur im "Stellungskrieg der herr-
schenden Klassen."
Zunächst zur historischen Konzeption. Der Begriff der passiven
Revolution bezieht sich auf zwei historische Hauptprozesse, die
zwei Entwicklungsstadien der kapitalistischen Produktionsweise
entsprechen: auf das Risorgimento, welches das besondere Moment
der passiven Revolution in den überbauformen hervorhebt, und auf
den Faschismus/Amerikanismus, der die passive Revolution in der
Organisation der Arbeit und der Produktivkräfte unter Berücksich-
tigung neuer Beziehungen zwischen Ökonomie und Politik (Staats-
kapitalismus) in den Vordergrund stellt. Wenn es uns angemessen
erscheint, diese zwei Modelle wieder aufzunehmen, dann nicht so
sehr, um ihre strenge historische Richtigkeit zu beurteilen, die
Gegenstand zahlreicher Forschungen und Diskussionen gewesen ist;
sondern um zu verstehen, inwieweit die Theorie der passiven
Revolution Gramscis Problematik des Staates und der re-
volutionären Prozesse vor (im Westen) und nach (im Osten) der
Machtübernahme verändert. Dies besagt, daß mit dieser Theorie
eine k r i t i s c h e Neubewertung der Rolle des politischen
Elements beim Übergang, seine Auswirkungen auf die bürgerliche
Gesellschaft und auf die "politische Führung" des Übergangs ein-
hergeht. Von dem Zeitpunkt an, wo der Staat dem Übergangsprozeß
nicht mehr ä u ß e r l i c h (als bloßes I n s t r u m e n t
jener einseitigen Staatsauffassung, die Gramsci analysiert hat),
sondern integraler Bestandteil des Übergangs ist, "berichtigt",
ergänzt die reale Dialektik zwischen H e r r s c h a f t
(Zwang, Gewalt) und H e g e m o n i e (Organisationsformen der
Konsensbildung) die beiden zentralen Prinzipien von Marx im anti-
ökonomistischen Sinne. Aus diesem Grunde eröffnen die Theorie der
passiven Revolution und ihre Kritik eine neue Sicht auf das Ver-
hältnis von Staat und Übergang und darüber hinaus auf die Ableh-
nung jeglicher Ü b e r b e t o n u n g d e s S t a a t e s
(E t a t i s m u s) beim Übergang, auf die Neuformulierung des
Sozialismus als Übergangsgesellschaft: als historischer Block.
2. Passive Übergänge oder "Diktatur ohne Hegemonie"
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Gramsci unterläßt es nicht, verschiedentlich darauf hinzuweisen,
daß das Risorgimento als "Modell" der Herausbildung eines ein-
heitlichen Nationalstaates ein passiver Übergang sei, der gleich-
zeitig in widersprüchlicher Form Elemente der (bürgerlichen)
"Revolution" und Elemente der "Restauration" (Kompromisse mit den
ehemals herrschenden Schichten, keine revolutionäre Volksbewe-
gung) enthält. Der Widerspruch in dieser Formel R e v o l u-
t i o n / R e s t a u r a t i o n (einer Formel, die Quinet
entliehen ist) berücksichtigt die Rolle der Massen im Übergang,
ihre Beziehungen zu den Machtformen, die an die Stelle der alten
treten: F o r m und I n h a l t e der Politik. In dem Maße,
wie sich die revolutionäre Erneuerung und der Fortschritt "ohne
Volksinitiative" und ohne aktives hegemoniales Eingreifen der
Massen, ja selbst gegen bestimmte Formen sporadischer Aufstände
vollziehen, kann man von einem p a s s i v e n und
konservativen historischen Prozeß sprechen. Aber es handelt sich
dennoch um eine wenn auch verwässerte R e v o l u t i o n, und
als solche nimmt sie nichtsdestotrotz "einen gewissen Teil an
Volksforderungen" in sich auf; Gramsci bezeichnet sie in einer
zweiten Fassung dieses Fragments als "Forderungen der Basis". 23)
Die Revolution ist passiv, wenn der Staat an die Stelle einer
führenden Klasse tritt, wenn die H e r r s c h a f t (Zwang)
gegenüber dem F ü h r u n g s m o m e n t (Hegemonie als Orga-
nisation der Konsensbildung) überwiegt. Dies ist der Fall im Ri-
sorgimento: "Der piemontesische Staat wird zum r e a l e n
M o t o r der Einheit nach '48". 24) Im Unterschied zu den fran-
zösischen Jakobinern "fassen die italienischen Liberalen von nun
an die Einheit als E r w e i t e r u n g des piemontesischen
Staates und des Erbes der Dynastie auf, nicht als n a t i o-
n a l e B e w e g u n g von unten, sondern als königliche
Eroberung." 25) Ausdrücklicher noch ist eine spätere Fassung von
'33: "Die Funktion Piemonts im Ri-sorgimento ist diejenige einer
'führenden Klasse'". 26)
Wenn man diese Stellen näher betrachtet, kann man feststellen,
daß das Verhältnis zwischen dem staatlichen Element der Herr-
schaft und dem Element der Konsensbildung, welches die Hegemonie
kennzeichnet, abhängig ist von den Beziehungen zwischen führender
Klasse und Staat im Übergang, folglich vom Massencharakter (oder
Nicht-Massencharakter) dieses Prozesses. Jede revolutionäre Bewe-
gung "von oben" erzeugt eine bestimmte Priorität des Herrschafts-
elements, eine nationale Bewegung "von unten", ein weit größeres
Gewicht der Hegemonie. Mehr noch: Gramsci bezieht sich hier auf
die Rolle der "Erweiterung des Staates" bei einem historischen
Übergang. Es geht hier keineswegs um einen besonderen Fall des
Übergangs (hier der italienische Weg zum Kapitalismus), sondern
um eine historische Tendenz in der Entwicklung der Bourgeoisie.
In der Tat unterhält die Bourgeoisie im Unterschied zu anderen
Klassen früherer Produktionsweisen, aber auch im Unterschied zur
Autonomisierungsweise der Arbeiterklasse, eine besondere Bezie-
hung zum Staat, eine Beziehung der Ausweitung der Hegemonie im
Gesamtzusammenhang der Gesellschaft und bei der Selbstkonstituie-
rung als Klasse: "Die von der bürgerlichen Klasse erwirkte Revo-
lution in der Rechts- und Staatsauffassung beruht insbesondere
auf dem Willen zum Konformismus (d. h. der ethischen Bestimmung
von Recht und Staat). Die vorhergehenden herrschenden Klassen wa-
ren ihrem Wesen nach in dem Sinne konservativ, daß sie keinen or-
ganischen Übergang der anderen Klassen zu der ihren herzustellen
versuchten, d.h. ihren Klassenbereich "technisch" und ideologisch
zu e r w e i t e r n: die Konzeption der geschlossenen Kaste.
Die bürgerliche Klasse setzt sich selbst als einen Organismus in
ständiger Bewegung, fähig, die ganze Gesellschaft aufzusaugen,
indem jene diese ihrem kulturellem und ökonomischen Niveau an-
paßt: die ganze Funktion des Staates ist verändert; der Staat
wird 'Erzieher'..." 27)
Eine derartige E r w e i t e r u n g des Staates beim Übergang
setzt ein gewisses historisches Vermögen voraus, alle gesell-
schaftlichen Ebenen durch die Schaffung einer universalistischen
Zielvorstellung in sich aufzunehmen und einander anzugleichen. Es
gibt keinen Staat ohne Konsensbildung, ohne Errichtung von
H e g e m o n i e - A p p a r a t e n, ohne Berücksichtigung der
besonderen Verhältnisse zwischen der ökonomischen, der bürgerli-
chen und der politischen Gesellschaft. Im Gegensatz zu einer en-
gen Staatsauffassung "ist festzuhalten, daß der allgemeine Be-
griff des Staates Elemente enthält, die auf den Begriff der bür-
gerlichen Gesellschaft zu beziehen sind (man könnte in dem Sinn
sagen, daß der Staat = politische Gesellschaft + bürgerliche Ge-
sellschaft, d.h. Hegemonie gepanzert mit Zwang)." 28) Demgemäß
ist die Kritik Gramscis an jeder instrumentellen Staatsauffassung
zu verstehen, die diesen reduziert: sei es auf die Regierungs-
funktion (entsprechend der liberalen Tradition der Sozialdemokra-
ten), sei es nur auf einen monolithischen Unterdrückungsapparat,
der frei ist von jedem sozialpolitischen Widerspruch (entspre-
chend der gesamten ökonomistisch-maximalistischen Tradition, die
übrigens durch den Stalinismus wieder aufgenommen wurde). In
diesem Sinne bricht Gramsci, wie ich an anderer Stelle
ausführlich dargelegt habe 29), mit dem instrumentalistischen Zu-
gang der II. Internationale und bestimmten Strömungen der III.
zugunsten einer neuen Staatsauffassung, die sich nicht nur als
eine bloße "Ergänzung" der Marxschen und Leninschen Theorie der
Diktatur des Proletariats versteht. Denn die Problematik des er-
weiterten Staates ermöglicht eine k r i t i s c h e N e u-
f o r m u l i e r u n g d e r Ü b e r g a n g s p r o b l e-
m a t i k. Ich verstehe darunter, daß der Begriff des erweiter-
ten Staates, "des integralen Staates", - worauf Gramsci übrigens
unter Bezug auf das Risorgimento hinweist - inhaltlos bleibt,
wenn man nicht zwei radikal entgegengesetzte Formtypen der
Staatserweiterung und des Übergangs unterscheidet.
1.) Die Erweiterung des Staates kann sich an der Basis, in For-
men. der Basisdemokratie verankern, die auf der demokratischen
Kreativität der Massen, auf der Erweiterung ihrer Hegemonie beru-
hen. Bei einer derartigen Sichtweise strebt das Moment der Hege-
monie ein Übergewicht über das staatliche Moment der Herrschaft
an, das als solches nie fehlt. Die Erweiterung des Staates in
diesem Sinne hat also nichts mit der Stalinschen Theorie und Pra-
xis, der Stärkung des Staates als Form der Absorption der bürger-
lichen Gesellschaft, der Verringerung und Unterdrückung ihrer Wi-
dersprüche, und als Reproduktion des Dualismus von Regierenden
und Regierten zu tun, wie er jedem Staat eigen ist. Im Gegensatz
dazu ist die Erweiterung des Staates die Voraussetzung für eine
"Vergesellschaftung der Politik" und eine Neubewertung des ge-
sellschaftlichen und des hegemonialen Kampfes im Übergang, wie es
der Zielvorstellung eines späteren Absterbens des Staates ent-
spricht.
2.) Im Gegensatz dazu geht mit der passiven Revolution eine Art
"V e r s t a a t l i c h u n g" des Übergangs einher, welche
jede Masseninitiative an der Basis zerschlägt und jede Verände-
rung der Beziehung zwischen Regierenden und Regierten im Inneren
der Überbauformen und der Institutionen verhindert. Wenn das
Herrschaftsmoment gegenüber dem Führungsmoment überwiegt, wenn
die führende Klasse ihre eigene expansive Massenbasis verliert,
wenn der Staat als Motor der ökonomisch-gesellschaftlichen Ent-
wicklung an die Stelle der Klasse tritt, dann ist unweigerlich
ein Zustand erreicht, den Gramsci eine D i k t a t u r o h n e
H e g e m o n i e nennt. Die Apparate der Hegemonie werden dann
zu "ideologischen Staatsapparaten", einschließlich der Parteien
und Gewerkschaften, wie es für die stalinistische oder neostali-
nistische Konzeption der "Transmissionsriemen" kennzeichnend ist.
Jenseits der konkreten Analysen liegt die Bedeutung des Risorgi-
mento darin: die beiden Übergangstypen voneinander zu unterschei-
den, indem die Ursachen und Wirkungen der passiven Revolutionen
sichtbar gemacht und b e s t i m m t e Instrumente einer poli-
tischen Theorie des Übergangs herausgearbeitet werden. Man wird
mir vorhalten, daß ich damit über den wörtlichen Text von Gramsci
hinausgehe. Das ist aber nicht der Fall, denn Gramsci selbst ver-
allgemeinert seine eigenen Ausführungen in f o l g e n d e n
F r a g e n:
1.) Entspricht nicht die Rolle des Staates im Risorgimento der
einer Partei? "'Piemont' hat deswegen eine Funktion, die in be-
stimmten Aspekten mit der einer Partei verglichen werden kann,
und zwar mit der Führungsmannschaft einer gesellschaftlichen
Gruppe, (man spricht tatsächlich von der 'piemontesischen Par-
tei')." 30)
2.) Gibt es nicht im Falle Piemonts eine methodologische und
theoretische Erkenntnis von allgemeinerer Bedeutung, die eine
neue Interpretation der Forschungsgrundlagen, wie sie von Marx in
der "Einleitung" dargelegt wurden, möglich macht? "Es ist wich-
tig, die B e d e u t u n g d e r F u n k t i o n, d i e
d e r T y p 'P i e m o n t' i n d e n p a s s i v e n R e-
v o l u t i o n e n i n n e h a t, e i n g e h e n d e r z u
u n t e r s u c h e n, und zwar die Tatsache, daß ein Staat bei
der Führung des Kampfes um die Erneuerung an die Stelle lokaler
gesellschaftlicher Gruppen tritt. Es handelt sich dabei um einen
Fall, bei dem in diesen Gruppen die 'Herrschafts'-Funktion und
nicht die 'Führungs'-Funktion vorliegt: Diktatur ohne Hegemonie."
31)
Es ist also offensichtlich: "Piemont" ist nur ein besonderer Fall
unter den passiven Revolutionen. Und es scheint wichtig zu sein,
diesen Fall genauer zu analysieren, um andere historische Pro-
zesse und selbst, wie wir noch sehen werden, andere Formen von
passiver Revolution zu verstehen. Worin besteht nun ihr exempla-
rischer Charakter? Welche Ursachen und Wirkungen hat sie? Welche
Schlußfolgerungen lassen sich daraus ziehen?
Wenn die Bourgeoisie Italiens als Klasse unfähig war, in einem
radikalen bürgerlich-demokratischen Prozeß die Führung zu über-
nehmen, so vor allem wegen einer gewissen Umkehrung der Beziehun-
gen zwischen Ökonomie und Politik beim Übergang. Die spezifische
Wirkung der überbauformen hängt in hohem Maße vom Grad der vorhe-
rigen ökonomisch-gesellschaftlichen Entwicklung ab. Denn in Ita-
lien "existierte keine gefestigte und verankerte ö k o n o m i-
s c h e Bourgeois-Klasse." 32)
Im Gegensatz zu den Prinzipien, wie sie von Marx in der
"Einleitung" umrissen wurden, bemerkt Gramsci: "Das Problem war
nicht so sehr, die bereits entfalteten ökonomischen Kräfte frei-
zusetzen, als vielmehr die allgemeinen Bedingungen herzustellen,
damit diese ökonomischen Kräfte entstehen konnten." 33) Eine
recht eigenartige Situation der Umkehrung der Marxschen Prinzi-
pien des Übergangs also: Der Staat stützt sich nicht etwa auf
eine entwickelte ökonomische und bürgerliche Gesellschaft, viel-
mehr muß er mit seinem eigenen Apparat die Bedingungen seiner
Entwicklung herstellen. In einer solchen Situation - in genau
derselben sollte sich die UdSSR nach dem Bürgerkrieg befinden -
ist die Autonomie der Klasse gegenüber dem Staat, ihre
H e g e m o n i e beeinträchtigt. Denn wenn der Staat ein Parti-
sanen-Staat (und gar ein Partei-Staat) ist, schränkt das die He-
gemonie nicht nur an der Massenbasis ein, sondern ebenso im In-
nern der Klasse selbst. "Es wird die Hegemonie e i n e s
T e i l s der gesellschaftlichen Gruppe gegenüber der gesamten
Gruppe, ... und nicht die Hegemonie dieser Gruppe gegenüber ande-
ren gesellschaftlichen Kräften zur Stärkung der Bewegung sein."
34) Dieser Hegemonieverlust, der bei den passiven und staatlich
getragenen Übergängen auftritt, bringt unausweichlich gesell-
schaftliche Reproduktionsmechanismen elitär-bürokratischer Natur,
Formen des "bürokratischen Zentralismus" hervor. "In den Staaten
zeigt der bürokratische Zentralismus an, daß sich eine stark pri-
vilegierte Gruppe herausgebildet hat, die ihre Privilegien zu be-
wahren versucht, indem sie das Aufkommen entgegenwirkender Kräfte
an der Basis auffängt und i m K e i m e r s t i c k t." 35)
Aus dieser Überlegung zu den passiven, staatlich getragenen Über-
gängen zieht Gramsci zwei Schlußfolgerungen:
1.) Wenn man nicht will, daß der Staat an die Stelle der Klasse
tritt, dann muß diese Klasse sich die (ideologische, kulturelle
und politische) Hegemonie v o r und n a c h der Machtüber-
nahme erobern. Dies setzt die Existenz institutioneller Formen
voraus, die keinen "verstaatlichten" Charakter tragen, sondern
die Basisdynamik und Mechanismen der "Vergesellschaftung der Po-
litik" zulassen.
2) Diese neue Dialektik von Hegemonie und Herrschaft macht hin-
sichtlich der Übergangsprozesse ebenfalls die Besonderheit des
Übergangs im Westen deutlich. Der Unterschied zwischen dem Bewe-
gungskrieg im Osten und dem Stellungskrieg im Westen verweist auf
die Art der G e w i c h t u n g im Verhältnis zwischen den un-
terschiedlichen Momenten des gesellschaftlichen Ganzen. Im Unter-
schied zum Osten, wo der Staat alles und die bürgerliche Gesell-
schaft wenig entwickelt und gallertartig war, ist die bürgerliche
Gesellschaft bei fortgeschrittenen Staaten "eine hochentwickelte
Struktur geworden, die gegenüber katastrophenhaften ,Einbrüchen'
des unmittelbaren ökonomischen Elements (Krisen, Depressionen)
widerstandsfähig ist." 36)
Diese und andere, ebenso bekannte Hinweise bezeichnen zwar eine
für den Westen spezifische revolutionäre Strategie, doch bleibt
auf jeden Fall noch ihr Wesen genauer zu bestimmen. Es trifft ei-
gentlich nicht zu - wie oft angenommen wurde - , daß das hegemo-
niale Element (Stellungskrieg) gegenüber dem der Herrschaft
(Bewegungskrieg) dermaßen überwiegt, daß es im Denken Gramscis
über den Staat keinerlei Zwangselement, keinerlei Einschränkung
durch die Ausübung von Herrschaft gebe. Ebensowenig trifft es zu,
daß der Vorrang des Stellungskrieges jegliches Moment des Bruchs,
der Bewegung ausschaltet, gerade weil Gramsci viel daran liegt
klarzustellen, daß der strategische Vorrang des Stellungskrieges
taktische Elemente des Bewegungskrieges und des Bruchs mit dem
herrschenden gesellschaftlich-politischen Gleichgewicht ein-
schließt; in diesem Sinne gibt es niemals einen reinen
"Stellungskrieg". Die Dissymmetrie im Bewußtsein über historische
Aufgaben (und somit über Strategien) sowie die den jeweiligen
Verhältnissen entsprechende Gewichtung von Bewegungskrieg und
Stellungskrieg beim Übergang sind von allgemeiner Bedeutung und
stellen schon annähernd ein "Prinzip der Politischen Wissen-
schaft" dar. Aus diesem Grunde verlangt das Bestehen eines
"richtigen Verhältnisses" zwischen bürgerlicher und politischer
Gesellschaft im Westen mannigfaltige Formen der Politik, eine
neue Abgrenzung des politischen Raums für alle beteiligten Klas-
sen. Damit will ich nur sagen, daß auch die herrschenden Klassen
in der Lage sind, einen "Stellungskrieg" zu führen. In diesem
Sinne ist die Theorie der passiven Revolution als kritische Er-
gänzung zur Marxschen Problematik des Übergangs nicht auf die
"passiven Übergänge" begrenzt: Sie erfaßt auch die Weisen d e r
p a s s i v e n N e u s t r u k t u r i e r u n g des Kapita-
lismus selbst.
3. Über die passiven Revolutionen der herrschenden Klassen:
-----------------------------------------------------------
der Stellungskrieg
------------------
Wenn die "passiven Übergänge", strukturell gesehen, das spezifi-
sche Gewicht der Verlagerungsprozesse von der Hegemonie hin zur
Herrschaft, zur Bürokratisierung und "Verstaatlichung" aufzeigen,
sollte daraus nicht oder Schluß gezogen werden, die Theorie der
passiven Revolution beziehe sich ausschließlich auf den Überbau
und gebe einer Art reformistischen Dualismus von Basis und Staat,
Produktion und Politik Raum. Davon kann keine Rede sein. Die
Neufassung des sozialistischen Übergangs in Begriffen des histo-
rischen Blocks beabsichtigt genau das Gegenteil. Nicht nur weil
Gramsci die Entstehung eines historischen Blocks als verwirk-
lichte Einheit von Basis und Überbau, von objektiven und subjek-
tiven Bedingungen definiert, sondern weil er die B e d i n-
g u n g e n dieser Einheit benennt; Bedingungen, die die beiden
Prinzipien des Übergangs, wie Marx sie dargelegt hat, vollauf
rechtfertigen.
Die erste Bedingungen ist bekannt. Im Unterschied zu einem einfa-
chen Bündnis von Klassen und gesellschaftlichen Kräften beinhal-
tet die Gestaltung eines historischen Blocks eine Umgestaltung
der gesellschaftlichen Rollen innerhalb des Bündnisses und eine
Umwandlung der Macht- und Politikformen: also des dialektischen
und organischen Verhältnisses zwischen Intellektuellen und Volk,
Führern und Geführten, Regierenden und Regierten, alles Verhält-
nisse, die eine Kultur-Revolution als Dimension einer neuen
staatlichen Praxis, eines neuen Staatstyps erfordern. 37) Aber
die e x p a n s i v e Einheit des "historischen Blocks" unter-
scheidet sich ebenso von jeder bürokratischen Organisation eines
bloßen "Machtblocks", der das Herrschaftsmoment bevorzugt und ein
(bestenfalls) passives (schlimmstenfalls administrativ-repressi-
ves) Verhältnis der Massen zu den Institutionen entstehen läßt.
Der historische Block ist das Gegenteil der passiven Revolution
und macht eine zweite Bedingung erforderlich. Gramsci bezeichnet
sie als "Homogenität" zwischen Basis und Überbau, was gleichbe-
deutend ist mit der Überwindung der rein "ökonomisch-korporati-
ven" Funktion des Staates (als Agent der Ökonomie).
Die Strategie des historischen Blocks als Neufassung des Über-
gangs umschreibt mithin im Positiven, was die passive Revolution
im Negativen umreißt. So als ob das Gegensatzpaar (Binom) histo-
rischer Block/passive Revolution die beiden Grenzbereiche, die
beiden kritischen Schlußfolgerungen aus den von Marx benannten
Prinzipien des Übergangs definierte, so daß die ökonomistisch-me-
chanistische Auffassung des Übergangs überwunden wird. In diesem
Fall kann man ohne weiteres annehmen, daß die Kritik am Ökonomis-
mus weder etwas zu tun hat mit einer voluntaristischen Aushöhlung
der Ökonomie noch mit einer ethisch-politisch totalisierenden
Vereinnahmung der Geschichte à la Croce. Sie umreißt vielmehr
eine nicht-ökonomistische Auffassung der Ökonomie, eine den Pro-
zessen des passiven Übergangs angemessene Neuinterpretation; Pro-
zesse, die als Gegenangriff des Kapitals von der kapitalistischen
Arbeitsorganisation und den neuen Verhältnissen zwischen Ökonomie
und Politik, Massen und Staat, ausgehen, wie dies in den dreißi-
ger Jahren der Fall war.
Daß der Faschismus im 20. Jahrhundert das historische Gegenstück
zum Liberalismus des 19. Jahrhunderts darstellt, daß er e i n e
n e u e F o r m der passiven Revolution sein soll, "ein Stel-
lungskrieg im ökonomischen Bereich" 38), ist überhaupt nicht ein-
sichtig. Es scheint also, daß Gramsci selbst lange Zeit den Be-
ziehungen zwischen Cäsarismus und Faschismus Vorrang gegeben hat,
um die Krise der Faschisierung (der Hegemonie) und ihre Folgen
besser in den Griff zu bekommen, die mit einem Katastrophen-
Gleichgewicht der gesellschaftlichen Kräfte verbunden war: der
totalitäre Staat. Demnach beruht die Faschismusanalyse ab Heft 8
(1931-32) auf zwei grundlegenden Begriffen: passive Revolution
und Stellungskrieg. 39) Der Begriff der passiven Revolution
selbst wird von nun an einer Modifikation unterzogen und kenn-
zeichnet nun eine Tendenz, die dem amerikanischen Typ kapitali-
stischer Entwicklung immanent ist. Wenn der Stellungskrieg eine
neue offensive Strategie der Arbeiterklasse im Westen bedeutet,
die imstande ist, den komplexen Prozessen des staatlichen Ein-
dringens in die Ökonomie und die "Hegemonie-Apparate" Rechnung zu
tragen, so daß die Eroberung der bürgerlichen Gesellschaft das
Vorspiel zur Eroberung des Staates wird, dann müssen alle Schluß-
folgerungen daraus hinsichtlich der Strategie der herrschenden
Klassen im voraus gezogen werden. Die Gegentendenzen des Kapita-
lismus, seine passiven Revolutionen, zeichnen sich v o n der
Ökonomie h e r und i n ihr, v o n den Hegemonieapparaten
h e r und i n ihnen ab.
Während alle politikwissenschaftlichen Ansätze den Faschismus
hauptsächlich unter seinem totalitären Aspekt, von seinen ideolo-
gisch-repressiven oder staatlichen Mechanismen her betrachten,
entwickelt Gramsci, der diese Ansätze keineswegs ausschließt,
einen anderen Untersuchungsgang, der im Kern schon in der Räte-
Strategie von 1919-20 angelegt war und der auf den Verhältnissen
zwischen der Reorganisation der Produktivkräfte und den Formen
der Politik beruht. Verbirgt der Faschismus als totalitärer Staat
nicht eine neue Form des Reformismus, die mit dem Staatskapita-
lismus verknüpft ist? Der Stellungskrieg im ökonomischen Bereich
geht von der kapitalistischen Reorganisierung der Produktivkräfte
aus und stützt sich auf die Einführung widersprüchlicher Elemente
mittelfristiger Planung: "Wäre dann der Faschismus nicht genau
die Form 'passiver Revolution', wie sie dem 20. Jahrhundert eigen
ist? ... Man könnte es so fassen: Die passive Revolution würde
sich verwirklichen in der Tatsache der 'reformistischen' Umge-
staltung der Wirtschaftsstruktur, von einer individualistischen
Wirtschaft zu einer nach Plan (direkte Wirtschaft)". 40) Diese
Entstehung einer "mittleren Wirtschaftsform" "p a s s i v e n
C h a r a k t e r s" (die Gramsci auf den Korporativismus zu-
rückführt), bringt in der Tat eine neue Rolle des Staates in der
Ökonomie mit sich. Die zweite Fassung derselben Stelle ist dies-
bezüglich noch deutlicher: "Eine passive Revolution läge dann
vor, wenn durch d e n g e s e t z g e b e r i s c h e n E i n-
g r i f f d e s S t a a t e s und über die korporative
Organisation in der Wirtschaft des Landes in verstärktem Maße das
Element "Produktionsplan" mehr oder weniger weitgehend eingeführt
worden wäre." 41)
Gewiß erfahren Profit und Führungskraft der traditionellen, herr-
schenden und führenden Klassen keine Veränderung, weil die
"Revolution" passiv bleibt und die Produktivkräfte sich unter ih-
rer Leitung weiterentwickeln. Doch gewisse Bündnisformen können
dadurch betroffen werden, weil die passive Revolution bei be-
stimmten Gruppen, insbesondere "bei der großen Masse der städti-
schen und ländlichen Kleinbürger" 42) Illusionen und Hoffnungen
erzeugt. Deshalb ist diese Art von "Reformismus" nicht einfach
das Resultat einer Politik, sondern eher, wie dies der Amerika-
nismus und Fordismus zeigen, das Resultat "einer immanenten Not-
wendigkeit, zur Organisation einer programmatischen Wirtschaft'
zu gelangen"; darüber hinaus ist er Ausdruck dieses "neuen Akku-
mulations- und Distributionsmechanismus des Finanzkapitals, das
sich unmittelbar auf die Industrieproduktion stützt." 43)
Im Gegensatz zu den Katastrophen-Analysen der III. Internationale
über den entwickelten Kapitalismus und "seine Wende" in den Jah-
ren 1929-30 räumt Gramsci die Möglichkeit einer kapitalistischen
Entwicklung der Produktivkräfte i n b e s t i m m t e n B e-
r e i c h e n ein, sofern sie sich sowohl ökonomisch als auch
ideologisch und moralisch (durch die Verstärkung des moralischen
Zwangs, den der Staatsapparat ausübt) auf den Staat stützen. In
diesem Sinne wird der Staat selbst "der größte plutokratische
Organismus, eine Holding der großen Ersparnisse der Klein-
industrie." 44) Von nun an ist das Gleichgewicht zwischen Konsens
und Zwang, wie es der politischen Hegemonie des klassischen Par-
lamentarismus eigen ist, in seinen Institutionen und seiner Mas-
senbasis zerstört. Gewiß bleibt Gramsci bei seiner Kritik am
"bürgerlichen" Parlamentarismus noch auf dem Boden des Leninis-
mus. (Die bitteren Erfahrungen des antifaschistischen Kampfes und
des Stalinismus mußten erst noch gemacht werden, bevor das Ver-
hältnis zwischen repräsentativer Demokratie und Sozialismus sich
von Grund auf neu stellte und die Demokratie zum Dreh- und Angel-
punkt einer Übergangsstrategie wurde.) Nicht weniger besteht
Gramsci auf der Besonderheit und Vielfalt der Staats- und Hegemo-
nieformen, indem er die Dialektik von bürgerlicher Gesellschaft
und Staat zum bestimmenden Element dieser Formen und der Proble-
matik des "Absterbens" des Staates macht. Die Verlagerung der
bürgerlichen Gesellschaft hin zum Staat, wie sie den 'totalen'
(totalitären) Staat kennzeichnet, wird vom Eindringen des Staates
in die Ökonomie und in die Massen-Institutionen begleitet. Im Ge-
gensatz zu dieser Stärkung des Staates verlangt das Absterben des
Staates im Kommunismus eine Ausweitung der bürgerlichen Gesell-
schaft und ihre Selbstregulierung auf Kosten der politischen Ge-
sellschaft. Das heißt, daß die Dialektik von bürgerlicher Gesell-
schaft und Staat keineswegs einen Rückfall auf neocroceanisch-he-
gelianische Positionen gegenüber der marxistischen Analyse der
Produktionsweise bedeutet, wie dies Althusser annahm; das Gegen-
teil ist der Fall. Zum einen, weil diese Dialektik das politische
Denken von Marx einschließt: seine Kritik an den abergläubischen
Vorstellungen über den Staat, am verselbständigten und zentrali-
stischen Staat, der alle gesellschaftlichen Kräfte durch eine un-
geheure bürokratische und parasitäre Maschinerie aufsaugt. Vor
allem aber, weil eine solche Dialektik einen anti-ökonomistischen
Zugang zur Ökonomie selbst zuläßt, mithin eine Neubewertung des
Gesellschaftlichen in seinen Bezügen zum Politischen sowie eine
Analyse der Formen der Politik, die gewisse Instrumente für eine
"linke" Kritik am Stalinismus als "passiver Revolution" bietet.
Im Unterschied zum "klassischen" parlamentarischen Staat, der der
bürgerlichen Gesellschaft (gleichgewichtig) eine relative Unab-
hängigkeit bewahrt, bewirken die Veränderungen des Staates nach
den Jahren 1930 eine Veränderung des Verhältnisses zwischen Öko-
nomie und Politik, ein n i c h t - i n s t r u m e n t e l l e s
V e r h ä l t n i s zwischen beiden. Die gesellschaftliche Ar-
beitsteilung und die Produktionsverhältnisse haben nicht nur die
Stützfunktion für einen außerhalb von ihnen hervorgebrachten
Staat inne, sondern auch die Rolle von "Kasematten", der
"organisatorischen Reserven" für einen Mechanismus der Hervor-
bringung des Staates, der die Massen nicht mehr außerhalb seines
Bezugsfeldes stehen lassen kann. Zwischen der Staatsform und dem
Akkumulationsgesetz des Kapitals werden die Beziehungen funktio-
naler und unvermittelter. Kurz, die passive Revolution entsteht
aus der Fabrik wie die Hegemonie. Darin besteht wohl die Origina-
lität der Analyse des Taylorismus-Fordismus durch Gramsci: die
Gegentendenzen des Kapitals von den Organisationsformen der Ar-
beit her zu erfassen, den Bereich der Politik, wie er in der
Strategie der Fabrikräte angelegt war, im Licht der neuen Ent-
wicklungen des Kapitalismus, also die Politikformen in ihrem Ver-
hältnis zu den Produktivkräften von neuem zu erforschen.
Die "passive Revolution" im amerikanischen Sinne vollzieht sich
auf dem Wege der periodischen Zufriedenstellung der Lohnabhängi-
gen (Politik hoher Löhne), durch die Entwicklung interner Diffe-
renzierungspraktiken in der Arbeiterklasse, durch die Herausbil-
dung eines neuen aufgesplitterten, parzellierten und auswechsel-
baren Proletariats. Die Entwicklung der Produktivkräfte und ihre
"Rationalisierung" findet unter Führung der herrschenden Klassen
statt, die über das Monopol zur Initiative verfügen, während es
keine bewußte und unabhängige Führung der Arbeiterklasse gibt.
Wie N. Badaloni zu Recht hervorgehoben hat: "Die passive Revolu-
tion ist eine Situation, die durch das Fehlen des einigenden Ele-
ments des Politischen im Zusammenhang mit den neuen Produktiv-
kräften bedingt ist." 45) Es ist deshalb nicht zufällig, daß
Gramsci angesichts dieser verfehlten Vergesellschaftung der Poli-
tik in den "Heften" auf die Erfahrungen des Ordine Nuovo zurück-
greift, das "eine Form von Amerikanismus aufrechterhielt, die den
Arbeitermassen genehm war." 46) Die Hegemonie entsteht also mit
der Kontrolle und meisterlichen Beherrschung des Arbeitsprozes-
ses, mit politischen Basisformen (Räteformen), wodurch die
E i n h e i t der Arbeiterklasse als "Produzenten"-Klasse reali-
sierbar wird.
In Anbetracht der neuen Formen der Kontrolle über die Massen, wie
sie der Amerikanismus von der Fabrik her entwickelt und der Fa-
schismus (Staatsgewerkschaft, Korporativismus) auf die Spitze ge-
trieben hat, bezieht sich Gramsci stärker auf die Erfahrung des
Ordine Nuovo als Form einer passiven Anti-Revolution denn als Ba-
sis eines Rätestaates mit pyramidenartigem und zentralisiertem
Aufbau, wie in den Jahren 1919-20. Denn ein solcher Staat, der
sich auf eine doppelte Machtstruktur stützt, ist genauer besehen
das Ergebnis eines Bewegungskrieges, eines "frontalen Angriffs",
der im Westen sehr unwahrscheinlich, ja geradezu unmöglich ist.
Durch eine sonderbare theoretische Verschiebung verweist das Ge-
gensatzpaar passive Revolution/passive Anti-Revolution (Tayloris-
mus-Fordismus/Fabrikräte) nun auf einen d i r e k t e n Bezug
zu Marx, wenn auch die leninistische Vermittlung hinsichtlich des
Staat-Werdens der Arbeiterklasse gegenwärtig bleibt. Der direkte
Bezug zu Marx liegt insofern vor, als die passive Revolution
diejenige k r i t i s c h e F o l g e r u n g darstellt, die
es, ausgehend von einer Art Expansionsvermögen der Politik an
"der Basis" 47), ermöglicht, die Kritik der politischen Ökonomie
auf neue Weise mit der Revolutionstheorie zu verbinden. In der
Tat stellt die Entwicklung des Taylorismus/Fordismus und, allge-
meiner betrachtet, des Amerikanismus eine kapitalistische Antwort
auf das Gesetz des Falls der Profitrate dar, welches Marx ent-
deckt hat. Mehr noch, dieses Gesetz "müßte auf der Grundlage des
Taylorismus und des Fordismus untersucht werden". 48) Im Gegen-
satz zu allen ökonomistischen Interpretationen dieses Gesetzes,
welches die Entwicklung und Reorganisierung der m a t e r i e l-
l e n Produktivkräfte bevorzugt, hebt Gramsci neben all diesen
Faktoren die entscheidende Rolle der "Herausbildung eines neuen
Arbeitertyps" hervor, der "durch die taylorisierte Rationalisie-
rung der Bewegungen eine relativ und absolut größere Produktion
ermöglicht." 49) Der Typus der Arbeiterklasse und die Verände-
rungen in ihr bedingen sowohl in morphologischer als auch in
politischer Hinsicht das Wesen des Gesetzes, seinen t e n d e n-
z i e l l e n Charakter. Denn es könnte gar kein tendenzielles
Gesetz ohne Gegentendenzen existieren, d.h. ohne variable
Politik, ohne Einführung neuer Kräfteverhältnisse in die Öko-
nomie. "Denn das Gesetz ist der widersprüchliche Aspekt zu einem
anderen Gesetz, dem Gesetz des relativen Mehrwerts, welches die
molekulare Expansion des Fabriksystems bestimmt." 50)
Die passive Revolution als Prozeß der kapitalistischen Rationali-
sierung der Arbeit bleibt langfristig widersprüchlich, weil sie
ihr Gegenteil hervorbringt: die molekulare Expansion des Fabrik-
systems. Hinzu kommt, daß die politische Strategie des Stellungs-
krieges den Auswirkungen dieser Rationalisierung entgegenarbeitet
und der Vermassung und Spaltung der Arbeiterklasse ihre Vereini-
gung an der Basis gegenüberstellt, entsprechend Marxens Idee vom
"kollektiven Arbeiter".
Indem Gramsci die Rätebewegung ausdrücklich mit Marxens theoreti-
scher Kategorie des "kollektiven Arbeiters" in Verbindung bringt,
versucht er, ein neues Verhältnis zwischen Ökonomie und Hegemonie
zu definieren und die Hegemonie als kritisches Prinzip gegenüber
allen ökonomistischen Interpretationen des K a p i t a l s zu
begreifen. Wenn es zutrifft, daß die passive Revolution dazu
neigt, die technischen Anforderungen mit den Interessen der herr-
schenden Klasse zu verbinden, vermag die Hegemonie mit ihren po-
litischen Basisformen eine "Spaltung" zu bewirken, indem sie die
Bedingungen für eine neue historische Synthese herstellt und die
technischen Anforderungen mit den Interessen einer noch unterge-
ordneten Klasse in Einklang bringt. Die passive Anti-Revolution
setzt sich in der Herausbildung eines neuen Bewußtseins der Pro-
duzenten durch 51): als "Vergesellschaftung der Politik".
Wir wollen diesen Punkt vorläufig abschließen. Die Berücksichti-
gung der p o l i t i s c h e n F o r m ermöglicht die Vereini-
gung der parzellierten und "rationalisierten" Arbeiterklasse, die
ständig den Auswirkungen der passiven Revolutionen des "Kapitals"
unterworfen ist, und verankert dadurch die Hegemonie in der Öko-
nomie, denn "wenn die Hegemonie ethisch-politisch ist, so muß sie
auch ökonomisch sein." 52) Man sollte jedoch nicht glauben, daß
dieser Standpunkt sich nur auf den Kapitalismus bezieht. Von ihm
aus lassen sich ebenso die Widersprüche und "Abweichungen" des
Sozialismus angehen. Als Gramsci 1921 den Amerikanismus Trotzkis
bzw. seine Vorstellung kommentierte, "der Industrie und industri-
ellen Methoden den Vorrang zu geben, die Disziplin und Ordnung in
der Produktion durch Zwangsmittel zu beschleunigen" (Vorstel-
lungen, die Stalin in die Tat umgesetzt hat), bemerkt er, daß
eine solche Form amerikanistisch-militärischer Entwicklung Gefahr
laufe, zu einem neuen Bonapartismus zu führen 53); d.h. zu einem
Cäsarismus, der die passive Revolution in den Überbaustrukturen
(der Staat setzt sich an die Stelle der Klasse) mit dem
Amerikanismus in der Arbeitsteilung kombinieren würde. Bei dieser
sonderbaren Kombination verliert die Arbeiterklasse in doppelter
Hinsicht ihre e x p a n s i v e Hegemonie. Resultat: Es fehlt
ein wirklicher historischer Block des Sozialismus. Diese Behaup-
tung verkehrt sich leicht in ihr Gegenteil, denn in welchem Sinne
ist der historische Block als Neuformulierung der Übergangspro-
blematik eine passive Anti-Revolution?
III. Schluß: Der Übergang als passive Anti-Revolution
-----------------------------------------------------
Die vorangegangenen Untersuchungen der passiven Revolution und
die darin aufgeworfenen Probleme erlauben es jetzt, zu einer An-
zahl von Thesen und Schlußfolgerungen zu gelangen, die der weite-
ren Diskussion dienlich sein können.
Die spezifischen Probleme der revolutionären Strategie im Westen
erweisen sich als noch "komplexer", als man am Anfang annehmen
konnte. Aus dem Scheitern der proletarischen Revolutionen im We-
sten ergibt sich für Gramsci eine erste strategische Schlußfolge-
rung: Es wird notwendig sein, zu einem langwierigen
"Stellungskrieg" überzugehen mit dem Ziel, die Gesamtheit der or-
ganisatorischen Reserven, die von der Bourgeoisie entwickelt wur-
den, ihren Staat und ihre Hegemonie-Apparate in Bewegung zu brin-
gen. Aber eine solche Strategie kollidiert andauernd mit einem
anderen Stellungskrieg, den unterschiedlichen Formen der passiven
Revolution von selten des Kapitals nämlich, die neuartige Refor-
mismus-Formen hervorbringen. Aus diesem Grunde läßt uns die Wie-
deraufnahme und Weiterentwicklung des Leninschen Begriffs der He-
gemonie einen n e u e n G e g e n s t a n d bestimmen. Es han-
delt sich um die Gesamtheit der Machtstrukturen, wie sie dem We-
sten eigen sind und in Rußland kaum existieren. Diese Strukturen
sind ein Hindernis für jeglichen "Frontalangriff" und jede Wie-
derholung des "Modells" der Oktoberrevolution. Man sollte daraus
nicht den etwas voreiligen Schluß ziehen, dieser Sachverhalt habe
reinen Überbaucharakter. 54) Denn aus der passiven Revolution
kann man zwei Schlüsse bezüglich der dialektischen Verhältnisse
zwischen Ökonomisch-Gesellschaftlichem und Politischem ziehen,
die als kritische Folgerungen aus den Prinzipien, wie sie Marx in
der E i n l e i t u n g z u r K r i t i k d e r p o l i t i-
s c h e n Ö k o n o m i e dargelegt hat, gelten.
1.) Der Übergang von einer Produktionsweise zu einer anderen
bleibt passiv und etatistisch, wenn er ohne Hegemonie auf ökono-
mischer Ebene stattfindet; ein typischer Fall der Umkehrung der
Marxschen Prinzipien, denn der Staat dient als I n s t r u-
m e n t zur Entwicklung der Produktivkräfte. Man kennt den Preis
für diese Art von passiver Revolution: eine "forcierte"
Akkumulation, von der vor allem die Bauernschaft betroffen ist
(man vergleiche diesbezüglich die Anmerkungen Gramscis zur feh-
lenden Agrarreform im Risorgimento und allgemeiner den Stel-
lenwert der "Süditalien-Frage" bei den passiven Revolutionen); an
die Stelle der Klasse tritt ein bürokratisierter Partei-Staat;
Verlust der Hegemonie... Mit anderen Worten: das Fehlen des
historischen Blocks des Sozialismus.
2.) Umgekehrt lahmt die Verwirklichung einer Hegemonie der füh-
renden Klassen durch eine "ökonomistische" Neustrukturierung der
Produktivkräfte die Autonomisierung der Arbeiterklasse, belastet
ihre Bündnisse und verändert die Verhältnisse zwischen Ökonomie
und Politik: Der Staat wird selbst "ein Instrument der
'Rationalisierung', der Beschleunigung und Taylorisierung, er
wird nach einem Plan tätig". 55) Unter diesen Bedingungen wird
die Fabrik selbst Ort der Vereinigung von Gesellschaftlichem und
Politischem. Jede Strategie des "Stellungskriegs" verankert sich
im "gesamten Organisations- und Industriesystem." 56) Diese bei-
den kritischen Folgerungen verändern also die Topologie des klas-
sischen Schemas von Basis und Überbau und folglich den Stellen-
wert der Politik als bestimmendes Element bei der Überwindung ei-
ner Produktionsweise. Von dem Zeitpunkt an, wo der Staat in die
Ökonomie und in die Hegemonie-Apparate der bürgerlichen Gesell-
schaft dringt, wirkt der Staat zugleich in der Basis und außer-
halb der Basis, die Politik zugleich im Ökonomisch-Gesellschaft-
lichen und außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft. Indem Gramsci
an bestimmte Hinweise des späten Lenin bezüglich der Verlagerung
der Orte und Einsätze der Politik im Prozeß des Übergangs an-
knüpft, entdeckt er e i n e g e w i s s e h i s t o r i-
s c h e B e s t i m m t h e i t (Historizität) des Verhältnis-
ses von Politik- und Theorieformen. "Der ökonomisch-korporativen
Phase, der des Kampfes um die Hegemonie in der bürgerlichen
Gesellschaft, der staatlichen Phase entsprechen bestimmte
intellektuelle Aktivitäten, die nicht willkürlich improvisiert
und antizipiert werden können. In der Phase des Kampfes um die
Hegemonie bildet sich die Politikwissenschaft heraus, in der
staatlichen Phase müssen sich alle Überbaustrukturen entwickeln,
bei Strafe der Auflösung des Staates".
Eine derartige Stellung gewinnt ihre ganze Bedeutung erst durch
den Bezug auf die Arbeit im Gefängnis selbst. Er konnte weder
"willkürlich improvisieren" noch diesen historisch-theoretischen
Zeitabschnitt "antizipieren", den er in gewissem Sinne als einen
kritischen und utopischen Horizont programmatisch ins Auge faßt:
nämlich die Entwicklung aller Überbaustrukturen eines homogenen
und expansiven historischen Blocks bis zum Absterben des Staates.
Denn er rang zu jener Zeit gerade um den Begriff der Hegemonie,
während die passive Revolution im Westen wie im Osten im Vor-
marsch war. Die Erweiterung der berühmten These von Marx, in der
von der Entsprechung zwischen Produktivkräften und Produktions-
verhältnissen zur Gesamtheit der Verhältnisse von Basis und Über-
bau die Rede ist, fungiert als eine Art k r i t i s c h e
N o r m, die es möglich macht, die ganze historische Pathologie
der passiven Revolutionsprozesse in der italienischen und europä-
ischen Geschichte zu erfassen, insbesondere die bürokratisch-au-
toritären Deformationen der Übergänge von einer Produktionsweise
in die andere. Aus dieser nicht-linearen Entwicklung der Ge-
schichte, die sich auf einen "Pessimismus der Erkenntnis" beruft,
um einen "Optimismus des Willens" zu provozieren, zieht Gramsci
eine Schlußfolgerung: Man muß mit jeglicher ökonomistischen Auf-
fassung der gesellschaftlichen Realität b r e c h e n. Dieser
Bruch richtet sich gerade auf die Konzeption von Staat und Macht,
auf das übergehen von einer instrumentellen und "engen" Staats-
auffassung (als Regierung oder Zwangsapparat) zu einer erweiter-
ten Auffassung des Staates (als Herrschaft plus Hegemonie). Die-
ser Bruch bleibt jedoch von einer widersprüchlichen Spannung ge-
prägt, weil der Hegemoniebegriff eine doppelte Funktionsweise
vermuten läßt.
In der Tat dient die Hegemonie, wie die jüngsten Debatten gezeigt
haben, zugleich als "Staats"-Prinzip und als kritisches anti-
staatliches Prinzip. Als Staatsprinzip insofern, als sie jede
Analyse berichtigt, die den Staat auf die politische Gesellschaft
reduziert, und ihn auf die Gesamtheit der Überbauformen in ihren
Beziehungen zur Massenbasis (Hegemonie-Apparate) ausdehnt. Als
anti-staatliches Prinzip insofern, als die Hegemonie eine Kritik
an der politischen Pathologie (Diktaturen ohne Hegemonie) ermög-
licht und auf das hinweist, was an einer Klassenführung und an
einem w i r k l i c h e n historischen Block nicht staatlich
sein kann und darf. Es gibt Interpretationen, die eine Zerlegung
dieser Antinomie zugunsten eines der beiden Prinzipien anstreben:
zum einen Hegemonie als bloße Bereicherung der Diktatur; zum an-
deren, Hegemonie als eine Strategie, die jedes Zwangsmoment des
Staates und im Staate auszuräumen versucht. 58) Im Gegensatz dazu
scheint diese widersprüchliche Spannung im Hegemoniebegriff eng
mit der Auffassung Gramscis, mit seiner Neuinterpretation der
Problematik des Übergangs als passive Revolution in Verbindung zu
stehen.
Wenn, wie einzelne Textstellen es nahelegen, die Morphologie des
Übergangs als eine Politik verstanden werden kann, in der einan-
der z w e i F o r m e n v o n S t e l l u n g s k r i e g
(und nicht nur eine) gegenüberstehen und wenn diese beiden Kriege
zutiefst dissymmetrisch sind, so bleibt zu fragen, ob daraus
nicht ein einfacher Schluß zu ziehen ist: Der Hegemoniebegriff
selbst weist in dissymmetrischer Weise zwei Gesichter auf, je
nach dem ob man ihn unter dem Gesichtspunkt der Strategie der
herrschenden Klassen oder unter dem Gesichtspunkt der Strategie
der untergeordneten Klassen im Kampf um eine neue Führung der Ge-
sellschaft betrachtet. Für die herrschenden Klassen ist die Er-
weiterung des Staates immer eine "Stärkung", wenn man berücksich-
tigt, daß sich diese Stärkung aufgrund der durch die passiven Re-
volutionen entstandenen Mechanismen vermittels neuer Formen der
Massenintegration in die staatlichen und hegemonialen Institutio-
nen vollzieht. Die Präsenz der Massen in den Institutionen, die
Tatsache, daß der Staat mehr und mehr ein materielles und (in ei-
nem Apparat) materialisiertes Konzentrat der Gesamtheit der ge-
sellschaftlichen Kräfteverhältnisse wird, verändern radikal das
Verhältnis zwischen Stellungskrieg und Bewegungskrieg.
Die Möglichkeit, unter diesen Bedingungen einen Stellungskrieg zu
führen (das Moment des Bruchs gibt es weiterhin, aber es bleibt
'partiell) verlangt von der Arbeiterklasse und ihren Verbündeten
die Fähigkeit, ihre Stellungen zu festigen und eine S t r a t e-
g i e d e r p a s s i v e n A n t i - R e v o l u t i o n zu
entwickeln. Gramsci beschreibt einige institutionelle Gliede-
rungen dieser Strategie. Zwar wird man in der Analyse Gramscis
vergeblich irgendwelchen politischen Pluralismus auf der Ebene
des Staates suchen, doch dafür findet man einen i n s t i t u-
t i o n e l l e n P l u r a l i s m u s, der der Übergangs-
problematik der Erweiterung des Staates entspricht. Neben den
basisdemokratischen Formen hebt Gramsci die entscheidende Rolle
der Partei als "moderner Fürst" hervor, d. h. die Partei als
M a s s e n p a r t e i. Das Beharren auf dem Massencharakter
der Partei, die Kritik am bürokratischen Zentralismus zugunsten
eines demokratischen Zentralismus, in dem die politische Führung
und die Bewegung von unten miteinander vermittelt sind, ist gewiß
nicht neu. Man findet diesen Gesichtspunkt beispielsweise im
polemischen Briefwechsel zwischen Gramsci und Togliatti in Bezug
auf die Einschätzung der Opposition in der Sowjetunion im Jahre
1926. Gramsci macht keinen Hehl aus seiner Mißbilligung der
Auswirkungen zentralistischer und autoritativer Methoden der
KPdSU. Er bemerkt, daß solche Methoden zwangsläufig "Rechts- und
Linksabweichungen" hervorbringen sowie die Führungsfunktion der
Kommunistischen Partei der UdSSR, die sie unter der Führung
Lenins erlangt hatte, belasten 59) und damit auch die
Durchschlagskraft zur "Revolutionierung" der Massen im Westen
vermindern werden. Immerhin gewinnt dieser nicht so neue
Gesichtspunkt trotzdem eine neue theoretische Dimension, wo
Gramsci die Frage des bürokratischen Zentralismus mit der passi-
ven Revolution selbst und ihren Auswirkungen in Verbindung
bringt. Dies wird durch jene entscheidende Textstelle belegt, wo
Gramsci den kritischen Charakter der Theorie der passiven Revolu-
tion in Bezug auf die beiden Prinzipien der "E i n l e i-
t u n g" von Marx kommentiert und hinzufügt: "Revision einiger
sektiererischer Begriffe der Theorie der Parteien, die geradezu
eine Form von Fatalismus in der Art des 'göttlichen Rechts'
darstellen; Ausarbeitung von Begriffen der Massenpartei und der
kleinen Elitepartei und der V e r m i t t l u n g z w i-
s c h e n b e i d e n." 60)
Daß eine solche V e r m i t t l u n g die klassische Form der
Partei, wie Lenin sie festgelegt hatte, modifiziert, daß sie eine
neuartige Dialektik des Verhältnisses von Ökonomisch-Gesell-
schaftlichem und Politischem fordert, verändert die Grenzlinien
der Politik, weitet sie auf unterschiedliche Bereiche der Hegemo-
nie aus und trägt den strategischen Wirkungen der passiven Revo-
lution in ihrer ganzen Tragweite Rechnung. Für die Arbeiterklasse
ist die Erweiterung des Staates eine Strategie des Übergangs.
Wir finden also die beiden oben erwähnten Formen der Erweiterung
des Staates wieder, die in ihrer historischen und politischen An-
tinomie nicht auflösbar sind. Gramsci erforscht zwar die Bedin-
gungen einer passiven Anti-Revolution, gibt aber k e i n e
L ö s u n g d e r S t a a t s f r a g e, so daß es in dem
Sinne keine Theorie des Übergangsstaates gibt, die einem solchen
historischen Prozeß angemessen wäre. Es gibt sie nicht, und in
gewissem Sinne - aus historischen und theoretischen Gründen -
konnte es sie nicht geben. Gramsci dachte als erster über die Be-
ziehungen zwischen Theorie der passiven Revolution und Theorie
des Übergangs nach. Ist der Marxismus Gramscis als M a r x i s-
m u s d e s Ü b e r g a n g s nicht auch e i n M a r x i s-
m u s i m Ü b e r g a n g: ein kritischer, offener und schöp-
ferischer Marxismus? Es bleibt heute uns überlassen, unter
veränderten historischen Bedingungen, aber auf der G r u n d-
l a g e b e s t i m m t e r B e g r i f f e, die er in seinem
Werk erarbeitet hat, folgende Frage zu beantworten: Wie kann
theoretisch und politisch die Gleichzeitigkeit einer möglichen
passiven Revolution (einschließlich neuer Formen in Verbindung
mit der gegenwärtigen Krise des Kapitalismus) und eines de-
mokratischen und pluralistischen Übergangsstaates neuen Typs ge-
dacht werden, der sich nicht darauf beschränkt, den parlamentari-
schen Rechtsstaat im klassischen Sinne mit seiner ewig-formali-
stischen Trennung zwischen politischer und bürgerlicher Gesell-
schaft zu reproduzieren? Im Gegensatz zum Stalinismus und zur So-
zialdemokratie - diesen beiden passiven Revolutionen des 20.
Jahrhunderts mit ihren befremdlichen Begleiterscheinungen - kann
sich ein antipassiver demokratischer Übergang nur auf eine anti-
bürokratische Ausweitung der Politik-Formen in allen Bereichen
des "erweiterten Staates" (von der Basis bis zu den unterschied-
lichen Hegemonie-Apparaten) stützen. Denn wie Gramsci nach 1930
richtig eingeschätzt hat, sind die Massen nicht mehr
"atomisiert", sondern in der Gesamtheit der Institutionen wohl
organisiert und vertreten. Im übrigen erweist sich diese Struktur
moderner Demokratien, die für die Führung eines Stellungskriegs
so wesentlich ist, als untrennbar von der Existenz "großer poli-
tischer Massenparteien" und "großer ökonomischer Gewerkschaften".
61)
Eine solche nicht-instrumentalistische Ausdehnung der Politik
zwingt heute die Arbeiterklasse zum Kampf auf relativ neuem poli-
tischem Boden: dem Boden der Demokratie als Form des Klassen-
kampfes und des Übergangs. Aber auch auf einem solchen Boden, der
sich von dem in Gramscis Untersuchungen (aufgrund der Veränderun-
gen des gegenwärtigen Kapitalismus) einigermaßen unterscheidet,
werden weiterhin zwei Stellungskriege miteinander konfrontiert
sein. Demnach zeichnet sich die F o r m eines Übergangsstaats
ab, die den unterschiedlichen passiven Revolutionen, die mit ei-
ner Krise einhergehen, widerstehen kann, weil sie auf einer neuen
politischen Dialektik von repräsentativer Demokratie und jener
Basisdemokratie beruht, die den Kern von Gramscis Denken aus-
macht. Eine Dialektik - und keine frontale Gegenüberstellung bei-
der in einer zerstörerischen Doppelmacht und keine Absorption der
einen durch die andere in einem neuen Reformismus, der den Über-
gang mit einem bloßen Regierungswechsel identifiziert. In dieser
Hinsicht ist Gramscis Theorie der passiven Revolution mehr als
eine einfache kritische Ergänzung der Marxschen Problematik des
Übergangs: Sie ist ein theoretisches und politisches Instrument
für unseren Kampf in der Gegenwart.
_____
*) Dieser Aufsatz von Ch. Buci-Glucksmann wurde im Juni 1977 als
Beitrag zum Internationalen Gramsci-Kolloquium vom 4.-6. November
1977 in Rom fertiggestellt und wird zusammen mit anderen Beiträ-
gen in einem Sammelband des Verlags Riuniti erscheinen. Pierre
Franzen und Hans-Werner Franz haben den Aufsatz aus dem Französi-
schen und, soweit es sich um Gramsci-Zitate handelt, aus dem Ita-
lienischen übersetzt.
1) Quadern! del Carcere, Einaudi, III, S. 1827.
2) Q. III, S. 1774.
3) Ebenda.
4) Q. III, S. 1837.
5) Q. II, S. 1227.
6) Q. I. S. 41.
7) Q. III, S. 1827.
8) Q. III, S. 2140.
9) La costruzione del partito comunista, 1923-26, Einaudi, S.
139.
10) Q. III, S. 1767.
11) L. Paggi: La teoria generale del marxismo in Gramsci, Annali
Feltrinelli 1973, S. 1317.
12) Ich gehe hier nicht auf Gramscis Verhältnis zu Lenin und zur
III. Internationale ein, was ich ausführlich in "Gramsci et
l'Etat" (Paris, 1975) behandelt habe. Die "Gespräche", die 1930
im Gefängnis von Turi stattgefunden haben, zeigen sehr deutlich
die politischen und theoretischen Meinungsverschiedenheiten zwi-
schen Gramsci und der III. Internationale der Jahre 1928-32. Ich
halte diesen Sachverhalt für geklärt und verweise auf die dazu
neu erschienenen Zeugnisse, die alle in diese Richtung weisen:
Bruno Tosin: Con Gramsci (Riuniti) und Gramsci vivo nelle Testi-
monianza dei suoi contemporanei, a cura di Mimma Paulesu Quer-
cioli (Feltrinelli).
13) Q. III, S. 2287-88.
14) Q. III, S. 2288.
15) Ebenda.
16) La costruzione del partito comunista, 1923-26, S. 347.
17) Q. III, S. 2156.
18) Siehe den Artikel in Ordine Nuovo, Produzione e politica
1920, Nr. 13.
19) Q. 11,8.1818.
20) Q. III, S. 2288.
21) Über die Besonderheit von Gramscis Begriff der H e g e-
m o n i e - K r i s e in Bezug auf den leninistischen Begriff
der r e v o l u t i o n ä r e n K r i s e sowie in Bezug auf
die Analysen der III. Internationale vgl. meinen Beitrag in:
Autorenkollektiv: La crise et l'Etat: Sur le concept de crise de
l'Etat et son histoire (PUF).
22) La construzione del partito comunista, S. 343.
23) Q. II, S. 1325.
24) Q. II, S. 747.
25) Ebenda.
26) Q. III, S. 1822.
27) Q. II, S. 937.
28) Q. II, S. 764.
29) In: Gramsci e lo Stato (Riuniti). Lo Stato come problema teo-
rico.
30) Q. III, S. 1822.
31) Q. III, S. 1823.
32) Q. H, S. 747.
33) Ebenda.
34) Q. III, S. 1823.
35) Gramsci erklärt den bürokratischen Zentralismus durch das
Fehlen von Initiativen an der Basis und in Verbindung mit dem
primitiven Charakter der Politik. Heranzuziehen wären andere
Textstellen über die Polizeifunktionen und über die Bürokratie in
den politischen Parteien. Q. III., S. 1634;
36) Q. III, S. 1615. Es erübrigt sich, auf diese immer wieder zi-
tierten Fragmente zurückzukommen.
37) Über das Verhältnis von kultureller Revolution und histori-
schem Block vgl. Q.I., S. 451. Ich führe diesen Punkt, der übri-
gens in der Bucharin-Kritik dargelegt wird, nicht aus und halte
für geklärt, daß für jede "anti-passive" Revolution die kul-
turelle Revolution als Veränderung der Beziehungen zwischen Füh-
rern und Geführten, von Regierenden und Regierten, von Intellek-
tuellen und Volk, und als Veränderung der Sitten, Gewohnheiten
und Normen: der "Lebensweise", notwendig ist.
38) Q. II, S. 1228.
39) Q. II, S. 1089. Die Annäherung zwischen Faschismus und passi-
ver Revolution vollzieht sich in einer Kritik an der kulturphilo-
sophischen Auffassung Croces. der in Italien der ideologische
Vertreter der passiven Revolution ist. Was Frankreich betrifft,
bezieht sich Gramsci hauptsächlich auf Proudhon.
40) Q. II, S. 1089.
41) Q. II, S. 122.
42) Ebenda.
43) Fehlt.
44) Q. III, S. 2177.
45) Badaloni: Il marxismo de Gramsci (Einaudi), S. 152.
46) Q. III, S. 2146.
47) Was diese unmittelbaren Beziehungen zwischen Gramsci und Marx
sowie die Neuinterpretationen der Hegemonie ausgehend vom
'Kapital' betrifft, empfehle ich die Lektüre von B. de Giovanni:
La teoria politica delle classi nel Capitale.
48) Q. II, S. 1312.
49) Ebenda.
50) Von daher der politische Charakter der Krise und ihre Morpho-
logie bei Gramsci. "Die Morphologie der Krise ist p o l i-
t i s c h, weil das Politische den Prozeß des Widerspruchs
darstellt, durch den die organisierte Arbeit..." grundlegend
Positionen "in der Leitung der Ökonomie verändern kann." (de
Giovanni, S. 303).
51) Q. II., S. 1138. Über die Aktualität dieser Problemstellung
bei Gramsci vgl. Bruno Trantin: Da sfruttati a produttori.
52) Q. II, S. 1591.
53) Q. I, S. 489 und Q. III, S. 2164.
54) Q. III, S. 1671.
55) Q. III, S. 1615.
56) Q. II, S. 1493.
57) Fehlt.
58) Zur ersten Auffassung vgl. M. Salvador!: Gramsci e il PCI,
Mondooperaio, 1976, No. II.
59) C.P.C., S. 145.
60) Q. II, S. 1567.
61) Ebenda. Zur Dialektik repräsentativer Demokratie und Basisde-
mokratie als Problem des Übergangsstaats vgl. P. Ingrao: Masse e
potere (Riuniti).
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