Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977
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Rezensionen
FRIEDRICH/HENNIG: DER SOZIALWISSENSCHAFTLICHE FORSCHUNGSPROZESS,
BERLIN (DDR) 1975
Verfasser dieses Werkes sind vorwiegend Mitarbeiter des Zentral-
instituts für Jugendforschung (ZU) in Leipzig, die - in Auswer-
tung eigener konkreter sozialwissenschaftlicher Forschungsarbeit
- einen Beitrag zum wissenschaftlichen Meinungsstreit um methodi-
sche und methodologische Probleme der empirischen Sozialforschung
leisten wollen. Sie knüpfen an eine 1970 erschienene Publikation
"Methoden der marxistisch-leninistischen Sozialforschung" an, die
von einem z.T. identischen Autorenkollektiv erarbeitet wurde und
inzwischen auch bei den westdeutschen Methodikern vor allem in
der Lehre verwandt wird.
Inwieweit die Autoren und Herausgeber ihrem Ziel - Beitrag zum
wissenschaftlichen Meinungsstreit - gerecht werden, soll einer-
seits durch eine kurze Einordnung des Buches in die Methodendis-
kussion in der DDR verdeutlicht werden. Zum anderen ergibt sich
die Beantwortung der Frage aus einer kritischen Auseinanderset-
zung mit der Konzeption des Buches.
Zur Einordnung in die Methodendiskussion in der DDR
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Nicht nur die Diskussion um die Methoden empirischer Sozialfor-
schung, sondern auch die Anwendung dieser Methoden entwickelte
sich in der DDR erst in den 60er Jahren. 1) Zumindest in der So-
ziologie ist dieser Prozeß verbunden mit der Entstehung der So-
ziologie als Einzelwissenschaft. Wurde bisher unter Soziologie
entweder - explizit - die Kritik bürgerlicher Soziologie verstan-
den, oder - implizit - allein die marxistisch-leninistische Ge-
sellschaftstheorie (historischer Materialismus; Politische Ökono-
mie; etc.), so entsteht jetzt zunächst das Bedürfnis nach Ergeb-
nissen empirischer Sozialforschung einzelner gesellschaftlicher
Teilbereiche. Die Einzelwissenschaft Soziologie entsteht über
konkrete empirische Forschungen. Ende der 60er Jahre versucht
man, das durch ein solches Vorgehen entstehende Theoriedefizit
sowohl durch die Entwicklung spezieller soziologischer Theorien
2) als auch durch die Diskussion wissenschaftstheoretischer und
methodologischer Probleme des soziologischen Forschungsprozesses
einzuholen (vgl. z.B. E. Hahn: Historischer Materialismus und
marxistische Soziologie). In dieser Diskussion standen auch gene-
relle Probleme des Verhältnisses empirischer und theoretischer
Forschung und des Forschungsprozesses zur Debatte, die sich auf
das Vorgehen aller Sozialwissenschaften beziehen. Das betrifft
solche Fragen wie:
- Verhältnis historischer Materialismus - als allgemeiner Gesell-
schaftstheorie - zu den gesellschaftswissenschaftlichen Einzel-
wissenschaften, insbesondere zur Soziologie;
- Bestimmung des Zueinanders und der Abgrenzung der Erkenntnise-
tappen Empirie und Theorie;
- die methodologischen Schritte des empirischen Forschungsprozes-
ses (Problem; Hypothese; Begriffsbildung; Operationalisierung;
empirische Überprüfung; statistische und theoretische Auswertung;
praktische Umsetzung).
Die Konzeption des Buches "Der sozialwissenschaftliche For-
schungsprozeß" ist von den Ergebnissen dieser Diskussion geprägt
- auch wenn sie diese z.T. verkürzt aufnimmt. Im Gegensatz zu dem
hoch formulierten Anspruch des älteren Buches, der dort in keiner
Weise eingehalten werden konnte, werden jetzt auch wissenschafts-
theoretische Probleme der empirischen Sozialforschung aufgegrif-
fen. Die Konzeption orientiert sich an den methodologischen
Schritten des Forschungsprozesses, angefangen von der Pro-
blemstellung bis hin zur theoretischen Auswertung und praktischen
Umsetzung der Ergebnisse in die gesellschaftliche Praxis.
Durch die umfassende Darstellung verschiedener Techniken und Ver-
fahren der empirischen Sozialforschung erhält das Buch fast den
Charakter eines Handbuches, zumindest aber den eines Lehrbuches.
Darin besteht wohl auch sein besonderer Stellenwert innerhalb der
Methodenliteratur der DDR. Durch die Orientierung der Darstellung
der empirischen Verfahren und methodologischen und forschungs-
praktischen Schritte an den Etappen des Forschungsprozesses er-
hält es sowohl gegenüber seinem oben genannten Vorgänger als auch
gegenüber rein methodologischen Darstellungen des Forschungspro-
zesses (vgl. z.B. Berger/Jetzschmann: Der soziologische For-
schungsprozeß) eine neue Qualität.
Die Auseinandersetzung mit der Durchführung dieser Konzeption
soll Leitfaden der weiteren Darstellung und Kritik des Buches
sein. Mit der Konzentration auf die wissenschaftstheoretischen
Probleme erfolgt notwendig eine Einschränkung auf einen der
vielen Aspekte des Buches. Allerdings ist der wissenschaftstheo-
retische ein für das Buch ganz zentraler Punkt. Es zeichnet sich
gegenüber vielen anderen Lehrbüchern gerade dadurch aus, daß wis-
senschaftstheoretische Gesichtspunkte der Darstellung als Orien-
tierungsrahmen dienen.
Bedeutenden Stellenwert haben allerdings auch Probleme der Per-
sönlichkeitsforschung. Entsprechend ihrer Funktion als Jugendfor-
scher versuchen die Autoren die Methodologie der empirischen For-
schung auch vom Forschungsgegenstand, besonders der Psychologie,
Pädagogik, her zu bestimmen. Das kommt einmal in einem einleiten-
den Artikel zur Persönlichkeitsforschung: zum Ausdruck; vor allen
Dingen aber auch in der starken Betonung der Psychodiagnostik
(Kapitel über "Einstellungstests" und "Intelligenz-, Kreativi-
täts- und Schulleistungstests"). Auf diesen Aspekt soll aber zu-
gunsten einer - durch das vielfältige Material ohnehin schon ge-
fährdeten - geschlossenen Darstellung verzichtet werden. Zuvor
ist es aber noch notwendig, einiges zur sogenannten "Übernahme-
problematik" zu sagen. Damit ist folgendes gemeint: Im Zusammen-
hang mit der Methodendiskussion, die sich aus der antiautoritären
Studentenbewegung, Frankfurter Schule etc. entwickelte, wurde die
Frage gestellt, inwieweit die Methoden der bürgerlichen
empirischen Sozialforschung im Interesse einer emanzipatorischen
Sozialwissenschaft noch verwendet werden könnten, oder ob mit der
Kritik der bürgerlichen Theorie nicht auch eine Veränderung der
Methoden herbeigeführt werden müsse. Diese Diskussion wurde in
der BRD und Westberlin allerdings bisher nicht zu Ende geführt.
Nun ist aber bemerkenswert, daß sich in den sozialistischen Län-
dern die empirische Forschung mit nahezu den gleichen Verfahren,
wie sie auch die 'bürgerliche' empirische Sozialforschung be-
treibt, entwickelte. Probleme der Übernahme der Verfahren wurden
eigentlich kaum diskutiert. Das schlägt sich auch in dem hier be-
handelten Buch nieder. Die sich direkt auf bestimmte Methoden be-
ziehenden Artikel unterscheiden sich kaum von der Darstellung in
westlichen Büchern. Unterschiede scheinen sich allerdings abzu-
lehnen in dem unter sozialistischen Bedingungen veränderten Ver-
hältnis von Forscher und 'Erforschtem', das sich aus der stärke-
ren Eingebundenheit der empirischen Forschung in die gesell-
schaftliche Praxis ergibt.
Der sozialwissenschaftliche Forschungsprozeß
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Die Konzeption.
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Die Darstellung der Methoden und methodologischen Besonderheiten
der empirischen Sozialforschung orientiert sich an der Struktur
des sozialwissenschaftlichen Forschungsprozesses. Gemeint ist da-
mit immer der empirische Forschungsprozeß und die in diesem sich
logisch und zeitlich aufeinander aufhauenden Schritte. Der For-
schungsprozeß wird in drei Hauptetappen gegliedert: 1. Projektie-
rung der Forschung (theoretische und organisatorische Vorplanung
bis hin zur Entwicklung der Erhebungsinstrumente); 2. Empirische
Analyse und Experiment (Erhebung der Daten; Durchführung von Ex-
perimenten); 3. Auswertung der empirischen Daten (statistisch und
theoretisch; Umsetzung in die Praxis).
Dieser Prozeß wird als ein Kreislaufprozeß verstanden, beginnend
in der gesellschaftlichen Praxis, die der Wissenschaft Probleme
stellt; und - auf qualitativ höherem Niveau - wieder endend in
der Praxis, indem die im Forschungsprozeß gewonnenen neuen Er-
kenntnisse praktisch umgesetzt werden. 3) Die Darstellung anhand
des Forschungsprozesses geht dabei davon aus, daß der Ablauf ei-
nerseits als Gesamtprozeß im Auge behalten werden muß. Zum ande-
ren ist es notwendig, die methodologischen Besonderheiten jeder
einzelnen Etappe herauszuarbeiten.
Daß die genannten Phasen sich allerdings allein am "praktischen
Verlauf" /30/ orientieren, ist unzutreffend. Sicherlich kommt in
ihnen auch der zeitliche und forschungspraktische Aspekt zum Aus-
druck. Das soll ja auch so sein, wenn das Ziel des Buches die
Vermittlung methodischer und methodologischer Kenntnisse der em-
pirischen Sozialforschung ist. Die Struktur des empirischen For-
schungsprozesses spiegelt aber auch zugleich die innere Logik ei-
nes s p e z i f i s c h e n E r k e n n t n i s p r o z e s-
s e s wider. Die Spezifik liegt darin begründet, daß der
z i e l g e r i c h t e t e B e o b a c h t u n g s d a t e n
gewonnen werden sollen. 4)
Zielgerichtete und damit im weitesten Sinne theoriegeleitete Be-
obachtung läuft natürlich auch im Alltag ab, muß an dieser Stelle
also mehr bedeuten. Dieses Mehr liegt darin begründet, daß die
Beobachtung im Rahmen einer wissenschaftlichen Fragestellung
erfolgt. Sie gliedert sich ein in das theoretische Gesamtkonzept
einer Einzelwissenschaft, die ihre Problemstellung aus der Wech-
selwirkung von gesellschaftlichen Anforderungen und ihrer eigenen
inneren Dynamik von Fragestellungen erhält. In diesem zusätzli-
chen Sinne hat die Beobachtung also eine theoretische Seite. Ohne
diese ist sie gar nicht möglich. Die einzelwissenschaftliche
Theorie leitet die Forschung in allen Stufen des Forschungspro-
zesses an, angefangen von der Formulierung von Hypothesen, die
nur möglich sind aufgrund bisheriger Kenntnisse über den Gegen-
stand, bis hin zu der Auswertung und Interpretation der empiri-
schen Ergebnisse. Die Besonderheit der Darstellung des For-
schungsprozesses in seinem aufeinander aufbauenden methodischen
Schritten liegt also in dem zugrunde liegenden Theorie-Empirie-
Verhältnis begründet. Der Forschungsprozeß ist selbst M e-
t h o d e der empirischen Forschung. Dabei geht es in den
Forschungsetappen nicht allein um praktische Fragen, sondern um
grundlegende methodologische Fragen der Erkenntnisgewinnung.
Historisch hat sich die Methodologie des empirischen Forschungs-
prozesses entwickelt aus der wissenschaftstheoretischen Verallge-
meinerung der im Zuge empirisch sozialwissenschaftlicher Untersu-
chungen auftretenden forschungspraktischen Schritte. Sie ist also
entstanden auf der Grundlage eines speziellen Forschungsprozes-
ses, der sich beispielsweise von einem historischen Vorgehen un-
terscheidet, welches durch Aufarbeitung theoretischen und empiri-
schen Wissens wesentliche Zusammenhänge herausarbeitet. Auf die-
sem Hintergrund scheint die Apostrophierung des empirischen For-
schungsprozesses als die -verläßlichste Methode" fragwürdig:
"Der hier dargestellte sozialwissenschaftliche Forschungsprozeß
ist natürlich nicht der einzige Weg der Gewinnung gesellschafts-
wissenschaftlicher Erkenntnisse. Dazu stehen verschiedene Er-
kenntnismethoden zur Verfügung, deren Spezifik durch den Gegen-
standsbereich oder durch das historisch sich herausgebildete wis-
senschaftliche Herangehen bestimmter gesellschaftswissenschaftli-
cher Disziplinen, wie z.B. Philosophie, Geschichte, Literaturwis-
senschaft usw., bedingt ist. Das ist allgemein bekannt. Es dürfte
aber ebenso kein Zweifel daran bestehen, daß der sozialwissen-
schaftliche Forschungsprozeß die v e r l ä ß l i c h s t e Me-
thode zur Gewinnung n e u e r, w i s s e n s c h a f t l i c h
b e g r ü n d e t e r, a n d e r g e s e l l s c h a f t l i-
c h e n P r a x i s g e p r ü f t e r Erkenntnisse im Bereich
solcher Disziplinen wie Persönlichkeits- und Sozialpsychologie,
Soziologie, Pädagogik und solcher Forschungsrichtungen wie
Jugendforschung, Familienforschung, Frauenforschung, Freizeitfor-
schung, Kriminologie usw. ist. Andere Wissenschaften müssen even-
tuell andere Akzente setzen." /25 f./
Daß die sozialwissenschaftliche Forschung sich stützen muß auf
empirische Wissen - ob systematisch oder unsystematisch, mit All-
tagserfahrung durchsetzt, erlangt - ist sicher Konsens. Das for-
dert schon die materialistische Beantwortung der Frage nach dem
erkenntnistheoretischen Primat im Verhältnis von Theorie und Em-
pirie. Die Empirie geht der Theorie voraus, als erste, vorläufige
Stufe der Erkenntnis. Sie bildet die Grundlage für theoretische
Verallgemeinerungen. Dabei ist die systematische empirische Er-
kenntnisgewinnung zuverlässiger als die bloße, oft zufällige und
subjektiv verzerrte Alltagserfahrung. Wird die empirische For-
schung aber als die im Endeffekt einzig wissenschaftliche darge-
stellt, so läuft das auf einen glatten Empirismus hinaus: Reduk-
tion der Erkenntnis auf empirische Erfahrungstatsachen. Dagegen
gilt es meiner Meinung nach, die anderen Erkenntnismethoden her-
auszuarbeiten und in ihrem Erkenntniswert gegenüber dem empiri-
schen Forschungsprozeß abzugrenzen. Dabei muß man sich auch die
Frage stellen, ob es nicht noch andere e m p i r i s c h e
Methoden gibt als die bekannten Methoden empirischer Untersuchun-
gen. Dies wird besonders auf dem Hintergrund zum Problem, daß -
sieht man sich die verschiedenen empirischen Untersuchungen an -
das, was an wirklich neuen Erkenntnissen gewonnen wurde, oft nur
minimal ist und über den Rahmen des in den Hypothesen formulier-
ten und z.T. schon vorabgesicherten Wissens nicht hinaus kommt.
Der Fortschritt in den Sozialwissenschaften ist historisch zumin-
dest nicht aus ihren empirischen Untersuchungen ableitbar.
Wie eine Reihe anderer Methodiker der DDR und Sowjetunion ver-
tritt auch Friedrich die Position, daß der empirische Forschungs-
prozeß in den Phasen: Entwicklung eines Systems von Forschungshy-
pothesen und Ableitung empirisch prüfbarer Folgerungen mit der
Marxschen Methode des Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten
gleichzusetzen sei.
"Die Forschungshypothesen... sollten ein in verschiedene Allge-
meinheitsstufen gefiedertes Hypothesensystem bilden. Aus Hypothe-
sen mit hohem Allgemeinheitsgrad sollten (eventuell über mehrere
Zwischenstufen) solche mit geringerer Allgemeinheit gebildet
werden. Daraus sind e m p i r i s c h p r ü f b a r e Folge-
rungen abzuleiten. Hier ist eine wichtige theoretisch-synthe-
tische Arbeit zu leisten, die im Sinne von Marx als Aufstieg vom
Abstrakten zum Konkreten charakterisiert werden kann." 31/
In einem späteren Artikel (Jadow: Über die Rolle der Methodolo-
gie...) heißt es sogar noch extremer:
"Die Berücksichtigung der Bewegung vom Abstrakten (das heißt von
der Einheit der begrifflich fixierten Vielfalt) zum Konkreten
(d.h. zu dem unmittelbar in der Wahrnehmung Gegebenen - zu den
realen Fakten des Lebens) ist das A und O der dialektischen Auf-
fassungen von der Wechselwirkung der theoretischen und empiri-
schen Erkenntnisstufe. Darin besteht eben der Hauptunterschied
zwischen der marxistischen und der positivistischen Methodologie
der empirischen Sozialforschung." 5)
Die auch hier von den sowjetischen Soziologen vertretene Ansicht,
daß Her Prozeß des Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten auf-
zuspalten sei in Theorie - das Abstrakte - einerseits und Empi-
rie, die unmittelbaren Beobachtungen - das Konkrete - anderer-
seits, geht noch weit über Friedrich hinaus, der diese Methoden
wenigstens noch im Bereich der theoretischen Vorarbeit beläßt.
Von Friedrich wird der gesamte Prozeß der theoretischen Vorstruk-
turierung, angefangen von der Entwicklung von Hypothesen aus der
Theorie des Gegenstands heraus bis hin zur Operationalisierung
als Prozeß des Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten begrif-
fen. Sehen wir einmal davon ab, daß das, was hier mit Aufsteigen
bezeichnet wird, eher als ein Prozeß des Absteigens erscheint.
Denn: wo liegt im Prozeß des Ableitens spezieller Hypothesen aus
allgemeinen und der Ableitung empirischer Operationen aus den
speziellen Hypothesen das vorwärtsweisende, neue Erkenntnismo-
ment? Ist das Ergebnis einer empirischen Untersuchung nicht damit
schon immer - wenn auch erst im Allgemeinen - vorgegeben, empiri-
sche Forschung also nur: Bestätigung theoretischer Begrifflich-
keit? Das hier vertretene deduktive Modell des Ableitens speziel-
ler Aussagen aus allgemeinen ist sicher unzureichend, da es Er-
kenntnisfortschritt nicht erklären kann. Im Zusammenhang der Klä-
rung der Frage nach dem Erkenntniswert der empirischen Forschung
wäre also dem Problem nachzugehen, wie die Methode der Hypothe-
senbildung auszusehen hat, die den Erkenntnisfortschritt erklärt.
Das ist aber nicht das Hauptargument gegen die Gleichsetzung des
Forschungsprozesses mit der Marxschen Methode. In der "Einleitung
zur Kritik der politischen Ökonomie" stellt Marx die Methode der
politischen Ökonomie dar. Er zeigt wie die Erkenntnis ausgeht von
dem Realen und Konkreten, von der "chaotischen Vorstellung des
Ganzen" und durch die Analyse der einzelnen Beziehungen und Be-
stimmungen in diesem Ganzen zu immer dünneren Abstrakta, zu den
einfachsten Bestimmungen gelangt. In der politischen Ökonomie ge-
langt er auf analytischem Wege zu der einfachsten Bestimmung, der
Ware. Dieser Prozeß wird bezeichnet als das Aufsteigen vom Kon-
kreten zum Abstrakten. Aber dies kennzeichnet noch nicht die wis-
senschaftliche Methode. Von diesen Abstrakta aus ist nun wieder
der Weg zum Konkreten zurück; zugehen,
"diesmal aber nicht als... einer chaotischen Vorstellung des Gan-
zen, sondern als einer reichen Totalität von Bestimmungen und Be-
ziehungen... Das letzte ist offenbar die wissenschaftlich rich-
tige Methode. Das Konkrete ist konkret, weil es die Zusammenfas-
sung vieler Bestimmungen ist, also Einheit des Mannigfaltigen. Im
Denken erscheint es daher als Prozeß der Zusammenfassung, als Re-
sultat, nicht als Ausgangspunkt, obgleich es der wirkliche Aus-
gangspunkt der Anschauung und der Vorstellung ist. Im ersten Weg
wurde die volle Vorstellung zu abstrakter Bestimmung verflüch-
tigt; im zweiten führen die abstrakten Bestimmungen zur Reproduk-
tion des Konkreten im Weg des Denkens." 6)
Das Konkrete als real Konkretes, als die Wirklichkeit, so wie sie
sich in der Anschauung darbietet, ist also nicht gleich dem be-
grifflich Konkreten, dem Konkreten im Denken, das in logischer
Form die konkrete historische Entwicklung widerspiegelt. Es ist
also nicht der "Entstehungsprozeß des Konkreten selbst", sondern
seine geistige Reproduktion im Denken. Der Prozeß des Aufsteigens
vom Konkreten zum Abstrakten wird auch als Forschungsweise be-
zeichnet, der umgekehrte Weg vom Abstrakten zum Konkreten als
Darstellungsweise, als die Entwicklung der Theorie.
Worin liegt der Fehler der oben genannten Position? Der Prozeß
der Entwicklung empirischer Folgerungen aus theoretischen Hypo-
thesen hat gar nichts zu tun mit der Marxschen Methode. Letztere
ist der Prozeß der logische: Entwicklung einer Theorie, indem die
wesentlichen Bestimmungen und Triebkräfte des gesellschaftlichen
Arbeits- und Lebensprozesses, ihr inneres Band, aufgespürt wer-
den. Es ist damit ein t h e o r e t i s c h e r Prozeß. Der
Forschungsprozeß, von dem hier die Rede ist, ist dagegen ein
e m p i r i s c h e r. Er ist zwar in allen seinen Phasen theo-
riegeleitet, aber sein Ziel kann nicht primär die Aufdeckung der
inneren Logik eines Gesamtprozesses sein, sondern es geht
zunächst um die Aufdeckung empirischer Erscheinungsformen und von
Zusammenhängen zwischen diesen. Die Ableitung empirischer Opera-
tionen ist zwar ein theoretischer Prozeß, aber nicht ein Prozeß,
der die Zusammenhänge e r k l ä r t, wie etwa die politische
Ökonomie die Krise als Ausdruck der antagonistischen Klassenver-
hältnisse, sondern es ist ein Prozeß, der diese Zusammenhänge le-
diglich b e o b a c h t b a r macht. Der empirische Forschungs-
prozeß wäre einzuordnen in den Gesamtprozeß des Aufsteigens vom
Konkreten zum Abstrakten. Er ist e i n Mittel der Analyse der
Wirklichkeit unter einer Reihe anderer.
Gegenüber Friedrich nehmen die sowjetischen Soziologen noch einen
weitaus extremeren Standpunkt ein. Ein grundlegender Fehler ihrer
Auffassung liegt darin begründet, daß sie nicht unterscheiden
zwischen dem realen Konkreten, der Wirklichkeit in ihren vielfäl-
tigen Beziehungen, und dem begrifflichen Konkreten. Nur so kann
es kommen, daß der empirische Forschungsprozeß als Prozeß des
Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten begriffen wird und nicht
als ein Prozeß, der ein Mittel oder auch nur Voraussetzung der
Analyse der Wirklichkeit ist und deshalb eher einzuordnen wäre in
den Gesamtprozeß des Aufsteigens vom Konkreten zum Abstrakten. So
wird bei Marx niemals das begriffliche Konkrete als das "in der
unmittelbaren Beobachtung gegebene" bezeichnet und der Prozeß des
Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten nicht als "Bewegung von
den wissenschaftlichen Abstraktionen zur Empirie". Daraus, daß in
der empirischen Forschung der Ausgangspunkt abstrakte Begriffe in
Form einer Hypothese sind und von dort aus zur Empirie, zu den
konkreten Daten übergegangen wird, ist nicht zu schließen, daß
damit ein Übergang zum Konkreten vollzogen würde.
Die von Friedrich und anderen vertretene Position ist deshalb be-
sonders bedauerlich, da sie darauf schließen läßt, daß von den
Autoren die wissenschaftstheoretische Diskussion um das Verhält-
nis von Theorie und Empirie offensichtlich nicht aufgearbeitet
wurde. Das wird auch im folgenden Abschnitt an einigen Punkten
deutlich werden. Einige Jahre vor Erscheinen des besprochenen Bu-
ches schreibt E. Hahn nämlich:
"Diese Methode darf keinesfalls auf die Weise mit der Bewegung
von der Empirie zur Theorie in Zusammenhang gebracht werden, daß
die Bewegung von der Empirie zur Theorie mit dem 'Abschnitt' des
Aufsteigens vom Konkreten zum Abstrakten und die Bewegung inner-
halb der Theorie mit dem Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten
gleichgesetzt wird. Die Zergliederung und Analyse des real Kon-
kreten in abstrakte Bestimmungen ist ebenso eine theoretische Me-
thode wie das Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten. Wobei wir
der Tatsache eingedenk sind, daß der erstere Prozeß nur im Zusam-
menhang mit dem zweiten, entgegengesetzten, in der Lage ist, die
eigentliche Funktion dieser Methode zu erfüllen. Die empirische
Etappe der Erkenntnis dient der Vorbereitung der Methode, um die
es hier geht insgesamt." (Hahn, a.a.O., S. 199 f.)
Der wissenschaftstheoretische Standort
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Der wissenschaftstheoretische Standort des Buches ist natürlich
in wesentlichen Zügen schon im vorigen Abschnitt an der Konzep-
tion des Forschungsprozesses deutlich geworden. An dieser Stelle
sollen aber noch einige Gesichtspunkte hinzukommen, die sich aus
den wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Abschnitten im er-
sten Teil des Buches ergeben. Es handelt sich dabei um einen Auf-
satz von Wittich (Sektion Philosophie der Universität Leipzig)
zur marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie, einen Aufsatz
von Noak (ZIJ) zur Begriffsbildung und von Jadow (Institut für
konkrete Sozialforschung, Moskau) zur Methodologie des For-
schungsprozesses.
Wittich reißt in seinem einführenden Artikel einige grundlegende
Punkte der Erkenntnistheorie an wie: Rolle der Praxis als Ziel
und Triebkraft des Erkennens, der Erkenntnisprozeß als Widerspie-
gelungsprozeß und einige - allerdings zu kurz gegriffene - Bemer-
kungen zum Neopositivismus. Da sich diese Punkte mehr auf eine
allgemeinere Diskussion innerhalb der marxistischen Philosophie
beziehen, aber nicht auf den Forschungsprozeß im engeren Sinne,
soll auf einige kritische Anmerkungen, die an dieser Stelle zu
machen wären, verzichtet werden.
Jadow geht in seinem Aufsatz auf methodologische Probleme des em-
pirischen Forschungsprozesses ein. Das sind hier Fragen nach dem
Verhältnis empirischer und theoretischer Erkenntnis und einige
Gedanken zur Funktion der empirischen Erhebungsverfahren. Auf
einen Gesichtspunkt des Aufsatzes möchte ich vor allem eingehen:
nämlich auf das dargestellte Verhältnis von allgemeinen und spe-
ziellen soziologischen Theorien. 7) Ich greife diesen Punkt her-
aus, weil er meines Erachtens Rückschlüsse darauf zuläßt, wie der
Autor des Artikels das Theorie-Empirie-Verhältnis versteht, d.h.
wie er die Frage beantwortet, wie allgemeintheoretische Konzep-
tionen sich in der Empirie als erster Stufe der Erkenntnis be-
gründen.
Jadow führt ganz richtig aus, daß die Entwicklung spezieller so-
ziologischer Theorien "aus der Notwendigkeit einer detaillierten
Untersuchung der sozialen Erscheinungen (erfolgt), was nicht zu-
letzt von großer Bedeutung für die Praxis ist." /64/ Dabei bilden
die speziellen soziologischen Theorien nicht ein zerstückeltes
System einzelner theoretischer Aspekte, sondern durch die Fundie-
rung der soziologischen Theorie im historischen Materialismus -
der allgemeinen soziologischen Theorie - stellen sie ein ganz-
heitliches wissenschaftliches System dar. Allerdings sei "zu be-
achten, daß die speziellen Theorien nicht der Ausgangspunkt für
den Aufbau der allgemeinen soziologischen Theorie sind, sondern
sich im Gegenteil auf diese als auf ihre allgemeintheoretische
Prämisse stützen." /ebd./ Dies scheint mir allerdings ein dogma-
tischer Standpunkt zu sein: In der allgemeinen Theorie - im hi-
storischen Materialismus - ist die Wirklichkeit schon erkannt,
zumindest ihr "Allgemeines". Soziologische Erforschung des je-
weils konkret-historischen Entwicklungsstandes einer Gesellschaft
ist nur noch "Ausfüllung des Allgemeinen". Damit bleibt die Frage
unbeantwortet, wie denn die "allgemeine Erkenntnis" - hier die
allgemeine Erkenntnistheorie - sich weiterentwickelt, ja, wie sie
überhaupt erst entstanden ist, wenn nicht auf der Grundlage der
Erforschung der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Der Erkenntnis-
prozeß wird hier einseitig gesehen als deduktiver Prozeß von der
Theorie zur Empirie: allgemeine soziologische Theorie - spezielle
soziologische Theorie - empirische Forschung; und vielleicht noch
rückwärts: empirische Forschung - spezielle soziologische Theo-
rie.
Leider erfüllt der folgende Artikel zur Begriffsbildung nicht die
Hoffnung die sich der Leser vielleicht zu Beginn der Lektüre ge-
macht hat. Noak geht lediglich auf wissenschaftslogische -
sprich: formallogische - Aspekte der Begriffsbildung ein. Beson-
ders enttäuschend ist der Artikel deshalb, weil es sich um eine -
meines Erachtens kritiklose - Reproduktion sprachanalytischer
Konzeptionen der neopositivistischen Wissenschaftslogik handelt.
Die für die historisch-materialistische Erkenntnistheorie rele-
vanten Gesichtspunkt der Widerspiegelungsfunktion der Begriffe,
ihr historischer Charakter, Beziehungen zwischen theoretischer
und empirischer Begrifflichkeit stehen gar nicht erst zur
Debatte. Die Begriffsbildung wird als Definitionsproblem gesehen.
Diese umfaßt nach Noak aber nicht die Beziehung Begriff-
Gegenstand, sondern ist ein terminologisches Problem.
"Auf der Grundlage festsetzender Definitionen können in der je-
weiligen Terminologie Aussagen gebildet werden, die sich zwar auf
den Gegenstandsbereich der Theorie beziehen, die jedoch allein
aufgrund der terminologischen Festsetzung als wahr betrachtet
werden müssen, d.h. z u i h r e r B e g r ü n d u n g i s t
e i n e B e r u f u n g a u f E r f a h r u n g e n ü b e r
d e n G e g e n s t a n d b e r e i c h d e r T h e o r i e
w e d e r n o t w e n d i g n o c h s i n n v o l l." /82/
(Hervorhebung - U.S.)
Generell läßt sich zu den wissenschaftstheoretischen Einführungs-
artikeln sagen, daß sie hinter dem Stand der Diskussion um das
Verhältnis Theorie-Empirie in der DDR zurückbleiben. Auch der
schon etliche Zeit zurückliegende Redaktionsschluß des Buches
(Vorwort von Juni 1972) erklärt dieses Manko nicht. Die besonders
auch von E. Hahn (Historischer Materialismus und marxistische So-
ziologie) schon 1967 in die Debatte getragenen weiterführenden
Gedanken lassen sich in diesem Buch nicht auffinden. Dabei wäre
eine Auseinandersetzung mit Hahn und eine Konkretisierung der von
ihm vertretenen wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Kon-
zepte auf den empirischen Forschungsprozeß in den Sozialwissen-
schaften sicherlich fruchtbar gewesen. Die Diskussion um diese
Fragen scheint aber in der DDR generell z. Zt. zu stagnieren.
Auch das 1973 erschienene Bändchen "Der soziologische Forschungs-
prozeß" (Berger/Jetzschmann) bringt keine grundlegend neuen wis-
senschaftstheoretischen Gesichtspunkte in die Diskussion. Im Ge-
gensatz zu Friedrich/Hennig formulieren sie allerdings einen ein-
heitlichen - sich an Hahn orientierenden - wissenschaftstheoreti-
schen Standpunkt.
In dem von Friedrich herausgegebenen Buch klafft hier eine Lücke
zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Das anfangs formulierte Ziel,
einen Beitrag zum wissenschaftlichen Meinungsstreit zu leisten,
kann nicht erreicht werden, wenn die Auseinandersetzung mit den
bestehenden Positionen gar nicht erfolgt, sondern lediglich ei-
nige wissenschaftstheoretische Artikel unverbunden nebeneinander
gestellt werden. Die Frage nach dem wissenschaftstheoretischen
Standort des Buches ist also schwierig zu beantworten. Zwar be-
kennen sich die Autoren zur marxistisch-leninistischen Wissen-
schafts- und Erkenntnistheorie und stellen an sich selbst die
Forderung, ihre eigene empirische Forschungstätigkeit an diesen
Prinzipien zu orientieren. Das kommt auch deutlich an ihrer Kon-
zeption des Forschungsprozesses und der damit verbundenen Rolle
der theoretischen Konzipierung, der Orientierung auf die Praxis,
etc. zum Ausdruck. Andererseits sind, wie gezeigt werden konnte,
grundlegende Probleme des Verhältnisses von theoretischer und em-
pirischer Forschung noch nicht genügend durchdacht. Dabei stehen
sich innerhalb der Konzeption widersprüchliche Argumente gegen-
über: einerseits eine starke Bewertung der empirischen Forschung
8), wie es in der Kennzeichnung des empirischen Forschungsprozes-
ses als "verläßlichste Methode" zum Ausdruck kam; andererseits
die "dogmatische" Postulierung allgemeiner Theorie als Primat
über alle konkrete Forschung.
Die Hauptetappen der empirischen Forschung
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Theoretische Konzipierung
-------------------------
Orientiert am Forschungsprozeß gliedert sich das Buch in drei
Hauptetappen. Die erste Phase umfaßt alle Aspekte der theoreti-
schen Vorbereitung der Untersuchung. Daran schließt sich die Er-
hebungsphase an. Am Ende des Forschungsprozesses steht die Phase
der Auswertung. Die Darstellung der Aufgaben der ersten Phase
nehmen den größten Raum des Buches ein, denn hierunter fallen
nicht nur die Stufen der Problemformulierung und Hypothesenbil-
dung, sondern auch sämtliche Meß- und Erhebungsmethoden der empi-
rischen Sozialforschung. Die Entwicklung eines Fragebogens oder
eines Tests sind ebenso Teil der theoretischen Konzipierung wie
die Entscheidung für das Auswahlverfahren zur Erhebung der Stich-
probe oder die Aufarbeitung bisheriger theoretischer und empiri-
scher Arbeiten des von mir untersuchten Problems. Insgesamt
zeichnet sich die Darstellung dieser Phase durch eine stärkere
innere Konsistenz und Geschlossenheit aus als das im ersten, wis-
senschaftstheoretischen Teil der Fall ist. Das bezieht sich be-
sonders auf die Phasen: Problem, Hypothesen, Forschungsorganisa-
tion. Die ausführliche Darstellung der methodologischen und for-
schungspraktischen Probleme bei der Konzipierung empirischer Un-
tersuchungen ist vor allem für Studenten, aber auch für diejeni-
gen, die zum ersten Mal selbst eine empirische Untersuchung
durchführen wollen, hilfreich und richtungweisend. 9)
Zu den einzelnen Etappen: Dem Problem wird im Forschungsprozeß
eine entscheidende Funktion zugeschrieben. Das Forschungsproblem
entsteht mit dem Bewußtwerden einer Problemsituation, d. h. dem
Bewußtwerden des Widerspruchs zwischen bisherigem Erkenntnisstand
über einen Prozeß und den objektiven Anforderungen dieses Prozes-
ses, die die Erweiterung des Kenntnisstandes notwendig machen.
10)
Die Bildung von Forschungshypothesen ist ein Schritt im Prozeß
der Problemlösung. Die Hypothesen sind "begründete Vermutungen"
über Zusammenhänge und Prozesse, die Wahrscheinlichkeitscharakter
tragen, d.h. sie sind noch nicht bewiesen. Im empirischen For-
schungsprozeß geben sie die theoretische Orientierung ab. Um sie
hier empirisch prüfbar zu machen, müssen Folgerungen aus ihnen
abgeleitet werden. Gerade theoretisch grundlegende Forschungshy-
pothesen haben einen weniger engen empirischen Bezug, sind also
nicht d i r e k t empirisch prüfbar. Die empirische Prüfung er-
folgt erst über verschiedene Vermittlungsebenen, indem aus den
allgemeinen Hypothesen speziellere abgeleitet werden, die eine
empirische Überprüfung zulassen. Hierin, in der O p e r a-
t i o n a l i s i e r u n g, besteht ein Kernproblem empirischer
Forschung. Der Übergang von theoretischen zu empirischen Aussagen
ist ein komplizierter Prozeß. Bisher gibt es kaum allgemeinere
methodologische Überlegungen über die Struktur und die wissen-
schaftstheoretische "Rechtfertigung" dieses Prozesses. Geht man
von dem qualitativen Unterschied theoretischer und empirischer
Aussagen aus, so fragt es sich, ob denn die theoretischen Aus-
sagen überhaupt in empirisch beobachtbare Einzelphänomene
transponiert werden können. Seltsamerweise schweigt sich die Me-
thodenliteratur über dieses Problem, das in jeder empirischen Un-
tersuchung dem Forscher die größte] Probleme bereitet, aus. Die
Autoren heben zwar die Bedeutung dieser Phase hervor, sie spre-
chen von dem "entscheidenden Kettenglied der Theorie-Empirie-Dia-
lektik" /183/, aber eine Weiterführung des Problems fällt auch
ihnen schwer.
Auf den nächsten 400 Seiten des Buches erfolgt die Darstellung
zahlreicher Methoden und Verfahren der empirischen Forschung. Da-
bei ist ein größerer Teil aus dem älteren Buch (Methoden der mar-
xistisch-leninistischen Sozialforschung) entnommen und teilweise
überarbeitet und erweitert worden. Das trifft besonders für die
meßtheoretischen Kapitel: Gütekriterien; Skalierungsprobleme;
Schätzskalen zu. Inhaltlich wurden sie z.T. im Hinblick auf in-
nere Unstimmigkeiten überarbeitet. Das Skalierungskapitel wurde
vor allem auch didaktisch verbessert. Neu bzw. stark erweitert,
sind die Testkapitel (Einstellungstests; Intelligenz-, Kreativi-
täts- und Schulleistungstests). In ihnen spiegelt sich die päd-
agogisch-psychologische Ausrichtung des Buches wider.
Empirische Analyse
------------------
"Die empirische Analyse ist jene Etappe des Forschungsprozesses,
in der der F o r s c h e r m i t d e m F o r s c h u n g s-
o b j e k t p r a k t i s c h - s i n n l i c h i n B e z i e-
h u n g t r i t t, um seine Hypothesen zu prüfen. Durch diesen
gezielten praktisch-sinnlichen Kontakt erhält er Informationen
über bestimmte Zustände des Forschungsobjekts, Daten der empi-
rischen Analyse. Somit stellt die empirische Analyse ein ent-
scheidendes Kettenglied im Prozeß der Hypothesenüberprüfung dar."
/588/ (Hervorhebung - U.S.)
Es geht hier also um die Phase des "Ins-Feld-Gehens", der empiri-
schen Datenerhebung. Die gesamte theoretische Konzipierung diente
der Vorbereitung dieser Phase. Der Abschnitt zur "Empirischen
Analyse" wird hauptsächlich von Artikeln über Experiment und ex-
perimentelle Forschung bestimmt. Der Vorteil gegenüber den sonst
üblichen Methodenbüchern ist hier, daß nicht nur allgemein metho-
dische und methodologische Aspekte des Experiments (hier ein
grundlegender methodologischer Artikel zum Experiment; ein kurzes
Kapitel zur Versuchsplanung), sondern auch konkrete Anwendungsbe-
reiche experimenteller Forschung dargestellt werden.
Nicht ganz verständlich ist mir der Ort des Experiment-Kapitels
innerhalb des Buches. Sämtliche Erhebungs- und Meßmethoden der
empirischen Forschung wurden im Zusammenhang mit der Etappe
"Projektierung" dargestellt. Das ist auch sinnvoll, denn die Ent-
wicklung der Verfahren und Vorbereitung der Erhebung hat hier ih-
ren Ort. Aber auch die experimentelle Forschung muß vorbereitet
werden; die Anlage der Untersuchung ist auch hier eine theoreti-
sche und planerische Vorbereitungsarbeit.
Allerdings ist es richtig, das Experiment in gewisser Weise von
den anderen Erhebungsmethoden abzugrenzen. Es handelt sich hier
nämlich nicht lediglich um ein Verfahren, Daten zu erheben oder
zu messen, sondern das Experiment ist eine For-
schungs s t r a t e g i e. Ziel der experimentellen Forschung
ist der Nachweis spezifischer Kausalzusammenhänge zwischen zwei
oder mehr Variablen. Dieser Zusammenhang wird bewiesen durch be-
wußte Setzung der unabhängigen Variablen - experimenteller Stimu-
lus - und Ausschaltung bzw. Kontrolle der neben den interessie-
renden Variablen wirkenden Störfaktoren. Zwar ist es auch das
Ziel, mit Hilfe sozialempirischer Methoden wie Beobachtung, Be-
fragung kausale Zusammenhänge zu erkennen, aber bei diesen Feld-
forschungsmethoden ist in der Regel keine Kontrolle und Ausschal-
tung "störender" Bedingungen möglich. Im Gegensatz zum Experiment
erfassen sie ein k o m p l e x e s Bedingungsgefüge verschie-
denster Variablen und Zusammenhänge; eine e i n d e u t i g e
Rückführung von Phänomenen auf bestimmte Variablen ist aber nicht
möglich. Dies ist dagegen der E r k e n n t n i s a n-
s p r u c h des experimentellen Vorgehens. Das Experiment ist
also nicht primär ein Instrument, um Daten aus der Realität zu
gewinnen, sondern eine Strategie zur Veränderung der Realität
unter einem bestimmten Erkenntnisinteresse. Dies werden viel-
leicht die Überlegungen der Autoren gewesen sein, aus denen
heraus sie das Experiment von den Erhebungsinstrumenten auch rein
räumlich abheben.
Um die von den Autoren zum Experiment bezogene Position deutlich
zu machen, will ich kurz einiges zum Standort der experimentellen
Forschung in den Sozialwissenschaften sagen. In den westlichen
Sozialwissenschaften besitzt die experimentelle Forschung eigent-
lich nur in der Psychologie eine besondere Relevanz. Quasiexperi-
mentelle Untersuchungen und Feldexperimente gibt es z.T. in der
Pädagogik. In der Soziologie sind mir keine experimentellen For-
schungen bekannt (wenn man von sozialreformerischen Experimenten
à la Owen absieht). Die Relevanz des Experiments für die Psy-
chologie ist allerdings erheblich. Da die Psychologie im Span-
nungsfeld zwischen Natur- und Gesellschaftswissenschaft steht,
lag es besonders für die am positivistischen Prinzip der empiri-
schen Überprüfbarkeit orientierte Psychologie nahe, die als exakt
geltenden Methoden der Naturwissenschaften auch für die Psycholo-
gie zu übernehmen. So entwickelte sich die psychologische Theorie
über die experimentelle Forschung. Ziel der Erkenntnis waren -
bzw. sind - allgemeine, historisch nicht gebundene Geset-
zesaussagen, die im Experiment empirisch bestätigt werden. Die
methodisch immer ausgefeilteren Experimente, in denen - möglichst
in Laborsituationen - alle wirkenden Variablen kontrolliert bzw.
die Störfaktoren ausgeschaltet werden können (interne Validität),
führen zur Künstlichkeit der im Experiment hergestellten Situa-
tion, d.h. die experimentellen Ergebnisse können nicht mehr auf
natürliche Situationen übertragen werden (externe Validität). Ein
solches - eng empiristisches Vorgehen - führte in der Tendenz zu
einer Verkürzung der theoretischen - besonders der gesellschafts-
wissenschaftlichen - Grundlagen der Psychologie. Es ist fraglich,
ob mit der experimentellen Methode überhaupt Entwicklungspro-
zesse, also historische Momente, erfaßt werden können.
An diesen Punkten setzt auch die kritische Psychologie (Holzkamp)
in ihrer Auseinandersetzung mit der bürgerlichen empirischen For-
schung an und komm zur - vorläufigen? - Ablehnung des Experiments
als Forschungsmethode in der Psychologie. Sie setzt dagegen die
Notwendigkeit des historischen Herangehens. Nach einer längeren
theoretischen Phase der kritischen Psychologie stellt sich nun
aber generell die Frage nach dem empirischen Vorgehen wieder neu,
und damit auch die Frage nach dem Erkenntniswert des Experiments.
Diese Diskussion ist allerdings noch nicht abgeschlossen.
In der DDR spielt das Experiment in der Psychologie ziemlich die
gleiche Rolle wie in der bürgerlichen Psychologie. In Forschung
und Lehre nimmt es einen zentralen Stellenwert ein. Allerdings
scheint die Methode relativ unkritisch aus der bürgerlichen Psy-
chologie übernommen worden zu sein. Holzkamps Beiträge zur kriti-
schen Psychologie wurden kaum diskutiert.
Außer in der Psychologie gibt es experimentelle Forschung in der
DDR auch in der Pädagogik und vor allem auch in der Soziologie.
Dabei geht es hier meist um die Überprüfung der Wirksamkeit be-
stimmter Maßnahmeprogramme, d.h. organisatorischer und prakti-
scher Maßnahmen der Leitung und Erziehung in Schule und Betrieb.
11) Es geht um die bewußte Gestaltung der sozialistischen Gesell-
schaft. Experimente dieser Art dienen also nicht allein For-
schungszwecken, sondern Forschung und Umsetzung bestimmter Pla-
nungsziele hängen eng zusammen. Durchgeführt werden diese Experi-
mente dementsprechend nicht lediglich von Wissenschaftlern, son-
dern in gemeinsamer Arbeit dieser mit den Leitern und Erziehern.
Dieses Vorgehen hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Handlungs-
forschung. Auch dort werden z.B. neue Erziehungs- und Ausbil-
dungskonzeptionen von Forschungen begleitet, die die Bedingungen
der Umsetzung und die Wirksamkeit der Konzeptionen überprüfen.
Auch Friedrich ist ein starker Befürworter des Experiments. Er
kritisiert Positionen, die die experimentelle Forschung ablehnen.
Die relativ späte Übernahme der experimentellen Methode aus den
Natur- in die Gesellschaftswissenschaften beruhe auf bürgerlichen
Anschauungen von Individuum und Gesellschaft wie:
- psychische und soziale Prozesse seien so komplex, daß sie nicht
experimentell erfaßbar seien; sie seien einmalige, unwiederhol-
bare Prozesse;
- psychische Prozesse seien nicht meßbar.
Diese Position hat es allerdings in der Entwicklung der Psycholo-
gie gegeben, scheint mir aber nicht die r e p r ä s e n t a-
t i v e Anschauung der derzeitigen bürgerlichen Psychologie zu
sein. Repräsentativ ist doch wohl eher die unumschränkte Befür-
wortung der experimentellen Forschung durch die bürgerliche
Psychologie. Eine solche unumschränkte Befürwortung gibt auch
Friedrich. Er beklagt sich geradezu, daß in Pädagogik und
Soziologie, aber auch in einigen psychologischen Teilbereichen zu
wenig experimentelle Forschung betrieben wird.
Meines Erachtens wird bei Friedrich die Problematik des Verhält-
nisses von externer und interner Validität unterbewertet. Zwar
fordert er einerseits, "einen möglichst hohen Ähnlichkeitsgrad
zwischen dem experimentellen und dem natürlichen Bedingungssystem
herbeizuführen" /622/. Unvermittelt daneben steht die Forderung
nach guter Steuerbarkeit der Bedingungen in der experimentellen
Situation. Friedrich geht kaum darauf ein, daß im Wechselspiel
dieser beiden Momente eben ein Teil der Problematik des Experi-
ments liegt. Die Verbesserung der inneren Steuerbarkeit führt ja
gerade oft zur Künstlichkeit und damit zur mangelnden Übertrag-
barkeit auf natürliche Situationen. Friedrich versucht das Pro-
blem zu lösen, indem er die Gültigkeit der Laborexperimente, die
ja gerade aus der Anforderung der Steuerbarkeit entstanden sind,
einschränkt. Sie sollen mit Feldexperimenten und anderen For-
schungen gekoppelt bzw. verglichen werden - das ist eine sinn-
volle Anforderung. Weniger sinnvoll ist allerdings die allgemeine
Forderung nach der Zurückdrängung des künstlichen Charakters des
Experiments, denn - das "wie?" ist ja gerade das Problem! Darauf
hätten die Autoren etwas mehr eingehen müssen.
Ich möchte an dieser Stelle die Auseinandersetzung mit dem Expe-
riment-Abschnitt abbrechen und im folgenden noch kurz auf die
letzte Hauptetappe eingehen.
Auswertung
----------
Die Etappe der Auswertung untergliedert sich wieder in drei
Schritte: die statistische und die theoretische Auswertung und
die praktische Umsetzung der Forschungsergebnisse. Auf den stati-
stischen Teil braucht hier nicht weiter eingegangen zu werden. Es
ist eine sehr kurze und vereinfachte Darstellung einiger stati-
stischer Verfahren und Strategien. Ziel des Kapitels ist sicher
nicht, eine Einführung in die Statistik zu geben, sondern es ist
wohl eher für den Praktiker der empirischen Sozialforschung ge-
dacht, der schnell noch einmal eine Formel oder Entscheidungs-
strategie nachsehen will.
134
Die Phase der statistischen Auswertung ist der erste Schritt zur
Verallgemeinerung des vielfältigen und unüberschaubaren Datenma-
terials. Sofern in der Untersuchung quantifizierbare Daten gewon-
nen wurden, bilden die durch statistische Verarbeitung gewonnenen
Sekundärdaten die Ausgangsbasis für die theoretische Verallgemei-
nerung. Von diesem Fall gehen die Autoren aus. Die Phase der
theoretischen Verallgemeinerung ist eine entscheidende Frage im
Übergang von Theorie und Empirie. Einerseits sollen die empiri-
schen Daten der möglichst genauen Beschreibung eines Phänomens
dienen, andererseits soll über sie hinaus eine Erklärung des Phä-
nomens erreicht werden. Es handelt sich also um das Problem, wie
aus empirischen Daten theoretische Gesetze entstehen /750/. Der
Prozeß des Übergangs von den empirischen Daten zur Theorie er-
folgt durch "Subsumtion der Daten unter eine Theorie" (in Anleh-
nung an Stoff: Modellierung und Philosophie). Weiter oben heißt
es noch etwas drastischer: "... wobei das, was diese empirischen
Daten bestätigen sollen, zuvor theoretisch entwickelt oder zumin-
dest der Möglichkeit nach in der Theorie angelegt sein" muß
/751/. Als Beschreibung der sozialempirischen Forschungspraxis
mag dieser Prozeß weitgehend zutreffen, obwohl in größer angeleg-
ten Untersuchungen häufig Fakten auftauchen, die zunächst nicht
auf dem Hintergrund der Hypothesen interpretierbar sind. Es
taucht auch an dieser Stelle wieder die Frage nach dem Erkennt-
nisfortschritt auf. Die Position der Autoren spricht der Theorie
das Primat zu, sie ordnet und interpretiert die Daten. Unklar
bleibt auch hier, wie die Theorie sich selbst auf den Gegenstand
rückbezieht, d.h. wie sie als Widerspiegelung der Wirklichkeit
entsteht.
Hauptsächlich werden in dem Kapitel zur theoretischen Auswertung
die Phasen des Auswertungsprozesses beschrieben. In den beiden
ersten Phasen erfolgt die Gruppierung und statistische Konzentra-
tion (Mittelwerte, etc.) und Vergleich (Korrelation, etc.) der
Daten. Um die empirischen Ergebnisse letztlich in ein theoreti-
sches System einordnen zu können, müssen "mit Hilfe der Abstrak-
tion die w e s e n t l i c h e n, n o t w e n d i g e n u n d
a l l g e m e i n e n Beziehungen und Eigenschaften (Gesetz-
mäßigkeiten) des Forschungsobjekts aus dem vorliegenden Untersu-
chungsmaterial" /766/ herausgesondert werden. Schließlich und
endlich sollen dann die im Forschungsprozeß gewonnenen Ergebnisse
in die gesellschaftliche Praxis umgesetzt werden. Dieser Prozeß
scheint in den sozialistischen Ländern doch anders zu verlaufen
als in den westlichen. Das liegt in dem direkten Zusammenhang von
wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung begründet.
Wissenschaft wird direkt eingesetzt zur Leitung und Planung beim
Aufbau der entwickelten sozialistischen Gesellschaft. Empirische
Untersuchungen gliedern sich in die in den Forschungsplänen für
die Gesellschaftswissenschaften festgelegten Arbeitsschwerpunkte
ein. Ihre Relevanz für die Praxis erhalten sie somit über die
Bedeutung der Forschungsschwerpunkte für die gesellschaftliche
Entwicklung. Auf diesem Hintergrund stellen die Autoren die
Forderung nach enger Kooperation von Forschern und Vertretern der
gesellschaftlichen Praxis - staatliche und gesellschaftliche
Leitungen - bei der Überleitung der Ergebnisse in die Praxis.
Sollen die Ergebnisse direkt praktisch umgesetzt werden, so müs-
sen an den Forschungsbericht bestimmte Anforderungen gestellt
werden, damit die Leitungsorgane die im Forschungsbericht nieder-
gelegten Empfehlungen und Folgerungen ohne zusätzlichen Aufwand
umsetzen können (z.B. einfache Sprache; kurze Fassung des Be-
richtes; nicht zu viel statistisches Material). Es wird darüber
hinaus ein verändertes Verhältnis des Forschers zu den Personen
seiner Untersuchung vorausgesetzt. Ist sowohl die Nutzung als
auch z.T. die Erhebung der empirischen Ergebnisse gemeinsame Ar-
beit von Forscher, Leiter und Werktätigen, so setzt dies auf Sei-
ten des Forschers "Lebensnähe, Praxisverbundenheit und Bereit-
schaft zur unmittelbaren Zusammenarbeit mit den Leitern und Werk-
tätigen" /784/ voraus. In der sozialistischen Gesellschaft ent-
wickelt sich offensichtlich ein neues Verhältnis zwischen dem
Forscher und seinen Forschungs"objekten". 12)
Schluß
------
Zum Schluß will ich versuchen, eine zusammenfassende Einschätzung
des Buches zu geben. Das ist besonders wichtig auf dem Hinter-
grund einer doch oft recht heftigen Kritik an den wissenschafts-
theoretischen Positionen der Autoren, die ich an dem Buch ange-
bracht habe. Behielte man aber nur diese Punkte im Blickfeld, so
wäre das eine verzerrte Einschätzung des gesamten Werkes. Inner-
halb der DDR-Literatur zeichnet sich das Buch dadurch aus, daß es
das umfassendste Methodenbuch ist, das auf der Grundlage eigener
empirischer Forschungstätigkeit entstanden ist. Konkrete Erfah-
rungen, die bei empirischen Untersuchungen gewonnen wurden, sind
mit in die Darstellung eingeflossen. Daß hier so viele praktische
Probleme angesprochen und Lösungswege für sie aufgezeigt werden,
unterscheidet das Buch von vielen anderen Methodenbüchern.
Der wichtigste Gesichtspunkt ist aber, daß die Methoden im Rahmen
des Forschungsprozesses dargestellt werden. Das macht das Buch
auch so attraktiv innerhalb der westlichen Methodenliteratur. Wer
sich's leisten kann - das Buch kostet hier in West-Berlin leider
39,- DM - sollte sich den "Sozialwissenschaftlichen Forschungs-
prozeß" als grundlegendes Empiriebuch zulegen. Es ist in der Tat
wesentlich besser als fast alle sonstigen westlichen Methodenbü-
cher und sicherlich in der Lage, dem gängigen "Mayntz-Holm-Hüb-
ner-Methodenbuch" den Rang abzulaufen.
Ulrike Schneider
_____
1) Einfachster empirischer Beleg: siehe Herausgabezeiten der im
Literaturverzeichnis angegebenen Literatur zu diesem Komplex.
2) Siehe z.B. "Schriftenreihe 'Soziologie'", die seit der Zeit
vom Wissenschaftlichen Rat für Soziologische Forschungen in der
DDR herausgegeben wird.
3) Die Orientierung am Forschungsprozeß kommt nicht nur im Titel
des Buches zum Ausdruck, sondern auch im Titelblatt, auf dem der
Forschungsprozeß als Kreislauf mit verschiedenen Etappen darge-
stellt ist.
4) Gemeint sind Beobachtungsdaten in dem weiteren Sinne von empi-
rischen Erfahrungstatsachen, also nicht die Daten, die sich aus
der sozialwissenschaftlichen Erhebungsmethode der "Beobachtung"
ergeben.
5) S. 61. Vgl. auch: Der Mensch und seine Arbeit (Autorenkol-
lektiv), Berlin 1971: "Der Weg von der theoretischen Analyse
eines Problems zu seiner konkreten soziologischen Untersuchung
ist das, was Marx das Aufsteigen vom in den Begriffen und
Definitionen gegebenen Abstrakten zum in der unmittelbaren Beob-
achtung gegebenen Konkreten nennt. Die Bewegung von der wissen-
schaftlichen Abstraktion zur Empirie ist die einzig wissenschaft-
liche Methode, mit der man aus dem Chaos vielfältiger Prozesse
das Wesentliche und Konstante, das allgemein Soziale ermitteln
kann." (S. 28)
6) K. Marx: Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie. Ber-
lin 1968. S. 247 ff.
7) Jadow bezieht sich hier auf die Soziologie. Das von ihm darge-
stellte Verhältnis läßt sich aber auch auf die anderen Gesell-
schaftswissenschaften, die sich alle auf den historischen Mate-
rialismus als allgemeiner Gesellschaftstheorie gründen, beziehen.
8) Diese starke Bewertung wird auch deutlich an dem Umfang, den
die Artikel zur Messung und Quantifizierung gesellschaftlicher,
besonders psychologischer Phänomene einnehmen.
9) Die forschungsorganisatorischen Aspekte beziehen sich aller-
dings z.T. konkret auf die DDR, sind also nur bedingt auf unsere
Verhältnisse übertragbar.
10) Z.B. ein experimentelles Ergebnis, daß der bisherigen Theorie
widerspricht. Oder: Die bisher zur Anwendung gebrachten Maßnahme-
programme zur Verhinderung der Fluktuation der Arbeitskräfte er-
weisen sich als unzureichend.
11) Siehe auch die von Friedrich dargestellten Beispiele
"Maßnahmeprogramme der Leitung und Erziehung im Betrieb" und
"Maßnahmeprogramme in der Schule".
12) Siehe auch U. Koch: Zum Ideologiegehalt soziologischer For-
schungsmethoden. SOPO 31, Dezember 1974.
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