Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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ANTONIO GRAMSCI: I QUADERNI DEL CARCERE. HERAUSGEGEBEN VON VALENTINO GERRATANA, EINAUDI TURIN, 1975

"Per capire Gramsci bisognerebbe capire l'Italia ... Ma l'Italia è solo il punto di partenza di tale pensiero." ("Um Gramsci zu verstehen, sollte man Italien verstehen ... Aber Italien ist nur der Ausgangspunkt dieses Denkens.") Eric J. Hobsbawm Die kritische Ausgabe der Werke eines Denkers und führenden Poli- tikers vom Niveau Gramscis trägt Probleme in sich, die ihren Wer- degang anders gestalten als den einer herkömmlichen Werkausgabe mit strikt philologischem Charakter. Damit soll nicht gesagt wer- den, daß hier keine philologische Arbeit geleistet wurde; im Ge- genteil, sogar eine sehr sorgfältige. Vielmehr ist beabsichtigt, den Terminus im Sinne V. Gerratanas, dem Herausgeber der "Qua- derni", zu erfassen, der die Ausgabe als eine Arbeit der "Gramsci-Philologie" (fililogia gramsciana) definiert hat. Die Merkmale dieser "Gramsci-Philologie" werden transparent, wenn man jenen dialektischen Prozeß genau bestimmt, der die Veröffentli- chung der Werke Gramscis und die Entwicklung der PCI (von 1944, erstes Jahr des "Partito Nuovo", bis heute) eng miteinander ver- bindet, und innerhalb dessen die kritische Ausgabe der "Quaderni" Gestalt angenommen hat. Gerade durch die gemeinsame Betrachtung der "Quaderni" und dieser entscheidenden Periode der Geschichte der PCI bzw. Nachkriegs- Italiens, wird man sich der spezifischen Motive bewußt, die die erste Ausgabe der "Quaderni" zu einer "taktischen" gemacht haben, d.h. sie sollte für eine gezielte Verbreitung derjenigen Schrif- ten Gramscis sorgen, die damals für die bedeutendsten gehalten wurden. Im Jahre 1945 brachte der Verleger G. Einaudi den Band "Il Risorgimento" als ersten Teil einer sechsbändigen Ausgabe der "Quaderni" heraus; thematisch geordnet, so wie es Gramsci teil- weise geleistet hatte, um das Studium Gramscis durch geschichtli- che, dem italienischen Leser wohlvertraute Inhalte zu fördern, und gleichzeitig den im Faschismus entstandenen Mangel einer hi- storisch-politisch-philosophischen Analyse zu beheben. Dem Leser wurde damit eine Sammlung historischer Abhandlungen angeboten, die seine Aufmerksamkeit auf die Ursachen lenken sollten, die zur Einheit Italiens (1861) und zur Durchsetzung der Bourgeoisie Norditaliens geführt hatten, was zwangsläufig eine Vertiefung der Kluft zwischen Nord- und Süditalien, d.h. zwischen "Stadt und Land" (Gramsci) zur Folge hatte. Als Stärke der Analysen des Autors hat man zu Recht eine Methode entdeckt, die "das Ganze in der Geschichte erfaßte" (M.L. Salva- dori) und deren man insbesondere nach dem Sturz des Faschismus zur Untersuchung des Neuen in der italienischen Gesellschaft be- durfte, um dadurch ihre Kontinuität zu gewährleisten. - Im Jahre 1947 wird zum ersten Mal offiziell vom "italienischen Weg zum So- zialismus" (La via italiana al socialismo, Togliatti, Florenz) gesprochen. - Dem Band "Il Risorgimento" folgten bald, mit Titeln der Redaktion, die restlichen fünf Bände: "Il materialismo sto- rico e la filosofia di Benedetto Croce", 1948; "Gli intellettuali e la organizzazione della cultura", 1949; "Note sul Machiavelli, sulla politica e sullo Stato Moderno", 1949; "Letteratura e vita nazionale", 1950; "Passato e Presente", 1951. Aber schon 1947 war (wieder bei Einaudi) der Sammelband "Lettere dal Carcere" (Kerkerbriefe) erschienen, der eine "allgemeine Ein- leitung für die darauffolgenden Schriften" sein sollte. Eine leb- hafte Polemik entwickelte sich um die Motive sowohl für die Aus- wahl der Briefe als auch für die Auslassung einiger Passagen aus den aufgenommenen Briefen. Vor allem neigte man dazu, in den Aus- lassungen bestimmter Passagen und Briefe über die freundschaftli- chen Beziehungen zwischen Gramsci und Bordiga eine Bevorzugung der "Turiner Gruppe" (des Ordine Nuovo) innerhalb der Partei ge- genüber jener "Gruppe von Neapel" zu sehen; letztere wurde von Bordiga, einem der Gründer und erster Parteivorsitzender des PCd'I, ins Leben gerufen. Erst im Jahre 1964 kam man zu einer Korrektur durch eine Neuauf- lage der "Lettere", verbessert und wesentlich erweitert von C. Caprioglio und E. Fubini. Wenn man auch, begünstigt durch die neuen Zeiten und ein verändertes politisches Klima, zu einer Überwindung der Mängel der ersten Auflage der "Lettere" kam, ist es jedoch nicht berechtigt, den Wert der ersten Ausgabe zu min- dern oder gar den Willen der damals führenden Gruppe der PCI zu verkennen, die vor allem durch Togliatti die Veröffentlichung al- ler Werke Gramscis gefordert hatte, dies zu einer Zeit, als die "Schatten" Zdanovs "schwer" auf der Kulturpolitik der übrigen eu- ropäischen kommunistischen Parteien "lasteten" (Einaudi). Aber Mitte der sechziger Jahre wurde seitens des "Istituto Gram- sci", 1958 in Rom gegründet, die Notwendigkeit einer neu zu ge- staltenden Ausgabe der "Quaderni" erkannt und angestrebt. Warum? Was hatte sich ereignet? Wieso verspürte das "Istituto" eine sol- che Notwendigkeit? Kurz gesagt, die thematische Ausgabe der "Quaderni", inzwischen von den Schriften 1914 -1922 begleitet ("L'Ordine Nouvo 1919-20"; "Scritti giovanili 1914-1919"; "Sotto la mole 1916-20"; "Socialismo e fascismo, L'Ordini nuovo 1921- 22", immer mit Titeln der Redaktion) hatte einerseits ihre Auf- gabe als erste gezielte Annäherung an Gramsci erfüllt, anderer- seits zeigte sich immer mehr, daß ihr Konzept zu einem Hindernis für eine weitere Vertiefung der Kenntnisse der Schriften Gramscis wurde. Mit anderen Worten, indem man die Chronologie der Entste- hung der Arbeiten zurückstellte und somit den Wert der zeitlichen Entwicklung der "Quaderni" unterschätzte, hinderte man den Leser an der Aneignung der Methodenlehre Gramscis: "Alle möglichen Be- züge erfassen und sie harmonisch miteinander in einen Zusammen- hang bringen." (Gramsci) Und dies gerade zu jenem historischen Zeitpunkt, als innerhalb der PCI und der linken Kräfte Europas die Frage nach einer neuen Kampf- und Bündnisstrategie unter den ersten Anzeichen der folgenden Kämpfe der europäischen Arbeiter- und Studentenbewegung in den sechziger Jahren immer dringender wurde. Es ist sicher kein Zufall, daß Gramsci gerade in diesen Jahren in Frankreich wiederentdeckt und mit einer Intensität gelesen und diskutiert wurde, die sich heute in dem Buch von Chr. Buci- Glücksmann "Gramsci et l'Etat. Pour une theorie materialiste de la philosophie" (Paris 1975), einem der besten Beiträge zur Her- ausarbeitung der Kontinuität zwischen früheren Schriften und den "Quaderni", widerspiegelt. Das gleiche kann leider nicht für die BRD festgestellt werden. Neben einer Reihe unbefriedigender Übersetzungen einiger Schrif- ten Gramscis findet sich wenig Interessantes an Sekundärlitera- tur. Außerdem fehlt es zur Zeit an einem Verlag, der (wie Galli- mard in Frankreich) bereit ist, das "Risiko" einzugehen, seinen Lesern Gramsci zugänglich zu machen. Die Vorzüge der kritischen Ausgabe der "Quaderni" liegen zweifel- los in der beachtlichen "philologischen" Schärfe, mit der der Herausgeber seine Bewegungsfreiheit bis zur äußersten Grenze aus- geschöpft und dem Leser trotzdem unbegrenzte Autonomie eingeräumt hat. Von besonderer Bedeutung ist in dieser Hinsicht der vierte Band dieser Ausgabe: ein kritischer Apparat mit mehr als tausend Seiten über ein Gesamt von 3369 Seiten. Die dort enthaltenen "Indices" und Anmerkungen zum Text wollen als Instrumentarium für die Textinterpretation, nicht selbst als Interpretation verstan- den werden. Das ist wiederum möglich dank des technisch-wissen- schaftlichen Inhalts der 'Anmerkungen" und des Synthesecharakters (im einfachen Sinn des Wortes) des "Indice per argomenti" (Sachregister). Die erneute Aufwertung jener Teile der "Quaderni" (im Text durch Kleindruck gekennzeichnet), die von Gramsci nach einer zweiten, zum Teil dritten Bearbeitung gestrichen wurden, entspricht der Notwendigkeit, größere Klarheit für spätere Fas- sungen zu verschaffen, in denen Gramsci manchmal aufgrund der Ge- fängniszensur gezwungen war, sich per Umschreibung auszudrücken (vgl. S. 419-21 mit S. 1840-44; § 2). Zu diesen technisch-wissen- schaftlichen Hilfsmitteln, in Übereinstimmung mit der Grundthese dieser Werksausgabe "ohne Belastung durch Interpretationen" (Gerratana), kommt deren philologischer Charakter hinzu, durch den die Untersuchungs-, Studien-, Formulierungs- und/oder Synthe- semethode Gramscis faßbar wird. In diesem Zusammenhang gewinnen die oben angegebenen Seiten, wo Gramsci über Marx schreibt, so sehr an Bedeutung, daß sie durch- aus alleine als Einführung in die Lektüre der drei Bände, in denen 29 der "Quaderni" aufgenommen sind, dienen könnten. Ferner gelingt es dem Herausgeber auch durch die Aufnahme der er- sten Entwürfe die Entstehung der Gedanken des Autors aufzuzeigen, bevor er zur letzten Fassung übergeht. Diese wiederum soll nach Gramscis Anweisung nicht als "endgültig", sondern als "vorläufig" (S. 1365), d.h. als letzte ihm mögliche Bearbeitung unter den Ge- fängnisbedingungen, gelten. Mit ihrer Aufnahme wird einerseits der Charakter des nicht "Endgültigen", des sogar "fragmentarischen" der "Quaderni" sehr deutlich hervorgehoben. Dadurch wird eine zügige Lektüre oft erschwert. Wenn man sie je- doch wie Studien eines Malers oder Bildhauers für ein unvollende- tes Werk betrachtet, führt das Werk selbst zur Bereicherung und begünstigt einen tieferen Einblick in das zum Zeitpunkt des Ab- bruchs erreichte Niveau der Arbeiten. Ausgehend von dem "Besonderen", das Gramsci ständig zum Ausgangspunkt seiner Gedan- ken macht, kann man besser der "gesamten Entwicklung der geisti- gen Arbeit" (S. 1840) des Autors folgen. Offensichtlich erfordern die "Quaderni" eine nicht einfache Art des Lesens, in dem Sinne, daß der Rhythmus eines linearen Fortschreitens unterbrochen wird durch Pausen für jene Bezüge - erleichtert durch Anmerkungen, die auf die Überarbeitung hinweisen, und durch den "Indice per argo- menti" - die zwischen den verschiedenen Bearbeitungen eines Be- griffs, eines Themas und einer These notwendig sind, um dem Leser eine "harmonische" Verknüpfung zu geben, die mit einer themati- schen Systematisierung allein nicht erreichbar ist. Sie liegt nicht in einer mechanischstrukturellen Einheitlichkeit, sondern in der Geschlossenheit des Ganzen. In der Tat ist sich Gramsci des Problems bewußt und hat in dem "Quaderno 22 - 1934, Americanismo e fordismo", vielleicht besser als in jedem anderen, implizite Anweisungen gegeben, wie man zu einer organischen Lektüre seiner Schriften kommen kann. Zurück- greifend auf Texte aus den "Quaderni 1/3/4/9", um diese in dem "Quaderno 22" zu ordnen, verzichtete er auf eine lineare und dis- kursive Abhandlung und zieht es vor "einige der ihrem Wesen nach wichtigsten und interessantesten Probleme, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht vorrangig zu sein scheinen" (S. 2139), neben- einander zu stellen. Die Bevorzugung des weniger Auffallenden und eine formelle Diskontinuität seiner Abhandlung stehen der Komple- xität und Geschlossenheit seiner Gedanken gegenüber. Carmine Chiellino zurück