Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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FRANZ DICK: KRITIK DER BÜRGERLICHEN SOZIALWISSENSCHAFTEN, SENDLER, HEIDELBERG 1974

Vorab: der Titel von Dicks Arbeit täuscht - es handelt sich dabei nicht um eine Kritik der Sozialwissenschaften, sondern um eine Kritik der Psychologie, ihrer experimentellen Methodik, der Struktur und Entwicklungsdynamik der so methodisch fundierten in- haltlichen Theorien und der zugeordneten wissenschaftstheoreti- schen Deutungsversuche. Dicks Ausgangspunkt, Methode und Ziel ------------------------------------- Der Ausgangspunkt ist - wie schon bei Aronson & Carlsmith (1968), Brunswik (1947, 1949, 1955), Sargent (1965) und vor allem dann bei Holzkamp (1964,1967, 1972) - ein Unbehagen gegenüber der tra- ditionellen Psychologie: sie würde ihrem Anspruch nicht gerecht, ihren Gegenstand so zu analysieren, daß die daraus abgeleiteten Beschreibungen, Erklärungen, Prognosen naturwissenschaftlichen Maßstäben hinsichtlich Objektivität, Präzision und Stabilität (Reliabilität), und Qualität (Validität) genügten. Stattdessen biete die psychologische Forschung bei oberflächli- cher Betrachtung folgenden Anblick: "Die unverbundene Vielfalt der Theorie; die unterschiedlichen einzelnen Methoden; die immer weiter sich aufdifferenzierende Methodik und Methodologie; die Entfernung der Empirie aus der alltäglichen Wirklichkeit ins La- bor; die enorme Widersprüchlichkeit der empirischen Ergebnisse in der Überprüfung einer einzelnen Hypothese; die immer weiter an- steigende Spezifizierung von Hypothesen; die Entfernung der Wis- senschaftstheorie von der Forschungspraxis; usw." /21/ Diesen unbefriedigenden Zustand der traditionellen - von ihm als "bürgerlich" und "empirisch" apostrophierten - Psychologie will Dick analysieren; aber nicht forschungs-transzendent bzw. wissen- schafts-soziologisch, -ethisch, etc. - also von Entstehung, Vor- aussetzung, Anwendung, Moral her -, sondern forschungs-immanent - von den inneren Widersprüchen des Forschungsprozesses selbst her. In den Ausführungen über seine Methode weist Dick vorhandene An- sätze - z.B. Holzkamp ; Psychologie der sozialistischen Länder - als bürgerliches Denken zurück. Er beansprucht dagegen für sich die Anwendung der Marxschen Methode aus dem 'Kapital' auf den Ge- genstand der Psychologie. Dicks zentraler und originellster Bei- trag besteht dabei in der Analyse des Theorie/Empirie-Verhältnis- ses in der nomothetisch verfahrenden Psychologie, speziell im Mo- dell der "abstrahierenden Induktion". Dicks chaotisches Weltbild, oder: der Kult des Konkreten -------------------------------------------------------- "Für mich selbst schälte sich die Übertragbarkeit einiger poli- tisch-ökonomischer Kategorien erst im Verlauf der Untersuchung nach und nach heraus." (Anmerkung, /26/). Leider ist die Verar- beitung der Lesefrüchte aus positivistischen, kritisch-theoreti- schen, und marxistischen Werken zu einer konsistenten Auffassung nicht gelungen. So sagt Dick einerseits: "Es bliebe eine chaotische Vielfalt von Erscheinungen, wenn die Untersuchung bei ihnen stehenbliebe und nicht nach dem Gemeinsamen verschiedener Besonderheiten fragen würde. Es kann als wesentliches Moment hinter den Erscheinungs- formen verborgen sein." /22/ Dem widerspricht er andrerseits gleich zweifach: das Millsche Weltbild - und in seinem Gefolge die "empiristisch"-sozialwissenschaftliche Theorie - "nimmt an, daß eine abstrakte Struktur von allgemeinen Gesetzen, ein Raster bloßer Notwendigkeiten, gleichsam "hinter" der konkreten Wirk- lichkeit existiert und von hier aus bestimmt, was in der konkre- ten Wirklichkeit vorgeht. Dies ist eine idealistische Annahme." /267/ Und zugleich leugnet er die Möglichkeit, daß eine allge- meine Hypothese Wesentliches aussage: "Wesentliches kann man nur von etwas konkret Existierendem behaupten, weil es nur in etwas konkret Existierendem Wesentliches und Unwesentliches gibt." /110/ Die Annahme von Gesetzmäßigkeit und Ordnung hinter und unter der verwirrenden oberflächlichen Vielfalt wird also einmal als idea- listisch diffamiert, ein andermal lobend als Beispiel für mate- rialistisches Vorgehen angeführt. Und wichtiger: er stilisiert den Einzelfall, das 'konkrete Faktum', zu absoluter Einzigartig- keit hoch, womit die Möglichkeit schwindet, Verallgemeinerungen zu treffen, Gesetze zu formulieren: "ein Faktum kann beherrscht sein von Gesetzmäßigkeiten" /84/, muß es aber nicht. "Das histo- rische Faktum ist nicht bloß Schnittpunkt verschiedener allgemei- ner Züge ... Wenn die allgemeinen Züge nur dadurch existieren, daß sie in einzelnen Besonderheiten verkörpert sind, und wenn diese Verkörperungen und Verbindungen verschiedener allgemeiner Züge historisch einmalig sind, dann bedeutet dies, daß jedes ein- zelne historische Faktum nicht einfach Schnittpunkt von verschie- denen allgemeinen Zügen sein kann." /84 f./ Die sorgfältige Re- konstruktion des Arguments beweist seine Unlogik. Konsequenter- weise lehnt Dick daher auch das Millsche Weltbild ab, das trotz der mit Dick geteilten Auffassung, die Realität biete ein chaoti- sches Bild, eine Ordnung hinter dem Chaos annimmt - welcher Auf- fassung Dick nach letzterem nur schwerlich zustimmen könnte. Dick macht also widersprüchliche Aussagen zur Gesetzmäßigkeit des Realen und zur Methode der möglichen Aufdeckung solcher Gesetzmä- ßigkeiten. Seiner Abweichung vom traditionellen wissenschafts- theoretischen Denken liegt zugrunde einmal eine Tendenz zum Inde- terminismus - so sagt er über Mill: "In einer solchen determi- nierten Welt gibt es für bewußtes Handeln keinen Platz" /367/ -, und zum anderen eine m.E. falsche oder naive Rezeption der marxi- stischen Begriffe Erscheinung/Wesen, Zufall/Notwendigkeit, Mög- lichkeit/Wirklichkeit, Gesetz. Er identifiziert Gesetzmäßigkeit im marxistischen Sinn mit Determiniertheit überhaupt und kommt aus Anschauung der widersprüchlichen Befunde der Experimental- Psychologie zu der Auffassung, menschliches Handeln unterliege nicht total Gesetzmäßigkeiten, sondern enthalte eine "Unbestimmt- heitsstelle", phänomenal gleichgesetzt mit dem Freiheits- spielraum, der Spanne zwischen Möglichem und Wirklichem. Hier wirke, je nachdem, der "Zufall" oder - an andrer Stelle - das "menschliche Bewußtsein". - Aber: die marxistische Unterscheidung des Zufalls von der Notwendigkeit impliziert kein Zugeständnis an irgendeine Form des Indeterminismus. Ausgehend vom Prinzip der universellen Determiniertheit sind vielmehr als Gesetze nur solche determinierenden Einflüsse aus der Gesamtheit der Determinanten hervorgehoben, die bestimmten qualitativen und quantitativen Kriterien genügen, nämlich die wesentliche, allge- meine und notwendige Einflüsse darstellen - was im Anwendungsfall zu konkretisieren wäre. Auch der 'Zufall', auch das 'menschliche Bewußtsein' sind nach dieser Auffassung determiniert. Der angedeutete Fehler Dicks ist bedeutungsvoll für die weitere Argumentation: die für seine Arbeit zentrale Behandlung der Theo- rie/Empirie-Problematik geht aus von einem unüberbrückbaren Ge- gensatz zwischen der Konkretheit des Einzelfalls und der Ab- straktheit des Gesetzes, bzw.: zwischen der Konkretheit der Empi- rie und der Abstraktheit der Theorie. Die Realität ist nach Dick nicht nur konkret, sprich: letztlich einzigartig und einmalig, sondern auch widersprüchlich. Womit dann erklärt wird, warum experimentelle Ergebnisse in der Psycho- logie sich nicht wiederholen ließen: "Je kontrollierter die Expe- rimente zu einer identischen Hypothese, umso mehr müssen die Er- gebnisse dieser Experimente für die jeweiligen sehr kontrollier- ten Bedingungen spezifisch sein. Dies bedeutet, daß die Bestäti- gung und Widerlegung von Hypothesen mit der methodischen Perfek- tion ihrer Überprüfung widersprüchlicher und uneinheitlicher wer- den muß." /223/ Für ein zentrales methodisches Problem der experimentellen Psychologie wird damit eine Scheinerklärung ange- boten, die nicht einmal logischen Anforderungen genügt - Kon- trolle der Bedingungen vereinheitlicht diese; damit müßten auch die Ergebnisse konvergieren -, geschweige denn inhaltlichen. Kon- sequenz: Rückzug aus der Methode, statt ihre Verbesserung unter genauer Analyse des Gegenstands. Dicks Absage an die Wissenschaftlichkeit, oder: ----------------------------------------------- der Kult des 'Alltagsdenkens' ----------------------------- Dicks Kritik bezieht sich auf dreierlei: die "empiristische" Wis- senschaftstheorie, Methodologie und Forschungspraxis. Dabei faßt er die "empiristische" Wissenschaftstheorie als gesellschaftlich notwendig falsches Bewußtsein der Methodologie und Forschungspra- xis auf; ebenso die "empiristische" Methodologie als gesell- schaftlich notwendig falsches Bewußtsein der Forschungspraxis. Dabei wird die Falschheit jeweils hinreichend belegt - Wissen- schaftstheorie ist eine falsche Widerspiegelung der Methodologie, da erstere keinen Begriff für Störbedingungen hat, die die be- hauptete allgemeine Gesetzmäßigkeit im Einzelfall "stören", d.h.: überdecken, überlagern; Methodologie ist eine falsche Widerspie- gelung der Forschungspraxis, da erstere keinen Begriff für Rah- menbedingungen hat, d. h.: konstante reale Bedingungen, unter denen die Forschung abläuft und die die Ergebnisse beeinflussen, die aber weder untersucht, noch nachträglich als überlagernde Ef- fekte einkalkuliert werden -, nicht aber der angeblich gesell- schaftlich notwendige Charakter dieser Falschheit. Ebenso sei die Forschungspraxis falsch - inhaltlich, weil sie Ob- jektives subjektiviere; methodisch, weil sie Konkretes in seiner Einmaligkeit, Widersprüchlichkeit und unerschöpflichen Reichhal- tigkeit unter einige wenige allgemeine Begriffe zwinge. Beleg für die Falschheit der Forschungspraxis sei ihr Mißerfolg. Aber: ob- wohl Dicks Mißerfolgsdiagnose teilweise zuzustimmen ist, bietet sein Kult des Konkreten, aus dem zwangsläufig der Kult des dem Konkreten verhafteten "Alltagsdenkens" folgt, keinen Ausweg. Doch zunächst Dick: "Alltagsdenken" setzt am konkreten Faktum an, das dann einer ersten begrifflichen Abbildung unterzogen wird: (a) in der Beschreibung werden die Sachverhalte in ihrem Neben- und Nacheinander dargestellt, noch nicht in ihrem inneren Zusam- menhang; entsprechend wird nicht zwischen Wesentlichem und Unwe- sentlichem unterschieden; (b) in der Interpretation wird der innere Zusammenhang benannt, zwischen notwendigen und zufälligen Bestimmungen unterschieden. Dabei wird ein einzelner Zusammenhang zwar herausgegriffen, aber nicht isoliert, abgelöst von seinem Wirkungshintergrund betrach- tet. Nach Dick sind Beschreibung und Interpretation absolut ver- schieden von der allgemeinen Hypothese, die der "Empirist" daraus ableitet: das "Alltagsdenken" konstatiert sowohl Koinzidenzen wie Widersprüche, gesteht dem Zufall eine bedeutende Rolle zu, und unterscheidet deshalb Möglichkeit und Wirklichkeit, Zufall und Notwendigkeit, akzeptiert einen Handlungsspielraum. Anders die "empiristischen" Wissenschaften: Aus dem konkreten Faktum wird der Zufall weggesäubert, damit auch Möglichkeit und Handlungsspielraum; es verbleibt nur eine streng notwendige Wirk- lichkeit, die sich aus ganz wenigen determinierenden Elementen aufbaut. Im Fortschreiten vom "Alltagsdenken" zum "empiristisch"-wissen- schaftlichen Denken sieht Dick nun den methodologischen Sünden- fall, der die traditionelle Psychologie zum Mißerfolg verdammt. Aber: (a) Dicks Kritik des traditionellen psychologischen Forschungs- prozesses beruht auf der Tatsache, daß sich dessen Ergebnisse kaum wiederholen lassen. Empirische, logische und forschungs-psy- chologische Argumente sprechen jedoch dagegen, daß das 'Alltagsdenken' konsistentere Ergebnisse liefert; (b) 'Alltagsdenken' - nach Dick - stellt Vermutungen über Kausal- beziehungen an, benennt bestimmte Bedingungen als wesentlich, notwendig, etc., ohne diese Behauptungen zu überprüfen. Genau dies versucht aber die 'empiristisch' experimentelle Psychologie - wenn auch meist mit unzulänglicher Methodik und inhaltlicher Theorie. Der Erkenntniswert des 'Alltagsdenkens' ist demnach eher geringer; (c) hinterfragt Dick nicht, warum eigentlich der Schritt vom 'Alltagsdenken' zum wissenschaftlichen Denken vollzogen wurde und immer wieder wird. Eine historisch-materialistische Analyse, die den Namen verdient, müßte hier die - historisch sicherlich immer relative - Fortschrittlichkeit und historische Notwendig- keit der Entwicklung herausstellen, und nicht Rückschrittlichkeit und Willkürlichkeit suggerieren. (d) ist zu fragen, ob das von Dick beschriebene 'Alltagsdenken' mit seiner prinzipiellen Offenheit für alle Erklärungsversuche überhaupt real existiert; (e) drückt sich im Kult des 'Alltagsdenkens', damit im Kult des an der Oberfläche haftenden, intuitiv-spekulativen und unüber- prüften Denkens eine Absage an die Wissenschaftlichkeit aus. Si- cherlich ist Dicks Kritik am häufig oberflächlichen, spekulativen Charakter psychologischer Theorienbildung großteils berechtigt - die Alternative kann aber nicht im Rückzug auf vorwissenschaftli- ches Denken bestehen. Ebensowenig ist Dicks Konzeption der 'materialistischen Methode' - z.T. ununterscheidbar vom 'Alltags- denken' - ein Ausweg, da ihre Darstellung bisher keine Anwendung ermöglicht. Dicks (antiautoritärer) Protest gegen die Nomothetik bleibt steril. Die "abstrahierende Induktion", oder: der vorgeblich nomothetisch ----------------------------------------------------------------- nicht überbrückbare Gegensatz von Theorie und Empirie ----------------------------------------------------- Die Ausführungen zur "abstrahierenden Induktion" sind m.E. das Kernstück von Dicks Argumentation. Die Theorie ist abstrakt, die Realität dagegen konkret. "Die Empirie bewegt sich in diesem Spannungsfeld. Sie muß einerseits konkret sein, da sie Begegnung mit der Wirklichkeit ist, und andrerseits abstrakt, da sie Medium der Entstehung und Geltungsbegründung der Theorie ist." /75/ - Aus diesem Spannungsverhältnis entwickelt Dick seine Kritik. Die "empiristischen" Sozialwissenschaften knüpfen induktiv an die Besonderheiten der konkreten Wirklichkeit an - wobei diese Beson- derheiten immer eine Einheit von Besondrem und Allgemeinem, Zu- fall und Notwendigkeit bilden. Die abstrahierend-induktive Me- thode der Theorienbildung und -überprüfung ist nun dadurch ge- kennzeichnet, "daß die Theorie sich aber nicht auf die histo- risch-konkreten Bestandteile der Wirklichkeit bezieht. Vielmehr wird das Konkret-Historische darauf reduziert, bloßer Träger des Allgemeinen zu sein... Die auf diese Weise entstandene Hypothese behauptet, daß das, was in dem besondren historischen Fall neben- einander oder nacheinander aufgetreten ist und sich eventuell da- bei kausal verursacht hat, immer wieder in gleicher Weise neben- einander oder nacheinander auftritt." /80 f./ Die so gewonnene Hypothese muß sich dabei in andrem Konkret-Historischem bewähren, das Träger derselben Allgemeinheit bezüglich der Bestandteile der Hypothese ist - der abstrahierenden Induktion folgt daher die "konkretisierende Realisation". Dicks Kult des Konkreten führt dazu, daß die hypothetische Ver- allgemeinerung in unüberbrückbarem Gegensatz zu den konkreten Fakten gesehen wird, von denen sie ausging. Für Beschreibung und Interpretation zählt das konkrete Faktum als besondrer Träger allgemeiner Züge. Für die Hypothese zählt das konkrete Faktum dagegen nur als Träger allgemeiner Züge, und zwar derjenigen, die in der Hypothese selbst benannt sind - also als abstraktes Faktum. Bausteine des abstrakten Faktums sind nur die wenigen, in der Hypothese angesprochenen allgemeinen Züge: Rand- bedingung(en), Individuenbereich, Ereignis. Die Beziehung zwischen konkreten Fakten und abstrakten Fakten ist dabei völlig beliebig: Ein konkretes Faktum kann Träger beliebig vieler abstrakter Fakten sein, und umgekehrt. Fazit: Gegenüber der abstrahierenden Induktion sind die allgemeinen Züge in einem konkreten Faktum zufällig. Üblicherweise wird der Psychologe das Auftreten eines entspre- chenden konkreten Faktums nicht abwarten, sondern es herstellen: "Realisation". Aber: Er muß sozusagen durch eine reelle Handlung die Abstraktion rückgängig machen, die er in seiner ideellen Handlung vollzogen hat... Der Wissenschaftler sieht sich von seiner Wissenschaft selbst ganz verlassen und ganz seiner subjektiven Intuition über- lassen." /123/ Zusammenfassend: Ausgangspunkt der abstrahierenden Induktion ist ein konkretes Faktum, das aber nur als abstraktes Faktum zählt, nämlich als bloßer Träger allgemeiner Bestimmungen. Überprüfungsinstanz der abstrahierenden Induktion ist wiederum ein konkretes Faktum, aber ein anderes konkretes Faktum, das je- doch als gleiches abstraktes Faktum interpretiert wird. Die Un- terscheidung von konkretem und abstraktem Faktum, von "Sein" und "Gezählt-Werden-Als" scheint selbst Dick zu verwirren, worauf of- fensichtliche Widersprüche auf den Seiten 137 bis 140 schließen lassen!) Dick greift in dieser Darstellung der Beziehung von Theo- rie/Empirie ein Problem auf, das dem Sozialwissenschaftler auf der methodologischen Ebene immer schon vertraut ist unter den Stichworten: Operationalisierung, Indikatorenbildung, Validität, Repräsentanz. Methodologische Lösungsversuche - wenn auch noch sehr unbefriedigender Art - liegen vor, beispielsweise im Konzept der Konstruktvalidität. Dicks Darstellung ist jedoch wissenschaftstheoretischer Art: die Empirie ist konkret, sprich: eine einmalige Verknüpfung von Be- sondrem und Allgemeinem, Zufall und Notwendigkeit; die Theorie dagegen ist abstrakt, bar jeder Besonderheit, Ausdruck nur weni- ger, nicht unbedingt relevanter, allgemeiner Züge: "Für die ab- strahierende Induktion ist es gleichgültig,... ob es wirklich we- sentliche Zusammenhänge sind, die sie von dem besondren konkreten Faktum löst und denen sie die Allgemeinheit zuspricht." /108/ Dick konstruiert hier einen erklärtermaßen unüberbrückbaren Ge- gensatz zwischen Theorie und Empirie - nur in der materialisti- schen Methode ist dieser Gegensatz wunderbarerweise verschwunden. Die Unüberbrückbarkeit des Gegensatzes von Theorie und Empirie müßte Dick logisch ableiten aus seiner Behauptung, das konkrete Faktum sei nicht bloßer Schnittpunkt allgemeiner Züge; wenn die Theorie aber nur solche allgemeinen Züge formuliert, ist der Ge- gensatz existent. - An entsprechender Stelle wurde aber schon nachgewiesen, daß diese Konstruktion (a) sich fälschlich auf mar- xistisches Denken beruft, und (b) mit Hilfe des Indeterminismus argumentiert - was sie m.E. als unwissenschaftlich erweist. Also gegen Dick: das konkrete Faktum ist von denselben allgemeinen Zü- gen, Gesetzmäßigkeiten beherrscht, die in der Theorie potentiell ausgedrückt sind; ein 'logischer', 'prinzipieller' und damit un- überbrückbarer Gegensatz von Theorie und Empirie besteht nicht. Trotzdem: Dicks Ausführungen zur abstrahierenden Induktion, ob- wohl wissenschaftstheoretisch falsch fundiert, rufen dennoch In- teresse und Zustimmung hervor, weil sie, wo sie nur beschreiben, zumindest die 'Bürgerliche' Forschungstätigkeit gut abbilden. Tatsächlich besteht eine relativ beliebige Beziehung zwischen Be- obachtung (konkretem Faktum)/theoretischer Verallgemeinerung (abstraktem Faktum)/Experiment (konkretem Faktum). - Allerdings: Diese Beziehung ist keinesfalls völlig beliebig, wie unterstellt; die partiellen Erfolge der Sozialwissenschaften gegen die 'Widerständigkeit der Realität' sind m. E. ein Beweis dafür. Dicks Verdienst besteht hier in einer durch Überspitzung zwar falschen, über zugleich sehr prägnanten, transparenten Verdeutli- chung des Dilemmas / zwischen Konkretheit und Empirie und Ab- straktheit der Theorie; und einer daraus ableitbaren Erklärung der tatsächlich recht verschlungenen Pfade der psychologischen Theorienbildung. Die Schädlichkeit seiner diesbezüglichen Ausfüh- rungen besteht wiederum in ihrer Sterilität: (a) werden die me- thodologischen Bemühungen um eine Überwindung des Dilemmas kom- mentarlos Übergängen und damit faktisch diskriminiert; (b) wird eine tatsächlich nicht bestehende, völlige Zufälligkeit, Belie- bigkeit in der Beziehung Theorie/Empirie unterstellt, womit die Entstehung von Theorie zum Zufallsprodukt wird, was selbst den weitgehend gesellschaftlich anarchischen Prozeß der Theorienpro- duktion in der Psychologie der kapitalistischen Länder nicht - vor allem: nicht mehr - trifft; womit weiterhin die Möglichkeit entfällt, zwar undeutliche, aber dennoch vorhandene Theorieent- wicklungen zu erklären; (c) wird durch die suggerierte Bezie- hungslosigkeit von Theorie/Empirie der Schluß nahegelegt, tradi- tionelle Sozialwissenschaft - enger: Psychologie - müsse erfolg- los bleiben - was wiederum mit den Tatsachen nur bedingt überein- stimmt. Der vorgeblich zirkuläre Charakter der Bestätigung -------------------------------------------------- der Theorie durch die Empirie ----------------------------- "Der Wissenschaftler kann Individuen so auswählen, daß sie der abstrakten Bestimmung der Hypothese genügen; er kann konkrete Be- dingungen herstellen, die dem Bedingungsteil der Hypothese ent- sprechen. Darüber, daß das konkrete Ereignis sich der Hypothese einfügt, hat der Wissenschaftler keine Gewalt, und er darf solche auch nicht haben. Hätte er sie, so könnte die Geltung der Hypo- these sich gar nicht auf äußere Empirie stützen, sondern nur auf die dem Handeln des Wissenschaftlers immanente Struktur; die Re- alisation wäre dann keine empirische Untersuchung, keine Verifikation der Hypothese in konkreter Wirklichkeit, sondern ein Artefakt, eine methodische Tautologie." /120 f./ Trotz dieser vorgängigen klaren Absage an Tendenzen, das Vorgehen der empirischen Sozialwissenschaften als zirkulär darzustellen, folgt Dick im, weiteren Verlauf seiner Argumentation doch genau dieser populären Kritik. Er argumentiert etwa folgendermaßen: Be- zogen auf die wenn-dann-Struktur der Hypothese kann der Forscher nur den wenn-Teil, also die Bedingungen, festlegen, nicht den dann-Teil, also das von diesen Bedingungen abhängige Ereignis. - Aber: Die Hypothese, das abstrakte Faktum, schreibt nicht vor, wie die konkrete Wirklichkeit beschaffen sein muß, an der sie überprüft wird, wie also das konkrete Faktum beschaffen sein muß. Das Experiment wird nun durchgeführt, d.h.: dem abstrakten wenn- und dann-Teil der Hypothese werden konkrete Wirklichkeitstatbe- stände zugeordnet. Tritt der dann-Teil, das Ereignis, in vorher- gesagter Form auf, so gilt die abstrakte Hypothese als durch die konkrete Wirklichkeit bestätigt oder bestärkt. - Aber: Es ist nicht die Wirklichkeit sei sondern "es ist die Hypothese, welche den einzelnen Ausschnitten aus dem konkreten Bedingungsgefüge ih- ren methodischen Stellenwert zuweist, welche darüber bestimmt, ob etwas UV, AV, oder störende Bedingungen ist." /127/ Das komplexe Bedingungsgesamt der konkreten Wirklichkeit, das tendenziell auch immer in der Überprüfungssituation, dem Experiment, vorhanden ist, wird also durch die Hypothese, und durch die Interpretation des Ereignisses in Begriffen der Hypothese, radikal auf ganz we- nige Bestandteile reduziert; die Hypothese entwirft gewissermaßen ein außerordentlich vereinfachtes Modell der Wirklichkeit. Konsequenz: "Es ist diese Hypothese, die bestimmt, welche Züge der konkreten Wirklichkeit als sie selbst stützend herausgehoben werden. Die Beziehung zwischen der Theorie auf der einen Seite und der Empirie auf der andren Seite ist also hoffnungslos zirku- lär." /140/ Hier wird also das schon bekannte Argument vom unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Theorie und Empirie wieder aufgenommen und weitergeführt. Erstens ist die Beziehung zwischen den abstrakten Begriffen der Hypothese und den ihnen zugeordneten konkreten Wirklichkeitstatbeständen des Experiments höchst problematisch. Zweitens ist die Entsprechung zwischen der in der Hypothese un- terstellten Kausalstruktur und der im Experiment wirkenden tatsächlichen Kausalstruktur ebenfalls höchst problematisch. So- weit ist Dick zuzustimmen und für seine Verdeutlichung zu danken. - Aber Fehler liegen m.E. in der obigen Behauptung vor, es sei die "Hypothese, die bestimmt, welche Züge der konkreten Wirklich- keit als sie selbst stützend herausgehoben werden." /140/ Näm- lich: (a) besteht die Hypothese vor dem sie überprüfenden Experiment und bleibt hinsichtlich der Überprüfungsentscheidung ungeachtet des Ausgangs des Experiments - im Idealfall - unverändert beste- hen, paßt sich also nicht, wie suggeriert, opportunistisch der Realität an. Realität und Hypothese konvergieren also nicht im Entscheidungsfall, weil sich die Hypothese auf die Realität zube- wegte; (b) Hypothese und Realität konvergieren aber ebenso nicht, weil sich die Realität auf die Hypothese zubewegte - denn auch Dick gibt im obigen Zitat /120/ zu, daß die Realität von der Hypothese unabhängig ist, kein methodisches Artefakt darstellt, die Hypo- these also nicht stützen muß; (c) bleibt als Fazit festzuhalten, daß Hypothese und Realität un- abhängig voneinander bestehen und keinen Zirkel bilden. Vermutlich unter Berücksichtigung ähnlicher Einwände kommt Dick zu einer Relativierung seines Vorwurfs der Zirkularität des "empiristischen" Forschungsprozesses, die m.E. die Unklarheit je- doch eher erhöht: "Gleichwohl erschöpft sich die Beziehung zwi- schen Theorie und Empirie nicht darin, ein formaler Zirkel zu sein. Nur eine Seite der Empirie ist Bestandteil dieses Zirkels; die andre - die konkrete - ist Bestandteil der konkreten Wirk- lichkeit und ist in dieser selbst angesiedelt. Die Bewegungen in dieser konkreten Wirklichkeit bedingen, daß die Empirie immer wieder in Widerspruch zu der Theorie treten kann." /140/ Das treibende Moment der Erkenntnisgewinnung wird hier also al- lein in den "Bewegungen in dieser konkreten Wirklichkeit" gese- hen, nicht in der relativen Autonomie von Theorie und Empirie und der damit gegebenen Möglichkeit ihrer echten Konfrontation - m.E. ein falscher Ansatz. Die vorgeblich zirkuläre Beziehung zwischen Theorie und Empirie - Dick: "empiristischer Zirkel" - wird noch anders zu belegen ver- sucht: "Damit eine positive Aussage über die Geltung einer Hypo- these gemacht werden kann, ist vorausgesetzt, daß die in der Hy- pothese benannten Rahmenbedingungen nicht in Interaktion mit wei- teren Bedingungen stehen. Damit über den Einfluß einer einzelnen Bedingung oder einer Bedingungskonstellation eine Aussage gemacht werden kann, muß der Einfluß der weiteren Bedingungen immer schon bekannt sein ... Dies ist zu verallgemeinern: die Bestätigung des einzelnen vermuteten Zusammenhangs setzt die Bekanntheit des gan- zen Systems von Verknüpfungen voraus. Da im nomothetischen Ver- ständnis das ganze System der Verknüpfungen aber nichts andres sein kann als die Summe (oder Multiplikation) aller einzelnen Verknüpfungen, setzt umgekehrt die Kenntnis des ganzen Gefüges die Kenntnis aller einzelnen Verknüpfungen voraus." /232/ Hier vergißt Dick seinen materialistischen Anspruch und die von daher geforderte Unterscheidung von Wesen und Erscheinung, Zufall und Notwendigkeit und argumentiert ganz im Sinne des Konditiona- lismus, d.h. der Theorie, die jedes Ereignis auf eine unendliche Anzahl prinzipiell gleichrangiger Bedingungen zurückführt - in einer derart strukturierten Wirklichkeit wäre Dicks Kritik be- rechtigt. Aber: Nimmt man dagegen an - wofür viel spricht -, die Wirklichkeit unterliege nicht unzähligen gleichrangigen Einflüs- sen, sondern besitze eine hierarchische und begrenzt komplexe Kausalstruktur mit der Unterscheidbarkeit von wesentlichen und unwesentlichen Determinanten, dann entlarvt sich Dicks vergebli- cher Zirkel als praktisch-methodisch zwar schwer angehbares, aber dennoch prinzipiell bloßes Scheinproblem. Seine Lösung, die der Methodik der erfolgreichen Wissenschaften entspricht: Bestimmung der wesentlichsten Determinanten eines Phänomens; Untersuchung ihres Einflusses mit dem Ergebnis der Formulierung einer vorläu- figen, unpräzisen, vielfältig abhängigen Prognose; Bestimmung der nächst-wesentlichsten Determinante; Einbeziehung ihres Einflusses auf das untersuchte Phänomen und Korrektur der ersten Prognose in Richtung höhere Präzisierung und Ausschaltung einer Abhängigkeit; Bestimmung der nächst-wesentlichsten Determinante ... Fazit: Dicks Vorwurf der Zirkularität der Theorie/Empirie-Bezie- hung in den "empiristischen" Sozialwissenschaften ist zurückzu- weisen. Ausgangspunkt und Grund für die scheinbare Plausibilität ist das Faktum, daß verschiedene Theoretiker(schulen) die ihrer Theorie entsprechenden empirischen Ergebnisse produzieren - ebenso die konkurrierenden Theoretiker(schulen). Dies bedeutet aber weder, daß die Realität als Korrekturinstanz prinzipiell versagt, noch daß ein unüberbrückbarer Gegensatz zwischen Theorie und Empirie besteht - sondern schlicht, daß das Problem der Be- ziehung von Theorie und Empirie noch nicht zureichend gelöst ist. Dick beschreibt auch hier reale Probleme, analysiert sie aber falsch. Dicks widersprüchliche Stellungnahme zur empirischen ---------------------------------------------------- Sozialforschung und seine Vortäuschung einer methodologischen ------------------------------------------------------------- Alternative, oder: der Kult des Wesentlichen -------------------------------------------- "In der Sowjetunion und der DDR haben sich Psychologie und Sozio- logie in einer Weise entwickelt, die sich ihrer Methode nach und auch schon in den einzelnen Theorien nicht oder kaum von den em- piristischen Sozialwissenschaften in den westlichen kapitalisti- schen Ländern unterscheiden. Dem praktisch-methodischen Vorgehen der Forschung in der DDR und der Sowjetunion zog zunächst die Me- thodologie nach, schließlich der abstrakt-wissenschaftstheoreti- sche Überbau." /33 f./ Nach solcher Kritik interessiert natürlich, was Dick als Alterna- tive zu den Problemen der Psychologie, Methodologie und Wissen- schaftstheorie der sozialistischen Länder selbst anzubieten hat. Dick kennzeichnet die "materialistische" Methode folgendermaßen: "Es ist gerade wesentliches Kennzeichen wissenschaftlicher Er- kenntnis, daß sie durch die oberflächlich sichtbare (empirisch erkennbare) Oberfläche der Erscheinungen hindurchdringt zum Wesen der Dinge. Die wissenschaftliche Erkenntnis muß das Allgemeine eines konkreten Gegenstandes erst in den vielfältigen oberfläch- lichen Besonderheiten aufspüren." /269/ Und: "Die materialisti- sche Methode ist also auch induktiv: sie geht aus von der Empirie und kehrt zur Empirie zurück. Aber die Empirie ist in ihrer kon- kreten Gestalt Ausgangspunkt und Punkt der Rückkehr der materia- listischen Methode." /270/ Zunächst fällt auf, daß man mit diesen Aussagen in praxi nichts anfangen kann - nicht weil sie so allgemein wären, sondern weil hier (und auch überall sonst bei Dick) Kriterien und Methoden zur Unterscheidung von Wesen und Erscheinung fehlen. Die Beliebigkeit der Etikettierung psychologischer Phänomene als Wesen oder Er- scheinung ist in keiner Weise eingeschränkt, womit die Anwendung der Unterscheidung nutzlos, wenn nicht sogar gefährlich wird. - Weiterhin: Die von Dick angegriffene Wissenschaftstheorie der so- zialistischen Länder war Anfang der 50er Jahre tatsächlich auf dem Stand, den Dick heute noch einnimmt; siehe, z. B. Rosental, Smirnov, etc. Seitdem hat man sich aber dort bemüht, über derart abstrakte und undifferenzierte - und daher nicht umsetzbare - Aussagen hinauszugelangen - mit Erfolg: siehe z. B. Hahns "historischer Materialismus und marxistische Soziologie" (1968). Dort wird - auf der Basis der Gesellschaftstheorie des histori- schen Materialismus - die Theorie/Empirie-Problematik der Sozial- wissenschaften analysiert und die Konsequenz für die sozialwis- senschaftliche Forschung angedeutet. Statt also Dicks Verdikt der "positivistischen Wende" der Wissenschaftstheorie, Methodologie und Psychologie der sozialistischen Länder zuzustimmen, muß man dort vielmehr eine sinnvolle Weiterentwicklung, Differenzierung und Konkretisierung konstatieren. Dick dagegen ist ein "platter" Marxismus vorzuwerfen. Dicks Unkenntnis oder Ignorierung der Entwicklung marxistischen Denkens zeigt sich auch an seiner Behandlung der Praxis als Wahr- heitskriterium: "Die marxistische Erkenntnistheorie verweist auf die Praxis als letztes Kriterium der Wahrheit von Theorien. Praxis heißt ein- greifender Umgang mit den konkreten Bedingungen, denen in der In- terpretation ein Stellenwert für das Zustandekommen des konkreten Ereignisses in dem konkreten Faktum zugewiesen wird ... Das prak- tische Eingreifen kann überprüfen, ob die Interpretation den ein- zelnen Bedingungen aus dem konkreten Bedingungsgefüge den Stel- lenwert zugewiesen hat, den diese wirklich haben. Die Praxis kann dies nur deswegen, weil sie sich notwendig in diesem Gefüge selbst abspielen muß." /94/ - Der "empiristischen" Sozialwissenschaft wirft Dick dann an- schließend vor, sie kenne das praktische Eingreifen als Form der Überprüfung nicht - und dies einer Wissenschaft wie der Psycholo- gie, die ihr Selbstverständnis z.T. aus einer bestimmten Methode eingreifenden Handelns, nämlich dem Experiment, bezieht. Hier fällt wieder folgendes auf: (a) Dicks Vernachlässigung der marxistischen Diskussion, die das Experiment als eine Form der Praxis auffaßt (übrigens schon bei dem wohl nicht revisionismus-verdächtigen Engels!); (b) Dicks Kritiklosigkeit gegenüber seinen marxistischen Auffas- sungen, im Vergleich mit seiner oft bohrenden und anregenden Kri- tik 'bürgerlicher' Positionen. Beispiel: Im Zusammenhang des letzten Zitats wird nicht problematisiert, wie - und ob richtig - der Stellenwert den Bedingungen in der Interpretation zugewiesen wird; ob die Praxis (und damit auch das Experiment) nicht mehr relevante Bedingungen enthält als die Interpretation kennt; ob ein mit der Interpretation bzw. Prognose übereinstimmendes Ergeb- nis der praktischen Überprüfung sicheres Indiz für die Richtig- keit der Interpretation ist; etc. Trotz der meist sehr ablehnenden Äußerungen Dicks bezüglich der traditionellen empirischen Sozialforschung ist seine Haltung letztlich zwiespältig und in sich widersprüchlich. Einerseits Aufforderung zur Suche nach dem Wesen hinter den Er- scheinungen, andrerseits Rehabilitierung der Untersuchung der Er- scheinungsebene - bei gleichzeitiger Warnung vor der abstrahie- renden Induktion. Diese Entgegensetzung ist nur solange möglich, wie Dick dem Leser die genaue und konkretisierte Darstellung der Anwendung der "materialistischen" Methode auf den Gegenstand der Psychologie vorenthält. - Weiterhin: Gemäß Dicks induktionisti- scher Auffassung sind offensichtlich "einfach empirische" Beob- achtung, Fragebogen, Interview etc. theoriefrei oder zumindest frei von den "Fehlern der Theorie" - was m.E. einen Rückfall in nun wirklich zu Recht "empiristisch" genanntes Denken bedeutet. Alle Erkenntnisse über die notwendige Selektivität und Theorie- geladenheit von Problemen, Begriffen, Methoden werden vernachläs- sigt. Dick glaubt, mit seiner "materialistischen" Methode auch ein zen- trales Problem der "bürgerlichen" psychologischen Forschung zu lösen, nämlich: die mangelnde Wiederholbarkeit experimenteller Ergebnisse und die damit mangelnde Basis für theoretische Verall- gemeinerungen. "Weil die Theorie die jeweils allgemeinste Wider- spiegelung der konkreten Realität ist (und nicht einfach einzel- nen Besonderheiten theoretisch die Form der Allgemeinheit gibt wie in der empiristischen Empirie), kann die Empirie die Theorie exakt 'repräsentieren' und exakt überprüfen. Die exakte Wieder- holbarkeit eines Experiments und die identische Wiederholung sei- ner Ergebnisse sind dann möglich." /281/ Hierzu zweierlei: Erstens ist auch in der "bürgerlichen" Psycho- logie eine' exakte Wiederholung eines Experiments möglich, sofern die ursprüngliche Versuchsanordnung nur hinreichend genau be- schrieben und dann im Überprüfungsversuch kopiert wird. Dies ist ein empirisches Faktum, aber auch eine logische Trivialität (Prinzip des Determinismus: gleiche Ursachen - gleiche Wirkun- gen). - Zweitens ist dies aber nicht das "Problem der Wiederhol- barkeit experimenteller Ergebnisse"; das Problem stellt sich vielmehr erst dann, wenn Experimente wiederholt werden, indem bei gleicher Beziehung der untersuchten Variablen die Versuchsanord- nungen dennoch in nicht-untersuchten - und angenommenermaßen: nicht-relevanten - Variablen variieren. Um hier ähnlich exakte Replizierbarkeit zu erzielen, wie sie beispielsweise der Physiker bei der Untersuchung des freien Falls im Vakuum erzielt - voraus- gesetzt, dies gelingt dem Physiker überhaupt -, muß man eine ähn- lich einfache (in qualitativer und quantitativer Hinsicht) und auch bekannte Kausalstruktur im Gegenstandsbereich annehmen. Dies ist fraglich schon in komplexeren Problemfeldern der Naturwissen- schaften - siehe Biologie, Meteorologie etc. -, mit der Konse- quenz geringeren Erfolgs, also: geringerer Replizierbarkeit von Ergebnissen, und damit geringerer Erklärungs- und Prognosepotenz. Ganz besonders strittig ist eine so simple Verursachung aber im sozialwissenschaftlichen Gegenstandsbereich: hier scheint eher eine Struktur von offensichtlich zahlreichen, besonders im psy- chologischen Gegenstandsbereich oft wenig "durchschlagenden" und in komplizierten Abhängigkeiten stehenden Kausalketten vorzulie- gen. Reduziert man diese tatsächliche Struktur auf eine gemäß der Selektivität der-Theorie abgewandelte "Einfachstruktur", so las- sen sich Ergebnisse nur begrenzt replizieren, in Abhängigkeit da- von, ob "wesentliche", d.h.: durchschlagende Determinanten ins Bedingungsmodell aufgenommen wurden (und in Abhängigkeit von den Präzisionsstandards). - Es ist nicht einzusehen, daß das geschil- derte Problem für von Dick als "materialistisch" anerkannte For- schung nicht gelten soll. Positive Aspekte in Dicks Arbeit -------------------------------- Die bisherige Darstellung hat nur solche Aspekte der Arbeit Dicks herausgestellt, die von mir als, gelinde ausgedrückt, problema- tisch angesehen werden - dies deshalb, weil Dick mit dem Anspruch auftritt, die bisherige 'empiristische' Psychologie radikal der Falschheit überführen und zugleich als Alternative eine 'materialistische' Methodologie anbieten zu können. Ich hoffe nachgewiesen zu haben, daß dieser Anspruch Dicks in beiden Hin- sichten ungerechtfertigt ist. Andrerseits muß gesagt werden, daß Dicks Arbeit eine Fülle posi- tiver Aspekte enthält. Diese Qualitäten liegen meist in der Ver- deutlichung bestimmter Phänomene, seltener in ihrer Erklärung; auch sind diese Erkenntnisse Dicks oft nur Weiterführungen schon bekannter Argumentationen, insbesondere Holzkamps. Doch sollen hier zugunsten einer zumindest etwas ausgewogeneren Würdigung von Dicks Beitrag einzelne dieser Aspekte erwähnt werden. Dick arbeitet in einer außerordentlich klaren Darstellung die Struktur der sozialwissenschaftlichen Hypothese heraus. Er ver- deutlicht dabei auch die unterschiedliche methodologische Funk- tion von in der Hypothese benannten "Randbedingungen", von zur Erklärung des Mißerfolgs nachträglich hinzugezogenen "Störbedin- gungen" und von üblicherweise nicht berücksichtigten - da kon- stanten -, das Ergebnis aber stets beeinflussenden "Rahmenbedin- gungen". Dabei kann er plausibel machen, daß alle bisherigen sozialwissenschaftlichen Resultate aufgrund der Vernachlässigung von wesentlichen Rahmenbedingungen immer nur relative Gültigkeit besitzen, und zwar bezogen auf bestimmte Konstellationen von Rahmenbedingungen. Resultat: ein Anstoß zur grundlegenden Reflexion des methodologischen Ansatzes der Sozialwissenschaften. Dick ergänzt Holzkamps Lehre von der "Exhaustion" - d h.: Weger- klärung von Mißerfolgen bei der Hypothesenüberprüfung durch Ver- weis auf "störende Bedingungen" - durch die Lehre von der "Spezifizierung": Bei gleicher Ausgangslage - Mißerfolg der Hypo- these - läßt sich dieser Mißerfolg vertuschen durch Abänderung der Hypothese; dabei gibt Dick eine ganze Anzahl möglicher und gebräuchlicher Varianten solcher Retuschen an Hypothesen an. Von daher gelangt Dick auch zu einer differenzierteren Version von "Hypothesen-Biographie": während Holzkamp der Popperschen Auffassung - der Mißerfolg einer Hypothese falsifiziere diese - widersprach und stattdessen auf Strategien der Wegerklärung des Mißerfolgs durch Einbeziehung von Störbedingungen verwies, macht Dick Wissenschaftstheoretiker und Methodologen auf das noch viel reichhaltigere Instrumentarium konventionalistischer Strategien via Spezifizierung aufmerksam (übrigens auch so von Poppers Schü- ler Lakatos konstatiert). Poppers Alles-oder-Nichts-Schema der Hypothesenüberprüfung, von Holzkamp modifiziert zum Modell der sukzessiven, gewissermaßen linearen Aufblähung von Hypothesen durch Einbeziehung von Störbedingungen, wird von Dick schließlich abgeändert zum Modell eines vielfältig verzweigten Entscheidungs- baums: Für jedes Ergebnis bei der Überprüfung seiner Hypothese stehen dem Forscher nicht nur eine, sondern viele Möglichkeiten zur Verfügung, sein unerwartetes Ergebnis dennoch mit der durch die Hypothese festgelegten Erwartung konventionalistisch "in Ein- klang" zu bringen - was dem tatsächlichen Forschungsalltag besser zu entsprechen scheint als die Modelle Poppers und Holzkamps. Entgegen dem mechanistischen Menschenbild des Behaviorismus be- tont Dick die Rolle des Bewußtseins und den damit gegebenen Ver- haltensspielraum des Menschen. Wie auch Holzkamp (1972) macht er diese Überlegungen fruchtbar für seine Behandlung des Experi- ments. Aber nicht, indem er auf den "Verabredungscharakter" der Vp-Rolle verweist und die dadurch bedingten Verzerrungen in den Ergebnissen - Verzicht auf Einsicht, geduldete Einschränkung des Verhaltensspielraums; Holzkamp: "organismische Anthropologie" -, sondern indem er zeigt, wie von der mechanistischen Konzeption des Menschen her das Denken der Vp - und sogar des Vl - Störef- fekte darstellen und daher durch Täuschung über die wahren Ziele des Experiments ausgeschaltet werden sollen - was aber nie voll- ständig gelingt: "Vp-Hypothesen", "Rosenthal-Effekt", "self-ful- filling prophecy", "suicidal prophecy". Dick verdeutlicht, daß die besondere Behandlung des Bewußtseins in der Methodologie - nicht nur bloße Konstanthaltung wie bei an- dren "Störbedingungen", sondern Versuch der aktiven Ausschaltung, Neutralisierung - das mechanistische Menschenbild selbst ad ab- surdum führt; ebenso aber eine vom mechanistischen Menschenbild ausgehende nomothetische Theorienbildung: "Das in einer Hypothese vorhergesagte Ereignis wird ja als die notwendige Folge der in der Hypothese benannten Bedingungen dargestellt, also nicht als eine Folge der Bedingungen und Prognose, und nicht als ein Ereig- nis, dessen Eintreten durch die Prognose verhindert wird." /364/ Gesamteinschätzung ------------------ Die Arbeit Dicks ist inhaltsreich, sehr anregend und zeugt von einer weitreichenden Vertrautheit mit den Problemen der "bürgerlichen", sprich: traditionellen Psychologie. Dick konstatiert aber nicht nur wissenschaftstheoretische, metho- dologische und inhaltliche Probleme, die zwar faktisch existie- ren, aber auch - mit bisher unterschiedlichem Erfolg - angegangen werden, sondern konstruiert pauschalisierend prinzipielle Unver- träglichkeiten: der "unüberbrückbare" Gegensatz von Gesetz und Einzelfall, Wesen und Erscheinung, Theorie und Empirie; das "gesellschaftlich notwendige" Auseinanderfallen von Wissen- schaftstheorie, Methodologie und Forschungsprozeß; die "unver- meidliche" Subjektivierung objektiver Sachverhalte; der Zwang zur Negierung der Rolle des Bewußtseins; u. dgl. m. Alle diese Mängel sollen durch seine "materialistische" Forschungsmethode behoben werden - dabei bietet er aber als Alternative nur einen dünnen Aufguß längt weiterentwickelter marxistischer philosophischer Auffassungen der 50er Jahre. Das grundsätzlich Falsche an seiner Kritik ist ihre Undifferen- ziertheit und die Unterschlagung positiver Weiterentwicklungen - bezogen auf die "bürgerliche" Psychologie - und ihre Sterilität - bezogen auf die "materialistische" Psychologie. Dick suggeriert - belegt nicht - den "gesellschaftlich notwendigen" Charakter einer schlechten psychologischen Forschungspraxis, wie sie tatsächlich vielerorts anzutreffen ist. Er enthält seinem Leser aber zukunft- strächtige, positive inhaltliche und methodologische Entwicklun- gen vor oder diffamiert sie kurzerhand als "reformistische Illu- sionen". Werner Maschewsky zurück