Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977
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Rezensionen
FRANZ DICK: KRITIK DER BÜRGERLICHEN SOZIALWISSENSCHAFTEN,
SENDLER, HEIDELBERG 1974
Vorab: der Titel von Dicks Arbeit täuscht - es handelt sich dabei
nicht um eine Kritik der Sozialwissenschaften, sondern um eine
Kritik der Psychologie, ihrer experimentellen Methodik, der
Struktur und Entwicklungsdynamik der so methodisch fundierten in-
haltlichen Theorien und der zugeordneten wissenschaftstheoreti-
schen Deutungsversuche.
Dicks Ausgangspunkt, Methode und Ziel
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Der Ausgangspunkt ist - wie schon bei Aronson & Carlsmith (1968),
Brunswik (1947, 1949, 1955), Sargent (1965) und vor allem dann
bei Holzkamp (1964,1967, 1972) - ein Unbehagen gegenüber der tra-
ditionellen Psychologie: sie würde ihrem Anspruch nicht gerecht,
ihren Gegenstand so zu analysieren, daß die daraus abgeleiteten
Beschreibungen, Erklärungen, Prognosen naturwissenschaftlichen
Maßstäben hinsichtlich Objektivität, Präzision und Stabilität
(Reliabilität), und Qualität (Validität) genügten.
Stattdessen biete die psychologische Forschung bei oberflächli-
cher Betrachtung folgenden Anblick: "Die unverbundene Vielfalt
der Theorie; die unterschiedlichen einzelnen Methoden; die immer
weiter sich aufdifferenzierende Methodik und Methodologie; die
Entfernung der Empirie aus der alltäglichen Wirklichkeit ins La-
bor; die enorme Widersprüchlichkeit der empirischen Ergebnisse in
der Überprüfung einer einzelnen Hypothese; die immer weiter an-
steigende Spezifizierung von Hypothesen; die Entfernung der Wis-
senschaftstheorie von der Forschungspraxis; usw." /21/
Diesen unbefriedigenden Zustand der traditionellen - von ihm als
"bürgerlich" und "empirisch" apostrophierten - Psychologie will
Dick analysieren; aber nicht forschungs-transzendent bzw. wissen-
schafts-soziologisch, -ethisch, etc. - also von Entstehung, Vor-
aussetzung, Anwendung, Moral her -, sondern forschungs-immanent -
von den inneren Widersprüchen des Forschungsprozesses selbst her.
In den Ausführungen über seine Methode weist Dick vorhandene An-
sätze - z.B. Holzkamp ; Psychologie der sozialistischen Länder -
als bürgerliches Denken zurück. Er beansprucht dagegen für sich
die Anwendung der Marxschen Methode aus dem 'Kapital' auf den Ge-
genstand der Psychologie. Dicks zentraler und originellster Bei-
trag besteht dabei in der Analyse des Theorie/Empirie-Verhältnis-
ses in der nomothetisch verfahrenden Psychologie, speziell im Mo-
dell der "abstrahierenden Induktion".
Dicks chaotisches Weltbild, oder: der Kult des Konkreten
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"Für mich selbst schälte sich die Übertragbarkeit einiger poli-
tisch-ökonomischer Kategorien erst im Verlauf der Untersuchung
nach und nach heraus." (Anmerkung, /26/). Leider ist die Verar-
beitung der Lesefrüchte aus positivistischen, kritisch-theoreti-
schen, und marxistischen Werken zu einer konsistenten Auffassung
nicht gelungen.
So sagt Dick einerseits: "Es bliebe eine chaotische Vielfalt von
Erscheinungen, wenn die Untersuchung bei ihnen stehenbliebe und
nicht nach dem Gemeinsamen verschiedener Besonderheiten fragen
würde. Es kann als wesentliches Moment hinter den Erscheinungs-
formen verborgen sein." /22/ Dem widerspricht er andrerseits
gleich zweifach: das Millsche Weltbild - und in seinem Gefolge
die "empiristisch"-sozialwissenschaftliche Theorie - "nimmt an,
daß eine abstrakte Struktur von allgemeinen Gesetzen, ein Raster
bloßer Notwendigkeiten, gleichsam "hinter" der konkreten Wirk-
lichkeit existiert und von hier aus bestimmt, was in der konkre-
ten Wirklichkeit vorgeht. Dies ist eine idealistische Annahme."
/267/ Und zugleich leugnet er die Möglichkeit, daß eine allge-
meine Hypothese Wesentliches aussage: "Wesentliches kann man nur
von etwas konkret Existierendem behaupten, weil es nur in etwas
konkret Existierendem Wesentliches und Unwesentliches gibt."
/110/
Die Annahme von Gesetzmäßigkeit und Ordnung hinter und unter der
verwirrenden oberflächlichen Vielfalt wird also einmal als idea-
listisch diffamiert, ein andermal lobend als Beispiel für mate-
rialistisches Vorgehen angeführt. Und wichtiger: er stilisiert
den Einzelfall, das 'konkrete Faktum', zu absoluter Einzigartig-
keit hoch, womit die Möglichkeit schwindet, Verallgemeinerungen
zu treffen, Gesetze zu formulieren: "ein Faktum kann beherrscht
sein von Gesetzmäßigkeiten" /84/, muß es aber nicht. "Das histo-
rische Faktum ist nicht bloß Schnittpunkt verschiedener allgemei-
ner Züge ... Wenn die allgemeinen Züge nur dadurch existieren,
daß sie in einzelnen Besonderheiten verkörpert sind, und wenn
diese Verkörperungen und Verbindungen verschiedener allgemeiner
Züge historisch einmalig sind, dann bedeutet dies, daß jedes ein-
zelne historische Faktum nicht einfach Schnittpunkt von verschie-
denen allgemeinen Zügen sein kann." /84 f./ Die sorgfältige Re-
konstruktion des Arguments beweist seine Unlogik. Konsequenter-
weise lehnt Dick daher auch das Millsche Weltbild ab, das trotz
der mit Dick geteilten Auffassung, die Realität biete ein chaoti-
sches Bild, eine Ordnung hinter dem Chaos annimmt - welcher Auf-
fassung Dick nach letzterem nur schwerlich zustimmen könnte.
Dick macht also widersprüchliche Aussagen zur Gesetzmäßigkeit des
Realen und zur Methode der möglichen Aufdeckung solcher Gesetzmä-
ßigkeiten. Seiner Abweichung vom traditionellen wissenschafts-
theoretischen Denken liegt zugrunde einmal eine Tendenz zum Inde-
terminismus - so sagt er über Mill: "In einer solchen determi-
nierten Welt gibt es für bewußtes Handeln keinen Platz" /367/ -,
und zum anderen eine m.E. falsche oder naive Rezeption der marxi-
stischen Begriffe Erscheinung/Wesen, Zufall/Notwendigkeit, Mög-
lichkeit/Wirklichkeit, Gesetz. Er identifiziert Gesetzmäßigkeit
im marxistischen Sinn mit Determiniertheit überhaupt und kommt
aus Anschauung der widersprüchlichen Befunde der Experimental-
Psychologie zu der Auffassung, menschliches Handeln unterliege
nicht total Gesetzmäßigkeiten, sondern enthalte eine "Unbestimmt-
heitsstelle", phänomenal gleichgesetzt mit dem Freiheits-
spielraum, der Spanne zwischen Möglichem und Wirklichem. Hier
wirke, je nachdem, der "Zufall" oder - an andrer Stelle - das
"menschliche Bewußtsein". - Aber: die marxistische Unterscheidung
des Zufalls von der Notwendigkeit impliziert kein Zugeständnis an
irgendeine Form des Indeterminismus. Ausgehend vom Prinzip der
universellen Determiniertheit sind vielmehr als Gesetze nur
solche determinierenden Einflüsse aus der Gesamtheit der
Determinanten hervorgehoben, die bestimmten qualitativen und
quantitativen Kriterien genügen, nämlich die wesentliche, allge-
meine und notwendige Einflüsse darstellen - was im Anwendungsfall
zu konkretisieren wäre. Auch der 'Zufall', auch das 'menschliche
Bewußtsein' sind nach dieser Auffassung determiniert.
Der angedeutete Fehler Dicks ist bedeutungsvoll für die weitere
Argumentation: die für seine Arbeit zentrale Behandlung der Theo-
rie/Empirie-Problematik geht aus von einem unüberbrückbaren Ge-
gensatz zwischen der Konkretheit des Einzelfalls und der Ab-
straktheit des Gesetzes, bzw.: zwischen der Konkretheit der Empi-
rie und der Abstraktheit der Theorie.
Die Realität ist nach Dick nicht nur konkret, sprich: letztlich
einzigartig und einmalig, sondern auch widersprüchlich. Womit
dann erklärt wird, warum experimentelle Ergebnisse in der Psycho-
logie sich nicht wiederholen ließen: "Je kontrollierter die Expe-
rimente zu einer identischen Hypothese, umso mehr müssen die Er-
gebnisse dieser Experimente für die jeweiligen sehr kontrollier-
ten Bedingungen spezifisch sein. Dies bedeutet, daß die Bestäti-
gung und Widerlegung von Hypothesen mit der methodischen Perfek-
tion ihrer Überprüfung widersprüchlicher und uneinheitlicher wer-
den muß." /223/ Für ein zentrales methodisches Problem der
experimentellen Psychologie wird damit eine Scheinerklärung ange-
boten, die nicht einmal logischen Anforderungen genügt - Kon-
trolle der Bedingungen vereinheitlicht diese; damit müßten auch
die Ergebnisse konvergieren -, geschweige denn inhaltlichen. Kon-
sequenz: Rückzug aus der Methode, statt ihre Verbesserung unter
genauer Analyse des Gegenstands.
Dicks Absage an die Wissenschaftlichkeit, oder:
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der Kult des 'Alltagsdenkens'
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Dicks Kritik bezieht sich auf dreierlei: die "empiristische" Wis-
senschaftstheorie, Methodologie und Forschungspraxis. Dabei faßt
er die "empiristische" Wissenschaftstheorie als gesellschaftlich
notwendig falsches Bewußtsein der Methodologie und Forschungspra-
xis auf; ebenso die "empiristische" Methodologie als gesell-
schaftlich notwendig falsches Bewußtsein der Forschungspraxis.
Dabei wird die Falschheit jeweils hinreichend belegt - Wissen-
schaftstheorie ist eine falsche Widerspiegelung der Methodologie,
da erstere keinen Begriff für Störbedingungen hat, die die be-
hauptete allgemeine Gesetzmäßigkeit im Einzelfall "stören", d.h.:
überdecken, überlagern; Methodologie ist eine falsche Widerspie-
gelung der Forschungspraxis, da erstere keinen Begriff für Rah-
menbedingungen hat, d. h.: konstante reale Bedingungen, unter
denen die Forschung abläuft und die die Ergebnisse beeinflussen,
die aber weder untersucht, noch nachträglich als überlagernde Ef-
fekte einkalkuliert werden -, nicht aber der angeblich gesell-
schaftlich notwendige Charakter dieser Falschheit.
Ebenso sei die Forschungspraxis falsch - inhaltlich, weil sie Ob-
jektives subjektiviere; methodisch, weil sie Konkretes in seiner
Einmaligkeit, Widersprüchlichkeit und unerschöpflichen Reichhal-
tigkeit unter einige wenige allgemeine Begriffe zwinge. Beleg für
die Falschheit der Forschungspraxis sei ihr Mißerfolg. Aber: ob-
wohl Dicks Mißerfolgsdiagnose teilweise zuzustimmen ist, bietet
sein Kult des Konkreten, aus dem zwangsläufig der Kult des dem
Konkreten verhafteten "Alltagsdenkens" folgt, keinen Ausweg.
Doch zunächst Dick: "Alltagsdenken" setzt am konkreten Faktum an,
das dann einer ersten begrifflichen Abbildung unterzogen wird:
(a) in der Beschreibung werden die Sachverhalte in ihrem Neben-
und Nacheinander dargestellt, noch nicht in ihrem inneren Zusam-
menhang; entsprechend wird nicht zwischen Wesentlichem und Unwe-
sentlichem unterschieden;
(b) in der Interpretation wird der innere Zusammenhang benannt,
zwischen notwendigen und zufälligen Bestimmungen unterschieden.
Dabei wird ein einzelner Zusammenhang zwar herausgegriffen, aber
nicht isoliert, abgelöst von seinem Wirkungshintergrund betrach-
tet. Nach Dick sind Beschreibung und Interpretation absolut ver-
schieden von der allgemeinen Hypothese, die der "Empirist" daraus
ableitet: das "Alltagsdenken" konstatiert sowohl Koinzidenzen wie
Widersprüche, gesteht dem Zufall eine bedeutende Rolle zu, und
unterscheidet deshalb Möglichkeit und Wirklichkeit, Zufall und
Notwendigkeit, akzeptiert einen Handlungsspielraum.
Anders die "empiristischen" Wissenschaften: Aus dem konkreten
Faktum wird der Zufall weggesäubert, damit auch Möglichkeit und
Handlungsspielraum; es verbleibt nur eine streng notwendige Wirk-
lichkeit, die sich aus ganz wenigen determinierenden Elementen
aufbaut.
Im Fortschreiten vom "Alltagsdenken" zum "empiristisch"-wissen-
schaftlichen Denken sieht Dick nun den methodologischen Sünden-
fall, der die traditionelle Psychologie zum Mißerfolg verdammt.
Aber:
(a) Dicks Kritik des traditionellen psychologischen Forschungs-
prozesses beruht auf der Tatsache, daß sich dessen Ergebnisse
kaum wiederholen lassen. Empirische, logische und forschungs-psy-
chologische Argumente sprechen jedoch dagegen, daß das
'Alltagsdenken' konsistentere Ergebnisse liefert;
(b) 'Alltagsdenken' - nach Dick - stellt Vermutungen über Kausal-
beziehungen an, benennt bestimmte Bedingungen als wesentlich,
notwendig, etc., ohne diese Behauptungen zu überprüfen. Genau
dies versucht aber die 'empiristisch' experimentelle Psychologie
- wenn auch meist mit unzulänglicher Methodik und inhaltlicher
Theorie. Der Erkenntniswert des 'Alltagsdenkens' ist demnach eher
geringer;
(c) hinterfragt Dick nicht, warum eigentlich der Schritt vom
'Alltagsdenken' zum wissenschaftlichen Denken vollzogen wurde und
immer wieder wird. Eine historisch-materialistische Analyse,
die den Namen verdient, müßte hier die - historisch sicherlich
immer relative - Fortschrittlichkeit und historische Notwendig-
keit der Entwicklung herausstellen, und nicht Rückschrittlichkeit
und Willkürlichkeit suggerieren.
(d) ist zu fragen, ob das von Dick beschriebene 'Alltagsdenken'
mit seiner prinzipiellen Offenheit für alle Erklärungsversuche
überhaupt real existiert;
(e) drückt sich im Kult des 'Alltagsdenkens', damit im Kult des
an der Oberfläche haftenden, intuitiv-spekulativen und unüber-
prüften Denkens eine Absage an die Wissenschaftlichkeit aus. Si-
cherlich ist Dicks Kritik am häufig oberflächlichen, spekulativen
Charakter psychologischer Theorienbildung großteils berechtigt -
die Alternative kann aber nicht im Rückzug auf vorwissenschaftli-
ches Denken bestehen. Ebensowenig ist Dicks Konzeption der
'materialistischen Methode' - z.T. ununterscheidbar vom 'Alltags-
denken' - ein Ausweg, da ihre Darstellung bisher keine Anwendung
ermöglicht. Dicks (antiautoritärer) Protest gegen die Nomothetik
bleibt steril.
Die "abstrahierende Induktion", oder: der vorgeblich nomothetisch
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nicht überbrückbare Gegensatz von Theorie und Empirie
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Die Ausführungen zur "abstrahierenden Induktion" sind m.E. das
Kernstück von Dicks Argumentation. Die Theorie ist abstrakt, die
Realität dagegen konkret. "Die Empirie bewegt sich in diesem
Spannungsfeld. Sie muß einerseits konkret sein, da sie Begegnung
mit der Wirklichkeit ist, und andrerseits abstrakt, da sie Medium
der Entstehung und Geltungsbegründung der Theorie ist." /75/ -
Aus diesem Spannungsverhältnis entwickelt Dick seine Kritik.
Die "empiristischen" Sozialwissenschaften knüpfen induktiv an die
Besonderheiten der konkreten Wirklichkeit an - wobei diese Beson-
derheiten immer eine Einheit von Besondrem und Allgemeinem, Zu-
fall und Notwendigkeit bilden. Die abstrahierend-induktive Me-
thode der Theorienbildung und -überprüfung ist nun dadurch ge-
kennzeichnet, "daß die Theorie sich aber nicht auf die histo-
risch-konkreten Bestandteile der Wirklichkeit bezieht. Vielmehr
wird das Konkret-Historische darauf reduziert, bloßer Träger des
Allgemeinen zu sein... Die auf diese Weise entstandene Hypothese
behauptet, daß das, was in dem besondren historischen Fall neben-
einander oder nacheinander aufgetreten ist und sich eventuell da-
bei kausal verursacht hat, immer wieder in gleicher Weise neben-
einander oder nacheinander auftritt." /80 f./ Die so gewonnene
Hypothese muß sich dabei in andrem Konkret-Historischem bewähren,
das Träger derselben Allgemeinheit bezüglich der Bestandteile der
Hypothese ist - der abstrahierenden Induktion folgt daher die
"konkretisierende Realisation".
Dicks Kult des Konkreten führt dazu, daß die hypothetische Ver-
allgemeinerung in unüberbrückbarem Gegensatz zu den konkreten
Fakten gesehen wird, von denen sie ausging.
Für Beschreibung und Interpretation zählt das konkrete Faktum als
besondrer Träger allgemeiner Züge. Für die Hypothese zählt das
konkrete Faktum dagegen nur als Träger allgemeiner Züge, und zwar
derjenigen, die in der Hypothese selbst benannt sind - also als
abstraktes Faktum. Bausteine des abstrakten Faktums sind nur die
wenigen, in der Hypothese angesprochenen allgemeinen Züge: Rand-
bedingung(en), Individuenbereich, Ereignis.
Die Beziehung zwischen konkreten Fakten und abstrakten Fakten ist
dabei völlig beliebig: Ein konkretes Faktum kann Träger beliebig
vieler abstrakter Fakten sein, und umgekehrt. Fazit: Gegenüber
der abstrahierenden Induktion sind die allgemeinen Züge in einem
konkreten Faktum zufällig.
Üblicherweise wird der Psychologe das Auftreten eines entspre-
chenden konkreten Faktums nicht abwarten, sondern es herstellen:
"Realisation".
Aber: Er muß sozusagen durch eine reelle Handlung die Abstraktion
rückgängig machen, die er in seiner ideellen Handlung vollzogen
hat... Der Wissenschaftler sieht sich von seiner Wissenschaft
selbst ganz verlassen und ganz seiner subjektiven Intuition über-
lassen." /123/ Zusammenfassend: Ausgangspunkt der abstrahierenden
Induktion ist ein konkretes Faktum, das aber nur als abstraktes
Faktum zählt, nämlich als bloßer Träger allgemeiner Bestimmungen.
Überprüfungsinstanz der abstrahierenden Induktion ist wiederum
ein konkretes Faktum, aber ein anderes konkretes Faktum, das je-
doch als gleiches abstraktes Faktum interpretiert wird. Die Un-
terscheidung von konkretem und abstraktem Faktum, von "Sein" und
"Gezählt-Werden-Als" scheint selbst Dick zu verwirren, worauf of-
fensichtliche Widersprüche auf den Seiten 137 bis 140 schließen
lassen!)
Dick greift in dieser Darstellung der Beziehung von Theo-
rie/Empirie ein Problem auf, das dem Sozialwissenschaftler auf
der methodologischen Ebene immer schon vertraut ist unter den
Stichworten: Operationalisierung, Indikatorenbildung, Validität,
Repräsentanz. Methodologische Lösungsversuche - wenn auch noch
sehr unbefriedigender Art - liegen vor, beispielsweise im Konzept
der Konstruktvalidität.
Dicks Darstellung ist jedoch wissenschaftstheoretischer Art: die
Empirie ist konkret, sprich: eine einmalige Verknüpfung von Be-
sondrem und Allgemeinem, Zufall und Notwendigkeit; die Theorie
dagegen ist abstrakt, bar jeder Besonderheit, Ausdruck nur weni-
ger, nicht unbedingt relevanter, allgemeiner Züge: "Für die ab-
strahierende Induktion ist es gleichgültig,... ob es wirklich we-
sentliche Zusammenhänge sind, die sie von dem besondren konkreten
Faktum löst und denen sie die Allgemeinheit zuspricht." /108/
Dick konstruiert hier einen erklärtermaßen unüberbrückbaren Ge-
gensatz zwischen Theorie und Empirie - nur in der materialisti-
schen Methode ist dieser Gegensatz wunderbarerweise verschwunden.
Die Unüberbrückbarkeit des Gegensatzes von Theorie und Empirie
müßte Dick logisch ableiten aus seiner Behauptung, das konkrete
Faktum sei nicht bloßer Schnittpunkt allgemeiner Züge; wenn die
Theorie aber nur solche allgemeinen Züge formuliert, ist der Ge-
gensatz existent. - An entsprechender Stelle wurde aber schon
nachgewiesen, daß diese Konstruktion (a) sich fälschlich auf mar-
xistisches Denken beruft, und (b) mit Hilfe des Indeterminismus
argumentiert - was sie m.E. als unwissenschaftlich erweist. Also
gegen Dick: das konkrete Faktum ist von denselben allgemeinen Zü-
gen, Gesetzmäßigkeiten beherrscht, die in der Theorie potentiell
ausgedrückt sind; ein 'logischer', 'prinzipieller' und damit un-
überbrückbarer Gegensatz von Theorie und Empirie besteht nicht.
Trotzdem: Dicks Ausführungen zur abstrahierenden Induktion, ob-
wohl wissenschaftstheoretisch falsch fundiert, rufen dennoch In-
teresse und Zustimmung hervor, weil sie, wo sie nur beschreiben,
zumindest die 'Bürgerliche' Forschungstätigkeit gut abbilden.
Tatsächlich besteht eine relativ beliebige Beziehung zwischen Be-
obachtung (konkretem Faktum)/theoretischer Verallgemeinerung
(abstraktem Faktum)/Experiment (konkretem Faktum). - Allerdings:
Diese Beziehung ist keinesfalls völlig beliebig, wie unterstellt;
die partiellen Erfolge der Sozialwissenschaften gegen die
'Widerständigkeit der Realität' sind m. E. ein Beweis dafür.
Dicks Verdienst besteht hier in einer durch Überspitzung zwar
falschen, über zugleich sehr prägnanten, transparenten Verdeutli-
chung des Dilemmas / zwischen Konkretheit und Empirie und Ab-
straktheit der Theorie; und einer daraus ableitbaren Erklärung
der tatsächlich recht verschlungenen Pfade der psychologischen
Theorienbildung. Die Schädlichkeit seiner diesbezüglichen Ausfüh-
rungen besteht wiederum in ihrer Sterilität: (a) werden die me-
thodologischen Bemühungen um eine Überwindung des Dilemmas kom-
mentarlos Übergängen und damit faktisch diskriminiert; (b) wird
eine tatsächlich nicht bestehende, völlige Zufälligkeit, Belie-
bigkeit in der Beziehung Theorie/Empirie unterstellt, womit die
Entstehung von Theorie zum Zufallsprodukt wird, was selbst den
weitgehend gesellschaftlich anarchischen Prozeß der Theorienpro-
duktion in der Psychologie der kapitalistischen Länder nicht -
vor allem: nicht mehr - trifft; womit weiterhin die Möglichkeit
entfällt, zwar undeutliche, aber dennoch vorhandene Theorieent-
wicklungen zu erklären; (c) wird durch die suggerierte Bezie-
hungslosigkeit von Theorie/Empirie der Schluß nahegelegt, tradi-
tionelle Sozialwissenschaft - enger: Psychologie - müsse erfolg-
los bleiben - was wiederum mit den Tatsachen nur bedingt überein-
stimmt.
Der vorgeblich zirkuläre Charakter der Bestätigung
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der Theorie durch die Empirie
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"Der Wissenschaftler kann Individuen so auswählen, daß sie der
abstrakten Bestimmung der Hypothese genügen; er kann konkrete Be-
dingungen herstellen, die dem Bedingungsteil der Hypothese ent-
sprechen. Darüber, daß das konkrete Ereignis sich der Hypothese
einfügt, hat der Wissenschaftler keine Gewalt, und er darf solche
auch nicht haben. Hätte er sie, so könnte die Geltung der Hypo-
these sich gar nicht auf äußere Empirie stützen, sondern nur auf
die dem Handeln des Wissenschaftlers immanente Struktur; die Re-
alisation wäre dann keine empirische Untersuchung, keine
Verifikation der Hypothese in konkreter Wirklichkeit, sondern ein
Artefakt, eine methodische Tautologie." /120 f./
Trotz dieser vorgängigen klaren Absage an Tendenzen, das Vorgehen
der empirischen Sozialwissenschaften als zirkulär darzustellen,
folgt Dick im, weiteren Verlauf seiner Argumentation doch genau
dieser populären Kritik. Er argumentiert etwa folgendermaßen: Be-
zogen auf die wenn-dann-Struktur der Hypothese kann der Forscher
nur den wenn-Teil, also die Bedingungen, festlegen, nicht den
dann-Teil, also das von diesen Bedingungen abhängige Ereignis. -
Aber: Die Hypothese, das abstrakte Faktum, schreibt nicht vor,
wie die konkrete Wirklichkeit beschaffen sein muß, an der sie
überprüft wird, wie also das konkrete Faktum beschaffen sein muß.
Das Experiment wird nun durchgeführt, d.h.: dem abstrakten wenn-
und dann-Teil der Hypothese werden konkrete Wirklichkeitstatbe-
stände zugeordnet. Tritt der dann-Teil, das Ereignis, in vorher-
gesagter Form auf, so gilt die abstrakte Hypothese als durch die
konkrete Wirklichkeit bestätigt oder bestärkt. - Aber: Es ist
nicht die Wirklichkeit sei sondern "es ist die Hypothese, welche
den einzelnen Ausschnitten aus dem konkreten Bedingungsgefüge ih-
ren methodischen Stellenwert zuweist, welche darüber bestimmt, ob
etwas UV, AV, oder störende Bedingungen ist." /127/ Das komplexe
Bedingungsgesamt der konkreten Wirklichkeit, das tendenziell auch
immer in der Überprüfungssituation, dem Experiment, vorhanden
ist, wird also durch die Hypothese, und durch die Interpretation
des Ereignisses in Begriffen der Hypothese, radikal auf ganz we-
nige Bestandteile reduziert; die Hypothese entwirft gewissermaßen
ein außerordentlich vereinfachtes Modell der Wirklichkeit.
Konsequenz: "Es ist diese Hypothese, die bestimmt, welche Züge
der konkreten Wirklichkeit als sie selbst stützend herausgehoben
werden. Die Beziehung zwischen der Theorie auf der einen Seite
und der Empirie auf der andren Seite ist also hoffnungslos zirku-
lär." /140/
Hier wird also das schon bekannte Argument vom unüberbrückbaren
Gegensatz zwischen Theorie und Empirie wieder aufgenommen und
weitergeführt. Erstens ist die Beziehung zwischen den abstrakten
Begriffen der Hypothese und den ihnen zugeordneten konkreten
Wirklichkeitstatbeständen des Experiments höchst problematisch.
Zweitens ist die Entsprechung zwischen der in der Hypothese un-
terstellten Kausalstruktur und der im Experiment wirkenden
tatsächlichen Kausalstruktur ebenfalls höchst problematisch. So-
weit ist Dick zuzustimmen und für seine Verdeutlichung zu danken.
- Aber Fehler liegen m.E. in der obigen Behauptung vor, es sei
die "Hypothese, die bestimmt, welche Züge der konkreten Wirklich-
keit als sie selbst stützend herausgehoben werden." /140/ Näm-
lich:
(a) besteht die Hypothese vor dem sie überprüfenden Experiment
und bleibt hinsichtlich der Überprüfungsentscheidung ungeachtet
des Ausgangs des Experiments - im Idealfall - unverändert beste-
hen, paßt sich also nicht, wie suggeriert, opportunistisch der
Realität an. Realität und Hypothese konvergieren also nicht im
Entscheidungsfall, weil sich die Hypothese auf die Realität zube-
wegte;
(b) Hypothese und Realität konvergieren aber ebenso nicht, weil
sich die Realität auf die Hypothese zubewegte - denn auch Dick
gibt im obigen Zitat /120/ zu, daß die Realität von der Hypothese
unabhängig ist, kein methodisches Artefakt darstellt, die Hypo-
these also nicht stützen muß;
(c) bleibt als Fazit festzuhalten, daß Hypothese und Realität un-
abhängig voneinander bestehen und keinen Zirkel bilden.
Vermutlich unter Berücksichtigung ähnlicher Einwände kommt Dick
zu einer Relativierung seines Vorwurfs der Zirkularität des
"empiristischen" Forschungsprozesses, die m.E. die Unklarheit je-
doch eher erhöht: "Gleichwohl erschöpft sich die Beziehung zwi-
schen Theorie und Empirie nicht darin, ein formaler Zirkel zu
sein. Nur eine Seite der Empirie ist Bestandteil dieses Zirkels;
die andre - die konkrete - ist Bestandteil der konkreten Wirk-
lichkeit und ist in dieser selbst angesiedelt. Die Bewegungen in
dieser konkreten Wirklichkeit bedingen, daß die Empirie immer
wieder in Widerspruch zu der Theorie treten kann." /140/
Das treibende Moment der Erkenntnisgewinnung wird hier also al-
lein in den "Bewegungen in dieser konkreten Wirklichkeit" gese-
hen, nicht in der relativen Autonomie von Theorie und Empirie und
der damit gegebenen Möglichkeit ihrer echten Konfrontation - m.E.
ein falscher Ansatz.
Die vorgeblich zirkuläre Beziehung zwischen Theorie und Empirie -
Dick: "empiristischer Zirkel" - wird noch anders zu belegen ver-
sucht: "Damit eine positive Aussage über die Geltung einer Hypo-
these gemacht werden kann, ist vorausgesetzt, daß die in der Hy-
pothese benannten Rahmenbedingungen nicht in Interaktion mit wei-
teren Bedingungen stehen. Damit über den Einfluß einer einzelnen
Bedingung oder einer Bedingungskonstellation eine Aussage gemacht
werden kann, muß der Einfluß der weiteren Bedingungen immer schon
bekannt sein ... Dies ist zu verallgemeinern: die Bestätigung des
einzelnen vermuteten Zusammenhangs setzt die Bekanntheit des gan-
zen Systems von Verknüpfungen voraus. Da im nomothetischen Ver-
ständnis das ganze System der Verknüpfungen aber nichts andres
sein kann als die Summe (oder Multiplikation) aller einzelnen
Verknüpfungen, setzt umgekehrt die Kenntnis des ganzen Gefüges
die Kenntnis aller einzelnen Verknüpfungen voraus." /232/
Hier vergißt Dick seinen materialistischen Anspruch und die von
daher geforderte Unterscheidung von Wesen und Erscheinung, Zufall
und Notwendigkeit und argumentiert ganz im Sinne des Konditiona-
lismus, d.h. der Theorie, die jedes Ereignis auf eine unendliche
Anzahl prinzipiell gleichrangiger Bedingungen zurückführt - in
einer derart strukturierten Wirklichkeit wäre Dicks Kritik be-
rechtigt. Aber: Nimmt man dagegen an - wofür viel spricht -, die
Wirklichkeit unterliege nicht unzähligen gleichrangigen Einflüs-
sen, sondern besitze eine hierarchische und begrenzt komplexe
Kausalstruktur mit der Unterscheidbarkeit von wesentlichen und
unwesentlichen Determinanten, dann entlarvt sich Dicks vergebli-
cher Zirkel als praktisch-methodisch zwar schwer angehbares, aber
dennoch prinzipiell bloßes Scheinproblem. Seine Lösung, die der
Methodik der erfolgreichen Wissenschaften entspricht: Bestimmung
der wesentlichsten Determinanten eines Phänomens; Untersuchung
ihres Einflusses mit dem Ergebnis der Formulierung einer vorläu-
figen, unpräzisen, vielfältig abhängigen Prognose; Bestimmung der
nächst-wesentlichsten Determinante; Einbeziehung ihres Einflusses
auf das untersuchte Phänomen und Korrektur der ersten Prognose in
Richtung höhere Präzisierung und Ausschaltung einer Abhängigkeit;
Bestimmung der nächst-wesentlichsten Determinante ...
Fazit: Dicks Vorwurf der Zirkularität der Theorie/Empirie-Bezie-
hung in den "empiristischen" Sozialwissenschaften ist zurückzu-
weisen. Ausgangspunkt und Grund für die scheinbare Plausibilität
ist das Faktum, daß verschiedene Theoretiker(schulen) die ihrer
Theorie entsprechenden empirischen Ergebnisse produzieren -
ebenso die konkurrierenden Theoretiker(schulen). Dies bedeutet
aber weder, daß die Realität als Korrekturinstanz prinzipiell
versagt, noch daß ein unüberbrückbarer Gegensatz zwischen Theorie
und Empirie besteht - sondern schlicht, daß das Problem der Be-
ziehung von Theorie und Empirie noch nicht zureichend gelöst ist.
Dick beschreibt auch hier reale Probleme, analysiert sie aber
falsch.
Dicks widersprüchliche Stellungnahme zur empirischen
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Sozialforschung und seine Vortäuschung einer methodologischen
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Alternative, oder: der Kult des Wesentlichen
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"In der Sowjetunion und der DDR haben sich Psychologie und Sozio-
logie in einer Weise entwickelt, die sich ihrer Methode nach und
auch schon in den einzelnen Theorien nicht oder kaum von den em-
piristischen Sozialwissenschaften in den westlichen kapitalisti-
schen Ländern unterscheiden. Dem praktisch-methodischen Vorgehen
der Forschung in der DDR und der Sowjetunion zog zunächst die Me-
thodologie nach, schließlich der abstrakt-wissenschaftstheoreti-
sche Überbau." /33 f./
Nach solcher Kritik interessiert natürlich, was Dick als Alterna-
tive zu den Problemen der Psychologie, Methodologie und Wissen-
schaftstheorie der sozialistischen Länder selbst anzubieten hat.
Dick kennzeichnet die "materialistische" Methode folgendermaßen:
"Es ist gerade wesentliches Kennzeichen wissenschaftlicher Er-
kenntnis, daß sie durch die oberflächlich sichtbare (empirisch
erkennbare) Oberfläche der Erscheinungen hindurchdringt zum Wesen
der Dinge. Die wissenschaftliche Erkenntnis muß das Allgemeine
eines konkreten Gegenstandes erst in den vielfältigen oberfläch-
lichen Besonderheiten aufspüren." /269/ Und: "Die materialisti-
sche Methode ist also auch induktiv: sie geht aus von der Empirie
und kehrt zur Empirie zurück. Aber die Empirie ist in ihrer kon-
kreten Gestalt Ausgangspunkt und Punkt der Rückkehr der materia-
listischen Methode." /270/
Zunächst fällt auf, daß man mit diesen Aussagen in praxi nichts
anfangen kann - nicht weil sie so allgemein wären, sondern weil
hier (und auch überall sonst bei Dick) Kriterien und Methoden zur
Unterscheidung von Wesen und Erscheinung fehlen. Die Beliebigkeit
der Etikettierung psychologischer Phänomene als Wesen oder Er-
scheinung ist in keiner Weise eingeschränkt, womit die Anwendung
der Unterscheidung nutzlos, wenn nicht sogar gefährlich wird. -
Weiterhin: Die von Dick angegriffene Wissenschaftstheorie der so-
zialistischen Länder war Anfang der 50er Jahre tatsächlich auf
dem Stand, den Dick heute noch einnimmt; siehe, z. B. Rosental,
Smirnov, etc. Seitdem hat man sich aber dort bemüht, über derart
abstrakte und undifferenzierte - und daher nicht umsetzbare -
Aussagen hinauszugelangen - mit Erfolg: siehe z. B. Hahns
"historischer Materialismus und marxistische Soziologie" (1968).
Dort wird - auf der Basis der Gesellschaftstheorie des histori-
schen Materialismus - die Theorie/Empirie-Problematik der Sozial-
wissenschaften analysiert und die Konsequenz für die sozialwis-
senschaftliche Forschung angedeutet. Statt also Dicks Verdikt der
"positivistischen Wende" der Wissenschaftstheorie, Methodologie
und Psychologie der sozialistischen Länder zuzustimmen, muß man
dort vielmehr eine sinnvolle Weiterentwicklung, Differenzierung
und Konkretisierung konstatieren. Dick dagegen ist ein "platter"
Marxismus vorzuwerfen.
Dicks Unkenntnis oder Ignorierung der Entwicklung marxistischen
Denkens zeigt sich auch an seiner Behandlung der Praxis als Wahr-
heitskriterium:
"Die marxistische Erkenntnistheorie verweist auf die Praxis als
letztes Kriterium der Wahrheit von Theorien. Praxis heißt ein-
greifender Umgang mit den konkreten Bedingungen, denen in der In-
terpretation ein Stellenwert für das Zustandekommen des konkreten
Ereignisses in dem konkreten Faktum zugewiesen wird ... Das prak-
tische Eingreifen kann überprüfen, ob die Interpretation den ein-
zelnen Bedingungen aus dem konkreten Bedingungsgefüge den Stel-
lenwert zugewiesen hat, den diese wirklich haben. Die Praxis kann
dies nur deswegen, weil sie sich notwendig in diesem Gefüge
selbst abspielen muß." /94/
- Der "empiristischen" Sozialwissenschaft wirft Dick dann an-
schließend vor, sie kenne das praktische Eingreifen als Form der
Überprüfung nicht - und dies einer Wissenschaft wie der Psycholo-
gie, die ihr Selbstverständnis z.T. aus einer bestimmten Methode
eingreifenden Handelns, nämlich dem Experiment, bezieht.
Hier fällt wieder folgendes auf:
(a) Dicks Vernachlässigung der marxistischen Diskussion, die das
Experiment als eine Form der Praxis auffaßt (übrigens schon bei
dem wohl nicht revisionismus-verdächtigen Engels!);
(b) Dicks Kritiklosigkeit gegenüber seinen marxistischen Auffas-
sungen, im Vergleich mit seiner oft bohrenden und anregenden Kri-
tik 'bürgerlicher' Positionen. Beispiel: Im Zusammenhang des
letzten Zitats wird nicht problematisiert, wie - und ob richtig -
der Stellenwert den Bedingungen in der Interpretation zugewiesen
wird; ob die Praxis (und damit auch das Experiment) nicht mehr
relevante Bedingungen enthält als die Interpretation kennt; ob
ein mit der Interpretation bzw. Prognose übereinstimmendes Ergeb-
nis der praktischen Überprüfung sicheres Indiz für die Richtig-
keit der Interpretation ist; etc.
Trotz der meist sehr ablehnenden Äußerungen Dicks bezüglich der
traditionellen empirischen Sozialforschung ist seine Haltung
letztlich zwiespältig und in sich widersprüchlich.
Einerseits Aufforderung zur Suche nach dem Wesen hinter den Er-
scheinungen, andrerseits Rehabilitierung der Untersuchung der Er-
scheinungsebene - bei gleichzeitiger Warnung vor der abstrahie-
renden Induktion. Diese Entgegensetzung ist nur solange möglich,
wie Dick dem Leser die genaue und konkretisierte Darstellung der
Anwendung der "materialistischen" Methode auf den Gegenstand der
Psychologie vorenthält. - Weiterhin: Gemäß Dicks induktionisti-
scher Auffassung sind offensichtlich "einfach empirische" Beob-
achtung, Fragebogen, Interview etc. theoriefrei oder zumindest
frei von den "Fehlern der Theorie" - was m.E. einen Rückfall in
nun wirklich zu Recht "empiristisch" genanntes Denken bedeutet.
Alle Erkenntnisse über die notwendige Selektivität und Theorie-
geladenheit von Problemen, Begriffen, Methoden werden vernachläs-
sigt.
Dick glaubt, mit seiner "materialistischen" Methode auch ein zen-
trales Problem der "bürgerlichen" psychologischen Forschung zu
lösen, nämlich: die mangelnde Wiederholbarkeit experimenteller
Ergebnisse und die damit mangelnde Basis für theoretische Verall-
gemeinerungen. "Weil die Theorie die jeweils allgemeinste Wider-
spiegelung der konkreten Realität ist (und nicht einfach einzel-
nen Besonderheiten theoretisch die Form der Allgemeinheit gibt
wie in der empiristischen Empirie), kann die Empirie die Theorie
exakt 'repräsentieren' und exakt überprüfen. Die exakte Wieder-
holbarkeit eines Experiments und die identische Wiederholung sei-
ner Ergebnisse sind dann möglich." /281/
Hierzu zweierlei: Erstens ist auch in der "bürgerlichen" Psycho-
logie eine' exakte Wiederholung eines Experiments möglich, sofern
die ursprüngliche Versuchsanordnung nur hinreichend genau be-
schrieben und dann im Überprüfungsversuch kopiert wird. Dies ist
ein empirisches Faktum, aber auch eine logische Trivialität
(Prinzip des Determinismus: gleiche Ursachen - gleiche Wirkun-
gen). - Zweitens ist dies aber nicht das "Problem der Wiederhol-
barkeit experimenteller Ergebnisse"; das Problem stellt sich
vielmehr erst dann, wenn Experimente wiederholt werden, indem bei
gleicher Beziehung der untersuchten Variablen die Versuchsanord-
nungen dennoch in nicht-untersuchten - und angenommenermaßen:
nicht-relevanten - Variablen variieren. Um hier ähnlich exakte
Replizierbarkeit zu erzielen, wie sie beispielsweise der Physiker
bei der Untersuchung des freien Falls im Vakuum erzielt - voraus-
gesetzt, dies gelingt dem Physiker überhaupt -, muß man eine ähn-
lich einfache (in qualitativer und quantitativer Hinsicht) und
auch bekannte Kausalstruktur im Gegenstandsbereich annehmen. Dies
ist fraglich schon in komplexeren Problemfeldern der Naturwissen-
schaften - siehe Biologie, Meteorologie etc. -, mit der Konse-
quenz geringeren Erfolgs, also: geringerer Replizierbarkeit von
Ergebnissen, und damit geringerer Erklärungs- und Prognosepotenz.
Ganz besonders strittig ist eine so simple Verursachung aber im
sozialwissenschaftlichen Gegenstandsbereich: hier scheint eher
eine Struktur von offensichtlich zahlreichen, besonders im psy-
chologischen Gegenstandsbereich oft wenig "durchschlagenden" und
in komplizierten Abhängigkeiten stehenden Kausalketten vorzulie-
gen. Reduziert man diese tatsächliche Struktur auf eine gemäß der
Selektivität der-Theorie abgewandelte "Einfachstruktur", so las-
sen sich Ergebnisse nur begrenzt replizieren, in Abhängigkeit da-
von, ob "wesentliche", d.h.: durchschlagende Determinanten ins
Bedingungsmodell aufgenommen wurden (und in Abhängigkeit von den
Präzisionsstandards). - Es ist nicht einzusehen, daß das geschil-
derte Problem für von Dick als "materialistisch" anerkannte For-
schung nicht gelten soll.
Positive Aspekte in Dicks Arbeit
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Die bisherige Darstellung hat nur solche Aspekte der Arbeit Dicks
herausgestellt, die von mir als, gelinde ausgedrückt, problema-
tisch angesehen werden - dies deshalb, weil Dick mit dem Anspruch
auftritt, die bisherige 'empiristische' Psychologie radikal der
Falschheit überführen und zugleich als Alternative eine
'materialistische' Methodologie anbieten zu können. Ich hoffe
nachgewiesen zu haben, daß dieser Anspruch Dicks in beiden Hin-
sichten ungerechtfertigt ist.
Andrerseits muß gesagt werden, daß Dicks Arbeit eine Fülle posi-
tiver Aspekte enthält. Diese Qualitäten liegen meist in der Ver-
deutlichung bestimmter Phänomene, seltener in ihrer Erklärung;
auch sind diese Erkenntnisse Dicks oft nur Weiterführungen schon
bekannter Argumentationen, insbesondere Holzkamps. Doch sollen
hier zugunsten einer zumindest etwas ausgewogeneren Würdigung von
Dicks Beitrag einzelne dieser Aspekte erwähnt werden.
Dick arbeitet in einer außerordentlich klaren Darstellung die
Struktur der sozialwissenschaftlichen Hypothese heraus. Er ver-
deutlicht dabei auch die unterschiedliche methodologische Funk-
tion von in der Hypothese benannten "Randbedingungen", von zur
Erklärung des Mißerfolgs nachträglich hinzugezogenen "Störbedin-
gungen" und von üblicherweise nicht berücksichtigten - da kon-
stanten -, das Ergebnis aber stets beeinflussenden "Rahmenbedin-
gungen". Dabei kann er plausibel machen, daß alle bisherigen
sozialwissenschaftlichen Resultate aufgrund der Vernachlässigung
von wesentlichen Rahmenbedingungen immer nur relative Gültigkeit
besitzen, und zwar bezogen auf bestimmte Konstellationen von
Rahmenbedingungen. Resultat: ein Anstoß zur grundlegenden
Reflexion des methodologischen Ansatzes der Sozialwissenschaften.
Dick ergänzt Holzkamps Lehre von der "Exhaustion" - d h.: Weger-
klärung von Mißerfolgen bei der Hypothesenüberprüfung durch Ver-
weis auf "störende Bedingungen" - durch die Lehre von der
"Spezifizierung": Bei gleicher Ausgangslage - Mißerfolg der Hypo-
these - läßt sich dieser Mißerfolg vertuschen durch Abänderung
der Hypothese; dabei gibt Dick eine ganze Anzahl möglicher und
gebräuchlicher Varianten solcher Retuschen an Hypothesen an.
Von daher gelangt Dick auch zu einer differenzierteren Version
von "Hypothesen-Biographie": während Holzkamp der Popperschen
Auffassung - der Mißerfolg einer Hypothese falsifiziere diese -
widersprach und stattdessen auf Strategien der Wegerklärung des
Mißerfolgs durch Einbeziehung von Störbedingungen verwies, macht
Dick Wissenschaftstheoretiker und Methodologen auf das noch viel
reichhaltigere Instrumentarium konventionalistischer Strategien
via Spezifizierung aufmerksam (übrigens auch so von Poppers Schü-
ler Lakatos konstatiert). Poppers Alles-oder-Nichts-Schema der
Hypothesenüberprüfung, von Holzkamp modifiziert zum Modell der
sukzessiven, gewissermaßen linearen Aufblähung von Hypothesen
durch Einbeziehung von Störbedingungen, wird von Dick schließlich
abgeändert zum Modell eines vielfältig verzweigten Entscheidungs-
baums: Für jedes Ergebnis bei der Überprüfung seiner Hypothese
stehen dem Forscher nicht nur eine, sondern viele Möglichkeiten
zur Verfügung, sein unerwartetes Ergebnis dennoch mit der durch
die Hypothese festgelegten Erwartung konventionalistisch "in Ein-
klang" zu bringen - was dem tatsächlichen Forschungsalltag besser
zu entsprechen scheint als die Modelle Poppers und Holzkamps.
Entgegen dem mechanistischen Menschenbild des Behaviorismus be-
tont Dick die Rolle des Bewußtseins und den damit gegebenen Ver-
haltensspielraum des Menschen. Wie auch Holzkamp (1972) macht er
diese Überlegungen fruchtbar für seine Behandlung des Experi-
ments. Aber nicht, indem er auf den "Verabredungscharakter" der
Vp-Rolle verweist und die dadurch bedingten Verzerrungen in den
Ergebnissen - Verzicht auf Einsicht, geduldete Einschränkung des
Verhaltensspielraums; Holzkamp: "organismische Anthropologie" -,
sondern indem er zeigt, wie von der mechanistischen Konzeption
des Menschen her das Denken der Vp - und sogar des Vl - Störef-
fekte darstellen und daher durch Täuschung über die wahren Ziele
des Experiments ausgeschaltet werden sollen - was aber nie voll-
ständig gelingt: "Vp-Hypothesen", "Rosenthal-Effekt", "self-ful-
filling prophecy", "suicidal prophecy".
Dick verdeutlicht, daß die besondere Behandlung des Bewußtseins
in der Methodologie - nicht nur bloße Konstanthaltung wie bei an-
dren "Störbedingungen", sondern Versuch der aktiven Ausschaltung,
Neutralisierung - das mechanistische Menschenbild selbst ad ab-
surdum führt; ebenso aber eine vom mechanistischen Menschenbild
ausgehende nomothetische Theorienbildung: "Das in einer Hypothese
vorhergesagte Ereignis wird ja als die notwendige Folge der in
der Hypothese benannten Bedingungen dargestellt, also nicht als
eine Folge der Bedingungen und Prognose, und nicht als ein Ereig-
nis, dessen Eintreten durch die Prognose verhindert wird." /364/
Gesamteinschätzung
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Die Arbeit Dicks ist inhaltsreich, sehr anregend und zeugt von
einer weitreichenden Vertrautheit mit den Problemen der
"bürgerlichen", sprich: traditionellen Psychologie.
Dick konstatiert aber nicht nur wissenschaftstheoretische, metho-
dologische und inhaltliche Probleme, die zwar faktisch existie-
ren, aber auch - mit bisher unterschiedlichem Erfolg - angegangen
werden, sondern konstruiert pauschalisierend prinzipielle Unver-
träglichkeiten: der "unüberbrückbare" Gegensatz von Gesetz und
Einzelfall, Wesen und Erscheinung, Theorie und Empirie; das
"gesellschaftlich notwendige" Auseinanderfallen von Wissen-
schaftstheorie, Methodologie und Forschungsprozeß; die "unver-
meidliche" Subjektivierung objektiver Sachverhalte; der Zwang zur
Negierung der Rolle des Bewußtseins; u. dgl. m. Alle diese Mängel
sollen durch seine "materialistische" Forschungsmethode behoben
werden - dabei bietet er aber als Alternative nur einen dünnen
Aufguß längt weiterentwickelter marxistischer philosophischer
Auffassungen der 50er Jahre.
Das grundsätzlich Falsche an seiner Kritik ist ihre Undifferen-
ziertheit und die Unterschlagung positiver Weiterentwicklungen -
bezogen auf die "bürgerliche" Psychologie - und ihre Sterilität -
bezogen auf die "materialistische" Psychologie. Dick suggeriert -
belegt nicht - den "gesellschaftlich notwendigen" Charakter einer
schlechten psychologischen Forschungspraxis, wie sie tatsächlich
vielerorts anzutreffen ist. Er enthält seinem Leser aber zukunft-
strächtige, positive inhaltliche und methodologische Entwicklun-
gen vor oder diffamiert sie kurzerhand als "reformistische Illu-
sionen".
Werner Maschewsky
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