Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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       Rezensionen
       
       Industriephysiker und Industrieherren. Ergebnisse einer Befragung
       promovierter Industriephysiker, im Selbstverlag des Autors, Saar-
       brücken 1975, 125 Seiten.
       

ZUR BERUFLICHEN SOZIALISATION DER TECHNISCH-WISSENSCHAFTLICHEN INTELLIGENZ ODER:

-------------------------------------------------------------- I. Im Zuge der seit den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts in al- len fortgeschrittenen kapitalistischen Industriegesellschaften platzgreifenden wissenschaftlich-technischen Revolution kam es neben allgemeinen Strukturveränderungen des kapitalistischen Pro- duktionsprozesses auch zu bedeutsamen Differenzierungsprozessen im Bereich der Arbeiterklasse wie des produktiven Gesamtarbeiters insgesamt. Solange die kapitalistische Produktionsweise noch nicht zur vollen Entfaltung ihrer lebendigen Potenzen im Bereich der Ware Arbeitskraft gelangt war, blieben wissenschaftliche For- schung und technologische Entwicklung über lange Zeit hinweg Epi- phänomene des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses: Die Funktion von Wissenschaft als - zunächst indirekter - Produktiv- kraft erfuhr durchweg ihre Begrenzung durch die Vorherrschaft der körperlichen Arbeit im Kernbereich der materiellen Produktion. Der letztlich private, meist zufällige Charakter der Forschung spiegelte sich unter anderem auch in der Tatsache, daß die "Erfinder" bis Mitte des 19. Jahrhunderts meist nicht einmal als Wissenschaftler im strengen Wortsinn auftraten, sondern überwie- gend branchenfremde, experimentierende Handwerker waren. Verwie- sen sei in diesem Zusammenhang auf die im Frankreich der Jahrhun- dertwende noch gültige semantische Unterscheidung zwischen 'inventeur' und 'Ingenieur'. (Vgl. Andre Garcet: Les ingenieurs, in: ESPRIT 52, Jhg. 1937, S. 537-561, 543 und 558 f.) "In dem Maße aber, wie die große Industrie sich entwickelt, wird die Schöpfung des wirklichen Reichtums abhängig... von der Macht der Agentien, die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden und die selbst wieder... abhängt vom allgemeinen Stand der Wissenschaft und dem Fortschritt der Technologie, oder der Anwen- dung der Wissenschaft auf die Produktion". (Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Rohentwurf, Berlin 1974, S. 592.) Mit zunehmender Verwissenschaftlichung der Produktion, der konti- nuierlich voranschreitenden Delegation ehemals vom Privatkapita- listen personifizierter industrieller Leitungsfunktionen an die "industriellen Ober- und Unteroffiziere" des Kapitals (MEW Bd. 23, S. 351) sowie mit dem der kapitalistischen Produktionsweise logisch und historisch immanenten Zwang zur permanenten Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals (Zunahme des kon- stanten Kapitals bei gleichzeitigem relativem Rückgang des vari- ablen Kapitals) wuchs in den letzten Jahrzehnten Zahl und Bedeu- tung derjenigen Angehörigen der technisch-wissenschaftlichen In- telligenz, die noch zu Marx' Zeiten "ein numerisch unbedeutendes Personal (darstellten), das mit der Kontrolle der gesamten Ma- schinerie und ihrer beständigen Reparatur beschäftigt ist, wie Ingenieure, Mechaniker... Es ist eine höhere, teils wissenschaft- lich gebildete, teils handwerkliche Arbeiterklasse, außerhalb des Kreises der Fabrikarbeiter und ihnen nur aggregiert. Diese Tei- lung der Arbeit ist rein technisch." (MEW Bd. 23, S. 443) Diese von Marx angedeutete Entwicklungsrichtung wird offenkundig, wenn man den relativen Rückgang des Anteils der unmittelbaren Produk- tionsarbeiter und das komplementär dazu sich vollziehende Wachs- tum der Gruppe der kaufmännisch-technisch-wissenschaftlichen An- gestellten vor, neben und hinter dem Produktionsprozeß (H. Stei- ner) ins Auge faßt: So stieg beispielsweise die Zahl der höheren Leitungsangestellten in Frankreich von 1962-1968 um 19%, nach Schätzungen von 1968 bis 1975 sogar um 30%. Für die Ingenieure werden 38% bzw. 46% genannt, für die Techniker beide Male 55%. Der Anteil der selbständigen Unternehmer hingegen ging von 1954- 1968 um 15% zurück. (Für Frankreich vgl. ausführlich: Peter Hin- richs und Ingo Kolboom: Kleinbürgertum oder neue Arbeiterklasse? Zur Geschichte und Ideologie der 'cadres' in Frankreich, in: LEN- DEMAINS. Zeitschrift für Frankreichforschung, 1. Jhg 1976, H. 3, S. 90-114) Waren diese neuen Schichten bis in die siebziger Jahre des letz- ten Jahrhunderts - als 'ehrwürdige' Ingenieure zumeist ohnehin rechte Hand des Eigentümerunternehmers - in ihrer großen Mehrzahl relativ privilegierte Angehörige bzw. Alliierte der Bourgeoisie, so verschärften sich jedoch mit zunehmender kapitalistischer Ver- gesellschaftung des industriellen Leitungsprozesses und dem nume- rischen Anwachsen der technisch-wissenschaftlichen Intelligenz um die Jahrhundertwende zusehends auch die Widersprüche, die in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung von geistiger und körperlicher Arbeit begründet lagen. Über lange Zeiträume hinweg konnte die nun einsetzende reale soziale Deklassierung der großen Mehrzahl der technischen Leitungsangestellten auf der subjektiven Ebene der Betroffenen teils durch Überidentifikation mit dem Abglanz (und den Interessen) des Kapitals als Klasse, teils aber auch in der Ideologie der "dritten Kraft" kompensiert werden. Politisch befand sich die technisch-wissenschaftliche Intelligenz zusammen mit den Angehörigen der traditionell 'freien' Berufe gleichsam als "Bindegewebe der Nation" (Antonio Gramsci: Philosophie der Praxis, Frankfurt/M. 1967, S. 31 ff.) mehrheitlich im Einzugsbe- reich sozial-konservativer bis reaktionärer Parteien, auch wenn die von ihren Wortführern (in Deutschland besonders das Direkto- riumsmitglied des Vereins deutscher Ingenieure, von Rieppel) ver- tretenen Positionen die soziale Selbsteinschätzung eher auf die 'neutrale' Kraft der voranschreitenden Technik orientierten. Auf die soziale Zwitterstellung, und die daraus resultierende politi- sche Unzuverlässigkeit, aber auch auf die wachsende Bedeutung der technischen Kader im Klassenkampf hatte schon F. Engels hingewie- sen, wenn er bemerkte: "Um die Produktionsmittel in Besitz und Betrieb zu nehmen, brauchen wir Leute, die technisch vorgebildet sind, und zwar in Massen (...) Kommen wir dagegen durch einen Krieg vorzeitig ans Ruder, so sind die Techniker unsere prinzi- piellen Gegner, betrügen und verraten uns, wo sie können; wir müssen den Schrecken gegen sie anwenden und werden doch beschis- sen." (August Bebel: Briefwechsel mit Friedrich Engels, Den Haag 1965, S. 465; hier zit. nach: Franz J. T. Lee: Technische Intel- ligenz und Klassenkampf, Frankfurt/M. 1974, S. 12) II. In jüngster Zeit ist die in der Geschichte der Arbeiterbewegung oft gestellte Frage nach gesellschaftlichem Bewußtsein und Bünd- nisfähigkeit der technisch-wissenschaftlichen Intelligenz erneut zum Gegenstand der Auseinandersetzung geworden. In dem Maße, wie die Angehörigen wissenschaftlicher und technischer Berufe durch die Bewegungsgesetze des Kapitals auf den sozialen Status von produktiven bzw. indirekt produktiven Lohnarbeitern gedrängt wor- den sind und damit mehrheitlich zu objektiven Mehrwertproduzenten des Kapitals wurden (vgl. Autorenkollektiv der FU Berlin: Klas- senlage und Bewußtseinsformen technisch-wissenschaftlicher Lohn- arbeiter, Frankfurt/M. 1973, S. 95 ff.), sind auch auf der sub- jektiven Ebene der Betroffenen qualitative Bewußtseinsänderungen zu beobachten, wenn auch zunächst noch in ausgesprochen embryona- ler Form: So haben beispielsweise während des Massenstreiks im französischen Mai 1968 und den sich daran anknüpfenden Klassen- kämpfen (Renault, Lip, Rateau) erstmalig große Teile der Ingeni- eure, Wissenschaftler und Techniker an den gewerkschaftlichen und politischen Aktionen der Arbeiterklasse teilgenommen und damit traditionelle Denkschemata zumindest ansatzweise destruiert. Auch von der Sozialwissenschaft wurde die technische Intelligenz neu 'entdeckt': So erhielt die seit Anfang der sechziger Jahre in Frankreich von Serge Mallet formulierte Theorie der 'neuen Arbei- terklasse' (Serge Mallet: La nouvelle classe ouvriere, Paris (seuil) 2 1969; dt. Ausgabe: Die neue Arbeiterklasse, Neuwied u. Berlin 1973), welche die technisch-wissenschaftlichen Leitungska- der u.a. als neue revolutionäre Avantgarde im Klassenkampf empor- stilisierte, durch die Mai-Ereignisse eine aktuell-politische Di- mension. In Auseinandersetzung mit den teilweise falschen Prämissen der Malletschen Theorie und den daraus resultierenden falschen poli- tischen Schlußfolgerungen für die Arbeiterbewegung (Zur Kritik Mallets vgl. Peter Hinrichs/Ingo Kolboom, a.a.O., S. 103 ff., ferner Hellmuth Lange: Wissenschaftlich-technische Intelligenz. Neue Bourgeoisie oder neue Arbeiterklasse? , Köln 1972) ist auch innerhalb der westdeutschen Sozialwissenschaft mittlerweile eine umfangreiche Literatur zu Sein und Bewußtsein der technischen Lohnarbeiter entstanden. Sind diese Arbeiten fast durchgängig theoretischer Natur, so besteht umgekehrt bislang ein erhebliches Defizit an empirischen Untersuchungen, die geeignet wären, die relative 'Kopflastigkeit' der Diskussion durch quantitative Er- gebnisse und Daten nach der einen oder anderen Seite hin zu kor- rigieren bzw. zu ergänzen. III. Die Arbeit des Saarbrücker Soziologen Jenö Kurucz ist nicht al- lein deshalb von Interesse, weil sie das beklagte Defizit abzu- bauen bemüht ist, sondern sie illustriert gleichermaßen, wenn auch indirekt, ein Stück Forschungsalltag in der Bundesrepublik, indem sie das Dilemma des Einzelwissenschaftlers angesichts einer a u s s c h l i e ß l i c h auf empirischer Basis nicht einzulö- senden Aufgabe deutlich macht. Gleichzeitig wirft die hier be- sprochene Arbeit ein bezeichnendes Schlaglicht auf die Skrupello- sigkeit der chemischen Großindustrie in der BRD, wenn es darum geht, mit der Soziologie Schlitten zu fahren. Die von Kurucz im Alleingang, das heißt ohne jegliche personelle Hilfe und nur mit unzureichenden finanziellen Mitteln betriebene Untersuchung über das Verhältnis von "Industriephysikern und In- dustrieherren" versteht sich thematisch als Fortsetzung einer be- reits 1972 von Kurucz et. al. veröffentlichten, bislang nur wenig beachteten Enquete über Teilaspekte des gesellschaftlichen Be- wußtseins von promovierten Industrietechnikern in der Bundesrepu- blik. (Jenö Kurucz et al.: Das Selbstverständnis von Naturwissen- schaftlern in der Industrie. Ergebnisse einer Befragung promo- vierter Industriechemiker, Verlag Chemie, Weinheim 1972; vgl. auch DAS ARGUMENT 82, S. 839 f.) Bereits in dieser Untersuchung wurde vom Autor als Arbeitshypothese postuliert, "daß die zu er- zielenden Ergebnisse paradigmatisch, d. h. mutatis mutandis auch für andere Teilgruppen der technisch-wissenschaftlichen Intelli- genz gelten dürften." (Kurucz: Das Selbstverständnis..., a.a.O., S. 5) Die nun vorliegende Physikeruntersuchung ist - wie auch be- reits die Chemikerenquête - als nicht-repräsentative, will sagen qualitative Leitfadenstudie angelegt. Befragt wurden insgesamt 105 Industriephysiker aus mehreren Industriezweigen, verschie- denen Produktionsbereichen sowie aus verschiedenen Ebenen der in- nerbetrieblichen Leitungshierarchie. Das erkenntnisleitende In- teresse des Autors zielte weniger auf die Bestimmung der objekti- ven Soziallage der Industriephysiker, sondern fast ausschließlich auf die empirische Erfassung verschiedener Komponenten von "Bewußtseins- und Persönlichkeitsstrukturen" /5/ dieser Gruppe, wie sie sich in der Alltagserfahrung des kapitalistischen Ar- beits- und Verwertungsprozesses der Naturwissenschaftler heraus- bilden. Postuliert und durch die Erhebung auch weitgehend verifi- ziert wird (wie auch in der Chemikeruntersuchung) das rigide Aus- einanderklaffen von "wissenschaftlichen" und "wirtschaftlichen" (sic!) Leistungsansprüchen an die Physiker, sobald diese die Sphäre der Universität mit dem kapitalistischen Lohnverhältnis eingetauscht haben. Als Fazit konstatiert Kurucz, "daß die Lei- stung in der Industrie anders definiert ist als auf der wissen- schaftlichen Hochschule, wo promovierte Industriephysiker die er- ste entscheidende Prägung ihrer Persönlichkeit erfahren haben... Junge Industriephysiker, die die Normen der Wissenschaft in höchstem Grade verinnerlicht haben, machen in den ersten Berufs- jahren die Erfahrung, daß sie ihre Berufsaufgaben nicht bewälti- gen können, wenn sie Verstöße gegen die Normen der Wissenschaft konsequent vermeiden wollen. Sie geraten in einen anomischen Zu- stand." /25/ Aufgrund der von Kurucz konstatierten Asymmetrie zwischen kapitalistischer (der Autor spricht naiverweise von "wirtschaftlicher") und genuin-naturwissenschaftlicher Logik ge- langt die Untersuchung zu dem Schluß, daß angesichts der fakti- schen Auslesemechanismen im kapitalistischen Industriebetrieb das auf rein naturwissenschaftlicher Fachqualifikation der techni- schen Intelligenz beruhende Leistungsprinzip in zunehmendem Maße erfolgsindifferent für die Physiker wird /45-59/. Dies nun führt - so Kurucz - auf der subjektiven Ebene der Betroffenen zu einer "Krise des Leistungsbewußtseins" /90/. Im Gegensatz zu den Chemi- kern, die immerhin auf der Ebene "virulenter Gruppenerlebnisse" /78/ ihrer relativen Ohnmacht zu ansatzweiser Solidarisierung neigen (vgl. Das Selbstverständnis..., a.a.O., S. 51), führt - nach den Ergebnissen der Untersuchung - die Erfahrung von Kapi- talwillkür, moralischem Verschleiß der Ware Arbeitskraft und po- tentiellem sozialem Abstieg (downgrading) bei den Industriephysi- kern nicht eindeutig zur Konstituierung eines homogenen "Gruppenbewußtseins" /60/. Kurucz: "Welche Konsequenzen werden nun aus den unterschiedlichen Bestandsaufnahmen für das jeweilige Verhalten und Handeln gezogen? Urteile über den Ist-Zustand, im vorliegenden Falle: Über die betriebliche Realität, setzen sich nicht unvermittelt in Handlungsimpulse ... um. Es gibt keinen nahtlosen Übergang von der Bestandsaufnahme zur Verhaltensbestim- mung" /67/. Als subjektives Korrelat zum realen Alltag der Physi- ker macht Kurucz dann auch ein breitgebündeltes Spektrum ("betriebliches Mittelstandsbewußtsein", "quasi-Arbeitnehmerbe- wußtsein", "quasi-Arbeitgeberbewußtsein") von sozialen Selbstein- schätzungen der Befragten aus, das in der Diffusität der Verhal- tensmuster ("Individualismus", "ständische Solidarität", "Arbeit- nehmersolidarität") seine ebenso amorphe Entsprechung findet. Nun sind die Ergebnisse der Kurucz'schen Untersuchung in ihrer Mehrheit nicht unbedingt als neu und überraschend zu bezeichnen. Eine Fülle von marxistischen Analysen zu Sein und Bewußtsein der technisch-wissenschaftlichen Intelligenz dokumentiert mittler- weile einen Forschungsstand, an dem gemessen die Auskünfte der Physikeruntersuchung nachgerade als bescheiden zu bezeichnen sind. Dennoch finden sich - wenn auch teilweise in archaisch an- mutender Naivität und oft in verschrobener Terminologie nur frag- mentarisch auf den Begriff gebracht - in dem gewonnenen Datenma- terial einige wichtige empirische Belege und Hinweise zur Kritik jener 'geschlossenen' Theorieansätze, die aus der Hypostasierung des technischen Fortschritts heraus unvermittelt die Existenz ei- ner 'neuen' herrschenden (bzw. potentiell herrschenden) Klasse ableiten wollen. So widerspiegelt die von Kurucz ausgemachte "Krise des Leistungsbewußtseins" bei den professionalisierten Wissenschaftlern die bereits von Kern/Schumann (Horst Kern/ Michael Schumann: Industriearbeit und Arbeiterbewußtsein, Frank- furt/M. 1970, 2 Bde.) belegte Tendenz zur höchst uneinheitlich sich vollziehenden Qualifizierung der Ware Arbeitskraft, die auch unter den Bedingungen des Spätkapitalismus eben n i c h t linear verläuft (wie Serge Mallet fälschlicherweise suggeriert), sondern lediglich einer minoritären Funktionselite, mitnichten aber allen Angehörigen der wissenschaftlich-technischen Intelli- genz zugestanden wird. Desgleichen sind die zahlreich aufgeführ- ten Gesprächsprotokolle von Bedeutung, dokumentieren sie doch in eindrucksvoller Weise eine Qualität des gesellschaftlichen Be- wußtseins der befragten Physiker, die in mehr oder minder deutli- cher Form den genuin-kleinbürgerlichen Aspekt dieses Bewußtseins unterstreichen (woran die Anlage und theoretische Qualität der Untersuchung sowie die spezifische Form der Datengewinnung - es handelte sich um ein mixtum compositum aus Experteninterview und einem Legespiel - freilich nicht ganz unschuldig sind). Des wei- teren ist kritisch anzumerken, daß die Kurucz'sche Arbeit in ih- rer primär naiv-empirischen Forschungsstrategie durch eine stär- kere theoretische Durchdringung nur an Qualität gewinnen könnte. In typisch Comtescher 'hygiène cérébralé, d.h. ohne die gegenwär- tige theoretische Diskussion auch nur zur Kenntnis zu nehmen, ge- lingt Kurucz in etwas altväterlicher Manier allemal nur der (mühsame) Aufstieg zu den schwankenden Wipfeln der Durkheimschen Anomietheorie, deren beschreibende Kategorien spätestens bei der Frage nach der Qualifizierung des alltäglichen Lagebewußtseins der technisch-wissenschaftlichen Intelligenz ihren Geist aufgeben müssen. Diese gerade heute so wichtige Frage wird dann konsequen- terweise vom Autor auch gar nicht mehr thematisiert, sondern, un- ter Verweis auf den Weberschen Wertfreiheitsbegriff, als irrele- vant eskamotiert. Wichtiger indes als die eigentlichen Forschungsergebnisse der Ar- beit sind allerdings die Forschungs u m s t ä n d e, unter denen die Untersuchung stattgefunden hat und deren Kenntnis zu einem Gutteil die methodologischen und methodischen Defizite und Schwächen, an denen die Arbeit leidet, 'verständlicher' erschei- nen läßt. Was auf den ersten Blick wie ein schlechtes Schmieren- stück aus den Zeiten hochkapitalistischer Despotie anmutet, ent- puppt sich bei näherem Hinsehen als Paradebeispiel konsequenter Einflußnahme des Kapitals auf die Freiheit sozialwissenschaftli- cher Forschung, unterstützt von denjenigen Kräften, denen die "Freiheit der Wissenschaft" allemal nur noch als Kampfbegriff zur Durchsetzung konservativ-reaktionärer Lehr- und Forschungsinhalte Lippendienste leistet. Im Gegensatz nämlich zu Autoren wie Fried- rich Fürstenberg, dessen 1969 veröffentlichte Untersuchung über "Die Soziallage der Chemiearbeiter" (Friedrich Fürstenberg: Die Soziallage der Chemiearbeiter, Neuwied u. Berlin 1969; zur Kritik daran vgl. Frank Deppe u. Hellmuth Lange: Wissenschaft im Dienste der Unternehmer, Informationsbericht Nr. 5, vom Institut für mar- xistische Studien und Forschungen (IMSF), Frankfurt/M. 1970) be- reits im methodischen Ansatz den ideologischen Geist seiner Auf- traggeber (es handelte sich um den Arbeitsring der Arbeitgeber- verbände der deutschen chemischen Industrie) atmet, hat sich Ku- rucz mit seiner Chemiker-Untersuchung von Anfang an als persona non grata der frostigen Ablehnung seitens des Managements der Konzerne ausgesetzt, in denen die Untersuchung durchgeführt wor- den ist (BASF, Bayer, Hoechst). War bereits während der Feldun- tersuchung alles getan worden, um Kurucz und seine damaligen Mit- arbeiter von den zu befragenden Chemikern fernzuhalten, so sollte es dabei allein nicht bleiben: Kaum war 1972 in den "Nachrichten aus Chemie und Technik" von Kurucz eine Vorbesprechung der Ergeb- nisse seiner Arbeit erschienen, als sich - nach Auskunft des Au- tors - "eine ... im Untergrund abspielende, feindselige Auseinan- dersetzung zwischen den Herren der drei großen Chemiekonzerne und dem Verfasser" entwickelte /6/. Aufgeschreckt über die zentrale Aussage des Buches ("Krise des Leistungsbewußtseins" bei den Che- mikern), versuchte das Management, die endgültige Publikation des Buches (erschienen im Verlag Chemie!) zu verhindern, was freilich an den bereits geschlossenen Verträgen scheitern sollte. War auch die Publikation nicht mehr zu sabotieren, so wurde in der Folge- zeit durch Limitierung des Versandes das Buch mehr oder weniger totgeschwiegen, über den weiteren Verlauf der Dinge schrieb "Der Saarländische Arbeitnehmer": "Als Begleitmaßnahme gab die Gesell- schaft Deutscher Chemiker (Mehrheitseigner des Verlags Chemie und Vorsitzender: der damalige Bayer-Chef Prof. Kurt Hansen) ein Ge- heimgutachten beim Geschäftsführer des Bundes Freiheit der Wis- senschaft, Prof. Erwin K. Scheuch, in Auftrag. Scheuch beschäf- tigte sich allerdings weniger mit Wissenschaft, noch weniger mit der Freiheit derselben - er empfahl unterschwellig ganz schlicht das Einstampfen der Arbeit des Saarbrücker Kollegen. Als auch das nicht gelang, hielt man sich an die Kleinsten: im Verlag Chemie wurden einige Mitarbeiter gemaßregelt. Kurucz - zeitweise an den Auseinandersetzungen schwer erkrankt - ließ sich jedoch nicht entmutigen und machte sich an die zweite Untersuchung ... die Er- fahrungen, die er dabei sammelte, waren ebenfalls entsprechend: Firmentüren blieben zu, Interview-Partner bekamen Redeverbot, PR- Spezialisten wurden ihm zur 'Betreuung' angedient. Und zu allem mußte er bei der Universität des Saarlandes, wo er einen ordent- lichen Lehrstuhl innehat, um jede einzelne Mark kämpfen..." (Arbeitskammer des Saarlandes (Hg.): Der Saarländische Arbeitneh- mer, H. 11, November 1975, S. 380) "Industriephysiker und Industrieherren" dürfte, da im Selbstver- lag des Autors erschienen (warum eigentlich?), kaum im Buchhandel zu erhalten sein. Da auch die Chemiker-Untersuchung aufgrund der o.g. repressiven Maßnahmen nur schwer zugänglich ist, sei für In- teressierte hier die Adresse Jenö Kurucz genannt: Parkweg 14, 6601 Scheidt. Peter Hinrichs zurück