Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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       Erhard Stölting
       

DAS SOZIALE BILD DER WISSENSCHAFT UND DIE GESAMTGESELLSCHAFTLICHE REPRODUKTION

Das "soziale Bild" der Wissenschaft meint etwas anderes als den "Begriff" der Wissenschaft, der in der wissenschaftstheoretischen Literatur diskutiert wird. Dieser soll normativ festlegen, was legitimerweise als "Wissenschaft" bezeichnet werden darf und was nicht, trifft also in der Regel eine Selektion unter den existie- renden Wissenschaften und wissenschaftlichen Vorgehensweisen. Die wissenschaftstheoretische Bestimmung enthält also möglichst ex- akte präskiptive Aussagen - oder Aussagen, aus denen sich solche Präskriptionen widerspruchsfrei ableiten lassen - darüber, wie ein Wissenschaftler verfahren muß, wenn er seine Arbeit bzw. de- ren Resultat als "wissenschaftlich" bezeichnen will. Demgegenüber ist der gesellschaftliche Sprachgebrauch sehr dif- fus, und inhaltlich ein eindeutiges Abgrenzungskriterium zu fin- den, erscheint prima vista schwierig. Sobald man sich jedoch auf die relevanten Sprechergruppen beschränkt, werden Konturen im alltäglichen Sprachgebrauch deutlich. Als relevante Sprechergrup- pen erscheinen diejenigen, die über die Existenz oder Nichtexi- stenz von Wissenschaftlern und Wissenschaften entscheiden können, d.h. diejenigen, die die Wissenschaften finanzieren und kraft in- stitutioneller Macht diesen Terminus mithin anerkanntermaßen ver- leihen können. Als "Wissenschaft" wird in unserer Gesellschaft primär das bezeichnet, was in staatlichen und privatwirtschaftli- chen Einrichtungen unter diesem Haushaltstitel erscheint: Die Spannweite erstreckt sich von dem F & E-Bereich der Betriebe bis zu geisteswissenschaftlichen Instituten. Damit wird die Wissenschaft bestimmbar von ihrer Funktion inner- halb der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion. Diese umfaßt nicht nur die materielle Produktion, sonder auch die Reproduktion und Veränderung der Produktionsverhältnisse, der gesamten ökono- mischen und sozialen Struktur der Gesellschaft. Daher ist die Kennzeichnung einer Arbeit als "wissenschaftliche" nicht nur eine technische oder begriffliche Festlegung, sondern im weiteren Sinne eine politische. Die Unterschiedlichkeit von "Begriff" und "sozialem Bild" der Wissenschaft bedeutet jedoch nicht, daß beide gänzlich voneinan- der unabhängig seien. Die wissenschaftstheoretische Festlegung des Begriffs enthält stets schon das wissenschaftspolitische Po- stulat, jene Wissenschaften, die sich nicht legitimerweise so be- zeichnen dürfen, aus dem Etat zu streichen. Die Wissenschafts- theorie wird damit auch zu einer Waffe von Interessengruppen bei wissenschaftspolitischen Grabenkämpfen. Hauptwaffe in diesen Kämpfen sind aber die sozialen Bilder, mit Hilfe derer die Wis- senschaften sich nach außen darstellen und ihre gesellschaftliche oder kulturelle Relevanz vorzeigen. Die Legitimation ---------------- Die Genesis des modernen Wissenschaftsbildes kann mit der Entste- hung der Naturwissenschaften in der Renaissance angesetzt werden 1). Kennzeichnend für sie war ein neues Verhältnis zur natürli- chen und gesellschaftlichen Umwelt und eine neue Weise der Wahr- heitsbegründung. Wahre Aussagen sollten nicht mehr jene sein, die, letztlich in göttlicher Offenbarung wurzelnd, durch Mittler den Menschen dargeboten wurden; wahr sollten Aussagen über Beob- achtungen sein, die der unvoreingenommene Blick erfuhr und durch Vernunft und mathematische Verknüpfungen zu allgemeinen Sätzen erweiterte. Vorannahme war, daß die Natur selbst vernünftig, or- dentlich bzw. mathematisch sich verhalte 2). In diesem Sinne waren die Naturwissenschaften weitgehend philoso- phisch. Sie hatten den Anspruch, die Welt zu erklären, und stan- den damit im Konflikt zur älteren Form der Wahrheitsbegründung durch die göttliche Offenbarung. Lösungsversuche für diesen Kon- flikt durchziehen die ganze Philisophiegeschichte. Religiös sich begründender Macht sprach die neue Weise der Wahrheitsbegründung auch politisch zunehmend die Legitimation ab. Sie konnte daher auch als geistige Waffe im Kampf des Bürgertums gegen die Kirche und den Feudaladel verwendet werden. Die Wissenschaft war in die- sem Sinne Moment einer sozialen Entwicklung. Die Universalität des Wahrheitsbegriffes - es gibt nur eine Wahr- heit - und seine Beziehung zur Wissenschaft konnte aber auch als exklusive gedeutet werden: Alle Aussagen, die mit dem Anspruch auf Wahrheit auftraten, mußten sich dann als wissenschaftlich be- gründete ausgeben. "Wahre Erkenntnis" und "wissenschaftliche Er- kenntnis", Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie, wurden da- mit Synonyma. Im 19. Jahrhundert werden die Naturwissenschaften einer stärkeren institutionellen Kontrolle unterzogen. Während zuvor die für ihre wissenschaftliche Tätigkeit bezahlten Personen in der Minderheit waren, verschwindet nun der wissenschaftliche Amateur, der von seinem Vermögen lebt, aus der Diskussion der Fachleute. Die Be- setzung einer Position innerhalb der wissenschaftlichen Institu- tionen wird notwendige Vorbedingung der Teilnahme am wissen- schaftlichen Leben. Zugleich findet in diesem Jahrhundert mit der Etablierung der naturwissenschaftlichen Forschung innerhalb der Universitäten die "Verwissenschaftlichung" der Universitäten ih- ren Abschluß. Die Universitäten sind damit endgültig "wissenschaftliche" Einrichtungen. Damit werden viele Universi- tätsfächer unter den Zwang gesetzt, sich als Wissenschaften zu legitimieren. Zwei Begründungsweisen für die gesellschaftliche Notwendigkeit, Wissenschaft zu betreiben, haben historisch bestehen können. Die eine, daß die wissenschaftliche Arbeit zu wahren Erkenntnissen über die Welt führt und diese Erkenntnisse eine persönliche Ori- entierung gestatten bzw. die Verwirklichung menschlicher Wesens- kräfte darstellen (Erkenntnisstreben); die andere, daß wissen- schaftliche Arbeit zu praktisch umsetzbaren Erkenntnissen führt, also die technische Beherrschung der Natur erweitert und damit dem wirtschaftlichen, materiellen Fortschritt dient. Beide An- sprüche konnten zusammengefaßt werden insofern, als wahre Er- kenntnis a u c h größere Naturbeherrschung ermöglichen. Den ersten Anspruch begannen die Naturwissenschaften seit dem neunzehnten Jahrhundert effektiv einzulösen. Zunehmend wurden sie unmittelbar in der materiellen Produktion angewendet. Dies führte zu der bekannten, gewaltigen Expansion der Naturwissenschaften, die noch kein Ende gefunden hat 3). Sie wurden zu einer unmittel- baren Produktivkraft. Ihre volkswirtschaftliche Bedeutung macht sie zunehmend zum Gegenstand staatlicher Finanzierung. In dieser Expansion hatten die sogenannten "angewandten" Wissenschaften na- türlich das Übergewicht. Die Grundlagenforschung wurde nach Maß- gabe ihrer eingeschätzten Relevanz für den angewandten Bereich finanziert. Die gesellschaftliche Legitimation war mithin unpro- blematisch und konzentrierte sich direkt oder indirekt zunehmend auf praktische Probleme. Die Expansion der Naturwissenschaften, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, warf jedoch Planungsprobleme auf, da überproportional auch die finanziellen Aufwendungen stiegen und entsprechend die Gefahr von Fehlinvestitionen gravierender wurde. Es mußten einer- seits Kriterien für die Planung des wissenschaftlich-technischen Bereichs, andererseits Techniken zur Rationalisierung der wissen- schaftlichen Arbeit, analog der industriellen Arbeit entwickelt werden. Dies komplexe Problem wurde Gegenstand einer wissen- schaftlichen Disziplin, der Wissenschaftsforschung, die sich von Anfang an praktisch verstand 4). Während im naturwissenschaftlichen Bereich die praktische Rele- vanz dominierte und zur Legitimierung finanzieller Ansprüche diente, war dies im Bereich der übrigen akademischen Disziplinen nicht in gleicher Weise der Fall. Ihre Arbeitsweise, die primär in der Interpretation bzw. der Vermittlung interpretatorischer Fertigkeiten bestand, konnte sich nicht durch ihre unmittelbare Relevanz für die gesellschaftliche Produktion rechtfertigen und mußte zu anderen Argumenten greifen. Wo sie sich als Sozialtech- nik verstehen konnte, war die Situation relativ einfach; Schwie- rigkeiten entstanden jenen Wissenschaften, die sich nicht als So- zialtechniken verstehen wollten oder konnten, wie ein großer Teil der Geistes- und Sozialwissenschaften. Und es ist kein Zufall, daß der entstehende Legitimationsdruck gerade in diesen Fächern mit einer Springflut wissenschaftstheoretischer Reflexionen be- antwortet wurde. Gleichzeitig wurde aber auch die Relevanz der Interpretation in den Naturwissenschaften deutlicher. Grundlegend hierfür wurde ein Erkenntnismodell, das anhand der Historiographie der Naturwissen- schaften entwickelt worden war, und die Auseinandersetzung mit dem Neopositivismus. Dieses Erkenntnismodell wurde bedeutsam, weil es in der Interpretation experimentell gewonnener Sachver- halte die Relevanz gesellschaftlicher Ideologien sichtbar machen konnte. Seine anarchistische Radikalisierung durch Paul Feyer- abend zeigte zudem, daß methodologische Fragen sinnvoll nur von der gesellschaftlichen Reproduktion her gestellt werden können, nicht jedoch aus inhärenten Eigenschaften von "Wissenschaft" al- lein. Naturwissenschaften und Interpretation -------------------------------------- Ausgangspunkt dieser Richtung war Poppers methodologischer Falsi- fikationismus. Die wissenschaftstheoretische Kritik an ihm, vor allem durch Thomas S. Kühn, Stephen Toulmin, Paul Feyerabend und Imre Lakatos und andere hat die möglichen Dimensionen, die in Poppers Ansatz angelegt waren, herausgearbeitet. Die einzelnen Positionen sollen hier nicht nochmals umfassend dargestellt wer- den, da hierzu bereits eine umfassende Literatur vorliegt 5). Nur die im Kontext der Diskussion relevanten Aspekte sollen genannt werden. Der Denktypus ------------- In seiner "Logik der Forschung" hatte Popper nachgewiesen, daß Allaussagen sich durch kein mögliches Verfahren aus empirischen Einzelaussagen induzieren lassen 6). Ein Zusammenhang zwischen empirischen Erfahrungen und Theorien über sie konnte daher nur durch den Versuch der Falsifikation von Aussagen intersubjektiv überprüfbar hergestellt werden. Vermittlungsstück sollten Hypo- thesen sein, die aus den Theorien abgeleitet und empirisch über- prüft werden sollten. An die Theorien stellte dies die Anforde- rung, so konstruiert zu sein, daß erstens keine kontradiktori- schen Hypothesen aus ihnen ableitbar sein durften, daß zweitens die Hypothesen selbst falsifizierbar sein mußten, daß drittens die Hypothesen tatsächlich aus den Theorien abgeleitet wurden, ihre Widerlegung also zugleich eine Widerlegung der Theorien be- deutete 7). Diese formellen Kriterien begründeten die "Wissen- schaftlichkeit" von Theorien. Damit sollte sich erstens die Möglichkeit einer genauen Abgren- zung wissenschaftlicher Aussagen von nichtwissenschaftlichen er- geben, zweitens die eines Erkenntnisfortschritts durch die Aus- scheidung unwahrer Aussagen bzw. Theorien, drittens die potenti- elle Unendlichkeit des Erkenntnisfortschritts, da keine wissen- schaftliche Theorie vor ihrer Falsifikation gefeit sein konnte. Es sollten nur bewährte (corroborated) Theorien geben, die vielen Falsifikationsversuchen standgehalten hatten. Dieser Ansatz war eminent praktisch. Denn das zugrunde gelegte Wahrheitskriterium band die Theorien so an ihren Gegenstand, daß sie zu einem Vehi- kel technischer Rekonstruktionen von Naturverhalten wurden. Be- stätigte Theorien ließen Planungen von Apparaten zu, deren Versa- gen als Widerlegung, deren Funktionieren als Bewährung der zu- grunde liegenden Theorien gelten konnte. Poppers Widerlegung der Möglichkeit, Allaussagen aus Einzelaussa- gen abzuleiten, stellte zugleich einen Zusammenhang zur Wissen- schaftsgeschichtsschreibung her. Es ermöglichte ihm den Zusammen- hang von geistesgeschichtlicher Entwicklung und Wissenschaftsent- wicklung deutlicher zu machen. Wenn eine Theorie nicht stringent aus empirischen Einzelaussagen abgeleitet werden konnte, mußte nach Popper ihr Ursprung metaphysisch, irrational, außerwissen- schaftlich sein. Die metaphysischen, religiösen usw. Quellen wis- senschaftlicher Begriffe und Theorien hat Popper selbst vielfach demonstriert. Er konnte damit zeigen, daß auch die Naturerkennt- nis theoriegeleitet ist und sich nur nach Maßgabe der bestimmten Inhalte von Theorien über die Natur entfalten kann. Dabei darf hier der Begriff "metaphysisch" nicht überschätzt werden, auch wenn Popper auf seiner historischen Zufälligkeit insistiert. Ge- rade über ihn ergibt sich die Möglichkeit eines Rückbezuges der Naturerkenntnis auf gesellschaftliche Ideologien. In seiner Betonung der Falsifikation verwies Popper immanent auf den technischen Arbeitscharakter der Naturwissenschaften seit der Renaissance: In den technischen Konstruktionen, in welchen Hypo- thesen über Naturverhalten enthalten sind, finden zweifelsohne eindeutige Falsifikationen statt, und daß diese Naturerkenntnis über nichtfalsifizierte bzw. bestätigte Annahmen fortschreitet, ist unwiderleglich; jedes Experiment, jeder Prototyp verkörpert eine solche Hypothese. Damit spiegelt Poppers Wahrheitskriterium die Funktion der modernen Naturwissenschaft in der gesellschaft- lichen Reproduktion wider 8). Problematisch blieb aber, ob die wissenschaftlichen Theorien tatsächlich wie technische Konstruk- tionen getestet werden können. Die Kritik an Popper -------------------- Der Angriff setzte an jenem Punkt an, an dem Popper am stärksten schien, dem Zusammenhang von Falsifikation und Theorieentwick- lung. Gemeinsames Argument seiner Kritiker war, daß wissen- schaftshistorisch der Zusammenhang zwischen Theorien und empri- scher Forschungspraxis weitaus lockerer sei, als Popper dies un- terstelle, daß grundlegendes Regulativ der Forschungspraxis nicht immer widerspruchsfreie durchgebildete Theorien seien bzw. gewe- sen seien, daß Theorien keineswegs sofort bei auftretenden Wider- sprüchen verworfen werden müßten, daß Wissenschaftler keineswegs so rational vorgingen bzw. vorgegangen seien, wie Popper postu- liere. Was damit zunächst in Frage gestellt wurde, war die Mög- lichkeit einer vollständig rationalen Rekonstruktion der Wissen- schaftsgeschichte. Thomas S. Kuhn zeigte z B. anhand der "Kopernikanischen Revolu- tion", daß es keineswegs wissenschaftsimmanente Gründe allein wa- ren, die zur Verwerfung des ptolemäischen Weltbildes führten 9). Kühn demonstrierte, daß die Wissenschaftler durch "Paradigmata" orientiert waren, deren periodischer Wechsel "wissenschaftliche Revolutionen" darstellten. Diese Revolutionen geschähen selten, und zwischen ihnen betrieben die Wissenschaftler "normale Wissen- schaft". Sie bestehe darin, daß die Wissenschaftler orientiert auf das Paradigma Informationen sammelten, einzelne Theorien aus- bauten und änderten. Dabei sammelten sich immer mehr mit dem Pa- radigma inkompatible Fakten an. Es kämen vermehrt philosophische und theoretische Diskussionen unter den Wissenschaftlern auf, bis ein neues Paradigma auftauche. Dies werde keineswegs sofort ak- zeptiert, vor allem nicht von älteren Wissenschaftlern. Die Durchsetzung des neuen Paradigmas stellt sich somit bei Kühn als sozialpsychologisches Problem der Forschergemeinschaft 10). Das Paradigma und die Sozialpsychologie nehmen hier somit die Stelle ein, die bei Popper die Metaphysik inne hatte. Die Wissenschaft- ler erscheinen aber nicht mehr als idealisierte Träger von Ratio- nalität, sondern als leibhaftige Menschen. Damit markiert Kühn den Punkt, an dem die "philosophy of science" für die Wissenschaftssoziologie thematisierbar, rezipiert und Mode wurde. Hinter den diskutierenden, neurotischen oder starr- köpfigen Forschern steckt bereits die Möglichkeit, sie nicht nur als konkrete Menschen, sondern schon als Produkte bestimmter ge- sellschaftlicher Verhältnisse zu sehen. Im empirie-resistenten Paradigma wird zudem das Problem des faktischen Auseinanderfal- lens von Theorie und Empirie deutlicher, und in der Differenzie- rung von "normaler Wissenschaft" und "wissenschaftlichen Revolu- tionen" kommen bereits die vielen bienenfleißigen Informations- sammler und Experimentatoren ins Blickfeld, die zwar wissen- schaftliche Theorien nicht umstürzen, aber gleichwohl etwas mit der Entwicklung der Wissenschaft zu tun haben. Mit ihnen treten auch die in der Industrie und den angewandten Forschungen tätigen Wissenschaftler auf den Plan, wenn sie auch bei Feyerabend flugs wieder verschwinden müssen. Die Radikalisierung durch Feyerabend ------------------------------------ Feyerabends Kritik an Popper führt zu den radikalsten Konsequen- zen, die implizit in den Widersprüchen des Popperschen Ansatzes selbst enthalten sind. Feyerabend konfrontiert zunächst den An- satz Poppers mit wissenschaftshistorischen Fakten und weist nach, daß die Wissenschaft nicht stattfinden würde und nicht stattge- funden hätte, würden die Popperschen Maßstäbe wirklich gültig sein 11). Er postuliert dagegen eine größere Freiheit der Theorie von der Empirie als selbst Kühn. Theorien bzw. Hypothesen, die u.U. aus Theorien abgeleitet werden könnten, würden keineswegs wegen widersprechender empirischer Befunde sofort verworfen. Es sei ebenso möglich und historisch der Fall gewesen, daß die Expe- rimente angezweifelt werden, daß man sich mit Widersprüchen zu- frieden gibt, daß man ad-hoc-Hypothesen entwickelt usw. Die all- gemeinen Theorien, die die Forschung orientierten, seien meist schlecht begründet, und wissenschaftliche Revolutionen könnten auch ohne sachlich ausreichende Begründung gemacht werden. Das Kopernikanischen Weltbild z.B. sei zur Zeit seiner Entstehung überhaupt nicht erklärungsmächtiger gewesen als das ptolemäische. Es sei nicht aus rationalen Gründen verworfen worden 12). Sogar die Wissenschaftler selbst wüßten überdies oft nicht recht, was sie tun. Newtons Theorie der Gravitation sei von bedeutenden Wis- senschaftlern als überaus wichtig eingeschätzt worden, ohne daß die meisten von ihnen sich ihrer inhärenten Schwierigkeiten be- wußt gewesen seien. Einige hätten sogar geglaubt, sie könnte von Keplers Gesetzen abgeleitet werden. Dasselbe gelte sinngemäß für die Quantentheorie 13). Die Durchsetzung wissenschaftlicher Annahmen geschehe mithin pri- mär durch Propaganda, Tricks, methodische Schwindeleien usw., über welche Feyerabend anhand Galileis ausführlich berichtet 14). Dies diskreditiere nach seiner Auffassung aber niemanden. Denn wissenschaftliche Theorien eröffneten neue Perspektiven, die ver- teidigt und nicht wegen einiger Widersprüche mit empirischen Be- funden verworfen werden müßten. Ad-hoc-Hypothesen seien ebenso berechtigt, wie das Ignorieren empirischer Resultate. Gegen die durch Popper propagierte Kritik weiß Feyerabend mithin ein Lob selbst auf den Dogmatismus zu singen 15). Die Liberalität Poppers gegenüber der Herkunft wissenschaftlicher Theorien wird damit von Feyerabend erweitert. Es gelte nicht nur, Theorie nicht zu verwerfen, sondern sie zu vermehren, es gelte, alte wieder auszugraben, als absurd oder überholt abgelegte wie- der zu beleben, weil die Gründe, die zu ihrer Ablenkung geführt hätten, ebensowenig "vernünftig" sein können, wie die Gründe, die zu ihrer Annahme führten. Die beliebige Vermehrung von Theorien, bzw. das Plädoyer für einen möglichen Dogmatismus kann innerhalb des Forschungsprozes- ses noch für einen m e t h o d o l o g i s c h e n Vorschlag gehalten werden, wenn zugleich ein Vorschlag für ein Wahrheits- kriterium unterbreitet würde und damit für einen möglichen Er- kenntnisfortschritt. Gerade gegen diesen wendet sich Feyerabend. Nur bei vorgegebenen Standards sei ein Fortschritt denkbar, z.B. in der Technik oder der zivilisatorischen Bedeutsamkeit, wie im- mer diese bestimmt wird. Über diese Standards sei aber immanent wissenschaftlich nicht mehr zu entscheiden. Wissenschaft besteht für Feyerabend in bestimmten "rationalen" Argumentationsmustern, einem lockeren Zusammenhang mit möglichen Experimenten, einen Vergleich von Hypothesen mit experimentellen Ergebnissen. Hier- durch unterscheidet sich bei ihm die Wissenschaft von anderen Formen der Erfahrung bzw. der Produktion von Sätzen. Es gibt aber für ihn keinen einsichtigen Grund dafür, einen Aussagen komplex für "besser", "wahrhaftiger" usw. zu halten als einen anderen 16). Damit verliert die Wissenschaft ihren exklusiven Bezug zur Wahrheit, den sie bei Popper noch hatte; sie wird zu einer Form kultureller Betätigung, wie Poesie, Malerei usw. Der Umgang mit ihr wird zum Moment einer Lebenspraxis, die man möglichst genuß- voll und interessant gestalten sollte. Eigentlich könnte Feyerabend wie jeden Diskurs auch Methodologien einfach zulassen. Der Hinweis, daß sie das nicht leisten, was sie zu leisten vorgeben, kann, folgt man seiner Argumentationsweise, kein Grund ihrer Ablehnung sein. Aber wenn die Wissenschaft eine möglichst genußvolle Lebenspraxis sein soll, so sind Methodolo- gien ihre lebensfeindliche Einschränkung. Sie sind für eine ge- nußvolle Wissenschaft, was puritanische Moral für ein fröhliches Geschlechtsleben ist. Wenn die Wissenschaftler frei über ihre Tätigkeit entscheiden könnten, sich Ziele setzen könnten, wenn sie wie viele Heroen der Pionierzeit der Naturwissenschaften ohne Sorgen um ihre materi- elle Existenz sich zu einem intellektuellen Tun entschließen könnten, wären Feyerabends Vorschläge erfreulich und akzeptabel. In der gegenwärtigen Zeit ist aber die einzige Entscheidung, die ihnen meist bleibt die, im Job zu bleiben oder ihn zu verlassen, denn die Naturwissenschaften sind fest in die materielle Produk- tion der Gesellschaft integriert, und diese stellt sich für sie als ein Zwangszusammenhang wie für alle übrigen Lohnabhängigen dar. Dieser Zwangszusammenhang setzt der Wissenschaft ihre Krite- rien und Methoden, die zu einer planmäßigen Beherrschbarkeit der Naturvorgänge führen müssen. Damit ist gesellschaftlich ein Wahr- heitskriterium gesetzt und zugleich eines für den Erkenntnisfort- schritt. Was bei Feyerabends Position aber deutlich wird, ist, daß dieses Wahrheitskriterium und damit die Bestimmung dessen, was "Wissenschaft" ist, zugleich eine Entscheidung für die moderne industrielle Produktion darstellt, wenn auch noch keine für deren Zweckbestimmung im Rahmen möglicher alternativer Produktionsver- hältnisse. Zugleich beruht diese Fragestellung Feyerabends auf einer Veren- gung des Wissenschaftsbegriffes auf die Herstellung von Theorien und damit auf die feine Seite der Wissenschaft, die interpretie- rende Grundlagenforschung. Der größte Teil dessen, was gesell- schaftlich heute als "Wissenschaft" bezeichnet wird , fällt damit aus der Untersuchung heraus. Allein so kann die Wissenschaft pro- blemlos einem kulturellen Ziel zugeordnet werden 17). Die Trennung von Grundlagenforschung und angewandter Forschung ist sicherlich problematisch. Auf der anderen Seite hat sie ein realistisches Moment. Es ist häufig schwierig, die praktische Re- levanz ausgewiesener Bereiche der Naturwissenschaften zu bestim- men. Die Diskussion der wissenschaftspolitischen Kriterien, die hinter der Bestimmung von "Wissenschaftlichkeit" steckt, muß aber die gesellschaftliche Reproduktion in irgend einer Form wieder einfuhren. Einen Versuch dazu hat Imre Lakatos unternommen, wobei ihm angelegen war, die Resultate der realistischen Kritik an Pop- per aufzubewahren 18). Lakatos und die Wissenschaftspolitik ------------------------------------ Der Ausgangspunkt von Lakatos ist vergleichbar mit dem von Feyer- abend: die Diskrepanz von wissenschaftlicher Theorienbildung und Empirie, die wissenschaftsgeschichtliche Tatsache, daß ungesi- cherte Theorien akzeptiert werden usw. Die grundlegenden heuri- stischen Instrumente sind für ihn "Forschungsprogramme". Sie be- stimmen, was untersucht werden kann, enthalten grundlegende An- nahmen und untersagen andere mögliche Aussagen bzw. grenzen sie aus. Im Verlaufe der Geschichte werde das ursprüngliche For- schungsprogramm zunehmend ergänzt durch anschließende Theorien. Die wissenschaftliche Entwicklung schreite dadurch voran, daß der "harte Kern" (hard core) des Forschungsprogramms verteidigt werde durch stützende und ergänzende Theorien und Annahmen. Der dogma- tische Schutz des harten Kerns sei die Voraussetzung fruchtbarer Theorienbildung und des Erkenntnisfortschritts. Die Forschungsprogramme seien zwar langlebig aber nicht unsterb- lich. Ihre heuristische Kraft bzw. die Anregungen für neue Theo- rienbildungen könnten nachlassen, und wie bei Kühn setzten dann grundsätzliche Diskussionen unter den Wissenschaftlern ein. Im Verlauf dieser Diskussionen zeige es sich, oder könne es sich zeigen, daß ein Forschungsprogramm sich erschöpft habe, ein neues mehr heuristisches Möglichkeiten besitze. Kriterium dafür sei aber die rationale Argumentation der Wissenschaftler, also selbst ein interpretierendes Einschätzen der Möglichkeiten. An diesem Punkt kann das Programm von Lakatos für eine Wissen- schaftspolitik praktisch werden. Während die Feyerabendsche Kon- sequenz für eine Wissenschaftspolitik allenfalls die autonome Selbstverwaltung oder die Gießkanne sein könnte, wird hier die Experteneinschätzung zum Kriterium dafür, was wissenschaftlich fruchtbar sein wird und was nicht. In seiner praktischen Konse- quenz entspricht diese Position den wissenschaftspolitischen Vor- schlägen von Weinberg 19). Diese mögliche Konsequenz ist ein Grund für die positive Auf- nahme, die Lakatos' Vorstellungen bei verschiedenen sowjetischen Autoren gefunden hat. Denn einerseits reflektiert sie den Zusam- menhang von allgemeiner gesellschaftlicher Entwicklung und stellt andererseits den Zusammenhang zu einer Reproduktionspraxis her, die in der sowjetischen Wissenschaftspolitik von Anfang an akzen- tuiert wurde 20). Majzel' etwa führt an, daß die Rationalitätsnorm sich im Zusam- menhang mit bestimmten gesellschaftlich-ökonomischen Bedürfnissen entwickle 21). Auch er geht mithin von dem Primat der "Praxis der wissenschaftlichen Arbeit" aus. Damit ergebe sich, daß die Ent- wicklung der Wissenschaft auf den Errungenschaften der Gesell- schaft basiere, die sie bei der praktischen Aneignung und Umge- staltung der Natur in der materiellen Produktion entwickelt habe 22). Majzel' akzentuiert vor allem die Wandlung auch Poppers in den sechziger Jahren und seinen deutlicheren Praxisbezug. Weiter noch in ihrer Rezeption gehen Mamcur und Akcurin. Sie nehmen den Hinweis von Feyerabend auf die Nähe Lakatos zum dialektischen Ma- terialismus positiv auf 23). Problem für Mamcur ist die Kommensu- rabilität der Forschungsprogramme 24). Auch er weist auf ihre so- zialkulturellen Komponenten hin 25). Svyrëv greift z.T. die Thesen von Feyerabend auf. 26). Er geht von der faktischen Trennung des empirischen Wissens vom theoreti- schen aus und betont die Lenkung des Denkens und Schauens durch die Theorie. Zugleich insistiert er jedoch auf der Verbindung des entwickelten theoretischen Wissens zur Wirklichkeit, wie sie in der Praxis als objektive erfahren wird. Gegen den "Pantheorismus" Feyerabends wendet Svyrëv ein, daß Theorien einer "empirischen Interpretation" bedürften, d.h. die theoretischen Aussagen und Termini müßten im Experiment ausgehend von einer unspezialisier- ten Sprache her rekonstruierbar sein. Genau diese "empirische In- terpretation" unterscheide die Wissenschaft von reiner Poesie. Die Theorien orientierten zwar den Blick auf die Fakten, böten Interpretationen an, schlössen andere aus: Die Welt werde durch die Theorien Faktum für die Wissenschaft. Dies hebe aber nicht die Objektivität der Gegenstände auf. Die Empirie sei damit not- wendiges Moment nicht nur der Entwicklung, sondern auch der Ex- plikation der Theorien 27). Die praktischen Konsequenzen, die hieraus gezogen werden, ermög- lichen die Vermittlung von Wissen und gesellschaftlicher Praxis. Sie implizieren, wenn die praktische - hier die technische - Um- setzung intendiert wird, die Anerkennung der Objektivität der un- tersuchten Gegenstände und insofern den Materialismus. Wird die Wissenschaft als solche gesellschaftliche Praxis, als Moment des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses demonstriert, kann da- mit nicht nur der "spontane Materialismus" der Naturwissenschaft- ler zu einem bewußten gemacht werden, sondern zugleich den immer wieder auftauchenden idealistischen Philosophien der Wissen- schaftler über ihre eigene Tätigkeit, die nur deren Isolierheit widerspiegeln, vorgebaut werden 28). Die Entwicklung der "philosophy of science" konvergiert mit der Begründung der Funktion der Wissenschaft in der gesellschaftli- chen Reproduktion. Sie stellt zugleich die Möglichkeit her, ge- sellschaftliche Normen in der Steuerung der Wissenschaftsentwick- lung nachzuweisen. Sie ist Teil des Bewußtseins, daß die Wissen- schaft zu einem Problem für die Gesamtgesellschaft geworden ist. In ihrer engen Bindung an die Erkenntnisweise der Naturwissen- schaften, v.a. der Physik, die unter der Hand zur Norm für die Wissenschaftsentwicklung überhaupt wird, werden jedoch auch ihre Grenzen für die Erklärung der modernen Wissenschaftsentwicklung deutlich. Der Wandel des Bildes --------------------- Das klassische Bild der Wissenschaften, wie es von der Renais- sance überkommen war, hatte eine philosophische Intention: die Erklärung der Welt. Diese Erklärung sollte - durch die unvorein- genommene, klassifizierende, ordnende, berechnende, experimentie- rende Beobachtung der Natur bzw. der Objektwelt überhaupt zu- stande kommen. Die Genesis des "Objekts", der "Natur" selbst kann als Resultat eines praktischen Verhältnisses verstanden werden, in welchem die Menschen etwas anders als zu Bearbeitendes und da- mit zuvor zu Erkennendes ansahen. Die moderne Entwicklung der Naturwissenschaften machte deutlich, daß die Ansprüche, die an die Interpretation gestellt wurden, sich gewandelt haben. Die philosophische Intention wurde zuneh- mend der technisch-zielgerichteten Forschung untergeordnet. Um- fassende Theorien über die Welt erwiesen sich als hierzu über- flüssig, mehrere sich widersprechende Theorien konnten mühelos gleichzeitig akzeptiert werden, solange sie nicht die angewandte Forschung behinderten. Hinter diesem Prozeß, in dem auch der Anspruch auf eine theoreti- sche Vereinheitlichung der Naturwissenschaften aufgegeben wird, steht die spezialisierte Akkumulation von Wissen, die es dem wis- senschaftlichen Spezialisten unmöglich macht, allein die Nachbar- gebiete, geschweige denn entferntere zu kennen. Auch interdiszi- plinäre Forschung, die Integration von Spezialdisziplinen in Grenzbereichen, die meist im Bemühen um die Lösung spezieller Probleme entsteht, kehrt diesen Differenzierungsprozeß nicht um, sondern führt eher zur Entstehung neuer spezialisierter Diszipli- nen. Ein ähnlicher Differenzierungs- und Spezialisierungsprozeß, ver- bunden mit der Entwicklung einer spezialisierten Literatur, eige- ner Terminologien, die eine lange Einlernzeit voraussetzen, ent- steht auch in anderen Wissenschaftsdisziplinen. Damit tritt je- doch ein Umschlag im Bilde der Wissenschaft ein. Während "Wissenschaft" zuvor in der Abgrenzung zur Metaphysik ihr Bild hatte, werden es nunmehr die äußerlichen Formen, in denen sie sich darstellt: der Umfang des vorausgesetzten Wissens, die Kom- plexität der Aussagen oder gar der Grad der Mathematisierung. Hierin ist unmittelbar kein Wahrheitsanspruch begründbar. Auch theologische Systeme lassen sich, legt man es darauf an, höchst komplex mathematisieren. Dasselbe gilt für die Astrologie. Es ist auch möglich, völlig zweckfreie Kunstgebilde zu schaffen, deren Konstruktion nur nach einem langen, mühevollen und spezialisier- ten Studium durchschaubar werden könnte 29). Der Differenzierungsprozeß kann in den Naturwissenschaften, vor allem den angewandten, mühelos aus technischen Erfordernissen be- gründet werden. Der Ausschluß der Laienöffentlichkeit ist hier ein sachliches Erfordernis. Allein vergleichbare Erfordernisse können ähnliche-Differenzierungen und Spezialisierungen in den übrigen Wissenschaften legitimieren, mit denselben Folgen für den Stellenwert der Theorien. Während somit auf der einen Seite die Wissenschaften sich tenden- ziell von der Form der Präsentation ihrer Resultate her als "Wissenschaften" legitimieren, geraten sie auf der anderen Seite unter den Druck der Instanzen, die auf Anwendbarkeit drängen: der Financiers. Die Geldgeber ------------- In allen Ländern ist heute der Staat mittelbar oder unmittelbar wichtigster Financier der Wissenschaften. Hieraus war - entgegen den normativen Festlegungen des Wortgebrauchs - die Berechtigung gezogen worden, alles das als "Wissenschaft" zu bezeichnen, was unter diesem Titel im Staatshaushalt ausgewiesen wird: von der Festkörperphysik zur oldenburgischen Landeskunde, von der Er- forschung der deutschen Jägersprache zur Molekularbiologie, von der Theaterwissenschaft zur Botanik. Die Gemeinsamkeit dieser und anderer Disziplinen besteht sicherlich nicht in einer gemeinsamen Methode, einem gemeinsamen Gegenstand o.a., sondern in ihrer or- ganisatorischen Einbettung. Diese ist der Anlaß, ihre Einheit von der gesellschaftlichen Reproduktion her zu erfragen. Vorannahme dazu ist, daß der Staatsapparat bei seinen Finanzie- rungen von einem zu erwartenden Nutzen ausgeht, daß er nicht fi- nanziert - vor allem wenn er große Geldmengen aufwendet - was nicht zur Erreichung irgendwelcher staatlich gewünschter Zwecke führen soll. Eine zweite Vorannahme ist, daß der Staat innerhalb der gesellschaftlichen Reproduktion selbst eine bestimmte Funk- tion erfüllen muß. Diese Funktion wird differieren, je nach den konkreten Formen, in der die gesamtgesellschaftliche Reproduktion stattfindet. Diese Funktion besteht gegenwärtig hier einerseits in der Stär- kung der nationalen Wirtschaftskraft, vor allem auf dem Welt- markt, von der die Überlebenschance des Staates abhängig ist. Als unmittelbarer Druck auf den Staatsapparat wirkt sie sich über das faktische und zu erwartende Steueraufkommen aus, von dem wiederum die Dispositionsfähigkeiten des Staatsapparates abhängen. Daraus folgt auch die Notwendigkeit einer Regulierung und Pazifizierung nach innen, die Verhinderung gesellschaftlicher Konflikte, die die nationale Wirtschaftskraft einschränken könnten. Selbstver- ständlich bedeutet dies weitgehend eine Stellungnahme für eine bestehende gesellschaftliche Ordnung - in kapitalistischen Staa- ten also eine für kapitalistische Wirtschaftsordnung - mit allen politischen Konsequenzen, die daraus folgen. Eine Dispositions- möglichkeit hat der Staatsapparat in der Wahl der Mittel; sie findet ihre Grenze im Staatshaushalt, dem erreichten Grad der Korruption, der Art und Stärke der zu bewältigenden Unruhe usw. Innerhalb dieser allgemeinen Funktionsbestimmung ist auch die Aufgabe der Wissenschaftspolitik enthalten. Was in den Einzelmi- nisterien als "Wissenschaft" finanziert wird, sind Forschungsein- richtungen oder Personen, die Informationen beschaffen sollen, welche dem jeweiligen Ministerium eine bessere Erfüllung seiner Aufgaben ermöglichen oder einzelnen Industriezweigen zu einer ra- scheren technologischen Entwicklung verhelfen und damit deren Konkurrenzposition auf dem Weltmarkt verbessern. "Wissenschaft" in diesem Sinne besteht also im Sammeln zweckgerichteter Informationen und u.U. auch im Unterbreiten umsetzbarer Vor- schläge. Sie ist - gleichgültig welche Form der institutionellen Einbettung gewählt wird - wesentlich Stabstätigkeit. Damit unterscheidet sie sich nicht grundsätzlich von jener Forschung und Entwicklung, die von den Unternehmen selbst betrieben oder in Auftrag gegeben wird. Die Ergebnisse müssen anwendbar sein. "Anwendbarkeit" darf dabei nicht allzu feierlich verstanden werden: es bedeutet u.U. nichts anderes als die Lieferung der für bestimmte Entscheidungen not- wendigen Informationen. In diesem Sinne sind etwa auch juristi- sche Informationen über internationales Handelsrecht oder sozial- wissenschaftliche über Wählerverhalten anwendbar, insofern als sie zur Grundlage staatlicher bzw. administrativer Entscheidungen dienen können 30): Weil sie Stabstätigkeit ist, muß die angewandte Wissenschaft wertfrei sein: Die Auftragsforscher dürfen sich nicht anmaßen, die Intentionen der Auftraggeber zu bestimmen. Eine Wissenschaft, die nicht wertfrei wäre, würde die Kompetenzordnung stören. Dies gilt in gleicher Weise für die Naturwissenschaften wie die Ge- sellschaftswissenschaften. Ebenso wenig wie Atomforscher über die Moralität der Atombombe grübeln sollen, sondern sie bauen sollen, ebenso wenig sollen Sozialwissenschaftler über die Berechtigung von counter-insurgency-Programmen nachdenken, sondern sie ausar- beiten. Für die staatliche Wissenschaftsplanung stellt sich angesichts beschränkter Mittel das Problem der Prioritätensetzung. Für eine Wissenschaftsplanung sind mithin prognostische Voraussagen über die wahrscheinliche Fruchtbarkeit wissenschaftlicher Ansätze nö- tig. Dies ist auch der Punkt, an dem die Lakatos'sche Behandlung der Wissenschaftsentwicklung ihre praktische Bedeutsamkeit er- hält, und an dem Wissenschaftler beratend an der Wissenschafts- planung teilnehmen können. Die mit den steigenden Kosten zunehmende Relevanz der Wissen- schaftsplanung hat ihre Rückwirkung auch auf die Organisation der Wissenschaft selbst, die planbar gemacht werden muß - einerseits durch die Entwicklung von Effektivitätskennziffern, andererseits durch eine solche Veränderung der Arbeitsweise, die die Anwendung dieser Kennziffern gestattet. Die wissenschaftliche Arbeit macht damit eine Entwicklung durch, in der die industrielle Arbeit schon vorangegangen war. Dort nahm sie ihren Ausgangspunkt von der planmäßigen Arbeitszer- legung und Kooperation, erreichte einen vorläufigen Höhepunkt in den time-and-motions-Studien der Taylor-Schule und bezog schließ- lich Methoden der verschiedenen Zweige der Psychologie mit ein 31). Die wissenschaftliche Arbeit, die bisher in handwerksmäßigen For- men sich vollzog, steht nunmehr unter dem Postulat, sich der sel- ben Veränderung fügen zu müssen 32). Es zielt darauf ab, alle jene Aspekte der Arbeit, die routinisierbar sind und weniger Qua- lifikationen voraussetzen, arbeitsteilig zu isolieren, zu stan- dardisieren und damit meßbar und planbar zu machen. Wie bei der industriellen Arbeit sollen diese Tätigkeiten nach Möglichkeit durch Maschinen substituiert werden. Auch die Modellierung und Formalisierung von Denkprozessen steht in dieser Entwicklung, de- ren Ziel die Übernahme bestimmter Denkprozesse durch Maschinen darstellt 33). Die Planbarkeit und Meßbarkeit der wissenschaftlichen Arbeit kann es ermöglichen, mit Hilfe gezielter organisatorischer Maßnahmen ihre Effizienz meßbar zu erhöhen. Dies scheint aber zunächst nur für die Naturwissenschaften, die direkt produktionswirksam gewor- den sind, gültig zu sein. Jemandem, der den Gesamtkomplex der Wissenschaften hierunter subsumieren wollte, wird leicht "Einseitigkeit" vorgeworfen. Wie sollen z.B. die Effizienz der Linguistik, der Interpretation Eichendorffscher Gedichte oder der Geschichtsschreibung gemessen werden? Daß hier Effizienz nicht in gleicher Weise gemessen werden kann, ist augenscheinlich 34). Die mangelnde Meßbarkeit ihrer Leistungen ist offenbar Ausdruck dafür, daß sie keine Leistungen erbringen, die in vernünftiger Wiese quantifizierbar wären. Ihre Arbeit besteht primär in Inter- pretation. Für die Qualität von Interpretationen, d.h. ihre Plau- sibilität, gibt es aber bisher keine unmittelbar quantifizierba- ren Indikatoren. Dasselbe gilt ja auch für die interpretatori- schen Leistungen von Naturwissenschaftlern: wer bekommt eine bes- sere Note, Albert Einstein oder Max Planck? Die Bildung ----------- Obwohl sie keine staatlichen Stabsfunktionen erfüllen, kann man davon ausgehen, daß auch die primär interpretierenden Wissen- schaften eine gesellschaftliche Funktion hatten. Ihre Aufgaben lagen jedoch nicht im Bereich der materiellen Reproduktion, son- dern in anderen Formen, innerhalb derer sich die Gesellschaft re- produzierte. Sie bestanden in der Aufrechterhaltung des allgemei- nen, nur mittelbar für die Aufrechterhaltung der materiellen Pro- duktion relevanten Funktionierens der Gesellschaft. Für die Ju- risprudenz war es die Bereitstellung von Fachleuten für den Ju- stizapparat, für die Beziehungen zwischen Personen und Institu- tionen, die rechtlich definiert werden mußten, und für die Heran- bildung von Staatsbeamten des höheren Dienstes 35). Vergleichba- res gilt für die wirtschaftswissenschaftlichen Fächer seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Schwieriger ist die Funktionsbestimmung für die Vertreter der geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Motiv ihrer Finanzierung war die v.a. in den Gymnasien betriebene Heranziehung einer Lei- tungsschicht, dem sogenannten Bildungsbürgertum, die nicht unmit- telbar gleichgesetzt werden kann mit der Bourgeoisie als Klasse 36). Dieses die bürokratischen Führungspositionen besetzende Bil- dungsbürgertum mußte mit bestimmten gesellschaftlichen Interpre- tationen versorgt werden. Die Geistes- und z.T. die sozialwissen- schaftliche Fächer können unter diesem Aspekt sicherlich als Pro- duzenten von Legitimationsschemata bezeichnet werden. Ein zweites, bisher weitgehend unterschätztes Moment war jedoch, daß die "Bildung" oder - modern gesprochen - die "Allgemeinbil- dung" im neunzehnten und in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zur Grenzsetzung einer sozialen Differenzierung diente 37). Sie war Erkennungsmerkmal der Gebildeten untereinan- der und diente dazu, jene, die nicht die Bildungsinstitutionen durchlaufen hatten, auszuschließen 38). Der Erwerb einer höheren Bildung war sozial beschränkt, da ihre Kosten hoch waren und nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung aufgebracht werden konnten. Die Schicht des Bildungsbürgertums war auf diese Weise in der Lage, sich weitgehend aus sich selbst heraus zu rekrutie- ren und bürokratische Spitzenpositionen für sich zu reservieren 39). An der Spitze der Bildungshierarchie - und dies erklärt, wie sich in dieser Berufsgruppe politische und wirtschaftliche Macht- losigkeit mit hohem Sozialprestige verbindet - standen die Pro- fessoren, die sich die Mehrung des Bildungsgutes zur Lebensauf- gabe gemacht hatten 40). Die soziale Abgrenzungsfunktion der "Bildung" machte es überflüs- sig, die staatlichen Finanzierungen der entsprechenden Wissen- schaften noch zusätzlich zu legitimieren. Ausschließlich kul- turelle Zwecke genügten, ihre staatliche Finanzierung zu begrün- den. Während die industriellen anwendbaren Naturwissenschaften seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts zunehmend unmittelbar in die materielle Produktion integriert wurden, blieb dies Schicksal den Geisteswissenschaften weitgehend erspart. Sie ge- rieten aber gerade deshalb in einen Legitimationsdruck. Die Naturwissenschaften veränderten ihre Arbeitsweise, wurden für einen - auch gebildeten - Laien zunehmend unverständlicher und damit geheimnisvoller, esoterischer. Durch die produktionsprakti- sche Rolle, die sie zu spielen begannen, entstand ein soziales Bild der Wissenschaft, angesichts dessen den Geistes- und Sozial- wissenschaften ihre Gemeinverständlichkeit als Unwissenschaft- lichkeit ausgelegt werden konnte 41). Auf der anderen Seite ver- lor die Bildung tendenziell ihre gesellschaftliche Funktion. Die wachsende Bedeutung der Massenparteien für die Rekrutierung büro- kratischer Spitzenpositionen, die in der Zeit des Faschismus eher verstärkt als vermindert wurde, die wachsende fachliche Speziali- sierung dieser Positionen durchbrach von einer Seite her das Pri- vileg des Bildungsbürgertums. Selbst Professoren konnten enge Spezialisten sein, deren Allgemeinbildung, gemessen an früheren Ansprüchen, dürftig war. Umgekehrt begann die Zahl der Oberschü- ler und Studenten selbst zu expandieren. Schulgeldfreiheit und Stipendien führten dazu, daß die Bildung wohlfeiler wurde. Und wenn auch breite Schichten der Bevölkerung wie die Arbeiter und die Bauern strukturell benachteiligt blieben, so hatte die Expan- sion v.a. aus den kleinbürgerlichen und den unteren Angestellten- schichten doch die Wirkung, den sozialen Wert der Bildung als so- ziales Ausgrenzungskriterium in Frage zu stellen. Damit gerieten die Bildung und die sie produzierenden Geistes- und Sozialwissenschaften in eine zusätzliche Schwierigkeit. Sie konnten ihre Relevanz nicht mehr einfach voraussetzen, sondern hatten sich zu legitimieren angesichts des Rotstifts staatlicher Rationalisatoren. In dieser Situation befinden sie sich heute. Der Versuch zur gesellschaftlichen Legitimierung der Geistes- und Sozialwissenschaften mußte in zwei Richtungen erfolgen: einer- seits gegenüber dem gewandelten sozialen Bild der Wissenschaft in dem Versuch, die eigene "Wissenschaftlichkeit" zu demonstrieren, andererseits gegenüber den Financiers in dem Versuch, die gesell- schaftliche Nützlichkeit nachzuweisen. Dieser Versuch mußte die konkreten Arbeitsformen berücksichtigen, die zugleich der Be- rufsausübung und den Aufstiegsmöglichkeiten ihre Bedingungen set- zen. D.h. mit dem Bild der Wissenschaft wurde zugleich das Bild des Wissenschaftlers, wie es aus seiner Tätigkeit resultiert, zur Diskussion gestellt. Interpretation und Normen ------------------------- Die Bedeutsamkeit des interpretatorischen Moments für die Natur- wissenschaften ist von der "philosophy of science" herausgearbei- tet worden. Aber hier wurde die Interpretation durch eine techni- sche Praxis ergänzt, wenn auch der Zusammenhang zwischen beiden zum Problem wurde. Die Subsumtion der Naturwissenschaften unter die materielle Produktion führte dazu, daß die Interpretation dieser technischen Praxis untergeordnet wurde, universell gültige Theorien nicht mehr notwendig angestrebt wurden. Dies konnte in den Geistes- und Sozialwissenschaften nicht nachvollzogen werden, da ihnen die Möglichkeit einer technischen Praxis nicht offen- stand. Sie blieben wesentlich Interpretation. Voraussetzungen zu deren Gültigkeit war die Belegbarkeit der interpretierten Gegen- stände - mit der Quellenkritik und ihrem Beleg beginnt ja bereits die Historiographie im 19. Jahrhundert 42). Kriterium für die Gültigkeit der Interpretationen war ihre Plausibilität. Plausibel kann aber eine Interpretation nur dann sein, wenn die verwendeten Begriffe von Interpret und Leser in gleicher Weise verstanden werden können. Auch eine schöpferische Interpretation muß sich also auf gemeinsame Begriffe einlassen. Diese dürfen verändert werden. Aber die Veränderungen müssen ihrerseits demon- striert werden. Wie Gadamer angezeigt hat, geht damit in die In- terpretation immer Tradition ein 43). Die begrifflichen Traditionen und die Fähigkeit, sie anzuwenden, genügten noch nicht zur Aufrechterhaltung des Wissenschaftsan- spruches und sind eher ein Moment der Bildung, der sie auch so- zial verpflichtet bleiben. Die mangelnde quantitative Meßbarkeit wurde durch den Nachweis lexikalischen Wissens ausgeglichen, der sicherstellte, daß gelungene Interpretationen nicht Zufall waren. In wissenschaftlichen Arbeiten wurde dies Wissen durch die Erwäh- nung der relevanten Fachkapazitäten oder durch den Anmerkungsap- parat sichergestellt 44). Die Fähigkeit zur Interpretation und das lexikalische Wissen pro- duzierten ein bestimmtes Bild des Wissenschaftlers: den Gelehr- ten. Der Gelehrte als Typus besaß Züge, die ihn von dem des nach- folgenden effizienten Wissenschaftlers unterschieden: Seine Ar- beit war nicht etwas ihm äußerliches, meßbares, sondern wurde als Emanation seiner Gesamtpersönlichkeit gewertet; sein Altern wurde nicht als Makel, sondern, sofern es nicht in gänzliche Senilität umschlug, als Reifungsprozeß angesehen, in dem seine Fähigkeiten reiften und sich vertieften. Dieser Typus galt auch für die Na- turwissenschaften, soweit sie primär als interpretierende ver- standen werden konnten: so können Einstein, Planck oder Heisen- berg noch als Repräsentanten des Gelehrtentypus gelten. Dem "Gelehrten" entsprach als eine Form der Anerkennung von Bil- dung eine bestimmte Art der materiellen Versorgung: das Gehalt. Es wurde ihm gewährt als die Möglichkeit, ein bestimmtes Leben zu führen, nicht als Entgelt für konkrete Leistungen 45). Sein Amt war damit vergleichbar dem eines Klerikers. Wie dieser Teil der Kirche war, war auch der Wissenschaftler als Gelehrter vollstän- diger Wissenschaftler, nicht im Beruf Wissenschaftler und in sei- ner Freizeit Mensch. Sein Amt war Teil seiner selbst. Die unsi- chere und entbehrungsreiche Vorbereitungszeit als Privatdozent etwa war eine vorbereitende Prüfungszeit, in der es sich erweisen sollte, ob er die Berufung zum Wissenschaftler besaß 46). Ent- scheidend war, ob er für sein Amt berufen war oder nicht 47). Für den Aufstieg innerhalb der Profession war damit als Rahmenbe- dingung gesetzt, daß die Beurteilung der Qualität eines Wissen- schaftlers nur durch Fachkollegen erfolgen konnte. Er mußte sich auf deren Ansprüche hin sozialisieren. Die Anatomie der Profes- sion von unmittelbarer Staatsaufsicht hatte von hieraus ihren Sinn. Das soziale Bild des Gelehrten war ein Teil einer wissen- schaftlichen Arbeitsweise, in der die Interpretation, die auf Wahrheit und nicht auf technische Effizienz abzielte, bestimmend war. Die Art einer sozialen Einbettung ermöglichte es , zu ver- decken, daß der Gelehrte bereits auf staatlichen Lohnlisten stand und bei der Rekrutierung der bürokratischen Führungsschichten Leistungen zu erbringen hatte. Das Ende der Autonomie ---------------------- Mit der zunehmenden Einbindung der Wissenschaft in die gesamtge- sellschaftliche Reproduktion und der Orientierung der Wissen- schaft auf "externe Zwecksetzungen mußte der Typus des Gelehrten und der wissenschaftlichen Gemeinschaft einer zunehmenden Erosion unterliegen. Der Grad dieser Erosion war abhängig von dem Grad, in dem die äußerliche Kontrolle der Arbeitsleistungen möglich ge- worden war. Am weitesten fortgeschritten waren in diesem Wandlungsprozeß zweifellos die für die Produktion unmittelbar relevanten Bereiche der Forschung und Entwicklung. Mit der Möglichkeit externer Kon- trolle wurde die Relevanz der inneren professionellen Kontrollen eingeschränkt. Die Überprüfung, ob ein Produkt funktionsfähig war oder nicht, ob es den vorgeschriebenen technischen und ökonomi- schen Zielsetzungen entsprach, setzte nicht ebenso spezialisierte Fachkenntnisse voraus, wie seine Herstellung 50). Das Urteil der Fachkollegen war allenfalls wichtig zur prognostischen Einschät- zung von Entwicklungen, die deren externe Meßbarkeit aber nicht aufhob. Entsprechend war auch der Aufstieg der jungen Wissen- schaftler nicht mehr oder zumindest nicht ausschließlich abhängig von der Reputation innerhalb einer Fachöffentlichkeit, sondern primär von der Reputation bei den privaten oder staatlichen Fi- nanciers, die seine Leistungen beurteilten. Für seinen Aufstieg wurde auch die Mitteilung der Forschungsergebnisse nicht nur überflüssig, sondern zum Teil sogar verboten; er mußte auch nicht mehr so tun, als ob die Wissenschaft sein einziger Lebensinhalt sein: Ihm wurde nicht mehr ein bestimmtes Leben garantiert, son- dern er wurde für bestimmte Leistungen mit Geld bezahlt. Sein Status hatte sich insofern dem der übrigen Lohnabhängigen ange- glichen. Wenn auch weitaus eingeschränkter gilt dieser Erosionsprozeß auch für die übrigen wissenschaftlichen Gebiete. Wenn auch hier die führenden Wissenschaftler noch über die wissenschaftlichen Kar- rieren relativ autonom entscheiden können, so sind ihnen doch ex- terne Kriterien für ihre Entscheidungen gesetzt. Dies gilt auch für jene Bereiche der Geistes- und Sozialwissenschaften, die Stabsaufgaben für den Staats- oder Wirtschaftsapparat erfüllen. Dies gilt noch nicht für den Teil der Geistes- und Sozialwissen- schaften, die in Stabsfunktionen noch nicht subsumierbar sind, deren Vorgehensweise noch die klassische interpretative ist, und. die sich aus den angegebenen Gründen in einer Legitimations- schwierigkeit befinden. Sie repräsentieren einen Typus von Wis- senschaft, der heute scheinbar funktionslos geworden ist. Neue Legimitationsversuche -------------------------- Auf den doppelten Legitimationsdruck, unter dem die Geistes- und Sozialwissenschaften stehen - einerseits sich als Wissenschaften beweisen müssen, andererseits anwendbar zu sein, sich auszuzahlen - können sie auf mehrere Weise reagieren. Die erste Möglichkeit besteht darin, sich auf die Dokumentierung der eigenen Wissenschaftlichkeit zu berufen und ihre gesell- schaftliche Nützlichkeit weiterhin einfach zu unterstellen. Tech- niken hierzu sind die Fortentwicklung quantifizierender Erhe- bungs- und Darstellungsweisen, eine engere Spezialisierung, die Entwicklung esoterischer Fachsprachen, ein Hochschrauben der Lernansprüche, die sich jederzeit sachlich rechtfertigen lassen o.a. Dieser Versuch, durch die Demonstration der Wissenschaft- lichkeit sich zu legitimieren, stellt zugleich eine Absage an das Bildungsideal dar, da selbst Fachkollegen anderer Spezialeinrich- tungen kaum noch imstande sind, die gewonnenen Ergebnisse zu re- zipieren. Die Absage an das Bildungsideal kann sie nicht ersetzen durch einen anderen gesellschaftlichen Nutzen. Es ist aber abzu- sehen, daß ohne dessen Nachweis, diese Taktik nicht allzu lange aufrecht zu erhalten ist. Anwendung --------- Eine zweite Möglichkeit besteht in dem Bemühen, die wissenschaft- liche Arbeit auf ihre praktische Anwendbarkeit zu verändern. Das Programm hierfür ist durch Max Weber bereits entfaltet worden: Wertentscheidungen bestimmen nach ihm das Feld, das untersucht wird, und gehen in die Begriffsbildungen und die Untersuchungsme- thoden mit ein 51). Die Untersuchungen müssen dann aber so durch- geführt werden, daß ausgehend von derselben Prämissen jeder be- liebige Forscher zu den selben Ergebnissen kommen könnte. Allein eine solche Untersuchung kann garantieren, daß ein Handeln, das sich nach ihren Ergebnissen richtet, wirklich angestrebte Ziele erreicht. Die Diskussion der Mittel, sowohl des Erkennens wie des Handelns, ist somit als rationale möglich. Sie muß unbeeinflußt von den Wünschen der Forscher bleiben, da diese die Wahrnehmung der objektiven gesellschaftlichen Wirklichkeit verzerren würden. Die Untersuchung der Wirklichkeit kann mithin dazu dienen, ge- sellschaftliches Handeln effektiv planbar zu machen. Was die Werte selbst angeht, die dem Forschen und Handeln zu- grunde liegen, postulierte Weber, daß nur ihre Widersprüchlich- keit und ihre Realisierbarkeit rational diskutiert werden könne. Ihre persönliche Akzeptierung sei jedoch Resultat einer wissen- schaftlich nicht mehr begründbaren Entscheidung 52). Gerade die Loslösung der Wertentscheidungen von Forschen und Handeln und Leitungsfunktion, die die Werte übernehmen, ermöglicht es - ent- gegen den expliziten Intentionen Webers - die Wertentscheidungen auch bei Personen zu lokalisieren, die nicht mit den Forschern identisch sind. Die methodologischen Vorschläge Webers können mithin als Vorschläge für eine Auftragsforschung genommen werden. Dennoch verfahren auch die Sozialwissenschaften im Sinne des We- berschen Programms noch interpretierend 53). Damit sind sie den Gefahren einer durch Autoritäten veranlaßten Verzerrung stärker ausgesetzt, als die angewandten Naturwissenschaften. Anhand prognostischer Einschätzungen hat O. Helmer versucht, auch die persönlichen, autoritativen Einflußfaktoren in Interpretatio- nen zu neutralisieren 54). Er entwickelte Techniken der Kommuni- kation» mit Hilfe derer die Diskutierenden wechselseitig uner- kenntlich werden sollten: u.a. durch Schriftlichkeit, Anonymität und sprachliche Standardisierung. In wiederholten Befragungen und Mitteilungen der von anderen geäußerten Auffassungen konnten dank der genannten Techniken sowohl autoritäre Beeinflussungen, als auch der Widerstand dagegen, eigene geäußerte Auffassungen zu re- vidieren, überwunden werden. Das methodische Ziel liegt hier in der Elimination des sozial agierenden Menschen, in der Neutrali- sierung von Erwartungen, Hoffnungen, Ängste um die persönliche Identität usw., die das Denken beeinflussen. Sythetischen Men- schen sollen in einer sythetischen Situation autoritätsfreie Ge- spräche miteinander führen, um ein Höchstmaß an Rationalität zu erreichen. In diesem synthetischen Charakter seines Tuns er- scheint seine Arbeitskraft - das qualifizierte Denken - als etwas von der Person losgelöstes, wie die Arbeitskraft des Arbeiters in der materiellen Produktion, damit als mögliche Ware. Das autoritätsfreie Interpretieren mußte aber, folgt man der im- manenten Entwicklungstendenzen, weiter gehen und auch zu einer Reinigung der verwendeten Sprache führen. Während in der Technik dank des Kriteriums der Funktionsfähigkeit die sprachlichen Ter- mini in nennbaren Kontexten eindeutig sind, ist dies in den Gei- stes- und Sozial Wissenschaften wie in den Alltagssprachen nicht der Fall. Gerade die sprachlichen Äquivokationen machen es diesen Wissenschaften nötig, die Aneignung der verwendeten Begriffe als einen Akkulturationsprozeß zu verstehen. Eine rationale, praxiso- rientierte Wissenschaft mußte aber sämtliche relevanten verwende- ten Begriffe durch ihre Rekonstruktion verständlich machen, d.h. sie "lehrbar" machen 55). Eindeutige Handlungsvorschläge können aber nur in eindeutigen Terminologien erfolgen. Der Verlust der Autonomie der wissenschaftlichen Profession, seine Unterordnung unter eine nicht von ihr bestimmte gesell- schaftliche Praxis enthebt die Wissenschaften ihrer Legitimati- onsschwierigkeiten und kann mithin auf Dauer allein ihr Überleben garantieren. Sie kann dann auch ihre Differenzierungs- und Spe- zialisierungsprozeß vorantreiben und sich dem neuen sozialen Bild der Wissenschaften anpassen. Dies impliziert aber auch ein neues Bild des Wissenschaftlers: Der Einsatz seiner Arbeitskraft wird getrennt von seiner Person und planbar durch andere. Es ist aus mit der Vorstellung, daß die Wissenschaft über die Köpfe der Men- schen, die sie anspricht, mehr Vernunft in die Gesellschaft ver- mitteln könnte. Die Wissenschaftler beziehen ihre Aufträge von Instanzen, über deren Entscheidungen zu rechten sie nicht befugt sind. Das "herrschaftsfreie Gespräch" als politische Gegenstrategie ------------------------------------------------------------- Ein Versuch, diese gesellschaftlich autonome Position doch noch zu retten und die Sozial- und Geisteswissenschaften gesamtgesell- schaftlich zu legitimieren, u.U. auch gegenüber einem politisch feindseligen Staatsapparat, stellt der Versuch dar, Methoden zu entwickeln, mit Hilfe derer auch rational über die Werte geredet werden kann und damit die Entscheidungskompentenz über sie in die Wissenschaft zurück zu holen. Ausgangspunkt sind wiederum autoritäre Einflüsse, die die Inter- pretationen verzerren können. Nur eine Diskussion, die von sol- chen Einflüssen frei sei, könne zu gültigen Urteilen kommen. Da sich diese autoritätsfreien Diskussionen nicht nur auf die ratio- nale Wahl der Mittel, sondern auch auf die Zwecke beziehen soll, kann Autorität in diesem Sinne mit gesellschaftlicher Herrschaft identifiziert werden. Damit weitet sich die Wissenschaftstheorie nicht nur zu einer Ethik 56), sondern auch zu einem politischen Programm 57). Dieses politische Programm kann sich nicht nur auf die Herstellung von Herrschaftsfreiheit im akademischen Bereich beziehen, sondern - da ja in der herrschaftsfreien Diskussion gültige Werte gefunden werden sollen - es muß die Übertragung der gefundenen Resultate auf die Gesellschaft fordern. Die Realisie- rung eines solchen politischen Programms ist auf zwei Weisen denkbar. Die Wissenschaftler können einerseits in vernünftigen, herr- schaftsfreien Diskurs mit den führenden Persönlichkeiten im Staate eintreten, die bei kontroversen Auffassungen nicht etwa den Geldhahn zudrehen oder gar mit Berufsverboten oder politi- schen Prozessen vorgehen, sondern sich den Argumenten offen zei- gen und, wenn keine vernünftigen Gegenargumente mehr denkbar sind - ihre Praxis ändern. Sollten die führenden Persönlichkeiten sich uneinsichtig zeigen, müßte zumindest eine Öffentlichkeit existie- ren, die argumentativ zu überzeugen wäre, und alsdann Druck aus- üben könnte. Voraussetzung dieser Position ist mithin die Leug- nung objektiver Zwänge. Deren Anerkennung und der Versuch, dieses Wissenschaftsprogramm doch zu realisieren, müßte andererseits darauf ausgehen, die Zwänge als "Herrschaft" und Verunmöglichung von Vernunft selbst zu beseitigen. Das vernünftige Reden über die Zwecke müßte also zu den Beherrschten selbst gebracht werden. Damit werden aber zweifellos die professionellen Grenzen der Wissenschaft selbst aufgelöst. Diese Absicht scheint jedoch - zumindest gegenwärtig - nicht realistisch zu sein, und sofern einzelne Wissenschaftler sie ernst nehmen, bleibt ihnen nichts übrig, als die Profession zu verlassen, ohne daß deren Existenz tangiert wäre. Das neue soziale Bild der Wissenschaft als Komplex instrumentali- stischer Fachdisziplinen, scheint im Gegenteil solide etabliert zu sein. Es ergibt sich aus den wirklichen Veränderungen der wis- senschaftlichen Reproduktion, sei es als mittelbare oder unmit- telbare Produktivkräfte, sei es - tendenziell - als Stabstätig- keit für gesellschaftliche Leitungsentscheidungen. Die wissen- schaftlichen Profession selbst wird damit als eine politische Grosse instrumentalisiert. Die Trennung der Wissenschaftler in Fachmann und citoyen ist selbst Resultat der Veränderung der gesellschaflichen Position der Wissenschaftler zum Lohnabhängigen, der Vermarktung der wis- senschaftlichen Arbeitskraft als Ausdruck der bestimmten Form der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion. Ihre gesellschaftliche Funktion ist innerhalb dieser festgelegt, und ihre Veränderung ist abhängig von der Veränderung der Bedingungen, unter denen die Reproduktion stattfindet. _____ 1) Zu den Zusammenhängen zwischen Wissenschaften und Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft siehe Friedrich Tomberg: Bürgerli- che Wissenschaft - Begriff, Geschichte, Kritik, Frankfurt/M. 1973. 2) Zur Rolle des mathematischen Denkens siehe Morris Kline: Ma- thematics in Western Culture, Harmondsworth 1972, S. 121 ff. 3) Derek J. de Solla Price: Little Science, Big Science. Von der Studierstube zur Großforschung, Frankfurt/M. 1975, S. 13 ff. 4) Stevan Dedijer: The Science of Science: A Programme and a Plea, Minerva, Jg. IV, 1966, S. 490 ff; S.R. Mikulinskij: "Einige Probleme der Organisation der wissenschaftlichen Tätigkeit und ihrer Erforschung", in: Wissenschaft. Studien zu ihrer Ge- schichte, Theorie und Organisation (Hrsg. G. Körber und H. Stei- ner), Berlin (DDR) 1972, S. 11 ff.; H.B. Spiegel-Rösing: Wissen- schaftsentwicklung und Wissenschaftssteuerung. Einführung und Ma- terial zur Wissenschaftsforschung, Frankfurt/M. 1973. 5) Vgl. u.a. I. Lakatos und A. Musgrave (Hrsg.): Kritik und Er- kenntnisfortschritt, Braunschweig 1974, hierin die Diskussion Popper, Kuhn, Lakatos, Feyerabend; dazu Diederich (Hrsg.): Theo- rien der Wissenschaftsgeschichte. Beiträge zur diachronischen Wissenschaftstheorie, Frankfurt a. M. 1974; P. Weingart: "Wissenschaftsforschung und wissenschaftssoziologische Analyse", in: ders. (Hrsg.): Wissenschaftssoziologie I. Wissenschaftliche Entwicklung als sozialer Prozeß, Frankfurt/M. 1972, S. 12 ff. 6) Karl A. Popper: Logik der Forschung, Tübingen 1973 (5. Aufl.) S. 3 ff. 7) Ebenda, S. 14 ff, S. 47 ff, S. 198 ff. 8) Siehe dazu: E. Stölting: Wissenschaft als Produktivkraft, Mün- chen 1974, S. 42 ff.: Poppers Konzeption der "Dritten Welt", bzw. des "Objektiven Wissens" ist explizit an die gesellschaftliche Reproduktion gebunden, mit dem Argument, daß mit Hilfe des "objektiven Wissens" die moderne Zivilisation rekonstruierbar sei; K.R. Popper: Objective Knowledge, An Evolutionary Approach, Oxford 1973, S. 106 ff; B.M. Majzel': Problema poznanija v fi- losofskich rabotach K.R. Poppera" 60-ch godach, in: Voprosy fi- losofii Nr. 6, 1975, S. 140 ff. 9) Thomas S. Kühn: The Copernican Revolution. Planetary Astronomy in the Development of Western Thought, New York 1959 v.a. S. 100 ff. 10) T.S. Kühn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt/M. 1967, S. 110 ff. und passim. 11) Paul Feyerabend: Against Method. Outline of an anarchistic Theory of Knowledge, London 1975, S. 22. 12) Ebenda, S. 88. 13) Ebenda S. 202. 14) Ebenda S. 141 ff; siehe auch ders.: "Wie die Philosophie das Denken verhunzt und der Film es fördert", in: Unter dem Pflaster liegt der Strand, Bd. II, (Hrsg. H.P. Duerr), West-Berlin 1975, S. 224 ff. 15) Dies impliziert auch dogmatisches Festhalten an Mythen, Magie usw., siehe: Against Method, S. 295 ff. 16) Paul Feyerabend: "Wie die Philosophie das Denken verhunzt, a.a.O., S. 235 f.; Paul Feyerabend: "Thesen zum Anarchismus", in: Unter dem Pflaster liegt der Strand, Bd. I, (Hrsg. H.P. Duerr), West-Berlin 1974, S. 127 ff. 17) S. Toulmin: "The Complexity of Scientific Choice I: A Stock- taking", in: Minerva, 1964 Nr. 2, S. 343-353. ders.: "The Comple- xitiy of Scientific Choice II: A Stocktaking", ebenda Nr. 4, S. 155-169; (auch in: E. Shils (Hrsg.): Criteria for Scientific De- velopment. Public Policy and National Goals, Cambridge, Mass./London 1968, S. 63 ff.) 18) I. Lakatos: "Kritischer Rationalismus und die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme", in: P. Weingart (Hrsg.) Wissenschaftsforschung, Frankfurt/M. und New York 1975, S. 91 ff; ders. "Die Geschichte der Wissenschaft und ihre rationalen Rekon- struktionen", in: W. Diederich (Hrsg.), S. 55; Abdruck aus: J. Lakatos, A. Musgrave (Hrsg.): Kritik und Erkenntnisfortschritt, Braunschweig 1974. 19) Vgl. Alvin M. Weinberg: Probleme der Großforschung, Frank- furt/M. 1970, S. 145 ff. 20) Helgard Wienert: "The Organisation and Planning of Research in the Academy System", in: E. Zaleski u.a. (Hrsg.): Science Po- licy in the USSR, OECD, Paris 1969, S. 169 ff. 21) B.M. Majzel', a.a.O.; Zur sowjetischen Rezeption s.a. V.L. Lektorskij: "Filosofija, nauka, i filsofija nauki. O nekotorych tendencijach evolijocii filosofii nauki", Vopr. filos. Nr. 4, 1973, S. 108-121. 22) Ebenda S. 141. 23) I.A. Akcurin und E.A. Mamcur: "Logika otkrytija ili psicholo- gija issledovanija?" Vopr. Filos. Nr. 8, 1972, S. 139 (eine Be- sprechung von I. Lakatos und A. Musgrave (Hrsg.): Criticism and the Growth of Knowledge. Zit. hier s. S. 161); vgl. Paul Feyer- abend: Consolations for the Specialist, in: I. Lakatos und A. Musgrave (Hrsg.): Criticism and the Growth of Knowledge, S. 205, S. 211. 24) E.A. Mamcur: "Cennostnyje faktory v poznavatel' noj dejatel' nosti ucenogo", Vopr. filos. Nr. 9, 1973, S. 61-72, S. 67. 25) Ebenda, S. 72. 26) V.S. Svyrëv: "K analizu kategorii teoreticeskogo i empirie- eskogo v naucnym poznanii", in Vopr. filos. 2, 1975, S. 3 ff. 27) Ebenda, S. 14. 28) Dies wird dargestellt durch Dominique Lecourt: Lenins philo- sophische Strategie. Von der Widerspiegelung (ohne Spiegel) zum Prozeß (ohne Subjekt), Frankfurt/M. - Berlin - Wien 1975. 29) Vgl. auch die bewußt hermetischen Konventionen der alchemi- stischen Symbolik, die die Eingeweihten von den Uneingeweihten scheiden sollten. 30) Für die Sozialwissenschaften taucht an dieser Stelle eine Schwierigkeit auf: "Wissenschaft" ist in dieser Hinsicht nicht zu unterscheiden von Tätigkeiten, die euphemistisch als "Information", "Aufklärung" oder "Nachrichtenwesen" bezeichnet werden. Es hat den Anschein, als ob diese Tätigkeiten sich weni- ger durch ihre Arbeitsweise unterscheiden, als vielmehr durch ihre institutionelle Einbindung. 31) D.P. Pugh, D.J. Hickson, C.R. Hinings: Writers on Organisa- tion, Harmondsworth 1971, S. 95 ff; D.M. Gvisiani: Management. Eine Analyse bürgerlicher Theorien von Organisation und Leitung, Berlin (DDR) 1973, S. 261 ff. 32) H.-P. Bahrdt: "Historischer Wandel der Arbeitsleitung in der Wissenschaft", in: Wissenschaftssoziologie - ad hoc, Düsseldorf 1971, S. 60 ff, S. 65; Ders.: Betriebsförmigkeit der Wissen- schaft, ebenda S. 173 ff; detailliert dazu: Michael v. Engelhardt und Rainer-W. Hoffmann: Wissenschaftlich-technische Intelligenz im Forschungsgroßbetrieb. Eine empirische Untersuchung zu Arbeit, Beruf und Bewußtsein, Frankfurt/M. - Köln 1974. 33) Vgl. V.V. Kosopalov, A.N. Scerban: Die Optimierung der wis- senschaftlichen Forschung, Berlin (DDR) 1975, S. 298 ff. 34) Obwohl von den flotten Wissenschaftstechnokraten sicherlich demnächst zu erwarten sein wird, die Messung der Effizienz von Geisteswissenschaftlern anhand Zahl ihrer Publikationen, der Häu- figkeit ihrer Nennung in Fachzeitschriften usw., und dann mittels geeigneter Gehaltsdifferenzierungen auch im akademischen Bereich endlich dem Leistungsprinzip zum Durchbruch zu verhelfen. 35) Wilhelm Bleek: Von der Kameralausbildung zum Juristenprivi- leg. Historische und pädagogische Studien Bd. 3, Berlin 1972. 36) Zum Status des Wissenschaftlers: siehe H.-P. Bahrdt: "Der Status des Wissenschaftlers in der modernen Gesellschaft", in: Wissenschaftssoziologie - ad hoc, a.a.O., S. 82 ff. Zum Bildungsbürgertum: siehe Hans Weil: Die Entstehung des deut- schen Bildungsprinzips, Bonn 1967 (2. Aufl.), S. 149, S. 236 ff; siehe auch Rudolf Vierhaus, Art. "Bildung", in: O. Brunner, W. Conze, R. Kosellek (Hrsg.): Gesellschaftliche Grundbegriffe, Stuttgart 1972, Bd. 1, S. 531 ff, S. 543 ff. 37) H. Weil, a.a.O., S. 84 ff.; Vierhaus, a.a.O., S. 515 ff. 38) Dieser soziale Mechanismus ist für das französische Bildungs- system umfassend beschrieben worden in: Pierre Bourdieu und Jean- Claude Passeron: Die Illusion der Chancengleichheit. Untersuchun- gen zur Soziologie des Bildungswesens am Beispiel Frankreichs, Stuttgart 1971. 39) Wolfgang Zapf: Wandlungen der deutschen Elite, Ein Zirkulati- onsmodell deutscher Führungsgruppen 1919-1961, München 1966, S. 38 ff, S. 179 ff; ders. (Hrsg.), Beiträge zur Analyse der deut- schen Oberschicht. München 1965, S. 9 ff, S. 77 ff., S. 95 ff., S. 136 ff. 40) Karl Martin Bolte: Sozialer Aufstieg und Abstieg. Eine Unter- suchung über Berufsprestige und Berufsmobilität, Stuttgart 1959, S. 37 ff. 41) Zur Sprache siehe: H.-P. Bahrdt: "Experten-Kauderwelsch", in: ders.: Wissenschaftssoziologie - ad hoc, a.a.O., S. 137 ff. Es wäre einer speziellen Untersuchung wert, die zeigt, wie seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts der "wissenschaftliche Apparat" in den Geisteswissenschaften anzuwachsen beginnt. 42) G.P. Gooch: Geschichte und Geschichtsschreiber im 19. Jahr- hundert, Frankfurt/M. 1966, vor allem S. 30 f., 38 f., 42 f., 90 f., 113 f. 43) Siehe H.G. Gadamer: Wahrheit und Methode, Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, Tübingen 1965, v.a. S. 250 ff. 44) Diese Technik der "Verwissenschaftlichung" hat natürlich auch ihre Mogelmöglichkeiten hervorgebracht, um ein Wissen darzulegen oder vorzutäuschen, das keinen notwendigen Bezug zur Argumenta- tion hat; etwa das Zitieren entlegener Quellen, das einen zum ra- ren Kenner macht, oder die überdimensionale Aufblähung des Anmer- kungs- und Literaturapparates. 45) Vergleichbar ist dies dem Versorgungsprinzip der Beamten. Siehe dazu: J. Kocka, Art. "Angestellter" in: O. Brunner u.a. (Hrsg.) a.a.O., S. 110 f. 46) Vgl. Max Weber: "Wissenschaft als Beruf, in: Gesammelte Auf- sätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen 1973 (4. Aufl.) S. 582 ff. 47) A. Busch: Die Geschichte des Privatdozenten. Eine soziologi- sche Studie zur großbetrieblichen Entwicklung der deutschen Uni- versitäten, Stuttgart 1959; ders.: "The Vicissitudes of the Pri- vatdozent: Breakdown and Adaption in the Recruitment of the Ger- man University Teacher", in: Minerva Bd. 1, 1962/63, S. 319-349. 48) entfällt. 49) entfällt. 50) Siehe dazu V.V. Kosopalov, A.N. Scerban, a.a.O., S. 77 ff. 51) Max Weber: "Die Objektivität sozialwissenschaftlicher und so- zialpolitischer Erkenntnis", in: Gesammelte Aufsätze zur Wissen- schaftslehre, a.a.O., S. 161 ff; und ders.: "Der Sinn der Wert- freiheit der Soziologie und ökonomischen Wissenschaften", ebenda S. 512 ff. 52) Ebenda, S. 502 f und ders.: Die "Objektivität" ..., a.a.O., S. 213 f. 53) Max Weber: "Über einige Kategorien der verstehenden Soziolo- gie", in: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, a.a.O., S. 427 ff. 54) O. Helmer: 50 Jahre Zukunft. Bericht über eine Langfrist-Vor- hersage über die Welt in der nächsten fünf Jahrzehnte, Hamburg 1967. 55) Vgl. als Schultext hierzu: W. Kamlah. P. Lorenzen: Logische Propädeutik. Vorschule des vernünftigen Redens, Mannheim - Wien -, Zürich 1961; Friedrich Kambartel: "Wissenschaftstheorie und Wissenschaftspraxis", in: P. Weingart (Hrsg.) Wissenschaftsfor- schung, a.a.O., S. 162 ff. 56) Vgl. O. Schwemmer: "Grundlagen einer normativen Ethik", in: Kambartel, F., J. Mittelstraß (Hrsg.): Zum normativen Fundament der Wissenschaft, Frankfurt/M. 173, S. 159 ff; P. Janich, F. Kam- bartel, J. Mittelstraß: Wissenschaftstheorie als Wissenschafts- kritik, Frankfurt/M. 1974, S. 110 ff. 57) Siehe u.a. P. Lorenzen: "Aufklärung und Vernunft", in: Kon- struktive Wissenschaftstheorie, Frankfurt/M. 1974, S. 98 ff. zurück