Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977
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Diskussion & Kritik
K.H. Tjaden
SOZIOLOGISCHE SYSTEMTHEORIE ALS GEGENSATZ
ZUR GESELLSCHAFTSTHEORIE?
(Anläßlich der Beiträge von B. Heidtmann, SOPO 32, und H. Wagner,
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SOPO 34/35)
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Unter dieser zunächst noch wenig bestimmten Fragestellung möchte
ich zur Erörterung einer Frage beitragen, die in zurückliegender
Zeit häufig in politischer und wissenschaftlicher Vereinfachung
abgehandelt 1), inzwischen aber, mich durch Beiträge in dieser
Zeitschrift, Gegenstand einer vielfältigeren Betrachtungsweise
geworden ist. Ich möchte in diesem Beitrag an diesbezügliche Aus-
führungen von B. Heidtmann 2) und von H. Wagner 3) anknüpfen, wo-
bei ich mich lediglich auf einige wenige, vergleichsweise will-
kürlich ausgewählte Aussagen beziehe, so daß ich nicht den An-
spruch erheben kann, diese Ausführungen auch nur annähernd umfas-
send zu würdigen.
B. Heidtmann geht in seiner Untersuchung der "ideologiege-
schichtlichen Voraussetzungen und der grundbegrifflichen Bestim-
mungen der Theorie sozialer Systeme" davon aus, daß es eine
"philosophisch-sozialwissenschaftliche Theorie" dieses Namens
überhaupt gibt, daß sie durch Niklas Luhmann, "maßgeblich ver-
treten" wird und daß in dessen "Programm sozialwissenschaftlicher
Begriffsbildung die theoretische Argumentation und die weitgehend
ideologische Fundierung dieser Argumentation eine für die
Systemtheorie unauflösbare Verbindung eingehen" - "zum Nachteil
des Wissenschaftscharakters der Systemtheorie" 4). Und Heidtmann
zeigt in der Ausführung dieses Vorhabens, i laß der Grundbegriff
der funktionalistischen Konzeption sozialer Systeme - Sinnbildung
zur Reduktion von Komplexität - in einer bestimmten Weise den Zu-
sammenhang abstrakter Arbeit widerspiegelt, der sich in der äuße-
ren Gestalt der kapitalistischen Produktionsweise darstellt, ohne
daß diese Konzeption komplexitätsreduzierender Systeme die wirk-
lichen Grundlagen und Verhältnisse von Vergesellschaftung erken-
nen kann. 5) H. Wagner betont in seiner Auseinandersetzung mit
Luhmanns Konzeption sozialer Systeme, daß systemwissenschaftliche
"Funktionsanalysen", zumal mittels der strukturell-funktionali-
stischen Methode, "für viele Disziplinen und auch für die Sozio-
logie Erkenntnisse gebracht" haben. 6) Er will jedoch vor allem
zeigen, "warum eine Systemtheorie ohne explizite Einbettung in
den Rahmen einer materialistischen gesamtgesellschaftlichen Theo-
rie selbst keine gesellschaftlichen Analysen ermöglicht, sondern
den Zugang zu ihnen verstellt." 7) Auch wenn man mit den Grundan-
nahmen und mit den Hauptergebnissen der beiden genannten Abhand-
lungen im großen und ganzen einverstanden sind, müssen doch im
einzelnen manche klärungsbedürftige Fragen benannt werden, zum
Beispiel:
- Kann man tatsächlich von einer (oder mehreren) existierenden
Theorie(n) sozialer Systeme sprechen, oder gibt es die so genann-
ten Theorien nur in den Wunschvorstellungen einiger Wissenschaft-
ler?
- Bringt der Begriff des komplexitätsreduzierenden Sozialsystems,
wenn er den Zusammenhang abstrakter Arbeit widerspiegelt, das We-
sen der kapitalistischen Produktionsweise nicht immerhin angemes-
sener zum Ausdruck, als es, beispielsweise, eine positive Be-
schreibung ihrer Oberflächengestalt vermag?
- Sind die sozialwissenschaftlichen Erkenntnisfortschritte, die
im Rahmen systemwissenschaftlicher Forschungsstrategien erzielt
wurden, an die strukturell-funktionalistische Denkweise der Un-
tersuchungen gebunden, oder welcher Art sind sie sonst?
- Könnte man sagen, daß die Einbettung systemtheoretischer Annah-
men und Aussagen in eine ausgearbeitete historisch-materialisti-
sche Theorie der Gesellschaft Erkenntnisgewinne verspricht?
Ich möchte diese Fragen, die ich sämtlich mit Nein beantworten
will, der Reihe nach behandeln, um im Anschluß an die letzte
Frage die Fragestellung "Soziologische Systemtheorie als Gegen-
satz zur Gesellschaftstheorie?" aufzunehmen.
Zunächst: gibt es, wie B. Heidtmann 8) wohl unterstellt, über-
haupt Theorien sozialer Systeme? Auch wenn man, wie der Verfas-
ser, den Ausdruck Theorie sozialer Systeme mit dem Blick auf exi-
stente soziologische Begriffe, Annahmen und Aussagen immer einmal
wieder benutzt hat, muß man doch zugeben: eine Theorie sozialer
Systeme im strengen Sinne gibt es auch ansatzweise bislang nicht.
Wer sich die freilich häufiger vertretene Auffassung zu eigen
macht, Soziologen wie V. Pareto, T. Parsons oder N. Luhmann - um
nur einige prominente Autoren zu nennen - hätten ihren eigenen
Anspruch verwirklicht, eine Theorie sozialer Systeme zu entwer-
fen, der irrt sich. Wenn man unter einer Theorie sozialer Systeme
- um nur bestimmte minimale Standards der Theoriekonstruktion zu
bezeichnen - ein Gefüge von Gesetzesaussagen versteht, die sich
auf das Gesamtverhalten des Systems und auf systemare Operationen
im Allgemeinen sowie im Einzelfall beziehen, dann muß man fest-
stellen, daß auch nur der Versuch der Konstruktion einer solchen
Theorie bislang j sehr selten unternommen wurde, und in keinem
Fall erfolgreich abgeschlossen worden ist. Das bekannteste Unter-
nehmen dieser Art ist die am Beispiel der sozialen Gruppe entwic-
kelte Theorie sozialer Systeme von G.G. Homans 9), deren Inkonsi-
stenzen den Autor dazu brachten, sein Vorhaben zugunsten einer
psychologisch-reduktionistischen Theorie "sozialen" Verhaltens
aufzugeben. Alle übrigen unter dem Titel Theorie sozialer Systeme
vorgestellten Denkbemühungen zielen zunächst einmal nur - und
zwar sinnvollerweise - darauf ab, den Gegenstandsbereich, auf den
eine Theorie sozialer Systeme sich bezöge, durch die Ausarbeitung
entsprechender Grundbegriffe und Grundannahmen zu erfassen. Und
ebenso wie die sich weiter vorwagenden Konstrukteure einer wirk-
lichen Theorie sozialer Systeme scheitern die etwas zurückhalten-
deren Konstrukteure einer Konzeption sozialer Systeme, von den
Ansätzen bei L.J. Henderson und F. Znaniecki in den dreißiger
Jahren bis hin zum entwickelten Begriffsgebäude des späten T.
Parsons, an eben dieser Aufgabe: durch einen Satz zusammenstim-
mender und erfahrungshaltiger Grundbegriffe und Grundannahmen
auszudrücken, was ein soziales System denn nun eigentlich sei. Wo
aber von einem begreifenden Modell sozialer Systeme nicht gespro-
chen werden kann, kann von einer erklärenden Theorie sozialer Sy-
steme erst recht nicht die Rede sein. Ich erspare es mir, dieses
Scheitern an der Aufgabe, die grundsätzlichen Voraussetzungen ei-
ner Theorie sozialer Systeme zu schaffen, bei den einzelnen Ver-
fassern aufzuzeigen und weise stattdessen auf eine vorliegende
Detailanalyse der Dogmengeschichte soziologischer Systemkonzep-
tionen hin. 10) Die Ursache dieses Scheiterns liegt im Unvermögen
der Denkweise des zur Herrschaft gelangten Bürgertums, die gegen-
sätzlichen Bestimmungen gesellschaftlicher Wirklichkeit als ein-
ander bedingende und vermittelte Gegensätze zu begreifen. 11)
Dieses Unvermögen verhindert die Einsicht in die Eigenart men-
schlicher Vergesellschaftung, sowohl selbstgesetzter Zusammenhang
menschlicher Tätigkeiten als auch zwangsläufiger Zusammenhang
einander entgegengesetzter Naturmächte, menschlicher wie außer-
menschlicher Naturmacht zu sein und in diesem Widerspruch sich
stufenweise zu entwickeln. Vergesellschaftung, demgemäß eine Ein-
heit von geschichtsmächtigen Zwecksetzungen und naturbedingten
Gleichgewichten, von zielstrebiger Gestaltung und fügsamer Anpas-
sung, von fortschreitender Naturaneignung und selbsterhaltender
Bedürfnisbefriedigung, vermittelt sowohl zwischen den Naturbedin-
gungen von Vergesellschaftung - den Organismen menschlicher Popu-
lationen und dem Potential ihres natürlichen Milieus - als auch
zwischen den einzelnen Tätigkeiten, die in diesen Zusammenhang
einbezogen sind. Das Modell der gesellschaftlichen Produktion
bildet diese doppelte Vermittlung ab. In Bezug auf die einzelnen
vergesellschafteten Tätigkeiten verschränkt Vergesellschaftung,
welches auch immer ihre bestimmte geschichtliche Verfassung sei,
jene Momente menschlicher Aktivität, welche die verschiedenen so-
ziologischen Theorien des Handelns und des Verhaltens jeweils nur
für sich zur Sprache bringen: beispielsweise die sinnhaften und
die triebhaften, die zielstrebigen und die eingefahrenen, die
verändernden und die bewahrenden Züge menschlichen Tuns; in Bezug
auf den Zusammenhang dieser vergesellschafteten Tätigkeiten, den
man sich als soziale Beziehung, als soziale Interaktion oder eben
als soziales System zu bezeichnen angewöhnt hat, verbindet Verge-
sellschaftung in ihrer jeweiligen geschichtlichen Verfassung ins-
besondere leistungssteigernde und bestandssichernde, außengelei-
tete und eigenständige, umweltgestaltende und selbsterhaltende,
fortschreitende und beharrende Momente sozialer Aktivität, Gegen-
sätze, mit deren Verschränkung die soziologische Theorie sich
schwertut. Denn diese auseinanderweisenden Züge einzelmenschli-
chen Tuns und vergesellschafteter Tätigkeiten verbinden sich nur
in einem Modell von Vergesellschaftung, das den Zusammenhang men-
schlicher Tätigkeiten als das begreift, was er ist: als gemein-
same Veranstaltung der selbsttätigen Vermittlung, Regelung und
Steuerung des unausweichlichen Austausches zwischen menschlicher
und außermenschlicher Natur. Indem die bürgerliche Ideologie die-
ses widersprüchliche Wesen menschlicher Vergesellschaftung nicht
begreift, muß sie auch vor der Aufgabe versagen, die Sozialität
sozialer Interaktionen zu modellieren. Die grundsätzlichen Aussa-
gen der nichtmarxistischen Soziologie zum Verhältnis der Verge-
sellschaftung - dem Gegenstandsbereich, der Soziologie als Wirk-
lichkeitswissenschaft begründete - sind allemal widerspruchsvoll
oder inhaltsleer: entweder laufen sie auf die Hypostasierung je-
weils einer der verschiedenen Seiten vergesellschafteter Tätig-
keit oder auf die Dichotomisierung dieses Gegenstands hinaus und
können daher in der Regel nicht angeben, worin Vergesellschaftung
verschiedener Tätigkeiten als Einheit sich gründet und wodurch
diese sich aufrechterhält; oder sie verzichten, nicht ohne Folge-
richtigkeit, überhaupt auf die Bestimmung der Eigenart von Verge-
sellschaftung und vereinen ihre einander widersprechenden Seiten
in einem leeren Entwurf des Gegenstands dieser Wissenschaft. Die
soziologischen Konzeptionen sozialer Systeme bilden keine Aus-
nahme von dieser Übung, sondern treiben sie vielmehr - infolge
des Zwangs, Sozialität von Aktivitäten als systematische zu be-
greifen - auf die Spitze. Das drückt sich vorab in der Unfähig-
keit aus, die spezifischen Elemente und Relationen sozialer Sy-
steme in Grundbegriffen und Grundannahmen festzumachen. Die In-
haltslosigkeit der sogenannten Theorie sozialer Systeme von Ni-
klas Luhmann - inhaltslos gemessen an ihrem Anspruch als soziolo-
gische Theorie - erscheint daher auch der theorieimmanenten Be-
trachtung keineswegs als zufällig: ernst machend mit der Konzep-
tion des offenen, umweltbezogenen Systems, die dem Gegenstand Ge-
sellschaft grundsätzlich angemessen ist, ist das Luhmannsche Mo-
dell als konsequent abstrahierende "Theorie" wie kein anderes so-
ziologisches Modell darauf angewiesen, die letzten Spuren der wi-
dersprüchlichen gesellschaftlichen Wirklichkeit zu tilgen, die in
einem solchen Modell sich einfangen ließe, und ein Konzept
"sozialer Systeme" zu präsentieren, welches bloßen "Sinn" an die
Stelle von Vergesellschaftung setzt. Zu behaupten, ein solches
Modell repräsentiere spezifisch soziale Systeme, ist Scharlatane-
rie. Das einzige bislang existierende Modell, welches menschliche
Vergesellschaftung in grundsätzlicher Form sowohl erfahrungshal-
tig als auch in sich stimmig materiell beschreibt, ist zweifellos
das von K. Marx und F. Engels entwickelte Modell der ökonomischen
Gesellschaftsformation, das in formellen Modellen bürgerlicher
Vergesellschaftung in der frühen bürgerlichen Rechts- und Sozial-
philosophie seine Vorläufer hat. Inwieweit man dieses Modell als
Konzeption sozialer Systeme und die Theorien der verschiedenen
Gesellschaftsformationen somit als Theorien sozialer Systeme be-
zeichnen kann, ist eine andere Frage, auf die weiter unten noch
eingegangen werden soll.
Zweitens: Reflektiert nicht der abstrakte Begriff des komplexi-
tätsreduzierenden Systems das Wesen der abstrahierenden kapitali-
stischen Vergesellschaftung? B. Heidtmann hat in seiner Analyse
des Luhmannschen Systemkonzepts gezeigt, daß Reduktion von Kom-
plexität als die konstitutive Aktivität der sogenannten sinnbil-
denden Systeme in bestimmter Weise den Mechanismus abstrakter Ar-
beit in der kapitalistischen Produktionsweise reflektiert. 12) In
der Tat erscheint und verwirklicht sich vergesellschaftete Tätig-
keit in der kapitalistischen Produktionsweise als Entlohnung ab-
strakter Arbeit, als Erzeugung abstrakten Werts und als Austausch
abstrakter Tauschwerte, und diese äußere Gestalt von Mehrwertpro-
duktion und Kapitalverwertung, ein rechtlich vermittelter und
staatlich gewährleisteter Zusammenhang freier und gleicher Waren-
besitzer, spiegelt sich auch in der Konzeption der komplexitäts-
reduzierenden Systeme. Dieser tauschgesellschaftliche Erschei-
nungs- und Wirkungszusammenhang der kapitalistischen Produktions-
weise, selbst bereits Verkehrung ihrer antagonistischen Konstitu-
tion, wird in den bürgerlichen Gesellschaftslehren nicht als die
äußere Gestalt der bestimmten antagonistischen Gesellschaftsver-
fassung, sondern nur abstrakt reflektiert, was an sich bereits
eine Verhüllung der antagonistischen Verfassung der Produktions-
weise darstellt. Allerdings sind die Arten dieser Reflexion viel-
fältig und geschichtlich veränderlich, und es sind hier durchaus
grundsätzliche Unterschiede festzustellen, die zugleich Unter-
schiede der wissenschaftlichen Qualität sind. In der frühbürger-
lichen Rechts- und Sozialphilosophie von Hobbes bis Hegel entwic-
kelt sich eine Weise der bestimmenden Reflexion der staatlich ge-
währleisteten rechtlichen Vermittlung des Tauschzusammenhangs der
Warenbesitzer und der privaten Aneignung gesellschaftlichen
Reichtums, welche die realen rechtlich-politischen Bestimmungen
der Gestalt bürgerlicher Gesellschaft in ihrem Zusammenhang ent-
wickelt und in einem Modell bürgerlicher Vergesellschaftung zu-
sammenfaßt, welches seine innere Einheit darin hat, daß es die
tatsächlich erforderlichen politisch-rechtlichen Formen einer ka-
pitalistischen Erzeugung und Aneignung von Mehrprodukt darstellt;
eine Reflexionsweise, welche die gesamte bürgerliche Gesell-
schaftslehre nach Hegel - von Comte und Spencer bis zu Habermas
und Luhmann - nicht mehr leistet. 13) Dies insofern, als der ei-
gentümliche Inhalt bürgerlicher Vergesellschaftung - und sei es
auch nur in seiner politisch-rechtlichen Form - nicht mehr aufge-
nommen wird und der allgemeine Inhalt von Vergesellschaftung
überhaupt, als System materieller Produktion, verdrängt wird, so
daß die systematisch bestimmende Reflexionsweise der klassischen
Rechts- und Sozialphilosophie ersetzt wird durch die einseitige,
willkürliche oder äußerliche Reflexion einzelner Bestimmungen der
Gestalt des gegebenen gesellschaftlichen Systems und durch die
inhaltsleere Reflexion seines Verhaltens. 14) Freilich sind auch
hier die vielfältigsten Formen der Reflexion zu unterscheiden.
Zwischen den Konzeptionen des Zusammenhangs der gesellschaftli-
chen Einheiten als Konsens oder als Balance in den positivisti-
schen Gesellschaftslehren des 19. Jahrhunderts oder zwischen die-
sen Lehren auf der einen Seite und einer empiristischen Kopie je-
ner Zusammenhänge in einer modernen Darstellung gesamtwirtschaft-
licher Kreisläufe auf der anderen Seite bestehen erhebliche Un-
terschiede. Die Spezifik der Luhmannschen Konzeption komplexi-
tätsreduzieren-der Sinnsysteme besteht zunächst offenbar darin,
daß sie jenen Erscheinungs- und Wirkungszusammenhang der kapita-
listischen Produktionsweise, zugleich aber auch einen bestimmten
konstitutiven Mechanismus dieser Produktionsweise, von allen in-
haltlichen Bestimmungen abstrahierend reflektiert. Diese abstra-
hierende Reflexion der Verhältnisse abstrakter Arbeit erscheint
freilich als ihrem Gegenstand in besonderem Maße angemessen. Die
kapitalistische Produktionsweise hat sich offenkundig - seit der
Formulierung der positivistischen Gesellschaftslehren in der Zeit
des Kapitalismus der nachholenden Industrialisierung bzw. der
freien Konkurrenz im 19. Jahrhundert In einem Maße zur Totalität
entwickelt und alle gesellschaftlichen Elemente untergeordnet
15), daß der Abstraktionscharakter kapitalistischer Vergesell-
schaftung ihre Gestalt beherrscht und in bestimmten Arten ihrer
Reflexion bestimmend wird. Dies freilich legt auf den ersten
Blick die Frage nahe, ob die Konzeption komplexitäts-reduzieren-
der Systeme dann nicht doch mehr sei als bloße ideologische Ver-
hüllung gesellschaftlicher Wirklichkeit. Trifft nicht, möchte man
fragen, die Idee der Reduktion von Komplexität, dem Begriff der
Abstraktion vom Gebrauchswert wahlverwandt, geradezu das Wesen
kapitalistischer Vergesellschaftung? Die Antwort hierauf ist
nicht einfach, weil die Frage nicht umfassend genug gestellt ist.
Als erster Schritt muß hervorgehoben werden, daß die Eigenart ka-
pitalistischer Produktion nicht allein in der Verwandlung von
konkreter Arbeit in abstrakte und von Gebrauchswert in Tauschwert
besteht, sondern in einer eigentümlichen Form der Erzeugung und
Aneignung von Mehrprodukt: im Gebrauch von Arbeitskraft oder ab-
strakter Arbeit zwecks konkreter Verausgabung in der Warenproduk-
tion mit Produktionsmitteln in fremdem Eigentum. Diese Form der
Mehrarbeit ist Grundlage der gewaltigen Entfaltung von gesell-
schaftlicher Produktivkraft und Naturbeherrschung im Kapitalis-
mus, Die Abstraktion von konkreter Arbeit, konkretem Gebrauchs-
wert und konkreter Gesellschaftlichkeit zugunsten abstrakter
Lohnarbeit, abstrakten Wertes und abstrakter Tauschbeziehungen
ist also nur ein Mittel der vollen Auspressung der Arbeitskraft,
der reibungslosen Aneignung von Mehrprodukt und vor allem der
dauernden Steigerung gesellschaftlicher Produktivkraft und Natur-
beherrschung in der Form des Antagonismus von Lohnarbeit und Ka-
pitalverwertung. Diese Entfaltung von gesellschaftlicher Produk-
tivkraft und Naturbeherrschung ist zugleich Grundlage der Ver-
vielfachung möglicher gesellschaftlicher Zustände und gesell-
schaftlichen Geschehens in der sozialistisch organisierten Pro-
duktion. Wesen der kapitalistischen Produktionsweise ist mithin,
in der Terminologie Luhmanns, nicht lediglich die Reduktion von
Komplexität, sondern - in einer noch näher zu bestimmenden Weise
- die Produktion von Komplexität mittels Reduktion von Komplexi-
tät. Dieser Sachverhalt nun ließe sich trefflich gegen die Vermu-
tung ins Feld führen, Luhmanns These der Reduktion von Komplexi-
tät reflektiere etwas vom Wesen des Kapitalismus, wäre Luhmann
die Mehrdeutigkeit des Komplexitätsbegriffes und eine gewisse
Einseitigkeit des Reduktionsbegriffes nicht schon frühzeitig vor-
gehalten worden 16) und hätte Luhmann solche Einwände nicht in-
zwischen geschickt verarbeitet. 17) Nachdem Luhmann zu der Auf-
fassung gelangt ist: "Steigerung durch Reduktion von Komplexität
verliert den Anschein einer widersprüchlichen Formulierung, wenn
man unter Komplexität etwas nur Mögliches versteht" 18) und
zugleich die "Erzeugung von Möglichkeiten ... als strukturabhän-
gige Leistung zu begreifen" versucht 19), kann man nicht umhin
anzuerkennen, daß Luhmanns Konzeption von Systemaktivität eine
Einheit von reduktiven und produktiven Momenten der Systemaktivi-
tät 20) abstrakt reflektiert, welche in der Tat typisch für die
kapitalistische Produktionsweise ist. Deren Wesen bringt sie
gleichwohl nicht zum Ausdruck. Denn die Verhüllung der wirklichen
Verhältnisse durch die bürgerlichen Gesellschaftslehren gründet
ja in der Vernachlässigung der Eigenart der jeweiligen Gesell-
schaftsform, und diese Eigenart besteht in der Art und Weise, in
der jeweils der materielle Austausch zwischen "Mensch" und
"Natur" kollektiv-praktisch bewältigt wird. Die kapitalistische
Form der produzierenden Vermittlung zwischen "Mensch" und
"Natur", die Leistung und Aneignung von Mehrarbeit im Verhältnis
von Lohnarbeit und Kapitalverwertung, impliziert eine radikale
Reduktion der wirklichen Vielfalt des Zusammenhangs gesellschaft-
licher Tätigkeiten und seiner einzelnen Teile und Glieder, die
zugleich eine enorme Produktion möglicher Geschehnisse und Zu-
stände bedeutet - von der Verwirklichung abgeschnitten allein
durch die Struktur der herrschenden Produktionsweise selbst. Die
abstrahierende Reflexion der "Systemtheorie" Luhmanns bekommt
diese Dialektik von Möglichkeit und Wirklichkeit, weit davon ent-
fernt, sie auszudrücken, nur in äußerlichen Bestimmungen zu fas-
sen, die bar jeden gesellschaftlichen Inhalts sind, weil sie die
historische und materialistische Inhaltsbestimmung der Einheit
von Reduktivität und Produktivität nicht vollzieht. Inhalt dieser
Einheit ist die sich steigernde Erzeugung von Mehrprodukt durch
den konkreten Gebrauch abstrakter Arbeit. Indem die Konzeption
sinnkonstituierender Systeme genau von diesem Inhalt abstrahiert,
fetischisiert sie die gegebene Systemstruktur. 21)
Drittens: welcher Art sind eigentlich die Erkenntnisfortschritte,
welche systemwissenschaftlich orientierte sozialwissenschaftliche
Forschungen anscheinend - allen Mängeln soziologischer Systemkon-
zeptionen zum Trotz - erzielen konnten und wodurch sind sie be-
gründet? H. Wagner geht meines Erachtens zu recht davon aus, daß
die Verwendung systemtheoretischer Modelle in den Sozialwissen-
schaften bestimmte Erkenntnisgewinne ermöglicht hat. 22) Es
stellt sich dann freilich sogleich die Frage, weshalb solche Er-
kenntnisse erzielt werden konnten und welcher Art diese Erkennt-
nisse sind. Diese Frage stellt sich umso mehr, als es sich bei
diesen systemtheoretischen Modellen offenkundig nicht um hinrei-
chend begründete und ausgearbeitete Modelle sozialer Systeme han-
delt (da die Konstruktion spezifischer Modelle sozialer Systeme
von der sozialwissenschaftlichen Theorie bislang nicht geleistet
wurde), sondern um einen auf gesellschaftliche Erscheinungen hin
spezifizierten kategorialen und methodologischen Apparat, der ei-
nerseits den Naturwissenschaften und den Technikwissenschaften,
andererseits den allgemeinen Systemwissenschaften entstammt und
mehr oder minder vollkommen, meist nur bruchstückhaft, in die So-
zialwissenschaften übernommen wurde. Es muß zunächst hervorgeho-
ben werden, daß die sozialwissenschaftliche Verwendung von Sy-
stemmodellen nicht an die Anwendung strukturell-funktionaler Fra-
gestellungen gebunden ist, so wie sich strukturell-funktionale
Fragestellungen durchaus auch unabhängig von der Verwendung sy-
stemtheoretischer Modelle verfolgen lassen. Der verbreiteten An-
nahme, die Konzeption von sozialer Realität als System schließe
eine Hypostasierung der gegebenen Struktur ein, ist schon dadurch
die Grundlage entzogen. 23) In der Tat betrifft ein nicht unbe-
trächtlicher Teil der Erkenntnisse, die die Anwendung systemwis-
senschaftlicher Kategorien auf soziale Phänomene her vorgebracht
hat, Vorgänge der Veränderung sozialer Strukturen, meist freilich
von Strukturen in Teilbereichen des Erscheinungs- und Wirkungszu-
sammenhangs der jeweiligen Gesellschaft. 24) Vielfältige Bei-
spiele liefert die soziologische Analyse sozialer Organisationen,
von Vereinen und Verbänden über Produktions- und Dienstleistungs-
betriebe bis zur Behördenorganisation, insbesondere hinsichtlich
der Auswirkungen von Veränderungen des gesamtgesellschaftlichen
Bedingungskranzes auf die Struktur und auf die Operationen orga-
nisatorischer Systeme. Mit diesem Hinweis lassen sich zugleich
Art und Grundlage solcher soziologischer Erkenntnisse verdeutli-
chen. Es handelt sich um Erkenntnisse, die mittels einer Übertra-
gung von systemwissenschaftlichen Kategorien auf ihrerseits sy-
stematisch organisierte Phänomene der sozialen Realität gewonnen
werden und damit in erster Linie um zusätzliches geordnetes Wis-
sen über beobachtbare Vorgänge, welche ohne die systemwissen-
schaftlich inspirierte Systematisierung der Anschauungsvielfalt
kaum zu beobachten wären. Die Verwendung von Systemmodellen - und
zwar, wie die Praxis empirischer Forschung zeigt, die
(willkürliche) Verwendung irgendeiner der vielen vorhandenen Ar-
ten von Systemmodellen - drängt sich vom Forschungsgegenstand her
auf. Hingegen ist zu bezweifeln, daß die - wegen des Fehlens ei-
ner theoretischen Begründung und Ausarbeitung von Modellen sozi-
aler Systeme grundsätzlich willkürliche - Nutzung systemwissen-
schaftlicher Begriffe und Verfahren in der bürgerlichen Sozial-
wissenschaft über diesen Zuwachs an Beobachtungswissen auch Zu-
wächse an Gesetzeserkenntnis vermittelt. Die Regelmäßigkeiten im
organisatorischen sozialen Geschehen, die im Bereich der system-
wissenschaftlich orientierten empirischen Soziologie aufgedeckt
werden und ein erster Schritt zur Erkenntnis gesellschaftlicher
Gesetzmäßigkeiten sein könnten, treten unter gesamtgesellschaft-
lich gesetzten Bedingungen der Existenz des organisatorischen Sy-
stems auf. Solange diese Bedingungen nicht erkannt und begriffen
sind, bleiben auch die wirklichen Regelmäßigkeiten des Erschei-
nungs- und Wirkungszusammenhangs der Gesellschaftsformation uner-
kannt und unbegriffen. Davon bleibt unberührt, daß die sozialwis-
senschaftliche Erforschung systemischer Beziehungen in dieser äu-
ßeren Gestalt von Vergesellschaftung eine Aufgabe von wachsender
Bedeutung ist. Die zunehmende Systematisierung des Zusammenhangs
der gesellschaftlichen Produktivkräfte 25), die weiter wachsende
Konzentration und Zentralisierung von Kapital und der organisato-
rische Ausbau des staatlichen Überbaus im gegenwärtigen Kapita-
lismus vervielfachen die Felder organisatorisch systematisierter
Sozialbeziehungen in dieser Produktionsweise. Ihre angemessene
Erforschung setzt aber eine weitere Klärung des Verhältnisses
von ökonomischer Konstitution und praktischer Realisierung der
Verhältnisse und der Entwicklung der Gesellschaftsformation vor-
aus, die insbesondere eine theoretische Begründung und Ausarbei-
tung von Modellen leisten müßte, welche Systeme empirischer sozi-
aler Aktivität abbilden. 26)
Viertens: Wie ist die Meinung zu beurteilen, daß die Einbettung
von Systemtheorie in die historisch-materialistische Gesell-
schaftstheorie zum besseren Verständnis gesellschaftlicher Ver-
hältnisse beitrage? Alle bislang vorgetragenen Überlegungen kön-
nen zunächst die Auffassung von H. Wagner bestätigen, daß "eine
Systemtheorie ohne explizite Einbettung in den Rahmen einer mate-
rialistischen gesamtgesellschaftlichen Theorie selbst keine ge-
sellschaftlichen Analysen ermöglicht, sondern den Zugang zu ihnen
verstellt". 27) Hierfür sprechen auch wissenschaftsgeschichtliche
Erfahrungen, insbesondere der wenig erfolgreiche Versuch der
Übertragung kybernetischer Kategorien auf gesamtgesellschaftliche
Verhältnisse von G. Klaus, dem - wenn ich recht sehe "jedenfalls
bei der kybernetischen Modellierung der kapitalistischen Produk-
tionsweise keine hinreichende Einsicht in deren antagonistischen
Charakter zugrunde lag. 28) Allerdings stellt sich die Frage, ob
eine Einbettung systemtheoretischer Modelle und Methoden in die
historisch-materialistische Theorie der Gesellschaft umgekehrt zu
besserer gesellschaftswissenschaftlicher Erkenntnis verhelfen
könnte. Diese scheinbar einleuchtende Auffassung aber wirft mehr
Fragen auf, als durch sie erledigt werden. Zu fragen wäre
zunächst, welche systemtheoretischen Modelle und Methoden denn in
die Gesellschaftslehre einzubetten wären. Sind es Konzeptionen
beispielsweise nach dem Muster organischer oder nach dem Muster
thermodynamischer Systeme? Kategorien beispielsweise eines sta-
tionären oder eines sich entwickelnden Systems? Strategien der
Selbstregelung beispielsweise nach dem kybernetischen oder nach
dem homöostatischen Prinzip? Methoden beispielsweise der Spiel-
theorie oder der Entscheidungstheorie? Zu fragen wäre auch, auf
welchen Gegenstandsbereich historisch-materialistischer Theorie
sich eine Einarbeitung von Systemtheorie vor allem beziehen
solle. Geht es um eine systemtheoretische Formulierung des Histo-
rischen Materialismus im ganzen, um eine Einbettung von System-
theorie in die Theorie der Gesellschaftsformationen überhaupt, um
eine systemtheoretisch ergänzte gesellschaftstheoretische Bear-
beitung der Verfassung und/oder Gestalt einer bestimmten Gesell-
schaftsformation? Und wenn wir uns auf die Frage beschränken, ob
eine Einbettung der Grundbegriffe, Grundannahmen und Grundgedan-
ken einer Systemtheorie im Allgemeinen - also gleichsam des ge-
meinsamen Erkenntnisgrundbestands aller Systemwissenschaft - in
die theoretische Konzeption der ökonomischen Gesellschaftsforma-
tion nützlich ist, stellen sich sogleich weitere Fragen ein: ist
die theoretische Konzeption der ökonomischen Gesellschaftsforma-
tion so unvollkommen, daß sie der Inkorporation von Systemtheorie
bedarf? Wenn ja: warum soll gerade Systemtheorie diese Mängel
heilen helfen, und wenn sie es kann, sollte man sich dann nicht
lieber auf die gesellschaftswissenschaftliche Entwicklung des Sy-
stemkonzepts der Systemtheorie konzentrieren? Wenn nein: wenn die
theoretische Konzeption der ökonomischen Gesellschaftsformation
schon einigermaßen brauchbar ist, warum soll man sich der Mühe
unterziehen, Systemtheorie in sie einzubetten, und warum gerade
Systemtheorie, welche den Sozialwissenschaften bislang schließ-
lich nur begrenzte Erkenntnisfortschritte vermittelt hat? Ich
sehe keine einleuchtenden Gründe, sich von einer Einbettung von
Systemtheorie in Gesellschaftstheorie besondere Erkenntnisfort-
schritte zu versprechen. Gleichwohl spielen der Begriff des Sy-
stems und die Einsichten, welche die Wissenschaften über Systeme
im allgemeinen gewonnen haben, für das Verständnis und für die
Weiterentwicklung der historisch-materialistischen Gesellschafts-
lehre meines Erachtens eine erhebliche Rolle. Grundlage dieser
Auffassung ist der Sachverhalt, daß der Gegenstand der histo-
risch-materialistischen Gesellschaftslehre im Allgemeinen, die
ökonomische Gesellschaftsformation, bereits als System konzipiert
ist. Vergesellschaftung stellt hiernach stets ein System gesell-
schaftlicher Produktion dar, dessen Funktionen in der kollektiv-
praktischen Vermittlung, Regelung und Steuerung des materiellen
Austausches zwischen den vergesellschafteten menschlichen Orga-
nismen und der vergesellschafteten außermenschlichen Natur beste-
hen. Aufgabe der Gesellschaftslehre ist es, diese Konzeption ge-
sellschaftlicher Systeme überhaupt in Theorien über die Verfas-
sung und Entwicklung der verschiedenartigen, geschichtlich be-
stimmten Gesellschaftsformationen umzusetzen. Die historisch-
materialistische Gesellschaftstheorie geht somit bereits von der
Auffassung des Systemcharakters von Vergesellschaftung aus und
bezeichnet vor allem die Eigenart von Systemen gesellschaftlicher
Produktion, die sie von anderen materiellen Systemen unterschei-
det, sehr genau. Zu meinen, diese Konzeption gesellschaftlicher
Formationen durch Inkorporation allgemeiner systemtheoretischer
Begriffe verbessern zu können, ist irrig, weil die Kategorien der
generalisierenden Systemtheorie ja erklärtermaßen von der Eigen-
art bestimmter Systeme abstrahieren. Aus demselben Grunde tragen
Annahmen und Aussagen der allgemeinen Systemtheorie auch zur Er-
klärung des spezifischen Verhaltens gesellschaftlicher Systeme
nichts bei. 29) Dies spricht indessen nicht gegen, sondern durch-
aus für die Ausarbeitung des Systemcharakters ökonomischer Ge-
sellschaftsformation durch die historisch-materialistische Theo-
rie. Zunächst hat diese Theorie gegenüber den pseudo-systemtheo-
retischen Argumentationen in den Sozialwissenschaften offenkundig
noch nicht hinreichend deutlich machen können, daß die Theorie
ökonomischer Gesellschaftsformationen - und keine andere angebli-
che soziologische Systemtheorie - im Bereich der Gesellschafts-
wissenschaften auf dem inzwischen erreichten katagorialen und me-
thodischen Niveau der Realwissenschaften operiert. Zweitens wird
die weitere Ausarbeitung des Systemcharakters menschlicher Verge-
sellschaftung die materialistisch! Auffassung verdeutlichen hel-
fen, daß menschliche Gesellschaften lediglich die höchstent-
wickelte Form in der Entwicklungsgeschichte materieller Systeme
darstellen. Und drittens wird die Theorie ökonomischer Gesell-
schaftsformationen dadurch, daß sie ihren Gegenstand als System
begreift und darstellt, sich eines strategischen Vorteils in der
Theorieentwicklung versichern können, den die bürgerliche Denk-
weise entbehrt: sie kann Fragestellungen und Einsichten der gene-
ralisierenden Systemwissenschaft - deren umstandslose Übertragung
oder Einbettung in Gesellschaftstheorie freilich nicht möglich
ist - in ihrer eigenen Weiterentwicklung verarbeiten - sei es als
Anregung zu eigenständigen Fragen und Antworten, sei es als all-
gemeine Leitlinie zu entwickelnder Lehrstücke, welche Lücken in
der allgemeinen oder in einer besonderen Theorie ökonomischer Ge-
sellschaftsformationen schließt.
Damit kann zum Schluß die Fragestellung "Soziologische System-
theorie als Gegensatz zur Gesellschaftstheorie" in etwas bestimm-
terer Weise behandelt werden, als das vor dem Durchgang durch die
vier erörterten Fragen möglich war. Mit der Fragestellung kann
e r s t e n s kein Gegensatz einer soziologischen Systemtheorie
im strengen Sinne zu einer, wie immer gearteten, Gesellschafts-
theorie gemeint sein, denn eine soziologische Systemtheorie, die
diesen Namen verdiente, gibt es bislang ebensowenig wie eine kon-
sistente und empirisch gehaltvolle Konzeption sozialer Systeme
selbst - es sei denn, man will die Theorien ökonomischer Gesell-
schaftsformationen als soziologische Systemtheorien bezeichnen.
Man kann z w e i t e n s mit guten Gründen behaupten, daß die
pseudosystem-theoretischen Konzeptionen eines Gegenstandsberei-
ches der Soziologie, zumal diejenigen, welche eine Konzeption ge-
sellschaftlicher Systeme zu formulieren vorgeben, in einem ge-
nauen Gegensatz zur historisch-materialistischen Gesellschafts-
theorie stehen; und zwar deshalb, weil sie die Einsicht in die
Eigenart menschlicher Vergesellschaftung im allgemeinen und in
die Eigenart kapitalistischer Vergesellschaftung im besonderen,
welche die historisch-materialistische Theorie erarbeitet hat,
versperren. Man kann d r i t t e n s davon ausgehen, daß die
Verwendung systemwissenschaftlicher Modelle und Methoden in der
empirischen Sozialforschung, die zu einer begrenzten Vermehrung
des soziologischen Tatbestandswissens insbesondere über organisa-
torische Sozialphänomene geführt hat, zu einer Vermehrung von Ge-
setzeswissen über Regelmäßigkeiten des Erscheinungs- und Wir-
kungszusammenhangs der kapitalistischen Produktionsweise beitra-
gen könnte; dies setzte freilich die gesellschaftstheoretische
Erarbeitung von Modellen der verschiedenen Systeme sozialer Akti-
vitäten voraus, welche die konstitutiven Verhältnisse der Produk-
tionsweise realisieren. V i e r t e n s muß betont werden, daß
soziologische Systemtheorie insofern keinen Gegensatz zur Gesell-
schaftstheorie in ihrer historisch-materialistischen Ausarbeitung
darstellt, als die Theorie ökonomischer Gesellschaftsformationen
auf einer Konzeption gesellschaftlicher Systeme - und zwar der
derzeit einzig brauchbaren Konzeption gesellschaftlicher Systeme
- beruht; die Verdeutlichung und Entfaltung des systemtheoreti-
schen Gehalts der Theorie ökonomischer Gesellschaftsformationen
wäre der Selbstdarstellung der historisch-materialistischen Ge-
sellschaftslehre, ihrem Dialog mit anderen Wissenschaften und vor
allem der Weiterentwicklung dieser Theorie selbst nur förderlich.
Es soll nicht verschwiegen werden, daß die Ausarbeitung des sy-
stemtheoretischen Gehalts der historisch-materialistischen Ge-
sellschaftstheorie noch in den Anfängen steckt und oft durch sehr
verschiedenartige Auffassungen grundlegender Sachverhalte gekenn-
zeichnet ist. Bereits die zentrale Frage nach den konstitutiven
Elementen und Relationen des Systems "ökonomische Gesellschafts-
formation" oder einer Produktionsweise sowie nach dem Charakter
seiner konstitutiven Struktur wird in der marxistischen Literatur
alles andere als einheitlich beantwortet und bleibt häufig genug
im Unklaren. 30) Gleichwohl lassen sich diese Probleme lösen,
zumal dann, wenn die Weiterentwicklung der Konzeption der ökono-
mischen Gesellschaftsformation sich noch stärker als bisher um
ein vergleichendes Begreifen verschiedenartiger Gesellschaftsfor-
mationen bemüht. 31) Zu den weitgehend unbewältigten Aufgaben ge-
hört auch die genauere Fassung des Umweltbezugs gesellschaftli-
cher Systeme, die mit der Formel "Wechselwirkung zwischen Natur
und Gesellschaft" noch nicht zureichend bewältigt ist. 32) Auszu-
arbeiten ist ein Begriff gesellschaftlicher Systeme, der die na-
türlichen - wie immer auch durch gesellschaftliche Praxis geform-
ten - Umwelten solcher Systeme in ihrem gleichsam naturdialekti-
schen Spannungsverhältnis begreift, das in dem zwischen menschli-
cher und außermenschlicher Natur vermittelnden System gesell-
schaftlicher Produktion wiederkehrt und dieses als sich entwic-
kelndes System konstituiert. 33) Schließlich ist die Theorie ei-
ner bestimmten Gesellschaftsformation als dynamische Theorie die-
ses Systems zu konzipieren. Die Herausarbeitung der Entwicklungs-
gesetzlichkeit, welche eine Formation wie den Kapitalismus kenn-
zeichnet, im Allgemeinen 34) ergibt noch nicht die Theorie der
Entwicklung des Systems. Anzustreben ist vor allem eine weitere
Ausarbeitung der von K. Marx begründeten Theorie der Entwick-
lungsabschnitte einer Formation, in der der Übergang zu neuen
Stufen der Formationsentwicklung - der Übergang zum Kapitalismus
der freien Konkurrenz, die Ablösung des Kapitalismus der freien
Konkurrenz beispielsweise - als eine Änderung der Strategie der
Reproduktion des Systems zwecks Steigerung seiner Problemlösungs-
kapazität begriffen wird; eine Änderung, welche durch ihrerseits
zu erklärende Selbstbeschränkungen der Entwicklungsfähigkeit des
Systems im jeweils vorangegangenen Entwicklungsabschnitt erzwun-
gen wird. 35) Begreift man die kapitalistische Produktionsweise
vor allem als eine besondere Form der Systeme materieller Produk-
tion, welche entgegengesetzte Naturmomente verschränken und
schrittweise Problemlösungskapazität entfalten, während ihre ei-
gene Struktur dieser Vermittlungs- und Entwicklungsfähigkeit
Schranken setzt dann wird man auch zum Verständnis des gegenwär-
tigen "spätkapitalistischen" Abschnitts der Entwicklung dieser
Produktionsweise, zu dem bereits verschiedene theoretische Ent-
würfe marxistischer Autoren wesentliches beitragen, neue Zugänge
gewinnen können. Ich vermute im übrigen, daß eine Ausarbeitung
des Systemprinzips, das der Konzeption ökonomischer Gesell-
schaftsformationen innewohnt, mehr Ähnlichkeiten zwischen dem
Verhalten gesellschaftlicher Systeme und dem Verhalten materiel-
ler Systeme anderer Art hervortreten lassen wird, als es sich ein
in geisteswissenschaftlichen Traditionen befangener Sozialwissen-
schaftler träumen läßt. An der Notwendigkeit, dieses Verhalten
geschichtlich bestimmter gesellschaftlicher Systeme mit spezi-
fisch gesellschaftswissenschaftlichen Kategorien und Theorien zu
beschreiben und zu erklären, ändert sich dadurch nichts.
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1) Vgl. beispielsweise die zwar im Grundsatz richtige, aber doch
recht unvermittelte Vereinnahmung des Systembegriffs durch V.
Stoljarow: Zu Marx' Auffassung vom Systemcharakter der Gesell-
schaft, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 16, 1968, S.
415-426; umgekehrt die im Ergebnis nicht falsche, aber kaum in
die Sache eindringende Abwehr "bürgerlichen Systemdenkens" bei B.
Meurer: Kritische Bemerkungen zur Systemtheorie, in: Das Argument
15, 1973, Nr. 83, S. 883-908.
2) B. Heidtmann: Niklas Luhmann und die Systemtheorie - im Lichte
der Marxschen Hegel-Kritik. In: Sozialistische Politik 6, 1975,
Nr. 32,S. 5-35.
3) H.Wagner: Gesellschaftliche Analyse mit Luhmanns Systemtheo-
rie. In: Sozialistische Politik 8, 1976, Nr. 34/35, S. 37-49.
4) Heidtmann, a.a.O., S. 5.
5) Vgl. ebenda S. 27-35.
6) Wagner, a.a.O., S. 37.
7) Ebenda.
8) Vgl. Heidtmann, a.a.O., S. 5.
9) Vgl. G.C. Homans: Theorie der sozialen Gruppe. Köln, Opladen
1960. Vgl. als neusten Versuch: R. Münch: Theorie sozialer Sy-
steme, Opladen 1976.
10) K.H. Tjaden: Soziales System und sozialer Wandel. 2. Aufl.,
Stuttgart, München 1972.
11) Vgl. hierzu: C. Warnke. Die "abstrakte" Gesellschaft. Berlin
1974. S. 41 ff.
12) Vgl. Heidtmann, a.a.O., S. 30-35.
13) Vgl. hierzu besonders die umfangreiche Untersuchung von B.
Tuschling: Die "offene" und die "abstrakte" Gesellschaft, Unter-
suchungen zur Konzeption von Vergesellschaftung bei Habermas und
in der klassisch-bürgerlichen Rechts- und Sozialphilosophie, Ma-
nuskript 1977, insbes. Teil 2; auch B. Tuschling: Rechtsstaat und
Produktionsverhältnisse, Frankfurt/M., Köln 1976.
14) Vgl. hierzu B. Heidtmann: Systemwissenschaftliche Reflexion
und gesellschaftliches Sein. Manuskript 1977, bes. S. 17 ff.
15) Vgl. K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie,
Berlin 1953, S. 189.
16) Vgl. z.B. K.H. Tjaden: Zur Kritik eines funktional-struktu-
rellen Entwurfs sozialer Systeme, in: Kölner Zeitschrift für So-
ziologie und Sozialpsychologie 21, 1969, S. 752-769, hier S. 758-
760.
17) Vgl. J. Habermas, N. Luhmann: Theorie der Gesellschaft oder
Sozialtechnologie? Frankfurt/M. 1971, S. 292-316.
18) Ebenda S. 311.
19) Ebenda S. 315.
20) Vgl. K.H. Tjaden: Soziales System und sozialer Wandel, 2.
Aufl., a.a.O., S. 281 f.
21) Vgl. dazu Luhmann in Habermas, Luhmann, a.a.O., S. 315 f.
22) Vgl. Wagner, a.a.O., S. 37.
23) Am Rande sei darauf hingewiesen, daß auch die - zweifellos
von einer gegebenen Struktur ausgehende - strukturell-funktionale
Verfahrensweise nicht, wie es ein immer noch verbreitetes Vorur-
teil will, die Untersuchung von Veränderungen ausschließt, ganz
abgesehen davon, daß sie natürlich in eine Konzeption strukturel-
ler Transformationen eingebettet sein kann. Vgl. hierzu: M. Gues-
sous: Probleme der Instabilität sozialer Systeme, in: K.H. Tjaden
(Hrsg.): Soziale Systeme. Neuwied, 1971, S. 226-246.
24) Von bestimmten kulturanthropologischen Analysen gesamtgesell-
schaftlichen Strukturwandels unter Verwendung systemtheoretischer
Kategorien sehe ich hier ab.
25) Vgl. zur Veranschaulichung: G. Ropohl, Systemtechnik - Grund-
lage und Anwendung. München, Wien 1975.
26) Vgl. hierzu: K.H. Tjaden: Soziale Systeme und gesellschaftli-
che Totalität, in: D. Hülst u.a.: Methodenfragen der Gesell-
schaftsanalyse. Frankfurt/M. 1973, S. 49-72.
27) Wagner, a.a.O., S. 37.
28) Vgl. G. Klaus: Kybernetik und Gesellschaft, Berlin 1964, S.
37 ff.
29) Vgl. L. von Bertalanffy: The History and Status of General
Systems Theory, in: G.J. Klir (Hrsg.): Trends in General Systems
Theory. New York 1972. S. 21-41, hier S. 31.
30) Vgl. z.B. L. Althusser, E. Balibar: Das Kapital lesen. Rein-
bek 1972, Bd. II, S. 280 ff; M. Godelier: System, Struktur und
Widerspruch im "Kapital". Berlin 1970, S. 4 ff; E. Hahn: Soziolo-
gische Systemauffassung und soziale Prognose, in: E. Hahn, Theo-
retische Probleme der marxistischen Soziologie. Köln 1974. S.
253-276, bes. S. 260.
31) Vgl. als Ansatz: K.H. Tjaden: Zur historisch-materialisti-
schen Entwicklungstheorie, in: Zwischenbilanz der Soziologie.
Verhandlungen des 17. Deutschen Soziologentages . Stuttgart 1976,
S. 70-77, hier S. 70.
32) Vgl. z.B. E.K. Fjodorow: Die Wechselwirkung zwischen Natur
und Gesellschaft. Berlin 1974.
33) Vgl. K.H. Tjaden: Naturevolution, Gesellschaftsformation,
Weltgeschichte, in: Das Argument 19, 1977, Nr. 101, S. 8-55, bes.
S. 17-35.
34) Vgl. M.M. Rosental: Die dialektische Methode der politischen
Ökonomie von Karl Marx. Berlin 1973, S. 27 ff.
35) Vgl. als Ansatz: H.J. Krysmanski, K.H. Tjaden: Historical-ma-
terialistic Theory of Development, in: H. Strasser (Hrsg.): Ex-
plaining Social Change, London 1977 (im Erscheinen); Teil 3.3.3.
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