Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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       Diskussion & Kritik
       
       K.H. Tjaden
       

SOZIOLOGISCHE SYSTEMTHEORIE ALS GEGENSATZ ZUR GESELLSCHAFTSTHEORIE?

(Anläßlich der Beiträge von B. Heidtmann, SOPO 32, und H. Wagner, ----------------------------------------------------------------- SOPO 34/35) ----------- Unter dieser zunächst noch wenig bestimmten Fragestellung möchte ich zur Erörterung einer Frage beitragen, die in zurückliegender Zeit häufig in politischer und wissenschaftlicher Vereinfachung abgehandelt 1), inzwischen aber, mich durch Beiträge in dieser Zeitschrift, Gegenstand einer vielfältigeren Betrachtungsweise geworden ist. Ich möchte in diesem Beitrag an diesbezügliche Aus- führungen von B. Heidtmann 2) und von H. Wagner 3) anknüpfen, wo- bei ich mich lediglich auf einige wenige, vergleichsweise will- kürlich ausgewählte Aussagen beziehe, so daß ich nicht den An- spruch erheben kann, diese Ausführungen auch nur annähernd umfas- send zu würdigen. B. Heidtmann geht in seiner Untersuchung der "ideologiege- schichtlichen Voraussetzungen und der grundbegrifflichen Bestim- mungen der Theorie sozialer Systeme" davon aus, daß es eine "philosophisch-sozialwissenschaftliche Theorie" dieses Namens überhaupt gibt, daß sie durch Niklas Luhmann, "maßgeblich ver- treten" wird und daß in dessen "Programm sozialwissenschaftlicher Begriffsbildung die theoretische Argumentation und die weitgehend ideologische Fundierung dieser Argumentation eine für die Systemtheorie unauflösbare Verbindung eingehen" - "zum Nachteil des Wissenschaftscharakters der Systemtheorie" 4). Und Heidtmann zeigt in der Ausführung dieses Vorhabens, i laß der Grundbegriff der funktionalistischen Konzeption sozialer Systeme - Sinnbildung zur Reduktion von Komplexität - in einer bestimmten Weise den Zu- sammenhang abstrakter Arbeit widerspiegelt, der sich in der äuße- ren Gestalt der kapitalistischen Produktionsweise darstellt, ohne daß diese Konzeption komplexitätsreduzierender Systeme die wirk- lichen Grundlagen und Verhältnisse von Vergesellschaftung erken- nen kann. 5) H. Wagner betont in seiner Auseinandersetzung mit Luhmanns Konzeption sozialer Systeme, daß systemwissenschaftliche "Funktionsanalysen", zumal mittels der strukturell-funktionali- stischen Methode, "für viele Disziplinen und auch für die Sozio- logie Erkenntnisse gebracht" haben. 6) Er will jedoch vor allem zeigen, "warum eine Systemtheorie ohne explizite Einbettung in den Rahmen einer materialistischen gesamtgesellschaftlichen Theo- rie selbst keine gesellschaftlichen Analysen ermöglicht, sondern den Zugang zu ihnen verstellt." 7) Auch wenn man mit den Grundan- nahmen und mit den Hauptergebnissen der beiden genannten Abhand- lungen im großen und ganzen einverstanden sind, müssen doch im einzelnen manche klärungsbedürftige Fragen benannt werden, zum Beispiel: - Kann man tatsächlich von einer (oder mehreren) existierenden Theorie(n) sozialer Systeme sprechen, oder gibt es die so genann- ten Theorien nur in den Wunschvorstellungen einiger Wissenschaft- ler? - Bringt der Begriff des komplexitätsreduzierenden Sozialsystems, wenn er den Zusammenhang abstrakter Arbeit widerspiegelt, das We- sen der kapitalistischen Produktionsweise nicht immerhin angemes- sener zum Ausdruck, als es, beispielsweise, eine positive Be- schreibung ihrer Oberflächengestalt vermag? - Sind die sozialwissenschaftlichen Erkenntnisfortschritte, die im Rahmen systemwissenschaftlicher Forschungsstrategien erzielt wurden, an die strukturell-funktionalistische Denkweise der Un- tersuchungen gebunden, oder welcher Art sind sie sonst? - Könnte man sagen, daß die Einbettung systemtheoretischer Annah- men und Aussagen in eine ausgearbeitete historisch-materialisti- sche Theorie der Gesellschaft Erkenntnisgewinne verspricht? Ich möchte diese Fragen, die ich sämtlich mit Nein beantworten will, der Reihe nach behandeln, um im Anschluß an die letzte Frage die Fragestellung "Soziologische Systemtheorie als Gegen- satz zur Gesellschaftstheorie?" aufzunehmen. Zunächst: gibt es, wie B. Heidtmann 8) wohl unterstellt, über- haupt Theorien sozialer Systeme? Auch wenn man, wie der Verfas- ser, den Ausdruck Theorie sozialer Systeme mit dem Blick auf exi- stente soziologische Begriffe, Annahmen und Aussagen immer einmal wieder benutzt hat, muß man doch zugeben: eine Theorie sozialer Systeme im strengen Sinne gibt es auch ansatzweise bislang nicht. Wer sich die freilich häufiger vertretene Auffassung zu eigen macht, Soziologen wie V. Pareto, T. Parsons oder N. Luhmann - um nur einige prominente Autoren zu nennen - hätten ihren eigenen Anspruch verwirklicht, eine Theorie sozialer Systeme zu entwer- fen, der irrt sich. Wenn man unter einer Theorie sozialer Systeme - um nur bestimmte minimale Standards der Theoriekonstruktion zu bezeichnen - ein Gefüge von Gesetzesaussagen versteht, die sich auf das Gesamtverhalten des Systems und auf systemare Operationen im Allgemeinen sowie im Einzelfall beziehen, dann muß man fest- stellen, daß auch nur der Versuch der Konstruktion einer solchen Theorie bislang j sehr selten unternommen wurde, und in keinem Fall erfolgreich abgeschlossen worden ist. Das bekannteste Unter- nehmen dieser Art ist die am Beispiel der sozialen Gruppe entwic- kelte Theorie sozialer Systeme von G.G. Homans 9), deren Inkonsi- stenzen den Autor dazu brachten, sein Vorhaben zugunsten einer psychologisch-reduktionistischen Theorie "sozialen" Verhaltens aufzugeben. Alle übrigen unter dem Titel Theorie sozialer Systeme vorgestellten Denkbemühungen zielen zunächst einmal nur - und zwar sinnvollerweise - darauf ab, den Gegenstandsbereich, auf den eine Theorie sozialer Systeme sich bezöge, durch die Ausarbeitung entsprechender Grundbegriffe und Grundannahmen zu erfassen. Und ebenso wie die sich weiter vorwagenden Konstrukteure einer wirk- lichen Theorie sozialer Systeme scheitern die etwas zurückhalten- deren Konstrukteure einer Konzeption sozialer Systeme, von den Ansätzen bei L.J. Henderson und F. Znaniecki in den dreißiger Jahren bis hin zum entwickelten Begriffsgebäude des späten T. Parsons, an eben dieser Aufgabe: durch einen Satz zusammenstim- mender und erfahrungshaltiger Grundbegriffe und Grundannahmen auszudrücken, was ein soziales System denn nun eigentlich sei. Wo aber von einem begreifenden Modell sozialer Systeme nicht gespro- chen werden kann, kann von einer erklärenden Theorie sozialer Sy- steme erst recht nicht die Rede sein. Ich erspare es mir, dieses Scheitern an der Aufgabe, die grundsätzlichen Voraussetzungen ei- ner Theorie sozialer Systeme zu schaffen, bei den einzelnen Ver- fassern aufzuzeigen und weise stattdessen auf eine vorliegende Detailanalyse der Dogmengeschichte soziologischer Systemkonzep- tionen hin. 10) Die Ursache dieses Scheiterns liegt im Unvermögen der Denkweise des zur Herrschaft gelangten Bürgertums, die gegen- sätzlichen Bestimmungen gesellschaftlicher Wirklichkeit als ein- ander bedingende und vermittelte Gegensätze zu begreifen. 11) Dieses Unvermögen verhindert die Einsicht in die Eigenart men- schlicher Vergesellschaftung, sowohl selbstgesetzter Zusammenhang menschlicher Tätigkeiten als auch zwangsläufiger Zusammenhang einander entgegengesetzter Naturmächte, menschlicher wie außer- menschlicher Naturmacht zu sein und in diesem Widerspruch sich stufenweise zu entwickeln. Vergesellschaftung, demgemäß eine Ein- heit von geschichtsmächtigen Zwecksetzungen und naturbedingten Gleichgewichten, von zielstrebiger Gestaltung und fügsamer Anpas- sung, von fortschreitender Naturaneignung und selbsterhaltender Bedürfnisbefriedigung, vermittelt sowohl zwischen den Naturbedin- gungen von Vergesellschaftung - den Organismen menschlicher Popu- lationen und dem Potential ihres natürlichen Milieus - als auch zwischen den einzelnen Tätigkeiten, die in diesen Zusammenhang einbezogen sind. Das Modell der gesellschaftlichen Produktion bildet diese doppelte Vermittlung ab. In Bezug auf die einzelnen vergesellschafteten Tätigkeiten verschränkt Vergesellschaftung, welches auch immer ihre bestimmte geschichtliche Verfassung sei, jene Momente menschlicher Aktivität, welche die verschiedenen so- ziologischen Theorien des Handelns und des Verhaltens jeweils nur für sich zur Sprache bringen: beispielsweise die sinnhaften und die triebhaften, die zielstrebigen und die eingefahrenen, die verändernden und die bewahrenden Züge menschlichen Tuns; in Bezug auf den Zusammenhang dieser vergesellschafteten Tätigkeiten, den man sich als soziale Beziehung, als soziale Interaktion oder eben als soziales System zu bezeichnen angewöhnt hat, verbindet Verge- sellschaftung in ihrer jeweiligen geschichtlichen Verfassung ins- besondere leistungssteigernde und bestandssichernde, außengelei- tete und eigenständige, umweltgestaltende und selbsterhaltende, fortschreitende und beharrende Momente sozialer Aktivität, Gegen- sätze, mit deren Verschränkung die soziologische Theorie sich schwertut. Denn diese auseinanderweisenden Züge einzelmenschli- chen Tuns und vergesellschafteter Tätigkeiten verbinden sich nur in einem Modell von Vergesellschaftung, das den Zusammenhang men- schlicher Tätigkeiten als das begreift, was er ist: als gemein- same Veranstaltung der selbsttätigen Vermittlung, Regelung und Steuerung des unausweichlichen Austausches zwischen menschlicher und außermenschlicher Natur. Indem die bürgerliche Ideologie die- ses widersprüchliche Wesen menschlicher Vergesellschaftung nicht begreift, muß sie auch vor der Aufgabe versagen, die Sozialität sozialer Interaktionen zu modellieren. Die grundsätzlichen Aussa- gen der nichtmarxistischen Soziologie zum Verhältnis der Verge- sellschaftung - dem Gegenstandsbereich, der Soziologie als Wirk- lichkeitswissenschaft begründete - sind allemal widerspruchsvoll oder inhaltsleer: entweder laufen sie auf die Hypostasierung je- weils einer der verschiedenen Seiten vergesellschafteter Tätig- keit oder auf die Dichotomisierung dieses Gegenstands hinaus und können daher in der Regel nicht angeben, worin Vergesellschaftung verschiedener Tätigkeiten als Einheit sich gründet und wodurch diese sich aufrechterhält; oder sie verzichten, nicht ohne Folge- richtigkeit, überhaupt auf die Bestimmung der Eigenart von Verge- sellschaftung und vereinen ihre einander widersprechenden Seiten in einem leeren Entwurf des Gegenstands dieser Wissenschaft. Die soziologischen Konzeptionen sozialer Systeme bilden keine Aus- nahme von dieser Übung, sondern treiben sie vielmehr - infolge des Zwangs, Sozialität von Aktivitäten als systematische zu be- greifen - auf die Spitze. Das drückt sich vorab in der Unfähig- keit aus, die spezifischen Elemente und Relationen sozialer Sy- steme in Grundbegriffen und Grundannahmen festzumachen. Die In- haltslosigkeit der sogenannten Theorie sozialer Systeme von Ni- klas Luhmann - inhaltslos gemessen an ihrem Anspruch als soziolo- gische Theorie - erscheint daher auch der theorieimmanenten Be- trachtung keineswegs als zufällig: ernst machend mit der Konzep- tion des offenen, umweltbezogenen Systems, die dem Gegenstand Ge- sellschaft grundsätzlich angemessen ist, ist das Luhmannsche Mo- dell als konsequent abstrahierende "Theorie" wie kein anderes so- ziologisches Modell darauf angewiesen, die letzten Spuren der wi- dersprüchlichen gesellschaftlichen Wirklichkeit zu tilgen, die in einem solchen Modell sich einfangen ließe, und ein Konzept "sozialer Systeme" zu präsentieren, welches bloßen "Sinn" an die Stelle von Vergesellschaftung setzt. Zu behaupten, ein solches Modell repräsentiere spezifisch soziale Systeme, ist Scharlatane- rie. Das einzige bislang existierende Modell, welches menschliche Vergesellschaftung in grundsätzlicher Form sowohl erfahrungshal- tig als auch in sich stimmig materiell beschreibt, ist zweifellos das von K. Marx und F. Engels entwickelte Modell der ökonomischen Gesellschaftsformation, das in formellen Modellen bürgerlicher Vergesellschaftung in der frühen bürgerlichen Rechts- und Sozial- philosophie seine Vorläufer hat. Inwieweit man dieses Modell als Konzeption sozialer Systeme und die Theorien der verschiedenen Gesellschaftsformationen somit als Theorien sozialer Systeme be- zeichnen kann, ist eine andere Frage, auf die weiter unten noch eingegangen werden soll. Zweitens: Reflektiert nicht der abstrakte Begriff des komplexi- tätsreduzierenden Systems das Wesen der abstrahierenden kapitali- stischen Vergesellschaftung? B. Heidtmann hat in seiner Analyse des Luhmannschen Systemkonzepts gezeigt, daß Reduktion von Kom- plexität als die konstitutive Aktivität der sogenannten sinnbil- denden Systeme in bestimmter Weise den Mechanismus abstrakter Ar- beit in der kapitalistischen Produktionsweise reflektiert. 12) In der Tat erscheint und verwirklicht sich vergesellschaftete Tätig- keit in der kapitalistischen Produktionsweise als Entlohnung ab- strakter Arbeit, als Erzeugung abstrakten Werts und als Austausch abstrakter Tauschwerte, und diese äußere Gestalt von Mehrwertpro- duktion und Kapitalverwertung, ein rechtlich vermittelter und staatlich gewährleisteter Zusammenhang freier und gleicher Waren- besitzer, spiegelt sich auch in der Konzeption der komplexitäts- reduzierenden Systeme. Dieser tauschgesellschaftliche Erschei- nungs- und Wirkungszusammenhang der kapitalistischen Produktions- weise, selbst bereits Verkehrung ihrer antagonistischen Konstitu- tion, wird in den bürgerlichen Gesellschaftslehren nicht als die äußere Gestalt der bestimmten antagonistischen Gesellschaftsver- fassung, sondern nur abstrakt reflektiert, was an sich bereits eine Verhüllung der antagonistischen Verfassung der Produktions- weise darstellt. Allerdings sind die Arten dieser Reflexion viel- fältig und geschichtlich veränderlich, und es sind hier durchaus grundsätzliche Unterschiede festzustellen, die zugleich Unter- schiede der wissenschaftlichen Qualität sind. In der frühbürger- lichen Rechts- und Sozialphilosophie von Hobbes bis Hegel entwic- kelt sich eine Weise der bestimmenden Reflexion der staatlich ge- währleisteten rechtlichen Vermittlung des Tauschzusammenhangs der Warenbesitzer und der privaten Aneignung gesellschaftlichen Reichtums, welche die realen rechtlich-politischen Bestimmungen der Gestalt bürgerlicher Gesellschaft in ihrem Zusammenhang ent- wickelt und in einem Modell bürgerlicher Vergesellschaftung zu- sammenfaßt, welches seine innere Einheit darin hat, daß es die tatsächlich erforderlichen politisch-rechtlichen Formen einer ka- pitalistischen Erzeugung und Aneignung von Mehrprodukt darstellt; eine Reflexionsweise, welche die gesamte bürgerliche Gesell- schaftslehre nach Hegel - von Comte und Spencer bis zu Habermas und Luhmann - nicht mehr leistet. 13) Dies insofern, als der ei- gentümliche Inhalt bürgerlicher Vergesellschaftung - und sei es auch nur in seiner politisch-rechtlichen Form - nicht mehr aufge- nommen wird und der allgemeine Inhalt von Vergesellschaftung überhaupt, als System materieller Produktion, verdrängt wird, so daß die systematisch bestimmende Reflexionsweise der klassischen Rechts- und Sozialphilosophie ersetzt wird durch die einseitige, willkürliche oder äußerliche Reflexion einzelner Bestimmungen der Gestalt des gegebenen gesellschaftlichen Systems und durch die inhaltsleere Reflexion seines Verhaltens. 14) Freilich sind auch hier die vielfältigsten Formen der Reflexion zu unterscheiden. Zwischen den Konzeptionen des Zusammenhangs der gesellschaftli- chen Einheiten als Konsens oder als Balance in den positivisti- schen Gesellschaftslehren des 19. Jahrhunderts oder zwischen die- sen Lehren auf der einen Seite und einer empiristischen Kopie je- ner Zusammenhänge in einer modernen Darstellung gesamtwirtschaft- licher Kreisläufe auf der anderen Seite bestehen erhebliche Un- terschiede. Die Spezifik der Luhmannschen Konzeption komplexi- tätsreduzieren-der Sinnsysteme besteht zunächst offenbar darin, daß sie jenen Erscheinungs- und Wirkungszusammenhang der kapita- listischen Produktionsweise, zugleich aber auch einen bestimmten konstitutiven Mechanismus dieser Produktionsweise, von allen in- haltlichen Bestimmungen abstrahierend reflektiert. Diese abstra- hierende Reflexion der Verhältnisse abstrakter Arbeit erscheint freilich als ihrem Gegenstand in besonderem Maße angemessen. Die kapitalistische Produktionsweise hat sich offenkundig - seit der Formulierung der positivistischen Gesellschaftslehren in der Zeit des Kapitalismus der nachholenden Industrialisierung bzw. der freien Konkurrenz im 19. Jahrhundert In einem Maße zur Totalität entwickelt und alle gesellschaftlichen Elemente untergeordnet 15), daß der Abstraktionscharakter kapitalistischer Vergesell- schaftung ihre Gestalt beherrscht und in bestimmten Arten ihrer Reflexion bestimmend wird. Dies freilich legt auf den ersten Blick die Frage nahe, ob die Konzeption komplexitäts-reduzieren- der Systeme dann nicht doch mehr sei als bloße ideologische Ver- hüllung gesellschaftlicher Wirklichkeit. Trifft nicht, möchte man fragen, die Idee der Reduktion von Komplexität, dem Begriff der Abstraktion vom Gebrauchswert wahlverwandt, geradezu das Wesen kapitalistischer Vergesellschaftung? Die Antwort hierauf ist nicht einfach, weil die Frage nicht umfassend genug gestellt ist. Als erster Schritt muß hervorgehoben werden, daß die Eigenart ka- pitalistischer Produktion nicht allein in der Verwandlung von konkreter Arbeit in abstrakte und von Gebrauchswert in Tauschwert besteht, sondern in einer eigentümlichen Form der Erzeugung und Aneignung von Mehrprodukt: im Gebrauch von Arbeitskraft oder ab- strakter Arbeit zwecks konkreter Verausgabung in der Warenproduk- tion mit Produktionsmitteln in fremdem Eigentum. Diese Form der Mehrarbeit ist Grundlage der gewaltigen Entfaltung von gesell- schaftlicher Produktivkraft und Naturbeherrschung im Kapitalis- mus, Die Abstraktion von konkreter Arbeit, konkretem Gebrauchs- wert und konkreter Gesellschaftlichkeit zugunsten abstrakter Lohnarbeit, abstrakten Wertes und abstrakter Tauschbeziehungen ist also nur ein Mittel der vollen Auspressung der Arbeitskraft, der reibungslosen Aneignung von Mehrprodukt und vor allem der dauernden Steigerung gesellschaftlicher Produktivkraft und Natur- beherrschung in der Form des Antagonismus von Lohnarbeit und Ka- pitalverwertung. Diese Entfaltung von gesellschaftlicher Produk- tivkraft und Naturbeherrschung ist zugleich Grundlage der Ver- vielfachung möglicher gesellschaftlicher Zustände und gesell- schaftlichen Geschehens in der sozialistisch organisierten Pro- duktion. Wesen der kapitalistischen Produktionsweise ist mithin, in der Terminologie Luhmanns, nicht lediglich die Reduktion von Komplexität, sondern - in einer noch näher zu bestimmenden Weise - die Produktion von Komplexität mittels Reduktion von Komplexi- tät. Dieser Sachverhalt nun ließe sich trefflich gegen die Vermu- tung ins Feld führen, Luhmanns These der Reduktion von Komplexi- tät reflektiere etwas vom Wesen des Kapitalismus, wäre Luhmann die Mehrdeutigkeit des Komplexitätsbegriffes und eine gewisse Einseitigkeit des Reduktionsbegriffes nicht schon frühzeitig vor- gehalten worden 16) und hätte Luhmann solche Einwände nicht in- zwischen geschickt verarbeitet. 17) Nachdem Luhmann zu der Auf- fassung gelangt ist: "Steigerung durch Reduktion von Komplexität verliert den Anschein einer widersprüchlichen Formulierung, wenn man unter Komplexität etwas nur Mögliches versteht" 18) und zugleich die "Erzeugung von Möglichkeiten ... als strukturabhän- gige Leistung zu begreifen" versucht 19), kann man nicht umhin anzuerkennen, daß Luhmanns Konzeption von Systemaktivität eine Einheit von reduktiven und produktiven Momenten der Systemaktivi- tät 20) abstrakt reflektiert, welche in der Tat typisch für die kapitalistische Produktionsweise ist. Deren Wesen bringt sie gleichwohl nicht zum Ausdruck. Denn die Verhüllung der wirklichen Verhältnisse durch die bürgerlichen Gesellschaftslehren gründet ja in der Vernachlässigung der Eigenart der jeweiligen Gesell- schaftsform, und diese Eigenart besteht in der Art und Weise, in der jeweils der materielle Austausch zwischen "Mensch" und "Natur" kollektiv-praktisch bewältigt wird. Die kapitalistische Form der produzierenden Vermittlung zwischen "Mensch" und "Natur", die Leistung und Aneignung von Mehrarbeit im Verhältnis von Lohnarbeit und Kapitalverwertung, impliziert eine radikale Reduktion der wirklichen Vielfalt des Zusammenhangs gesellschaft- licher Tätigkeiten und seiner einzelnen Teile und Glieder, die zugleich eine enorme Produktion möglicher Geschehnisse und Zu- stände bedeutet - von der Verwirklichung abgeschnitten allein durch die Struktur der herrschenden Produktionsweise selbst. Die abstrahierende Reflexion der "Systemtheorie" Luhmanns bekommt diese Dialektik von Möglichkeit und Wirklichkeit, weit davon ent- fernt, sie auszudrücken, nur in äußerlichen Bestimmungen zu fas- sen, die bar jeden gesellschaftlichen Inhalts sind, weil sie die historische und materialistische Inhaltsbestimmung der Einheit von Reduktivität und Produktivität nicht vollzieht. Inhalt dieser Einheit ist die sich steigernde Erzeugung von Mehrprodukt durch den konkreten Gebrauch abstrakter Arbeit. Indem die Konzeption sinnkonstituierender Systeme genau von diesem Inhalt abstrahiert, fetischisiert sie die gegebene Systemstruktur. 21) Drittens: welcher Art sind eigentlich die Erkenntnisfortschritte, welche systemwissenschaftlich orientierte sozialwissenschaftliche Forschungen anscheinend - allen Mängeln soziologischer Systemkon- zeptionen zum Trotz - erzielen konnten und wodurch sind sie be- gründet? H. Wagner geht meines Erachtens zu recht davon aus, daß die Verwendung systemtheoretischer Modelle in den Sozialwissen- schaften bestimmte Erkenntnisgewinne ermöglicht hat. 22) Es stellt sich dann freilich sogleich die Frage, weshalb solche Er- kenntnisse erzielt werden konnten und welcher Art diese Erkennt- nisse sind. Diese Frage stellt sich umso mehr, als es sich bei diesen systemtheoretischen Modellen offenkundig nicht um hinrei- chend begründete und ausgearbeitete Modelle sozialer Systeme han- delt (da die Konstruktion spezifischer Modelle sozialer Systeme von der sozialwissenschaftlichen Theorie bislang nicht geleistet wurde), sondern um einen auf gesellschaftliche Erscheinungen hin spezifizierten kategorialen und methodologischen Apparat, der ei- nerseits den Naturwissenschaften und den Technikwissenschaften, andererseits den allgemeinen Systemwissenschaften entstammt und mehr oder minder vollkommen, meist nur bruchstückhaft, in die So- zialwissenschaften übernommen wurde. Es muß zunächst hervorgeho- ben werden, daß die sozialwissenschaftliche Verwendung von Sy- stemmodellen nicht an die Anwendung strukturell-funktionaler Fra- gestellungen gebunden ist, so wie sich strukturell-funktionale Fragestellungen durchaus auch unabhängig von der Verwendung sy- stemtheoretischer Modelle verfolgen lassen. Der verbreiteten An- nahme, die Konzeption von sozialer Realität als System schließe eine Hypostasierung der gegebenen Struktur ein, ist schon dadurch die Grundlage entzogen. 23) In der Tat betrifft ein nicht unbe- trächtlicher Teil der Erkenntnisse, die die Anwendung systemwis- senschaftlicher Kategorien auf soziale Phänomene her vorgebracht hat, Vorgänge der Veränderung sozialer Strukturen, meist freilich von Strukturen in Teilbereichen des Erscheinungs- und Wirkungszu- sammenhangs der jeweiligen Gesellschaft. 24) Vielfältige Bei- spiele liefert die soziologische Analyse sozialer Organisationen, von Vereinen und Verbänden über Produktions- und Dienstleistungs- betriebe bis zur Behördenorganisation, insbesondere hinsichtlich der Auswirkungen von Veränderungen des gesamtgesellschaftlichen Bedingungskranzes auf die Struktur und auf die Operationen orga- nisatorischer Systeme. Mit diesem Hinweis lassen sich zugleich Art und Grundlage solcher soziologischer Erkenntnisse verdeutli- chen. Es handelt sich um Erkenntnisse, die mittels einer Übertra- gung von systemwissenschaftlichen Kategorien auf ihrerseits sy- stematisch organisierte Phänomene der sozialen Realität gewonnen werden und damit in erster Linie um zusätzliches geordnetes Wis- sen über beobachtbare Vorgänge, welche ohne die systemwissen- schaftlich inspirierte Systematisierung der Anschauungsvielfalt kaum zu beobachten wären. Die Verwendung von Systemmodellen - und zwar, wie die Praxis empirischer Forschung zeigt, die (willkürliche) Verwendung irgendeiner der vielen vorhandenen Ar- ten von Systemmodellen - drängt sich vom Forschungsgegenstand her auf. Hingegen ist zu bezweifeln, daß die - wegen des Fehlens ei- ner theoretischen Begründung und Ausarbeitung von Modellen sozi- aler Systeme grundsätzlich willkürliche - Nutzung systemwissen- schaftlicher Begriffe und Verfahren in der bürgerlichen Sozial- wissenschaft über diesen Zuwachs an Beobachtungswissen auch Zu- wächse an Gesetzeserkenntnis vermittelt. Die Regelmäßigkeiten im organisatorischen sozialen Geschehen, die im Bereich der system- wissenschaftlich orientierten empirischen Soziologie aufgedeckt werden und ein erster Schritt zur Erkenntnis gesellschaftlicher Gesetzmäßigkeiten sein könnten, treten unter gesamtgesellschaft- lich gesetzten Bedingungen der Existenz des organisatorischen Sy- stems auf. Solange diese Bedingungen nicht erkannt und begriffen sind, bleiben auch die wirklichen Regelmäßigkeiten des Erschei- nungs- und Wirkungszusammenhangs der Gesellschaftsformation uner- kannt und unbegriffen. Davon bleibt unberührt, daß die sozialwis- senschaftliche Erforschung systemischer Beziehungen in dieser äu- ßeren Gestalt von Vergesellschaftung eine Aufgabe von wachsender Bedeutung ist. Die zunehmende Systematisierung des Zusammenhangs der gesellschaftlichen Produktivkräfte 25), die weiter wachsende Konzentration und Zentralisierung von Kapital und der organisato- rische Ausbau des staatlichen Überbaus im gegenwärtigen Kapita- lismus vervielfachen die Felder organisatorisch systematisierter Sozialbeziehungen in dieser Produktionsweise. Ihre angemessene Erforschung setzt aber eine weitere Klärung des Verhältnisses von ökonomischer Konstitution und praktischer Realisierung der Verhältnisse und der Entwicklung der Gesellschaftsformation vor- aus, die insbesondere eine theoretische Begründung und Ausarbei- tung von Modellen leisten müßte, welche Systeme empirischer sozi- aler Aktivität abbilden. 26) Viertens: Wie ist die Meinung zu beurteilen, daß die Einbettung von Systemtheorie in die historisch-materialistische Gesell- schaftstheorie zum besseren Verständnis gesellschaftlicher Ver- hältnisse beitrage? Alle bislang vorgetragenen Überlegungen kön- nen zunächst die Auffassung von H. Wagner bestätigen, daß "eine Systemtheorie ohne explizite Einbettung in den Rahmen einer mate- rialistischen gesamtgesellschaftlichen Theorie selbst keine ge- sellschaftlichen Analysen ermöglicht, sondern den Zugang zu ihnen verstellt". 27) Hierfür sprechen auch wissenschaftsgeschichtliche Erfahrungen, insbesondere der wenig erfolgreiche Versuch der Übertragung kybernetischer Kategorien auf gesamtgesellschaftliche Verhältnisse von G. Klaus, dem - wenn ich recht sehe "jedenfalls bei der kybernetischen Modellierung der kapitalistischen Produk- tionsweise keine hinreichende Einsicht in deren antagonistischen Charakter zugrunde lag. 28) Allerdings stellt sich die Frage, ob eine Einbettung systemtheoretischer Modelle und Methoden in die historisch-materialistische Theorie der Gesellschaft umgekehrt zu besserer gesellschaftswissenschaftlicher Erkenntnis verhelfen könnte. Diese scheinbar einleuchtende Auffassung aber wirft mehr Fragen auf, als durch sie erledigt werden. Zu fragen wäre zunächst, welche systemtheoretischen Modelle und Methoden denn in die Gesellschaftslehre einzubetten wären. Sind es Konzeptionen beispielsweise nach dem Muster organischer oder nach dem Muster thermodynamischer Systeme? Kategorien beispielsweise eines sta- tionären oder eines sich entwickelnden Systems? Strategien der Selbstregelung beispielsweise nach dem kybernetischen oder nach dem homöostatischen Prinzip? Methoden beispielsweise der Spiel- theorie oder der Entscheidungstheorie? Zu fragen wäre auch, auf welchen Gegenstandsbereich historisch-materialistischer Theorie sich eine Einarbeitung von Systemtheorie vor allem beziehen solle. Geht es um eine systemtheoretische Formulierung des Histo- rischen Materialismus im ganzen, um eine Einbettung von System- theorie in die Theorie der Gesellschaftsformationen überhaupt, um eine systemtheoretisch ergänzte gesellschaftstheoretische Bear- beitung der Verfassung und/oder Gestalt einer bestimmten Gesell- schaftsformation? Und wenn wir uns auf die Frage beschränken, ob eine Einbettung der Grundbegriffe, Grundannahmen und Grundgedan- ken einer Systemtheorie im Allgemeinen - also gleichsam des ge- meinsamen Erkenntnisgrundbestands aller Systemwissenschaft - in die theoretische Konzeption der ökonomischen Gesellschaftsforma- tion nützlich ist, stellen sich sogleich weitere Fragen ein: ist die theoretische Konzeption der ökonomischen Gesellschaftsforma- tion so unvollkommen, daß sie der Inkorporation von Systemtheorie bedarf? Wenn ja: warum soll gerade Systemtheorie diese Mängel heilen helfen, und wenn sie es kann, sollte man sich dann nicht lieber auf die gesellschaftswissenschaftliche Entwicklung des Sy- stemkonzepts der Systemtheorie konzentrieren? Wenn nein: wenn die theoretische Konzeption der ökonomischen Gesellschaftsformation schon einigermaßen brauchbar ist, warum soll man sich der Mühe unterziehen, Systemtheorie in sie einzubetten, und warum gerade Systemtheorie, welche den Sozialwissenschaften bislang schließ- lich nur begrenzte Erkenntnisfortschritte vermittelt hat? Ich sehe keine einleuchtenden Gründe, sich von einer Einbettung von Systemtheorie in Gesellschaftstheorie besondere Erkenntnisfort- schritte zu versprechen. Gleichwohl spielen der Begriff des Sy- stems und die Einsichten, welche die Wissenschaften über Systeme im allgemeinen gewonnen haben, für das Verständnis und für die Weiterentwicklung der historisch-materialistischen Gesellschafts- lehre meines Erachtens eine erhebliche Rolle. Grundlage dieser Auffassung ist der Sachverhalt, daß der Gegenstand der histo- risch-materialistischen Gesellschaftslehre im Allgemeinen, die ökonomische Gesellschaftsformation, bereits als System konzipiert ist. Vergesellschaftung stellt hiernach stets ein System gesell- schaftlicher Produktion dar, dessen Funktionen in der kollektiv- praktischen Vermittlung, Regelung und Steuerung des materiellen Austausches zwischen den vergesellschafteten menschlichen Orga- nismen und der vergesellschafteten außermenschlichen Natur beste- hen. Aufgabe der Gesellschaftslehre ist es, diese Konzeption ge- sellschaftlicher Systeme überhaupt in Theorien über die Verfas- sung und Entwicklung der verschiedenartigen, geschichtlich be- stimmten Gesellschaftsformationen umzusetzen. Die historisch- materialistische Gesellschaftstheorie geht somit bereits von der Auffassung des Systemcharakters von Vergesellschaftung aus und bezeichnet vor allem die Eigenart von Systemen gesellschaftlicher Produktion, die sie von anderen materiellen Systemen unterschei- det, sehr genau. Zu meinen, diese Konzeption gesellschaftlicher Formationen durch Inkorporation allgemeiner systemtheoretischer Begriffe verbessern zu können, ist irrig, weil die Kategorien der generalisierenden Systemtheorie ja erklärtermaßen von der Eigen- art bestimmter Systeme abstrahieren. Aus demselben Grunde tragen Annahmen und Aussagen der allgemeinen Systemtheorie auch zur Er- klärung des spezifischen Verhaltens gesellschaftlicher Systeme nichts bei. 29) Dies spricht indessen nicht gegen, sondern durch- aus für die Ausarbeitung des Systemcharakters ökonomischer Ge- sellschaftsformation durch die historisch-materialistische Theo- rie. Zunächst hat diese Theorie gegenüber den pseudo-systemtheo- retischen Argumentationen in den Sozialwissenschaften offenkundig noch nicht hinreichend deutlich machen können, daß die Theorie ökonomischer Gesellschaftsformationen - und keine andere angebli- che soziologische Systemtheorie - im Bereich der Gesellschafts- wissenschaften auf dem inzwischen erreichten katagorialen und me- thodischen Niveau der Realwissenschaften operiert. Zweitens wird die weitere Ausarbeitung des Systemcharakters menschlicher Verge- sellschaftung die materialistisch! Auffassung verdeutlichen hel- fen, daß menschliche Gesellschaften lediglich die höchstent- wickelte Form in der Entwicklungsgeschichte materieller Systeme darstellen. Und drittens wird die Theorie ökonomischer Gesell- schaftsformationen dadurch, daß sie ihren Gegenstand als System begreift und darstellt, sich eines strategischen Vorteils in der Theorieentwicklung versichern können, den die bürgerliche Denk- weise entbehrt: sie kann Fragestellungen und Einsichten der gene- ralisierenden Systemwissenschaft - deren umstandslose Übertragung oder Einbettung in Gesellschaftstheorie freilich nicht möglich ist - in ihrer eigenen Weiterentwicklung verarbeiten - sei es als Anregung zu eigenständigen Fragen und Antworten, sei es als all- gemeine Leitlinie zu entwickelnder Lehrstücke, welche Lücken in der allgemeinen oder in einer besonderen Theorie ökonomischer Ge- sellschaftsformationen schließt. Damit kann zum Schluß die Fragestellung "Soziologische System- theorie als Gegensatz zur Gesellschaftstheorie" in etwas bestimm- terer Weise behandelt werden, als das vor dem Durchgang durch die vier erörterten Fragen möglich war. Mit der Fragestellung kann e r s t e n s kein Gegensatz einer soziologischen Systemtheorie im strengen Sinne zu einer, wie immer gearteten, Gesellschafts- theorie gemeint sein, denn eine soziologische Systemtheorie, die diesen Namen verdiente, gibt es bislang ebensowenig wie eine kon- sistente und empirisch gehaltvolle Konzeption sozialer Systeme selbst - es sei denn, man will die Theorien ökonomischer Gesell- schaftsformationen als soziologische Systemtheorien bezeichnen. Man kann z w e i t e n s mit guten Gründen behaupten, daß die pseudosystem-theoretischen Konzeptionen eines Gegenstandsberei- ches der Soziologie, zumal diejenigen, welche eine Konzeption ge- sellschaftlicher Systeme zu formulieren vorgeben, in einem ge- nauen Gegensatz zur historisch-materialistischen Gesellschafts- theorie stehen; und zwar deshalb, weil sie die Einsicht in die Eigenart menschlicher Vergesellschaftung im allgemeinen und in die Eigenart kapitalistischer Vergesellschaftung im besonderen, welche die historisch-materialistische Theorie erarbeitet hat, versperren. Man kann d r i t t e n s davon ausgehen, daß die Verwendung systemwissenschaftlicher Modelle und Methoden in der empirischen Sozialforschung, die zu einer begrenzten Vermehrung des soziologischen Tatbestandswissens insbesondere über organisa- torische Sozialphänomene geführt hat, zu einer Vermehrung von Ge- setzeswissen über Regelmäßigkeiten des Erscheinungs- und Wir- kungszusammenhangs der kapitalistischen Produktionsweise beitra- gen könnte; dies setzte freilich die gesellschaftstheoretische Erarbeitung von Modellen der verschiedenen Systeme sozialer Akti- vitäten voraus, welche die konstitutiven Verhältnisse der Produk- tionsweise realisieren. V i e r t e n s muß betont werden, daß soziologische Systemtheorie insofern keinen Gegensatz zur Gesell- schaftstheorie in ihrer historisch-materialistischen Ausarbeitung darstellt, als die Theorie ökonomischer Gesellschaftsformationen auf einer Konzeption gesellschaftlicher Systeme - und zwar der derzeit einzig brauchbaren Konzeption gesellschaftlicher Systeme - beruht; die Verdeutlichung und Entfaltung des systemtheoreti- schen Gehalts der Theorie ökonomischer Gesellschaftsformationen wäre der Selbstdarstellung der historisch-materialistischen Ge- sellschaftslehre, ihrem Dialog mit anderen Wissenschaften und vor allem der Weiterentwicklung dieser Theorie selbst nur förderlich. Es soll nicht verschwiegen werden, daß die Ausarbeitung des sy- stemtheoretischen Gehalts der historisch-materialistischen Ge- sellschaftstheorie noch in den Anfängen steckt und oft durch sehr verschiedenartige Auffassungen grundlegender Sachverhalte gekenn- zeichnet ist. Bereits die zentrale Frage nach den konstitutiven Elementen und Relationen des Systems "ökonomische Gesellschafts- formation" oder einer Produktionsweise sowie nach dem Charakter seiner konstitutiven Struktur wird in der marxistischen Literatur alles andere als einheitlich beantwortet und bleibt häufig genug im Unklaren. 30) Gleichwohl lassen sich diese Probleme lösen, zumal dann, wenn die Weiterentwicklung der Konzeption der ökono- mischen Gesellschaftsformation sich noch stärker als bisher um ein vergleichendes Begreifen verschiedenartiger Gesellschaftsfor- mationen bemüht. 31) Zu den weitgehend unbewältigten Aufgaben ge- hört auch die genauere Fassung des Umweltbezugs gesellschaftli- cher Systeme, die mit der Formel "Wechselwirkung zwischen Natur und Gesellschaft" noch nicht zureichend bewältigt ist. 32) Auszu- arbeiten ist ein Begriff gesellschaftlicher Systeme, der die na- türlichen - wie immer auch durch gesellschaftliche Praxis geform- ten - Umwelten solcher Systeme in ihrem gleichsam naturdialekti- schen Spannungsverhältnis begreift, das in dem zwischen menschli- cher und außermenschlicher Natur vermittelnden System gesell- schaftlicher Produktion wiederkehrt und dieses als sich entwic- kelndes System konstituiert. 33) Schließlich ist die Theorie ei- ner bestimmten Gesellschaftsformation als dynamische Theorie die- ses Systems zu konzipieren. Die Herausarbeitung der Entwicklungs- gesetzlichkeit, welche eine Formation wie den Kapitalismus kenn- zeichnet, im Allgemeinen 34) ergibt noch nicht die Theorie der Entwicklung des Systems. Anzustreben ist vor allem eine weitere Ausarbeitung der von K. Marx begründeten Theorie der Entwick- lungsabschnitte einer Formation, in der der Übergang zu neuen Stufen der Formationsentwicklung - der Übergang zum Kapitalismus der freien Konkurrenz, die Ablösung des Kapitalismus der freien Konkurrenz beispielsweise - als eine Änderung der Strategie der Reproduktion des Systems zwecks Steigerung seiner Problemlösungs- kapazität begriffen wird; eine Änderung, welche durch ihrerseits zu erklärende Selbstbeschränkungen der Entwicklungsfähigkeit des Systems im jeweils vorangegangenen Entwicklungsabschnitt erzwun- gen wird. 35) Begreift man die kapitalistische Produktionsweise vor allem als eine besondere Form der Systeme materieller Produk- tion, welche entgegengesetzte Naturmomente verschränken und schrittweise Problemlösungskapazität entfalten, während ihre ei- gene Struktur dieser Vermittlungs- und Entwicklungsfähigkeit Schranken setzt dann wird man auch zum Verständnis des gegenwär- tigen "spätkapitalistischen" Abschnitts der Entwicklung dieser Produktionsweise, zu dem bereits verschiedene theoretische Ent- würfe marxistischer Autoren wesentliches beitragen, neue Zugänge gewinnen können. Ich vermute im übrigen, daß eine Ausarbeitung des Systemprinzips, das der Konzeption ökonomischer Gesell- schaftsformationen innewohnt, mehr Ähnlichkeiten zwischen dem Verhalten gesellschaftlicher Systeme und dem Verhalten materiel- ler Systeme anderer Art hervortreten lassen wird, als es sich ein in geisteswissenschaftlichen Traditionen befangener Sozialwissen- schaftler träumen läßt. An der Notwendigkeit, dieses Verhalten geschichtlich bestimmter gesellschaftlicher Systeme mit spezi- fisch gesellschaftswissenschaftlichen Kategorien und Theorien zu beschreiben und zu erklären, ändert sich dadurch nichts. _____ 1) Vgl. beispielsweise die zwar im Grundsatz richtige, aber doch recht unvermittelte Vereinnahmung des Systembegriffs durch V. Stoljarow: Zu Marx' Auffassung vom Systemcharakter der Gesell- schaft, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 16, 1968, S. 415-426; umgekehrt die im Ergebnis nicht falsche, aber kaum in die Sache eindringende Abwehr "bürgerlichen Systemdenkens" bei B. Meurer: Kritische Bemerkungen zur Systemtheorie, in: Das Argument 15, 1973, Nr. 83, S. 883-908. 2) B. Heidtmann: Niklas Luhmann und die Systemtheorie - im Lichte der Marxschen Hegel-Kritik. In: Sozialistische Politik 6, 1975, Nr. 32,S. 5-35. 3) H.Wagner: Gesellschaftliche Analyse mit Luhmanns Systemtheo- rie. In: Sozialistische Politik 8, 1976, Nr. 34/35, S. 37-49. 4) Heidtmann, a.a.O., S. 5. 5) Vgl. ebenda S. 27-35. 6) Wagner, a.a.O., S. 37. 7) Ebenda. 8) Vgl. Heidtmann, a.a.O., S. 5. 9) Vgl. G.C. Homans: Theorie der sozialen Gruppe. Köln, Opladen 1960. Vgl. als neusten Versuch: R. Münch: Theorie sozialer Sy- steme, Opladen 1976. 10) K.H. Tjaden: Soziales System und sozialer Wandel. 2. Aufl., Stuttgart, München 1972. 11) Vgl. hierzu: C. Warnke. Die "abstrakte" Gesellschaft. Berlin 1974. S. 41 ff. 12) Vgl. Heidtmann, a.a.O., S. 30-35. 13) Vgl. hierzu besonders die umfangreiche Untersuchung von B. Tuschling: Die "offene" und die "abstrakte" Gesellschaft, Unter- suchungen zur Konzeption von Vergesellschaftung bei Habermas und in der klassisch-bürgerlichen Rechts- und Sozialphilosophie, Ma- nuskript 1977, insbes. Teil 2; auch B. Tuschling: Rechtsstaat und Produktionsverhältnisse, Frankfurt/M., Köln 1976. 14) Vgl. hierzu B. Heidtmann: Systemwissenschaftliche Reflexion und gesellschaftliches Sein. Manuskript 1977, bes. S. 17 ff. 15) Vgl. K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1953, S. 189. 16) Vgl. z.B. K.H. Tjaden: Zur Kritik eines funktional-struktu- rellen Entwurfs sozialer Systeme, in: Kölner Zeitschrift für So- ziologie und Sozialpsychologie 21, 1969, S. 752-769, hier S. 758- 760. 17) Vgl. J. Habermas, N. Luhmann: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie? Frankfurt/M. 1971, S. 292-316. 18) Ebenda S. 311. 19) Ebenda S. 315. 20) Vgl. K.H. Tjaden: Soziales System und sozialer Wandel, 2. Aufl., a.a.O., S. 281 f. 21) Vgl. dazu Luhmann in Habermas, Luhmann, a.a.O., S. 315 f. 22) Vgl. Wagner, a.a.O., S. 37. 23) Am Rande sei darauf hingewiesen, daß auch die - zweifellos von einer gegebenen Struktur ausgehende - strukturell-funktionale Verfahrensweise nicht, wie es ein immer noch verbreitetes Vorur- teil will, die Untersuchung von Veränderungen ausschließt, ganz abgesehen davon, daß sie natürlich in eine Konzeption strukturel- ler Transformationen eingebettet sein kann. Vgl. hierzu: M. Gues- sous: Probleme der Instabilität sozialer Systeme, in: K.H. Tjaden (Hrsg.): Soziale Systeme. Neuwied, 1971, S. 226-246. 24) Von bestimmten kulturanthropologischen Analysen gesamtgesell- schaftlichen Strukturwandels unter Verwendung systemtheoretischer Kategorien sehe ich hier ab. 25) Vgl. zur Veranschaulichung: G. Ropohl, Systemtechnik - Grund- lage und Anwendung. München, Wien 1975. 26) Vgl. hierzu: K.H. Tjaden: Soziale Systeme und gesellschaftli- che Totalität, in: D. Hülst u.a.: Methodenfragen der Gesell- schaftsanalyse. Frankfurt/M. 1973, S. 49-72. 27) Wagner, a.a.O., S. 37. 28) Vgl. G. Klaus: Kybernetik und Gesellschaft, Berlin 1964, S. 37 ff. 29) Vgl. L. von Bertalanffy: The History and Status of General Systems Theory, in: G.J. Klir (Hrsg.): Trends in General Systems Theory. New York 1972. S. 21-41, hier S. 31. 30) Vgl. z.B. L. Althusser, E. Balibar: Das Kapital lesen. Rein- bek 1972, Bd. II, S. 280 ff; M. Godelier: System, Struktur und Widerspruch im "Kapital". Berlin 1970, S. 4 ff; E. Hahn: Soziolo- gische Systemauffassung und soziale Prognose, in: E. Hahn, Theo- retische Probleme der marxistischen Soziologie. Köln 1974. S. 253-276, bes. S. 260. 31) Vgl. als Ansatz: K.H. Tjaden: Zur historisch-materialisti- schen Entwicklungstheorie, in: Zwischenbilanz der Soziologie. Verhandlungen des 17. Deutschen Soziologentages . Stuttgart 1976, S. 70-77, hier S. 70. 32) Vgl. z.B. E.K. Fjodorow: Die Wechselwirkung zwischen Natur und Gesellschaft. Berlin 1974. 33) Vgl. K.H. Tjaden: Naturevolution, Gesellschaftsformation, Weltgeschichte, in: Das Argument 19, 1977, Nr. 101, S. 8-55, bes. S. 17-35. 34) Vgl. M.M. Rosental: Die dialektische Methode der politischen Ökonomie von Karl Marx. Berlin 1973, S. 27 ff. 35) Vgl. als Ansatz: H.J. Krysmanski, K.H. Tjaden: Historical-ma- terialistic Theory of Development, in: H. Strasser (Hrsg.): Ex- plaining Social Change, London 1977 (im Erscheinen); Teil 3.3.3. zurück