Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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       Diskussion & Kritik
       Philosophie und Politik bei Althusser - Kritische Beiträge (2)
       
       Pierre Franzen
       

DIE AKTUALITÄT SPINOZAS IN DER MARXISTISCHEN THEORIE ALTHUSSERS *). BEMERKUNGEN ZUM VERHÄLTNIS VON MATERIALISMUS UND DIALEKTIK

"Die wahrhafte Widerlegung muß in die Kraft des Gegners eingehen und sich in den Umkreis seiner Stärke stellen; ihn außerhalb sei- ner selbst anzugreifen und da Recht zu behalten, wo er nicht ist, fördert die Sache nicht." (Hegel zu seiner Spinoza-Kritik. Wis- senschaft der Logik. II, S. 251.) Zu Althussers Rationalismus der ------------------------------- wissenschaftstheoretischen Dialektik ------------------------------------ Geht man von der Einschätzung aus, daß Althusser in seinem Bei- trag 'Ist es einfach, in der Philosophie Marxist zu sein? ' 1) Aufschluß und Rechenschaft über die philosophischen und wissen- schaftstheoretischen Grundlagen seiner 'Thesen' gibt, ist es na- heliegend, von der Aktualität Spinozas in seinen Schriften zu re- den. Waren in seinen früheren Arbeiten immer wieder Hinweise auf Spinoza zu finden, wenn auch eher beiläufig als systematisch, so scheint es spätestens seit dem Erscheinen der 'Elemente der Selbstkritik' 2) klar zu sein, daß Althussers Programm, t h e o- r e t i s c h e Probleme in der marxistischen Philosophie w i s s e n s c h a f t l i c h a u f d e n B e g r i f f z u bringen, in engem Zusammenhang mit seiner Spinoza-Rezeption steht. Althussers theoretische Absicht, das Selbstverständnis der marxistischen Philosophie auf der Grundlage einer materiali- stischen Wissenschaftstheorie zu klären, hat er bereits in 'Das Kapital lesen' formuliert und festgehalten, daß die "grundlegende wissenschaftstheoretische Frage ... den Gegenstand der marxistischen Philosophie überhaupt bildet." 3) Sieht man von den Problemen Althussers doppelter Lektüre des 'Kapital' ab, die eine kritische Reflexion des theoretischen Be- zuges der -wissenschaftlichen auf die philosophische und der phi- losophischen auf die wissenschaftliche Lektüre" 4) umfaßt, ver- tritt er die Ansicht, daß Marx' wissenschaftliche Entdeckung, die historisch-materialistische Theorie der Geschichte, eine "völlig neue philosophische Denkweise einleitet". 5) Wenn nun im folgenden nach der neuen wissenschaftlichen Pro- blemstellung in der marxistischen Philosophie gefragt wird, die Althusser bei Marx herausgearbeitet hat, werden wir von ihm er- neut in einem Ausmaß auf Spinoza verwiesen, daß die Vergegenwär- tigung dieses philosophisch-historischen Hintergrundes zum Ver- ständnis seiner Grundthesen notwendig erscheint. Sah Althusser "vom philosophischen Standpunkt in Spinoza den einzigen direkten Vorgänger von Marx" 6), bekräftigt er neuerdings in aller Deut- lichkeit, daß "nicht nur der Marx der 'Einleitung' von 57, der faktisch Hegel mit Spinoza bekämpft, sondern auch der Marx des 'Kapital' und ebenso Lenin in ihren Positionen durchaus ein enges Verhältnis zu den Positionen Spinozas unterhalten" /22/. Anderer- seits wird es notwendig, den "Umweg über Spinoza zu gehen, um zu verstehen, weshalb Marx über Hegel gehen mußte" /8/, notwendig deshalb, um die "theoretische Abgrenzung in der Arbeit an ihrer Differenz" /8/ zu gewinnen. In dieser Hinsicht greift Althussers Rekurs auf Spinoza auf die Philosophie-historische Konstellation zurück, in der es sich um eine Aktualisierung der H e g e l- s c h e n S p i n o z a - K r i t i k aus m a r x i s t i- s c h e r Sicht handelt. Hegels Zugeständnis an Spinoza, daß dieser "Standpunkt (der Substanz) zuerst als wesentlicher und notwendig anerkannt werde" 7), stellt für Althusser den philosophie-historischen Ausgangspunkt der materialistischen Idealismus-Kritik dar. Denn Hegel, der seine Spinoza-Kritik im Programm der Begriffslogik zu realisieren beansprucht, sieht darin "die einzige und wahrhafte Widerlegung des Spinozismus. Sie ist die Enthüllung der Substanz, und diese ist die Genesis des Begriffs." 8) Nach Althusser hat demnach die materialistische Hegel-Kritik we- sentlich von Spinoza auszugehen, da sie in nuce bei Spinoza be- reits vorweggenommen ist. Damit folgt Althusser der Auffassung Feuerbachs, der entscheidend zum materialistischen Bild Spinozas beigetragen hat. 9) Althussers Hinweis, daß der theoretische Zu- gang zum Materialismus- und Erkenntnisproblem unter dem marxisti- schen Gesichtspunkt die philosophischen Prämissen Spinozas in Be- tracht zu ziehen hat, erfordert eine nähere Behandlung eines Alt- hussers Theorie charakterisierenden Problemzusammenhangs. Deshalb beschränken wir uns auf das zentrale Problem, das Althus- sers Grundthese ausmacht und zugleich ein konstitutives Element seiner Marxinterpretation, die elementar eine materialistische Verarbeitung von Spinozas Grundgedanken beinhaltet. Es handelt sich hier dabei um das Determinierungsproblem, das bei Spinoza einen materialistischen Aspekt darstellt, den Althusser bei Marx sowohl wissenschaftstheoretisch wie erkenntnistheoretisch kri- tisch verarbeitet sieht. Althusser präzisiert die Fragestellung wie folgt: "Die Determina- tion der Elemente eines Ganzen durch dessen Struktur denken zu wollen hieß, ein absolut neues Problem stellen, was große theore- tische Schwierigkeiten mit sich brachte. Der einzige Theoretiker, der die unerhörte Kühnheit besaß, dieses Problem zu stellen und auch eine erste Lösung zu entwerfen, ist Spinoza." 10) Was im folgenden insbesondere interessiert, ist Althussers Bezug- nahme auf Spinoza, insoweit jener der Ansicht ist, daß in der E r k e n n t n i s l e h r e Spinozas die theoretischen und me- thodologischen Bestandteile vorgeformt sind, die die Grundlage der Begriffsbildung in der marxistischen Philosophie sind und zur Entwicklung einer materialistischen Wissenschaftstheorie wesent- lich beitragen. Zieht man Althussers 'Kapital'-Lektüre in Betracht, läßt sich feststellen, daß er Marx' Frage, wie die D e t e r m i n i e- r u n g d u r c h Verhältnisse zu denken sei, einen zentralen Stellenwert einräumt und den Sachverhalt mit dem Begriff 'strukturale Kausalität' theoretisch zu fassen versucht. Es geht Althusser hierbei darum, das Problem der Wirksamkeit zu denken, weil im schärfsten Gegensatz zur Hegelschen Dialektik Marx die unterschiedlichen ökonomischen, politischen, ideologischen Realitäten, deren Wirksamkeit und Dialektik differenzierte; ein Sachverhalt, der nach Althusser auf Spinoza verweist. "Die Struktur ist ihren Wirkungen immanent, sie ist eine ihren Wirkungen immanente Ursache - im Sinne Spinozas; ihre ganze Existenz besteht in ihren Wirkungen." 11) Wenn nun andererseits Althusser den Begriff 'strukturale Kausali- tät' zum Gegenstand seiner 'Selbstkritik' macht und ihn als einen strukturalistisch konzipierten Gedanken Spinozas denunziert, hal- ten wir fest, daß Althussers Begriff 'dialektisch-materialisti- sche Kausalität' dem Inhalt nach denselben Sachverhalt zum Aus- druck bringt. 12) Zentraler Gegenstand ist für Althusser nach wie vor das Problem, wie im marxistischen Sinne das Determinierungs- prinzip theoretisch zu fassen ist. In welchem Sinne nun der Determinierungsgedanke für die philoso- phische Ausgangsfrage von grundlegender Bedeutung ist, zeigt Alt- hussers Bestimmung des V e r h ä l t n i s s e s v o n M a- t e r i a l i s m u s u n d D i a l e k t i k. Er hält die Spezifizierung dieser Verhältnisbestimmung für den Kern d e s p h i l o s o p h i s c h e n Problems in der marxistischen Theorie. Althussers Grundthese besteht darin, auf dem P r i- m a t des Materialismus gegenüber der Dialektik zu bestehen und dessen Anerkennung auf wissenschaftstheoretischer Grundlage zu begründen. Seiner Auffassung nach enthält diese Grundthese das marxistische Postulat, den historischen Materialismus als die theoretische Bedingung der materialistischen Dialektik zu be- greifen. "Ich meine in der Tat, daß die Frage der marxistischen Dialektik nur gestellt werden kann unter der Bedingung, daß man die Dialek- tik dem Primat des Materialismus unterwirft und untersucht, wel- che Formen sie annehmen muß, um die Dialektik d i e s e s Mate- rialismus zu sein." /16/ Damit ist die Frage nach der Erkenntnis durch die Determinie- rungsinstanz einer philosophischen Prämisse entschieden, die sich ihrer wissenschaftstheoretisch vergewissern will. Unter dieser theoretischen Voraussetzung nur sieht Althusser die materialisti- sche Dialektik vor den idealistischen Vereinnahmungen durch den mechanistischen und spekulativen Determinismus bewahrt. Die prak- tische Absicht, die Althusser in aller Klarheit mit dieser Grund- these verfolgt, ist gegen den "Dogmatismus und seiner rechten Kritik" innerhalb der marxistischen Philosophie gerichtet, gegen den "Ökonomismus und seinem humanistischen 'Supplement' in der Politik. /19/ Von Interesse bleibt also weiterhin, w i ex der Geltungs- und Realisierungsanspruch seiner Grundthese sich wissenschaftstheore- tisch ausweist, d.h. sich der Prinzipien "jenes Minimums an All- gemeinheit" auf materialistischer Grundlage zu versichern weiß, "ohne die es unmöglich wäre, konkrete Prozesse der Erkenntnis auszumachen und zu erkennen." /23/ Nach Althusser sind in Marx' Texten, insbesondere die methodolo- gische Erörterungen der 'Einleitung' von 1857 und die theoreti- sche Anwendung im praktischen Zustande des 'Kapital', die "Figuren" 14/ einer Topik elementar zur Darstellung gekommen, de- ren wissenschaftliche Explikation - so Althusser - in einer 'Theorie des Begriffs' 13) konzeptionell erarbeitet werden muß. Für ihn verbürgt die "m a r x i s t i s c h e T o p i k" /14/ die wissenschaftliche Reflexion über den theoretischen Status der Funktion und Entwicklung der Begriffe in ihrer systematischen An- ordnung. Auf der wissenschaftstheoretischen Grundlage der topologischen Begriffsanordnung werden nach Althusser zwei wesentliche Aspekte der Marxschen wissenschaftlichen Argumentationsstruktur der phi- losophischen Bearbeitung offengelegt: die Frage nach d e r D a r s t e l l u n g s m e t h o d e und dem E r k e n n t- n i s p r o b l e m bei Marx. In diesem Sinne stellt die Topik die theoretische Voraussetzung her, die "Determination in letzter Instanz durch die ökonomische Basis" /15/ überhaupt denken zu können und sie als letzte Instanz innerhalb eines gegliederten Ganzen, ihre relative Autonomie und ihre eigene Wirksamkeit zu reflektieren. Es geht aber auch um den Begriffs-Gehalt der Raummetaphern 14), in denen Marx denkt, und die zugleich die Reflexionsbedingungen abgeben, die allgemeinen Bewegungsformen des ökonomischen Mechanismus bürgerlicher Gesellschaften als Systemzusammenhang darzustellen s o w i e die Einsicht in die Notwendigkeit der Veränderungen von Strukturen ihrer Hierarchie rational zu erfassen. Althusser setzt dabei an Marxens wissenschaftsanalytischem Standpunkt der Kritik im 'Kapital' an, den er auf wissenschaftstheoretischer Grundlage auf seine Verall- gemeinbarkeit hin konzipiert. Ausgangspunkt ist Marxens "Kritik der ökonomischen Kategorien, oder if you like, das System der bürgerlichen Ökonomie kritisch dargestellt. Es ist zugleich Dar- stellung des Systems und durch die Darstellung Kritik desselben." 15) Althusser mißt daher dem Begriff 'Darstellung' einen zentralen Stellenwert bei. Feststeht, daß Marxens spezifisches Rationali- tätsprinzip seiner materialistischen Analyse auf einer 'Darstellungslogik' beruht, deren Methode die systematische Ord- nung der Gliederung und Reihenfolge der Begriffe produziert. Der Begriff 'Darstellung', der nach Althusser mit 'Untersuchungsme- thode' und 'Dialektik' gleichzusetzen ist 16), dient Marx seiner Auffassung nach dazu, "die Wirkung einer Struktur zu denken" 17), erfaßt mithin als theoretische 'Existenzform' des ökonomischen Mechanismus der bürgerlichen Gesellschaft die Funktionsweise der Determinierungsinstanzen in ihren Wirkungen. So besteht Althusser immer wieder mit Nachdruck darauf, entgegen jeder 'empiri- stischen' oder 'spekulativen' Erkenntnisauffassung, die 'logi- sche' Ordnung des Gedankenkonkretums von Marx als eine p r o d u z i e r t e O r d n u n g s u i g e n e r i s 18) zu fassen, die wider dem Schein gesellschaftlicher Objektivität und der alltäglichen Empirie subjektiver Erfahrung zur real-hi- storischen Ordnung in einer widersprüchlichen Beziehung steht. Althusser schlägt vor, die gegensätzlich strukturierte Beziehung der Ordnungen zueinander weder als ein Umkehrungsverhältnis noch als ein Analogieverhältnis zu begreifen, sondern das entspre- chende Verhältnis als eine D i f f e r e n z der Ordnungen zu denken, die im wissenschaftlichen Begriff des 'ü b e r d e- t e r m i n i e r t e n W i d e r s p r u c h' reflektiert wird. 19) Mit dem Verweis auf seine Grundthese vom "Primat des Realobjekts über das Erkenntnisobjekt!" /25/ besteht für Althusser das über- determinierte Verhältnis der Ordnungen darin, die strikte D i f f e r e n z zwischen der 'logischen' Ordnung (des Erkennt- nisobjekts) und der real-historischen Ordnung (des Realobjekts) auf der einen Seite u n d das Erkenntnisobjekt in seiner Produ- ziertheit a l s B e s t a n d t e i l d e s R e a l o b- j e k t s auf der anderen Seite in B e z i e h u n g zu setzen. 20) Das widersprüchliche V e r h ä l t n i s hat sein Bestehen nicht in einer direkten wechselseitigen Beziehung, sondern als Doppelbewegung ist es reflexiver Ausdruck der in ihre wirksamen überdeterminierten Verhältnisbeziehung. Nach Althusser reduziert sich die erste Bewegung der gedanklichen Diffe- renzierung auf ihre reale Determinierungsinstanz und verschwindet in ihr, weil sie jene produzierte Differenz negiert, 21) ja negieren muß, um als 'Determinierung in letzter Instanz' bestehen zu bleiben. Denn für Marx - so Althusser - geht es hierbei um einen wesentlichen Aspekt der materialistischen Erkenntnisauf- fassung, "daß die Erkenntnis des Realen etwas am Realen 'verän- dert', insofern sie ihm ja gerade s e i n e E r k e n n t n i s h i n z u f ü g t." /27/ Damit erweist sich nach Althusser Erkenntnis als das Erkenntnis- objekt d i e s e s Realobjekts sowie die "Dialektik d i e- s e s Materialismus" /16/ durch die Objektivität d e r Materi- alität nur sich ihrer Bedingtheit materialistisch vergewissern kann. 22) Was hier allein interessiert, ist die Auffassung Althussers, daß bei Marx ein Determinierungsprinzip am Werke ist, das bei Spinoza bereits vorzuliegen scheint, und zwar in einer Radikalität, die Hegel durch das spekulative Identisch-Setzen von Erkenntnisprozeß und Realprozeß nicht erreicht hat. Nun besteht Spinoza in der Tat auf dem strikten Unterschied zwischen Begriff des Dinges und dem Ding selbst, wobei aber "ein in der Natur exi- stierender Kreis und die Idee eines existierenden Kreises ein und dasselbe Ding (ist), welches durch verschiedene Attribute ausge- drückt wird." 23) Der siebente Lehrsatz Spinozas, auf den Althusser indirekt Bezug nimmt, nämlich "die Ordnung und Verknüpfung der Ideen ist dies- selbe wie die Ordnung und Verknüpfung der Dinge" 24), verdeut- licht seinen Ausgangspunkt bei Spinoza. In diesem Kontext kann Althussers Konzeption des 'überdeterminierten Widerspruch(s)' in der materialistischen Dialektikauffassung als Versuch gelten, einen zentralen Gedanken Spinozas marxistisch verarbeitet zu ha- ben. Dabei bleibt undiskutiert, ob hiermit Spinozas mechanisti- sches Widerspiegelungstheorem überwunden wird. Soviel darf fest- gestellt werden, daß Spinoza auf der Grundlage der nominalisti- schen Begriffsbildung in der 'causa sui' ein Determinierungsprin- zip erkannt hat, das im subversiven Sinne sein eigenes Darstel- lungssystem unterläuft. Marx scheint auf dieses gegensätzliche Moment in Spinozas Systemdenken aufmerksam zu machen, wenn er zu bedenken gibt, daß bei Spinoza "ja der wirkliche innere Bau sei- nes Systems ganz verschieden von der Form, in der es von ihm be- wußt dargestellt war." 25) Ohne auf diesen Sachverhalt weiter einzugehen, wird hier angedeutet, daß Spinozas Konstruktion und Lösung des Erkenntnisproblems, wie es von ihm in der 'Ethik' nach dem Modell der euklidischen Geometrie zur Darstellung gebracht und in seiner Schrift 'Abhandlung über die Verbesserung des Ver- standes' 26) erkenntnistheoretisch erläutert wird, nicht zuletzt deshalb scheiterten, weil Spinoza von der anti-cartesianischen Position her an die Topik-Lehre Aristoteles glaubte anknüpfen zu müssen. 27) Bei Althusser wiederum zeigt sich das theoretische Ausmaß seines topologisch gefaßten Determinierungsprinzips in aller Deutlich- keit, wenn er von Marx behauptet: "Indem er die Dialektik dem Zwang der Topik unterwirft, unterwirft sie Marx ihren realen Tä- tigkeitsbedingungen, bewahrt er sie vor dem spekulativen Wahn (Hegels, um) anzuerkennen, daß ihre eigenen Figuren vorgeschrie- ben sind durch die Materialität ihrer Bedingungen." /19/ Sieht man einmal von der folgenreichen Ignoranz der hegelschen Reflexi- onslogik 28a) gegenüber ab, werden fundamental die philosophi- schen Prämissen ersichtlich, "ohne die keine Produktion wissen- schaftlicher Erkenntnis" 28b) möglich ist. Da Althusser die Topik nicht als ein Theorie-Modell versteht 29), sondern als ein wis- senschaftstheoretisches Konzept, das die "Erkenntnis als Produk- tion" /23/ zu begreifen möglich macht, impliziert dieses eine 'Theorie des Begriffs' (30), die ihrerseits auch letztinstanzlich determiniert wird und selbst auch nur wissenschaftlicher Ausdruck von Determinanten materieller Verhältnisse ist. Althussers Topik, die in der begrifflichen Anordnung die Determiniertheit gesell- schaftlicher Herrschaftsverhältnisse rekonstruierbar macht, be- gibt sich hierin der theoretischen Notwendigkeit, sich selbst hi- storisch-materialistisch zu begründen. Die 'wissenschaftstheo- retische Dialektik' unterliegt nunmehr der Normativität der Begrifflichkeit, deren Determinationsverhältnisse sie zur Dar- stellung bringt und reguliert. Ist man gewillt, Althussers aufgeworfenes Problem im Anschluß an Engels ins Auge zu fassen, der auffordert, das "dialektische Den- ken" weiterzuentwickeln, ein Programm also, das "die Untersuchung der Natur der Begriffe selbst zur Voraussetzung" hat, nämlich "die Entwicklung eines Begriffs oder Begriffsverhältnisses (positiv und negativ) in der Geschichte des Denkens" 31), geht es Althusser darum, die 'innere Struktur' der Marxschen Begrifflich- keit zu analysieren, was die "Differenz im B e g r i f f des Objekts (zu) produzieren" voraussetzt. 32) Demnach vertritt Alt- husser eine für sein Verständnis konsequente These, derzufolge der wissenschaftliche Begriff' selbst als 'Produktion' handhabbar zu machen ist. Die Verhältnis-Struktur wird in den Begriff hin- einverlegt, um den Begriff als eine Verhältnisbeziehung "zu kon- zipieren. Die derart konstruierte Begriffsstruktur gilt folglich als unabdingbare Voraussetzung dafür, Verhältnisse reflektieren zu können; Erkenntnis kann als Arbeitsprodukt u n d Produkti- onsprozeß begriffen werden. 33) Mit anderen Worten: Wer d i e Verhältnisse begreifen will, muß i n Verhältnissen denken, d. h. vermittels oder i n Begriffen, die die Verhältnisse zu re- flektieren vermögen, weil die Begriffe selbst ihrer Struktur nach Verhältnisse sind, Produkte reflektierter Verhältnisse. 34) Ob allerdings der in diesem Zusammenhang von Althusser vorge- schlagene Begriff 'überdeterminierter Widerspruch' den allen Ver- hältnissen (ökonomischen, politischen, ideologischen) immanenten Widerspruch als wirkendes Determinierungsprinzip zu erklären ver- mag, bleibe hier dahingestellt. Der Begriff verdient auf jeden Fall der kritischen Analyse, gelingt es Althusser immerhin, in ihm bemerkenswerte Problemstellungen der marxistischen Begriffs- bildung zu denken. Für Althusser macht er die Rationalität des wissenschaftlichen 'Begriffs' einsichtig, der "bei Marx zur theo- retisch-praktischen Anordnung einer Topik, zum Mittel einer prak- tischen In-Griffnahme der Welt" wird. /19/ Von dieser wissenschaftstheoretischen Position aus wären Althus- sers Überlegungen über den Erkenntnisprozeß zu untersuchen. Wenn Althusser bei Spinoza auch die Kritik am metaphysi- schen/ontologischen Prinzip der Erkenntnistheorien vorweggenommen sieht, findet er daselbst wieder die theoretischen Elemente vor- gegeben, die es ihm ermöglichen, den Erkenntnisprozeß bei Marx gewissermaßen 'produktionstheoretisch' zu begreifen. Dies bleibt einer eingehenden Analyse vorbehalten. 35) Hat Althusser seine 'theorizistische Abweichung' der Haupttendenz nach Spinoza überantwortet, kann mit guten Gründen, wie anzudeu- ten war, angenommen werden, Althusser 'kokettierte' nicht nur mit Spinoza, wie er von sich behauptet, sondern als 'häretischer Spi- nozist' hält er an dem materialistischen Rationalismus Spinozas nach wie vor fest. Zur Analyse der theoriegeschichtlichen Bedingungen des Stalin- schen Dogmatismus in der marxistischen Philosophie Althussers Verdienst, das seinen programmatischen Thesen zukommt, zeigt sich an der breiten Wirkungsgeschichte seiner Arbeiten in Frankreich. 36) In diesem Zusammenhang ist für uns im folgenden die Tatsache von Interesse, daß er in seinen Schriften maßgeblich beigetragen hat, theoretische Probleme, die sich in der marxisti- schen Philosophie stellten und nach wie vor stellen, auf ihr po- litisches Praxismoment und strategisches Kalkül hin zu befragen. In diesem Sinne hat er an den bei Marx , Engels und Lenin vorlie- genden Analysen zur 'Geschichte der Theorie' angeknüpft und ist der theoretischen Aufforderung nachgekommen, die G e- s c h i c h t e d e r m a r x i s t i s c h e n T h e o r i e- b i l d u n g zu untersuchen. 37) Wenn nun exkursorisch auf eine zentrale Problematik eingegangen wird, die für die marxistische Theorie von Bedeutung ist, so deshalb, weil sie Althussers Arbei- ten entscheidend bestimmt hat und den politischen Ausgangspunkt seiner theoretischen Überlegungen und Thesen ausmacht: die Frage nach dem Stalinschen Dogmatismus in der marxistischen Philosophie 38). Eine theoretische Diskussion über das Problem des Stalinschen Dogmatismus einzuleiten stellte auf dem politischen Hintergrund der in Frankreich seit Ende der 50er Jahre vorherrschenden ideologischen Auseinandersetzungen eine partei- und bündnispolitische Aufgabe dar, ohne Berücksichtigung von deren historischer Bedingtheit die Schriften Althussers in ihrer Zielsetzung kaum richtig eingeschätzt werden können. Wir müssen uns auch hier der Tatsache bewußt sein, daß die gra- vierenden Verfälschungen der Werke von Marx, Engels und Lenin, die nach Mitte der 20er Jahre vorgenommen wurden, noch zu Beginn der sechziger Jahre als unumstrittene Doktrin in der marxisti- schen Philosophie kommunistischer Parteien offizielle Geltung hatten. Althussers Unternehmen bedeutete letztlich eine institu- tionalisierte Philosophie überwinden zu wollen, deren Praxis in theoretischer und politischer Hinsicht reinen Legitimationscha- rakter hatte. Und zwar - so Althusser - mit dem Resultat, daß der Dogmatismus in der Philosophie dem Opportunismus in der Politik solange entsprach, wie jener diesem diente. Andererseits kann die marxistische Theorie "sich der Geschichte gegenüber verspäten und sich selbst gegenüber verspäten, wenn sie jemals glaubt angekom- men zu sein" /26/. Bestimmen gegenwärtig die Termini 'Marxismus', 'Leninismus' und 'Marxismus-Leninismus' in der marxistischen Philosophie in diffe- renzierter Weise theoretische Standpunkte, die eine definierbare Ausrichtung der Kritik bzw. Abgrenzung und der wissenschaftlichen Praxis der Politik enthalten, stellte sich seit dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 für die marxistische Theorie ein zentrales Problem in der historischen Analyse der Geschichte ihrer Theorieentwick- lung und der Folgen in der Arbeiterbewegung. Nämlich der L e n i n i s m u s. Einmal die Frage nach der Authentizität der Werke Lenins, die eine revolutionäre Interpretation der Werke von Marx und Engels und die von ihm hinterlassenen 'Ecksteine' umfas- sen, wie sie für die Weiterentwicklung der marxistischen Theorie richtungsweisend sind. Zum anderen die Frage nach den theoreti- schen Bedingungen des Stalinschen Dogmatismus. Zur Debatte stand also die radikale Überprüfung der theoretischen Grundlagen des Marxismus, die durch die Kodifizierung Stalins 1938 gänzlich dis- kreditiert wurden. 39) Die offizielle Kritik am 'Personenkult' 40), die zumindest in theoretischer Hinsicht ein "Wort ohne Be- griff" (Althusser) war, hat in der marxistischen Philosophie die Frage verdrängt, wie n a c h der Stalinschen Abweichung von Lenins Prinzipien der Leninismus seine W i s s e n s c h a f t- l i c h k e i t unter Beweis stellt. Es geht also im Grunde darum, zu klären, unter welchen Voraussetzungen theoretischen Selbstverständnisses die Lehre des Marxismus-Leninismus die wissenschaftliche Grundlage herstellt, die die Kritik am Stalinschen Dogmatismus in der marxistischen Philosophie einlöst, ohne die philosophischen Prämissen ihres Kritik-Standpunktes selbst hinterfragen zu müssen. Althussers Beitrag zu dieser Frage nun besteht darin, aufzuzei- gen, wie der notwendige 'Bruch' mit den ideologischen Vorausset- zungen dieser Dogmatisierung auf wissenschaftstheoretischer Grundlage zu leisten ist. Diese Problemstellung war der Anlaß zu einer kontroversen Debatte, die in Frankreich und in Italien, wenn auch unterschiedlich, bereits längere Zeit im Gange ist und nach wie vor verhandelt wird. 41) Die wissenschaftliche Analyse hat nun gewiß, wie bereits bemerkt, die Vorgeschichte zu ihrem Gegenstand zu machen, 1 in der sich die gegensätzlichen Tenden- zen der marxistischen Philosophie formiert haben, die zu ihrer Dogmatisierung führten. Ersten Aufschluß darüber erbringt, wie auch schon versuchsweise unternommen wurde 42), die historisch- materialistische Analyse der philosophischen Debatten der zwanzi- ger Jahre, die die ideologische Konstellation der Richtungskämpfe in der marxistischen Philosophie bestimmten. Diese wird von Debo- rin anläßlich des 250. Todestags Spinozas 1927 treffend festge- halten, wenn er bemerkt: "Noch immer müssen wir den Freunden in unseren eigenen Reihen beweisen, daß man Spinoza nicht zu den Idealisten rechnen darf. In den letzten Jahren haben sich hin- sichtlich der Auffassung der Hegelschen Dialektik und der Konzep- tion Spinozas zwei 'Fronten' gebildet: eine hegelianische Front und eine spinozistische Front." 43) Nach Althusser läßt sich unter der Stalinschen Abweichung 44a) oder dem Stalinschen Dogmatismus in der Philosophie eine be- stimmte Tendenz in der marxistischen Theoriebildung verstehen, in der theoretisch die Auflösung des Verhältnisses von Materialismus und Dialektik vollzogen wurde. Die abstrakte Trennung und dogma- tische Entgegensetzung der theoretischen Bestandteile dieser wis- senschaftstheoretischen Einheit hat eine Verweltanschaulichung des Materialismus und eine Methodologisierung der Dialektik zur Folge, deren Theorie-Elemente ideologische Effekte politischer Natur verursachen. Althussers Dogmatismus-Kritik beinhaltet dem- nach einen m e t h o d o l o g i s c h e n Sachverhalt: die Analyse des Verhältnisses von Theorie und Methode. Untersucht man näherhin den Mechanismus dieser Verselbständigun- gen seiner Struktur und seinem Verfahren nach, kann mit Althusser festgehalten werden, daß es sich einerseits um ein ideologisches Resultat zweier sich bedingender Reduktionen handelt, die, ande- rerseits, auf Althussers Hegel- und vor allem Spinoza-Kritik zu- rückverweisen. Diese Reduktionen lassen sich folgendermaßen cha- rakterisieren: a) Nach Althusser findet eine Reduzierung der Philosophie auf Ge- schichte statt, die eine Historisierung der Philosophie einleitet und ihrerseits die Wissenschaft auf Weltanschauung reduzierbar macht. Diese spezifische Konfundierung von Dialektik und Ge- schichte kommt dem spekulativen "Historizismus Hegels" 44b) gleich, den Althusser nur auf der Grundlage einer materialisti- schen Theorie der Geschichte für überwindbar hält. Die teleolo- gisch begriffene Geschichte nimmt folglich "evolutionistischen" Charakter an, der das Prinzip einer Geschichtsauffassung kenn- zeichnet, welches jeder "ökonomistischen" Politik und "humanisti- schen" Weltanschauung zugrundeliegt, also theoretische Merkmale, die Althusser als "paradoxe Ausformungen" des Stalinschen Dogma- tismus begreift. 45) Dieser von Althusser hervorgehobene Aspekt d e s H e g e l i a n i s m u s, der seinerseits allerdings vereinseitigt auf Hegels g e s c h i c h t s p h i l o s o- p h i s c h e m Prinzip gründet, enthält insofern ein "evolu- tionistisches" Moment, als daß hegelianisch der Entwick- lungsprozeß in seiner Ungleichzeitigkeit und als Verhältnis von Kontinuität und Diskontinuität materieller Prozesses nicht erfaßt werden kann. 46) In diesem Sinne stellt die h i s t o r i z i- s t i s c h e Konzeption der Geschichte einen Hegelianismus dar, der durch die Teleologisierung der Geschichte tatsächlich der Wirklichkeit ein sich selbst realisierendes Vernunftprinzip unterstellt, dem analog gesellschaftliche Entwicklungsprozesse entsprechen, die mit historischer Notwendigkeit einträten. Ein Prinzip, das - wie Althusser bemerkt - "als philosophische Garantie für die Herankunft der Revolution und des Sozialismus" dient und hierin das krasse Gegenteil bewirkt, weil auf "die leninistische Kategorie der ungleichen Entwicklung, die sich auf die Ungleichheit des Widerspruchs sowie auf seine Über- oder Unterdeterminierung" /21/ beruft, in der konkreten Analyse der konkreten Situation verzichtet wird. b) Im Kontext des geschichtsphilosophischen Verständnisses von Materialismus wird die Dialektik auf Methode dergestalt redu- ziert, daß ihre Formbestimmtheit verabsolutiert wird. Die ontolo- gische Konzeption der Dialektik, der eine ideologische Verwechse- lung in der Begriffsbildung zugrundeliegt, demontiert jegliche wissenschaftliche Objektivität historisch-materialistischer Er- kenntnis und hat für die Wissenschaftsentwicklung und für die Entwicklung der marxistischen Theorie insgesamt fatale Folgen ge- zeitigt. 47) Diese dogmatisierte Theorie-Auffassung hat nach Alt- husser eine wesentliche Verwechselung produziert, die darin sich äußert, daß philosophische Kategorien den Status wissenschaftli- cher Begriffe einnehmen, ein Reduktionismus, der zur Folge hatte, daß die Wissenschaften und ihre Erkenntnisse einer Philosophie untergeordnet wurden, die kraft ihrer Institution Wissenschaft- lichkeit vorgab und die Wissenschaften verwaltete. Da philosophische Kategorien schlechthin instrumentalisierbar sind, oder wie Althusser sagt, immer schon 'ausgebeutet' wurden, ist die Dialektik auf Gesetzesformeln eines abstrakten Schematis- mus reduzierbar. Die spezifische Funktion der Dialektik philoso- phischer Kategorien besteht darin, als Mittel auf das Besondere nur angewandt, aber nicht mehr reflektiert zu werden. Ihre onto- logische Verfassung konstituiert Allgemeinheiten, die die Bewe- gungsformen des Seins derart zu begreifen beanspruchen, daß ihr eigener Geltungsanspruch nicht mehr überprüfbar wird. Die Anwen- dung der philosophischen Kategorien im deduktivistischen Sinne bleibt historisch-logisch unvermittelt und wird selbst praktizi- stisch gewendet, weil sie ja nachgerade ausschließlich der Recht- fertigung unhinterfragter Zweckbestimmungen zu dienen hat. Ein derartig praktizierter M e t h o d o l o g i s m u s, der durch die Reduktion der Dialektik auf Methode zustande kommt, elimi- niert die wissenschaftstheoretische Reflexion über die Dialektik als Einheit von Theorie und Methode. Der in der Folge vorherr- schende methodische Subjektivismus und Voluntarismus kennzeichnen nach Althusser den theoretischen Opportunismus in der Arbeiterbe- wegung, der "theoretisch geschlossen und politisch flexibel und anpassungsfähig zugleich" 48) ist. Wenn hier diese Reduktionsform u. E. als ein S p i n o z i s- m u s bezeichnet werden kann, so ist der defiziente Aspekt der Systemauffassung Spinozas gewiß nur unter dem methodologischen Gesichtspunkt legitim zu thematisieren, sofern die Verschränkung der idealistischen und materialistischen Komponenten ihrer Konstruktion nach einsichtiger zu machen ist. In diesem Falle geht es um das spezifische gegensätzliche Verhältnis zwischen System und Methode, wie es bei Spinoza der Struktur nach angelegt zu sein scheint. Spinozas zentrale Kategorie der Substanz enthält nämlich den Kerngedanken der Dialektik, daß jede Bestimmung eine Negation sei, dessen Systementwicklung sich aber dem methodischen Prinzip der Deduktion nach geometrischer Darstellungsweise unterwirft. Das bei Spinoza in der 'Ethik' vorliegende Wider- spruchsprinzip im embryonalen Zustande, das von Hegel weiterentwickelt und von Marx materialistisch transformiert wurde, determiniert also 'in letzter Instanz' gewissermaßen das Verhältnis von System und Methode. Ohne dies im einzelnen aufzu- zeigen, ist hier ein Resultat dieser Systemkonstruktion von In- teresse. So erwirkt der axiomatische Aufbau auf der Grundlage no- minalistischer Begriffsbildung auf immanentem Wege eine hermeti- sche Abgeschlossenheit des Systems, die durch ihr deduktives Ver- fahren den Begriff des Widerspruchs verdrängt, der im Kern seinem Darstellungs p r i n z i p inhäriert. Diesen allgemeinen metho- dologischen Befund hinsichtlich des ontologischen Systemdenkens nimmt auch Marx in Augenschein, wenn er zu Spinoza anmerkt: "So sind es zwei ganz verschiedene Dinge - was Spinoza für den Eck- stein seines Systems hielt, und jenes, was ihn wirklich bildet." 49) Die Normativität der Darstellungs f o r m determiniert dem- nach die Erkenntnisgrenzen der Inhaltsbestimmungen, die den Gel- tungsanspruch der Reflexion ihrer Erkenntnisbedingung anzeigt. Bei Spinoza fungiert die Evidenz anstelle der Frage nach der Ab- leitbarkeit seiner Lehrsätze, deren Beweisführung vor allem Er- kenntnisse im demonstrativen Sinne produziert. Die Reinheit, die das System dadurch erzeugt, hat ihrerseits die Abstraktion von der Materialität und Zeitlichkeit zur Voraussetzung. 50) Es läßt sich also feststellen, daß der Stalinsche Dogmatismus in der mar- xistischen Philosophie, methodologisch gesehen, ein Zusammenwir- ken jener V u l g ä r f o r m e n d e s H e g e l i a n i s- m u s u n d S p i n o z i s m u s darstellt. Die Verselbstän- digungen der systemkonstitutiven Komponenten der idealistischen Darstellungs- und Erkenntnisprinzipien, so unterschiedlich sie auch bei Spinoza und Hegel funktionieren, bewerkstelligen einen m e t h o d o l o g i s c h e n H i s t o r i z i s m u s, der aus reduzierter Sichtweise bei Spinoza und Hegel interpretierbar ist. Das Resultat der beiden Reduktionismen hat schließlich in der marxistischen Philosophie Vulgarisierungen zur Folge gehabt, die sich gegenseitig so bedingten, daß die Liquidierung der dialektisch-materialistischen Theorie der Geschichte eine teleologische Geschichtsauffassung entstehen ließ, auf deren Grundlage ihre ökonomische und politische Strategie einer unwissenschaftlichen-philosophischen Rechtfertigung bedurfte. Dieser Versuch, den Stalinschen Dogmatismus auf seine theoriege- schichtlichen Bedingungen und deren ideologische Verformungen und Abweichungen hin zu untersuchen, läßt nun seinerseits in der Zu- spitzung der Althusserschen Analyse Rückschlüsse auf seine eigene Konzeption einer materialistischen Wissenschaftstheorie zu, auf die am Schluß nochmals zurückzukommen ist. Althussers theoretisches Programm, der hegelianischen Dogmatisie- rung der Dialektik seine m a t e r i a l i s t i s c h e Grund- these entgegenzusetzen, kann für sich beanspruchen auf der topo- logischen Grundlage die Probleme der Begriffs- und Theoriebildung in der marxistischen Philosophie radikal neu gestellt zu haben. Seine wissenschaftstheoretische Fundierung der 'marxistischen To- pik' vermag hingegen die ihr eigentümliche methodologische Pro- blematik nicht einzuholen, weil Althussers 'wissenschaftstheo- retische Dialektik' die Vermittlungsarbeit einer materialisti- schen Theorie der D i a l e k t i k 51) nicht abdeckt, die die materialistische Dialektik an seine Geschichtstheorie rückbindet, d. h. sie als eine vom historisch-dialektischen Materialismus a b g e l e i t e t e vermittelt. Dieser Vermittlungsschritt wird durch die Unterordnung der Dialektik unter dem Primat des Materialismus theoretisch nicht geleistet. 52) Eine Konsequenz ist gewiß: Althussers tendenzieller rationalisti- scher Dogmatismus, der durch das konstruktivistische Moment ver- ursacht wird, ist in der topologischen Konzeption seiner Wissen- schaftstheorie angelegt. Die Dialektik wird formalistisch ver- formt. Dieses Moment seinerseits verweist wieder auf Althussers Spinoza-Rezeption, die von einer fixierten antihegelianischen Po- sition heraus unverarbeitete rationalistische Theorie-Elemente Spinozas birgt, die Althusser veranlassen könnten, seine 'Selbstkritik' zu radikalisieren. Die methodologische Problemstellung, die hier den Einzelaspekt der Einheit von Theorie und Methode zum Gegenstand hatte und den Zugang zu Althussers Verhältnisbestimmung von Materialismus und Dialektik verschaffen sollte, erhellt, welchen theoretisch-poli- tischen Stellenwert die Hegelsche Spinoza-Kritik aus marxisti- scher Sicht impliziert. Hingegen weist Althussers Beitrag zu ei- ner marxistischen Spinoza-Rezeption auf die Tatsache hin, daß Spinozas Erkenntnislehre materialistische Komponenten enthält, die als theoretische Vorleistungen für die marxistische Begriffs- und Theoriebildung zu betrachten sind und die Entwicklungsge- schichte der Marxschen Methode maßgeblich vorbereitet haben. _____ *) Baruch de Spinoza (1632-1677) Da sein 300. Todestag am 21. Fe- bruar hier nicht ausdrücklich zum Anlaß genommen wird, sein Ver- hältnis zum Marxismus zu erörtern, sei diesbezüglich auf den Auf- satz von H. Seidel verwiesen: "Marxismus und Spinozismus" in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie. 1977, Heft l, 25. Jg., S. 46 ff. 1) In: La Pensee, Nr. 183, Oktober 1975; deutsche Übersetzung von P. Schöttler, in: SOPO 34/35, Mai 1976. Zitate aus diesem Text werden im folgenden gekennzeichnet durch Schrägstrich. 2) L. Althusser: Elemente der Selbstkritik, Berlin (West) 1975. 3) L. Althusser/E. Balibar: Das Kapital lesen, Reinbek 1972, S. 94. 4) Ebenda, S. 98 5) Ebenda, S. 98. 6) Ebenda, S. 134. 7) G.W.F. Hegel: Wissenschaft der Logik, Bd. II, Frankfurt/M. 1969, S. 250. 8) Ebenda, S. 251. Da wir im einzelnen nicht auf das komplexe He- gel-Verständnis Althussers eingehen, soll hier dennoch die These vertreten werden, daß Althussers tendenzieller Anti-Hegelianismus wesentlich durch seine Spinoza-Rezeption bedingt ist. 9) Vgl. L. Feuerbach: Geschichte der neueren Philosophie von Ba- con bis Spinoza, Frankfurt/M. 1976, S. 284 ff. Dazu die auf- schlußreiche Aufsatzsammlung: Texte zur Geschichte des Spinozis- mus, hrsg. von N. Altwicker, Darmstadt, 1971. 10) L. Althusser/E. Balibar: Das Kapital lesen, Bd. 2, S. 252. 11) Ebenda, S. 254. 12) L. Althusser: Elemente der Selbstkritik, a.a.O., S. 63. 13) L. Althusser/E. Balibar: Das Kapital lesen, Bd. l, S. 144 und 195. 14) Ebenda, S. 245. 15) K. Marx: Briefe über das Kapital, Berlin 1954, S. 80. 16) L. Althusser/E. Balibar: Das Kapital lesen, Bd. l, S. 64 und 66. 17) Ebenda, Bd. 2, S. 254. 18) Ebenda, Bd. 1, S. 62. 19) L. Althusser: Für Marx, Frankfurt/M. 1968, S. 52 ff. und 146 ff. 20) L. Althusser/E. Balibar: Das Kapital lesen, Bd. 1, S. 51. 21) Ebenda. 22) Vgl. D. Lecourt: Lenins philosophische Strategie. Von der Wi- derspiegelung (ohne Spiegel) zum Prozeß (ohne Subjekt), Frank- furt/M. - Berlin - Wien. In diesem Zusammenhang sei auf die wich- tigen Arbeiten von P. Ruben zur Dialektik der Natur und Wider- spiegelungstheorie verwiesen; etwa P. Ruben: "Wissenschaft als allgemeine Arbeit" in: SOPO 36, August 76. 23) B. Spinoza: Ethik, Frankfurt/M. 1972, S. 88. 24) Ebenda, S. 87. 25) K. Marx: MEW, 29, S. 561. 26) B. Spinoza: "Abhandlung über die Verbesserung des Verstan- des", in: Philosophie der Neuzeit, hrsg. von K. Vorländer, Rein- bek 1966, S. 151 ff. 27) An dieser Stelle sei auf Althussers Kritik an Gramsci hinge- wiesen (vgl. Das Kapital lesen, Bd. l, S. 167 ff.). Erwähnenswert in unserem Zusammenhang sind jedenfalls die folgenden Überlegun- gen Gramscis, die im Rahmen seiner Auseinandersetzung mit Bucharins Dialektikauffassung einzuordnen sind, ebenso aber auf die eine bei Althusser virulente Problematik bezogen werden kön- nen. "Die dem G e m e i n v e r s t ä n d l i c h e n L e h r- b u c h implizite Philosophie kann als positivistischer Aristo- telismus bezeichnet werden, als eine Anpassung der formalen Logik an die Methoden der Physik und Naturwissenschaften. Die ge- schichtliche Dialektik wird durch Kausalitätsgesetze, Erforschung der Regelmäßigkeit, Normalität, Gleichförmigkeit ersetzt. Aber wie kann bei dieser Auffassung die Aufhebung, die 'Umwälzung' der Praxis abgeleitet werden? Mechanisch begriffen kann die Wirkung nie die Ursache oder das System von Ursachen aufheben, es kann folglich keine andere Entwicklung als die platt-vulgäre des Evo- lutionismus geben." A. Gramsci: Philosophie und Praxis. Eine Aus- wahl, Frankfurt/M. 1967, S. 220. 28a) Im Gegensatz dazu vgl. P. Furth: "Arbeit und Reflexion", er- scheint in: Hegel-Jahrbuch 1976. Ebenso B. Heidtmann: "System- wissenschaftliche Reflexion und gesellschaftliches Sein. Zur dialektischen Bestimmung der Kategorie des objektiven Scheins", erscheint in: Systemdenken und Dialektik. Berlin/DDR 1977. 28b) L. Althusser: Lenin und die Philosophie, Reinbek 1974, S. 31. 29) L. Althusser/E. Balibar: Das Kapital lesen, Bd. 1, S. 156. Vgl. dazu W.R. Beyer: "Das Sinnbild des Kreises im Denken Hegels und Lenins.", in: Beihefte zur Zeitschrift für philosophische Forschung. Heft 26, 1971, S. 29 ff. 30) Ebenda, S. 144 und 195. 31) F. Engels: MEW, Bd. 20, S. 491. 32) Ebenda, S. 51. 33) L. Althusser: Elemente der Selbstkritik, S. 78. 34) L. Althusser/E. Balibar: Das Kapital lesen, Bd. 2, S. 243. 35) Der kritischen Untersuchung bedarf Althussers Versuch, auf der Grundlage einer materialistischen Verarbeitung von Spinozas Wahrheits- und Irrtumslehre die Prinzipien der Erkenntnistheorie Lenins zur Diskussion zu stellen. Vgl. dazu D. Lecourt: Lenins philosophische Strategie, a.a.O. 36) Dazu die Aufsätze zu L. Althusser in: Althusser. Dialecti- ques. Nr. 15-16, Paris 1976. 37) Vgl. L. Althusser/E. Balibar: Das Kapital lesen, Bd. l, S. 204 ff. 38) Ebenda, S. 189. 39) Vgl. Stalins Schrift "Über den dialektischen und historischen Materialismus", die als Kanon des Stalinschen Dogmatismus über 20 Jahre lang unangefochten die philosophischen Prinzipien der offi- ziellen 'Parteiphilosophie' legitimiert hat. Erste Ansätze einer historisch-materialistischen Analyse der Auswirkungen, die die Schriften Stalins in der Theorie-Geschichte hatten, lassen sich finden in: Geschichte der marxistischen Dialektik. Die Leninsche Etappe, Berlin 1976. S. 197 ff. 40) Vgl. L. Althusser: "Anmerkung zur 'Kritik des Personen- kults'", in: Was ist revolutionärer Marxismus? Berlin (West), 1973. 41) Dem philosophischen Dogmatismus ist Gramsci durch seine Leninismus-Auffassung entgangen, ein theoretisch-politischer Tat- bestand, der, wie die gegenwärtige Debatte zeigt, die Aktualität Gramscis ausmacht. Vgl. dazu A. Kramer: "Gramscis Interpretation des Marxismus", in: Gesellschaft, Beiträge zur Marxschen Theorie 4, Frankfurt/M. 1975. Ebenso Aufsätze zu Gramsci in: Gramsci. Dialectiques. Nr. 4-5, Paris 1974. Zur Debatte in Frankreich siehe "Freiheit der Kritik oder Standpunktlogik", Diskussion in der KPF, Berlin (West) 1976. 42) Vgl. die Hinweise von O. Negt: "Marxismus als Legitimations- wissenschaft", Einleitung, in: Deborin Bucharin: Kontroversen über den dialektischen und historischen Materialismus, Frank- furt/M. 1969. Negts Versuch, durch sein Verdikt über den philoso- phischen Beitrag Lenins die Widerspiegelungstheorie und Naturdia- lektik schlechthin zu denunzieren, gerät an den Stellen ins Di- lemma, wo er vorhat, den methodologischen Absolutismus Deborins als eine Vorform der "positiven Dialektik" zu begreifen, die die "Naturalisierung und Ontologisierung des Denkens" konstituiere. (S. 33) Der Terminus 'positive Dialektik' - von der 'negativen Dialektik' aus konzipiert - vermag wohl kaum die Entstehungsbe- dingungen dieser idealistischen Verformung als eine Variante der m e c h a n i s t i s c h e n Auffassung von Dialektik analy- tisch zu erfassen. 43) A. Deborin: "Die Weltanschauung Spinozas", in: Thalhei- mer/Deborin: Spinozas Stellung in der Vorgeschichte des dialekti- schen Materialismus, Wien/Berlin 1928, S. 41. 44a) Althusser nimmt hier den Begriff 'Abweichung' kritisch ge- wendet im Sinne Lenins auf (vgl. LW 32, S. 256-261), weil sich durch ihn "bei jeder philosophischen Position die Tendenz in ih- rem Widerspruch" begreifen läßt (vgl. "Elemente der Selbstkri- tik", S. 89). Althusser hat nun neuerdings diesen Begriff, bezo- gen auf die Stalinsche Abweichung, entscheidend uminterpretiert oder gar denunziert, wenn er fortan von der "Wahrheit ohne Irr- tum" und "dieser Abweichung ohne Norm" spricht. Ob nun hiermit die von Althusser geforderte methodische Instanz der "Berichti- gung" entfällt? Vgl. D. Lecourt: Proletarische Wissenschaft? Der 'Fall Lyssenko' und der Lyssenkismus, Berlin (West) 1976. L. Althusser: Positionen 1, Berlin (West) 1976, S. 10. 44b) L. Althusser/E. Balibar: Das Kapital lesen, Bd. 1, S. 175. 45) L. Althusser/E. Balibar: Das Kapital lesen, Bd. 1, S. 189. 46) Ebenda, S. 118 ff. Vgl. ebenfalls L. Althusser: Für Marx, a.a.O., S. 166. 47) Vgl. D. Lecourt: Proletarische Wissenschaft? a.a.O. 48) L. Althusser/E. Balibar: Das Kapital lesen, Bd. 1, S. 190. 49) K. Marx: MEW 34, S. 506. 50) Vgl. dazu W. Schmidt: "Intuition und Deduktion. Untersuchung zur Grundlegung der Philosophie Spinozas", in: K. Peters/W. Schmidt/H.H. Holz: Erkenntnisgewißheit und Deduktion. Descartes, Spinoza und Leibniz, Darmstadt/Neuwied 1975, S. 109 ff. 51) Vgl. G. Klimaszewsky: "Die materialistische Dialektik als Einheit von Theorie und Methode", in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 1974, Heft 7, 22. Jg., S. 818/ 819 und 825. U.E. hat Klimaszewsky hier die theoretischen Elemente erarbeitet und methodologische Überlegungen angestellt, die weit ausführli- cher als in unserem Zusammenhang eine fundamentale Kritik am Stalinschen Dogmatismus beinhalten und unter dem von ihm erörter- ten m e t h o d o l o g i s c h e n G e s i c h t s p u n k t über Althussers Analyse hinausgehen. Unter diesem Gesichtspunkt bleiben allerdings die spezifischen i d e o l o g i e tragenden s y s t e m philosophischen Bestandteile des Stalinschen Dogma- tismus noch ungeklärt. 52) Ebenso in Althussers Schrift "Philosophie et Philosophie Spontanée des Savants", Paris 1974, zeigt es sich, daß dieses un- vermittelte theoretische Moment die Dialektik auf die der 'These' oder 'Tendenz' immanente Widerspruchsbewegung reduzieren läßt. Die von Althusser in der Thesenförmigkeit der Lehrsätze aufgelö- ste Dialektik kann sich im historisch-materialistischen Sinne ih- rer Erkenntnisbedingungen nicht mehr vergewissern. Die Dialektik regrediert auf 'definitorisches Denken', wie Hegel zu Spinoza be- merkte. Übrigens scheint Althusser hinsichtlich des systemati- schen Aufbaus in diesem Text 'konstruktiv' auf Spinoza Bezug zu nehmen. zurück