Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977
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Diskussion & Kritik
Thomas Waldhubel, Silke Wenk (Projektgruppe Automation und Quali-
fikation)
TECHNISCHER FORTSCHRITT, ENTWICKLUNG DER PERSÖNLICHKEIT
UND MARXISTISCHE THEORIE 1)
Antwort auf W. Wotschack (SOPO 37/38) *)
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Inhalt:
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Vorbemerkung
I. Zum Nutzen des dialektischen Denkens
II. Der Ertrag des Widerspruchsdenkens: Aufdeckung des Bewegungs-
gesetzes der gesellschaftlichen Entwicklung
III. Marxens Frage nach den Entwicklungsmöglichkeiten des Indivi-
duums
IV. Die heutige Aufgabe: Anwendung des Marxschen Verfahrens
V. Welche Perspektive bietet der Sozialismus den Individuen?
Vorbemerkung
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Eroberung des Weltraums, zunehmende Beseitigung schwerer körper-
licher Arbeit auf der einen Seite, Perfektionierung automatischer
Waffensysteme und; der Rüstungstechnologie überhaupt, zunehmende
Verdrängung von Arbeitern durch Automaten auf der anderen Seite -
so gegensätzlich erscheint die gleiche Medaille: technische Ent-
wicklung.
Wie sich gegenüber dieser Doppelgesichtigkeit der Technik im Ka-
pitalismus verhalten? Verschiedene Vorschläge liegen vor. Um nur
zwei Extreme der Verhaltensangebote zu nennen: Systemverteidiger
behaupten, mit der technischen Entwicklung gehörten alle Sorgen
und Nöte der arbeitenden Bevölkerung der Vergangenheit an, seien
überwunden, um so grundsätzliche gesellschaftliche Veränderungen
überflüssig erscheinen zu lassen. Auf der anderen Seite negieren
radikale Kapitalismuskritiker mit den menschenfeindlichen Ver-
hältnissen jede Frucht, die von diesen hervorgebracht wird; wahr-
haft humane Verhältnisse halten sie nur auf Basis gänzlich neuer
Technik für möglich 1), die von dem Makel befreit sein soll, der
jeder technischen Entwicklung im Kapitalismus anhaftet, nämlich
einer menschenverachtenden Profitgier ihre Entstehung zu verdan-
ken.
Die sozialistische Bewegung muß gegenüber den gegensätzlichen Er-
scheinungen der Technik eine klare Haltung sich verschaffen und
den Weg weisen, der aus dem Dilemma von systembefestigender Tech-
nikgläubigkeit und in die Ferne weisender Hoffnung auf das Ganz
Andere herausführt. Sie braucht Klarheit in der Frage, welches
die Folgen gegenwärtiger technischer Entwicklung Tür die Arbei-
tenden sind, ob an ihnen fortschrittliche Momente festzuhalten
sind oder nicht, um die Möglichkeiten gesellschaftlicher Refor-
men, des Ausbaus vorgeschobener Kampfpositionen, das Kampffeld
und die Erfolgsaussichten möglichst präzise abzustecken, ohne na-
heliegenden Illusionen aufzusitzen oder neue, zu entdeckende
Kampfchancen zu verspielen.
W. Wotschack (im folgenden: W.) hat mit seiner Kritik unseres
Beitrages "Wissenschaftlich-technischer Fortschritt und individu-
elle Emanzipation" 2) erneut auf diese Aufgabe und die Schwierig-
keiten ihrer Lösung hingewiesen. Unternehmen wir dort den Ver-
such, den Zusammenhang zwischen Automationstätigkeit und Persön-
lichkeitsentwicklung im Sozialismus zu skizzieren und die so ge-
wonnenen Einsichten für die Beurteilung der Automation im Kapita-
lismus fruchtbar zu machen, so erhebt W. dagegen ernste Bedenken,
die umso schwerer wiegen, als er wie wir die grundlegenden Ein-
sichten des Marxismus positiv nutzen will. Er entdeckt eine Ver-
wandtschaft zu "sozialreformistischen" Vorstellungen /137/ und
damit Ignoranz gegenüber grundsätzlichen gesellschaftlichen Wi-
dersprüchen und folglich Aufgabe der Ziele ihrer radikalen Aufhe-
bung; er meint ferner, herausgefunden zu haben, in unserer Ana-
lyse würde die Automation "zu der Triebkraft der gesellschaftli-
chen Entwicklung" stilisiert /120/. Angesichts der Menschenfeind-
lichkeit perfektester Kriegstechnologie, der Risiken noch unbe-
herrschter Atomtechnik muß es die Kritiker und nach Alternativen
suchenden Kämpfer zweifellos schwächen, wenn ausgehend von der
marxistischen Gesellschaftstheorie eben diese Technik als "Motor"
der gesellschaftlichen Entwicklung überhaupt vorgestellt wird;
wenn damit - wie es in einer anderen erst kürzlich erschienen
Kritik im den vorliegenden Veröffentlichungen des Projekts Auto-
mation und Qualifikation heißt - "nicht mehr der Kampf der Arbei-
terklasse und ihrer Verbündeten ... dann zum Motor gesellschaft-
licher Prozesse (wird), sondern die Entwicklung der Produktiv-
kräfte..." 3). Es wäre zweifellos verhängnisvoll, angesichts der
kapitalistischen Durchsetzungsweise der Automation, die mit einer
Vernichtung von Arbeitsplätzen, mit zunehmender Arbeitslosigkeit
einhergeht, auf eine technikimmanente Entwicklung zum Wohle Aller
zu hoffen und auf den Kampf gegen diese Erscheinungen zu verzich-
ten.
Worum geht der Streit?
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Es ist das Verdienst von W., daß er es nicht einfach bei der Ab-
lehnung unserer vorliegenden Resultate beläßt, sondern danach
fragt, wie sie ermittelt wurden, und damit den Streit auf die
Ebene der Überprüfung und Diskussion der Angemessenheit der For-
schungsinstrumente hebt. Er nimmt die Thesen zur individuellen
Entfaltung zum Anlaß, das "theoretische Rüstzeug der Projekt-
gruppe" zu hinterfragen, um "Aufschlüsse... insbesondere über die
Gesellschaftsbezogenheit ihres theoretischen Ansatzes zur Analyse
von Automationsprozessen in der bürgerlichen Gesellschaft" zu er-
langen /118/ 4). Der zu führende Streit ist somit kein Streit
verschiedener Gesellschaftstheorien, kein Streit verschiedener
durch diese Theorien begründeter Forschungsansätze: es geht viel-
mehr um das adäquate Verfahren materialistischer Forschung.
W. kritisiert zunächst, daß von uns (sowohl in Sozialismus wie
Kapitalismus) die volle Durchsetzung der Automation unterstellt
würde, "statt ihren Durchsetzungsprozeß zu untersuchen" /127/.
"Statt den widersprüchlichen Prozeß der Entwicklung zu verfol-
gen", bestehe unsere Methode darin, "daß ein zukünftiger Entwick-
lungsgrad der sich sträubenden Realität gegenüber gestellt wird"
/134/; dieses Verfahren führe "zu einem Gegeneinander von Reali-
tät und utopischem Ideal" /ebd./ 5). In Zweifel gezogen wird also
die Möglichkeit, "Fluchtpunkte" der Entwicklung gesellschaftli-
cher und menschlicher Tatbestände zu erarbeiten und als Maßstab
an diese Entwicklung heranzutragen. Somit steht das methodische
Problem zur Diskussion, wie Erscheinungen der Realität eingeord-
net und bewertet werden können: bedarf man nicht einer - wissen-
schaftlich zu begründenden - Vorstellung über die Richtung der
Bewegung, um vorwärtstreibende von retardierenden Faktoren und
Kräften unterscheiden zu können?
W. schlägt vor, die Durchsetzungsform der Technik zu untersuchen,
da von ihr "auch erst die gesellschaftlichen Grenzen, Möglichkei-
ten und Notwendigkeiten unterscheidbar würden" /122/. Im Klartext
heißt dies: nur aus der Betrachtung der kapitalistischen oder so-
zialistischen Formbestimmtheit technischer Entwicklung lassen
sich Bewertungsmaßstäbe gewinnen, werden positive und negative
Entwicklungstendenzen präzise bestimmbar. Sonst gerate die beson-
dere Form ... zum Inhalt des technisch-wissenschaftlichen Fort-
schritts" /127/, die "technischen Errungenschaften der entwickel-
ten kapitalistischen Gesellschaft erscheinen als technische Er-
rungenschaften überhaupt" /ebd./. Die praktische Konsequenz einer
solchermaßen vermuteten unzulässigen Vernachlässigung der ökono-
mischen Formbestimmtheit, der Produktionsverhältnisse scheint of-
fensichtlich: Unterschätzung oder gar Negation des aktiven
Kampfes der Arbeiterklasse gegen diese Verhältnisse. An die
Stelle der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten, der ihren Kampf
organisierenden Verbände, trete in unserer Theorie - so wird ge-
folgert - die Automation als die Geschichte bewegendes Subjekt,
ein "Mechanismus der gesellschaftsverändernden Einwirkung der
Produktivkraftentwicklung" /120/.
Nun lag es uns fern, die historische Rolle der Arbeiterklasse
theoretisch zu negieren; im Gegenteil war und ist es unser Inter-
esse, einen Beitrag zur aktuellen Analyse und Begründung der ge-
genwärtigen Kampfbedingungen, -möglichkeiten und -notwendigkeiten
zu leisten, von deren Kenntnis ein erfolgreiches Handeln mit ab-
hängig ist 6). Ausgangspunkt unserer Untersuchung war der An-
spruch, eine offensichtlich bislang in der marxistisch orientier-
ten Sozialwissenschaft vernachlässigte Seite der widersprüchli-
chen gesellschaftlichen Entwicklung, die Produktivkräfte, empi-
risch zu erforschen, um den jedem mit marxistischer Theorie Ver-
trauten bekannten Satz von dem Widerspruch zwischen Produktiv-
kräften und Produktionsverhältnissen zu konkretisieren mit dem
Ziel konkreter Handlungsvorschläge.
Nun hält W. uns entgegen, der kapitalistische Produktionsprozeß
sei als "Einheit von Arbeitsprozeß und Verwertungsprozeß" /136/
zu betrachten. (Sicherlich ist von dem Verfasser eine "wider-
sprüchliche Einheit" gemeint. Oder verbirgt sich vielleicht
hinter dem Versäumnis, das kleine Wort "widersprüchlich" hinzu-
setzen, ein nicht zufälliger methodischer Fehler mit weiterrei-
chenden Konsequenzen?) Andere Autoren verweisen auf die Dialektik
zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen 7), die
von uns vernachlässigt würde. Nun scheint eine bloße Kenntnis-
nahme des Satzes von der "Dialektik von Produktivkräften und Pro-
duktionsverhältnissen" nicht hinreichend Handhabe zu bieten, sich
in diesem Widerspruch zurechtzufinden. Wo ein Widerspruch exi-
stiert, streiten Kräfte miteinander, bewirken Veränderungen und
führen zu neuen Bewegungsformen. Die Marxsche Erkenntnis muß kon-
kretisiert werden: Was bedeutet die oft hervorgehobene Zuspitzung
der Widersprüche?
Diesem Unterfangen sich stellend taucht eine weitere Schwierig-
keit auf; Produktionsverhältnisse und Produktivkräfte bilden eine
wirkliche Einheit. Beide Faktoren können in ihrem Widerspruchs-
verhältnis nur erfaßt werden, wenn sie gedanklich und begrifflich
voneinander getrennt werden, «ich wenn sie in der Realität unmit-
telbar zusammen auftreten. Diese gedankliche, sprachliche und
dann auch darstellungsmäßige Trennung aber verlangt "Geduld beim
Durchlaufen der gegensätzlichen Momente" 8), denn: "Die Wahrheit
scheint im einzelnen Moment verloren zu gehen." 9) Um also die
marxistische Einsicht in das Widerspruchsverhältnis der gesell-
schaftlichen Produktion konkretisieren zu können, erscheint es
nicht nur erforderlich, das methodische Verfahren nachzuvollzie-
hen, welches zu dieser Einsicht führte, sondern sich auch das er-
forderliche Denken in Widersprüchen anzueignen. Zu diesem Zwecke
erfolgt zunächst (Abschnitt I) eine Skizze zur menschheitsge-
schichtlich umwälzenden Herausbildung des Widerspruchsdenkens.
Aus der ersten Sichtung der Streitpunkte wurde erkennbar, daß me-
thodische Fragen materialistischer Sozialforschung geklärt werden
müssen. Die aufgeworfenen Fragen werden anhand der Darstellung
des Marxschen Verfahrens beantwortet werden müssen, um dies Ver-
fahren für die Erforschung heutiger gesellschaftlicher Erschei-
nungen nutzbar machen zu können. Methodische Fragen mögen den
praktisch und politisch orientierten Leser eher langweilen bzw.
wenig nutzbringend für die eigene Praxis erscheinen. Jede Praxis
stellt einen Eingriff in die gesellschaftliche Entwicklung dar.
Ist dieser Eingriff nicht effektiver, je genauer durchdacht er
den Entwicklungsgesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Wirk-
lichkeit entspricht und die vorwärtsdrängenden Kräfte dieser Ent-
wicklung nutzt und verstärkt? Nicht nur die Effektivität wird
durch dieses Wissen gesteigert, Leben oder Tod kann von der Rich-
tigkeit der Bestimmung der Eingriffsmöglichkeiten und -bedingun-
gen abhängen - dies lehrt die Geschichte menschlicher Befreiungs-
bewegungen. Fragen des methodischen Herangehens an die Wirklich-
keit werden somit letztlich zu Fragen der adäquaten Bestimmung
politischen Handelns. Klarheit in ersteren kann Vereinheitlichung
in gemeinsamer gesellschaftsverändernder Praxis fördern. So
scheint es uns sinnvoll, zur Verständigung über das offenbar
entscheidende methodische Vorgehen zunächst noch einmal die
Anwendung des dialektischen Denkens durch Marx nachzuvollziehen
(Abschnitt II und III), um schließlich das Marx'sche Verfahren
für die Analyse heutiger Wirklichkeit fruchtbar zu machen
(Abschnitt IV).
I. Zum Nutzen des dialektischen Denkens
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"Daß das weiche Wasser in Bewegung mit der Zeit den mächtigen
Stein besiegt. Du verstehst, das Harte unterliegt." 10)
Das war die Lehre des Laotse, die für den Zöllner in Flickjoppe
und ohne Schuhe, dessen "Stirn eine einzige Falte", der also
"kein Sieger" war, von Belang war: "Wer wen besiegt, das interes-
siert auch mich" 11). In der "Legende von der Entstehung des Bu-
ches Taoteking auf dem Wege des Laotse in die Emigration" umriß
Brecht in solcher Weise knapp und unzweideutig den Nutzen der
Dialektik.
Die Dialektik als grundlegende Denkweise des Marxismus ist be-
kanntlich keineswegs sein spezifisches neuartiges Resultat, ist
historisches Produkt der Auseinandersetzung des Menschen mit der
Natur 12) und ihrer theoretischen philosophischen Verarbeitung,
ist "ein historisches Produkt der Entwicklung des philosophischen
Denkens und als solches eine theoretische Verallgemeinerung we-
sentlicher Errungenschaften der Natur- und Gesellschaftswissen-
schaften sowie grundlegender historischer Erfahrungen der men-
schlichen Gesellschaft." 13)
Der Nutzen der dialektischen Denkweise für die gesellschaftliche
Lebenspraxis war von vornherein ausmachbar - auch in der Entwick-
lung des philosophischen Denkens: bereits bei Hegel, durch den
"die bisher herausgearbeiteten Elemente der dialektischen Denk-
weise und Methode eine systematische Zusammenfassung" fanden 14),
lassen sich die Fortschritte - trotz der idealistischen Verkeh-
rung der Dialektik - gegenüber anderen gedanklichen Zugängen zu
Wirklichkeit auf verschiedenen Ebenen verfolgen. Ein wesentlicher
Vorzug des objektiven Idealismus gegenüber jeder Form des subjek-
tiven Idealismus bestand darin, daß er die Dinge dieser Welt und
die Erscheinungen der Wirklichkeit nicht als aus subjektivem Füh-
len und Wollen geborene, sondern als objektiv gegebene, unabhän-
gig vom Individuum gesetzte begriff. Die Dialektik als objektiv
bestimmte war für Hegel - 'Bewegung des Begriffs selbst' und da-
her die allgemeine, schlechthin unendliche Kraft, welcher kein
Objekt Widerstand leisten kann". 15)
Wurde von Hegel als Erfordernis des wissenschaftlichen Erkennens
"sich dem Leben des Gegenstands zu übergeben oder, was dasselbe
ist, die innere Notwendigkeit desselben vor sich zu haben und
auszusprechen" 16) formuliert, wurde so die objektive Realität
als außerhalb subjektiver Bestimmung gegebene, sich unabhängig
vom individuellen Wollen sich ereignende gefaßt, so bedeutete
dies keineswegs eine Einschränkung menschlicher Größe: indem He-
gel auch die Entwicklung der objektiven Realität zu verfolgen,
ihre Gesetzmäßigkeiten aufzuspüren beanspruchte, suchte er nach
der Entwicklungslogik (von den idealistischen Beschränkungen und
ihren Folgen sei hier abgesehen) 17): so erschien "die Geschichte
der Menschheit nicht mehr als ein wüstes Gewirr sinnloser Gewalt-
tätigkeiten... , sondern als der Entwicklungsprozeß der Mensch-
heit selbst, dessen allmählichen Stufengang durch alle Irrwege zu
verfolgen, und dessen innere Gesetzmäßigkeit durch alle scheinba-
ren Zufälligkeiten hindurch nachzuweisen, jetzt die Aufgabe des
Denkens wurde." 18)
Mit der Analyse des inneren Zusammenhangs in der Bewegung und
Entwicklung mußten auch die wirkenden Triebkräfte zu Tage geför-
dert werden - zu ihrer Erfassung rückte die Kategorie des Wider-
spruchs in den Mittelpunkt, laut Marx "die Springquelle aller
Dialektik" 19). Die Realität wurde von Hegel als in Widersprüchen
ablaufende gefaßt, der Widerspruch war für ihn "die Wurzel aller
Bewegung und Lebendigkeit, nur insofern etwas in sich selbst
einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und Tätigkeit"
20). Damit wurde die Geschichte als Weiter-, Höherentwicklung be-
greifbar; konnten Auffassungen, die die Entwicklung nur als rein
quantitative Veränderungen bereits fertiger Qualitäten betrachte-
ten, dabei eine Richtung der Bewegung nicht ausmachen konnten,
hilflos waren gegenüber in der Natur und in der gesellschaftli-
chen Wirklichkeit konstatierbaren sprunghaften Veränderungen,
überwunden werden. Hegel selbst setzte sich in klärender Weise
mit solchen Auffassungen auseinander: "So fest in der Meinung der
Gegensatz des Wahren und Falschen wird, so pflegt sie auch entwe-
der Beistimmung oder Widerspruch gegen ein vorhandenes philoso-
phisches System zu erwarten und in einer Erklärung über ein sol-
ches nun entweder das eine oder das andere zu sehen. Sie begreift
die Verschiedenheit philosophischer Systeme nicht so sehr als
fortschreitende Entwicklung der Wahrheit, als sie in der Ver-
schiedenheit nur den Widerspruch sieht. Die Knospe verschwindet
in dem Hervorbrechen der Blüte, und man könnte sagen, daß jene
von dieser widerlegt wird, ebenso wird durch die Frucht die Blüte
für ein falsches Dasein der Pflanze erklärt, und als ihre Wahr-
heit tritt jene an die Stelle von dieser. Diese Formen unter-
scheiden sich nicht nur, sondern verdrängen sich auch als unver-
träglich miteinander. Aber ihre flüssige Natur macht sie zugleich
zu Momenten der organischen Einheit, worin sie sich nicht nur wi-
derstreiten, sondern eins so notwendig wie das andere ist..." 21)
Hegel benennt damit das Erfordernis an das Denken, Widersprüche
aushalten zu können - auszuhalten, daß eine Sache in der Bewegung
nicht entweder das eine oder das andere ist, sondern sehr wohl
widersprüchliche, gegensätzliche Bestimmungen in sich tragen
kann; ein solches Denken erlaubt es, Entwicklung unter dem Aspekt
des Eingreifens zu betrachten, insofern als es ermöglicht, Altes
und Neues im Widerstreit zu unterscheiden.
Resümieren wir: Das Gefangensein, das Eingeschlossensein zwischen
Mauern, deren Überwindung scheinbar weder möglich noch denkbar,
kann beendet werden, wenn die Risse, auch die feinsten, erkannt
werden, an denen angesetzt werden kann. Risse an der äußeren Fas-
sade verweisen auf widerstreitende Kräfte und eine sich anbah-
nende Aufhebung des Kräftegleichgewichts; mit dem richtig ange-
setzten Hebel kann der schon vorhandene, zunächst noch statisch
erscheinende Gegensatz zum Ausbrechen gebracht werden. So ließe
sich die Widerspruchslehre schreiben: als Kunde, Haarrisse an der
Oberfläche als Ausdruck eines mächtigen, die Entwicklung potenti-
ell beschleunigenden Gegensatzes im Kern zu erkennen, und
schließlich - praktisch gewendet - als Kunde, den Hebel richtig
anzusetzen.
Um diese Kunde zu nutzen, galt es allerdings, die Dialektik vom
Kopf auf die Füße zu stellen, um sie "zu einem brauchbaren In-
strument der wissenschaftlichen Forschung und des praktischen
Kampfes" 22) zu machen. Nahm Hegel den Ausgangspunkt von der Dia-
lektik der Begriffe, "geriet (er)... auf die Illusion, das Reale
als Resultat des in sich zusammenfassenden, in sich vertiefenden
und aus sich bewegenden Denkens zu fassen" 23), so ging es für
Marx darum, die wirkliche Bewegung selbst zu untersuchen. Die ma-
terialistische Dialektik als Entwicklungslehre stellt "keineswegs
Prinzipien dar, die unabhängig vom historischen Prozeß in sich
selbst gegründet sind und die man dann auf diesen Prozeß äußer-
lich anwendet;... die damit eine Art von metaphysischen Universa-
lia des Weltgeschehens wären." 24) - "... die Dialektik
(formuliert) weder selbständige 'Erkenntnisse', deren Geltung zu
begründen wäre, noch (stellt sie) ein Beweisverfahren dar... ,
durch welches der Erkenntnischarakter von Aussagen belegt werden
könnte. Materialistische Dialektik ist... allgemeinste Entwick-
lungslehre', sowohl Resultat wie umfassendstes methodisches Regu-
lativ des Sich-Anmessens menschlichen Denkens an die wesentlichen
Züge des wirklichen Gangs historischer Progression..." 25).
Mit diesem Erkenntnisverfahren konnte die Realisierungsmöglich-
keit eines alten Traums der Menschheit nach einer Gesellschaft
aufgewiesen werden, in welcher die Entfaltung des Individuums
nicht mehr auf Kosten anderer Gesellschaftsmitglieder verlaufen
muß. Um die weiterentwickelte Wirklichkeit, die neu entstandenen,
scheinbar undurchschaubaren, unüberwindbaren "Fassaden" zu be-
greifen, wird es weiterhin notwendig sein, die Marxsche Nutzung
der Dialektik nachzuvollziehen, um für die Bewältigung der gegen-
wärtigen Wirklichkeit zu lernen.
II. Der Ertrag des Widerspruchsdenkens: Aufdeckung des
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Bewegungsgesetzes der gesellschaftlichen Entwicklung
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Vergegenwärtigen wir uns die Zeiten, in denen Marx die Grundlagen
der materialistischen Geschichtsauffassung legte, so sehen wir
auf Seiten der Bevölkerung massenhaftes Elend, Hunger und Not in
unwürdigen Behausungen, Verschleiß ganzer Generationen von Kin-
dern in Tag- und Nachtarbeit, von ihren Kindern fortgerissene
Mütter und mit Berufskrankheiten geschlagene Männer. Armut und
Not herrschten auch in früheren Zeiten, aber: "Nicht so sehr die
altgewohnte Armut war es, die beunruhigte, als vielmehr die neu
entstehende, nicht das Elend des flachen Landes, sondern das der
wachsenden Industriezentren, nicht die begreifliche Not der her-
kömmlichen unergiebigen Wirtschaftsweise, sondern die unbegreif-
liche einer Wirtschaft mit wachsender Produktionskraft!" 26) In
diesen blutigen und elendigen Erscheinungen der kapitalistischen
Überwindung feudaler Zustände sollten sich Elemente einer zukünf-
tigen, von Not und Unterdrückung befreiten Gesellschaft finden
lassen? Lag es nicht näher, die Verurteilung der "wachsenden Pro-
duktionskraft" in Gestalt der Maschinen und die Rückkehr zu ver-
gangenen goldenen Zeiten handwerklicher Arbeit zu predigen, wie
dies die Romantiker taten? Lag es nicht näher, die Errungenschaf-
ten der Aufklärung, die menschliche Vernunft, einzusetzen und
eine vernünftige Gesellschaft zu konstruieren, die alle Fehler
der gegenwärtigen vermeidet und ausmerzt? Bekanntlich beansprucht
der Materialismus alles andere als eine bloß moralische Kapita-
lismuskritik zu führen, die sich eine ersehnte Welt konstruiert
und im Namen dieser Vorstellung die Gegenwärtige verwirft. Wie
also ist die wissenschaftliche Kritik zu wenden, die den Weg zur
Erfüllung der alten Menschheitsträume und -sehnsüchte aufweist?
Nach der zentralen Einsicht materialistischer Geschichtsauffas-
sung befragt wird jeder, der als politisch Handelnder in den ge-
sellschaftlichen Entwicklungsprozeß eingreifen will, - sei er
auch nur mit oberflächlicher Kenntnis dieser Geschichtsauffassung
ausgestattet - das Gesetz der notwendigen Übereinstimmung zwi-
schen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften anführen. Be-
deutet aber "Übereinstimmung" nicht das genaue Gegenteil von Ent-
wicklungskräften, nämlich spannungslose Stagnation? Wie erinner-
lich formulierte Marx in dem berühmten Vorwort der Schrift "Zur
Kritik der politischen Ökonomie" dies allgemeine Gesetz: "In der
gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen be-
stimmte, von ihren Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produkti-
onsverhältnisse, die einer bestimmten Stufe der materiellen Pro-
duktivkräfte entsprechen ... Auf einer gewissen Stufe ihrer Ent-
wicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft
in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder,
was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentums-
verhältnissen, innerhalb derer sie sich bisher bewegt hatten. Aus
Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhält-
nisse in Fesseln derselben um. Es tritt eine Epoche sozialer Re-
volution ein." 27) Es ist also gerade die Nicht-Übereinstimmung
der beiden Seiten der gesellschaftlichen Produktion, welche die
Weiterentwicklung und Überwindung überholter Produktionsverhält-
nisse möglich und notwendig macht. Das Verhältnis von Produkti-
onsverhältnissen und Produktivkräften ist ein widersprüchliches,
aber kein Verhältnis äußerlicher, direkt sichtbarer und unter-
schiedener Gegensätze; gerade ihr einheitliches Zusammenwirken in
der gesellschaftlichen Produktion treibt die innere Widersprüch-
lichkeit in der Einheit hervor. Daraus entspringt die Schwierig-
keit, die Entwicklungskräfte des Zukünftigen in dem Gegenwärtigen
aufzuspüren und die wirkliche Entwicklung der Gesellschaftsforma-
tionen als Entwicklung und Zuspitzung des Widerspruchs, der zu
einer Lösung drängt, aufzuschlüsseln.
Mit der bürgerlichen Gesellschaft entstanden die ersten Vorstel-
lungen aus dem Vernunft-Anspruch der Aufklärung heraus, wie der
"aus den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Individuen her-
vorwachsende Antagonismus" 28) zu überwinden sei. Engels charak-
terisiert diese Vorstellungen als soziale Utopien: "Die Gesell-
schaft bot nur Mißstände; sie zu beseitigen war Aufgabe der den-
kenden Vernunft. Es handelte sich darum, ein neues vollkommeneres
System der gesellschaftlichen Ordnung zu erfinden und dies der
Gesellschaft von außen her, durch Propaganda, womöglich durch das
Beispiel von Musterexperimenten aufzuoktroyieren. Diese neuen so-
zialen Systeme waren von vornherein zur Utopie verdammt". 29)
Trotz aufhebenswerter Zielvorstellungen konnte der utopische So-
zialismus den Weg der Verwirklichung dieser Ziele nicht angeben,
er blieb der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber in seiner Kritik
äußerlich; er "kritisierte zwar" - wie Engels hervorhebt - "die
bestehende kapitalistische Produktionsweise und ihre Folgen,
konnte sie aber nicht erklären, also auch nicht mit ihr fertig
werden; er konnte sie einfach nur als schlecht verwerfen". 30)
Die Art, in der Engels die Kritik gegenüber dem utopischen Sozia-
lismus führt, zeigt seine Überwindbarkeit: die kritikwürdige Ge-
sellschaft ist in ihren Wirkungszusammenhängen, die das zu Kriti-
sierende hervorbringen, zu erklären. Die Tatsache, daß zunehmend
Einsicht in die Kritikwürdigkeit der bürgerlichen Gesellschaft
entstehe, weise darauf hin, daß Veränderungen in der gesell-
schaftlichen Produktion stattfänden, die eine Kritik überhaupt
ermöglichen. "Damit ist zugleich gesagt, daß die Mittel zur Be-
seitigung der entdeckten Mißstände ebenfalls in den veränderten
Produktionsverhältnissen selbst - mehr oder minder entwickelt -
vorhanden sein müssen. Diese Mittel sind nicht etwa aus dem Kopf
zu e r f i n d e n, sondern vermittelst des Kopfes in den vor-
liegenden materiellen Tatsachen der Produktion zu e n t-
d e c k e n". 31) Indem der Sozialismus derart auf einen realen
Böden gestellt werde, könne aus ihm eine Wissenschaft gemacht
werden. 32) Diese Programmatik des wissenschaftlichen So-
zialismus, der Übergang von einer utopischen Gesellschaftskon-
struktion zur materialistischen Wissenschaft, erfordert die Auf-
deckung der Umwälzungsfermente in der bürgerlichen Gesellschaft.
Die Marxsche Analyse der Bewegungsgesetze der kapitalistischen
Produktion muß daher den Schlüssel liefern, um das konkrete Wir-
ken des allgemeinen Gesetzes der notwendigen Übereinstimmung zwi-
schen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften in der bür-
gerlichen Gesellschaft aufspüren zu können. 33) Zu fragen ist da-
her nicht nur nach den Resultaten der empirischen Forschung, son-
dern vor allem nach dem W i e des Forschungsprozesses, nach dem
wissenschaftlichen Verfahren, um es für die politisch notwendige
Erforschung der sich entwickelnden gesellschaftlichen Wirklich-
keit nutzbar machen zu können. Welche Art des Entwicklungsdenkens
wird erforderlich? Das Gesetz der Entstehung des Mehrwerts wurde
von Marx als d a s ökonomische Grundgesetz der kapitalistischen
Produktion enthüllt: der dem Kapital innewohnende Zwang zur be-
ständigen Verwertung des Werts. Ist mit diesem Bewegungsgesetz
nun die Ursache der realen gesellschaftlichen Entwicklung in der
bürgerlichen Gesellschaft bekannt, die zu einer notwendigen
Nichtübereinstimmung von Produktionsverhältnissen und Produktiv-
kräften führt? An anderer Stelle spricht Marx von dem histori-
schen Beruf der Bourgeoisie, die Produktivkräfte als gesell-
schaftliche zu entwickeln und stetig zu revolutionieren. Wie ge-
langt Marx zu einer solchen Wertung der kapitalistischen Produk-
tionsweise? Offensichtlich wird an dem Gegenstand materielle Pro-
duktion eine abstrahierende Trennung vollzogen. Diese gedankliche
Trennung erweist sich als notwendig, um das treibende Motiv der
gesellschaftlichen Produktion, das ökonomische Bewegungsgesetz,
und die dadurch vorangetriebenen materiellen Produktivkräfte un-
terscheiden zu können als zwei Seiten einer sich entwickelnden
w i d e r s p r ü c h l i c h e n Einheit. 34)
Ein zweiter Anlauf belehrt, daß die alleinige gedankliche Tren-
nung beider Seiten der gesellschaftlichen Produktion zur Begrün-
dung der Marxschen Wertung der kapitalistischen Produktionsweise
nicht ausreichend sein kann. Die historische Rolle der Bour-
geoisie in der von ihr zwanghaft betriebenen unerbittlichen Vor-
anpeitschung der gesellschaftlichen Produktivkräfte zu sehen, be-
deutet, das Fortschrittliche, die neuartige Art und Weise der
Auseinandersetzung von Mensch und Natur in der Arbeit und mittels
ihrer, als Überwindung unzureichender und beschränkter Produkti-
onsweisen der Feudalgesellschaft zu sehen und festzuhalten. 35)
Die besondere gesellschaftliche Form, kapitalistische Produkti-
onsverhältnisse, werden von dem Standpunkt aus betrachtet, inwie-
weit sie bessere und effektivere Mittel zur Leistung des Lebens-
notwendigen bereitstellen und entwickeln. Dieser Standpunkt
schließt eine historische bzw. historisierende Sichtweise der be-
sonderen Form der gesellschaftlichen Produktion ein bzw. führt zu
ihr wie auch umgekehrt; von einem "historischen Existenzrecht"
36) zu sprechen, bedeutet, andere gesellschaftliche Formen der
menschlichen Arbeit mit der besonderen Form des Kapitalismus in
den Vergleich zu bringen, das ihnen alle gemeinsame, die men-
schliche Arbeit, festzuhalten und von diesem Standpunkt aus den
Fortschritt in der Art der Bewältigung des Lebensnotwendigen zu
bestimmen. Im Spiegel dieses Allgemeinen erscheint die bürgerli-
che Gesellschaft als eine besondere, historisch entstandene ge-
sellschaftliche Form der Bewältigung des Allgemeinen. Wird durch
diese "transsoziale Relativierung" 37) allein eine historische
Bewertung ermöglicht?
Der Übergang vom utopischen zum wissenschaftlichen Sozialismus
wird vollzogen, wie Engels eindrücklich bemerkte, wenn "die Mit-
tel zur Beseitigung der entdeckten Mißstände... in den vorliegen-
den materiellen Tatsachen der Produktion" 38) entdeckt werden.
Als bisherige methodische Analyseinstrumente wurden die Einnahme
des Standpunktes des Allgemeinen, sowie die von diesem Standpunkt
aus erfolgende bestimmte Negation des Besonderen gegenüber dem
Allgemeinen aufgewiesen und zur Anwendung empfohlen. Die Rede von
dem historischen Existenzrecht weist darauf hin, daß die Methode
der bestimmten Negation eingesetzt wird, um mit Blick auf das Zu-
künftige die Elemente dieser Zukunft in dem Gegenwärtigen aufzu-
decken 39). Vom Standpunkt des Allgemeinen, der lebensnotwendigen
Arbeit, werden die besonderen Formen dieses Allgemeinen identifi-
zierbar, der überhistorische Vergleich läßt den Gedanken plausi-
bel erscheinen, die gesellschaftliche Arbeit auf vernünftige Art
zu bewerkstelligen; der Sozialismus als Form der gesellschaftli-
chen Arbeit, die mit ihrem Inhalt, dem Allgemeinen, überein-
stimmt, erscheint als lohnende und naheliegende Perspektive:
"Warum das Bewußtgemachte nicht bewußt machen"? 40) Diese denk-
bare Perspektive wird zur realen Perspektive, wenn sie in der
Entwicklung der gesellschaftlichen Wirklichkeit aufgespürt werden
kann. Besteht die historische Existenzberechtigung der Bour-
geoisie in der Vorantreibung der Produktivkräfte, so ist nach dem
Charakter dieser materiellen Mittel der Bewältigung des Lebens-
notwendigen, der gesellschaftlichen Arbeit, zu fragen. Das Kapi-
tal treibt in privater Form die Entwicklung von Produktivkräften
voran, die ihrem Umfang und ihrer Qualität nach nur in gesell-
schaftlicher Arbeit zu beherrschen sind, also unmittelbar gesell-
schaftlichen Charakter besitzen, und entwickelt mit innerer Not-
wendigkeit die Mittel seiner eigenen Überwindung, indem es die
materiellen Grundlagen einer unmittelbar gesellschaftlichen Pro-
duktion schafft 41). Die Umwälzungsfermente und Keime des Neuen
werden also durch das Kapital selbst hervorgebracht in Gestalt
der materiellen Produktivkräfte: "Die Produktivkräfte, in ihrem
dialektischen Verhältnis der Wechselwirkung mit den Produktions-
verhältnissen, bilden das beweglichere, raschen Veränderungen un-
terworfene, revolutionierende und letztlich entscheidende Moment
in der geschichtlichen Entwicklung". 42)
Für die Arbeiterbewegung, dem Subjekt der praktischen Negation
der privaten Interessen des Kapitals, bedeutet der Übergang von
dem utopischen zum wissenschaftlichen Sozialismus nicht nur der
wissenschaftliche Aufweis der eigenen Zukunft, sondern ist unbe-
dingt erforderlich zur Vermeidung lebensbedrohender Irrtümer.
Dies zeigt sich beispielsweise an dem historischen Phänomen des
'Maschinenstürmens': "Es bedarf Zeit und Erfahrung, bevor der Ar-
beiter die Maschinerie von ihrer kapitalistischen Anwendung un-
terscheiden und daher seine Angriffe vom materiellen Produktions-
mittel selbst auf dessen gesellschaftliche Exploitationsform
übertragen lernt" 45). Die mit dieser Erfahrung vollzogene Über-
windung der abstrakten Negation orientiert die Arbeiterbewegung
auf ihren "geschichtlichen Beruf", die "weltbefreiende Tat
(der)... Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesell-
schaft" 46). Liefert die wissenschaftliche Analyse des Zukünfti-
gen in dem Gegenwärtigen die zukunftweisende Orientierung für die
praktisch werdende Negierung des Alten durch die Arbeiterbewe-
gung, so stellt sich für den "theoretischen Ausdruck der proleta-
rischen Bewegung, den wissenschaftlichen Sozialismus" die Auf-
gabe, "ihre (der weltbefreienden Tat, d.V.) geschichtlichen Be-
dingungen und damit ihre Natur selbst zu ergründen, und so der
zur Aktion berufenen, heute unterdrückten Klasse die Bedingungen
und die Natur ihrer eigenen Aktion zu Bewußtsein zu bringen" 47).
III. Marxens Frage nach den Entwicklungsmöglichkeiten
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des Individuums
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Besteht einerseits ein breites Einverständnis darüber, daß der
Kapitalismus die materiellen Voraussetzungen für den Sozialismus
schafft, so gibt es andererseits große Zweifel darüber, ob und in
welcher Weise mit den objektiven Produktivkräften auch die sub-
jektiven Voraussetzungen innerhalb des Kapitalismus sich bereits
keimhaft entwickeln können. Bestenfalls kann man sich darüber ei-
nigen, daß der Kapitalismus mit der Arbeiterklasse selbst, ihrer
fabrikmäßigen Organisierung, das Subjekt der Überwindung geschaf-
fen hat. Aber warum soll es notwendig sein, auf der Ebene des ar-
beitenden Individuums als eines Teils der Klasse weitere Bestim-
mungen aufzuspüren und entsprechende Untersuchungen anzustellen;
wie soll es mit der Marxschen Methode vereinbar sein, innerhalb
des kapitalistischen Produktionsprozesses bereits keimhafte Ele-
mente einer Persönlichkeit, die nur im Sozialismus in Gänze
durchsetzbar sein wird, zu suchen? 48) Prüfen wir, wie Marx
selbst sich zu dieser Frage verhalten hat.
Die Auseinandersetzungen um das Verhältnis von einem Humanismus,
dessen Hauptaugenmerk der Würde und Entfaltung der menschlichen
Persönlichkeit gilt, einerseits und dem Marxismus andererseits,
sind so alt wie der Marxismus selbst. Immer wieder wurde dem Mar-
xismus als der Theorie, die ihr Hauptaugenmerk auf die materiel-
len Bedingungen menschlichen Lebens richtete, das Individuum
streitig gemacht: nicht zuletzt deshalb, weil sie sich gegen das
Postulat einer allgemein, gleichsam überhistorisch gültigen men-
schlichen Individualität wandte; weil sie gegenüber Auffassungen
menschlicher Geschichte als von "großen Individuen" gemachter
herausarbeitete, daß die Geschichte in Wirklichkeit als Ge-
schichte von Klassenkämpfen zu begreifen sei u.ä. mehr.
Wenn nun von Marxisten in Abwehr solcher Vorstellungen eines
"abstrakten Menschen", einer abstrakten Individualität immer wie-
der hervorgehoben wurde, daß der Mensch von gesellschaftlichen
Verhältnissen bestimmt ist, daß sein Handeln und Denken von sei-
ner Klassenzugehörigkeit abhängig ist, so bedeutete dies nicht,
daß das Individuum dem Marxismus gleichgültig war oder ist. Im
Gegenteil ging es ihm um die gesellschaftliche Begründung einer
Theorie des Individuums, um die wissenschaftliche Erforschung der
materiellen Bestimmtheit der Handlungs- und Entfaltungsmöglich-
keiten des Einzelnen in der Gesellschaft.
Im Mittelpunkt der Untersuchungen Marxens stand stets die Frage
nach der Entwicklung und Entwicklungsmöglichkeit der Menschen -
von seinen ersten Studien, den "ökonomisch-philosophischen Manu-
skripten" bis hin zum "Kapital" 49); präziser: die jeweiligen ma-
teriellen Bedingungen wurden jeweils daran gemessen, welche Mög-
lichkeiten der Entfaltung aller menschlichen Anlagen und Fähig-
keiten, der Aneignung des von der Gattung Mensch jeweils histo-
risch Errungenen durch das Individuum gegeben waren.
Der französische Philosoph Lucien Sève hält - in Widerrede zu
"spekulativ-humanistischer" Deutung einerseits und der "theore-
tisch-antihumanistischen" Deutung des Marxismus 50) andererseits
eine Qualifizierung des Marxismus als "wissenschaftlichen Huma-
nismus" für gerechtfertigt: "Er ist es als Theorie der geschicht-
lichen Widersprüche und Entfaltungsbedingungen der Individuen,
der notwendigen Entstehung des, wie Marx sagt, total entwickelten
Individuums der kommunistischen Gesellschaft." 51) Die ganze
Geschichte könne "sehr zu Recht auch als Geschichte der
progressiven Entfaltung der menschlichen Individuen betrachtet
werden. Dies sagte Marx in seinem Brief an Annenkow: 'Die soziale
Geschichte der Menschen ist stets nur die Geschichte ihrer
individuellen Entwicklungen, ob sie sich dessen bewußt sind oder
nicht.' In diesem Punkt hat Marx nie geschwankt; er wird in
seinem späteren ganzen Werk und besonders im Kapital ausgebaut,
wo die ganze Entwicklungskurve des gesellschaftlichen Individuums
skizziert wird - von den ursprünglichen Gesellschaften mit der
für sie charakteristischen 'Unreife des individuellen Menschen'
bis hin zum Kommunismus, in dem sich das 'total entwickelte
Individuum' entfalten wird." 52) So läßt sich folgern, daß die
Emanzipation der Klasse der Arbeiter und Emanzipation des In-
dividuums - und folglich der Menschheit überhaupt - in der Marx-
schen Theorie in keiner Weise in einem gegensätzlichen, oder gar
sich ausschließenden Verhältnis stehen, sondern sich vielmehr ge-
genseitig bedingen; dies fand seinen prägnantesten Ausdruck wohl
in dem Postulat einer Gesellschaft, in der die Entwicklung des
einzelnen Individuums Voraussetzung für die Entwicklung der Ge-
sellschaft sein müsse. 53)
Geht es also um die Perspektive des "total entwickelten Individu-
ums", so ist genauer danach zu fragen, wie dieses beschaffen sein
soll: Wir finden bei Marx Bestimmungen wie "Allseitigkeit",
"Vielseitigkeit", Entfaltung aller körperlichen und geistigen
Kräfte ("einer Welt von produktiven Trieben und Anlagen") 54),
Einheit von körperlicher und geistiger Arbeit, Aneignung des von
der menschlichen Gattung insgesamt erarbeiteten Erbes an Wissen
und Fähigkeiten durch das Individuum: Unschwer lassen sich darin
Vorstellungen wiederfinden, die spätestens seit der griechischen
Antike die Ideale entwickelter Persönlichkeiten bestimmten. War
aber das Ideal der allseitigen Bildung des Menschen - wie es in
der griechischen Antike ausgeprägt oder im Humanismus weiterent-
wickelt wurde - zunächst nur als Gegenbild zur materiellen Pro-
duktion formuliert worden, war also seine Realisierung nur für
die Nicht-Materiell-Arbeitenden denkbar 55), so klagte im Gegen-
satz hierzu Marx - und mit ihm die gesamte sozialistische Bewe-
gung des 19. Jahrhunderts - die Verwirklichung dieses Ideals der
Allseitigkeit für alle ein, gerade für die in der materiellen
Produktion Tätigen. Ziel war eine Aufhebung des Gegensatzes von
lebensnotwendiger Arbeit und allseitiger Entfaltung.
An solchen Zielbestimmungen maß Marx schließlich die Bedingungen
in der Manufaktur und in der Großen Industrie, d. h. auch in der
Analyse der Entwicklungsbedingungen des Individuums in der Arbeit
setzte Marx das bereits oben (in Kapitel II) dargelegte methodi-
sche Verfahren ein, die empirisch vorfindbare Wirklichkeit unter
der Perspektive des in den Sozialismus hinein Verallgemeinerbaren
zu sichten und aufzuschlüsseln 56).
Wird hier nun aber nicht einfach ein utopisches Ideal der
schlechten Wirklichkeit gegenübergestellt, oder anders formu-
liert: ist die postulierte Entwicklung eines allseitig gebildeten
Menschen - als Teilbestimmung der sozialistischen Perspektive
nicht einfach mehr nur utopische Wunschvorstellung, so müssen in
der empirischen Wirklichkeit von Marx bereits Entwicklungsfer-
mente aufgespürt und freigelegt worden sein 57), die in Wider-
spruch geraten zur Form der kapitalistischen Produktion.
Marx selbst stellt die These auf, daß die Entwicklung der Produk-
tionskräfte die Entfaltung von Konsumtion und Produktion fördere:
Das Kapital schaffe "die materiellen Elemente für die Entwicklung
der reichen Individualität, die ebenso allseitig in ihrer Produk-
tion als Konsumtion ist" 58). Marx hat einerseits keinen Zweifel
gelassen an der Kritikwürdigkeit solcher Verhältnisse, in denen
die Entwicklung des menschlichen Gattungsvermögens, der gesamtge-
sellschaftlichen Potenzen, auf dem Rücken des arbeitenden Indivi-
duums sich vollzieht - und dies ist für die Vorgeschichte des und
für den Kapitalismus selbst gleichermaßen charakteristisch -, ge-
lassen, dennoch hat er andererseits aufgewiesen, daß diese Ent-
wicklung historisch notwendig war - gerade unter der Perspektive
des "total entwickelten Individuums". So heißt es an einer Stelle
in zugespitzter Formulierung: "Daß diese Entwicklung der Fähig-
keiten der Gattung Mensch, obgleich sie sich zunächst auf Kosten
der Mehrzahl der Menschenindividuen und ganzer Menschenklassen
macht, schließlich diesen Antagonismus durchbricht und zusammen-
fällt mit der Entwicklung des einzelnen Individuums, daß also die
höhere Entwicklung der Individualität nur durch einen histori-
schen Prozeß erkauft wird, worin die Individuen geopfert werden."
60)
Auch bei der Kritik des kapitalistischen Produktionsprozesses
stellte Marx die transitorische Notwendigkeit der kapitalisti-
schen Industrie in Rechnung: er kritisierte den Scheidungsprozeß
der geistigen Potenzen des materiellen Produktionsprozesses von
den unmittelbar materiell Arbeitenden und betonte gleichzeitig
die dadurch ermöglichte ungeheure Steigerung der gesellschaftli-
chen Produktivkräfte (der wissenschaftlichen Durchdringung des
Produktionsprozesses) 61): "Was die Teilarbeiter verlieren, kon-
zentriert sich ihnen gegenüber im Kapital. Es ist ein Produkt der
manufakturmäßigen Teilung der Arbeit, ihnen die geistigen Poten-
zen des materiellen Produktionsprozesses als fremdes Eigentum und
sie beherrschende Macht gegenüberzustellen." 62) Dieser Prozeß
vollende sich in der großen Industrie, "welche die Wissenschaft
als selbständige Produktionspotenz von der Arbeit trennt und in
den Dienst des Kapitals preßt." 63)
Marx arbeitete heraus, worin der historische Fortschritt der
Großen Industrie gegenüber Manufaktur, und vor allem auch gegen-
über handwerklicher Produktion lag; er tat dies, indem er das in
der Großen Industrie sich an die Stelle des Alten der vorangehen-
den Produktionsweisen setzende Neue unter der Perspektive des in
sozialistische Verhältnisse hinein Verallgemeinerbaren und Auf-
hebbaren bestimmt negierte. Dabei beschränkte er sich keineswegs
auf die materiellen Produktivkräfte, auch der Entwicklung der
subjektiven Produktivkräfte, der arbeitenden Individuen wurde auf
diese Weise nachgegangen.
So wies Marx z.B. auf die Folgen der Vergesellschaftung der Ar-
beit, der Notwendigkeit der Kooperation auf die arbeitenden Indi-
viduen hin (64), ferner arbeitete er heraus, wie durch die Ent-
wicklung der Großen Industrie die Aufhebung der Fesselung der In-
dividuen an Teilaufgaben möglich wurde, und damit eine Entwick-
lung zur Vielseitigkeit vorbereitet wurde. Somit können wir zur
Eingangsfrage zurückkehren, wie Marx die Perspektive der allsei-
tigen Entwicklung des Individuums in der wirklichen Entwicklung
begründete und welche Präzisierungen wiederum er schließlich um-
gekehrt aus dieser Begründung gewann.
Zur Präzisierung der Perspektive der Entwicklung des Individuums,
wie sie in der von Marx vorgefundenen Empirie angelegt war, lie-
gen folgende Aussagen vor: es werde durch die revolutionäre tech-
nische Basis der Großen Industrie notwendig und möglich, das
"Teilindividuum, den bloßen Träger einer gesellschaftlichen De-
tailfunktion, durch das total entwickelte Individuum, für welches
gesellschaftliche Funktionen einander ablösende Betätigungsweisen
sind" zu ersetzen; notwendig werde der Wechsel der Arbeiten und
daher "möglichste Vielseitigkeit der Arbeiter als allgemeines ge-
sellschaftliches Produktionsgesetz" 65).
Allseitigkeit scheint also möglich durch Wechsel der Tätigkeiten,
dieser wiederum möglich durch die Aufhebung der Notwendigkeit des
Detailgeschicks. Was als weitere Bestimmung des entwickelten In-
dividuums von Marx selbst genannt wurde - wie Vereinigung von
Hand- und Kopfarbeit, Aneignung des Gattungsvermögens durch das
Individuum - war offenbar in der materiellen Tätigkeit zunächst
nicht auffindbar. So wird es erklärbar, daß die von Marx angege-
bene präzisierte Perpektivbestimmung nach wie vor unpräzise,
insofern als unentschieden und unklar bleibt, wie die Verwirkli-
chung der Allseitigkeit konkret denkbar ist. Ein Anspruch auf in-
dividuelle Selbstverwirklichung in der Arbeit war offenbar auf
dem Stand der Entwicklung der technischen Basis, wie Marx sie
vorfand, noch nicht als empirisch begründbarer einholbar, das
heißt noch nicht als Entwicklungstendenz (die auf Verallgemeine-
rung drängte - im Widerspruch zur kapitalistischen Form der Ar-
beit) freizulegen.
Seit Marxens Analyse wurden nun aber vom Kapital aus dem fortwir-
kenden Zwang zur Verwertung des Werts die materiellen Produktiv-
kräfte in einem ungeheuren Ausmaße weiterentwickelt, so daß die
Frage naheliegt, ob nicht durch neuere Entwicklungen neue Mög-
lichkeiten geschaffen wurden zur Einsicht in die konkreten Per-
spektiven individueller Entwicklung, ob nicht in der weiter ent-
wickelten Empirie reale Perspektiven der umfassenderen Verwirkli-
chung allseitiger Entwicklung der Individuen - konkreter als dies
zu Marxens Zeiten möglich war - ausmachbar sind. Diese Fragen be-
dürfen der empirischen Überprüfung - mit den von Marx entwickel-
ten methodischen Instrumentarien -, werfen doch, wie bereits Sève
formulierte, "die politischen Kampfaktionen selbst die Grundpro-
bleme der Psychologie der Persönlichkeit, die Theorie des Indivi-
duums (auf). Die Rückkehr der Theorie zum Problem der menschli-
chen Individuen gehört also zu den Kernfragen des Marxismus." 66)
So soll es im folgenden darum gehen, den Weg zur Lösung dieser
Aufgabe zu diskutieren.
(Teil IV und V folgen in SOPO 41)
_____
*) W. Wotschack:Automation, Gesellschaftliche Verhältnisse und
Persönlichkeit. Zur Kritik eines Beitrages von T. Waldhubel und
S. Wenk (Projektgruppe Automation und Qualifikation), in: SOPO
37/38 (Dezember 1976), S. 117-137. Seitenangaben in Schrägstri-
chen beziehen sich auf diesen Beitrag.
1) Vgl. dazu den Beitrag von R. Nemitz, in: Das Argument 103.
2) Th. Waldhubel, S. Wenk (Projektgruppe Automation und Qualifi-
kation), Wissenschaftlich-technischer Fortschritt und individu-
elle Emanzipation. Zur Diskussion um die "Sozialistischer Persön-
lichkeit" und ihre Entwicklung in der DDR, in: SOPO 36 (August
1976), S. 63-85.
3) M. Bach, H. Krugs, W. Mühler, Kapitalistische Rationalisierung
und die Auswirkungen auf die Lage der Arbeiterklasse, in: Konse-
quent 27 (April 77), S. 70.
4) Wenn es also als Verdienst des Verfassers festzuhalten gilt,
daß er in seiner Kritik die einzig angemessene Ebene der Ausein-
andersetzung betritt, so muß es umso unverständlicher erscheinen,
daß er, um den Vorwurf der einseitigen Selektion hinsichtlich der
DDR-Literatur zu untermauern /121/, selbst wiederum selektiv ver-
fährt: zur Stützung seiner Gegenthesen trifft er nicht nur selbst
eine bestimmte Auswahl an Zitaten von Autoren aus sozialistischen
Ländern, sondern d über hinaus versäumt er es auch, von uns ange-
führte Aussagen von Wissenschaftlern aus sozialistischen Ländern,
die seiner Auffassung des Sachverhalts widerstreben, als solche
zu kennzeichnen. Er kritisiert z. B. die These, die wissenschaft-
lich-technische Entwicklung sei die materielle Grundlage für die
Annäherung der Klassen und Schichten, von Stadt und Land /119/,
ohne darauf zu verweisen, daß diese Thesen von dem DDR-Soziologen
Weidig übernommen wurde (SOPO 36, S. 77); oder - an anderer
Stelle werde von uns zur Charakterisierung des Prozesses der Ver-
änderung der konkreten Arbeit der polnische Soziologe Widerszpil
zitiert, der von dem "Prozeß der Intellektualisierung der produk-
tiven Arbeit" sprach (SOPO 36, S. 78). W. kritisiert diese Formu-
lierung, ohne sie als Zitat kenntlich zu machen /125/. - Solche
Kritik scheint uns jedoch wenig weitertreibend. Richten wir die
Frage an den Verfasser: Ist es in der wissenschaftlichen Arbeit
völlig unüblich, oder unnütz, diejenigen Positionen aufzunehmen,
die vom eigenen Forschungsstand aus als die fortgeschrittensten
erscheinen, oder ist jedesmal das Zurückfallen anderer hinter
schon erreichte Positionen mit anzugeben?
5) Es sei hier angemerkt, daß der Verfasser diese Kritikpunkte
als Resultat einer neuartigen Kapitalismustheorie betrachtet. Der
Leser mag anhand des inkriminierten Aufsatzes von Nemitz/May
(Marxistische Blätter 3/1976) überprüfen, ob diesen Mitgliedern
der Projektgruppe das auswegslose Abenteuer gelungen ist, der
Marxschen "Kritik der politischen Ökonomie", wie sie auf ca.
2 500 Seiten - die "Theorien über den Mehrwert" und die
"Grundrisse" ausgenommen - ausgearbeitet vorliegt, auf einigen
Seiten der "Marxistischen Blätter" eine neuartige Theorie entge-
genzustellen.
6) entfällt.
7) M. Bach u.a., a.a.O., S. 75.
8) W.F. Haug, Vorlesungen zur Einführung ins 'Kapital', Nachwort
zur zweiten Auflage, Köln 1976, S. 10.
9) ebenda - Die Autoren M. Bach u.a. scheinen besonders wenig Ge-
duld aufbringen zu wollen. Zitieren sie bspw. "die neue Produkti-
onsweise verlangt gebieterisch nach Änderungen im Bildungssystem"
(s. S. 73), so mag dieser Halbsatz aus dem Zusammenhang gerissen
durchaus den Vorwurf der Vernachlässigung der kapitalistischen
Verhältnisse stützen. Aber auf den Zusammenhang kommt es an: die
betreffenden Gedanken beleuchten gerade die Widersprüchlichkeit:
z.B. "In einer auf Privatbesitz gegründeten Gesellschaft voll-
zieht sich Bildungsplanung in einer durch und durch widersprüch-
lichen Bewegung." (Projektgruppe Automation und Qualifikation,
Automation in der BRD (Argument-Sonderbände AS 7) Berlin (West)
1976, S. 23) - Weiter wurde von uns dort ausgeführt: "Die beiden
Hauptaufgaben von Ausbildung im Kapitalismus, Qualifizierung der
Arbeitskraft und Integration in das System, geraten aufgrund der
Anforderungen von Automation in zunehmenden Konflikt. Die ge-
nauere Analyse der damit ins Werk gesetzten Dialektik soll in ei-
ner späteren Untersuchung vorgenommen werden. Es ist jedoch von
vornherein klar, daß die hier entfesselte Dialektik nicht schon
von sich aus zur Befreiung der Gesellschaft aus den Fesseln des
Privatbesitzes führen wird. ..." (ebd., S. 24).
10) B. Brecht, Gesammelte Werke Bd. 9, Frankfurt 1967, S. 661.
11) Ebd., S. 662.
12) Vgl. dazu F. Engels, Dialektik der Natur, MEW 20, S. 320 u.a.
13) Philosophisches Wörterbuch, hrsg. von G. Klaus und M. Buhr,
Reinbek 1972, S. 239.
14) Phil. Wörterbuch, a.a.O., S. 242.
15) Phil. Wörterbuch, ebd.
16) Hegel, Phänomenologie des Geistes, Leipzig 1921, S. 36/37.
Zit. nach J. Zeleny, Die Wissenschaftslogik bei Marx und 'Das Ka-
pital', Frankfurt 1970, S. 99.
17) Vgl. dazu Zeleny, a.a.O., S. 101: "...daß also Hegel einer-
seits durch seinen Idealismus die Rolle des Denkens (eines objek-
tivierten und hypostasierten) übertreibt und vergrößert, aber an-
dererseits nicht ausreichend dessen Rolle, Aktivität, Selbstän-
digkeit, die Spezifik der Bewegungsformen des menschlichen wis-
senschaftlichen Denkens sieht, das vor der Aufgabe steht, die
Wirklichkeit mit ihrer dialektischen ontologischen Struktur rich-
tig zu erkennen und es herabsetzt"
18) J. Schleifstein, Einführung in das Studium von Marx, Engels
und Lenin, München 1973, S. 48.
19) MEW 23, S. 623.
20) Hegel, Logik II, 1, 2; zitiert nach Phil. Wörterbuch, a.a.O.,
S. 243.
21) Hegel, Phänomenologie des Geistes, Leipzig 1921, S. 4. Zit.
nach Zeleny, a.a.O., S. 97.
22) Phil. Wörterbuch, a.a.O., S. 243.
23) K. Marx, Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie
(Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie), Berlin/DDR
1953, S. 22.
24) K. Holzkamp, Die historische Methode des wissenschaftlichen
Sozialismus und ihre Verkennung durch J. Bischoff, in: Das Argu-
ment 84, S. 59.
25) Ebd., S. 61.
26) W. Hofmann, Ideengeschichte der sozialen Bewegung des 19. und
20. Jahrhunderts, Berlin 1970, S. 10.
27) MEW 13, S. 9.
28) MEW 13, S. 9.
29) MEW 20, S. 241.
30) MEW 20, S. 19.
31) MEW 20, S. 249.
32) MEW 20, S. 19.
33) Marx selbst bemerkt in dem bereits erwähnten Vorwort, daß es
sich bei diesem Gesetz um ein "allgemeines Resultat" handle, wel-
ches seinen "Studien zum Leitfaden" gedient habe. Die Kenntnis
des Gesetzes kann die Kenntnisnahme und Erforschung der sich ent-
wickelnden Wirklichkeit nicht ersetzen. Das Gesetz ließ sich als
"allgemeinstes Resultat... aus der Betrachtung der historischen
Entwicklung der Menschen abstrahieren" (MEW 3, S. 27). Wurde dies
Gesetz aus der Untersuchung des empirischen Materials gewonnen,
so handelt es sich bei der abstrahierenden Formulierung um eine
"verständige Abstraktion" (Grundrisse, S. 7); allein "diese Ab-
straktionen haben für sich, getrennt von der wirklichen Ge-
schichte, durchaus keinen Wert" (MEW 3, S. 27). Sie könnten nur
dazu dienen, die Ordnung des geschichtlichen Materials zu er-
leichtern, die Reihenfolge seiner einzelnen Schichten anzudeuten,
schränken Marx und Engels ein. (Zur Bedeutung der dialektischen
Grundgesetzmäßigkeiten bei der wissenschaftlichen Erkenntnis
siehe auch K. Holzkamp, in: Das Argument 84, S. 57 ff.).
34) Bei der Analyse der ökonomischen Formen des Kapitalismus
spielt die gedankliche Trennung der gebrauchswertschaffenden Ar-
beit von der gesellschaftlichen Form dieser Arbeit eine zentrale
Rolle: "Vor allem in der Analyse der Doppelbestimmung des kapita-
listischen Produktionsprozesses ... als Arbeitsprozeß und Verwer-
tungsprozeß wird entscheidend auf die Einsicht in den Doppelcha-
rakter der Arbeit aufgebaut. Und was hängt hier davon ab? Nichts
weniger als der neue, für die Analyse des Kapitalismus zentrale
Formbegriff des Mehrwerts..." (F.W. Haug, Vorlesungen zur Einfüh-
rung ins 'Kapital', Köln 1976, S. 188). Innerhalb der Gesell-
schaftswissenschaften stellt die gedankliche Abstraktion das zen-
trale Mittel dar, um die unbegriffenen Erscheinungen eines Gegen-
standes in der Analyse seiner Eigengesetzlichkeiten in die Be-
stimmungen des konkreten, begriffenen Gegenstandes zu überführen.
Exemplarisch siehe dazu U. Holzkamp-Osterkamp, Grundlagen der
psychologischen Motivationsforschung, Bd. 1, Frankfurt/M., New
York 1976, S. 45 ff.
35) Vgl. MEW 23, S. 198.
36) Ebd., S. 618.
37) W.F. Haug, Die Bedeutung von Standpunkt und sozialistischer
Perspektive für die Kritik der politischen Ökonomie, in: Das Ar-
gument 74, S. 565: Die "transsoziale Relativierung... erlaubt es,
die zunächst dunkle Funktionsweise einer bestimmten Gesell-
schaftsform dadurch aufzuhellen, daß sie als besondere Organisa-
tionsform einer allen Gesellschaften gemeinsamen Funktion darge-
stellt wird. Als allgemeine Gesellschaftsform fungiert dabei die
sozialistische, indem ihr das allen Gesellschaften inhaltlich Ge-
meine unmittelbar die Form bestimmt. Sie hat heuristische Funk-
tion für die Gesellschaftswissenschaft, insbesondere für die Ana-
lyse der kapitalistischen Produktionsweise."
38) MEW 20, S. 249.
39) Vgl. W.F. Haug, Die Bedeutung..., a.a.O., S. 581.
40) W.F. Haug, Vorlesungen..., a.a.O., S. 140.
41) Siehe auch z.B. Grundrisse, S. 314/15 oder S. 231.
42) J. Schleifstein, Einführung in das Studium von Marx, Engels
und Lenin, München 1973, S. 70.
43) entfällt.
44) entfällt.
45) MEW 23, S. 452.
46) MEW 20, S. 136.
47) Ebd. - Indem Engels die Aufgabe des wissenschaftlichen Sozia-
lismus bestimmt, unterscheidet er erneut zwischen den
"geschichtlichen Bedingungen" der Umwälzung und dem Subjekt die-
ser Umwälzung. - "Die entscheidende Bedeutung des Klassenkampfes
für die weitere Entwicklung gerät hier zu einem Randproblem" (M.
Bach u.a., a.a.)., S. 67) - so lautet eine Kritik an dem Vorgehen
der Projektgruppe Automation und Qualifikation. Verlangt wird of-
fenbar, von den materiellen Voraussetzungen und dem historischen
Subjekt zugleich zu sprechen. Statt mit der Untersuchung der Aus-
wirkungen der Automation die neu heranwachsenden Voraussetzungen
der politischen Befreiung zu bestimmen, empfiehlt das Autorenkol-
lektiv, die Frage zu stellen: "Für wen, im Interesse welcher
Klasse wird die neue Technik entwickelt; wozu, im Interesse wel-
cher Klasse werden neue Technologien angewendet?" (ebd., S. 71).
Mit der Frage ist die Antwort bekannt: im Interesse des Kapitals.
Nur: was ist mit dieser Feststellung gewonnen? Als wesentlicher
Bestandteil der wissenschaftlichen Fundierung des Sozialismus
konnte die gedankliche Trennung der beiden Seiten der realen Ein-
heit materielle Produktion aufgewiesen werden. Mit dieser Tren-
nung wird erst entscheidbar, in welcher Weise welche wissen-
schaftlich-technische Entwicklungen - obwohl sie im Interesse des
Kapitals hervorgebracht und angewandt - der Vorbereitung des So-
zialismus dienen, die Widersprüche zur privaten Form ihrer Nut-
zung zuspitzen.
48) entfällt.
49) Darauf hat auch erneut F. Tomberg in seiner Auseinanderset-
zung mit Althusser, dessen Charakterisierung des Marxschen Ver-
fahrens im Kapital als "theoretischen Antihumanismus", hingewie-
sen: Es gebe "tatsächlich so etwas wie einen Einschnitt in der
Marxschen Methode ... Er besteht darin, daß Marx vom unmittelba-
ren Gegenstand der empirischen Forschung, den konkreten Indivi-
duen, abstrahiert, um die von diesen Individuen eingegangenen und
permanent aufrechterhaltenen Produktionsverhältnisse, die selbst
nicht mehr sinnlich wahrnehmbar sind, in einer spezifischen Form,
nämlich der kapitalistischen, zum Ausgangspunkt einer detaillier-
ten theoretischen Rekonstruktion ihres geschichtlichen Prozesses
zu machen. Nach wie vor bleiben aber die Individuen, so wie sie
in bestimmten und sie bestimmenden Verhältnissen miteinander le-
ben, Gegenstand der Forschung. Die Abstraktion, wie sie das
'Kapital' vornimmt, geschieht nur um dessentwillen." F. Tomberg,
Louis Althussers antihumanistische Kapital-Lektüre,
in: SOPO 39, S. 140.
50) L. Sève, Marxismus und Theorie der Persönlichkeit, Frank-
furt/M. 1972, S. 136. - Der "theoretisch-antihumanistischen" Deu-
tung zufolge sei der Marxismus das Gegenteil des Humanismus, "da
er behaupte, daß der existierende Mensch ... keine reale, selb-
ständige Substanz sei und auch keine wirklich unabhängige Ge-
schichte habe ..."
51) Ebd., S. 141.
52) Ebd., S. 142.
53) Marx/Engels: Manifest der Kommunist. Partei, Berlin/DDR 1945,
S. 68. Ferner: MEW 23, S. 618. - Vgl. hierzu auch U. Holzkamp-
Osterkamp, Motivationsforschung I, a.a.O., S. 304 ff.
54) MEW 23, S. 381.
55) Dies wurde von uns bereits umrissen in "Wissenschaftlich-
technischer Fortschritt und Sozialist. Persönlichkeit", in: SOPO
36, S. 64 f.
56) Die oben angeführten Zielbestimmungen entwickelter Individuen
lassen sich so auch entnehmen aus der Kritik der Verhältnisse in
den kapitalistischen Betrieben der Manufakturperiode oder der
Großen Industrie; Marxens Erfassungskategorien lassen sich als
Negativ- oder Gegenbegriffe charakterisieren: so z.B. "Einsei-
tigkeit", "Teilarbeiter", "Detailgeschick", "inhaltsleere Ar-
beit". Vgl. MEW 23, S. 381 f., 370, 359, 672 u.a. - Zur grund-
sätzlichen Bedeutung der sozialistischen Perspektive in der Marx-
schen Analyse vgl. W.F. Haug, Die Bedeutung von Standpunkt...,
a.a.O.
57) Offensichtlich stellt auch Marx hier einen "zukünftige(n)
Entwicklungsgrad der sich sträubenden Realität" gegenüber, wie W.
unsere Methode kennzeichnen zu müssen glaubt und als kritikwürdig
darstellt. U.E. reicht eine solche Feststellung zur Kritik - oder
gar zum Aufweis eines utopischen, unwissenschaftlichen Verfahrens
- keineswegs aus; müßte es doch vielmehr darum gehen, zu überprü-
fen, inwieweit in dem empirischen, dem "widersprüchlichen Prozeß
der Entwicklung" /134/ die Begründungselemente für den
"zukünftigen Entwicklungsgrad aufgedeckt werden können.
58) K. Marx, Grundrisse ..., a.a.O., S. 231.
59) entfällt.
60) MEW 26, S. 111.
61) MEW 23, S. 386.
62) MEW 23, S. 382.
63) Ebd.
64) (So z. B. MEW 23, S. 354.) - Bei Marx finden sich mehrere
derartige Hinweise, verstreut im "Kapital" und "Grundrissen", die
zur systematischen Erforschung herausfordern (so z.B. Grund-
risse..., a.a.O., S. 231). Allerdings haben weder Marx noch die
marxistische Wissenschaft nach ihm die Konsequenzen dieser Umwäl-
zungsfaktoren für die Entwicklung der arbeitenden Individuen,
ihre Haltungen und Fähigkeiten systematisch untersucht. Dieses
folgenreiche Desiderat zu beheben, hat sich das Projekt Automa-
tion und Qualifikation u.a. zur Aufgabe gemacht, - lassen sich
doch auch erst auf der Grundlage einer Geschichte der Arbeit die
Konsequenzen gegenwärtiger technischer Entwicklungen auf die Ent-
faltung der Individuen umfassend bestimmen. - Vgl. dazu: Automa-
tionsarbeit I (Methode), erscheint demnächst als Argument Sonder-
band AS 19.
65) MEW 23, S. 512.
66) L. Sève a.a.O., S. 140. - Bereits Lenin hat mehrfach auf die
Schwierigkeiten hingewiesen, die sich für den Aufbau des Sozia-
lismus in der SU aus der Rückständigkeit der Produktivkräfte, der
materiellen und subjektiven, ergaben: "Barbarei", Analphabeten-
tum, wie sie in dem industriell unterentwickelten Rußland von der
herrschenden Klasse selbst nicht hatten überwunden werden müssen,
hatten sich nach der Oktoberrevolution immer wieder als beschleu-
nigt zu überwindendes Hemmnis für den sozialistischen Aufbau her-
ausgestellt. Konfrontiert mit den konkreten Aufgaben beim Aufbau
des Sozialismus einerseits und den kulturellen Hinterlassenschaf-
ten des russischen Kapitalismus andererseits, hat Lenin wieder-
holt auf die Notwendigkeit der Bildung der Menschen, die die neue
Gesellschaft gestalten sollten, hingewiesen: Bekannt sind seine
Ausführungen über die Unabdingbarkeit der Propaganda gegen
"Barbarei" und "solche Geschwüre wie die Bestechlichkeit", gegen
die "drei Hauptfeinde", den "kommunistischen Hochmut", das Anal-
phabetentum und die Bestechlichkeit. ("Die NÖP und die Aufgaben
der Ausschüsse für Politisch-Kulturelle Aufklärung", in: Lenin-
Werke, Bd. 33, S. 57 ff.). So liegt auf der Hand, daß es Lenin
hier um die Ausstattung der die Durchsetzung des Sozialismus vor-
antreibenden Individuen ging. - Vergegenwärtigt man sich, daß in
den kapitalistischen Industrieländern z. B. der Kampf gegen Anal-
phabetismus von der herrschenden Klasse selbst geführt wurde -
indem sie den Anforderungen der industriellen Produktion Rechnung
tragen mußte - sie insofern ein anderes Erbe hinterlassen hat,
bzw. hinterlassen wird, als die russische Bourgeoisie, stellen
sich gerade unter der Perspektive grundlegender gesellschaftli-
cher Veränderungen neue Aufgaben für die sozialistische Bewegung,
die zugleich auch Aufgaben für die marxistische Forschung dar-
stellen, nämlich die Untersuchung der konkreten Beschaffenheit
der Individuen, die zum Kampf um die Veränderung der sozialen
Verhältnisse gewonnen werden sollen.
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