Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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       Diskussion & Kritik
       

PHILOSOPHIE UND POLITIK BEI ALTHUSSER - KRITISCHE BEITRÄGE (2)

Vorbemerkung ------------ Die in diesem Heft fortgesetzte Auseinandersetzung mit Althussers Thesen unterscheidet sich von den Diskussionsbeiträgen, in denen seine Auffassungen dem Bedürfnis nach theoretischer und ideologi- scher Selbstverständigung von Intellektuellen verschiedener poli- tischer Richtungen untergeordnet wurden. Für diese Rezeption war es nämlich charakteristisch, daß die Kernpunkte der Theorie Alt- hussers zwar angeeignet oder polemisch neutralisiert, am wenig- sten aber Gegenstand vorantreibender Auseinandersetzung blieben. Daher gilt es nach wie vor, das von seiner Seite vorgegebene An- gebot an produktiven Problemstellungen aufzunehmen und kritisch weiterzuentwickeln. In dieser Absicht konzentriert sich die in der SOPO geführte Diskussion vorerst auf folgende Schwerpunkte. Zunächst ist der politische Ausgangspunkt zu berücksichtigen, der durch Althussers Position in der FKP gegeben ist. Man hat bereits darauf hingewiesen, daß gerade dies in der Rezeption seiner Ar- beiten in der BRD völlig übergangen wurde; diesen Zusammenhang thematisiert M. Tripp in einer Rekonstruktion des Verhältnisses von Philosophie und Politik in Althussers Texten (SOPO 37/38). - J. Kolkenbrock-Netz charakterisiert Interpretationen, die sie an einer Sicht orientiert sieht, die Althusser eng an den französi- schen Strukturalismus bindet. Dabei deckt sie die politischen Tendenzen solcher Interpretationsweisen auf (ebd.). - Althusser geht es immer wieder um die Rolle der Philosophie in der politi- schen Auseinandersetzung und damit um die Definition der marxi- stischen Philosophie überhaupt. Hier spielt sein Interesse, die materialistische Dialektik von der idealistischen Hegels abzu- grenzen eine ausschlaggebende Rolle. Welche Konsequenzen sich für Althussers Konzept revolutionärer politischer Praxis aus der so gestellten Grundfrage der Philosophie ergeben, untersucht S. Heidtmann in diesem Heft. - In der Absicht, den marxistischen Er- kenntnisbegriff gegenüber der klassischen deutschen Erkenntnis- theorie und Geschichtsphilosophie abzugrenzen, greift Althusser u.a. auf die Philosophie Spinozas zurück. P. Franzen stellt mit seinem in diesem Heft veröffentlichten Beitrag die Auswirkungen eines solchen "Rückgriffs" auf Althussers Materialismus-Verständ- nis zur Diskussion. - Die Frage nach dem Zusammenhang von politi- scher Funktion und wissenschaftlichem Gehalt der marxistischen Philosophie zieht notwendig die weitere nach der Verhältnisbe- stimmung von Philosophie und Wissenschaften nach sich. Mit der Antwort, wie sie Althusser programmatisch in "Philosophie et Phi- losophie spontanée des savants" skizziert, befaßt sich der Bei- trag von H.J. Rheinberger (SOPO 37/38). - Kontrovers muß sich darüber hinaus die Frage stellen, ob die marxistische Philosophie allein aus dem Marxschen "Kapital" entwickelt sein soll. Diese - nicht zuletzt auch durch Althusser beförderte - Meinung ist Ge- genstand im Beitrag F. Tombergs in diesem Heft. Es kann keinen Zweifel darüber geben, daß Althussers theoretische Arbeit politische Bedingungen widerspiegelt, wie sie in Frankreich seit dem Ende der 50er Jahre gegeben sind. Sie liegen in der spezifischen Verzahnung von ökonomischen und gesell- schaftspolitischen Prozessen und. der immer stärkeren Einbezie- hung breitester Volksmassen in den politischen Kampf. Diese Si- tuation und die historischen Bedingungen der bürgerlichen Demo- kratie in Frankreich haben die FKP veranlaßt, die in der Arbei- terbewegung überlieferte Form der Diktatur des Proletariats als Mittel zur Durchsetzung sozialistischer Demokratie in Frage zu stellen; die mit diesem Begriff verbundene ideologische und poli- tische Problematik bleibt jedoch in der Diskussion um Strategie und Taktik der Arbeiterbewegung weiter bestehen (vgl. dazu unsere Dokumentation ab Heft 36). Die Rezeption Althussers in der BRD erfolgte zunächst unter dem Einfluß der "Verabschiedung" der Sozialphilosophie und Ideolo- gienlehre der Frankfurter Schule und der Hinwendung zu einer ver- stärkten Rezeption des Marxschen "Kapital", die bis in die ersten 70er Jahre bestimmend blieb. Die Debatte um die Aneignung des hi- storisch-dialektischen Materialismus hat nun neuerdings unter dem Einfluß der veränderten Kräfteverhältnisse in Italien, Portugal, Spanien und Frankreich und bedingt durch die gesellschaftliche Entwicklung in der BRD verstärkt politischen Charakter angenom- men. Die Resultate der Bundestagswahl 1976 (vgl. dazu die Diskus- sion mit S. Herkommer, U. Jaeggi, R. Katzenstein in Heft 37/38) sowie die gegenwärtig geführte Sozialismus-Debatte drücken das in nachhaltiger Weise aus. Es scheint uns wichtig, daß man diesen theoretisch-politischen Gesamtzusammenhang im Auge behält, will man Althusser angemessen diskutieren. Kommission Philosophie/Ideologie zurück