Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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       Beiträge zur politischen Theorie Gramscis
       

VORBEMERKUNG

Da die folgenden Aufsätze, die sich der Begrifflichkeit Gramscis bedienen, schon gewisse Kenntnisse voraussetzen, sollen hier für Leser, die sich bisher noch nicht mit Gramsci beschäftigt haben, als "erste Hilfe" zur Lektüre in aller Kürze einige zentrale Be- griffe Gramscis erläutert werden. (Aus der nicht sehr umfangrei- chen, in deutscher Sprache zugänglichen Literatur zu Gramsci kön- nen empfohlen werden: die von Christian Riechers übersetzte und herausgegebene Auswahl von Gramscis Texten: Antonio Gramsci, Phi- losophie der Praxis, Fischer Frankfurt/M. 1967; diese häufig stark kritisierte Übersetzung ist jedoch beim Verlag vergriffen. Für 1978 ist allerdings das Erscheinen einer dreibändigen Ausgabe ausgewählter Werke Gramscis bei Suhrkamp unter der Leitung von A. Mazzone angekündigt. Als Sekundärliteratur: Annegret Kramer, Gramscis Interpretation des Marxismus in: Gesellschaft, Beiträge zur Marxschen Theorie Nr. 4, Suhrkamp Frankfurt/M. 1975, S. 65- 118; und Luciano Gruppi, Gramsci - Philosophie der Praxis und die Hegemonie des Proletariats, VSA Hamburg/Westberlin in 1977, das in diesem Heft der SOPO rezensiert wird.) Zentrale Begriffe von Gramscis "Theorie der Politik", die auf den Ebenen des historischen Materialismus anzusiedeln ist, sind: h i s t o r i s c h e r B l o c k, H e g e m o n i e, b ü r- g e r l i c h e u n d p o l i t i s c h e G e s e l l- s c h a f t, i n t e g r a l e r S t a a t. Sie bilden ge- wissermaßen die "vertikale" Vermittlung zwischen dem "horizontal" gegliederten Ganzen von Basis und Überbau. Der h i s t o r i s c h e B l o c k ist für Gramsci die dia- lektische Einheit von Basis und Überbau, die Übereinstimmung von ökonomischem und gesellschaftlichem Inhalt der Basis einerseits, ethischen und politischen Formen des Überbaus andererseits. Diese Übereinstimmung geht bei aller materiellen Gesetzmäßigkeit im Verhältnis von Basis und Überbau "durch den Kopf", sie bedarf der Herstellung des "frei"-willigen Einverständnisses (K o n- s e n s) der gesellschaftlichen Mehrheit in die Existenz d i e- s e r Gesellschaft. Politisch ist der h i s t o r i s c h e B l o c k im Kapitalismus demnach die "frei"-willige Gesell- schaft der Mehrheit der nicht-bourgeoisen Bevölkerung mit der Bourgeoisie als v o r h e r r s c h e n d e r, d.h. führender und herrschender Klasse. Führung (H e g e m o n i e) der Einverstandenen, H e r r s c h a f t (staatlicher Zwang) über die Nicht-Einverstandenen. Die Arbeiterklasse muß zu ihrer Verselbständigung und Selbstver- ständigung gegenüber der Bourgeoisie (Buci-Glucksmann sagt: A u t o n o m i s i e r u n g) in Wort und Tat einen eigenen K o l l e k t i v w i l l e n hervorbringen, der sich vornimmt, die Hegemonie der Bourgeoisie zu zersetzen und durch ein proleta- risch geführtes Bündnis gesellschaftlicher und politischer Kräfte zu ersetzen. Die Erringung der Hegemonie gilt Gramsci in den Län- dern, in denen die Bourgeoisie sich vorwiegend auf Konsens, und erst in zweiter Linie auf Zwang, stützen kann, als Voraussetzung für die Eroberung der Herrschaft durch die Übernahme der Staats- macht. Auf diesem Wege errichtet die Arbeiterklasse vor und nach ihrem "Staatwerden" den h i s t o r i s c h e n B l o c k des Sozialismus. Staat ist somit D i k t a t u r p l u s H e g e- m o n i e o d e r H e g e m o n i e g e p a n z e r t m i t Z w a n g. Gramsci benutzt das Wort "Staat" in einem engen und in einem wei- ten Sinn: Im engen und für uns üblichen Sinn ist er die p o l i t i s c h e G e s e l l s c h a f t, Parlament und Re- gierung, Rechtsprechung, Polizei, Militär usw., also die Gewal- ten; im weiten Sinn umfaßt der i n t e g r a l e Staat die p o l i t i s c h e G e s e l l s c h a f t und die b ü r- g e r l i c h e G e s e l l s c h a f t. Die (staats-) b ü r- g e r l i c h e G e s e l l s c h a f t Gramscis (società c i v i l e) ist nicht identisch mit der "bürgerlichen Ge- sellschaft", deren Anatomie Marx in der politischen Ökonomie des "Kapitals" verortete. Sie ist gewissermaßen der "subjektive" Ausdruck aller Produktions- und überhaupt Lebensverhältnisse, die die Menschen eingehen, d.h. die Gesamtheit aller gemeinhin als "privat" bezeichneten Organismen wie Interessenverbände (Gewerk- schaften, Unternehmervereinigungen usw.), Vereine, Kirchen, Massenmedien, Bildungseinrichtungen usw. Auf diese Weise wird zum einen die häufig - gerade im staatsmonopolistischen Kapitalismus - fiktive Trennung zwischen staatlicher und gesellschaftlicher Macht der Bourgeoisie zusammengedacht, zum anderen die reale Wechselwirkung zwischen Basis und Überbau nicht nur beschworen, sondern durch das Bindeglied b ü r g e r l i c h e G e s e l l- s c h a f t als unterster Etage des Überbaus begrifflich gefaßt und konkret politisch für die Entwicklung von Strategie und Taktik handhabbar gemacht. So kann etwa die sich entwickelnde und verändernde Beziehung zwi- schen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen auch als Ge- wichtung im Verhältnis zwischen repressiver und ideologischer Funktion des Staates, zwischen Herrschaft und Hegemonie, gefaßt werden. Auf dieser Grundlage läßt sich z. B. die Entwicklung der BRD in groben Zügen als p a s s i v e R e v o l u t i o n der Bourgeoisie erklären: Der rasche und erfolgreiche Wiederaufbau (des Kapitalismus) nach dem Krieg brachte eine ständige "Umwäl- zung" der Arbeiterklasse mit sich und erlaubte eine "Politik der hohen Löhne" und sozialen Zugeständnisse bei gleichzeitiger Forcierung des ideologischen Klassenkampfes nach innen und außen sowie Anwendung des Schreckens gegen die erklärten Gegner des kapitalistischen Systems. Das Godesberger Programm der SPD wurde mit der Aufgabe des Klassenkampfes quasi das Gütesiegel für die neugewonnene Hegemonie der Bourgeoisie, die gut zehn Jahre zuvor noch ein "Ahlener Programm" formuliert hatte; und die Integration in die NATO und das KPD-Verbot wurden der Meisterbrief der wiedereroberten Herrschaft. Die Verschiebung des internationalen und nationalen Kräfteverhältnisses erzwang nach der ersten größeren Krise von 1966/67 die Beteiligung, dann Betrauung der SPD mit der Regierung. Die Sozialdemokratie hatte und hat die Führung der Arbeiterklasse inne, aber nur um den Preis der Auf- gabe der Klassenziele und der Integration in die "soziale" Markt- wirtschaft. Seit diese Marktwirtschaft sich zunehmend als gewöhn- licher Kapitalismus erweist und sozial abbaut, bröckelt auch die Führungskraft der SPD. Der S t e l l u n g s k r i e g um die gesellschaftliche Hegemonie, d. h. der Kampf um hegemonieför- dernde Stellungen in der Gesellschaft, tritt in ein neues Sta- dium: Den Fortschritten der demokratischen Kräfte in einigen ge- sellschaftlichen Bereichen (nicht zuletzt unter den Intellektuel- len), dem verstärkten Drängen nach Demokratisierung (Mitbestimmung, Investitionslenkung, Bürgerinitiativen usw.) ste- hen von selten der herrschenden Klasse und "ihrer" Regierung ver- schärfte Abwehrmaßnahmen gegenüber: Berufsverbote und andere For- men des Abbaus demokratischer Rechte, Warnung vor dem "Gewerkschaftsstaat", Verharmlosung des Hitler-Faschismus, Ausbau der Repressionsapparate usw. Die große Schwierigkeit und Gefahr in dieser Situation ist, daß der Abbau rechts-sozialdemokratischer Führungskraft nicht von ei- nem ausreichenden Aufbau alternativer Führung durch klassenbe- wußte Kräfte begleitet wird. Die folgenden Aufsätze, die einige zentrale Aspekte der Arbeiten Gramscis an ihrem Gegenstand und vor ihrem zeitgeschichtlichen Hintergrund untersuchen, sollen dazu beitragen, auch bei uns die Voraussetzungen für die Überprüfung des begrifflichen Instrumen- tariums Gramscis auf ihre Anwendbarkeit bei der Analyse konkreter gesellschaftspolitischer Probleme zu schaffen. Hans-Werner Franz/Pierre Franzen zurück