Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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SOLIDARITÄTSADRESSE AN DIE KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN DER SPINNSTOFFFABRIK ZEHLENDORF

Die Teilstillegungen im Betriebsteil "Spinnstofffabrik Zehlen- dorf" der Hoechst AG und die ganzen Vorgänge, die sich darum herum gruppieren, sind ein Skandal, und sie sind mit keinen ir- gendwie gearteten ökonomischen Gründen zu rechtfertigen. Erstens ist die Situation in der Erzeugung von Synthesefasern seit Jahren bekannt und kein Problem, das sich von heute auf mor- gen ergeben hat. Zweitens sind öffentliche Gelder gerade auch in die "Zehlendorfer Spinne" geflossen und haben wesentlich dazu beigetragen, diesen Betrieb gewinnträchtig zu halten. Drittens: Die Hoechst AG ist in der Lage, im Jahre 1977 die Divi- dende kräftig zu erhöhen, über eine Milliarde DM in der BRD und in anderen Ländern zu investieren, aber für die Zehlendorfer Spinne, für die Sicherung der Arbeitsplätze dort, hat sie keinen Pfennig übrig. Man hatte also Zeit und man hat Zeit, um die Umstellungen der Produktion, deren Notwendigkeit sich keiner verschließt, so vor- zubereiten und so vorzunehmen, daß die Arbeitsplätze gesichert bleiben. Aber das ist nicht alles! Es ist heute einfach nicht mehr zu verantworten, daß der Mensch nur für die Produktion da ist und ihrer Entwicklung willkürlich unterworfen wird. Der Mensch ist kein Anhängsel der Maschine. Die Produktion hat für den Menschen da zu sein, ihn zu dienen, seine Arbeit und sein Einkommen zu sichern! Man muß das ganz klar aussprechen: Wer Effektivität nur als Ra- tionalisierung und nicht auch sozial versteht, d.h. als Sicherung und Erweiterung der sozialen Sicherheit und Lebensqualität, der steht in Wirtschaft und Gesellschaft am falschen Platze. Es geht nicht nur darum, daß man Zeit hatte und hat, um die notwendigen Produktionsumstellungen so zu organisieren, daß die Arbeitsplätze gesichert werden, sondern daß man dazu auch verpflichtet ist. Hier ist die Hoechst AG und hier ist der Senat in die Verantwor- tung gestellt. Das ist Verfassungsgebot! In diese Pflicht sind sie zu nehmen. Hieran sind sie zu messen! Wenn die Beschäftigten der Zehlendorfer Spinne und nicht nur der Zehlendorfer Spinne um ihre Arbeitsplätze kämpfen, dann handeln sie im Sinne dieser so- zialen Verpflichtung. Es ist unser aller Sache, um die sie kämp- fen und es ist unser aller Sache, sie in diesem Kampf zu unter- stützen! Dieser Resolution schließen sich auch gemeinsam die Redaktionen der fünf wissenschaftlichen Zeitschriften, Sozialistische Poli- tik, Das Argument, Lendemain, Probleme des Klassenkampfes und Beiträge zum wissenschaftlichen Sozialismus an, in dem Bestreben, ihr Potential in dem breiten Bereich der wissenschaftlichen Öf- fentlichkeit für die Solidarität mit den Beschäftigten der Zeh- lendorfer Spinne nutzbar zu machen. zurück